Schlagwort: mathematik

32/2020: Mary G. Ross, 9. August 1908

Mary Golda Ross (Link Englisch) kam als zweites von fünf Kindern in Oklahoma zur Welt, als Urgroßenkelin des Cherokee-Chiefs Koo-wi-s-gu-wi John Ross, der sich zunächst dem Druck der US-amerikanischen Regierung zur Umsiedlung der Ureinwohner widersetzte, seine erste Ehefrau auf dem Trail of Tears verlor und später in Oklahoma die Cherokee Nation of Oklahoma mit aufbaute. Da Mary G. Ross begabt war, lebte sie in während ihrer Kindheit bei ihren Großeltern in Tahlequah, der Hauptstadt des Cherokee County, um dort die Grundschule und eine weiterführende Schule zu besuchen. Mit 16 Jahren schrieb sie sich am dortigen Northeastern State Teachers‘ College und machte vier Jahre später ihren Bachelor-Grad in Mathematik. Während der Wirtschaftkrise in den USA Ende der 1920er Jahre unterrichtete sie Mathematik und Naturwissenschaften in Schulen im ländlichen Oklahoma. Mit 28 legte sie eine Prüfung zur Staatsdienerin ab und arbeitete als Statistikerin und als Berufsberaterin an Schulen in New Mexico. In ihrer Zeit als Lehrerin hatte sie nebenher Kurse am Colorado State Teachers‘ College (heute University of Northern Colorado) in Mathematik besucht und „jeden Astronomie-Kurs, den sie hatten“. 1938, mit 30 Jahren, legte sie dort ihre Prüfungen für den Master of Science ab.

Nachdem die USA 1941 in den Zweiten Weltkrieg eingetreten waren, zog Ross auf Anraten ihres Vaters nach Kalifornien, weil dort die Chancen auf (anspruchsvollere) Arbeit besser standen. Tatsächlich wurde die 34-jährige im Folgejahr beim Luft- und Raumfahrtunternehmen Lockheed als Mathematikerin eingestellt. Sie arbeitete hier unter anderem an der Lockheed P-38 Lightning, eines der schnellsten Flugzeuge dieser Zeit. Es konnte im Reiseflug eine Geschwindigkeit von mehr als 640 km/h erreichen, Ross trug zur Lösung einiger Probleme im Hochgeschwindigkeitsflug und an der Aeroelastizität bei.

Mary G. Ross wusste schon damals, dass sie lieber an Raumfahrt-Projekten hätte arbeiten wollen, sprach jedoch nicht darüber, da sie meinte, ihre Glaubwürdigkeit (bei der Arbeit an Luftfahrt-Projekten) wäre hinterfragt worden. Dabei arbeitete Ross oft mit einigen anderen Kollegen bis 23 Uhr an der Forschung, ihre Instrumente dabei waren der Rechenschieber und der Friden-Computer.

Als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, entsandte Lockheed Mary G. Ross zur Fortbildung als Ingenieurin, sie studierte erneut, dieses Mal Mathematik für moderne Ingenieurwissenschaft, Aeronautik sowie Raketen- und Himmelsmechanik. So spezialisiert, wurde sie 1952 gebeten, an den so genannten Skunk Works mitzuarbeiten, bei denen im Geheimen von wenigen Mitarbeitern an radikalen Innovationen gearbeitet wurde. In diesem Rahmen war Mary G. Ross an diversen Projekten beteiligt: An vorläufigen Designs für die Raumfahrt, für Orbitalflüge mit und ohne Besatzung, an Studien für Satelliten sowohl für militärische wie auch zivile Nutzung, an der Agena-Rakete sowie an vorläufigen Sondendesigns für Vorbeiflüge an Mars und Venus.

1958 trat sie in What’s My Line auf, der US-Vorlage für Robert Lemkes ‚Was Bin Ich‚. Davon gibt es wunderbarerweise einen Clip bei YouTube.

Mary G. Ross bei What’s My Line

Ende der 1960er Jahre wurde Ross in die Senior-Position befördert und arbeitete an der Mittelstreckenrakete UGM-27 Polaris und deren Nachfolgern. Mit 65 Jahren setzte sie sich 1973 zur Ruhe, setzte sich jedoch weiterhin ehrenamtlich in der Jugendarbeit ein, vor allem, um den Ingenieurberuf für Jugendliche der Amerikanischen Ureinwohner im Allgemeinen und Mädchen im Speziellen. Diese Aufgabe hatte sie bereits in ihrer Funktion als Staatsdienerin übernommen, seit den 1950ern war sie Mitglied der Society of Women Engineers, die ebenso für die Geschlechterparität im Ingenieursberuf aktiv ist.

2004 nahm die inzwischen 96-jährige an den Eröffnungsfeierlichkeiten des National Museum of the American Indian teil, sie trug dafür ihr erstes traditionelles Cherokee-Kleid aus Kaliko, das ihre Nichte für sie geschneidert hatte. Vier Jahre später starb Ross und hinterließ dem Museum $400.000,-, zu diesem Anlass schrieb die Cherokee Phoenix einen anekdotenreichen Nachruf.

Vergangenes Jahr (2019) war Mary G. Ross auf der Rückseite des Sacagawea-Dollar abgebildet, mit dem die Vereinigten Staaten an die Geschichte ihrer Ureinwohner erinnert. Eine Biografie, Einblicke in ihre Arbeit sowie in den Prozess des Münzdesigns bietet dieser Artikel auf der Webseite des National Museum of the American Indian.

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Ebenfalls diese Woche

4. August 1932: Frances E. Allen
Die Informatikerin und Spezialistin für Compiler erhielt 2006 als erste Frau den Turing Award und war die erste weibliche IBM Fellow.

5. August 1946: Shirley Ann Jackson
Über diese Physikerin schrieb ich 2015.

6. August 1830: Elizabeth Brown (Link Englisch)
Als Quäkerin gleichberechtigt erzogen und gebildet, war die britische Astronomin eine zentrale Figur in der Gründung der British Astronomical Association 1890, die von vorneherein Frauen als Mitglieder zuließ, anders als die Royal Astronomical Society (dort wurde bei gleichem Gründungsjahr erst 1915 die erste Frau als Mitglied gewählt). Sie leitete bis zu ihrem Tod 1899 die Abteilung für Sonnenbeobachtung der Vereinigung.

7. August 1735: Claudine Picardet (Link Englisch)
Universalgelehrte und Übersetzerin wissenschaftlicher Schriften, trug sie im frühen 19. Jahrhundert dazu bei, Paris und Dijon zu Zentren der Wissenschaft zu machen.

7. August 1907: Lucy Cranwell (Link Englisch)
Die neuseeländische Botanikerin leistete Pionierarbeit auf dem Gebiet der Palynologie.

9. August 1861: Dorothea Klumpke
In den USA geborene Tochter deutscher Einwanderer, studierte Klumpke in Paris an der Sorbonne Astronomie. Sie setzte sich bei der Bewerbung um die Leitung für das Carte-du-Ciel-Projekt gegen 50 männliche Konkurrenten durch; sie war auch die erste Frau, die astronomische Beobachtungen (der Leoniden) von einem Ballon aus machte und die erste Frau in Frankreich mit einem Doktorgrad in Mathematik.

Wang Zhenyi

* 1768 • † 1797

Die Vorfahren von Wang Zhenyi – ihre Familie väterlicherseits – stammten aus der Provinz Anhui im Südosten Chinas. Ihr Großvater war Gouverneur von Xuanhua gewesen und lebte mit seiner Familie jetzt in Nanjing, wo auch Zhenyi zur Welt kam. Ihr Vater hatte eine Aufnahmeprüfung für Beamte nicht bestanden und war nun als Mediziner tätig. Von ihren Großeltern und ihrem Vater – die Mutter war nicht mehr anwesend – erhielt Zhenyi eine breitgefächerte Bildung: Der Großvater lehrte sie Mathematik und Astronomie, der Vater Medizin und Geographie und die Großmutter brachte ihr die Lyrik nahe.

