Kategorie: Politik

29/2020: Eunice Newton Foote, 17. Juli 1819

Eunice Newton Foote wuchs als eines von 12 Geschwistern in Bloomfield, New York, auf; mit 17 Jahren besuchte sie für zwei Jahre das Troy Female Seminary (Link Englisch) (heute Emma Willard School). Die Schülerinnen dort durften Vorlesungen am nahegelegenen College hören, wo Newton die Grundlagen der Chemie und Biologie erlernte. Großen Einfluss auf sie hatten die Lehrbücher von Almira Hart Lincoln Phelps (Link Englisch), einer Schwester von Emma Willard, Botanikerin und drittes weibliches Mitglied der American Association for the Advancement of Science.

Newton Foote setzte sich grundsätzlich für Frauenrechte ein, so gehörte sie zu den Unterzeichnerinnen der Declaration of Sentiments auf der Seneca Falls Convention 1848, ihr Ehemann seit 1841, Elisha Foote, ebenso.

Davon abgesehen unternahm sie Experimente zur Erwärmung von Gasen. Ihre Ausstattung dafür war laienhaft, aber mit einer Luftpumpe, vier Quecksilberthermometern und zwei Glaszylindern machte sie als erste eine Entdeckung, die für uns heute relevanter denn je ist. Sie platzierte jeweils zwei Thermometer in einem der beiden Glaszylinder, aus einem pumpte sie die Luft ab, im anderen sorgte sie für erhöhten Druck. So stellte sie diese Gefäße ins Sonnenlicht und beobachtete die unterschiedliche Wärmeentwicklung und Abkühlung darin. Sie führte diese Proben auch mit unterschiedlichen Feuchtigkeitsgraden durch sowie mit Wasserstoff und Kohlendioxid. Dabei stellte Newton Foote fest, dass der Zylinder mit CO2 sich sowohl am stärksten erhitzte (auf etwa 52 Grad), wie sich auch am langsamsten wieder abkühlte. Aus dieser Entdeckung schloss sie, in dem Bericht, den sie über ihre Forschung schrieb, dass erhöhte Kohlendioxidwerte in der Atmosphäre der Erde für erhöhte Temperaturen und somit ein wärmeres Klima sorgen müssten. Eunice Newton Foote blickte selbst vor allem in die Vergangenheit, in der die Erde wahrscheinlich wärmer gewesen war, doch für uns heute ist diese Schlussfolgerung bekannt als der Treibhauseffekt – den Newton Foote somit bereits vor 1856 entdeckte.

Auf der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science 1856 wurde dieser Bericht vorgestellt. Warum Eunice Newton Foote in nicht selbst vortrug, ist unklar, doch statt ihrer verlas der Physiker Joseph Henry ihre Arbeit. Er stellte dem voran: „Die Wissenschaft hatte kein Land und kein Geschlecht. Die Sphäre der Frau umfasst nicht nur das Schöne und Nützliche, sondern auch das Wahre.“ (Quelle: Smithsonianmag.com)

Der Artikel wurde im gleichen Jahr noch unter ihrem Namen im American Journal of Science veröffentlicht, doch in den jährlichen Proceedings, der Sammlung von Einreichungen der AAAS-Tagungen, erschien Newton Footes Artikel nicht. Zusammenfassungen ihrer Forschung wurde zwar noch mehrfach in den Vereinigten Staaten und Europa geteilt, doch dann zum Teil ohne ihre bahnbrechende Schlussfolgerung oder gar unter dem Namen ihres Ehemanns. Nur das Magazin Scientific American erwähnte Newton Foote lobend noch einmal in seiner Ausgabe „Scientific Ladies„.

Drei Jahre später stellte John Tyndall – unter professionelleren Bedingungen – ähnliche Forschungen an, allerdings registrierte er die infrarote Wärmestrahlung, statt, wie Newton Foote es nannte, die ‚Sonneneinstrahlung‘. Im Artikel über seine Ergebnisse erwähnte Tyndall Claude Pouillet, doch nicht Eunice Newton Foote. Es ist unter den damaligen Verhältnissen durchaus möglich, dass Tyndall schlicht keine Kenntnis hatte von den Experimenten Newton Footes, denn Europa (Tyndall war Brite) wurde als Zentrum der Wissenschaft empfunden und US-amerikanische Forschungen nicht sehr beachtet. Heute gilt Tyndall allgemein als der Entdecker des Treibhauseffektes, obwohl Eunice Newton Foote diesen drei Jahre zu vor bereits beobachtet hatte.

Newton Foote veröffentlichte weitere Artikel zu anderen wissenschaftlichen Themen und entwickelte mehrere Patente. Sie starb am 30. September 1888.

Zur ihrer späten Anerkennung verhalf ihr 2010 Ray Sorenson, ein pensionierter Geologe für Erdöl, der auf sie in der 1857-Jahresausgabe der Annual Scientific Discovery stieß. Er erkannte, welche Bedeutung ihre damals untergegangene Entdeckung und Schlussfolgerung für die heutige Welt hatte, dass sie seither jedoch unerwähnt blieb. Er schrieb einen Beitrag im Online-Magazin Search and Discovery der American Association of Petroleum Geologists, der mehr Aufmerksamkeit erregte als jeder Beitrag von ihm zuvor. Acht Jahre später fand an der University of California, Santa Barbara eine Ausstellung in der Bibliothek sowie eine Vorlesung zu Eunice Newton Foote statt. Inzwischen ist ihr Name als entscheidende Mitwirkende an der Klimaforschung bekannter, wenn auch noch nicht im gleichen Atemzug wie John Tyndall.

Es greifen mehrere Gründe ineinander, warum Eunice Newton Foote ein Opfer des Matilda-Effektes wurde und ihre Erkenntnis über die klimatische Bedeutung des Kohlendioxids unterging. Wie oben beschrieben, wurden US-amerikanische Forschungen und Erkenntnisse in Europa oftmals nicht wahrgenommen oder wertgeschätzt. Ebenso hatte Newton Foote eben aufgrund ihrer Vielseitigkeit keinen Status als Expertin oder Koryphäe. Doch schon ihr Unterstützer Joseph Henry erkannte, dass auch ihr Geschlecht der Anlass war, warum männliche Wissenschaftler ihren Erkenntnissen keine Bedeutung beimaßen. Ein Artikel in der New York Times aus der Reihe Overlooked befasst sich ebenfalls mit diesen Aspekten und lässt ihre Nachfahren, zum Teil selbst Wissenschaftlerinnen in der Klimaforschung, zu Wort kommen.

