Schlagwort: aktivistys des intersektionalen feminismus

22/2023: Nancy Cárdenas, 29. Mai 1934

Zur Welt kam Nancy Cárdenas in Parras de la Fuente, einem kleinen Ort im mexikanischen Bundesstaat Coahuila. Sie studierte zunächst Philosophie und Literatur an der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko, nebenher begann sie mit 20 Jahren als Radiosprecherin zu arbeiten; in diesen Fächern machte sie schließlich ihren Doktortitel. Sie studierte auch Theaterschauspiel in Yale und polnische Kultur und Literatur in Łódź. Während ihrer internationalen Studienzeit begegnete sie Menschen, mit denen sie sich über Queerness austauschte; diese Erfahrungen und Einsichten flossen auch in ihre späteren Werke ein.(2)

In den 1950ern arbeitete sie als Theaterschauspielerin, so war sie 1956 am Lyrik-Programm ‚Poesía en Voz Alta‚ (etwa ‚Poesie mit lauter Stimme‘) von Héctor Mendoza beteiligt. In der folgenden Dekade verlegte sich Cárdenas auf das Schreiben: Sie verfasste Theaterstücke und schrieb für Magazine und Zeitungen; ihr erstes Stück war der EinakterEl cantaro seco‚ (etwa ‚Der leere/trockene Krug‘). Bereits in dieser Zeit war sie politisch aktiv und trat für kommunistische und feministische Ziele ein, beides keine sehr beliebten Haltungen in der mexikanischen Gesellschaft; 1968 wurde sie bei Protesten gegen Polizeigewalt verhaftet. Auch in ihren Texte bezog sie politisch Position, etwa in dem Stück ‚SIDA… así es la vida‚ (etwa ‚AIDS… so ist das Leben‘) und in ihrer Adaption des Romans ‚Quell der Einsamkeit‚ von Radclyffe Hall. In den 70er Jahren wechselte sie schließlich ins Regiefach, ihre Produktion von ‚The Effect of Gamma Rays on Man-in-the-Moon Marigolds‚ von Paul Zindel gewann einen Kritikerpreis.

Inzwischen war ihre politische Haltung und ihr Einsatz für die Rechte Homosexueller und anderer gesellschaftlich marginalisierter Personen allgemein bekannt. Dennoch war es ein unerhörter Moment, als sie 1973 öffentlich bekannte, lesbisch zu sein. Sie war Gast in der Sendung ‚24 horas‚ (’24 Stunden‘) und sprach mit dem Moderator über die Entlassung eines homosexuellen Angestellten aufgrund seiner sexuellen Orientierung. Im Rahmen dieses Gesprächs erklärte sie ihre eigene Homosexualität und war damit die erste Lesbe, die öffentlich ihr Coming Out hatte. Nach dem Gespräch war sie zwar nicht Opfer direkter Anfeindungen, dennoch spürte sie den nachteiligen Effekt: „Niemensch sprach mich darauf an attackierte mich dafür, alles, was ich erhielt, waren Glückwünsche, aber niemensch gab mir mehr Arbeit.“(3) In dieser Phase der eingeschränkten beruflichen Tätigkeit wurde sie umso mehr gesellschaftlich aktiv: Schon im Jahr nach ihrem Coming Out gründete sie die erste Homosexuellen-Organisation Mexikos, die Frente de Liberacíon Homosexual (Link Englisch, in diesem Beitrag wird das Gründungsjahr allerdings mit 1971 angegeben). In die Aufgabe, einer Menschenrechtsorganisation vorzusitzen, stürzte sie sich mit Leidenschaft, sprach mit vielen Betroffenen und sammelte Erzählungen aus der Gemeinschaft. Als Vorsitzende der Organisation nahm sie 1975 an der ersten Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen in Mexiko-Stadt teil, sie war hier Gastgeberin eines Forums über Lesbianismus – aus der Diskussion der Beteiligten des Forums entstand das Manifesto in Defense of Homosexuals in Mexico, das sie mit Carlos Monsivaís verfasste. Die Teilnahme öffentlich bekennender lesbischer Frauen an der Konferenz wurde von außen heftig kritisiert; gegen das Forum wurde mit Schildern protestiert, allerdings soll Cárdenas mit einer der Protestierenden – die ein Schild trug, das Cárdenas‘ Tötung forderte – gesprochen und erfahren haben, dass diese von der Polizei bezahlt worden war.(3) Nach der Veranstaltung lud sie die internationalen Beteiligten zu sich nach Hause ein; dort konnten Lesben aus aller Welt ins Gespräch kommen mit den Lesben der mexikanischen Bewegung. Zur dieser Gemeinschaft gehörten nach Cárdenas auch ‚lesbians who thought they were women trapped in men’s bodies‚, also trans Frauen, sowie wahrscheinlich auch Frauen, die Frauen liebten, sich aber männlich identifizierten. Entgegen der heute so nicht mehr akzeptablen sprachlichen Ausdrücke fasste der Lesbianismus in Cárdenas Gemeinschaft nicht nur die klassische Interpretation von weiblich gelesenen Personen, die sich sexuell zu ebenso weiblich gelesene Personen hingezogen fühlen.(3, der Quellentext verweist hier ganz richtig darauf, dass zu dieser Zeit die Wahrnehmung von Transidentität und somit auch die Sprache/das Sprechen darüber nicht dem heutigem Kenntnisstand entspricht und deshalb auch nicht an heutigen Idealen gemessen werden kann)

Als eine Ikone der LGBTQ-Gemeinschaft in Mexiko führte Nancy Cárdenas am 2. Oktober 1978 auch die erste Gay Pride Parade Mexikos an, die sich einem Erinnerungsmarsch zum Jahrestag des Massakers von Tlatelolco anschloss. Ihre Aktivität insbesondere als lesbische Frau wurde von den unterschiedlichen politischen Kreisen, die sich nicht unbedingt überschnitten, nicht mit Wohlwollen betrachtet: Im heteronormativen Feminismus wurde Lesbianismus zwar still hingenommen, doch sprechen sollten die Frauen nicht darüber – lesbischer Aktivismus sei anti-feministisch, weil er von ‚echten Problemen‘ ablenke. Ebenso waren ihre Genoss*innen im kommunistischen Kampf der Meinung, lesbischer Aktivismus sei anti-kommunistisch, weil er von ‚echten Problemen‘ ablenke. Andere fanden, die Idee der Queerness – der Homosexualität, der nicht-cis Identität – sei aus den USA importiert und widerspräche den mexikanischen Traditionen. Alles Positionen also, die dem intersektionalen Feminismus auch heute noch entgegenstehen: Dass er von den ‚eigentlichen‘ Problemen ablenke oder in irgendeiner moralischen oder ideologischen Verderbtheit oder Verwahrlosung entspringe.

In den Jahren nach dieser Gründerzeit schrieb Cárdenas weiterhin Theaterstücke und Lyrik, 1979 führte sie Regie bei dem Dokumentarfilm ‚Mexico des mis amores‚. Außerdem hielt sie als Feministin und Sexologin Vorträge, trat im Fernsehen auf und organisierte Konferenzen. Sie starb am 23. März 1994 mit 69 Jahren in Mexiko-Stadt an Brustkrebs.


Quelle Biografie: Wikipedia (Link Englisch)
außerdem:
(1) LGBT History Month
(2) Making Queer History

21/2023: Barbara May Cameron, 22. Mai 1954

CN: In Titeln und Namen von Organisationen wird das alte englische Wort für amerikanische Ureinwohner verwendet, insbesondere jedoch als Selbstbezeichnung. In dieser Form und Funktion schreibe ich es aus.

In ihrem Essay Gee, You Don’t Seem Like An Indian From the Reservation schreibt Barbara May Cameron, dass sie bis zu ihrem fünften Lebensjahr bereits erlebt hatte, wie ein alter Mann von der Polizei tödlich in den Rücken geschossen wurde, und sie stumme Zeugin war, wie eine Gruppe Jugendlicher einen älteren Herrn zusammenschlugen. Cameron kam als Kind einer Hunkpapa Lakota Familie im Standing Rock Reservat in North Dakota zur Welt und wuchs dort bei ihren Großeltern auf. Schon als Kind, erzählte sie später, habe sie von der Stadt San Francisco gelesen und gesagt, eines Tages werde sie auch dort leben und die Welt retten.(2) In der neunten Klasse gewann sie einen Schreibwettbewerb (von Pepsi), der Preis war $1000 und eine Fahrt nach Washington, D.C.(3,4)

Sie besuchte die Highschool im Reservat, im Anschluss studierte sie Fotografie und Film am Institute of American Indian Arts (Link Englisch) in New Mexico, 1973 ging sie mit 19 Jahren nach San Francisco und studierte dort am San Francisco Art Institute. Sie war als Fotografin und Filmemacherin erfolgreich, als Aktivistin für homosexuelle Indigene schrieb sie auch zahlreiche Essays und Artikel.

