Kategorie: Politik

27/2020: Marian Farquharson, 2. Juli 1846

Marian Sarah Ogilvie Farquharson erfuhr als Tochter eines protestantischen Geistlichen eine breitgefächerte Bildung im eigenen Elternhaus. Sie interessierte besonders für Botanik, insbesondere die einheimische Flora in England. Mit 35 wurde sie Mitglied des Epping Forest and Essex‘ Naturalists Field Club und veröffentlichte einen Taschenführer über die Farne der britischen Inseln.

Verhältnismäßig spät für ihre Zeit heiratete sie 1883, mit 37 Jahren, den Landbesitzer Robert Francis Ogilvie Farquharson und zog zu ihm nach Alford, Aberdeenshire, im Norden Schottlands. Dort wurde sie Mitglied zweier naturwissenschaftlicher Vereinigungen und beschäftigte sich weiterhin mit der regionalen Pflanzenwelt; 1885 wurde ihr Artikel über Moose in der Zeitschrift der British Association for the Advancement of Science veröffentlicht. Im gleichen Jahr wurde sie zum Mitglied der Royal Microscopical Society gewählt, doch als Frau durfte sie weder an den Treffen der Gesellschaft teilnehmen noch hatte sie ein Abstimmungsrecht.

Nachdem 1890 ihr Ehemann gestorben war, wurde Ogilvie Farquharson politisch aktiv. Sie gründete die Scottish Association for Promotion of Women’s Public Work, mit der sie dafür kämpfte, Frauen als gleichberechtigte Mitglieder von Gelehrtengesellschaften zuzulassen. Noch im gleichen Jahr, in dem sie Witwe wurde, sprach sie auf einer Konferenz in Paris über die Rolle der Frau in der Wissenschaft, beim Internationalen Frauenkongress 1899 in London (Link Englisch) war sie für den Bereich der Naturwissenschaften mitverantwortlich.

Am 18. April 1900 schrieb sie einen Brief an die Linnean Society of London mit der Bitte, hinreichend qualifizierte Frauen in die Gesellschaft aufzunehmen und sie an den Treffen teilhaben zu lassen. Diese Bitte wurde abgeschmettert mit der Erklärung, dass derartige Anträge nur von Mitgliedern gestellt werden könnten. Also wandte sich Ogilvie Farquharson an den ehemaligen Präsidenten der Gesellschaft, John Lubbock, der dann auch beim Treffen der Gesellschaft am 7. Juni 1900 diesen Vorschlag vortrug. Die Entscheidung wurde zunächst vertagt auf das nächste Treffen, bei dem dann festgestellt wurde, dass die Charter die Aufnahme von Frauen nicht vorsähe und der Vorschlag deswegen abzulehnen sei.

Diesen ersten beiden Versuchen, Frauen als Mitglieder in der Linnean Society zuzulassen, folgten in den kommenden vier Jahren mehrere weitere Anläufe, bei denen sich Marian Farquharson immer wieder der Unterstützung privilegierter Alliierter bedienen musste – und dennoch auf massive Widerstände stieß. So zog sie den Professor für Naturgeschichte Marcus Manuel Hartog hinzu, der sich im November 1900 beim Rat der Gesellschaft für ihr Anliegen einsetzte, doch diese wiederum ließ durch einen Anwalt ermitteln, dass die Charter in ihrer vorliegenden Form die Aufnahme von Frauen verhindere.

Im April 1901 stellte Ratsmitglied Frederick DuCane Godman und ein weiterer Mann eine Anfrage im Sinne Farquharsons, doch sie erhielten schlicht keine Antwort; der nächste Antrag am 7. November 1901, durch Joseph Reynolds Green, wurde auf unbestimmte Zeit vertagt. Green erneuerte seinen Antrag einen Monat später, am 19. Dezember, mit der Versicherung, eine beträchtliche Anzahl der Mitglieder würden das Anliegen Farquharsons unterstützen. Der Rat der Gesellschaft verlangte einen Beweis für diese Behauptung. Also legte Green im Januar 1902 eine Unterschriftensammlung vor, die endlich etwas in Bewegung setzte: Der Rat der Gesellschaft sandte im darauffolgenden März an alle 740 Mitglieder ein Rundschreiben aus, in dem sie nach ihrer Haltung zur Aufnahme von Frauen befragt wurden. 313 Mitglieder antworteten gar nicht erst, 126 sprachen sich dagegen aus, doch 301 Mitglieder befürworteten diesen Vorstoß.

Dennoch verstrich das Jahr ohne weitere Entwicklung, erst am 15. Januar 1903 fand ein außerordentliches Treffen des Gesellschaftsrates unter Leitung des stellvertretenden Präsidenten statt, bei dem über mögliche Zusätze und Änderungen der Charter abgestimmt wurde. Über den Zusatz, dass Mitgliedschaft „ohne Unterschied des Geschlechts“ möglich sein sollte, wurde gesondert abgestimmt, dabei sprachen sich 54 der Anwesenden dafür und 17 dagegen aus.

Fast ein ganzes weiteres Jahr verging, bevor Ende 1903 ein offizielles Bittgesuch für diese Änderung beim Rat der Gesellschaft eingereicht wurde. Am 8. April 1904 wurde die neue Charter gewährt, die den entscheidenden Zusatz enthielt – doch die neue Satzung, die darauf aufbaute, wurde erst am 3. November 1904 von den Mitgliedern angenommen. Immerhin erfolgte dann bereits innerhalb von zwei Wochen, am 17. November 1904, der Vorschlag, 16 Frauen in die Linnean Society aufzunehmen, darunter Ethel Sargant und selbstverständlich Marian Olgivie Farquharson. Am 15. Dezember 1904 wurden 15 Frauen zu Mitgliedern gewählt und am 19. Januar 1905 offiziell aufgenommen.

Alle vorgeschlagenen Frauen, außer Farquharson.

Es dauerte drei weitere Jahre, bis die inzwischen 62-jährige erneut als Mitglied vorgeschlagen und dann auch aufgenommen wurde. Allerdings ging es der Vorkämpferin, die unzählige Briefe und Anträge an die Gelehrtengesellschaft geschrieben und niemals aufgegeben hatte, inzwischen gesundheitlich sehr schlecht und sie starb am 20. April 1912, ohne ihre Mitgliedschaft in der Gesellschaft zu bestätigen.