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Ebenfalls diese Woche

14. Juli 1862: Florence Bascom
Die amerikanische Geologin war die erste Frau, die 1924 als Mitglied der Geological Society of America zugelassen wurde, später war sie sogar Vizepräsidentin der Gesellschaft.

15. Juli 1753: Almira Hart Lincoln Phelps
Wie es der Zufall will, ist diese Pädagogin bereits oben im Text verlinkt: Sie schrieb zahlreiche naturwissenschaftliche Lehrbücher für Schülerinnen.

15. Juli 1943: Jocelyn Bell Burnell
Gemeinsam mit ihren Kollegen Antony Hewish und Martin Ryle entdeckte die britische Radioastronomin als erste einen Pulsar, der später als Neutronenstern interpretiert wurde. Ihre Kollegen erhielten 1974 den Nobelpreis für Physik, Bell Burnell hingegen wurde nicht geehrt, was sie mit einiger Gelassenheit hinnahm (Link Englisch). 2018 gewann sie den Special Breakthrough Prize in Fundamental Physics, aus dem Preisgeld gründete sie eine Stiftung, die Stipendium für Studierende der Physik vergibt, die als Frauen, ethnische Minderheiten oder Flüchtlinge in der akademischen Welt benachteiligt sind.

19. Juli 1921: Rosalyn Sussman Yalow
Über die Trägerin des Nobelpreises für Medizin schrieb ich 2015.

27/2020: Marian Farquharson, 2. Juli 1846

Marian Sarah Ogilvie Farquharson erfuhr als Tochter eines protestantischen Geistlichen eine breitgefächerte Bildung im eigenen Elternhaus. Sie interessierte besonders für Botanik, insbesondere die einheimische Flora in England. Mit 35 wurde sie Mitglied des Epping Forest and Essex‘ Naturalists Field Club und veröffentlichte einen Taschenführer über die Farne der britischen Inseln.

Verhältnismäßig spät für ihre Zeit heiratete sie 1883, mit 37 Jahren, den Landbesitzer Robert Francis Ogilvie Farquharson und zog zu ihm nach Alford, Aberdeenshire, im Norden Schottlands. Dort wurde sie Mitglied zweier naturwissenschaftlicher Vereinigungen und beschäftigte sich weiterhin mit der regionalen Pflanzenwelt; 1885 wurde ihr Artikel über Moose in der Zeitschrift der British Association for the Advancement of Science veröffentlicht. Im gleichen Jahr wurde sie zum Mitglied der Royal Microscopical Society gewählt, doch als Frau durfte sie weder an den Treffen der Gesellschaft teilnehmen noch hatte sie ein Abstimmungsrecht.

Nachdem 1890 ihr Ehemann gestorben war, wurde Ogilvie Farquharson politisch aktiv. Sie gründete die Scottish Association for Promotion of Women’s Public Work, mit der sie dafür kämpfte, Frauen als gleichberechtigte Mitglieder von Gelehrtengesellschaften zuzulassen. Noch im gleichen Jahr, in dem sie Witwe wurde, sprach sie auf einer Konferenz in Paris über die Rolle der Frau in der Wissenschaft, beim Internationalen Frauenkongress 1899 in London (Link Englisch) war sie für den Bereich der Naturwissenschaften mitverantwortlich.

Am 18. April 1900 schrieb sie einen Brief an die Linnean Society of London mit der Bitte, hinreichend qualifizierte Frauen in die Gesellschaft aufzunehmen und sie an den Treffen teilhaben zu lassen. Diese Bitte wurde abgeschmettert mit der Erklärung, dass derartige Anträge nur von Mitgliedern gestellt werden könnten. Also wandte sich Ogilvie Farquharson an den ehemaligen Präsidenten der Gesellschaft, John Lubbock, der dann auch beim Treffen der Gesellschaft am 7. Juni 1900 diesen Vorschlag vortrug. Die Entscheidung wurde zunächst vertagt auf das nächste Treffen, bei dem dann festgestellt wurde, dass die Charter die Aufnahme von Frauen nicht vorsähe und der Vorschlag deswegen abzulehnen sei.

Diesen ersten beiden Versuchen, Frauen als Mitglieder in der Linnean Society zuzulassen, folgten in den kommenden vier Jahren mehrere weitere Anläufe, bei denen sich Marian Farquharson immer wieder der Unterstützung privilegierter Alliierter bedienen musste – und dennoch auf massive Widerstände stieß. So zog sie den Professor für Naturgeschichte Marcus Manuel Hartog hinzu, der sich im November 1900 beim Rat der Gesellschaft für ihr Anliegen einsetzte, doch diese wiederum ließ durch einen Anwalt ermitteln, dass die Charter in ihrer vorliegenden Form die Aufnahme von Frauen verhindere.

Im April 1901 stellte Ratsmitglied Frederick DuCane Godman und ein weiterer Mann eine Anfrage im Sinne Farquharsons, doch sie erhielten schlicht keine Antwort; der nächste Antrag am 7. November 1901, durch Joseph Reynolds Green, wurde auf unbestimmte Zeit vertagt. Green erneuerte seinen Antrag einen Monat später, am 19. Dezember, mit der Versicherung, eine beträchtliche Anzahl der Mitglieder würden das Anliegen Farquharsons unterstützen. Der Rat der Gesellschaft verlangte einen Beweis für diese Behauptung. Also legte Green im Januar 1902 eine Unterschriftensammlung vor, die endlich etwas in Bewegung setzte: Der Rat der Gesellschaft sandte im darauffolgenden März an alle 740 Mitglieder ein Rundschreiben aus, in dem sie nach ihrer Haltung zur Aufnahme von Frauen befragt wurden. 313 Mitglieder antworteten gar nicht erst, 126 sprachen sich dagegen aus, doch 301 Mitglieder befürworteten diesen Vorstoß.

