Schlagwort: film

heaven‘s gate

Lieblingsszene

„Don’t you think a woman can love two men?”

“Sure you can! Or three. But it sure as hell isn‘t convenient!“

“I can manage.”

invisible sue

am donnerstag startet ein deutscher kinderfilm in den kinos, den ich allen kindern, jugendlichen und auch erwachsenen superheld:innen-fans ans herz legen möchte. invisible sue von markus dietrich bezieht sich optisch deutlich auf die comic-genese des superheld:innen-prinzips, hat sichtbaren spaß an dynamik und popkulturellen referenzen und macht ganz einfach mal das geschlecht seiner protagonist:innen (fast komplett) zu einem unwesentlichen charaktermerkmal. bei FILMLÖWIN habe ich mir drei gedanken zu dem film gemacht.

25/2019: Meryl Streep, 22. Juni 1949

Immer wieder bin ich in den letzten Jahren an Meryl Streep vorbeigekommen, immer wieder habe ich gedacht, zu ihr muss ich nicht extra etwas schreiben, die kennen ja alle. Heute wird sie aber 70 und ich habe wahnsinnig viel zu tun.

Sie war 28, als sie in ihrem ersten Kinofilm mitspielte – Julia, ein Film über eine Frauenfreundschaft vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus, mit Vanessa Redgrave und Jane Fonda in den Hauptrollen. Seitdem hat sie jedes Jahr (ausgenommen 1980 und 2000) mindestens einen Film gedreht. Dabei ist es nicht nur der reine Fleiß, der sie so gut beschäftigt hält: Insgesamt 21 Oscar-Nominierungen hat Meryl Streep auf dem Lebenslauf und damit sage und schreibe neun mehr als Katharine Hepburn, die mit zwölf Nominierungen den zweiten Platz der häufigsten Oscar-Anwärter:innen belegt. Die Hepburn gewann die goldene Statue dafür viermal, Meryl Streep „nur“ dreimal, zuletzt für Die Eiserne Lady.

In dem Bio-Pic über Margaret Thatcher stellte die Charakterdarstellerin ihre schauspielerischen Fähigkeit unter Beweis – ein Aspekt, der dem Film in vielen Rezensionen positiv angerechnet wurde, während die Reaktionen ansonsten gemischt ausfielen. Die menschliche, ja nachsichtige Betrachtung der Iron Lady, die für ihren harten Regierungsstil bekannt war, war nicht von allen gerne gesehen.

Ohne ihre Politik voll und ganz zu kennen und dementsprechend kritisieren oder verteidigen zu wollen, stimme ich Meryl Streep zu, dass ihre Errungenschaft als Frau nicht zu unterschätzen sind. „Sie musste mehr von ihrem eigenen Geschäft und von dem der sie umgebenden Männer verstehen, um niemals hinter die Erwartungen an sie zurückzufallen. Sie konnte niemals Tränen zeigen, denn das wäre eine ganz besondere Seite der Schwäche in einer Frau, und deshalb hatte sie dieses kalte und kontrollierte Auftreten“, erläutert Streep ihre Sicht auf die Politikerin in diesem CNN-Interview.

Im unten verlinkten Clip sprechen Streep und Regisseurin Phyllida Lloyd ausführlich über ihre Sichtweise auf Thatcher und welche Erkenntnisse sie beim Dreh über sie errungen haben.

SpOn verschaffte bei kurz vor Kinostart des Film 2012 einen Überblick über die Reaktionen aus verschiedenen politischen Lagern. Auch die FILMLÖWIN hat damals über den Film geschrieben und war von Meryl Streep begeistert, von der Dramaturgie jedoch unterwältigt.

reise nach jerusalem

arbeitslose akademikerin bewirbt sich erfolglos, nennt sich selbständig und versucht, ihrem leben mit to-do-Listen sinn und struktur zu geben – mein leben als film! Lucia Chiarlas Reise nach Jerusalem durfte ich für FILMLÖWIN sehen und besprechen. real talk: ich habe bei dem film so viel geweint wie bei Watership Down. es ist einfach zu wahr.

mary shelley

für die FILMLÖWIN durfte ich Mary Shelley besprechen – seit dem 9. Mai auf DVD/BD – ein sehr schöner film, der locker den bechdeltest besteht und (fast) alles richtig macht!

Wer sich vorher oder hinterher noch mal etwas zur echten Mary Shelley zu Gemüte führen möchte, kann ja noch meinen Beitrag von 2016 zu ihr lesen. Ihr Leben nach der Veröffentlichung von Frankenstein bekommt dort auch nicht sehr viel Raum, deshalb hier eine kurze Zusammenfassung ihres Lebens post-Frankenstein. Sie schrieb weitere Romane und Reiseberichte, vor allem aber arbeitete sie daran, das Werk ihres verstorbenen Mannes zu veröffentlichen. Davon, seine Biografie zu schreiben, hielt sie ihr Schwiegervater ab, der seine finanziellen Zuwendungen – auf die sie lange Zeit angewiesen blieb – davon abhängig machte, dass niemand von den radikalen Ansichten seines Sohnes erfuhr. Der Tod von Percys erstem Sohn mit Harriet Shelley machte Marys Sohn Percy Florence zum direkten Erben des Shelley-Vermögens und als der Schwiegervater später starb, waren Mutter und Sohn ihre wirtschaftlichen Sorgen halbwegs los.