Um 1780 (der englische Wikipediabeitrag sagt 1782, der deutsche sagt, sie sei 11 Jahre alt gewesen) wurde ihr Großvater nach Jilin verbannt und starb kurz darauf. Zhenyi begleitete ihre Großmutter in den Nordosten Chinas und blieb mit ihr fünf Jahre dort. In dieser Zeit las sie die 75 Bücher ihres Großvaters, außerdem lernte sie Kampfkunst, Reiten und Bogenschießen von der Ehefrau eines mongolischen Generals namens Aa. Auch andere gebildete Frauen traf sie in Jilin, die großen Einfluss auf ihre Entwicklung hatten. So studierte sie die Sprachen der Han-Chinesen bei Bu Qianyao und stand im Austausch mit Bai Hexian und Chen Wanyu (zu keiner dieser Frauen gibt es deutsche oder englische Wikipediabeiträge, die Namen sind vermutlich dem Buch Notable Women of China entnommen).

Als Wang Zhenyi 16 Jahre alt war, kehrte sie zu ihrem Vater nach Nanjing zurück, doch unternahm sie auch ausgedehnte Reisen mit ihm, bei denen sie vielseitige Eindrücke vom kontrastreichen Leben in China sammelte. Das Reisen als eine aktive, mithin „männlich“ konnotierte Tätigkeit mit den Entbehrungen, die es zu dieser Zeit bedeutete, prägte einerseits ihren lyrischen Stil – die „weibliche“ Lyrik in China ist von blumiger Sprache bestimmt – und legte andererseits den Grundstein für Wangs Überzeugung, dass Frauen den Männern in allem ebenbürtig seien.

frauenfiguren wang zhenyi präzession äquinoktium
Präzession der irdischen Rotationsachse relativ zur Sonne bei Perihel und Aphel. Dies bewirkt eine Datumsverschiebung für diese Ereignisse sowie der Tagundnachtgleichen. By Robert Simmon, NASA GSFC – Earth Observatory / NASA, Public Domain

Mit 18 begann sich Wang Zhenyi eingehend mit der Mathematik und der Astronomie zu beschäftigen. Sie ließ sich in Jiangning, einem Stadtteil Nanjings, nieder und nannte sich Jiangning Nüshi, Gelehrte aus Jiangning. In den folgenden Jahren schrieb sie mindestens 14 wissenschaftliche Arbeiten, unter anderem einen Artikel, in dem sie die Präzession der Äquinoktialpunkte erklärte – die Wanderung der Sonnenposition an den Tagundnachtgleichen über mehrere Jahre; sie wies nach, wie diese verlaufen und wie sie für die Zukunft berechnet werden könnten. In einem anderen Artikel erläuterte sie anhand eines Experiments das Phänomen der Mondfinsternis: Sie stellte einen runden Tisch in einem Gartenpavillion auf, der die Erde darstellte, hing eine Kristalllampe von der Decke, die die Sonne nachstellte, und einen Spiegel als Mond. Diese bewegte sie nun im Verhältnis zueinander und machte dieses Naturereignis so wissenschaftlich nachvollziehbar.

Im Bereich der Mathematik war sie ebenso aufklärend tätig. In einem Artikel vollzog sie den Satz des Pythagoras nach und erklärte die Trigonometrie. Außerdem übersetzte sie das Werk des von ihr verehrten Mei Wending (Link Englisch), ‚Die Prinzipien der Kalkulation‘, aus dem adligen Hochchinesisch in einfaches Chinesisch und brachte sie unter dem Titel ‚Die Notwendigkeiten der Kalkulation‘ heraus. Mit 24 veröffentlichte sie ‚Die Einfachen Prinzipien der Kalkulation‘, das ebenfalls auf Meis Werk basierte, doch Wang hatte die Mulitplikation und Division vereinfacht.

Neben all diesen wissenschaftlichen Arbeiten schrieb sie auch ihr Leben lang Gedichte, die für ihren klaren, „maskulinen“ Stil geschätzt wurden. In ihnen formulierte sie nicht nur ihre feministischen Gedanken, sondern beschrieb neben Landschaftseindrücken auch soziale Ungerechtigkeiten in China.

Mit 25 Jahren heiratete sie und zog mit ihrem Mann nach Xuancheng, wo sie Mathematik und Astronomie unterrichtete. Sie wurde wohl krank, denn in der Vorahnung ihres Todes sandte sämtliche ihrer Manuskripte an ihre Freundin Qian Yuling (auch: Madam Kuai). Wang Zhenyi starb mit 29 Jahren. Sechs Jahre später übergab Madam Kuai die Werke ihrer Freundin an ihren Neffen Qian Yiji. Dieser brachte die Texte erneut unter dem Titel ‚Die Einfachen Prinzipien der Kalkulation‘ heraus, im Vorwort nannte er Wang Zhenyi „die gelehrteste Frau seit Ban Zhao„.

Marguerite Hessein de La Sablière

* ~ 1636-1640 • † 8. Januar 1693

Marguerite Hessein wurde in eine wohlhabende Familie des Hugenotten-Adels in Paris geboren, sowohl ihr Vater wie der Vater ihrer Mutter waren im Finanzwesen tätig. Sie erfuhr bereits in der Kindheit und Jugend eine klassische Bildung durch einen Onkel mütterlicherseits. Mit etwa 14 Jahren wurde sie mit Antoine Rambouillet de La Sablière verheiratet, einem Hugenotten mit gleichem Hintergund im Finanzwesen, der sich jedoch auch als Dichter hervortat. Sie bekam mit ihm drei Kinder, doch nach etwa zehn Jahren Ehe wurde sein Verhalten für sie unerträglich, er betrog sie und übte wahrscheinlich psychische und körperliche Gewalt aus. Bei der Scheidung, die ihn als Schuldigen anerkannte, wurde ihr die Mitgift sowie ein jährlicher Unterhalt zugesprochen. Mit dieser wirtschaftlichen Sicherheit ließ sie sich in der Rue Neuve-des-Petits-Champs nieder, wo sie 1669 ihren Salon öffnete.

Aufbauend auf der Bildung, die sie in ihrer Jugend genossen hatte, begann sie ein Unversalstudium und zog herausragende Wissenschaftler als Tutoren heran. Gilles Personne de Roberval unterrichtete sie in Mathematik, Joseph Sauveur in Geometrie, Barthélemy d’Herbelot in Anatomie. Sie besuchte öffentliche Vorlesungen zu diesem Thema von Joseph Guichard Du Verney und beteiligte sich aktiv an den astronomischen Forschungen von Jacques Cassini. Ihren literarischen Salon besuchten Molière, Jean Racine und die Marquise de Sévigné, auch Fontenelle, Pierre Daniel Huet und Christina von Schweden zählten zu ihren Gästen. Der Arzt und Philosoph François Bernier, der ebenfalls zu ihren Lehrern zählte, widmete ihr seine Zusammenfassung der Werke Pierre Gassendi. Mit ihrem breiten Spektrum an Interessen und Themen, in denen sie versiert war, galt sie zu ihrer Zeit als Universalgelehrte. Ihre prominente Position brachte ihr natürlich auch negative Aufmerksamkeit ein: Der zeitgenössische Satirendichter Nicolas Boileau machte sich in Satire contre les femmes über sie als ‚Blaustrumpf‚ lustig und karikierte ihren Ehrgeiz auf dem Gebiet der Astronomie; sie verliere bei der Beobachtung des Jupiter mit einem Astrolabium ihre Sehfähigkeit und die nächtliche Arbeit wirke sich nachteilig auf ihren Teint aus. Charles Perrault, der Boileau auch aufgrund der Streitigkeiten um die Überlegenheit der Moderne über die Antike nicht freundlich gesinnt war, verteidigte de La Sablière, sie sei nicht nur talentiert, sondern auch bescheiden genug, ihre Fähigkeiten nicht zu Schau zu stellen. (Denn auch wenn Frauen etwas können, sollen sie doch gefälligst nicht damit hausieren gehen.)