Dennoch verstrich das Jahr ohne weitere Entwicklung, erst am 15. Januar 1903 fand ein außerordentliches Treffen des Gesellschaftsrates unter Leitung des stellvertretenden Präsidenten statt, bei dem über mögliche Zusätze und Änderungen der Charter abgestimmt wurde. Über den Zusatz, dass Mitgliedschaft „ohne Unterschied des Geschlechts“ möglich sein sollte, wurde gesondert abgestimmt, dabei sprachen sich 54 der Anwesenden dafür und 17 dagegen aus.

Fast ein ganzes weiteres Jahr verging, bevor Ende 1903 ein offizielles Bittgesuch für diese Änderung beim Rat der Gesellschaft eingereicht wurde. Am 8. April 1904 wurde die neue Charter gewährt, die den entscheidenden Zusatz enthielt – doch die neue Satzung, die darauf aufbaute, wurde erst am 3. November 1904 von den Mitgliedern angenommen. Immerhin erfolgte dann bereits innerhalb von zwei Wochen, am 17. November 1904, der Vorschlag, 16 Frauen in die Linnean Society aufzunehmen, darunter Ethel Sargant und selbstverständlich Marian Olgivie Farquharson. Am 15. Dezember 1904 wurden 15 Frauen zu Mitgliedern gewählt und am 19. Januar 1905 offiziell aufgenommen.

Alle vorgeschlagenen Frauen, außer Farquharson.

Es dauerte drei weitere Jahre, bis die inzwischen 62-jährige erneut als Mitglied vorgeschlagen und dann auch aufgenommen wurde. Allerdings ging es der Vorkämpferin, die unzählige Briefe und Anträge an die Gelehrtengesellschaft geschrieben und niemals aufgegeben hatte, inzwischen gesundheitlich sehr schlecht und sie starb am 20. April 1912, ohne ihre Mitgliedschaft in der Gesellschaft zu bestätigen.

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Ebenfalls diese Woche

4. Juli 1868: Henrietta Swan Leavitt
Über diese Astronomin, Teil von ‚Pickerings Harem‘, schrieb ich 2017.

39/2019: Elisabet Boehm, 27. September 1859

Elisabet Boehm kam in Ostpreußen zur Welt, der Region, deren nördlicher Teil heute zu Litauen, der südliche zu Polen gehört, rund um die russische Exklave Oblast Kaliningrad, früher Königsberg. Ihr Vater war Gutspächter und Reichstagsabgeordneter; mit 21 Jahren heiratete Elisabet Gustav Boehm. Nach einer Kindheit auf dem Land und 18 Jahren Ehe mit einem Gutsbesitzer gründete sie 1898 mit 15 Frauen* den ersten landwirtschaftlichen Hausfrauenverein in Garbno (dt. Lamgarben), ihrem heimatlicher Weiler nahe ihrer Geburtsstadt Ketrzyn (dt. Rastenburg).

Die Beweggründe dafür waren fortschrittliche: Sie wollte die weibliche* Einflussnahme in der Landwirtschaft organisieren, den Frauen Zugang zu Bildung verschaffen und so ihre Lebens- und Arbeitsverhältnisse verbessern. Auch eine höhere Anerkennung der haushaltlichen Tätigkeiten der Frauen* als Arbeit, ihrer Leistungen als Mütter und Mitarbeitende im landwirtschaftlichen Betrieb gehörte zu ihren Zielen.

Offensichtlich traf sie mit ihrem Bestreben nach Vernetzung und politischer Teilhabe den Nerv der Zeit, bei vielen Frauen in ähnlicher Lage wie sie. 1905 wurde sie Vorsitzende des ostpreußischen Landesverbands, 11 Jahre später übernahm Boehm die Leitung des Reichsverbands landwirtschaftlicher Hausfrauenvereine (nicht zu verwechseln mit dem Reichsverband deutscher Hausfrauen!), der bis zum Jahr 1933 auf 25 Landes- und Provinzialverbände mit an die 2.500 Kreis- und Ortsvereinen angewachsen war. Der Verein betrieb das eigene Presseorgan „Land und Frau“, Elisabet Boehm arbeitete mehrere Jahre an der Fachzeitschrift „Die deutsche Frauenarbeit“ mit. Als die Organisation 1934 von der NSDAP in den Reichsnährstand eingegliedert wurde, belief sich die Mitgliederzahl auf über 100.000 Mitglieder.

Elisabet Boehm starb mit 84 in Halle. Nach dem Zweiten Weltkrieg formten sich bereits 1947 die ersten Landfrauenverein neu. Im Oktober 1948 wurde dann der bis heute bestehende und aktive Deutsche LandFrauenverband (dlv) gegründet. Er besteht aus 22 Landesverbänden mit etwa 500.000 Frauen in den kleineren Kreis- und Ortsvereinen. Von der ursprünglich angesprochenen Bäuerin hat sich die aktuelle Mitgliederstruktur auf vielseitige Berufsfelder ausgebreitet; die Zielsetzung, berufsständische Interessen vertreten zu sehen, die soziale, wirtschaftliche und rechtliche Situation von Frauen zu verbessern und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie voranzutreiben ist den vernetzten Frauen gemein.

Ähnlich wie der DHB ist der dlv ein Beispiel für das nachvollziehbare Bedürfnis von Frauen Teil eines Berufsstände übergreifenden Netzwerkes zu sein und die Möglichkeit gesellschaftlicher und politischer Teilhabe zu schaffen. Elisabet Boehm – die sich auch dafür einsetzte, dass Frauen in den Landwirtschaftskammern wählen und gewählt werden konnten – hörte schon vor 1900 den inneren Ruf „Bildet Banden!“ Sicher weniger aufgrund einer biologischen Neigung der Frauen* zu sozialer Aktivität als in der sozialen Isolation begründet, in die ein patriachalisches System viele Frauen* zwingt, wusste sie, dass wir in der Gemeinschaft und Solidarität unsere Stärken entfalten können.