*

Ebenfalls diese Woche

4. Juli 1868: Henrietta Swan Leavitt
Über diese Astronomin, Teil von ‚Pickerings Harem‘, schrieb ich 2017.

39/2019: Elisabet Boehm, 27. September 1859

Elisabet Boehm kam in Ostpreußen zur Welt, der Region, deren nördlicher Teil heute zu Litauen, der südliche zu Polen gehört, rund um die russische Exklave Oblast Kaliningrad, früher Königsberg. Ihr Vater war Gutspächter und Reichstagsabgeordneter; mit 21 Jahren heiratete Elisabet Gustav Boehm. Nach einer Kindheit auf dem Land und 18 Jahren Ehe mit einem Gutsbesitzer gründete sie 1898 mit 15 Frauen* den ersten landwirtschaftlichen Hausfrauenverein in Garbno (dt. Lamgarben), ihrem heimatlicher Weiler nahe ihrer Geburtsstadt Ketrzyn (dt. Rastenburg).

Die Beweggründe dafür waren fortschrittliche: Sie wollte die weibliche* Einflussnahme in der Landwirtschaft organisieren, den Frauen Zugang zu Bildung verschaffen und so ihre Lebens- und Arbeitsverhältnisse verbessern. Auch eine höhere Anerkennung der haushaltlichen Tätigkeiten der Frauen* als Arbeit, ihrer Leistungen als Mütter und Mitarbeitende im landwirtschaftlichen Betrieb gehörte zu ihren Zielen.

Offensichtlich traf sie mit ihrem Bestreben nach Vernetzung und politischer Teilhabe den Nerv der Zeit, bei vielen Frauen in ähnlicher Lage wie sie. 1905 wurde sie Vorsitzende des ostpreußischen Landesverbands, 11 Jahre später übernahm Boehm die Leitung des Reichsverbands landwirtschaftlicher Hausfrauenvereine (nicht zu verwechseln mit dem Reichsverband deutscher Hausfrauen!), der bis zum Jahr 1933 auf 25 Landes- und Provinzialverbände mit an die 2.500 Kreis- und Ortsvereinen angewachsen war. Der Verein betrieb das eigene Presseorgan „Land und Frau“, Elisabet Boehm arbeitete mehrere Jahre an der Fachzeitschrift „Die deutsche Frauenarbeit“ mit. Als die Organisation 1934 von der NSDAP in den Reichsnährstand eingegliedert wurde, belief sich die Mitgliederzahl auf über 100.000 Mitglieder.

Elisabet Boehm starb mit 84 in Halle. Nach dem Zweiten Weltkrieg formten sich bereits 1947 die ersten Landfrauenverein neu. Im Oktober 1948 wurde dann der bis heute bestehende und aktive Deutsche LandFrauenverband (dlv) gegründet. Er besteht aus 22 Landesverbänden mit etwa 500.000 Frauen in den kleineren Kreis- und Ortsvereinen. Von der ursprünglich angesprochenen Bäuerin hat sich die aktuelle Mitgliederstruktur auf vielseitige Berufsfelder ausgebreitet; die Zielsetzung, berufsständische Interessen vertreten zu sehen, die soziale, wirtschaftliche und rechtliche Situation von Frauen zu verbessern und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie voranzutreiben ist den vernetzten Frauen gemein.

Ähnlich wie der DHB ist der dlv ein Beispiel für das nachvollziehbare Bedürfnis von Frauen Teil eines Berufsstände übergreifenden Netzwerkes zu sein und die Möglichkeit gesellschaftlicher und politischer Teilhabe zu schaffen. Elisabet Boehm – die sich auch dafür einsetzte, dass Frauen in den Landwirtschaftskammern wählen und gewählt werden konnten – hörte schon vor 1900 den inneren Ruf „Bildet Banden!“ Sicher weniger aufgrund einer biologischen Neigung der Frauen* zu sozialer Aktivität als in der sozialen Isolation begründet, in die ein patriachalisches System viele Frauen* zwingt, wusste sie, dass wir in der Gemeinschaft und Solidarität unsere Stärken entfalten können.

38/2019: Henriette Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel, 19. September 1669

Die gute Henriette Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel dient mir diese Woche als freundliche Erinnerung daran, dass wir als Menschen fehlbar sind. Ich stelle sie ohne Häme vor, schlicht als Beispiel dafür, dass auch diejenigen, die unter den besten Voraussetzungen anfangen und sich unter dem Schutz einflussreicher Persönlichkeiten selbst zu einflussreichen Persönlichkeiten entwickeln, menschliche Schwächen haben. Dass auch diese Personen, die politisch und wirtschaftlich planvoll agieren, gleichzeitig privat nach begehrlichen Impulsen handeln und sich damit selbst ein Bein stellen können.

Die Tochter des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel bekam bereits mit 12 Jahren den Unterhalt für Kanonissen des Reichsstift Gandersheim. Sechs Jahre später wurde sie offiziell in das Amt der Kanonissin eingeführt, sie lebte allerdings nicht im Stift. Als fünf weitere Jahre später die Äbtissin Christina zu Mecklenburg starb, wurde dank der Einflussnahme ihres Vaters Henriette Christine zu deren Nachfolgerin gewählt.

Die Positionierung seiner Tochter als Führung der kirchlichen Einrichtung hatte für den Herzog diverse Vorteile. Henriette verfolgte die Interessen ihres Vaters im Amt, traf jedoch auch einige Entscheidungen, die das Stift, dem sie nun vorstand, in Ansehen und Ertrag wesentlich voranbrachte. Religiös war sie wie ihr Vater zunächst Anhängerin des Pietismus, doch möglicherweise weil es sich politisch als sinnvoll erwies, wandte er – und sie ebenfalls – sich dem Katholizismus zu.

Henriette Christine war als Äbtissin des Stiftes ausgesprochen erfolgreich, bis ihr die menschliche Natur dazwischen kam. 1712, mit 42 Jahren, gebar sie überraschend einen Sohn, wohl gezeugt vom ehemaligen Hofrat ihres Vaters, der im Stift zunächst als Stiftshauptmann und schließlich als Abteihofmeister angestellt war. Zwar stand sie einem „kaiserlich freien weltlichen Reichsstift“ vor – war also keine Nonne oder klösterlichen Regeln unterworfen – aber gemäß der Anforderung an Stiftsdamen war sie selbstverständlich unverheiratet. Die Geburt eines Kindes als Beweis für einen unehelich vollführten Zeugungsakt war also nichtsdestotrotz ein Skandal.