Zu zwei Literaten pflegte sie besondere Beziehungen. Der Fabeldichter Jean de La Fontaine war ihr Freund und Schützling; er unterrichtete sie in Naturgeschichte und Philosophie, sie ließ ihn nach dem Tod seiner vorherigen Schirmherrin 1673 bei sich wohnen und erlöste ihn damit von wirtschaftlichen Sorgen. Der Dichter verehrte sie nicht nur als Mäzenin und Freundin; er widmete ihr die Fabel ‚Der Rabe, die Gazelle, die Schildkröte und die Ratte‚, deren Moral es ist, dass jede:r Helfende bei einer gemeinsamen Aufgabe in gleichem Maße wichtig ist. Zum Abschluss der Fabel brachte er seine Gefühle ihr gegenüber zum Ausdruck:

Der Preis gebührt dem Herzen, ging’s nach mir.
Freundschaft, wohin kann sie sich nicht aufschwingen!
Das andere Gefühl, die Liebe – mindrer Ehr’
scheint sie mir wert; dennoch ermüd’ ich nimmermehr,
zu feiern sie und zu besiegen.
Ach, meinem Herzen kann sie keinen Frieden bringen!
Du ziehst die Freundschaft vor – von jetzt an stellt
in ihre Dienste sich mein Lied, wie’s auch ausfällt.
Mein Meister war Amor; mit einem andern wagen
und seinen Ruhm durch alle Welt
will ich wie auch den deinen tragen.

Wikipedia

Er nannte sie in seinen Texten ‚Iris‚ und blieb ihr treu in Freundschaft ergeben, während sie eine Affäre mit dem leichtlebigen Poeten Charles de La Fare einging.

Als 1679 ihr Ex-Ehemann starb, konnte Hessein de La Sablière zwar wieder mit ihren drei Kindern Kontakt aufnehmen, die beim Vater verblieben waren, doch ihr ging gleichzeitig der Unterhalt verloren. Im Folgejahr endete auch ihre Beziehung zu de La Fare unglücklich, als sich seine zahlreichen anderen Liebeleien in ihrer Gesellschaft herumsprachen. Die Salonière erlitt eine seelische Krise, die auch eine moralphilosophische wurde. Sie zog zunächst in eine bescheidenere Unterkunft, in die sie noch ihre Katze, ihren Hund und Jean de La Fontaine mitnahm – ihre „drei Haustiere“, soll sie sie genannt haben. Immer stärker wandte sie sich dem Katholizismus zu, begann einen Briefwechsel mit dem Mönch Armand Jean Le Bouthillier de Rancé und arbeitete freiwillig im Hospiz für unheilbar Kranke. Schließlich bezog sie eine kleine Wohnung auf dem Gelände des Hospiz, in die ihr de La Fontaine nicht folgen konnte.

Vom gesellschaftlichen Leben zog sie sich gänzlich zurück, stattdessen schrieb sie allerdings – neben der tiefschürfenden Korrespondenz mit Rancé – zwei Werke über ihre Moralphilosophie, Maximes Chrétiennes (Christliche Maxime) und Pensées Chrétiennes (Christliche Gedanken). In diesen befasste sie sich kritisch mit den Tugenden und Leidenschaften des christlichen Glaubens und argumentierte, dass eine vollständige Erkenntnis der Existenz Gottes allein durch das Abwerfen sowohl des Intellektes wie der Vorstellungskraft möglich sei. Eine Wahrnehmung Gottes sei nicht zu erreichen über Bilder oder Konzepte, sondern nur darüber, sich gänzlich von der Welt und ebenso von einer Wahrnehmung des eigenen Selbst zu lösen.

Entgegen der Bitten ihrer geistlichen Berater trennte sie sich nicht von ihrem Teleskop, bis zu ihrem Lebensende blieb sie an den Wissenschaften interessiert, pflegte ihre Bibliothek und beobachtete die Sterne. Als sie starb, war sie noch keine 60 Jahre alt.

Ihre Maximes Chrétiennes wurden erst 1705 anonym in einer Edition der Réflections ou Sentences et maximes morales von François de La Rochefoucauld herausgebracht, die Pensées Chrétiennes mit einem falschen Autorennamen, de La Sablé, versehen. Erst ihr Biograf Samuel Menjot d’Elbenne konnte das Werk korrekt zuweisen – indem er es mit der Korrespondenz der Autorin M.D.L.S. mit Rancé verglich, in der die drei Kinder de La Sablière namentlich genannt wurden. So wurden ihre zwei Schriften sowie ihr Briefwechsel mit dem Mönch erst 1923 gemeinsam unter dem korrekten Namen veröffentlicht.

Die Internet Encyclopedia of Philosophy bietet eine Biografie, aber vor allem eine ausführliche Erörterung ihrer Moralphilosophie (Link Englisch). Die Zahlen und Reihenfolge der Ereignisse ist nicht ganz deckungsgleich mit dem deutschen und/oder englischen Wikipedia-Beitrag. Letzterer schreibt ihr immerhin auch noch möglicherweise die Idee zu, zuerst Milch in die Tasse zu gießen, vor dem heißen Tee, damit das feine Porzellan nicht zerspringe.

20/2020: Dorothy Crowfoot Hodgkin, 12. Mai 1910

Als Tochter eines Kolonialbeamten in Ägypten kam Dorothy Crowfoot in Kairo auf die Welt, ihre Familie lebte dort im Winter und verbrachte die Sommer in England. Als Dorothy vier Jahre alt war, verblieb sie mit ihren Schwestern, davon war die ältere zwei Jahre alt und die jüngere sieben Monate, ganz bei Verwandten in England, während ihre Eltern weiterhin halbjährlich in Ägypten und später im Sudan lebten.

Ihre schulische Laufbahn war von vorneherein auf die Chemie ausgerichtet; an der weiterführenden Schule, in die sie mit 11 Jahren eingeschrieben wurde, war sie eines von zwei Mädchen, die Chemie lernen durften. Drei Jahre später empfahl ihr ein entfernter Cousin, Charles Harington, das Buch ‚Grundlagen der Chemie von D. S. Parsons, weitere zwei Jahre später schenkte ihre Mutter – selbst eine kundige Botanikerin – ihr ein Buch über Kristallstrukturanalyse. Damit hatte Crowfoot ihre Leidenschaft entdeckt. Nach dem Schulabschluss, bevor sie ein Studium begann, schloss sie sich für einige Zeit ihren Eltern in Jerasch an, dort war der Vater inzwischen als Direktor der British School of Archaeology für die Ausgrabungsstelle verantwortlich. Dorothy Crowfoot beschäftigte sich mit den Mosaiken in Kirchen aus byzantinischer Zeit, sie zeichnete die Muster nach und analysierte die chemische Zusammensetzung der Steine. Nach dieser Reise begann sie am Somerville College in Oxford Chemie zu studieren, vier Jahre später schloss sie dort ihr Studium mit Bestnote ab. Für ein Doktorandenstudium wechselte Crowfoot an das Newnham College in Cambridge, wo sie mit ihrem Doktorvater John Desmond Bernal an der Kristallstrukturanalyse von Proteinen arbeitete. In ihrer gemeinsamen Arbeit, bei noch Bernal für die Bildaufnahmen verantwortlich zeichnete, versuchten sie sich an der Analyse des Verdauungsenzyms Pepsin.