1975 gründete sie mit Randy Burns (Link Englisch), einem Zuñi, die Gay American Indians, die erste Organisation, die sich für die gesellschaftliche Befreiung und Sichtbarkeit homosexueller Indigener einsetzte. Die Funktion der Organisation war nicht nur, als Homosexuelle of Color einen sicheren Raum zu finden, denn der Rassismus war auch in der hauptsächlich weißen Homosexuellen-Szene massiv – Schwarze und Indigene wurden nicht oder nicht ohne Weiteres in die Clubs gelassen. GAI diente auch als anthropologische Sammelstätte, in der die homosexuellen Indigenen ihr Wissen und ihre Erinnerungen an ihre Stammeskulturen zusammentrugen. Die Terminationspolitik (CN: I*-Wort) der 1950er-Jahre hatte diese so gut wie vernichtet, bei dem Versuch, sämtliche US-amerikanischen Indigenen zu ‚assimilieren‘: An Schule war es bei Strafe verboten, die eigenen Sprachen zu sprechen oder religiöse Rituale durchzuführen, Reservate – schon extrem begrenzte Lebensräume – sollten aufgelöst werden, dabei verloren viele die staatliche Unterstützung und jeden gesellschaftlichen Halt. Die Generation, die dies durchlebte, war schwer traumatisiert. Die Mitglieder von GAI waren zumeist die Kinder dieser Generation und erzählten sich nun gegenseitig, was sie noch von ihren Großeltern erfahren und gelernt hatten; sie sammelten auch die Namen für two spirits in ihren jeweiligen Stammessprachen. So wurde GAI auch zu einem historisch relevanten Projekt.

Zwischen 1980 und 1985 war sie an der Organisation der jährlichen Lesbian Gay Freedom Day Parade beteiligt – im ersten Jahr ihrer Beteiligung war sie nicht zufrieden mit der Repräsentation marginalisierter Gruppen als Sprecher. Diesem Gefühl gab sie in einer Rede Ausdruck, in der sie den Rassismus und Klassismus der Gemeinschaft ansprach und auf die Anfänge der Pride-Bewegung hinwies(3, Transkript und Übersetzung von mir):

Ihren Text ‚Gee, You Don’t Seem Like An Indian From the Reservation‚ schrieb sie 1981; darin beschreibt sie die Schwierigkeiten zur weißen Gesellschaft ebenso wie zu ihrer eigenen Kultur; sie nennt u.a. die Ermordung von Anna Mae Aquash als Anlass für ihren politischen Aktivismus. In den frühen 1980er begann auch die Beziehung zu ihrer Lebenspartnerin, mit der sie einen Sohn großzog. 1986 lebte sie mit einer Gruppe anderer Frauen unter dem Namen ‚Sonos Hermanas‚ (Wir sind Schwestern) eine Zeit in Nicaragua, um dort Frauen zu helfen.

Ende der 1980er Jahre war sie Vizepräsidentin des Alice B. Toklas LGBT Democratic Club, 1988 trat sie als Delegierte für Jesse Jacksons Rainbow Coalition (Link Englisch) beim Parteitag der Demokratischen Partei an. Sie leitete 1989 bis 1992 die Organisation Community United Against Violence, die Opfer von häuslicher Gewalt unterstützte. Ab Anfang der 1990er begann sich Cameron auch für die Aufklärung über HIV/AIDS und die Unterstützung Betroffener in der indigenen Gemeinschaft einzusetzen; sie besuchte 1993 die International Conference on AIDS als Delegierte des International Indigenous AIDS Network. Über ihren Besuch in Berlin schrieb sie das Essay ‚Frybread in Berlin‚ (Link Englisch, ganzer Text zum Download verfügbar). Sie war im Vorstand der San Francisco AIDS Foundation und des American Indian AIDS Institute, außerdem gründete sie das Institute on Native American Health and Wellness.

Werke von ihr erschienen in diversen Anthologien und Sammlungen:
Our right to love: a lesbian resource book (1978)
This Bridge Called My Back: Writings by Radical Women of Color (Link Englisch) (1981)
A Gathering Of Spirit: A Collection of Writing and Art by North American Indian Women (Link Englisch) (1983)
New Our Right To Love: A Lesbian Resource Book (1996)

Sie starb am 12. Februar 2002 mit nur 47 Jahren und wurde auf eigenen Wunsch, nach einem Leben vor allem in San Francisco, im Standing Rock Reservat beigesetzt. Ihr Drehbuch ‚Long Time, No See‚ blieb unvollendet.

Nicht viel mehr als dies, aber sehr charmant und lebendig erzählt Dr. Leah Leach im Gal’s Guide Podcast über Barbara May Cameron.


Quelle: Wiki englisch
außerdem:
(2) KQED
(3) Pride is a Protest
(4) Indigenous Goddess Gang

20/2023: Inna Bocoum, 19. Mai 1984

CN: FGM

Als sechstes von sieben Kindern kam Inna Bocoum in Bamako, der Hauptstadt Malis, zur Welt. Ihren heutigen Künstlernamen verdankt sie ihrer Mutter, die sie ‚Modja‘ nannte: In der westafrikanischen Sprache Fulfulde bedeutet es ’nicht gut‘ (auf englisch: ‚cheeky‚), könnte also vielleicht mit ‚Tunichtgut‚ übersetzt werden.

Ihre Kindheit verlebte Inna Bocoum zu Teilen in Ghana. Während eines Besuchs bei der malischen Familie, als Inna noch keine vier Jahre alt war, wurde sie in Abwesenheit ihrer Eltern von ihrer Großtante betreut. Diese nahm – ohne Einverständnis der Eltern – eine Beschneidung an dem Mädchen vor. Die weibliche Genitalverstümmelung ist eine Tradition in vielen nord- und mittelafrikanischen Ländern, die Großtante übte somit in ihrem Glauben eine gute Tat an ihrer Verwandten aus. Für Inna Bocoum bedeutete es ein tiefsitzendes Trauma, eine Beschneidung ihrer Selbstwirksamkeit, in ihren Teenager-Jahren resultierten daraus große Schwierigkeiten mit ihrer Selbstwahrnehmung als Frau. (2, 3)

In ihrem Elternhaus wurde sie schon in ihrer Kindheit musikalisch geprägt; ihr Vater teilte mit ihr seine Liebe zu Jazz, Blues und Soul, ihre Mutter die zu Miriam Makeba. Auch ihre Geschwister beeinflussten ihren Musikgeschmack und -stil, mit Punk, HipHop, Heavy Metal und Disco. Mit sechs Jahren schrieben ihre Eltern sie bei einem Chor ein, später, als die Familie wieder in Bamako lebte, besuchte sie oft einen ihrer Nachbarn, der ebenfalls ihre Musikkarriere förderte: Salif Keïta. Der stellte den Kontakt zur Rail Band (Link Englisch) her, sodass sie erste Schritte in der malischen Musikbranche machte.

Sie unterzog sich rekonstrukitver Operationen, die ihre körperliche Gesundheit wie ihr Selbstbewusstsein wiederherstellten. (3, 4)

2009, mit 23, hatte Inna Modja ihren ersten Auftritt im französischen Fernsehen, als sie auf dem Fête de la Musique mit Jason Mraz sang. Im selben Jahr veröffentlichte sie ihre ersten Singles und ihr Album ‚Everyday is a new World‚. Zwei Jahre später landete sie einen französischen Sommerhit mit ‚French Cancan (Monsieur Sainte Nitouche)‚.

Inna Modja: French Cancan (Monsieur Sainte Nitouche)

Auf ihrem Album ‚Motel Bamako‚ im Jahr 2015 bezog sie Position zu verschiedenen politischen Themen, etwa die post- und neokolonialen Problematiken der Wasserrechte, der Flucht vom afrikanischen Kontinent nach Europa aufgrund von Krieg und Nahrungsmangel, und auch zu Gewalt an Frauen, unter anderem in Form von weiblicher Genitalverstümmelung. Die Lieder des Albums singt sie auf Englisch, Französisch und Bambara, einer anderen Sprache, die in Mali gesprochen wird.

Kurzfilm zu Inna Modja La Valse de Marylore (CN: körperliche/sexuelle Gewalt)

Aufgrund ihres Engagements durfte sie 2015 auch vor den Vereinten Nationen auftreten. Auch hier spricht sie über die Schwierigekeiten vieler afrikanischer Länder mit Bürgerkrieg und Trockenheit, außerdem über ihre Erfahrungen mit FGM und die Entscheidung, rekonstruierende Operationen vornehmen zu lassen.

Inna Modjas Auftritt vor der UNO

Zur FGM und rekonstrukiver Chirurgie möchte ich auch noch einmal In Search…‚ von Beryl Magoko empfehlen, der sich sehr persönlich und empfindsam mit der Thematik auseinandersetzt.