Henriette Christine musste nach Bekanntwerden ihres Fehltritts als Äbtissin zurücktreten. Sie konvertierte vollständig zum Katholizismus und ging in ein katholisches Stift in Roermond, wo sie den Rest ihres Lebens als einfache Stiftsdame verbrachte. Sie starb dort mit 83 Jahren.

Der Vater des Kindes ging nach Sachsen ins Exil. Was aus dem Jungen wurde, ist unbekannt.

21/2019: Eren Keskin, 24. Mai 1959

Tochter eines Kurden und einer Tscherkessin, ist Eren Keskin seit 1986 in Istanbul als Anwältin für Menschenrechte tätig, insbesondere der Kurden und Frauen. Sie rief 1997 ein Rechtshilfeprojekt für Frauen ins Leben, die von staatlichen Sicherheitskräften vergewaltigt oder auf andere Weise sexuell misshandelt wurden.

Ihr Engagement brachte ihr zeitweise Berufsverbot ein, Morddrohungen und Strafverfahren, zwischen 1994 und 2018 nach Keskins eigenen Aussagen über 140. Mehrfach wurde sie zu Gefängnisstrafen verurteilt: Dafür, in einem Brief an das belgische Parlament das Wort ‚Kurdistan‘ verwendet zu haben; wiederholte Male für einen Verstoß gegen den Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches, der die „Beleidigung des Türkentums, der Republik und der Institutionen und Organe des Staates“ unter Strafe stellt. Zuletzt erging ein Urteil, das sie zu 7,5 Jahren Gefängnis verurteilte, für einen Zeitungsartikel, mit dem sie wiederum den Präsidenten der Türkei beleidigt haben soll. Derzeit rechnet sie jeden Tag mit ihrer Verhaftung, kann aber aufgrund eines Ausreiseverbotes die Türkei nicht verlassen.

k2, p2, k2tog

frauen, die das stricken für ihre spionagetätigkeit im krieg nutzten – ein text (engl.), der mich glücklich macht.

13/2019: Maria Gräfin von Maltzan, 25. März 1909

Maria Gräfin von Maltzan war schon von Kindesbeinen an keine, die einfach so mitlief. Ihr Vater, dem sie sich sehr verbunden fühlte, starb früh; ihrer Mutter fehlte das Verständnis für die leidenschaftliche Tierliebe und Durchsetzungskraft der jüngsten Tochter. Von einem Internat an der polnisch-deutschen Grenze ging sie zunächst an ein Lyzeum in Berlin, wechselte dann aber – dem Einflussbereich der Mutter entzogen – statt auf eine Schule für höhere Töchter auf eine Oberschule, die sich auf die Naturwissenschaften konzentrierte. Nach dem Abitur mit 18 (Bild oben, 1927) studierte sie Zoologie, Botanik und Anthropologie in Breslau und München. Sie machte einen Doktor in Fischereibiologie im Jahr 1933 – entscheidender jedoch für ihren weiteren Lebensweg war die Arbeit im Widerstand gegen die Nationalsozialisten, die sie zum gleichen Zeitpunkt begann und die ihr den Einstieg ins Berufsleben da bereits erschwerte.

Die Gräfin hatte Kontakt zum Jesuiten Friedrich Muckermann aufgenommen und war durch ihn zur Beteiligung am katholischen Widerstand gekommen. Sie schmuggelte verbotenes Informationsmaterial ins Ausland und half jüdischen Flüchtlingen bei der schwimmenden Durchquerung des Bodensees. Zwischenzeitlich bereiste sie mit einem Freund Nordafrika, ein Jahr später zurück in München übernahm sie alle möglichen Arbeiten, unter anderem als Reiterdouble bei der Bavaria Film, und lernte in den Kreisen der Bohème ihren ersten Ehemann Walter Hillbring kennen. Gemeinsam gingen sie nach Berlin, doch nach einem Jahr wurde die Ehe bereits wieder geschieden, Hillbring verließ die Hauptstadt, von Maltzan blieb.

Nachdem sie dort zunächst im Verlagswesen tätig gewesen war, bewegte sie die Pogromnacht dazu, beim Deutschen Roten Kreuz eine Ausbildung als „Vorhelferin“ zu machen. Als solche wurde sie nach Kriegsbeginn 1939 auf verschiedenen Posten beim DRK eingesetzt, bis sie schließlich 1940 – mit immerhin 31 Jahren – noch das Studium der Tiermedizin aufnahm. Zwei Jahre später machte sie darin ihr Staatsexamen und begann, als Vertretung in Tierarztpraxen und beim Tierschutzverein zu arbeiten. Auch in Berlin hatte sie in der ganzen Zeit ihre Arbeit im Widerstand fortgesetzt und tat dies bis zum Ende des Krieges. Vor allem ab 1942 versteckte sie mehrere Juden in ihrer Wohnung, darunter ihren späteren zweiten Ehemann, Hans Hirschel. Von ihm bekam sie in diesem Jahr auch ein Kind, das jedoch zu früh geboren wurde und beim Stromausfall nach einem Bombenangriff in seinem Brutkasten starb.

Zeitweise brachte von Maltzan sich und drei Verfolgte in ihrer Wohnung unter und durch, außerdem half sie als Kontakt der Schwedischen Kirche in Wilmersdorf Juden, Deserteuren und politischen Flüchtlingen aus Berlin und Deutschland heraus, unter anderem in der „Aktion Schwedenmöbel“. Insgesamt rettete sie schätzungsweise 60 Menschen das Leben, wobei jedoch wohl sie nicht nur uneigennützig agierte (siehe Artikel in der Die Zeit, unten) und nicht zimperlich war, wenn es um die Sicherheit ging. Ihr Bruder Carlos von Maltzan war derweil Nationalsozialist geworden.