Während sie auf ihren Doktortitel hinarbeitete, erhielt Crowfoot 1933 ein Forschungsstipendium, das sie zurück an ihr erstes College nach Oxford holte. Sie begann dort 1934 als Tutorin Chemie zu unterrichten, eine Stelle, die sie trotz einer Diagnose der Rheumatoiden Arthritis im gleichen Jahr bis 1977 innehatte. Drei Jahre später errang sie ihren Doktortitel mit der Kristallstruktur- und chemischen Analyse von Sterinen. In den folgenden Jahren, in denen sie auch noch drei Kinder von ihrem Ehemann T. L. Hodgkin bekam, machte sie mehrere entscheidende Entdeckung mit Hilfe der Röntgenstrukturanalyse, so stellte sie 1945 in Zusammenarbeit mit einem Kollegen die dreidimensionale Struktur eines Steroids (Cholesteroliodid) dar.

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Ganz links: ein β-Lactam-Ring
By Jü – Own work, CC0

Ebenso ermittelte sie die Molekularstruktur des Penicillins, eine Entdeckung, die allerdings erst 1949 veröffentlicht wurde. Sie bewies entgegen der herrschenden Meinung mit ihrer Analyse, dass Penicillin einen β-Lactam-Ring enthielt, eine molekulare Ringstruktur mit einer Amid-Verbindung. Diese Struktur hat das Penicillin mit einigen anderen Antibiotika-Familien gemein.

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Kristallstruktur von Vitamin B12 (Cobalamin)
Von NEUROtiker – Eigenes Werk, Gemeinfrei

Als 1948 das Vitamin B12 zum ersten Mal in kristalliner Form isoliert wurde, nahm sich Crowfoot Hodgkin dieses Molekül zur Analyse vor. Die ungewöhnliche Größe des Cobalamin-Kristalls stellte eine Herausforderung dar und es war nichts von dem Wirkstoff bekannt, außer dass er Kobalt enthielt. Die Kristalle des Cobalamin sind jedoch pleochroisch, das heißt: Aus unterschiedlichen Blickwinkeln bzw. bei unterschiedlich polarisiertem Licht erscheinen die Kristalle in unterschiedlichen Farben. Aus dieser Tatsache schloss Crowfott Hodgkin, dass das Molekül einen Ring enthalten musste, eine These, die sie mit der Röntgenstrukturanalyse bestätigte. Ihre Ergebnisse veröffentlichte sie 1955, neun Jahre später erhielt sie für ihre Forschungsergebnisse den Nobelpreis für Chemie.

In einem besonders langfristigen Forschungsprojekt beschäftigte sich Crowfoot Hodgkin mit der Kristallstruktur des Insulins. Sie begann bereits 1934 an einer Strukturanalyse zu arbeiten, doch die Technik war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgereift. Erst 35 Jahre später, 1969, sollte sie in der Lage sein, die Molekularstruktur von Insulin vollständig darzustellen, und auch, nachdem sie diesen Meilenstein erreicht hatte, beschäftigte sie sich weiter mit dem Hormon und seiner Wirkung im Körper.

Bis in die 1980er Jahre lehrte und forschte Dorothy Crowfoot Hodgkins in Oxford; unter dem Doppelnamen veröffentlichte sie erst zwölf Jahre nach der Heirat. 1947 wurde sie als dritte Frau Fellow der Royal Society (eine ihrer Vorreiterinnen war Agnes Arber). Aufgrund ihrer Verbindung zur Kommunistischen Partei – ihr Ehemann war zeitweise Mitglied gewesen – wurde sie 1953 der USA verwiesen und durfte anschließend nur mit einer Sondergenehmigung der CIA einreisen. Dennoch wurde sie 1958 ausländisches Ehrenmitglied der American Academy of Arts & Sciences ehrenhalber. Sie selbst war nicht Kommunistin, setzte sich 1976 aber als Präsdentin der Pugwash Conferences für eine Verständigung zwischen Wissenschaftlern in West und Ost ein, um der Gefahr eines Krieges mit Atomwaffen entgegenwirken wollte. Außerdem war sie eine lebenslange Labour-Unterstützerin – und dennoch hing zu Margaret Thatchers Regierungszeit ein Bild von Crowfoot Hodgkins in der Downing Street 10: Die Iron Lady hatte 1947 bei ihr den Bachelor-Abschluss in Chemie gemacht.

Die rheumatoide Arthritis machte ihr gegen Ende des Lebens mehr zu schaffen, dennoch nahm sie immer noch an Konferenzen rund um die Welt teil. Im Alter von 84 Jahren starb sie an den Folgen eines Schlaganfalls, am 29. Juli 1994.

Ein Stipendium für „herausragende Wissenschaftler:innen im Frühstadium ihrer Forschungskarriere, die aufgrund persönlicher Verhältnisse wie Elternschaft, Pflege oder aus gesundheitlichen Gründen flexible Arbeitsstrukturen benötigen“ vergibt die Royal Society in Dorothy Crowfoot Hodgkins Namen.

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Ebenfalls diese Woche

11. Mai 1828: Eleanor Anne Ormerod
Die Entomologin beschäftigte sich mit Schadinsekten und erhielt die Floral Medal der Royal Horticultural Society.

12. Mai 1820: Florence Nightingale
Auf diese britische Begründerin der modernen Krankenpflege, die auch mit ihrem Polar-Area-Diagramm einen Beitrag zum Fachgebiet der Statistik leistete, muss ich nicht explizit hinweisen.

12. Mai 1977: Maryam Mirzakhani
Am 13. August 2014 gewann die Mathematikerin als erste Frau und erste Person aus dem Irak die Fields-Medaille. Leider starb sie nur drei Jahre später, mit 40 Jahren, an Brustkrebs.

13. Mai 1888: Inge Lehmann
Über die Seismologin schrieb ich 2017.

14. Mai 1899: Charlotte Auerbach
Diese Genetikerin wird nicht im Zeitstrahl der Frauen in der Wissenschaft aufgeführt, ich möchte sie aber doch mitnehmen, da sie aus meiner Wahlheimat stammt. Sie erforschte an Drosophila die mutagene Wirkung von Senfgas und wurde 1957, zehn Jahre nach Dorothy Crowfoot Hodgkin, Fellow der Royal Society.

18/2020: Marietta Blau, 29. April 1894

Die in Wien geborene Marietta Blau machte 1914 ihre Matura und studierte anschließend Physik und Mathematik an der Universität Wien. 1919 promovierte sie mit einer Dissertation „Über die Absorption divergenter γ-Strahlung“. Da sie in Wien keine Beschäftigung fand, ging sie zunächst nach Deutschland. Sie arbeitete bis 1921 in einer Röntgenröhren-Fabrik in Berlin, anschließend unterrichtete sie angehende Ärzte in Röntgenphysik am Institut für physikalische Grundlagen der Medizin an der Universität Frankfurt. Als 1923 ihre Mutter in Wien erkrankte, kehrte Blau nach Wien zurück. Bei ihrer Familie versorgt, forschte sie unbezahlt als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Radiumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. In den Jahren 1932 und 1933 konnte sie dank eines Stipendiums des Verbandes der Akademikerinnen Österreichs Forschungsaufenthalte in Göttingen und Paris absolvieren.