Quellen: Wiki englisch | deutsch
außerdem:
(2) deutschlandfunk
(3) SRF
(4) UN News

Dank an Vicky und das Wort für den hoffentlich richtigen Begriff in der Bildbeschreibung

19/2023: Tanya Zolotoroff Nash, 10. Mai 1898

CN: systematische Gewalt gegen Gehörlose

Tanya Zolotoroff kam als Kind einer wohlhabenden jüdischen Familie in Odessa zur Welt, damals Teil des russischen Zarenreiches. Ihr Vater stellte Pelzmützen her, was guten Verdienst einbrachte: Sie lebten mit mehreren Angestellten, unter anderem individuellen Kindermädchen für die damals drei Kinder. Dennoch waren die Eltern überzeugte Sozialisten und hielten politische Salons in ihrem Heim ab. Als 1904 der russisch-japanische Krieg ausbrach, beschlossen sie, in die USA auszuwandern, da jüdische Bürger dafür insbesondere eingezogen wurden – sie wurden ausdrücklich als ‚Kanonenfutter‘, also entbehrliche Massen, eingesetzt.(2)

Niemensch in der Familie sprach Englisch, ihre rasche Einbürgerung verdankten sie verschiedenen anderen Familienmitgliedern, die bereits im Land lebten. Die Zolotoroffs ließen sich in Brooklyn nieder, doch lebten sie hier in bitterer Armut. Der Vater fand Arbeit in einer Fabrik am Fließband, die Mutter verkaufte Süßkartoffeln im Park. Tanya bewunderte ihre Mutter für ihre Tatkraft, musste jedoch auch miterleben, wie ihre Mutter noch zwei weitere Kinder gebar und insgesamt zwölf Abtreibungen vornehmen lassen musste.(2)

Zwei Tanten von Tanya besuchten eine Sprachenschule, um Englisch zu lernen; Tanya war eigentlich noch zu jung für diese Schule, trug sich jedoch als ‚Lehrassistentin‘ an, sodass sie dem Unterricht trotzdem beiwohnen konnte. Sie war sprachbegabt und auch sonst sehr intelligent, nahm das Englische schnell auf und wurde oft für ihr gute Sprachkenntnis gelobt. Sie gewann mit dreizehn sogar einen Buchstabierwettbewerb, konnte aber an der Preisverleihung nicht teilnehmen, weil sie keine tragbaren Schuhe hatte. Mit 15 musste sie die Schule verlassen, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Sie blieb politisch interessiert, besuchte außerhalb ihrer Arbeitszeit viel die Bibliothek und schloss sich der Brooklyn Philosophical Society an. Dort traf sie Felix Nash, einen jungen Mann in der Ausbildung zum Rabbi (nicht das Gleiche wie ein Rabbiner), und auch, wenn sie bei ihrer ersten Begegnung uneins waren, verliebten sie sich und heirateten 1927.

Nachdem er sein Studium abgeschlossen hatte, wandte sich Felix Nash der Sozialarbeit zu. 1929 übernahm er die Leitung der Society for the Welfare of the Jewish Deaf – zu einem Zeitpunkt, als diese vor den Tatsachen der Weltwirtschaftskrise stand. Viele Menschen waren zu dieser Zeit ohne Auskommen, doch Gehörlose und Ertaubte hatten noch weniger Möglichkeiten, sich zu behelfen, da ihre Arbeitsmöglichkeiten eingeschränkt waren. Vor den Türen der Society standen Schlangen von hilfsbedürftigen, gehörlosen und ertaubten Juden, also gab Zolotoroff Nash ihre Tätigkeit bei einer Zeitung auf und unterstützte ihren Mann bei seiner Arbeit. Sie lernte in kurzer Zeit American Sign Language (ASL), wenn auch nie so gut wie Englisch.(2) Kurz darauf übernahm sie selbst die Leitung der Society, da ihr Mann mit nur 30 Jahren an einem Gehirntumor verstarb.

Zolotoroff Nash musste feststellen, dass es der Society entschieden an Geld fehlte für alle Aufgaben, die sie für die Gemeinschaft erfüllen sollte, also begann sie, aus eigener Tasche zu zahlen oder im Bekanntkreis Spenden aufzutreiben. Sie öffnete die Organisation für andere Menschen mit Behinderung, etwa Taubblinde, aber auch für nicht-jüdische Gehörlose. Sie unterstützte ihre Gemeinschaft in Belangen der Medizin, bei der Arbeitssuche, organisierte Übersetzer und Anwälte, klärte über Verhütung bzw. Geburtenkontrolle auf; hierfür ging sie durch die Stadtviertel New Yorks, in denen vornehmlich Immigranten lebten, und suchte gehörlose Frauen auf, um sie über ihre Rechte und Möglichkeiten zu unterrichten. Außerdem half sie gehörlosen Immigranten bei der Einwanderung in die USA. Dabei scheute sie auch nicht vor verzeihlichem Betrug zurück: Beim Einbürgerungsantrag mussten Immigranten Fragen beantworten, um ihre Kenntnis der US-amerikanischen Geschichte zu beweisen, und Zolotoroff Nash übersetzte für sie – dabei gab sie grundsätzlich die richtigen Antworten, ungeachtet dessen, was die eigentlich Befragten in Gebärdensprache angaben. Sie gründete das Magazin der Organisation, The Jewish Deaf, und brachte gehörlose Kinder in Sommercamps unter; um die Integration zu verbessern, reiste sie voraus und brachte den schon anwesenden, hörenden Kindern die Grundkenntnisse der ASL bei, damit eine erste Kommunikation gewährleistet war.(2)

Eine Anekdote erzählt, dass Zolotoroff Nash einmal Helen Keller im Krankenhaus besuchte, nachdem dieser ein Zeh amputiert werden musste. Zolotoroff Nash buchstabierte ihr danach in die Hand, dass sie froh sei, dass Keller einen Zeh und nicht einen Daumen verloren hätte – sie hätte sonst einen Sprachfehler gehabt! Keller fand das selbst sehr erheiternd.(2)

1968 startete sie ihr letztes, größtes Projekt: Sie initiierte den Bau eines Wohnkomplexes für gehörlose Senioren. Hierfür kümmerte sie sich um Lizenzen, Baugenehmigungen, Aufträge und Finanzierung, die es ermöglichte, die Wohnungen für niedrigste Preise zu vermieten. In den 137 Wohnungen wurden standardisiert visuelle Signale für Türklingeln, Telefone und Feueralarme eingebaut, außerdem Kameras, die es den Bewohnerys ermöglichten zu sehen, wer vor der Tür stand; alle Flure wurden breit genug für Rollstühle angelegt. Nur wer weniger als 9.000$ (oder 10.000$ als Paar) im Jahr verdiente, konnte dort eine Wohnung mieten. Der Bau der Tanya Towers wurde 1974 abgeschlossen, Zolotoroff Nash blieb auch, nachdem sie sich von der Leitung der (inzwischen) New York Society for the Deaf zur Ruhe gesetzt hatte, als Beraterin für die Organisation tätig.(2)

Tanya Zolotoroff Nash starb am 10. Juli 1987 mit 99 Jahren.


Quellen: Wiki englisch
außerdem:
(2) I Don’t Know Her: ADVOCATE – Tanya Zolotoroff Nash (die erste Viertelstunde geht es um ein versehentliches Fremdouting einer der beiden Podcasterys, bevor sie zum Thema kommen)


Im oben genannten Podcast spricht Avery Mead auch über die Geschichte der Gehörlosenkultur und ASL, dabei setzt they den Aktivismus von Tanya Zolotoroff Nash auch in Bezug zum allgemeinen geschichtlichen Hintergrund. Ich möchte dies für die Leserys gerne kurz (und auf Deutsch) zusammenfassen, auch, weil ich dabei einiges gelernt habe, was ich ungemein faszinierend fand. Außerdem möchte ich noch sehr kurz auf die Geschichte der Deutschen Gebärdensprache eingehen.

Nach dem, was heute zu wissen ist, hat es schon immer überall auf der Welt Gebärdensprachen gegeben, nicht nur für spezielle Tätigkeiten (während der Jagd, in kriegerischen Konflikten etc.), sondern ausdrücklich für die Kommunikation zwischen und mit gehörlosen oder ertaubten Menschen. Mir war die Geschichte des Idioma des Signos Nicaragüense (ISN) aus Steven Pinkers ‚The Language Instinct‚ bekannt, im Podcast hörte ich jedoch zum ersten Mal von Martha’s Vineyard Sign Language (MVSL):

Auf der kleinen Insel vor der US-amerikanischen Westküste (nordöstlich von New York) siedelten in der Frühzeit der britischen Kolonialisierung vornehmlich Menschen aus dem Kent’schen Weald. In dieser Bevölkerung gab es eine Häufung von rezessiv vererbbarer Gehörlosigkeit, sodass dort im 18. Jahrhundert auf der Insel eine gehörlose Person auf 155 Hörende kam, in manchen Gegenden sogar, wie im an der Südküste gelegenen Chilmark, kam eine gehörlose Person auf nur vier Hörende. Zum Vergleich, der US-amerikanische Durchschnitt ist eine gehörlose Person auf etwa 1.000 Hörende. In dieser Situation hatte es sich vollständig normalisiert, dass Hörende und Gehörlose miteinander in einer Gebärdensprache kommunizierten – und zwar nicht nur ausschließlich, um die auditiven Unterschiede zu umgehen, sondern auch als Handhabe in Situationen, in denen Lautsprache nicht möglich oder nicht erwünscht war. Die MVSL – und das hat mich wirklich ein bisschen umgehauen – ging möglicherweise aus einer noch älteren, der Old Kentish Sign Language (Link Englisch) hervor, von der es einen Bericht aus dem 17. Jahrhundert gibt. Die Gehörlosen auf Martha’s Vineyard waren ganz selbstverständlich in die Inselgemeinschaft integriert – schon aufgrund der Statistik, hatte doch jede Person auf der Insel mindestens eine Verwandtschaft mit einer gehörlosen Person. Die Menschen auf Martha’s Vineyard sprachen allesamt, mehr oder weniger flüssig, die ortsübliche Gebärdensprache.

Währenddessen hatte sich im 18. Jahrhundert auch in Frankreich der Gedanke der Gehörlosenbildung mit Gebärdensprache etabliert, dank Charles-Michel de l’Epée. Ein Schüler de l’Epées, Laurent Clerc, traf in Frankreich auf den US-Amerikaner Thomas Hopkins Gallaudet, der für eine befreundete Familie mit einer gehörlosen Tochter nach Europa gereist war, um sich genau darüber fortzubilden. Gallaudet lud Clerc in die USA ein und gemeinsam bereisten sie Neuengland. Aus MVSL und der französischen Langue des signes français (LSF), entwickelten die beiden die frühe Form des ASL; sie gründeten 1817 das Connecticut Asylum for the Instruction and Education for Deaf and Dumb Persons, heute American School for the Deaf, Gallaudet gründete später die erste Universität für Gehörlose, die heute Gallaudet University heißt.