38/2019: Henriette Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel, 19. September 1669

Die gute Henriette Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel dient mir diese Woche als freundliche Erinnerung daran, dass wir als Menschen fehlbar sind. Ich stelle sie ohne Häme vor, schlicht als Beispiel dafür, dass auch diejenigen, die unter den besten Voraussetzungen anfangen und sich unter dem Schutz einflussreicher Persönlichkeiten selbst zu einflussreichen Persönlichkeiten entwickeln, menschliche Schwächen haben. Dass auch diese Personen, die politisch und wirtschaftlich planvoll agieren, gleichzeitig privat nach begehrlichen Impulsen handeln und sich damit selbst ein Bein stellen können.

Die Tochter des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel bekam bereits mit 12 Jahren den Unterhalt für Kanonissen des Reichsstift Gandersheim. Sechs Jahre später wurde sie offiziell in das Amt der Kanonissin eingeführt, sie lebte allerdings nicht im Stift. Als fünf weitere Jahre später die Äbtissin Christina zu Mecklenburg starb, wurde dank der Einflussnahme ihres Vaters Henriette Christine zu deren Nachfolgerin gewählt.

Die Positionierung seiner Tochter als Führung der kirchlichen Einrichtung hatte für den Herzog diverse Vorteile. Henriette verfolgte die Interessen ihres Vaters im Amt, traf jedoch auch einige Entscheidungen, die das Stift, dem sie nun vorstand, in Ansehen und Ertrag wesentlich voranbrachte. Religiös war sie wie ihr Vater zunächst Anhängerin des Pietismus, doch möglicherweise weil es sich politisch als sinnvoll erwies, wandte er – und sie ebenfalls – sich dem Katholizismus zu.

Henriette Christine war als Äbtissin des Stiftes ausgesprochen erfolgreich, bis ihr die menschliche Natur dazwischen kam. 1712, mit 42 Jahren, gebar sie überraschend einen Sohn, wohl gezeugt vom ehemaligen Hofrat ihres Vaters, der im Stift zunächst als Stiftshauptmann und schließlich als Abteihofmeister angestellt war. Zwar stand sie einem „kaiserlich freien weltlichen Reichsstift“ vor – war also keine Nonne oder klösterlichen Regeln unterworfen – aber gemäß der Anforderung an Stiftsdamen war sie selbstverständlich unverheiratet. Die Geburt eines Kindes als Beweis für einen unehelich vollführten Zeugungsakt war also nichtsdestotrotz ein Skandal.

Henriette Christine musste nach Bekanntwerden ihres Fehltritts als Äbtissin zurücktreten. Sie konvertierte vollständig zum Katholizismus und ging in ein katholisches Stift in Roermond, wo sie den Rest ihres Lebens als einfache Stiftsdame verbrachte. Sie starb dort mit 83 Jahren.

Der Vater des Kindes ging nach Sachsen ins Exil. Was aus dem Jungen wurde, ist unbekannt.

21/2019: Eren Keskin, 24. Mai 1959

Tochter eines Kurden und einer Tscherkessin, ist Eren Keskin seit 1986 in Istanbul als Anwältin für Menschenrechte tätig, insbesondere der Kurden und Frauen. Sie rief 1997 ein Rechtshilfeprojekt für Frauen ins Leben, die von staatlichen Sicherheitskräften vergewaltigt oder auf andere Weise sexuell misshandelt wurden.

Ihr Engagement brachte ihr zeitweise Berufsverbot ein, Morddrohungen und Strafverfahren, zwischen 1994 und 2018 nach Keskins eigenen Aussagen über 140. Mehrfach wurde sie zu Gefängnisstrafen verurteilt: Dafür, in einem Brief an das belgische Parlament das Wort ‚Kurdistan‘ verwendet zu haben; wiederholte Male für einen Verstoß gegen den Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches, der die „Beleidigung des Türkentums, der Republik und der Institutionen und Organe des Staates“ unter Strafe stellt. Zuletzt erging ein Urteil, das sie zu 7,5 Jahren Gefängnis verurteilte, für einen Zeitungsartikel, mit dem sie wiederum den Präsidenten der Türkei beleidigt haben soll. Derzeit rechnet sie jeden Tag mit ihrer Verhaftung, kann aber aufgrund eines Ausreiseverbotes die Türkei nicht verlassen.

k2, p2, k2tog

frauen, die das stricken für ihre spionagetätigkeit im krieg nutzten – ein text (engl.), der mich glücklich macht.

13/2019: Maria Gräfin von Maltzan, 25. März 1909

Maria Gräfin von Maltzan war schon von Kindesbeinen an keine, die einfach so mitlief. Ihr Vater, dem sie sich sehr verbunden fühlte, starb früh; ihrer Mutter fehlte das Verständnis für die leidenschaftliche Tierliebe und Durchsetzungskraft der jüngsten Tochter. Von einem Internat an der polnisch-deutschen Grenze ging sie zunächst an ein Lyzeum in Berlin, wechselte dann aber – dem Einflussbereich der Mutter entzogen – statt auf eine Schule für höhere Töchter auf eine Oberschule, die sich auf die Naturwissenschaften konzentrierte. Nach dem Abitur mit 18 (Bild oben, 1927) studierte sie Zoologie, Botanik und Anthropologie in Breslau und München. Sie machte einen Doktor in Fischereibiologie im Jahr 1933 – entscheidender jedoch für ihren weiteren Lebensweg war die Arbeit im Widerstand gegen die Nationalsozialisten, die sie zum gleichen Zeitpunkt begann und die ihr den Einstieg ins Berufsleben da bereits erschwerte.

Die Gräfin hatte Kontakt zum Jesuiten Friedrich Muckermann aufgenommen und war durch ihn zur Beteiligung am katholischen Widerstand gekommen. Sie schmuggelte verbotenes Informationsmaterial ins Ausland und half jüdischen Flüchtlingen bei der schwimmenden Durchquerung des Bodensees. Zwischenzeitlich bereiste sie mit einem Freund Nordafrika, ein Jahr später zurück in München übernahm sie alle möglichen Arbeiten, unter anderem als Reiterdouble bei der Bavaria Film, und lernte in den Kreisen der Bohème ihren ersten Ehemann Walter Hillbring kennen. Gemeinsam gingen sie nach Berlin, doch nach einem Jahr wurde die Ehe bereits wieder geschieden, Hillbring verließ die Hauptstadt, von Maltzan blieb.