In ihrer Zeit in Wien arbeitete Marietta Blau mit Hertha Wambacher an einer Methode, atomare Teilchen photographisch sichtbar zu machen. Für Photographien wurden zu dieser Zeit Platten aus Glas oder Metall mit einer Emulsion aus Gelatine und lichtempfindlichen Silberverbindungen bestrichen, Blau und Wambacher entwickelten für ihre Forschungen eine spezielle Kernemulsion, mit der insbesondere Alphateilchen und Protonen durch Bestrahlung der Platten nachgewiesen werden konnten sowie anhand der Bahnspuren in der Emulsion erkennbar wurde, wohin ihre Energie gerichtet war. Für diese Arbeit erhielten die beiden Physikerinnen 1936 den Haitinger-Preis und 1937 den Lieben-Preis der Akademie.

Die Aufsehen erregendste Entdeckung der beiden waren die sternförmig verlaufenden Teilchenbahnspuren auf Photoplatten, die sie auf 2.300 Meter über Normalnull installiert hatten. Diese so genannten Zerstrümmerungssterne wiesen auf Kernreaktionen in der Photoemulsion hin, die mit Teilen der kosmischen Strahlung stattgefunden haben mussten.

Während ihre Kollegin Wambacher bereits seit 1934 Mitglied der NSDAP war, bedeutete der Anschluss Österreichs 1939 für die Jüdin Blau ein Ende ihrer Karriere im Land. Sie sah sich gezwungen, das Land zu verlassen, zunächst in Richtung Schweden, wo sie in Oslo mit Ellen Gleditsch am Chemischen Institut arbeitete. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 verhalf ihr jedoch die Vermittlung Albert Einsteins zu einer Anstellung an der Technischen Hochschule in Mexiko-Stadt. Da die Bedingungen dort jedoch auch nicht optimal waren, wechselte sie schließlich 1944 in die USA, wo sie zunächst vier Jahre lang in der Industrie tätig war, anschließend in diversen wissenschaftlichen Einrichtungen. Währenddessen setzten andere, die nicht politisch verfolgt wurden, ihre Forschungen in Wien fort und veröffentlichten darauf aufbauende Publikationen, in denen Marietta Blau mit keinem Wort erwähnt wurde. Ebensowenig wies Cecil Powell auf Wambacher und Blau hin, als er 1950 den Nobelpreis für Physik erhielt, obwohl seine Forschungen von den Entdeckungen der beiden Physikerinnen angestoßen worden waren – ein weiteres Beispiel für den Matilda-Effekt. Tatsächlich hatte Erwin Schrödinger eigentlich die beiden Frauen für den Preis vorgeschlagen.

1960 kehrte Marietta Blau nach Österreich zurück und arbeitete bis 1964 am Institut für Radiumforschung, sie leitete hier – wiederum unbezahlt – Arbeitsgruppe zur Analyse von photographischen Aufnahmen von Teilchenbahnspuren des CERN und betreute auch eine Dissertation dazu. Zwei Jahre vor ihrer Pesnionierung erhielt sie noch den Erwin-Schrödinger-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, doch für eine Aufnahme in die Akademie reichte es nicht.

1970 trug die jahrelange ungeschützte Arbeit mit radioaktivem Material sowie ihr Zigarettenkonsum Rechnung, sie starb völlig verarmt und so gut wie unbemerkt in ihrer Geburtsstadt an Krebs. Erst 2004 widmete ihre ehemalige Schule ihr eine Gedenktafel, im Folgejahr wurde ein Saal im Hauptgebäude der Universität Wien nach ihr benannt.

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Ebenfalls diese Woche

28. April 1854: Hertha Ayrton
Über diese Mathematikerin und Elektroingenieurin schrieb ich 2017, als ich mich mit Frauen im 19. Jahrhundert befasste.

14/2020: Sophie Germain, 1. April 1776

Sophie Germain wurde in Paris geboren, ihr Vater war wahrscheinlich Textilkaufmann, in jedem Fall wohlhabend. Als die Französische Revolution ausbrach, war Sophie 13 – und durch die gewaltvollen Vorgänge in den Straßen dazu gezwungen, in ihren eigenen vier Wänden zu bleiben. Ihr Vater wurde einer der Vertreter der Bourgeoisie in der Nationalversammlung. In der Zeit der politischen Unsicherheit wandte sich Sophie der Sicherheit in der Bibliothek ihres Vaters zu. Eines der Bücher mit dem größten Einfluss auf ihre spätere Karriere war Histoires des mathématiques (Geschichte der Mathematik) von Jean-Étienne Montucla, die Geschichte von Archimedes und seinem Tod beeindruckte sie besonders.

Ihre Faszination für die Mathematik wurde von ihren Eltern zunächst nicht begrüßt, da sich dies zur damaligen Zeit für eine junge Dame nicht schicke. Sie versuchten, sie von weiterer Beschäftigung damit abzuhalten, indem sie ihr Zimmer nachts nicht mehr heizten und beleuchteten – doch Sophie setzte sich mit mehreren Decken und Kerzen an ihren Schreibtisch. Morgens fanden die Eltern sie schlafend am Schreibtisch, der mit mathematischen Formeln bedeckt war, die Tinte gefroren im Glas. Dieser Entschlossenheit wollten sie sich nicht mehr entgegenstellen und gestatteten ihr das Studium der Mathematik, ihre Mutter unterstützte sie schließlich aktiv in ihrer Bildung. Sophie Germain brachte sich zusätzlich auch Latein und Griechisch bei, um die Werke von Isaac Newton und Johann Albrecht Euler lesen zu können.

1794, noch vor Ende der Revolution, wurde die École polytechnique gegründet – doch der inzwischen 18-jährigen Germain war es wegen ihres Geschlechts nicht erlaubt, die Schule zu besuchen. Ein befreundeter Student der Schule, Antoine-Auguste LeBlanc, beschaffte ihr die Vorlesungsunterlagen. Als LeBlanc in den Auseinandersetzungen der Revolution starb, setzte sie ihr Studium ohne seine Unterstützung fort. Sie verwendete den Namen LeBlanc, um Lösungen für die mathematischen Probleme einzureichen, die der Professor Joseph-Louis Lagrange seinen Studenten stellte. Von der Intelligenz seines ‚Schülers‘ LeBlanc angetan, wollte er ‚ihn‘ treffen und war zwar überrascht, aber nichtsdestotrotz begeistert von Sophie Germain. Er wurde einer ihrer ausdauerndsten Unterstützer und Förderer.

Aufgrund der Veröffentlichung eines Essays zur Zahlentheorie von Adrien-Marie Legendre begann sich auch Germain für diesen Bereich der Mathematik zu interessieren. Sie nahm Kontakt mit ihm auf, um sich auszutauschen. Einige Zeit später veröffentlichte Carl Friedrich Gauß die Disquisitiones Arithmeticae (Zahlentheoretische Untersuchungen); nachdem sie sich drei Jahre mit den Aufgaben und Fragen beschäftigt hatte, sie sein Werk aufstellte, begann sie unter dem Pseudonym LeBlanc auch mit ihm eine Korrespondenz. Als 1806 Braunschweig von Napoleon besetzt wurde, war Germain um den dort lebenden Gauß besorgt und nutzte ihre gesellschaftliche Stellung, um seine Sicherheit zu gewährleisten. Der französische Kommandant Penetry war ein Freund der Familie, ihn bat sie, Gauß vor einem archimedischen Schicksal zu schützen. Als er dies gegenüber dem Schützling Gauß erwähnte, konnte dieser mit dem Namen Sophie Germain nichts anfangen, da er sie als Antoine-Auguste LeBlanc kannte. Erst drei Monate später offenbarte Germain Gauß ihre Identität, dessen Anerkennung daraufhin wuchs, denn schließlich hätten Frauen weit größere Hürden zu überwinden bei der Verfolgung ihrer wissenschaftlichen Ziele. Doch obwohl er ihre Arbeit schätzte, war die Korrespondenz meist einseitig, Gauß erwähnte keine von Germains Schriften in seinen Arbeiten und auch der Briefwechsel endete kurze Zeit nach Germains Offenbarung.