Leider entwickelte sich nun gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Idee der Eugenik (Erbgesundheitslehre), von der unter anderem der ‚erste kommerzielle Betreiber der Telefonie‘, Alexander Graham Bell überzeugt war, der selbst Sohn einer gehörlosen Mutter und Ehemann einer gehörlosen Frau war und sogar am Connecticut Asylum als Lehrer gearbeitet hatte. Er forderte ein Eheverbot für Gehörlose und wandte sich gegen die Gehörlosenbildung mit Gebärdensprache. Insgesamt schlug das Klima dahingehend um in Audismus, Gehörlose wurden gezwungen, Lautsprache zu lernen, z.T. mit auf den Rücken gebundenen Händen; gehörlose Menschen mit Uterus wurden ohne ihr Wissen und Einverständnis nach Geburten sterilisiert. Diese ablehnende Haltung gegenüber einer Gehörlosenkultur war Status Quo zu der Zeit, als Tanya Zolotoroff Nash mit ihrem Mann die Society for the Welfare of the Jewish Deaf leitete – eine nicht unwichtige Einordnung für diese hörende Advokatin der Gehörlosen.

In Deutschland übrigens folgte die Gehörlosenpädagogik spätestens seit dem Mailänder Kongress von 1880 der oralen Methode – auch wenn es schon fast hundert Jahre vorher die beiden unterschiedlichen Methoden in Frankreich und Deutschland gab, mit sehr unterschiedlichen Erfolgen. Der Nationalsozialismus tat sein Übriges – in der Mediathek Hessen sind die Filme von Helmut Vogel verfügbar, die über die Verfolgung Gehörloser durch die Faschisten berichten: (1), (2), (3) (ich verlinke diese ungesehen). Erst seit den 1980er Jahren begann sich das Verständnis von Gebärdensprache als vollwertige Sprache weltweit durchzusetzen; heute gelten in einigen Ländern die regionalen Gebärdensprachen sogar als Amtssprache. In Deutschland ist die Deutsche Gebärdensprache (DGS) seit 1998 als Sprache anerkannt.

18/2023: Del Martin, 5. Mai 1921

Dorothy Louise Taliaferro kam in San Francisco zur Welt und studierte Publizistik an der University of California, Berkeley und dem San Francisco Stat College. Einen Doktorgrad verdiente sie sich am Institute for the Advanced Study of Human Sexuality. Sie heiratete einen Mann, der ihr den Nachnamen Martin gab, doch die Ehe, aus der eine Tochter hervorging, endete nach vier Jahren.

1950, mit 29 Jahren, lernte Martin bei ihrer Arbeit als Journalistin in Seattle Phyllis Lyon kennen. Zwei Jahre später waren die beiden ein Paar, ein weiteres Jahr später bezogen sie zusammen eine Wohnung in San Francisco. Während sie für sich selbst ihre Identifizierung als Lesben und ihre Lebensweise als Paar gefunden hatten, fühlten sie sich in der übrigen Gesellschaft allein – als Homosexuelle in einer homosexuellenfeindlichen Gesellschaft, aber auch in der Gemeinschaft anderer Homosexueller. Es gab zwar auch in San Francisco eine Bar-Szene, in der sich Schwule und Lesben trafen, doch Martin und Lyon suchten nach einer anderen Art der Begegnung. Sie lernten ein Paar schwuler Männer kennen, die sie wiederum einem anderen lesbischen Paar vorstellten. Von diesem Paar kam die Frage an Martin und Lyon, ob sie sich zusammentun wollten für eine Organisation – anfänglich war einfach eine Art Club gemeint, der zum Austausch, zur gegenseitigen Unterstützung dienen und für das Gefühl einer Zugehörigkeit sorgen sollte zwischen der Diskriminierungen der heteronormativen Gesellschaft und der unorganisierten Welt der Homosexuellen-Bars, die außerdem der andauernden Schikane durch die Polizei ausgesetzt war. Martin und Lyons hatten Interesse, und so entstand der Club aus acht Frauen. Eine der Gründerinnen hatte die ‚Lieder der Bilitis (Link Englisch)‚ gelesen, eine Sammlung erotischer Gedichte, von der der Autor behauptete, sie seien Übersetzungen aus dem Alten Griechisch; Bilitis sei eine Zeitgenossin Sapphos gewesen. Aufgrund dieser eher obskuren Andeutung auf Lesbianismus nannten die Frauen ihren Club ‚Daughters of Bilitis‚, vermeintlich, weil Lesben den Hinweis verstehen würden, während der Name für Uneingeweihte schlicht nach einem weiteren Buchclub klänge. Nach Meinung Martins und Lyons war die Anspielung allerdings so verborgen, dass niemand sie verstand, denn außer dem besagten Mitglied kannte keine das Buch.(2)

Die ursprüngliche Gruppe spaltete sich schließlich auf in vier Frauen, die weiterhin schlicht einen geheimen Club betreiben wollten, und die anderen vier, die sich bald auf die Fahnen schrieben, nicht nur sich gegenseitig bei den alltäglichen Problemen zu helfen, sondern auch die Gesellschaft über die Realität lesbischer Frauen aufzuklären. Die Daughters hatten zu dieser Zeit kaum mehr als 15 Mitglieder und Martin und Lyons ermutigten jeden einzelnen Neuzugang persönlich. Von Beginn an ging es darum, sich gegenseitig und auch andere, ‚frischer geschlüpfte‘ Lesben bei den Herausforderungen zu unterstützen, die homosexuelle Frauen mehr als homosexuelle Männer betrafen. Sie sahen sich dabei nicht nur durch die homophobe Allgemeinheit bedroht, auch aus der homosexuellen Gemeinschaft schlug ihnen Abwehr entgegen. Viele Frauen empfanden es bedrohlicher, sich in einem ‚Club‘ außerhalb der Bars zu organisieren, als in den Bars ihre Zeit zu verbringen; es gingen auch Gerüchte um, der Club sei nur für Paare, es würden dort Orgien gefeiert und ähnliches. Insbesondere höhergestellte Frauen, die sich dank ihres Status besser in die Gesellschaft einfügten, während sie gleichzeitig als Paare zusammenleben konnten, fühlten sich von einer ‚Organisation‘ wie den Daughters bedroht – denn wenn über Lesbianismus gesprochen wurde, fiel der Blick auch auf sie, und sie wären von den gleichen Diskriminierungen betroffen gewesen. In dieser Zeit entstand auch der erste Kontakt zu Mattachine Society, die allerdings nicht ihr Vorbild war – da die Society bereits länger existierte, hatte diese schon festere Strukturen und arbeitete organisierter, doch die Frauen hörten erst davon, nachdem sie ihre Gemeinschaft gegründet hatten. Die Daughters erhielten auch eine gewisse Unterstützung von der Society, doch es stellte sich bald heraus, dass männliche Homosexuelle mit ganz anderen Problemen konfrontiert waren – ihre sexuelle Handlungen waren unter Strafe gestellt und die sexuelle Freiheit war das Hauptziel der männlichen Homophilenbewegung, während weibliche Homosexuelle sich mehr mit den gesellschaftlichen Konsequenzen eines (unfreiwilligen) Coming Out befassen mussten, insbesondere Verlust der Arbeit, Verlust der Wohnung, falls Kinder vorhanden waren, auch Verlust der Erziehungsberechtigung.(2)

Im Laufe der 1950er Jahre wuchsen die Daughters of Bilitis über San Francisco hinaus, 1959 existierten Ortsverbände in Los Angeles, Chicago, New York City und Rhode Island. In der Zwischenzeit hatten Martin und Lyon das Club-Magazin The Ladder gegründet und waren die ersten Redakteurinnen bis 1962. Beide blieben auch bis ans Ende der 1960er Jahre bei den Daughters aktiv, über die Zeit, in der in der Gemeinschaft Konflikte über die Vorgehensweise – eher still und aufklärerisch oder laut und politisch aktiv – zu vielen Abgängen führten.

Von 1967 an waren beide auch Mitglieder der National Organization for Women, Del Martin wurde die erste offen lesbisch lebende Person in der Leitung der Organisation. Das Paar engagierte sich in seiner ganzen weiteren Lebensspanne in verschiedenen Organisationen für die Rechte und die Gesundheit nicht nur lesbischer Frauen, später auch für die Rechte älterer Menschen: Sie gründeten 1972 den Alice B. Toklas Democratic Club, Del Martin war 1995 Delegierte in der Konferenz zum Thema Altern im Weißen Haus. Sie schrieben auch mehrere Bücher gemeinsam, Del Martin verfasste ein Buch über häusliche Gewalt.

Del Martin und Phyllis Lyon blieben ihr Leben lang ein Paar, doch erst 2004 konnten sie heiraten, nachdem der Bürgermeister von San Francisco die Maßgabe erteilt hatte, Heiratsurkunden auch für gleichgeschlechtliche Paare auszustellen. Der kalifornische Bundesgerichtshof erklärte diese Ehen allerdings wieder für nichtig, und so mussten Martin und Lyon ein weiteres Mal heiraten, als 2008 das gleiche Gericht gleichgeschlechtliche Ehen schließlich doch für legal erklärte. Zwei Monate nach ihrer Hochzeit starb Del Martin 87-jährig an den Komplikationen eines Armbruches.