Nachdem sie dort zunächst im Verlagswesen tätig gewesen war, bewegte sie die Pogromnacht dazu, beim Deutschen Roten Kreuz eine Ausbildung als „Vorhelferin“ zu machen. Als solche wurde sie nach Kriegsbeginn 1939 auf verschiedenen Posten beim DRK eingesetzt, bis sie schließlich 1940 – mit immerhin 31 Jahren – noch das Studium der Tiermedizin aufnahm. Zwei Jahre später machte sie darin ihr Staatsexamen und begann, als Vertretung in Tierarztpraxen und beim Tierschutzverein zu arbeiten. Auch in Berlin hatte sie in der ganzen Zeit ihre Arbeit im Widerstand fortgesetzt und tat dies bis zum Ende des Krieges. Vor allem ab 1942 versteckte sie mehrere Juden in ihrer Wohnung, darunter ihren späteren zweiten Ehemann, Hans Hirschel. Von ihm bekam sie in diesem Jahr auch ein Kind, das jedoch zu früh geboren wurde und beim Stromausfall nach einem Bombenangriff in seinem Brutkasten starb.

Zeitweise brachte von Maltzan sich und drei Verfolgte in ihrer Wohnung unter und durch, außerdem half sie als Kontakt der Schwedischen Kirche in Wilmersdorf Juden, Deserteuren und politischen Flüchtlingen aus Berlin und Deutschland heraus, unter anderem in der „Aktion Schwedenmöbel“. Insgesamt rettete sie schätzungsweise 60 Menschen das Leben, wobei jedoch wohl sie nicht nur uneigennützig agierte (siehe Artikel in der Die Zeit, unten) und nicht zimperlich war, wenn es um die Sicherheit ging. Ihr Bruder Carlos von Maltzan war derweil Nationalsozialist geworden.

Nach dem Krieg heiratete sie Hirschel, doch die Ehe wurde zwei Jahre später ebenfalls geschieden – 23 Jahre später machten die beiden einen neuen Versuch, der immerhin die drei Jahre bis zum Tod ihres Mannes 1975 hielt. Die Gräfin hatte keinerlei Besitz oder Familie in ihrer nun polnischen Heimat Milicz mehr, sie war tablettenabhängig und wurde depressiv, daran scheiterte wohl auch ihre erste Ehe mit Hirschel. Sie ging mehrfach auf Entzug und verfiel wieder der Sucht, zwischenzeitlich verlor sie ihre Zulassung als Tierärztin. Unterkriegen ließ sie sich aber nicht: Nachdem sie sich ihre Zulassung wiedererkämpft hatte, reiste sie mit einem Zirkus herum und arbeitete wieder als Vertretung in Tierarztpraxen in ganz Deutschland. Nach dem Tod ihres Mannes wurde sie schließlich noch einmal zu einem Berliner Original. Sie richtete eine Tierarztpraxis in Berlin-Kreuzberg ein, in der sie sich wiederum um die Ausgestoßenen und Abgelehnten in der Gesellschaft kümmerte, indem sie die Hunde der Punks im Umkreis tierärztlich versorgte. 1984 erschien der Film Versteckt, der lose auf ihrer Biografie beruht, zwei Jahre später erschien ihre Autobiografie „Schlagt die Trommel und fürchtet Euch nicht“, beides brachte ihr vermehrte Aufmerksamkeit in den Medien.

1987 wurde ihr von der Gedenkstätte Yad Vashem der Ehrentitel Gerechte unter den Völkern, 1989 der Verdienstorden des Landes Berlin verliehen. Als Anwohnerin in Wilmersdorf erscheint sie mehrfach in der Langzeitdokumentation Berlin – Ecke Bundesplatz, finanziell blieb es jedoch schlecht um sie bestellt. 1997 starb sie verarmt in Berlin, der Spiegel veröffentlichte einen Nachruf. Drei Jahre vor ihrem Tod brachte Die Zeit einen kurzen Artikel über sie, indem auch zwei der von ihr geretteten Juden zu Wort kommen, mit sehr gegensätzlichen Erinnerungen. FemBio.org führt ebenfalls eine ausführliche Biografie zu ihr.

12/2019: Arna Mer-Chamis, 20. März 1929

Als Tochter eines jüdischen Wissenschaftlers, geboren in Palästina, vereint Arna Mer-Chamis den Konflikt Israels in ihrer Existenz. 1945 trat sie 16-jährig der Palmach bei, einer paramilitärischen Einheit der jüdischen Untergrundorganisation Hagana, die an der Seite der Alliierten im Nahen Osten kämpfte; aus der Hagana und ihren Kräften formten sich bei der Gründung des Staates Israel die Verteidungskräfte. Zu gleicher Zeit bekannte sich Mer-Chamis zu ihrer palästinensischen Herkunft, indem sie die Kufiya (das bei uns Palästinensertuch heißt) trug.

Sie machte einen Abschluss als Sonderpädagogin, trat nach dem Palästinakrieg der Kommunistischen Partei bei und heiratete den Sekretär der Partei und Gewerkschafter Saliba Khamis – einen orthodox-christlichen Palästinenser. Die drei Kinder dieser Ehe wuchsen in Prag und Moskau auf.

Mer-Khamis wurde mehrfach für Proteste gegen das Vorgehen Israels in den palästinensischen Gebieten verhaftet. Als während der Ersten Intifada die palästinensischen Schulen für zwei volle Jahre geschlossen wurden, sah die Erzieherin und Menschenrechtsaktivistin Handlungsbedarf. Sie gründete die Organisation Care and Learning, ging mit deren Mitarbeitern in die Flüchtlingslager und kämpfte für bessere Lebensbedingungen der dort aufwachsenden Kinder. Freiwillige ihrer Organisation brachten regelmäßig Lehrmaterial in die Lager nach Palästina, damit die Eltern ihre Kinder unterrichten konnten; außerdem veranstalteten sie Straßenfeste, auf denen Papier und Stifte verteilt wurden, um den Kindern eine Möglichkeit zu geben, ihre Erfahrung ergotherapeutisch zu verarbeiten.