Stattdessen wandte sich Germain zunächst dem Thema der Elastizität zu, anlässlich einer Preisausschreibung der Académie des sciences, angeregt von Ernst Florens Friedrich Chladnis Experimenten mit schwingenden elastischen Platten. Die Herausforderung war, zu diesen Schwingungen eine mathematische Theorie zu entwickeln. 1809 begann Sophie Germain an diesem Problem zu arbeiten, zunächst mit nur einem Konkurrenten um den Preis, Siméon Denis Poisson, der jedoch noch vor dem Ablauf des Wettbewerbs in die Académe aufgenommen wurde und somit vom Mitstreiter zum Preisrichter aufstieg. Germains Einreichung 1811 war die einzige, doch die Jury empfand ihre Gleichungen als nicht hinreichend begründet und verlieh den Preis nicht; Joseph-Louis Lagrange war allerdings auf der Basis von Germains Berechnungen in der Lage, eine Gleichung zu erstellen, die ‚unter bestimmten Voraussetzungen‘ gültig war.

Der Wettbewerb wurde um zwei Jahre verlängert und Germain machte sich gleich an eine Überarbeitung ihrer Schrift. Während sie in der ersten Runde noch die Unterstützung von Adrien-Marie Legendre gehabt hatte, war sie nun auf sich allein gestellt, und ihre zweite Einreichung 1813 war voller Berechnungsfehler. Sie erhielt eine ehrenhafte Erwähnung, doch der Wettbewerb wurde ein weiteres Mal um zwei Jahre verlängert.

Dieses dritte Mal ließ sie sich zunächst von Poisson beraten, doch dieser veröffentlichte 1814 eine eigene Arbeit zum Thema, in der er mit keinem Wort erwähnte, dass seine Berechnungen in Zusammenarbeit mit Germain zustande gekommen waren und er als Mitglied der Académie Zugang zu ihren Vorarbeiten gehabt hatte. Sophie Germain sollte ihren dritten Versuch 1815 schließlich auch unter ihrem eigenen Namen einreichen und endlich 1816 als erste Frau in der Geschichte einen Preis der Académie des sciences gewinnen. Aus Protest gegen die Behinderung und Herabsetzung, die sie von einigen der Preisrichter hatte hinnehmen müssen, blieb Germain der Preisverleihung fern. Und einen Zugang zu den Versammlungen der Académie verschaffte ihr der gewonnene Preis auch nicht – den hatten nur die ausschließlich männlichen Mitglieder und deren Ehefrauen. Erst sieben Jahre später konnte die preisgekrönte Mathematikerin an den Sitzungen teilnehmen, weil Joseph Fourier, mit dem sie sich angefreundet hatte, ihr Eintrittskarten organisierte.

Ihre gekürte Arbeit zur Elastizität veröffentlichte sie 1821 auf eigene Kosten, um ihre Beteiligung an Poissons Schrift von 1814 zu verdeutlichen, eine überarbeitete Fassung erschien fünf Jahre später.

Nachdem der Preis zum Thema Elastizität verliehen war, schrieb die Académie einen Preis aus für den Beweis des Satzes von Fermat. Damit wandte sich auch Germain diesem Bereich der Zahlentheorie zu und sie nahm nach zehn Jahren des Schweigens die Korrespondenz zu Gauß wieder auf. In ihrem Brief an ihn beschrieb sie eine Strategie für den Beweis des Satzes, der zeigt, dass sie einer Lösung für das Problem auf der Spur war; doch Gauß antwortete nie auf ihren Brief. Germain schrieb stattdessen ein Manuskript, das jedoch nie veröffentlicht wurde; darin bewies sie, dass der 1. Fall des Fermat’schen Satzes für bestimmte Primzahlen zutraf. Ihre Beweisführung wurde nur dadurch überhaupt bekannt, dass Legendre diesen Beweis in einer Fußnote seiner eigenen Arbeit erwähnte. Diese Primzahlen, mit denen Germain ihren Beweis erbrachte, heißen heute Sophie-Germain-Primzahlen.

Sophie Germain arbeitete noch einige Jahre an diesem und anderen mathematischen Themen, ebenso beschäftigte sie sich mit Philosophie und Psychologie. Ihr Anliegen war es, mathematische Methoden auch auf diese Bereiche anwendbar zu machen. 1829 erhielt sie eine Brustkrebsdiagnose und 1831 starb sie mit 55 Jahren an der Krankheit. Trotz seiner Zurückhaltung im Briefwechsel mit ihr klagte Gauß sechs Jahre nach ihrem Tod, dass sie eine Ehrendoktorwürde der Universität Göttingen verdient hätte: „Sie bewies der Welt, dass sogar eine Frau etwas erwähnenswertes erreichen kann in der exaktesten und abstraktesten Form der Wissenschaft.“ (Quelle: Wiki)

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Ebenfalls diese Woche

2. April 1647: Maria Sybilla Merian
Über die „Mutter der Entomologie“ schrieb ich 2016.

3. April 1943: Jane Goodall
Mit dem Jane-Goodall-Institut setzt sich die britische Verhaltensforscherin für den Schutz von Primaten und der Erhalt ihrer Habitate ein.

4. April 1868: Philippa Fawcett
Die britische Mathematikerin war 1890 die erste Frau, die beim Mathematical Tripos von Cambridge die höchste Punktzahl erreichte; siehe auch Hertha Ayrton.

Hypatia

etwa 355 n. Chr.

Von Hypatia liegen wieder einmal keine eigenen Schriften vor, ihr Vater Theon von Alexandria nennt sie jedoch als Lektorin eines seiner Werke.

Nachdem sie bei ihrem Vater in der Mathematik und Astronomie ausgebildet worden war, begann sie selbst zu unterrichten. Dies tat sie nach Art der Kyniker öffentlich und mit einem Philosophenmantel bekleidet in ihrer Heimatstadt Alexandria. Den Darstellungen diverser Quellen zufolge vertrat sie vermutlich eine neuplatonische Philosophie, was sie in der zu dieser Zeit vornehmlich von Christen bewohnten Stadt zum Mitglied der heidnischen Minderheit machte. Mit Pandrosion, einer noch früheren Mathematikerin, war sie nach aller Wahrscheinlichkeit zumindest bekannt.

Berühmt ist Hypatia vor allem für ihren Tod. Die Berichte über dieses Ereignis stammen aus widerstreitenden Quellen, einigen, die Hypatia verehrten, und anderen, die sie verteufelten. Tatsache ist, dass sie zwischen die Fronten einer Auseinandersetzung um die Machtverhältnisse in Alexandria geriet. Zunächst einmal waren die paganen Philosophen bei den Christen nicht beliebt, weil diese die Theurgie, ein Ritual zur Kontaktaufnahme mit den hellenischen Göttern, für Zauberei und Götzenkult hielten. Doch eigentlich waren die Neuplatoniker gar nicht an dem Konflikt in Alexandria beteiligt, dieser bestand zwischen den Christen, mit dem Patriarch Kyrill von Alexandria als Kirchenoberhaupt, den Juden und dem derzeitigen römischen Präfekten der Stadt, Orestes, zu dessen Umfeld Hypatia zählte.

Kyrill schürte über Handlanger Unruhe zwischen Christen und Juden, sodass zwischen dem Kirchenobersten und dem Präfekten ein handfester Machtkampf entstand, bei dem Kyrill schließlich Hypatia als prominente und besonders mißliebige – weibliche! – Person als angebliche Beraterin des Präfekten ins Visier nahm. Er unterstellte ihr, den Präfekten gegen die Christen aufzuwiegeln, woraufhin eine Gruppe seiner Anhänger sie überfiel, vermutlich nackt auszog und entweder in einer Kirche zerstückelte oder durch die Stadt schleifte.

