frauenfiguren

Neustart

Screenshot einer WordPress Beitragsliste: "Veröffentlichte (734) | Geplante (12)"

Es ist vollbracht. Es war 2022 auf diesem Blog nur scheinbar still, denn ich habe meinen Plan umgesetzt, für die ersten in etwa 3 Monate – 12 Wochen – die Artikel über Aktivistys des intersektionalen Feminismus fertigzustellen.

Besonders stolz bin ich auf mich, weil ich es gemacht habe, obwohl mich das Leben in den Sozialen Medien auch dieses Jahr immer wieder frustriert, ja, deprimiert hat; die Frage, ob es an der mangelnden Qualität meiner Beiträge, meinem Unwillen, meine Zeit statt für Lohn- und Carearbeit algorithmusfreundlich für die Bewerbung dieses Blogs zu opfern oder auch nur am Algorithmus selbst liegt, kann ich auf keine mich glücklicher machende Art beantworten. Jedenfalls, an vielen Tagen habe ich mir immer wieder die Sinnfrage gestellt und mehr als einmal den Stecker ziehen wollen. Gerade habe ich vernommen, dass Blogs mit dem Ende der 2010er ihre Bedeutung verloren haben. Ressourcen und Fähigkeiten für Tiktok oder einen Podcast habe ich derzeit keine.

Fakt bleibt aber, das mich wenig so glücklich macht, als mich regelmäßig in eine neue Person zu verlieben, mich mit ihren Themen und Erfolgen zu befassen, ihr Leben und Wirken in eine fassbare, geordnete Struktur zu bringen und zu hoffen, andere ebenfalls für sie begeistern zu können. Ich führe das Blog eigentlich nicht für euch, sondern für mich – dankbar über jede Interaktion bin ich nichtsdestotrotz, weil ich dann weiß, dass ich nicht in einen leeren Raum spreche.


Weil es bei den Beiträgen im kommenden Jahr wichtig ist, und ich das eigentlich auch mal als neues ‚Über mich und dieses Blog‘ angedacht habe, möchte ich hier einmal kurz meine Vorstellung anbringen, was für mich der ‚feministische Kampf‘ ist. Auf Twitter und Instagram habe ich diese Position schon als angepinnter Tweet bzw. in den Highlights kurz aber hoffentlich schlüssig umrissen.

Meine Position: Das System ist misogyn. So wie Tupoka Ogete in EXIT RACISM deutlich macht, dass wir in einem rassistischen System leben, das viel tiefer geht als offene Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, so ist unser gesellschaftliches System auch misogyn. Das durch Religion und Politik etablierte Patriarchat früherer Tage war die Hardware, doch so weit wir in manchen Aspekten der Gleichberechtigung seit dem Mittelalter vorangekommen sind: Die Software unserer heutigen Gesellschaft ist noch immer die Misogynie. Was traditionell als ‚weiblich‘ konnotiert ist, zählt als Anlass oder Begründung für Diskriminierung, Unterdrückung, Gewalt und Herabwürdigung. Die Sache ist, dass das nicht nur cis Frauen betrifft. Es betrifft:

  • cis und trans Frauen sowie alle inter, nicht-binäre und agender Personen, die weiblich gelesen werden – ihre Weiblichkeit (selbst identifiziert oder von außen gelesen) macht sie angreifbar für Misogynie
  • nicht-binäre und agender Personen, deren Identität nicht ‚traditionell weiblich/männlich‘ gelesen werden kann – das misogyne System bestraft das Widersetzen gegen die Binarität, weil es nur weiter funktionieren kann, wenn alle darin verharren
  • männlich gelesene Personen – diese stehen unter dem systemischen Zwang, ihre traditionelle ‚Männlichkeit‘ permanent unter Beweis zu stellen, wobei der goalpost, was ‚ein echter Mann‘ ist, beständig verschiebbar ist und jede Abweichung in Attribute, die traditionell ‚weiblich‘ gelesen werden können, sie für misogyne Gewalt angreifbar macht

Alle sind in irgendeiner Form von der systematischen Misogynie betroffen; die Formen, das Ausmaß und natürlich auch die Privilegien im System unterscheiden sich individuell.