Als Mer-Khamis 1993 den Right Livelihood Award (den Alternativen Nobelpreis) verliehen bekam, half ihre Organisation mit 15 Mitarbeitern und 25 Volontären 1.500 Kindern in Palästina. Auch das Freedom Theater in Jenin gehört zu den Einrichtungen der Organisation; über ihre Arbeit mit den Kinder drehte ihr Sohn Juliano Mer-Khamis den Dokumentarfilm Arnas Kinder, der 2004 erschien. Arna Mer-Khamis war 1995 bereits an Krebs verstorben; Juliano, der sich „100% Jude und 100% Palästinenser“ fühlte (Quelle: Wikipedia), wurde 2011 vor den Augen seines Sohnes erschossen.

Auf der Seite des Right Livelihood Awards findet sich eine Biografie sowie ihre Dankesrede als Lesematerial. Einblicke in die Arbeit des Freedom Theater und in den Film Arnas Kinder gibt Juliano Mer-Khamis in diesem YouTube-Clip:



11/2019: Marie Juchacz, 15. März 1879

Als Tochter eines Zimmermannes kannte Marie Juchacz Not und Armut. Nachdem ihr Vater an der Lunge erkrankte, musste sie mit 14 Jahren die Volksschule in Landsberg an der Warthe verlassen, um als Dienstmädchen zu arbeiten. Nach weiteren beruflichen Stationen in einer Textilfabrik und als Krankenschwester in einer psychiatrischen Anstalt machte sie schließlich eine Schneiderlehre; den Schneider, bei dem sie anschließend eingestellt wurde, heiratete sie kurz darauf. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor – eines noch im Jahr der Eheschließung –, sie hielt jedoch nur drei Jahre. Als geschiedene Mutter zog sie 1906 mit ihrer Schwester Elisabeth Röhl und deren Kindern in einen gemeinsamen Haushalt nach Berlin; ihr Schwager verblieb in Köln.

Die beiden Schwestern unterstützten sich nicht nur als arbeitende Mütter gegenseitig, sondern verfolgten auch beide politische Ambitionen, die von ihrer beider älterem Bruder Otto geweckt und gefördert worden waren: Er hatte ihnen „Die Waffen nieder!“ von Bertha von Suttner und Bebels „Die Frau und der Sozialismus“ zu lesen gegeben. Schon in Juchacz‘ Geburtsjahr hatte Bebel als Mitglied der SPD gefordert, Frauen die Mitgliedschaft in Parteien zu erlauben, es dauerte jedoch bis 1908, bis dies gesetzlich erlaubt war. Sofort trat Juchacz der SPD bei; sie war damit eines der ersten weiblichen Parteimitglieder, neben ihrer Schwester, und es sollte noch weitere zehn Jahre dauern, bis Frauen auch das Wahlrecht zugesprochen werden sollte.

In den folgenden fünf Jahren entwickelte sich Juchacz zu einer bekannten Persönlichkeit und beliebten Rednerin in der Partei. Für einige Jahre ließ sie ihre Kinder bei der Schwester in Berlin zurück, um als „Frauensekretärin“ der Partei in Köln für die gewerkschaftliche Organisation der Textilarbeiterinnen im Aachener Raum tätig zu sein; während des Ersten Weltkriegs arbeitete sie mit ihrer Schwester und anderen Frauen in der SPD in der „Heimarbeitszentrale“ und der Lebensmittelkommission. Als sich 1917 die Sozialdemokratische Partei spaltete, übernahm Juchacz, in der SPD verbleibend, die Position Clara Zetkins als „Frauensekretärin“ unter Friedrich Ebert sowie deren Stelle als Redaktionsleitung der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift Die Gleichheit.

Zwei Jahre später wurden nach der Einführung des Frauenwahlrechts Juchacz und ihre Schwester Röhl als zwei von 37 Frauen in die Weimarer Nationalversammlung gewählt; Juchacz war die erste Frau, die eine Rede im Parlament hielt.

„Meine Herren und Damen!“ (Heiterkeit.) „Es ist das erste Mal, dass eine Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat.“

https://www.reichstagsprotokolle.de

Als die Nationalversammlung vom Reichstag abgelöst wurde, erhielt nur Juchacz, nicht aber ihre Schwester einen Sitz im neuen Parlament. Juchacz Hauptinteresse galt jedoch nicht der Politik an sich, sondern den Möglichkeiten der Politik, Menschen in Not und Armut zu helfen. So gründete sie basierend auf ihren Erfahrungen während des Ersten Weltkriegs, mit staatlicher Unterstützung Selbsthilfe zu entwickeln, den „Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD“, aus dem der heutige, parteiunabhängige Arbeiterwohlfahrtsverband entstand. Mittagstische, Nähstuben, Werkstätten und Beratungsmöglichkeiten für sozial Bedürftige, insbesondere Kriegsgeschädigte, wurden unter Juchacz‘ Kommission gegründet.

Sie blieb Mitglied des Reichstags bis 1933; bei der Reichspräsidentenwahl 1932, der letzten der Weimarer Republik, bei der das Volk für den Präsidenten abstimmte, hielt sie noch einmal eine pointierte Rede, in der sie klar gegen Hitler und die an Zustimmung gewinnende NSDAP Position bezog:

Die Frauen … durchschauen die Hohlheit einer Politik, die sich als besonders männlich gibt, obwohl sie nur von Kurzsichtigkeit, Eitelkeit und Renommiersucht diktiert ist. Dieser Politik, der nationalsozialistischen Politik, mit allen Kräften entgegenzutreten, zwingt uns unsere Liebe zu unserem Volke…

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/marie-juchacz

Mit der Reichstagswahl vom 5. März 1933, mit der die NSDAP die einzige Regierungspartei wurde, verließ Juchacz mit anderen Parteimitgliedern Deutschland ins Saarland, zu dem Zeitpunkt französisch; nach Anschluss des Saargebiets an das Deutsche Reich floh sie über Marseilles und Martinique in die USA. Dort traf sie auf ihren verwitweten Schwager – ihre Schwester war bereits 1930 gestorben. Sie lernte Englisch und wurde in der Versorgung der Kriegsflüchtlinge aktiv, bis hin zu einer Gründung der „Arbeiterwohlfahrt USA – Hilfe für die Opfer des Nationalsozialismus“ in New York nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Vier Jahre nach dessen Ende kehrte sie nach Deutschland zurück und wurde dort zur Ehrenvorsitzenden der neu ins Leben gerufenen AWO. Sieben Jahre später starb sie 77jährig in Düsseldorf.