Sie traf nach Percys Tod noch einige Männer, die ihr die Ehe antrugen, aber sie lehnte stets ab. Sie könne nach einer Ehe mit einem Genie nur ein weiteres heiraten, war ihre Begründung. Dafür half sie allerdings einem befreundeten Frauen*-Pärchen, in Frankreich wie Mann* und Frau* zusammenzuleben – sie half ihnen, den Pass einer der beiden zu fälschen, sodass diese dort unter ihrem männlichen Pseudonym leben konnte.

Sie wurde mehrfach Opfer von Erpressungsversuchen, die auf ihrer oder Percys „unmoralischer“ Lebensweise beruhten. Ein Mann erpresste sie damit, eine kritische Biografie Percy Bysshe Shelleys herausbringen zu wollen – worauf sie nicht einging, wohl, weil diese sie eventuell aus der Zensur durch ihren Schwiegervater befreit hätte. Sie fand allerdings ihren eigenen Weg, dennoch ihre eigene Sichtweise zu erzählen, indem sie Percys Gedichte mit ausführlichen Anmerkungen herausbrachte, die sehr ins biografische Detail gingen.

Noch etwas zu ihrem größten Werk, Frankenstein oder Der Moderne Prometheus. Es steht noch immer ein Film aus, der diese literarische Vorlage gänzlich von den filmischen Vorgängern frei und wirklich nach der Geschichte Shelleys erzählt. Als ich das Buch damals las, war ich immer wieder erschüttert, wie völlig anders Shelley den künstlichen Menschen charakterisiert, als es uns unsere popkulturellen Einflüsse glauben lassen. Ich kann nur empfehlen, sich dieses Werk auf die feministische Lektüreliste zu setzen.

Jetzt lest aber erst einmal meine Filmkritik auf FILMLÖWIN.

6/2019: Heidi Handorf, 5. Februar 1949


Heidi Handorf begann ihre Karriere als Assistentin im Filmschnitt 1974 mit 25 Jahren. In den 40 Jahren ihrer Karriere hat sie kontinuierlich preisgekrönte Arbeit geleistet, unter anderem als Verantwortliche für den Schnitt bei Edgar ReitzHeimat – Eine deutsche Chronik. Auch bei Hauffs Stammheim – dessen Auszeichnung mit dem Goldenen Bären 1986 umstritten war – und Sehrs Kaspar Hauser, der mich damals sehr beeindruckt hat, hat Handorf den Schnitt verantwortet.

Handorfs Wikipedia-Eintrag ist erfrischend ausführlich und sachlich, selbstverständlich ist sie auch auf IMDb vertreten. 2014 arbeitete an ihrem letzten Film, heute feiert sie ihren 70. Geburtstag.

Der Filmschnitt ist nicht ganz so alt wie Film selbst – erst mit der Entwicklung längerer Sequenzen in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts entstand auch die Kunst des Weglassens und der Montage. Während immer komplexere Geschichten in immer längeren Sequenzen erzählt wurden, wuchs das Editing zu einer eigenen, technisch herausfordernden Kunst heran. Für tiefere Einblicke ins Fach bietet die Uni Kiel das Filmlexikon an; es sei als immer noch wichtiges Experiment dazu, wie Filmschnitt die Wahrnehmung beeinflusst, nur der Kuleschow-Effekt genannt: Wie die Kombination mit unterschiedlichen folgenden oder vorangestellten Inhalten die Interpretation des montierten Inhalts beeinflusst. Auch ganz leicht mit dem Smartphone nachzubauen.

Frauen hatten jedenfalls im Editing schon immer eine höhere Quote – ermöglichte die Arbeit im dunklen, abgeschiedenen Schnittraum doch verantwortungsvolle Arbeit, ohne dass ihnen eine führende Rolle gegeben werden musste. Der englische Beitrag zum Film editing hat einen eigenen kurzen Absatz über women in film editing (Link englisch); interessant auch dieses Interview von 2016 auf der Webseite des Bundesverband Filmschnitt Editor e.V., mit Ursula Höf: „Die Montage ist eh meist unsichtbar und dann guckt man doch wieder eher auf die Männer als auf die Frauen. Dieses Phänomen stört mich.“ (Quelle: bfs-filmeditor.de)

Bild: Von Oliver Driemel / Heidi Handorf, CC BY-SA 3.0 de


R.I.P. Penny Marshall

Die Regisseurin von Big, Zeit des Erwachens und Eine Klasse für sich starb gestern mit 75 Jahren an Komplikationen ihrer Diabeteserkrankung.

Die andere Seite von Allem

Mila Turajlić (Serbien/Frankreich/Qatar, 2017)

Full Disclosure: Der deutsche Verleih JIP Film und Verleih ist an mich herangetreten und hat mir den Film für diese Rezension zugänglich gemacht; kein weiteres Honorar wurde vereinbart. Der Text spiegelt meine unbeeinflusste Meinung wieder.