Nach dem Krieg heiratete sie Hirschel, doch die Ehe wurde zwei Jahre später ebenfalls geschieden – 23 Jahre später machten die beiden einen neuen Versuch, der immerhin die drei Jahre bis zum Tod ihres Mannes 1975 hielt. Die Gräfin hatte keinerlei Besitz oder Familie in ihrer nun polnischen Heimat Milicz mehr, sie war tablettenabhängig und wurde depressiv, daran scheiterte wohl auch ihre erste Ehe mit Hirschel. Sie ging mehrfach auf Entzug und verfiel wieder der Sucht, zwischenzeitlich verlor sie ihre Zulassung als Tierärztin. Unterkriegen ließ sie sich aber nicht: Nachdem sie sich ihre Zulassung wiedererkämpft hatte, reiste sie mit einem Zirkus herum und arbeitete wieder als Vertretung in Tierarztpraxen in ganz Deutschland. Nach dem Tod ihres Mannes wurde sie schließlich noch einmal zu einem Berliner Original. Sie richtete eine Tierarztpraxis in Berlin-Kreuzberg ein, in der sie sich wiederum um die Ausgestoßenen und Abgelehnten in der Gesellschaft kümmerte, indem sie die Hunde der Punks im Umkreis tierärztlich versorgte. 1984 erschien der Film Versteckt, der lose auf ihrer Biografie beruht, zwei Jahre später erschien ihre Autobiografie „Schlagt die Trommel und fürchtet Euch nicht“, beides brachte ihr vermehrte Aufmerksamkeit in den Medien.

1987 wurde ihr von der Gedenkstätte Yad Vashem der Ehrentitel Gerechte unter den Völkern, 1989 der Verdienstorden des Landes Berlin verliehen. Als Anwohnerin in Wilmersdorf erscheint sie mehrfach in der Langzeitdokumentation Berlin – Ecke Bundesplatz, finanziell blieb es jedoch schlecht um sie bestellt. 1997 starb sie verarmt in Berlin, der Spiegel veröffentlichte einen Nachruf. Drei Jahre vor ihrem Tod brachte Die Zeit einen kurzen Artikel über sie, indem auch zwei der von ihr geretteten Juden zu Wort kommen, mit sehr gegensätzlichen Erinnerungen. FemBio.org führt ebenfalls eine ausführliche Biografie zu ihr.

12/2019: Arna Mer-Chamis, 20. März 1929

Als Tochter eines jüdischen Wissenschaftlers, geboren in Palästina, vereint Arna Mer-Chamis den Konflikt Israels in ihrer Existenz. 1945 trat sie 16-jährig der Palmach bei, einer paramilitärischen Einheit der jüdischen Untergrundorganisation Hagana, die an der Seite der Alliierten im Nahen Osten kämpfte; aus der Hagana und ihren Kräften formten sich bei der Gründung des Staates Israel die Verteidungskräfte. Zu gleicher Zeit bekannte sich Mer-Chamis zu ihrer palästinensischen Herkunft, indem sie die Kufiya (das bei uns Palästinensertuch heißt) trug.

Sie machte einen Abschluss als Sonderpädagogin, trat nach dem Palästinakrieg der Kommunistischen Partei bei und heiratete den Sekretär der Partei und Gewerkschafter Saliba Khamis – einen orthodox-christlichen Palästinenser. Die drei Kinder dieser Ehe wuchsen in Prag und Moskau auf.

Mer-Khamis wurde mehrfach für Proteste gegen das Vorgehen Israels in den palästinensischen Gebieten verhaftet. Als während der Ersten Intifada die palästinensischen Schulen für zwei volle Jahre geschlossen wurden, sah die Erzieherin und Menschenrechtsaktivistin Handlungsbedarf. Sie gründete die Organisation Care and Learning, ging mit deren Mitarbeitern in die Flüchtlingslager und kämpfte für bessere Lebensbedingungen der dort aufwachsenden Kinder. Freiwillige ihrer Organisation brachten regelmäßig Lehrmaterial in die Lager nach Palästina, damit die Eltern ihre Kinder unterrichten konnten; außerdem veranstalteten sie Straßenfeste, auf denen Papier und Stifte verteilt wurden, um den Kindern eine Möglichkeit zu geben, ihre Erfahrung ergotherapeutisch zu verarbeiten.

Als Mer-Khamis 1993 den Right Livelihood Award (den Alternativen Nobelpreis) verliehen bekam, half ihre Organisation mit 15 Mitarbeitern und 25 Volontären 1.500 Kindern in Palästina. Auch das Freedom Theater in Jenin gehört zu den Einrichtungen der Organisation; über ihre Arbeit mit den Kinder drehte ihr Sohn Juliano Mer-Khamis den Dokumentarfilm Arnas Kinder, der 2004 erschien. Arna Mer-Khamis war 1995 bereits an Krebs verstorben; Juliano, der sich „100% Jude und 100% Palästinenser“ fühlte (Quelle: Wikipedia), wurde 2011 vor den Augen seines Sohnes erschossen.

Auf der Seite des Right Livelihood Awards findet sich eine Biografie sowie ihre Dankesrede als Lesematerial. Einblicke in die Arbeit des Freedom Theater und in den Film Arnas Kinder gibt Juliano Mer-Khamis in diesem YouTube-Clip:



11/2019: Marie Juchacz, 15. März 1879

Als Tochter eines Zimmermannes kannte Marie Juchacz Not und Armut. Nachdem ihr Vater an der Lunge erkrankte, musste sie mit 14 Jahren die Volksschule in Landsberg an der Warthe verlassen, um als Dienstmädchen zu arbeiten. Nach weiteren beruflichen Stationen in einer Textilfabrik und als Krankenschwester in einer psychiatrischen Anstalt machte sie schließlich eine Schneiderlehre; den Schneider, bei dem sie anschließend eingestellt wurde, heiratete sie kurz darauf. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor – eines noch im Jahr der Eheschließung –, sie hielt jedoch nur drei Jahre. Als geschiedene Mutter zog sie 1906 mit ihrer Schwester Elisabeth Röhl und deren Kindern in einen gemeinsamen Haushalt nach Berlin; ihr Schwager verblieb in Köln.