Selbstverständlich liefert die AWO eine ausführliche Biografie von Marie Juchacz auf ihrer Webseite.

9/2019: Bertha Pappenheim, 27. Februar 1859

Bertha Pappenheim

Bertha Pappenheim, geboren als Tochter wohlhabender jüdicher Eltern in Wien, lebte ein volles Leben, geteilt in zwei sehr unterschiedliche Abschnitte.

Ihre Kindheit war von einem schweren Verlust geprägt: Als Bertha acht Jahre alt war, starb ihre zehn Jahre ältere Schwester Henriette an Tuberkulose. Außerdem musste sie mit 16 Jahren die Schule verlassen, um ihrer Mutter im Haushalt zu helfen; dass ihr jüngerer Bruder weiterhin seine Bildung fortsetzen durfte, war eine weitere Verletzung für die junge Frau.

In der Sommerfrische 1880, die die Familie Pappenheim in Bad Ischl verbrachte, erkrankte ihr Vater schwer. Während einer Nachtwache an seinem Bett halluzinierte die besorgte Pappenheim und erlitt etwas, was damals als „Hysterie“ bezeichnet wurde – heute würde es als Nervenzusammenbruch gelten, der sich als dissoziative Identitätsstörung äußert.

Sie verlor ihre Sprache zeitweise ganz, zeitweise sprach sie nur noch Englisch oder Französisch, wobei sie jedoch weiterhin Deutsch verstand. Sie litt an Nervenschmerzen, Sehstörungen und Lähmungserscheinungen, konnte oder wollte zeitweise nicht essen, wechselte zwischen depressiven, ängstlichen Phasen und Zeiten der Gelöstheit, doch erinnerte sich jeweils in der einen Phase nicht an Ereignisse der anderen.

Erst nach mehreren Monaten dieses Leidens zog die Familie den Arzt Josef Breuer hinzu. Seine Behandlung bestand neben der Versorgung der physischen Bedürfnisse – gegen die Schmerzen erhielt Pappenheim Morphin und Chloral, was später zu einer Abhängigkeit führte – darin, sie unter Hypnose Geschichten erzählen zu lassen. Als ihr Vater im April des darauffolgenden Jahres starb, verfiel Pappenheim zunächst in Katatonie. Weiterhin verschlimmerte sich ihre „Hysterie“ so sehr, dass sie zwangsweise in ein Sanatorium eingeliefert wurde. Sie blieb auch nach ihrer Entlassung für ein weiteres Jahr, bis Juni 1882, in Breuers Behandlung.

In den „Studien zur Hysterie„, die Breuer gemeinsam mit Sigmund Freud 1895 veröffentlichte, ist ihr Fall als der der „Anna O.“ geschildert (zu diesem Namen kamen die Autoren, indem sie von ihren wirklichen Initialen B. P. im Alphabet einen Buchstaben zurückgriffen). Die an Pappenheim entwickelte Gesprächstherapie, das „Aberzählen“ der traumatischen Erinnerungsinhalte, wurde zur Basis der Psychoanalyse. Freud selbst bezeichnete die Patientin als „eigentliche Begründerin des psychoanalytischen Verfahrens“, da sie es war, die feststellte, dass sie das Sprechen über angstbesetzte Ereignisse entlastete. Sie nannte es einen chimney sweep (Kaminreinigung) oder eine talking cure (Redekur); als Katharsis-Theorie fand diese Form der Aufarbeitung Eingang in die psychoanalytische Praxis.

Pappenheim erzählte in der Zeit mit Breuer unter Hypnose täglich in Form von Geschichten und Beschreibungen ihrer Halluzinationen, dabei ging sie chronologisch rückwärts vor. Wenn sie bei dem erstmaligen Auftreten eines Symptoms oder einer Halluzination angekommen war, so schildert es Breuer, traten diese noch einmal verstärkt auf, um dann gänzlich zu verschwinden. Aufgrund dieser Entlastung eilte Pappenheim hoch motiviert durch die Therapie – Breuer selbst nannte es einen Ordal – um zu einem festgelegten Zeitpunkt mit der Therapie abzuschließen. Mit dem „Aberzählen“ einer Halluzination von schwarzen Schlangen in der Nacht, als sie bei ihrem kranken Vater gesessen hatte, sei sie vollständig geheilt gewesen, behauptete Breuer in seiner Bearbeitung.

Tatsächlich kehrten die Symptome ihrer Erkrankung zeit ihres Lebens, bereits im ersten Jahr nach ihrer Entlassung durch Josef Breuer, immer wieder auf. Pappenheim suchte regelmäßig freiwillig die Sanatorien auf, in denen sie in ihren Zwanzigern behandelt wurde. Schon Freud wusste davon, unter seinen Schülern löste diese Tatsache einen Streit um die wirkliche Wirksamkeit dieser Form der Therapie aus. Nichtsdestotrotz ist das Sprechen über Verletzungen in der Biografie noch immer Bestandteil vieler Formen der Psychotherapie – die Erkenntnis, wie aus bestimmten Ereignissen in der Vergangenheit Glaubenssätze oder Verhaltensweisen entwickelt wurden, die in der aktuellen Lebenslage schädlich oder unproduktiv sind, kann Therapiepatienten auch heute noch helfen.