Quellen: Wiki deutsch | Wiki englisch
außerdem: (2) Making Gay History

17/2023: April Ashley, 29. April 1935

Content Note: körperliche, sexuelle und emotionale Gewalt, Erwähnung von Suizid

„Lieber Gott, segne meinen Vater, segne meine Mutter, segne meine Geschwister und lass mich morgen als Mädchen aufwachen.“ So beschreibt April Ashley ihr allabendliches Gebet schon als Kind. Sie war eines von sechs überlebenden Kinder eines katholischen Vaters und einer protestantischen Mutter, sie hatte drei leibliche Brüder, zwei Schwestern und einen aus Bombay adoptierten Bruder. Nur ihr Vater liebte sie, doch war als Seeman wenig zugegen; ihre Geschwister lehnten sie ab und ihre Mutter ‚verabscheute‘ sie geradezu, weil sie so anders war.(Quelle: YouTube unten) Sie wurde auch von anderen Kindern in ihrer Heimatstadt Liverpool gehänselt und verprügelt.

Mit 16 Jahren konnte sie mit Hilfe einer Kundin, der sie Einkäufe auslieferte, bei der Handelsmarine anheuern. Doch dort wurde sie von ihrem Zimmergenossen schwer misshandelt und vergewaltigt; sie unternahm einen Suizidversuch und wurde daraufhin unehrenhaft entlassen, ein weiterer Versuch brachte sie in ein Psychiatrisches Krankenhaus, in dem sie Elektroschocktherapie erhielt und ihr Testosteron verabreicht wurde.

1955, mit zwanzig Jahren, konnte sie nach London ziehen und begann dort, als ‚cross dresser‚ zu leben. Einige Zeit später ging sie weiter nach Paris, wo sie unter dem Namen Toni April lebte und im Drag Cabarat ‚Le Carousel‚ auftrat, neben anderen trans*gender Künstlerinnen wie Coccinelle und Bambi. Sie bekam dort Östrogene und sah auch die Ergebnisse von Coccinelles geschlechtsangleichender Operation (CN: Fotos), woraufhin sie ihr Geld für eine eigene Operation ansparte. 1960 hatte sie die nötigen £3.000 zusammen und reiste nach Casablanca in Marokko zu Dr. Georges Burou. Dieser führte dort die von ihm entwickelte Vaginoplastik (Kolpopoese) bereits seit 1956 durch – Ashley sei seine neunte Patientin gewesen, schrieb sie später.

Die Operation war in Marokko verboten, Dr. Burou lebte und arbeitete dort diskret, seine Patientinnen kamen durch persönliche Kontakte mit anderen Patientinnen zu ihm. Zur Einschätzung der Lage (von Wikipedia): Im Jahr 1969 musste eine deutsche Patientin 10.000,-DM im Voraus zahlen, durfte dann zehn Tage später anreisen und erhielt bei der Aufklärung auch die Erklärung, wenn es tödliche Komplikationen gäbe, würe ihr Leichnam im Meer versenkt und ihr Ausweis verbrannt. (Laut DM-Euro-Rechner entspricht der Preis heutigen etwa 21.400,- €)

Ashley beschreibt die Operation als schmerzhaft, sie habe auch alle Haare verloren, doch habe sie niemals Reue gespürt, denn ‚wenn die Operation nicht gelungen wäre, hätte ich nicht weiterleben wollen‘.(Quelle: YouTube unten)

Nach der erfolgreichen Operation kehrte Ashley nach England zurück und lebte von nun an unter dem Namen April Ashley. Sie arbeitete als Mannequin und Model, unter anderem wurde sie von David Bailey für die British Vogue fotografiert. In dieser Zeit lernte sie auch ihren späteren ersten Ehemann, den ‚Honourable‚ Arthur Corbett, später 3. Baron Rowallan, kennen. Sie machte wie viele Fotomodelle auch erste Schritte in die Filmindustrie, mit einer kleinen Rolle in der Komödie ‚Der Weg nach Hong Kong‚, in der Bing Corsby, Bob Hope und Joan Collins die Hauptrollen spielten. Die Dreharbeiten wurden 1961 abgeschlossen, 1962 sollte der Film in die Kinos kommen. Kurz nach dem Dreh verkaufte jedoch ein*e ‚Freund*in‘ Ashleys Geschichte an die Presse und das Klatschmagazin ‚The Sunday People‚ outete sie noch 1961 als trans*gender. Daraufhin verlor Ashley ihre Angebote als Model und wurde aus dem Film herausgeschnitten. Zwei Jahre später heiratete sie Arthur Corbett, doch die Ehe hielt nicht lang. Getrennt und als Protagonistin eines ‚Skandals‘ konnte sie anschließend längere Zeit nicht seßhaft werden – immer, wenn ihre Geschichte in ihrem Umfeld bekannt wurde, verlor sie ihre Anstellung – unter anderem als Kellnerin und im Kunsthandel – und sie musste umziehen. Ihr Anwalt schrieb 1967 eine Unterhaltsforderung an Arthur Corbett, woraufhin dieser eine Klage einreichte, die Ehe annullieren zu lassen; dieser Fall wurde als Corbett v. Corbett zum traurigen Präzendenzfall. Dem Annullierungsantrag wurde 1970 stattgegeben, aufgrund der Tatsache, dass Ashley legal, nach ihren eingetragenen Angaben, noch als Mann galt – eine Tatsache, die Arthur Corbett bei der Eheschließung durchaus bewusst war.

April Ashley arbeitete in den 1970er Jahren als Empfangsdame in einem Londoner Restaurant, das sich von ihrer Geschichte mehr Zulauf von Gästen erhoffte. Die Situation führte dazu, dass Ashley vermehrt Alkohol trank, was auf lange Sicht zu gesundheitlichen Problemen bis hin zum Herzinfarkt führte. Sie heiratete ein weiteres Mal, doch auch diese Ehe endete in Scheidung, wenn auch freundschaftlich. 1982 schrieb sie gemeinsam mit einem britischen Journalisten ihre Autobiografie.

In den 1990er und 2000er Jahren versuchte Ashley mehrfach vergeblich, eine Änderung ihres Geschlechtseintrages zu erreichen und somit auch legal als Frau anerkannt zu werden, doch dies gelang ihr erst 2005 – mit 70 Jahren, 45 Jahre nach ihrer geschlechtsangleichenden Operation – nachdem das Vereinigte Königreich den Gender Recognition Act (Link Englisch) umgesetzt hatte. Sie erhielt daraufhin eine geänderte Geburtsurkunde und einen korrigierten Geschlechtseintrag in ihren persönlichen Daten. Im Folgejahr veröffentlichte Ashley eine Neuauflage ihrer Autobiografie mit einigen neuen Anekdoten, doch diese wurde wegen zu großer Übereinstimmung mit ihrer ersten Biografie – an der ein anderer Autor mitgewirkt hatte – aufgrund von Plagiarismus zurückgezogen.

Ashley verlebte den Rest ihres Lebens in Fulham als trans*gender Ikone der britischen LGBTQIA+-Community, sie verstarb im Dezember 2021 mit 86 Jahren.


Interview mit April Ashley in ‚Good Afternoon‘ (CN: Biologismus, Diskussion der ‚Toilettenfrage‘, Gefahren der Inhaftierung, körperliche und sexualisierte Gewalt u.a. gegen Kinder, Suizid – in leichtem Konversationston)
Sequenz über April Ashley in ‚What Am I?‘ (CN: verbale Transphobie)
Ausschnitt aus April Ashleys Auftritt bei ‚Loose Women‘ (CN: Deannaming, Fotografie von Ashley als Jugendliche/misgendert, emotionale Gewalt gegen Kinder, Suizidalität)

Quelle: Wiki deutsch | Wiki englisch

16/2023: Ernestine Eckstein, 23. April 1941

Bis sie 1963, mit 22 Jahren, nach New York zog, wusste Ernestine Eckstein selbst nicht, dass sie lesbisch ist. Sie hatte sich zwar zu Frauen hingezogen gefühlt, doch da ihr nicht klar war, dass es diese sexuelle Orientierung gab, betrachtete sie es als rein menschliche Zuneigung. (2, 3)

Vorher hatte sie an der Indiana University in Bloomington, Indiana, Magazin-Journalismus im Hauptfach sowie Psychologie und Russisch in den Nebenfächern studiert; dort war sie Mitglied der NAACP. In New York angekommen, suchte sie als erstes einen alten Freund auf, mit dem sie sich immer gut verstanden hatte, ohne dass es zu einer romantischen oder sexuellen Beziehung gekommen war. Auf seine Aussage ‚I’m gay‚ reagierte sie zunächst mit Unverständnis (‚gay‚ wurde damals noch vor allem als ‚lustig, vergnügt‘ verstanden). Als er ihr die Bedeutung des Wortes erklärte, wurde ihr zum ersten Mal bewusst, dass es Homosexualität gab, und sie hinterfragte ihre eigene Orientierung. Aus einer emotionalen Beziehung zu ihrer Mitbewohnerin wurde so auch eine Liebesbeziehung.(2, 3) Sich einer Organisation für und von Homosexuellen anzuschließen, war für Eckstein als überzeugte Bürgerrechtlerin ein logischer Schritt; sie besuchte als erstes die Mattachine Society, die auf eine Liberalisierung der Gesellschaft hinsichtlich Homosexualität hinarbeitete und Beratung für Homosexuelle anbot. Von dort aus schloss sich Eckstein den Daughters of Bilitis an und wurde 1965 Vizepräsidentin der Vereinigung.