Die beiden Schwestern unterstützten sich nicht nur als arbeitende Mütter gegenseitig, sondern verfolgten auch beide politische Ambitionen, die von ihrer beider älterem Bruder Otto geweckt und gefördert worden waren: Er hatte ihnen „Die Waffen nieder!“ von Bertha von Suttner und Bebels „Die Frau und der Sozialismus“ zu lesen gegeben. Schon in Juchacz‘ Geburtsjahr hatte Bebel als Mitglied der SPD gefordert, Frauen die Mitgliedschaft in Parteien zu erlauben, es dauerte jedoch bis 1908, bis dies gesetzlich erlaubt war. Sofort trat Juchacz der SPD bei; sie war damit eines der ersten weiblichen Parteimitglieder, neben ihrer Schwester, und es sollte noch weitere zehn Jahre dauern, bis Frauen auch das Wahlrecht zugesprochen werden sollte.

In den folgenden fünf Jahren entwickelte sich Juchacz zu einer bekannten Persönlichkeit und beliebten Rednerin in der Partei. Für einige Jahre ließ sie ihre Kinder bei der Schwester in Berlin zurück, um als „Frauensekretärin“ der Partei in Köln für die gewerkschaftliche Organisation der Textilarbeiterinnen im Aachener Raum tätig zu sein; während des Ersten Weltkriegs arbeitete sie mit ihrer Schwester und anderen Frauen in der SPD in der „Heimarbeitszentrale“ und der Lebensmittelkommission. Als sich 1917 die Sozialdemokratische Partei spaltete, übernahm Juchacz, in der SPD verbleibend, die Position Clara Zetkins als „Frauensekretärin“ unter Friedrich Ebert sowie deren Stelle als Redaktionsleitung der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift Die Gleichheit.

Zwei Jahre später wurden nach der Einführung des Frauenwahlrechts Juchacz und ihre Schwester Röhl als zwei von 37 Frauen in die Weimarer Nationalversammlung gewählt; Juchacz war die erste Frau, die eine Rede im Parlament hielt.

„Meine Herren und Damen!“ (Heiterkeit.) „Es ist das erste Mal, dass eine Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat.“

https://www.reichstagsprotokolle.de

Als die Nationalversammlung vom Reichstag abgelöst wurde, erhielt nur Juchacz, nicht aber ihre Schwester einen Sitz im neuen Parlament. Juchacz Hauptinteresse galt jedoch nicht der Politik an sich, sondern den Möglichkeiten der Politik, Menschen in Not und Armut zu helfen. So gründete sie basierend auf ihren Erfahrungen während des Ersten Weltkriegs, mit staatlicher Unterstützung Selbsthilfe zu entwickeln, den „Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD“, aus dem der heutige, parteiunabhängige Arbeiterwohlfahrtsverband entstand. Mittagstische, Nähstuben, Werkstätten und Beratungsmöglichkeiten für sozial Bedürftige, insbesondere Kriegsgeschädigte, wurden unter Juchacz‘ Kommission gegründet.

Sie blieb Mitglied des Reichstags bis 1933; bei der Reichspräsidentenwahl 1932, der letzten der Weimarer Republik, bei der das Volk für den Präsidenten abstimmte, hielt sie noch einmal eine pointierte Rede, in der sie klar gegen Hitler und die an Zustimmung gewinnende NSDAP Position bezog:

Die Frauen … durchschauen die Hohlheit einer Politik, die sich als besonders männlich gibt, obwohl sie nur von Kurzsichtigkeit, Eitelkeit und Renommiersucht diktiert ist. Dieser Politik, der nationalsozialistischen Politik, mit allen Kräften entgegenzutreten, zwingt uns unsere Liebe zu unserem Volke…

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/marie-juchacz

Mit der Reichstagswahl vom 5. März 1933, mit der die NSDAP die einzige Regierungspartei wurde, verließ Juchacz mit anderen Parteimitgliedern Deutschland ins Saarland, zu dem Zeitpunkt französisch; nach Anschluss des Saargebiets an das Deutsche Reich floh sie über Marseilles und Martinique in die USA. Dort traf sie auf ihren verwitweten Schwager – ihre Schwester war bereits 1930 gestorben. Sie lernte Englisch und wurde in der Versorgung der Kriegsflüchtlinge aktiv, bis hin zu einer Gründung der „Arbeiterwohlfahrt USA – Hilfe für die Opfer des Nationalsozialismus“ in New York nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Vier Jahre nach dessen Ende kehrte sie nach Deutschland zurück und wurde dort zur Ehrenvorsitzenden der neu ins Leben gerufenen AWO. Sieben Jahre später starb sie 77jährig in Düsseldorf.

Selbstverständlich liefert die AWO eine ausführliche Biografie von Marie Juchacz auf ihrer Webseite.

9/2019: Bertha Pappenheim, 27. Februar 1859

Bertha Pappenheim

Bertha Pappenheim, geboren als Tochter wohlhabender jüdicher Eltern in Wien, lebte ein volles Leben, geteilt in zwei sehr unterschiedliche Abschnitte.

Ihre Kindheit war von einem schweren Verlust geprägt: Als Bertha acht Jahre alt war, starb ihre zehn Jahre ältere Schwester Henriette an Tuberkulose. Außerdem musste sie mit 16 Jahren die Schule verlassen, um ihrer Mutter im Haushalt zu helfen; dass ihr jüngerer Bruder weiterhin seine Bildung fortsetzen durfte, war eine weitere Verletzung für die junge Frau.

In der Sommerfrische 1880, die die Familie Pappenheim in Bad Ischl verbrachte, erkrankte ihr Vater schwer. Während einer Nachtwache an seinem Bett halluzinierte die besorgte Pappenheim und erlitt etwas, was damals als „Hysterie“ bezeichnet wurde – heute würde es als Nervenzusammenbruch gelten, der sich als dissoziative Identitätsstörung äußert.

Sie verlor ihre Sprache zeitweise ganz, zeitweise sprach sie nur noch Englisch oder Französisch, wobei sie jedoch weiterhin Deutsch verstand. Sie litt an Nervenschmerzen, Sehstörungen und Lähmungserscheinungen, konnte oder wollte zeitweise nicht essen, wechselte zwischen depressiven, ängstlichen Phasen und Zeiten der Gelöstheit, doch erinnerte sich jeweils in der einen Phase nicht an Ereignisse der anderen.