Pappenheim war, abgesehen von ihrer psychischen Disposition, eine starke Persönlichkeit. Intelligent, willensstark, engagiert, zog sie nach ihrer psychoanalytischen Behandlung aus, um große Dinge für junge jüdische Frauen zu tun. Einen Widerspruch zwischen ihrem Charakter und ihrem Leiden sieht nur, wer psychische Krankheiten für ein Zeichen von Schwäche oder mangelndem Intellekt hält. In Wirklichkeit ist es für eine kluge, ehrgeizige junge Frau eine verständliche Reaktion, unter den Einschränkungen, die eine patriarchalische Gesellschaft ihr auferlegt, zusammenzubrechen und in eine Dissoziation von der schmerzlichen Wirklichkeit zu flüchten. Ihre Freunde und Anhänger, Verehrer ihrer Leistungen in der deutschen jüdischen Gemeinde, reagierten empört auf die Entdeckung, dass es sich bei dem Fall „Anna O.“ um Pappenheim handelte, und sie selbst sprach nie über diesen Lebensabschnitt, lehnte auch für andere die Möglichkeiten einer Psychoanalyse oder -therapie vehement ab. Der Grund dafür ist wohl ganz einfach das Stigma, das noch heute auf psychischen Erkrankung lastet: Als wären Depressionen, Angstzustände, dissoziative Störungen und dergleichen eine eigene, unkluge Wahl der Lebensführung oder Zeichen einer defizitären Persönlichkeit.

Nach einem Aufenthalt in einer Privatklinik am Bodensee, direkt im Anschluss an die von Breuer beendete Therapie, besuchte Pappenheim Familie in Karlsruhe. Ihre Cousine Anna Ettlinger war eine der Mitbegründerinnen des Mädchengymnasiums vor Ort und förderte die Interessen und Talente Pappenheims, außerdem besuchte die 23-jährige kurzfristig eine Schule für Krankenpflegerinnen, konnte die Ausbildung jedoch nicht abschließen. Der Aufenthalt in einer Umgebung, die Frauen nicht auf ihre Aufgaben im Haushalt und der Ehe reduzierten, tat Pappenheim offenbar gut, denn sie wurde kurz darauf aus der Klinik entlassen. Die folgenden sechs Jahre lebte sie mit ihrer Mutter in Wien und besuchte noch drei weitere Male das Sanatorium, in dem sie zu Beginn ihrer Therapie behandelt worden war.

Mit einem Umzug nach Frankfurt 1888 begann Pappenheim eine Karriere in der jüdischen Frauenbewegung. Inzwischen 29, veröffentlichte sie eigene Texte, übersetzte Mary Wollstonecrafts A vindication of the rights of woman, engagierte sich politisch und sozial; von der Mitarbeit in einer Armenküche arbeitete sie sich in sieben Jahren zur Leitung eines Waisenhauses hoch. In den kommenden Jahren konnte sie sich mit ihrer Tätigkeit in der jüdischen Frauenbewegung von der gesellschaftlichen Erwartung befreien, einen Mann heiraten zu müssen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann sie, sich vor allem gegen den Mädchenhandel innerhalb der jüdischen Gemeinschaft einzusetzen – und zwar nicht nur für die Opfer, jüdische Mädchen, sondern auch gegen die jüdischen Männer unter den Tätern. 1904 wurde sie zur ersten Vorsitzenden des Jüdischen Frauenbundes gewählt, in dem sie bis zu ihrem Tod aktiv blieb. In dieser Position wurde sie zu einer zentralen Figur in der feministischen Bewegung im Judentum, die nicht nur mit unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Religion, sondern auch mit dem jahrhundertelang gefestigten Patriarchat zu ringen hatte. Nach 13 Jahren war Pappenheim zermürbt davon, dass die wohltätige Arbeit beständig von politischen oder theologischen Differenzen behindert wurde, und veranlasste mit ihren öffentlichen Aussagen dahingehend die Gründung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland.

Als ihre wichtigste Arbeit betrachtete sie das Mädchenwohnheim in Neu-Isenburg, in welchem jüdische Mädchen eine Heimat fanden, die in Gefahr waren, dem Mädchenhandel zum Opfer zu fallen. Eingebunden in die jüdische Tradition, sollten die jungen Frauen hier zu Selbständigkeit erzogen und in ein eigenverantwortliches Leben begleitet werden. Das Haus war dafür eingerichtet, den Vorschriften des Judentums im Alltag folgen zu können. Was mit zehn Bewohnerinnen im Jahr 1904 begann, gelang es Pappenheim in zwanzig Jahren – nur mit Spenden – zu einem Zuhause für 152 ansonsten obdachlose Frauen zu machen. Die Kinder dieser Frauen wurden in einer nahegelegenen Klinik geboren, lebten mit ihnen dort und gingen auf die Volksschule in Neu-Isenburg.

Auch wenn sie sich als gebildete und ehrgeizige Persönlichkeit in ihrer politischen Arbeit verwirklichen konnte, der Verzicht auf eine Ehe oder die Liebe war ihrerseits nicht freiwillig. Wenigsten in den letzten Jahren pflegte sie, zeitweise nur über Briefe, eine enge Beziehung zu ihrer 38 Jahre jüngeren Kollegin und Mitstreiterin Hanna Karminski, die sie auch in den Monaten vor ihrem Tod pflegte. Bereits von Krebs geschwächt, reiste Pappenheim noch ein letztes Mal an die Orte früherer Wirkungsstätten. Noch sechs Wochen bevor sie starb, bot sie der Staatspolizei des Hitlerregimes die Stirn: Eine junge, geistig behinderte Frau aus ihrem Neu-Isenburger Wohnheim hatte abfällig über Adolf Hitler gesprochen, doch nachdem Pappenheim zum Verhör angetreten war, wurde die Sache fallen gelassen. Am 28. Mai 1936 starb Pappenheim und musste so nicht mehr miterleben, wie die Kinder ihres Heimes der Volksschule Neu-Isenburg verwiesen wurden, wie die NSDAP die Auflösung des Heimes betrieb, es schließlich am Tag nach der „Reichskristallnacht“ angegriffen und niedergebrannt wurde. Es blieb ihr erspart mitzuerleben, wie die Bewohnerinnen des Heims in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurden und ihre Freundin Karminski im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet wurde.

Die Biografie „Anna O. – Bertha Pappenheim“ von Marianne Berntzel, erschienen 2003, wurde im Büchermarkt vom Deutschlandfunk besprochen. Der FrauenMediaTurm hat ebenfalls einen ausführlichen Beitrag zu ihrer Biografie.

Bild: Von Unidentified photographer – Albrecht Hirschmüller: Physiologie und Psychoanalyse im Leben und Werk Josef Breuers. Jahrbuch der Psychoanalyse, Beiheft Nr. 4. Verlag Hans Huber, Bern 1978. ISBN 3456806094., Gemeinfrei