Ob die Verehrung Hypatias in ihrer tatsächlichen Lebensleistung wurzelt oder in den Aspekten des Märtyrertums, den ihr Tod aufweist, lässt sich heute nur schlecht nachvollziehen. Der verlinkte Wikipedia-Beitrag liefert eine recht umfassende Schilderung der unterschiedlichen Schilderungen und Schlussfolgerungen. Durchaus meinen eigenen laienhaften Gedanken dazu entspricht allerdings die feministische Wertung der Umstände ihres Todes, nämlich, dass die Brutalität ihrer Mörder sich nicht nur auf die ihre Philosophie bezog, sondern auch auf ihr Geschlecht. Dass diese (in einigen Quellen geschilderte) Zerstückelung ihres Körpers symbolisch war für die Vernichtung ihrer Intellektualität und ihrer Existenz als Frau in der Wissenschaft. Mit ihrer Ermordung sei das Ende der antiken Mathematik und Naturwissenschaft eingeläutet worden, „der letzte Glanz heidnischer Wissenschaft erloschen„, und die christliche Wissenschaft habe den Ruhm Alexandrias nicht zu halten vermocht.

(Diese Lesart fügt sich recht nahtlos in meine Vorstellung ein, dass wir noch heute, 1500 Jahre später, mit den Folgen der systematischen Extraktion der Frau aus der Wissenschaft, Bildung und überhaupt dem öffentlichen Raum kämpfen, die die christliche Kirche organisiert betrieben hat.)

7/2020: Susan Lim, 14. Februar 1952

Lee Hong Susan Lim (Link Englisch) wurde in Seremban geboren, der Hauptstadt des malaysischen Bundesstaates Negeri Sembilan. Nachdem sie die Grundschule und die weiterführende Schule in ihrer Heimatstadt abgeschlossen hatte, ging sie 1971 nach Kuala Lumpur, um an der Universität Malaya Zoologie zu studieren. Zunächst schloss sie ihren Master of Science ab, dann arbeitete sie auf ihre Promotion hin. Sie verdiente ihren Unterhalt als Tutorin an der Universität, während sie ihre Doktorarbeit über Hakensaugwürmer bei Frischwasserfischen. Mit dieser Arbeit promovierte sie 1987, mit 35 Jahren. Zwei Jahre später wurde ihr eine Lehrstelle an der Universität angeboten, 2003 wurde sie zur Professorin am dortigen Biologischen Institut.

Lim gilt als die führende Spezialistin für Hakensaugwürmer in Südostasien. Indem sie mehr als 100 neuer Arten beschrieb und ebensoviele neu einordnete, erarbeitete sie sich den sechsten Platz auf der Liste der produktivsten Hakensaugwurm-Forscher, und die produktivste Frau in diesem Bereich überhaupt. Sie ist in ihrem Forschungsbereich auch dafür bekannt geworden, einen bis dahin unbekannten Mechanismus zu beschreiben, mit dem sich einige der Würmer an ihren Wirten befestigen, nämlich einer Art Netz, die diese aus ihren Sekreten bilden.

Lim starb 2014 im Alter von 62 Jahren an einem langen Krebsleiden.

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Ebenfalls diese Woche

12. Februar 1921: Kathleen Antonelli
Auch als Kay McNulty bekannt, gehört die diplomierte Mathematikerin zu den sechsersten Programmiererinnen des ENIAC, mit dem die US-Armee ballistische Berechnungen anstellte. Die Lebensgeschichten dieser „Computer“ genannten Frauen (und Männer) sind lesenswert, aber zu gehaltvoll für meine derzeitigen Kapazitäten.

14. Februar 1862: Agnes Pockels
Die in Venedig geborene Tochter eines deutschen Offiziers forschte als Autodidaktin zur Grenzflächenspannung, genauer: zur Oberflächenspannung. Durch ihre Beobachtungen beim Spülen (ausgerechnet!) entwickelte sie die Schieberinne, heute auch Filmwaage, die Irving Langmuir zusammen mit Katharine Blodgett weiterentwickelte. Für seine Weiterentwicklung erhielt Langmuir – und nur er – den Nobelpreis für Chemie, drei Jahre, bevor Pockels starb.

16. Februar 1880: Kono Yasui (Link Englisch)
Mit 47 Jahren wurde die Zellbiologin 1927 die erste Frau mit Doktorgrad in Japan. 22 Jahre später wurde sie Professorin an der Ochanomizu Joshi Daigaku, der Frauenuniversität Ochanomizu, 1955 wurde sie für ihre akademischen Leistungen mit der Medaille am Violetten Band geehrt.

16. Februar 1932: Archana Sharma (Link Englisch)
Die indische Botanikerin lieferte vor allem mit ihren Forschungen zu Chromosomen von Bedecktsamern einen wissenschaftlichen Durchbruch, der zu einer neuen Kategorisierung der Pflanzen führte.

Pandrosion

ca. 300 n. Chr.

An der tatsächlichen Existenz von Pandrosion (Link Englisch) besteht keinerlei Zweifel, dennoch ist oder war sie lange Zeit obskur, denn im 19. Jahrhundert wurde sie von einem Übersetzer kurzerhand zum Mann gemacht.

Der griechische Mathematiker Pappos von Alexandria spricht in seiner Mathematischen Sammlung von Pandrosion, insbesondere ihre Lösung für die Würfelverdopplung. Dies ist eines der klassischen Probleme der antiken Mathematik, neben der berühmten Quadratur des Kreises und der Dreiteilung des Winkels. Das eigentliche Problem dieser drei geometrischen Aufgaben im klassischen Griechenland lag an den eingeschränkten Mitteln: In nur einer begrenzten Anzahl von Schritten sollten diese Probleme mit den Euklidischen Werkzeugen Lineal und Zirkel gelöst werden. Bei allen dreien wurde erst im 19. Jahrhundert bewiesen, dass dies im Grunde gar nicht möglich ist.

Für die Würfelverdopplung hatte Archytas von Tarent 800 Jahre vor Pandrosion bereits eine rechnerische Lösung gefunden, an deren Visualisierung sich auch mathematisch unbewanderte Menschen (wie ich) ästhetisch erfreuen können: Mithilfe der Oberflächen eines Torus, eines Zylinders und eines Konus – die Beschränkung der Hilfsmittel auf Lineal und Zirkel galten zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Doch zurück aus der Abschweifung zu Pandrosion. Laut Pappos sei sie einer Lösung dieses Problems unter den inzwischen strengeren Regeln nahe gekommen, habe dafür aber nicht ausreichend mathematische Beweise erbracht. In seiner Sammlung widmet er eine Sektion der Korrektur von Pandrosions Fehlern; an anderer Stelle schließt er eine Methode ein, das geometrische Mittel zu exakt errechnen, die indirekt ebenfalls auf Pandrosion zurückging.

Bei seiner Übersetzung der Sammlung vom Griechischen ins Lateinische konnte sich Friedrich Hultsch 1878 schlicht nicht vorstellen, dass Pandrosion eine Frau gewesen sein könnte, und unterstellte Pappos, sich bei der weiblichen Anrede an sie geirrt zu haben. Kurzerhand „korrigierte“ er in einem Akt, der dem Matilda-Effekt ähnelt, die Anrede und so wurde Pandrosion lange Zeit männlich gelesen. Es sollte 110 Jahre dauern, bis sich ein englischer Übersetzer namens Alexander Raymond Jones 1988 für eine direkte Übersetzung ins Englische mit den griechischen Originalen befasste, und überzeugend darlegte, dass Pappos durchaus keinen Fehler gemacht hatte.