Erst nach mehreren Monaten dieses Leidens zog die Familie den Arzt Josef Breuer hinzu. Seine Behandlung bestand neben der Versorgung der physischen Bedürfnisse – gegen die Schmerzen erhielt Pappenheim Morphin und Chloral, was später zu einer Abhängigkeit führte – darin, sie unter Hypnose Geschichten erzählen zu lassen. Als ihr Vater im April des darauffolgenden Jahres starb, verfiel Pappenheim zunächst in Katatonie. Weiterhin verschlimmerte sich ihre „Hysterie“ so sehr, dass sie zwangsweise in ein Sanatorium eingeliefert wurde. Sie blieb auch nach ihrer Entlassung für ein weiteres Jahr, bis Juni 1882, in Breuers Behandlung.

In den „Studien zur Hysterie„, die Breuer gemeinsam mit Sigmund Freud 1895 veröffentlichte, ist ihr Fall als der der „Anna O.“ geschildert (zu diesem Namen kamen die Autoren, indem sie von ihren wirklichen Initialen B. P. im Alphabet einen Buchstaben zurückgriffen). Die an Pappenheim entwickelte Gesprächstherapie, das „Aberzählen“ der traumatischen Erinnerungsinhalte, wurde zur Basis der Psychoanalyse. Freud selbst bezeichnete die Patientin als „eigentliche Begründerin des psychoanalytischen Verfahrens“, da sie es war, die feststellte, dass sie das Sprechen über angstbesetzte Ereignisse entlastete. Sie nannte es einen chimney sweep (Kaminreinigung) oder eine talking cure (Redekur); als Katharsis-Theorie fand diese Form der Aufarbeitung Eingang in die psychoanalytische Praxis.

Pappenheim erzählte in der Zeit mit Breuer unter Hypnose täglich in Form von Geschichten und Beschreibungen ihrer Halluzinationen, dabei ging sie chronologisch rückwärts vor. Wenn sie bei dem erstmaligen Auftreten eines Symptoms oder einer Halluzination angekommen war, so schildert es Breuer, traten diese noch einmal verstärkt auf, um dann gänzlich zu verschwinden. Aufgrund dieser Entlastung eilte Pappenheim hoch motiviert durch die Therapie – Breuer selbst nannte es einen Ordal – um zu einem festgelegten Zeitpunkt mit der Therapie abzuschließen. Mit dem „Aberzählen“ einer Halluzination von schwarzen Schlangen in der Nacht, als sie bei ihrem kranken Vater gesessen hatte, sei sie vollständig geheilt gewesen, behauptete Breuer in seiner Bearbeitung.

Tatsächlich kehrten die Symptome ihrer Erkrankung zeit ihres Lebens, bereits im ersten Jahr nach ihrer Entlassung durch Josef Breuer, immer wieder auf. Pappenheim suchte regelmäßig freiwillig die Sanatorien auf, in denen sie in ihren Zwanzigern behandelt wurde. Schon Freud wusste davon, unter seinen Schülern löste diese Tatsache einen Streit um die wirkliche Wirksamkeit dieser Form der Therapie aus. Nichtsdestotrotz ist das Sprechen über Verletzungen in der Biografie noch immer Bestandteil vieler Formen der Psychotherapie – die Erkenntnis, wie aus bestimmten Ereignissen in der Vergangenheit Glaubenssätze oder Verhaltensweisen entwickelt wurden, die in der aktuellen Lebenslage schädlich oder unproduktiv sind, kann Therapiepatienten auch heute noch helfen.

Pappenheim war, abgesehen von ihrer psychischen Disposition, eine starke Persönlichkeit. Intelligent, willensstark, engagiert, zog sie nach ihrer psychoanalytischen Behandlung aus, um große Dinge für junge jüdische Frauen zu tun. Einen Widerspruch zwischen ihrem Charakter und ihrem Leiden sieht nur, wer psychische Krankheiten für ein Zeichen von Schwäche oder mangelndem Intellekt hält. In Wirklichkeit ist es für eine kluge, ehrgeizige junge Frau eine verständliche Reaktion, unter den Einschränkungen, die eine patriarchalische Gesellschaft ihr auferlegt, zusammenzubrechen und in eine Dissoziation von der schmerzlichen Wirklichkeit zu flüchten. Ihre Freunde und Anhänger, Verehrer ihrer Leistungen in der deutschen jüdischen Gemeinde, reagierten empört auf die Entdeckung, dass es sich bei dem Fall „Anna O.“ um Pappenheim handelte, und sie selbst sprach nie über diesen Lebensabschnitt, lehnte auch für andere die Möglichkeiten einer Psychoanalyse oder -therapie vehement ab. Der Grund dafür ist wohl ganz einfach das Stigma, das noch heute auf psychischen Erkrankung lastet: Als wären Depressionen, Angstzustände, dissoziative Störungen und dergleichen eine eigene, unkluge Wahl der Lebensführung oder Zeichen einer defizitären Persönlichkeit.

Nach einem Aufenthalt in einer Privatklinik am Bodensee, direkt im Anschluss an die von Breuer beendete Therapie, besuchte Pappenheim Familie in Karlsruhe. Ihre Cousine Anna Ettlinger war eine der Mitbegründerinnen des Mädchengymnasiums vor Ort und förderte die Interessen und Talente Pappenheims, außerdem besuchte die 23-jährige kurzfristig eine Schule für Krankenpflegerinnen, konnte die Ausbildung jedoch nicht abschließen. Der Aufenthalt in einer Umgebung, die Frauen nicht auf ihre Aufgaben im Haushalt und der Ehe reduzierten, tat Pappenheim offenbar gut, denn sie wurde kurz darauf aus der Klinik entlassen. Die folgenden sechs Jahre lebte sie mit ihrer Mutter in Wien und besuchte noch drei weitere Male das Sanatorium, in dem sie zu Beginn ihrer Therapie behandelt worden war.