Die Homophilenbewegung (zu dieser Zeit so bezeichnet) war von verschiedenen Strömungen geprägt – insgesamt starkt beeinflusst von linkem, im Sinne von kommunistischem Denken, auf dem viele Strukturen und Methoden von Menschen- und Bürger*innenrechtsbewegungen beruhen. Ein Teil der Bewegung legte Wert auf eine wenig Aufsehen erregende Arbeit für die Toleranz, um etwa die Meinung der Medizin und Psychologie zu verändern, dass Homosexualität eine psychische Krankheit sei. Ein anderer Teil, hauptsächlich jüngerer Homosexueller, wollte eine öffentlichere, politischere Menschenrechtsbewegung, die stärker am Aktivismus der Schwarzen Bürger*innenrechtsbewegung orientiert war. Ernestine Eckstein als Vizepräsidentin der Daughters of Bilitis stand für einen solchen politischen Aktivismus.

Für die Publikation der Daughters, The Ladder, interviewten Barbara Gittings und Kay Lahusen Ernestine Eckstein 1965. Die Ausgabe 1966 von The Ladder ist hier vollständig zu sehen. Im dem Gespräch macht sie einige ausgesprochen interessante Aussagen, insbesondere im Rückblick auf die Entwicklung der LGBTQIA+-Bewegung ab den späten 1960er Jahre.

Sie stellt fest, dass ihre Ideen ‚weiter links‘ seien als die anderer Homosexueller. Diese befürworteten zwar theoretisch die Protestmärsche für die Rechte Homosexueller, gingen aber selbst nicht hin; sie selbst nehme an Protestmärschen teil, wenn auch in anderen Städten. Der Grund für beides war natürlich, dass offen homosexuell lebende Menschen in Gefahr waren, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, und andere soziale Konsequenzen fürchten mussten. Doch eigentlich gingen Eckstein schon diese Protestmärsche nicht weit genug, sie nennt sie eine konservative Art des Aktivismus. Statt der ruhigen, gestitteten Runden mit ‚pickets‚ seien etwa Sit-Ins die politische Aktion der Zeit. Eckstein räumt ein, dass die Homophilen-Bewegung nicht so radikal sein könne wie die der Schwarzen US-Amerikaner, weil deren Anliegen in Sachen Menschen- und Bürger*innenrechten allgemein akzeptiert sei, während die Homophilen-Bewegung erst an den Punkt kommen müsse, dass ihr Anliegen – ungehindert einem selbstgestalteten, ’normalen‘ Leben nachgehen zu können, ohne die sexuelle Orientierung verdrängen oder verstecken zu müssen – von allen akzeptiert würde. Ein Weg jedoch, die Vorurteile gegenüber Homosexuellen auszuräumen, sei es eben, das Leben offen homosexuell zu leben: Eckstein verwendet hier die Worte ‚to come out‚ und meint sie sicher noch wörtlich, dass Homosexuelle als solche sichtbar ‚auf die Straße‘ gehen sollten. Doch möglicherweise liegt hier ja der Ursprung des heute gängigen Ausdrucks dafür, seine Orientierung oder Identität bekannt zu machen.

Eckstein sagt weiter, dass gleichzeitig für ihr Dafürhalten die Homophilen-Bewegung zu wenig juristisch aktiv ist, im Sinne von Klagen gegen Diskriminierung, die als Präzedenzfälle für das US-amerikanische Rechtssystem dienen können. Außerdem sei die Bewegung derzeit zu sehr auf sexuelle Freiheit fokussiert, sicher, weil diese eben nicht so vorhanden sei, Liebes- und sexuelle Beziehungen für Homosexuelle nicht so leicht und offen auslebbar waren wie für Heterosexuelle. Doch für die Gemeinschaft und die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexuellen als ganz ’normale‘ Bürger*innen sei es auch wichtig, sich für alle möglichen anderen sozialen Aktivitäten zusammenzutun. Auf die Anmerkung, dies könne von Heterosexuellen als reine Anbahnungsmaßnahme für sexuelle Kontakte betrachtet werden, kontert sie ausgesprochen modern: ‚I think we have to decide how far we can go for caring about what heterosexuals think. […] We want acceptance and we want our rights as citizens and as people, but this doesn’t mean that all of our activity and all of our goals are defined by other people’s filthy minds.‚ – „Ich glaube, wir müssen uns entscheiden, wie weit wir gehen können darin, uns um das zu kümmern, was Heterosexuelle denken. Wir wollen Akzeptanz und wir wollen unsere Rechte als Bürger und Bürgerinnen und als Menschen, aber das heißt nicht, dass alle unsere Aktivitäten und alle unseren Ziele von den schmutzigen Gedanken anderer Leute definiert sind.“ (Im gedruckten Interview – im PDF zu lesen – sagt sie allerdings auch, dass die Schwarzen weiße und die Homosexuellen heterosexuelle Unterstützer*innen brauchen, um die Bewegung in der Gesellschaft zu integrieren; wenn die Kooperation über diese Label hinweg gefördert würde, würden die Menschenrechtsbewegungen in die Allgemeinheit überführt und blieben nicht nur Bewegungen ‚da drüben‘.)

Die herausragendste Äußerung von Eckstein betreffen allerdings das, was wir heute als Intersektionalität verstehen. Sie spricht darüber, auch die ‚transvestites‚ – damals umfassender Begriff auch für transgender Personen – in die Homophilen-Bewegung und ihren Aktivismus einbezogen werden sollte. Gittings und Lahusen sind darüber überrascht (die Lesben-Bewegung stand transgender und transvestitischen männlich gelesenen Personen kritisch gegenüber) und Eckstein erläutert, dass sie die Homophilen-Bewegung als Teil einer größeren Bewegung versteht, die eigentlich zu einer Beseitigung aller Label führe. Die Veränderungen der Gesellschaft zugunsten von Homosexuellen müsse notwendig auch das Recht für alle mit sich bringen, sich anzuziehen, wie sie wollen. Sie bezeichnet die spezielle Diskriminierungsproblematik der ‚transvestites‚ nicht als ein ‚Homosexuellen-Problem‘, sondern als eines der ’sexuellen Identität‘ – welches jedoch von der Gesellschaft zu einem Komplex zusammengeworfen würde, weshalb sie der Meinung ist, dass die Homophilen-Bewegung sich dessen annehmen sollte, wenn sie erst ihre eigenen Ziele erreicht hätte. Sie glaubt nicht, dass diese intersektionale Zusammenarbeit noch in ihrer Lebenszeit stattfinden würde, doch es sei das Ziel, auf das sie hinarbeite. Ernestine Eckstein nennt sich selbst eine ‚Sozialprophetin‘ und sie hat nach heutigem Kenntnisstand Recht: Der Kampf für die Rechte von trans*gender Personen ist mithin ein feministischer Kampf, doch noch heute lehnen viele den Gedanken ab, dass es im Prinzip um die Auflösung von Labels – beginnend mit ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ – gehen sollte, um die Gesellschaft von überkommenen, schädlichen Vorstellungen von ‚Normalität‘ zu befreien.

Ernestine Eckstein ließ sich sogar für das Titelbild der Ausgabe fotografieren, wenn auch nur im Profil – sie ging schließlich das Risiko ein, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, wenn sie erkannt würde. Sie verließ die Daughters of Bilitis bald darauf, wahrscheinlich war sie von persönlichen und politischen Grabenkämpfen erschöpft. So stand sie 1965 in Korrespondenz mit Frank Kameny, den sie für einen Vortrag nach New York zu den Daughters einladen wollte, um ihre Position hinsichtlich öffentlicher Proteste und politischem Aktivismus zu stärken. Im Februar 1966 musste sie ihre Einladung dann aufgrund des Widerstands bei den Daughters jedoch zurückziehen. In den frühen 1970er Jahren zog Eckstein von New York nach San Francisco, wo sie sie sich bei Black Women Organized for Action (BWOA) engagierte – eine Organisation, die mehr ihren politischen Vorstellungen entsprach. So rotierte die Führung der Organisation zwischen jeweils drei Personen, die nach drei Monaten wieder ausgewechselt wurden, was nicht nur den Aufbau einer Hierarchie unter den Mitgliedern verhinderte, sondern auch dafür sorgte, dass zahlreiche unterschiedliche Schwarze Frauen als Anführerinnen gefördert wurden.

Die Absichtserklärung der BWOA lautete(1, Übersetzung meine):

Black: Wir sind Schwarz und sind wir uns unserer Verpflichtung bewusst, uns im Kampf der Schwarzen einzusetzen für ihre Identität und für die Einbindung in Entscheidungen, die ihr Leben und das Leben der folgenden Generationen Schwarzer betreffen.
Women: Wir sind Frauen und uns deshalb bewusst, wie eklatant zum Teil die Talente und Energien Schwarzer Frauen verschwendet werden, weil uns die Gesellschaft einen bestimmten Platz zugewiesen hat.
Organized: Wir sind organisiert, weil wir erkennen, dass wir nur zusammen, mit unseren gemeinsamen Talenten und Ressourcen, eine entscheidende Veränderung erreichen können in den Institutionen, die unsere Möglichkeiten eingeschränkt und unser Wachstum als Menschen behindert haben.
Action: Wir sind für Aktivismus, weil wir glauben, dass die Zeit der Rhetorik vorüber ist; dass die Fähigkeiten Schwarzer Frauen am besten auf vielseitige Weise eingesetzt werden können, um die Gesellschaft zu verändern; dass, in der politischen Arbeit, die wir vorleben, das Engagement Schwarzer Frauen über die traditionelle Mittelbeschaffung hinausgehen und in die ganze Palette von Aktivitäten führen muss, die den politischen Prozess ausmachen, welcher unser Leben auf so viele Arten bestimmt.