Aufgrund dieser Tatsache wissen wir heute, dass Pandrosion eine noch ältere Mathematikerin als Hypatia – möglicherweise sogar deren Lehrerin – gewesen ist. Über diese folgt der nächste Beitrag auf dem Zeitstrahl.

6/2020: Lin Lanying, 7. Februar 1918

Die Familie von Lin Lanying (Link Englisch) lässt sich bis in die Ming Dynastie, etwa 600 Jahre, zurückverfolgen. Einer ihrer Vorfahren, Lin Run (das Chinesische stellt den Familiennamen voran) war Beamter und unterstützte seinen Kaiser gegen zwei politische Gegner. Zum Dank dafür wurde er reich beschenkt und baute das Haus in Putian, in dem auch Lanying geboren wurde und aufwuchs. Als älteste Tochter der Familie putzte und kochte sie bis zu ihrem sechsten Lebensjahr für die ganze Familie – ihre später geborenen Schwestern wurden als Kinder in Zwangsheiraten gegeben oder umgebracht. Ihr Vater verließ die Familie für eine Lehrtätigkeit.

Mit sechs Jahren wollte Lin Lanying dem Schicksal der hausgebundenen Frau trotzen und zur Schule gehen. Ihre Mutter verweigerte ihr dies, bis sich Lanying in ihrem Zimmer einschloss und das Essen verweigerte. Von dieser Beharrlichkeit ließ sich die Mutter überzeugen und erlaubte ihr den Besuch der örtlichen Grundschule. Das Kind musste weiterhin alle Aufgaben im Haushalt wie bisher übernehmen, durch das Lernen für ihre durchgehend hervorragenden Noten kam sie oft nicht vor Mitternacht ins Bett. Sechs Stunden Schlaf bleiben ihr lebenslanges Pensum. Beim Wechsel auf die weiterführende Schule musste Lanying erneut mit ihrer Mutter streiten, die meinte, weitere Bildung sei für eine Frau unnötig. Wenn es sie kein Geld kosten würde, so rang Lanying ihrer Mutter das Versprechen ab, dann dürfte sie gehen. Die Schule, auf die sie gehen wollte, bot Stipendien für die drei besten Schüler:innen an, und Lanying verdiente sich eines dieser Stipendien jedes Halbjahr.

In der Oberstufe hatte ihre Mutter endlich akzeptiert, dass Lin Lanying zur Schule ging. Für ein Jahr besuchte sie die Oberstufe in Putian, doch die politischen Unruhen zu dieser Zeit – Japan marschierte 1937 in China ein – machten die Schule unsicher, deren Schüler:innen sich politisch engagierten. Lin wechselte auf eine reine Mädchenschule, wo sie eine amerikanische Lehrerin hatte, die nur schlecht Chinesisch sprach. Lin begann, für die Lehrerin zu übersetzen und wurde schließlich deren Assistentin, was ihr den Beinamen „kleine Lehrerin“ einbrachte. Von dieser Schule ging sie ab an die Universität Fukien Christian University, heute Fujian Normal University (Link Englisch). Mit 22 Jahren machte sie ihren Bachelor-Abschluss in Physik, als eine der besten Absolvent:innen. Sie arbeitete dort weiter acht Jahre, vier davon als Lehrassistentin für Basiskurse zum Beispiel für Mechanik. Ihr erstes Buch Lehrgang für Experimente der Optik diente ihr als Promotion zum Professor.

Ihre Universität betrieb einen Austausch mit der New York University, aber weil Lin keine Christin war, war sie davon ausgeschlossen. Stattdessen bewarb sie sich um ein Stipendium am Dickison College, das sie mit Hilfe eines Studienfreundes auch erhielt. In Amerika schloss sie einen weiteren Bachelor in Mathematik an. 1955 erarbeitete sie sich einen weiteren Doktortitel in Festkörperphysik, danach wollte sie in ihre Heimat zurückkehren. Doch die politische Lage in China war schwierig, in Amerika gab es gute berufliche Chancen und chinesischen Studenten wurde auch die Ausreise verweigert. Lin wurde mit der Empfehlung eines ihrer Professoren Oberingenieurin in einem Unternehmen, das versuchte, monokristallines Silicium herzustellen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Versuche gescheitert, unter Lins Leitung gelang es schließlich.

Als ein Jahr später China das Abkommen der Indochinakonferenz unterzeichnete, war es Lin schließlich möglich, die Heimreise anzutreten. Kurz vor ihrem Abflug kam laut Wikipedia ein FBI-Agent auf sie zu und drohte, ihr Konto mit ihrem Jahresgehalt einzufrieren, wenn sie nach China flöge. Lin habe diese Sanktion hingenommen.

In China unterstützte Lin ihre Familie, zwei Brüder und zwei Nichten, mit dem kargen Gehalt von umgerechnet 20 Dollar im Monat, das sie beim chinesischen Institut für Halbleiterforschung verdiente. Dort gelang es 1957 mit ihrer Hilfe zum ersten Mal, monokristallines Germanium herzustellen. Trotz dem Mangel an Instrumenten und Ausstattung, der in China wegen diverser Handelsembargos herrschte, fand sie 1958 eine weitere Methode zur Herstellung von monokristallinem Silicium, womit China zur dritten Nation wurde, die diesen Einkristall erzeugen konnte. 1962 entwarf sie den Einkristall-Ofen, der seither von China weltweit exportiert wird, und stellte monokristallines Galliumarsenid her.

Dann kam die Kulturrevolution. Lin wurde im Rahmen der Verfolgung der „Ausbeuterklasse“, zu der Mao auch Intellektuelle zählte, unter Hausarrest gestellt, ihr Vater wurde totgeschlagen. Dennoch begann sie 1976, nach dem Ende der Kulturrevolution, mit fast 60 Jahren erneut an zu arbeiten. Sie arbeitete erneut mit Galliumarsenid und konnte dessen Qualität in chinesischer Produktion verbessern – die Details kann ich leider nicht nachvollziehen. Nach dieser Errungenschaft benannte China schließlich ein Galliumarsenid-Produktionsunternehmen nach ihr.

1996 wurde bei ihr Krebs festgestellt. Sie wünschte sich noch weitere zehn Jahr, um ihre Arbeit an der Halbleiterherstellung in Südchina fertigzustellen. Sie erreichte ihr Ziel nicht ganz, sieben Jahre später starb sie im Alter von 85 Jahren.

Die „Mutter der Halbleiter“ veröffentlichte zahlreiche Forschungsarbeiten und war auch teilweise für die Gleichberechtigung der Frau aktiv; allerdings war auch ihre Position, dass Frauen ebenso fähig zu wissenschaftlicher Arbeit sind, begleitet von den Stereotypen der Zeit, nämlich, dass sie sich dennoch mehr anstrengen müssten, weil sie leichter abzulenken seien.

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Ebenfalls diese Woche

3. Februar 1835: Marianna Paulucci (Link Englisch)
In 32 Arbeiten beschrieb die italienische Malakologin zwei Gattungen und 159 Arten von Mollusken.

3. Februar 1918: Moira Dunbar (Link Englisch)
Sie war die erste, die Forschungen von kanadischen Eisbrechern aus durchführte, eine der ersten Frauen, die über den Nordpol flog, und veröffentlichte zahlreiche Arbeiten zum Arktischen Eis und zur Glaziologie.

9. Februar 1919: Irene Stegun
Die Mathematikerin ist durch ihre Mitarbeit an dem Buch Handbook with Mathematial Functions, Graphs, and Mathematical Tables bekannt, das sie nach dem Tod des ersten Projektleiters Milton Abramowitz fertigstellte und herausbrachte.