Mit einem Umzug nach Frankfurt 1888 begann Pappenheim eine Karriere in der jüdischen Frauenbewegung. Inzwischen 29, veröffentlichte sie eigene Texte, übersetzte Mary Wollstonecrafts A vindication of the rights of woman, engagierte sich politisch und sozial; von der Mitarbeit in einer Armenküche arbeitete sie sich in sieben Jahren zur Leitung eines Waisenhauses hoch. In den kommenden Jahren konnte sie sich mit ihrer Tätigkeit in der jüdischen Frauenbewegung von der gesellschaftlichen Erwartung befreien, einen Mann heiraten zu müssen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann sie, sich vor allem gegen den Mädchenhandel innerhalb der jüdischen Gemeinschaft einzusetzen – und zwar nicht nur für die Opfer, jüdische Mädchen, sondern auch gegen die jüdischen Männer unter den Tätern. 1904 wurde sie zur ersten Vorsitzenden des Jüdischen Frauenbundes gewählt, in dem sie bis zu ihrem Tod aktiv blieb. In dieser Position wurde sie zu einer zentralen Figur in der feministischen Bewegung im Judentum, die nicht nur mit unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Religion, sondern auch mit dem jahrhundertelang gefestigten Patriarchat zu ringen hatte. Nach 13 Jahren war Pappenheim zermürbt davon, dass die wohltätige Arbeit beständig von politischen oder theologischen Differenzen behindert wurde, und veranlasste mit ihren öffentlichen Aussagen dahingehend die Gründung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland.

Als ihre wichtigste Arbeit betrachtete sie das Mädchenwohnheim in Neu-Isenburg, in welchem jüdische Mädchen eine Heimat fanden, die in Gefahr waren, dem Mädchenhandel zum Opfer zu fallen. Eingebunden in die jüdische Tradition, sollten die jungen Frauen hier zu Selbständigkeit erzogen und in ein eigenverantwortliches Leben begleitet werden. Das Haus war dafür eingerichtet, den Vorschriften des Judentums im Alltag folgen zu können. Was mit zehn Bewohnerinnen im Jahr 1904 begann, gelang es Pappenheim in zwanzig Jahren – nur mit Spenden – zu einem Zuhause für 152 ansonsten obdachlose Frauen zu machen. Die Kinder dieser Frauen wurden in einer nahegelegenen Klinik geboren, lebten mit ihnen dort und gingen auf die Volksschule in Neu-Isenburg.

Auch wenn sie sich als gebildete und ehrgeizige Persönlichkeit in ihrer politischen Arbeit verwirklichen konnte, der Verzicht auf eine Ehe oder die Liebe war ihrerseits nicht freiwillig. Wenigsten in den letzten Jahren pflegte sie, zeitweise nur über Briefe, eine enge Beziehung zu ihrer 38 Jahre jüngeren Kollegin und Mitstreiterin Hanna Karminski, die sie auch in den Monaten vor ihrem Tod pflegte. Bereits von Krebs geschwächt, reiste Pappenheim noch ein letztes Mal an die Orte früherer Wirkungsstätten. Noch sechs Wochen bevor sie starb, bot sie der Staatspolizei des Hitlerregimes die Stirn: Eine junge, geistig behinderte Frau aus ihrem Neu-Isenburger Wohnheim hatte abfällig über Adolf Hitler gesprochen, doch nachdem Pappenheim zum Verhör angetreten war, wurde die Sache fallen gelassen. Am 28. Mai 1936 starb Pappenheim und musste so nicht mehr miterleben, wie die Kinder ihres Heimes der Volksschule Neu-Isenburg verwiesen wurden, wie die NSDAP die Auflösung des Heimes betrieb, es schließlich am Tag nach der „Reichskristallnacht“ angegriffen und niedergebrannt wurde. Es blieb ihr erspart mitzuerleben, wie die Bewohnerinnen des Heims in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurden und ihre Freundin Karminski im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet wurde.

Die Biografie „Anna O. – Bertha Pappenheim“ von Marianne Berntzel, erschienen 2003, wurde im Büchermarkt vom Deutschlandfunk besprochen. Der FrauenMediaTurm hat ebenfalls einen ausführlichen Beitrag zu ihrer Biografie.

Bild: Von Unidentified photographer – Albrecht Hirschmüller: Physiologie und Psychoanalyse im Leben und Werk Josef Breuers. Jahrbuch der Psychoanalyse, Beiheft Nr. 4. Verlag Hans Huber, Bern 1978. ISBN 3456806094., Gemeinfrei

2/2019: Eden Atwood, 11. Januar 1969

Eden Atwood ist eine Jazzsängerin, der die Musik in die Wiege gelegt wurde: Ihr Vater war Komponist und Arrangeur von Werken, die Nat King Cole und Frank Sinatra sangen.

Für mich interessanter ist allerdings etwas anderes, das ihr auch in die Wiege gelegt wurde: Atwood kam mit Androgenresistenz auf die Welt, ein Phänomen, das zu den unterschiedlichen Formen der Intersexualität gehört. Atwood beispielsweise, die mit dieser Tatsache offen umgeht und sich auch politisch engagiert, hat aufgrund einer Veränderung im Erbgut XY-Chromosomen, würde also bei einer Genanalyse als Mann identifiziert werden. Durch die Abweichung in ihrem Chromosomensatz bildet ihr Körper zwar männliche Hormone, so genannte Androgene, diese werden jedoch von ihren entsprechenden Rezeptoren nicht gelesen. Infolgedessen haben Menschen mit Androgenresistanz je nach Ausprägung des Phänomens unterschiedlich schwache oder ganz ausbleibende Ausbildung maskuliner Merkmale; Atwood hat durch eine komplette Androgenresistenz zum Beispiel von Geburt an keine männlich ausdifferenzierten Genitalien.

Intersexualität unterscheidet sich von Transgender oder Transsexualität: Während  transgender oder transsexuelle Personen im Phänotyp eindeutig auf einem Ende des binären Geschlechterspektrums liegen, identifizieren sie sich aber kognitiv mit keinem oder dem binär gedacht anderen Geschlecht. Bei Intersexualität liegt eine in irgendeiner Form medizinisch prüfbare biologische Abweichung von der „normalen“ Geschlechtsentwicklung vor, das heißt chromosomal, gonadal, hormonell oder anatomisch bedingt liegen Genitalien oder sekundäre Geschlechtsmerkmale in einer Form vor, die sich nicht eindeutige Extreme der herkömmlich angewandten Skalen darstellen (etwa dem Orchidometer/dt., der Quigley-Skala/engl. oder der Prader-Skala/engl.). In der Gesamtheit sind geschätzt 1,7% der Menschheit in einer der genannten Formen intersexuell – gegenüber der cissexuellen Mehrheit zwar selten, jedoch nur in dem Maß, wie auch echte Rothaarige selten sind.