Belgrad, 1947: Eine Tür wird abgeschlossen, die Wohnung der bürgerlichen Familie Turajlić in zwei Hälften aufgeteilt, auf Befehl der regierenden Kommunistischen Partei. Die Familie Turajlić lebt von nun an in der einen Hälfte, eine Familie aus dem Proletariat in der anderen. In diesen geteilten Räumen wächst Srbijanka Turajlić auf und auch ihre Tochter Mila, die Regisseurin des Dokumentarfilms. Auf ihrer Seite der Tür durchleben sie die Krisen, Kriege und Bürgerkriege, die Belgrad und Serbien unter seinen unterschiedlichen Namen und Staatsformen nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute nicht zur Ruhe kommen lassen.

Mila Turajlić erzählt sehr persönlich und intim davon, wie Politik ins Private dringt und wie Menschen sich dazu verhalten. Vom dreimaligen Klingeln der alten Freunde, mit dem sie sich noch immer zu erkennen geben, obwohl es den Geheimdienst, der nur einmal klingelte, inzwischen nicht mehr gibt. Vom Blick aus der Wohnung auf brennende Botschaften und Polizeiaufgebote. Und von Volkszählungen, in denen Srbijanka die Antwort auf ihre Nationalität und ihre Religion noch immer verweigert, während die alte Nachbarin, die Proletarierin, sich frei heraus als Serbin und Atheistin vermerken lässt.

In den Bildern, die abgesehen von Nachrichtenbildern sich fast vollständig im Haus der Familie Turajlić oder um es herum bewegen, vollzieht die 37-jährige Regisseurin die Geschichte ihres Landes und ihrer Familie nach. Schon ihr Urgroßvater war bei der Gründung des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen anwesend, wie ein Gemälde beweist, das verschwunden ist und wieder auftaucht. Die Mutter Srbijanka war als Professorin an der Belgrader Universität eine treibende Kraft bei den Demonstrationen gegen Milošević und aktiv in der Organisation Otpor!, die diesen schließlich zu Fall brachte. In Gesprächen, die Mutter und Tochter über mehrere Jahre miteinander und mit Besuchern in der geteilten Wohnung führen, stellen sie sich schwere Fragen: Ist es die Verantwortung der Eltern, in einem repressiven System, überhaupt am Leben zu bleiben, um für die Kinder zu sorgen – oder ist es ihre Verantwortung, gegen das System zu rebellieren und sich selbst zu gefährden? Ist es wichtiger zu bleiben und zu kämpfen oder zu gehen und arbeiten zu können?

Wir können hier in Deutschland vom Glück sprechen, seit dem Zweiten Weltkrieg eine politisch (verhältnismäßig) ruhige und wirtschaftlich (verhältnismäßig) sichere Zeit erlebt zu haben. Erschütternd im Gegensatz dazu, wie Srbijanka erzählt, dass sie 1996 aufgrund der Inflation nicht mehr genug Geld hatte, um ihre Familie für die nächste Woche zu ernähren – und in den Supermärkten auch gar nichts mehr vorhanden war, was sie hätte kaufen können. Dass in einem jetzt europäischen Land zu dem Zeitpunkt, als ich Abitur machte, Eltern entscheiden mussten, nichts zu essen, damit ihre Kinder (Mila Turajlić ist zwei Jahre jünger als ich) nicht hungern müssen. Doch trotz dieser entscheidenden Unterschiede, die die geografische Nähe der unserer Länder Lügen strafen, hat Mila Turajlićs Film auch für das deutsche Publikum höchste Relevanz. Auch in unseren Familien sind die Folgen eines totalitären Regimes noch spürbar, liegt es doch für einige nur zwei, höchstens drei Generationen zurück – für andere noch weniger. Und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit oder deren Verweigerung bestimmt auch in unserem Land noch immer, wohin sich Politik und Gesellschaft entwickeln.

Die Frage, ob wir auf die Straße gehen, um uns für das einzusetzen, was wir für richtig halten, müssen wir uns leider heute auch wieder wieder stellen. Srbijanka Turajlić hat in ihrem Leben reichlich gekämpft und ist müde, resigniert; sie fragt ihre Tochter, ob diese es in sich spürt, den Kampf fortzusetzen. Doch die Räume sind schon so lange getrennt, dass niemand so recht weiß, wie sie noch wieder betreten werden können, selbst, wenn die Türen geöffnet werden.

Der Film hinterlässt diese Unsicherheit, zwischen Hoffnung und Resignation; er bindet die beiden Frauen, Mutter und Tochter, ein in die Geschichte, die vor ihnen begann und nach ihnen weitergeht, ohne zu einem Schluss zu kommen, wie sehr sie den Lauf der Dinge beeinflussen können. Er lässt mich berührt zurück, ein wenig beschämt darüber, wie wenig ich über all das wusste, bewegt vom Mut und Entschlossenheit der Hauptfigur und ihrer Familie.

„Die andere Seite von Allem“ erhielt bereits zahlreiche internationale Filmpreise und läuft ab heute in ausgewählten Kinos. Die Termine können auf der Seite des Verleihs abgerufen werden.