Die BWOA hatte eine offene Auffassung, wer als ‚Schwarz‘ galt (möglicherweise näher an dem, was heute ‚of Color‚ heißt), und ging zurückhaltend mit dem Begriff ‚feministisch‘ um. Damit verhinderten sie Abgrenzungen und Dispute innerhalb der Organisation über die Vorstellungen, was diese Begriffe beinhalteten.

Nach ihrem Weggang aus New York nach San Francisco verliert sich Ernestine Ecksteins Spur. Es ist nur mehr bekannt, dass sie 1992, wahrscheinlich nach langer Krankheit, in San Pablo, Kalifornien, starb.


Faszinierendes Dokument aus der Zeit, in der Ernestine Eckstein als Schwarze, lesbische Frau ihren Aktivismus entwickelte, ist einmal diese CBS Dokumentation, „The Homosexuals“ (CN: voller 1950/60er Vorurteile, Pathologisierung, verinnerlichter Homophobie etc. – nur ansehen, wenn frohes Bewusstsein darüber besteht, dass diese Zeiten immerhin mehr als 50 Jahre zurückliegen), in der bei Minute 28:50 Ernestine Eckstein kurz zu sehen ist(2); außerdem lässt sich an den zwei kurzen Filmen von Lilli Vincenz hier großartig die Entwicklung der LGBTQIA+-Bewegung erkennen: Der erste zeigt die recht braven picket lines 1968, wie sie auch Ernestine Eckstein besuchte, der zweite zeigt die erste Christopher Street Liberation Day Parade 1970 – den ersten Jahrestag der Stonewall Riots. Das Coming Out der Homosexuellen auf die Straße, das Eckstein sehen wollte, ist hier wesentlich deutlicher und wird mit Stolz gefeiert. Der Einfluss, den die eben nicht friedlichen, sondern wehrhaften Unruhen in der Christopher Street auf die Gesellschaft hatten – ausgetragen von trans*gender und homosexuellen, Schwarzen und weißen Männern und Frauen –, ist hier nicht zu verleugnen.


Quellen: Wiki englisch
außerdem:
(2) Making Gay History
(3) LGBTQ Nation

15/2023: Whitney Way Thore, 14. April 1984

Schon in ihrer Kindheit und Jugend tanzte Whitney Way Thore und spielte Theater. Nachdem sie schon als schlanke Zehnjährige einen fettfeindlichen Witz über sich hörte, begann sie Probleme mit ihrer Selbstwahrnehmung und ihrem Selbstbewusstsein hinsichtlich ihres Gewichts zu haben. Sie tanzte weiterhin und besuchte mit 16, nach dem Highschoolabschluss 2002, die Appalachian State University mit Hauptfach Theater.

In ihren Teenagerjahren hatte sie massiv zugenommen, ohne bis dahin eine Erklärung dafür zu haben. In ihren frühen 20ern schwankte ihr Gewicht und ihre psychische Gesundheit litt. Sie hörte auf mit allem, was sie liebte und entwickelte eine ausgeprägte bulimische und anorektische Essstörung(2). Eine PCOS-Diagnose erklärte ihr zwar die Gewichtszunahme, verbesserte jedoch nicht ihre psychische Situation; sie strebte noch immer danach, abzunehmen, weil sie damit vermeintlich glücklicher sein würde, und der Prozess des Abnehmens wurde durch die Diagnose nicht erleichtert. Ihr Äußeres verleitete ihre Umgebung schließlich auch weiterhin, sie für faul, dumm, unordentlich, wertlos und talentlos zu halten(2).

Nach ihrem Collegeabschluss bereiste sie Asien, unterrichtete Englisch für Schulkinder in Korea und machte horrende Erfahrungen mit der gesellschaftlichen Ablehnung fetter Menschen. Sie kehrte in die USA zurück und wurde On-Air-Producer einer Morgensendung beim heimischen Radiosender 107.5KZL. Sie erreichte ihr höchstes Gewicht, begann wieder Sport zu treiben und nahm in diesem Zuge auch das Tanzen wieder auf. Als ihr nach einem Besuch im Sportstudio eine Gruppe junger Männer eine fettfeindliche Beleidigung zurief, wurde ihr klar, dass sie niemals die Erwartungen Fremder oder Gesellschaft an ihren Körper würde erfüllen können und das Streben danach, diese bewegliche Ziellinie zu erreichen, sie unglücklich machte. Sie beschloss, alle Dinge zu tun, die sie allein aufgrund ihres Gewichtes eigentlich nicht machen würde(3), wie etwa eine Session bei einer Boudoir-Fotografin (Link Englisch). Die Bilder, die dabei entstanden gaben ihr eine neue Perspektive auf ihren Körper, wie er war. Sie ließ sich außerdem darauf ein, mit ihrem Kollegen vom Radio ein Video aufzunehmen, das am 27. Februar 2914 unter dem Titel „A Fat Girl Dancing“ bei YouTube veröffentlicht wurde.

107.5KZL’S „A Fat Girl Dancing: Talk Dirty To ME (Jason Derulo) Original

Die Reaktionen auf das Video waren – für Thore unerwartet – größtenteils positiv und sie schöpfte daraus neuen Mut. Schon einige Zeit zuvor hatte sie ihren Selbstakzeptanzprozess auf einem Blog festgehalten, nun startete sie auf der Welle des viralen Videos die Kampagne No Body Shame. Sie wurde in verschiedene Fernsehformate eingeladen, bis ihr schließlich ein eigenes Reality-TV-Format angeboten wurde: 2015 drehte Thore zwei Staffeln ‚My Big Fat Fabulous Life‘. Auch auf YouTube und in anderen Sozialen Medien setzte sie sich weiterhin für eine Veränderung der Gesellschaft zur body positivity ein, so diskutierte sie öffentlich Kommentare Trumps(4) oder reagierte auf ein bekanntes, fettenfeindliches Video einer kanadischen YouTuberin.

Reaktion auf das fettenfeindliche Video einer kanadischen YouTuberin

2016 – mit 32 Jahren – veröffentlichte sie ihre vorläufigen Memoiren unter dem Titel I Do It With The Lights On: And 10 More Discoveries on the Road to a Blissfully Shame-Free Life‘. Darin spricht sie nicht nur über die eigenen Erfahrungen mit dem krankmachenden Körperbild und der nie zu erfüllenden Erwartung der Gesellschaft an (weibliche) Körper, sondern auch über ihren Weg zur Akzeptanz und Liebe ihres Körpers.

I Do It With The Lights On: Body Positivity Video auf Thores YouTube Kanal

Whitney Way Thore erzählt in diesem TEDxTalk in ihrer Heimatstadt ihre eigene Geschichte:

Living without shame: How we can empower ourselves | Whitney Thore | TEDxGreensboro (CN: Essstörungen, Methoden)

Quellen Biografie: Wiki englisch
außerdem:
(2) Huffington Post
(3) The Star
(4) AL.com

14/2023: Curtis „Kitty“ Cone, 7. April 1944

Als sie sechs Jahre alt war, erhielt Curtis „Kitty“ Cone eine erste Fehldiagnose. Die Lehrerin hatte bemerkt, dass sie immer auf den Zehenspitzen lief, die Ärzte hielten ihre Erkrankung für Zerebralparese und verordneten zunächst keinerlei Maßnahmen. Da ihr Vater beim Militär war, wechselte die Familie Cone häufig den Wohnsitz, und somit auch die Ärzte, also folgten später dann doch Schienen und Operationen, um ihre Sehnen zu verlängern. Während einer Zeit in Japan wurde sie – ebenfalls fehlerhaft – mit Kinderlähmung diagnostiziert und an beiden Hüften operiert; die langen postoperativen Wochen, in denen sie liegen musste, trugen zur Verschlechterung ihrer Symptome bei. Erst als sie fünfzehn war, erfolgte die richtige Diagnose: Cone lebte mit progressiver Muskeldystrophie, eine genetisch bedingte Behinderung, bei der Betroffene im Verlauf ihre Muskelkräfte verlieren.

Bis zu ihrer späten Jugend besuchte Cone insgesamt dreizehn Schulen, darunter auch im US-amerikanischen Süden. Dort machte sie schon früh und nachhaltige Erfahrungen mit der Segregation (CN Begriff für Segregation), der Diskriminierung ihrer afroamerikanischen Mitmenschen; diese Erlebnisse prägten auch ihren politischen Aktivismus. Sie selbst traf immer wieder auf Einschränkungen an Schulen; zeitweise trugen ihre Cousins und Cousinen sie in die Klassenräume, weil sie die Treppen nicht mehr nehmen konnte – Rampen oder Aufzüge gab es selbstverständlich keine. In einem Internat erlegte ihr die Schulleiterin so uneinhaltbare Regeln auf, dass sie bald wieder ins Elternhaus zurückkehrte. Ihre schulischen Leistungen waren trotz dieser Umstände immer gut und auch, wenn sie in ihrer späteren Jugend mit Stützen gehen musste, machte sie ihren Highschool-Abschluss und ging auf ein College der University of Illinois at Urbana-Champaign. Die Schule hatte ein Programm für körperlich behinderte Studierende, hielt diese jedoch dazu an, nicht um Hilfe zu bitten und sogar angebotene Hilfe auszuschlagen, damit diese nicht schwach und hilfsbedürftig wirkten und damit für potentielle Arbeitgeber unattraktiv.