Eden Atwood spricht selbst seit einiger Zeit offen über ihre Intersexualität (Link zu englischsprachigem Video, ca 9min.). Von diesem Interview aus bin ich bei der Recherche zu diesem Post in ein rabbit hole aus bewegenden und informativen YouTube-Beiträgen gefallen:

• Der Kanal von Pidgeon, auf dem Pidgeon über eigene Erfahrungen und die politische Arbeit für die Akzeptanz von Intersexualität erzählt
• Die Dokumentation Intersexion (Englisch, ca. 50min.), die auch eine eigene Webseite hat, in der Betroffene ihre sehr unterschiedlichen Lebens- und Leidensgeschichten darlegen
• Ein Quarks-Beitrag (Deutsch, ca. 5min.) über einex Jugendlichex, dexen Eltern sich gegen medizinisch unnötige Eingriffe entschieden haben
• Die arte-Dokumentation „Nicht Frau nicht Mann“ (Deutsch, ca. 57min.), in der vor allem Ins A Kromminga und einx französischex Intersexuellx, aber auch eine internationale queere Gemeinschaft in ihrer Verletzlichkeit gezeigt werden, aber auch in ihrer Kreativität im Umgang mit sich selbst und den Schwierigkeiten in einer binär geprägten Welt

Ein Name, der vor allem in der internationalen Intersexuellen-Gemeinschaft immer wieder mit großer Ablehnung verbunden ist, ist John Money – der mir bereits von der BBC Dokumentation über David Reimer unangenehm bekannt war. Nach Moneys Meinung – und dem Wunsch vieler Mediziner, auch heute noch, „klare Verhältnisse“ schaffen zu wollen – sollten Säuglinge mit „nicht eindeutigen“ Genitalien möglichst früh operativ einem Geschlecht „zugeführt“ werden. Den Gedanken, dass Geschlecht nicht notwendigerweise biologisch, sondern gesellschaftlich geprägt sei, pervertierte er dahingehend, dass sich Kinder dann schon als dem Geschlecht zugehörig fühlen würden, als das sie großgezogen würden, wenn man sie nur streng genug dazu erziehe. Dass es nicht so einfach ist mit der Biologie und der Identität, insbesondere in den Fällen, in denen schon die Biologie nicht binär funktionieren wollte, das bezeugen die Geschichten der Erzählenden. Nicht nur von traumatischen, in den Bereich von sexuellem Missbrauch fließend übergehenden medizinischen Behandlungen erzählen die Betroffenen, was bereits schmerzhaft und erschütternd zu hören ist. Auch und vor allem die Scham, mit der alles „dort unten“ als krankhaft und nicht normal stigmatisiert wird, verstärkt durch körperliche Konsequenzen der (in den meisten Fällen unnötigen) Operationen und das Verbot, mit anderen über ihren „Zustand“ zu sprechen, wird spürbar – und wie sehr Ärzt*innen in vielen Fällen auch das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern zerstören, wenn sich die Eltern nicht stringent und von Anfang an dagegen wehren: Die Eltern wurden und werden zum Teil selbst angelogen, zum Teil waren und sind sie einfach nur ahnungslos, verwirrt, verängstigt, weil ihr Kind nicht „normal“ ist und nicht in die Binarität einzuordnen. Da wurde zum Schweigen und Lügen angestiftet und auch den Kindern das Schweigen und Lügen geboten, die Ärzt*innen sprechen nicht offen mit den Eltern und wenn sie es tun, untersagen sie ihnen, offen mit den Kindern zu sprechen. Eine anatomische, biologische Seltenheit, die keine schwerwiegenden gesundheitlichen Konsequenzen haben müsste, schiebt sich wie ein Schatten über die Familie – und die Menschen, die liebevoll und unterstützend miteinander umgehen sollten, werden auseinander gedrängt, verlieren ihr Vertrauen ineinander und können nicht mehr miteinander sprechen.

Das Leiden, das Intersexualität in der binären abendländischen Kultur hervorruft, ist unnötig. In anderen Kulturen sind dritte oder mehrere Geschlechter gängig und akzeptiert. In der Intersexional-Dokumentation wird gezeigt, wie „normal“ im Sinne von gesund und mit sich selbst im Reinen Intersexuelle aufwachsen können, wenn der Zwang zur Binarität nicht ausgeübt wird. Damit unsere Gesellschaft offener und toleranter wird und intersexuell geborene Kinder in der Zukunft heil gelassen werden, ihnen die Möglichkeit einer eigenen Identifikation offen gelassen wird, dafür setzen sich in Deutschland unter anderem der Verein Intersexuelle Menschen e.V. ein; die dritte Option führt eine Kampagne für den dritten, offenen Geschlechtereintrag in Geburtsurkunden. Im vergangenen Jahr 2018 konnten sie bereits den Erfolg verzeichnen, dass „divers“ als dritte positive Möglichkeit in Geburtsdokumenten angegeben werden kann, allerdings kämpfen sie nun noch mit den Wünschen der Bürokratie, das dies zum Beispiel erst nach einem ärztlichen Attest geschehen könne. Zwischengeschlecht.info ist ein extensives Blog mit Links zu weiteren Vereinen und Bloggern.

Eden Atwood – um zum ursprünglichen Anlass für diesen Post zurück zu kommen – begründete mit Jim Ambrose The Interface Project, eine Organisation und Webseite, auf der Intersexuelle ihre vielseitigen Gesichter zeigen und ihre vielseitigen Geschichten erzählen können.

Wichtig ist mir das Thema – abgesehen vom schlichten humanistischen Ansatz, dass jeder Mensch seine Persönlichkeit frei entfalten können sollte – , weil ich mir wünsche, dass Ärzt*innen angesichts intersexueller Säuglinge, die ihre eigene Identifikation noch nicht zum Ausdruck bringen können, nicht mehr über den Willen der Eltern hinweg – oder auch mit der Einwilligung der Eltern – zuallererst das Messer zücken und Genitalien zerstören, weil sie sich nicht weit genug an einem Ende einer altertümlichen Skala befinden; dass gesunde, non-binäre Körper nicht verletzt werden für die Seelenruhe und das ästhetische Empfinden Erwachsener. Dass Kinderkörper nicht mehr für die Erhaltung einer binären, patriarchalischen Denkweise verletzt werden.