Cone war für ein Semester nach Hause zurückgekehrt, da ihre Mutter plötzlich an Krebs verstorben war – ebenfalls aufgrund einer Fehldiagnose, ihr Leiden wurde auf die Nerven geschoben. Als sie ans College zurückkehrte, begann sie, sich stark in der Bürgerrechtsbewegung, der NAACP und der Friedensbewegung zu engagieren und verbrachte viel ihrer freien Zeit bei Protesten. Zu dieser Zeit nutzte sie bereits einen Rollstuhl. Als sie spürte, dass ihre Muskulatur schwächer wurde und sie möglicherweise bald auf noch mehr Hilfe angewiesen sein würde, wollte sie sich eine Wohnung außerhalb des Universitätscampus suchen. Zum Einen ging es ihr darum, unabhängig zu leben, bevor dies nicht mehr möglich sein sollte, zum Anderen fiel es ihr meist schwer, die Schließzeiten der Schlafräume einzuhalten, da sie viel und mit dem Rollstuhl unterwegs war. Sie benötigte dafür eine Erlaubnis vom Leiter des Programms, der jedoch vermutete, sie werde nicht aufgrund ihrer Erkrankung schwächer, sondern weil sie so viel bei Protesten aktiv war. Außerdem unterstellte er ihr, dass es ihr darum ging, sexuelle Kontakte zu pflegen. Cone war schließlich so unzufrieden mit ihrem Leben im Rahmen der Universität und dem Programm, das sie im Studium dort unterstützen sollte, dass sie keinen Abschluss dort machte. Stattdessen zog sie nach New York und fokussierte sich auf die politische Arbeit.

1974 wurde sie in Oakland, Kalifornien, bei dem dortigen Center of Independent Living eingestellt, um Lobbyarbeit für die Rechte behinderter Menschen zu betreiben, politische Aktionen auf lokaler und nationaler Ebene zu planen und dazu beitragen, Barrieren für Menschen mit Behinderung zu senken. In dieser Rolle war sie maßgeblich an der Planung und Durchführung des 504 Sit-In (Link Englisch) beiteiligt.

‚504‘ bezieht sich auf Abschnitt 504 des Rehabilitation Act von 1973, ein nationales Gesetz gegen die Diskriminierung behinderter Menschen. Der Abschnitt weitete die Menschenrechte bei Bildung, Arbeit und ‚anderen Teilen des gesellschaftlichen Lebens‘ aus und schrieb vor, dass jede Einrichtung, jedes Unternehmen, die oder das Staatsgelder bezog, verpflichtet sei, Menschen mit Behinderung zugänglich zu sein und mit den nötigen Hilfsmitteln aufzurüsten, bzw. Barrieren abzuschaffen. Mit der Absegnung dieses Abschnittes sollte es auch möglich werden, diese Zugänglichkeit zur Not gerichtlich einklagen zu können. Der Gesetzesentwurf war zuvor schon mehrfach von US-Präsident Richard Nixon abgelehnt worden, die Sit-Ins sollten den damaligen US-Gesundheitsminister Joseph Califano dazu bewegen, die Änderungen im Sinne behinderter Menschen zu unterzeichnen. In zehn US-Städten kam es zu konzertierten Protesten; angeführt von Kitty Cone und Judith Heumann bezogen am 5. April 1977 mehrere Demonstrierende, davon zahlreiche im Rollstuhl und anderweitig körperlich behindert, Stellung im Sitz des Gesundheitsministeriums in San Francisco. Zwischen diesem Tag und dem 4. Mai, insgesamt 28 volle Tage, waren mehr als 150 Menschen für dieses Sit-In anwesend. Califano unterzeichnete die Änderungen am 28. April und setzte damit das Gesetz in Kraft. Aus dem Rehabilitation Act wurde später das US-Bundesgesetz Americans with Disabilities Act (ADA).

Nachdem sie dieses große Ziel erreicht hatte, führte sie ihren EInsatz auf anderen Ebenen fort, so war sie an der Organisation des Disabeled People’s Civil Rights Day 1979 in San Francisco beteiligt.

Aufgrund der restriktiven Ehegesetze der damaligen Zeit in den USA konnte sie ihre langjährige Lebensgefährtin nicht heiraten und kein Kind adoptieren. Daher verlegte sie ihren Wohnsitz 1981 nach Mexiko, wo es ihr möglich war, ihren Sohn zu adoptieren. Ab 1990 arbeitete sie für den Disability Rights Education and Defense Fund (Link Englisch). 2015 starb sie kurz vor ihrem 71. Geburtstag an Bauchspeicheldrüsenkrebs.


Einen Überblick über die Geschichte und Hintergründe des 504 Sit-In schrieb Cone selbst zum 20. Geburtstag des Ereignisses. Der DREDF, ihr letzter Arbeitgeber, veröffentlichte einen Nachruf zu ihrem Tod, viel später, 2021 brachte die New York Time ebenfalls einen Nachruf (Link Englisch) unter der Reihe ‚Overlooked no more‘. Das Smithsonian stellt sie im Rahmen der Women’s History vor.

Lange Version (2’22“) auf diva.sfsu.edu

Quelle Biografie: Wiki englisch
außerdem:
(2) Online Archive of California (Link Englisch, 324 Seiten Interview-Transkript)

13/2023: Mykki Blanco, 2. April 1986

Mykki Blanko kam als ein Kind der Quattelbaum-Familie zur Welt, ihr Vater, ein afroamerikanischer Jude, beendete seine Tätigkeit als IT-Spezialist, um als Medium zu arbeiten, ihre Mutter war eine Rechtsanwaltsfachangestellte; die Eltern trennten sich, als Mykki zwei Jahre alt war, und sie lebte anschließend bei ihren Großeltern väterlicherseits in Kalifornien. Nach einem Umzug nach North Carolina floh sie mit 16 Jahren aus dem Familienheim nach New York City. Es folgte eine Zeit wechselnder Wohnsitze und zweier begonnener Ausbildungen. Für ein Studium an der School of the Art Institute Chicago erhielt Blanko ein Stipendium, beendete es jedoch nach zwei Semestern, auch ein Studium an der Parsons School of Design beendete sie nicht.

Ihre heutige Karriere begann mit der Veröffentlichung ihres Gedichtbandes From the Silence of Duchamp to the Noise of the Boy 2011, im Folgejahr erschien ihr erstes musikalisches Werk, die EP Mykki Blanko and the Mutant Angels. Bis zu ihrem ersten ausgewachsenen Album im Jahr 2016 – Mykki – war sie auf diversen Mixtapes und anderen Kooperationen vertreten, unter anderem mit Kanye West auf dessen unveröffentlichten Album Yandhi.

Den Namen Mykki Blanko wählte die geborene Quattelbaum zum ersten Mal 2010 für eine Persona, die sie für YouTube-Clips annahm. Der Name ist inspiriert von Lil‘ Kims Alter Ego Kimmy Blanko, die Blanko auch als künstlerischen Einfluss nennt; weiter nennt sie so unterschiedliche andere Einflüsse wie GG Allin, Jean Cocteau, Kathleen Hanna, Lauryn Hill, Rihanna, Marilyn Manson und Anaïs Nin. Auch wenn sie als Mykki Blanko anfangs vor allem in Hiphop-Videos auftrat, in denen sie auch in ihrer männlichen Persona zu sehen war, wollte sie nie als ‚Drag artist‘ oder ‚transvestite rapper‚ wahrgenommen werden. Auch auf ‚gay/queer rap‚ wollte sie sich nicht festlegen, da sie ihren künstlerischen Hintergrund vielmehr im Dadismus und dem Riot Grrrl Punk verortet. In einer Titelstory der Village Voice über sie mit der Überschrift ‚GenderNinja‚ von 2013 positioniert sie sich als Feministin, jedoch noch nicht als trans* Frau – sie spricht stattdessen über die Fluidität von Gender und über die Möglichkeit, mittels Accessoirs und Kleidung Gender zu performen.

Nach ihren frühen Erfolgen als Musikerin ging sie 2015 bewusst das Risiko ein, ihren HIV-positiven Status auf FaceBook zu veröffentlichen. Für den Fall, dass dies ihre Musikkarriere beenden würde, hatte sie bereits einen Wechsel in den Journalismus ins Auge gefasst, doch die Reaktion ihrer Fans war so unterstützend, dass sie doch ihre künstlerische Arbeit fortsetzte.

Seit 2019 identifiziert Mykki Blanko sich als trans* Frau mit den Pronomen sie/ihr und they/them; wie sie in ihrem Corona-Lockdown-Tagebuch schreibt, hat sie auch eine geschlechtsangleichende Hormontherapie begonnen. In den vergangenen zwei Jahren war sie künstlerisch sehr aktiv und brachte zwei ALben heraus: 2021 Broken Hearts and Beauty Sleep, 2022 folgte bereits Stay Close to Music, das hier im Rolling Stone besprochen wurde. Auf dem Album sind diverse Gastkünstler*innen vertreten, wie Michael Stipe von R.E.M. und Jónsi von Sigur Rós.

Mykki Blanko: Family Ties ft. Michael Stipe
Mykki Blanko: Carry On ft. Jónsi

Quelle Biografie: Wiki englisch

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