Kurz gesagt: Im misogynen System ist ‚Weibliches‘ Minus, ‚Männliches‘ ist Plus, und alle Menschen müssen in der strengen Binarität verbleiben. Die Gleichberechtigung von Frauen funktionierte sehr lange darüber, dass Frauen Männern in ihren Rechten und Privilegien ähnlicher wurden – aber stets in einem Rahmen, der vom misogynen System bestimmt wurde. Individuelle Interpretationen, eigene Wege und Selbstbestimmung wurden und werden noch immer bestraft. Was von Männern erlaubt oder unterstützt wurde, war möglich, überschrittene Grenzen als Übermut und Anmaßung abgelehnt. Das ist nur scheinbare Gleichberechtigung, weil sie noch immer innerhalb des misogynen Systems funktioniert. Inter*, trans*, nicht-binäre und agender Personen stellen eine Bedrohung für das misogyne System dar, weil sie die Binarität auflösen – somit erfahren sie noch immer die deutlichste, offene Ablehnung, die von vielen, die solidarisch sein sollten, unterstützt wird.*

Es geht mir persönlich – auch mit diesem Blog – nicht darum, mich einer bestimmten Strömung des Feminismus zuzuordnen. Aber mein Verständnis von Feminismus ist, dass wir dieses misogyne System abschaffen müssen, das uns allen Gewalt antut. Und mit diesem Verständnis bin ich solidarisch mit allen, die in individuellen Formen unter diesem System leiden – das sind auch cis-het Männer, die sich damit abmühen, ihrem und dem gesellschaftlichen Bild von ‚Männlichkeit‘ zu entsprechen und dabei ihren Körper quälen und ihre Gefühlswelt verkümmern lassen (müssen). Auch wenn diese selbst nicht verstehen oder wahrhaben wollen, dass es Misogynie ist, an der sie leiden.**

Ich glaube, wir können das System nur überwinden, indem wir auf die Gemeinsamkeiten blicken. Und wenn es das Leid im misogynen System ist, das ich mit anderen gemein habe, dann bin ich mit ihnen solidarisch – ungeachtet ihrer Identität. Die Unterschiede zwischen uns bestimmen die Form des Leids, aber nicht die Tatsache, was die Ursache ist.

In diesem Sinne gehören im kommenden Jahr selbstverständlich auch trans* Frauen und – so sie auch weibliche Pronomen verwenden – nicht-binäre und agender Personen zu den möglichen Kalenderheldinnen. Die Auswahl, über wen ich in einem Beitrag spreche, ist weiterhin höchst idiosynkratisch und möglicherweise auch von meinen zeitlichen Möglichkeiten bestimmt. Ich werde versuchen, die unterschiedlichen Intersektionen gleichermaßen zu berücksichtigen, bitte jedoch um Nachsicht, da ich noch immer alleine und unbezahlt aus purer persönlicher Leidenschaft an diesem Blog arbeite.


* Zum misogynen System gehört auch die Idealvorstellungen von ’schönen‘ weiblichen und männlichen und allgemein ‚richtigen‘ Körpern, die Erwartung an eine ’natürliche‘ Fortpflanzung, bei der keine bereits entstandene Schwangerschaft beendet werden darf, sowie die Fortschreibung der Rollen in Beziehungen und Lohn- und Care-Arbeit.

**Ich bin Mutter zweier Kinder. Mein weiblich gelesenes Kind fühlt sich wohl, wenn es nicht weiblich gelesen wird. Mein männlich gelesenes Kind identifiziert sich männlich, trägt aber gerne Kleider und ist insgesamt gender nonconforming. Für beide sehe ich es als meine Aufgabe an, die binären Prinzipien von ‚Weiblichkeit‘ und ‚Männlichkeit‘ zu ignorieren und sie als Menschen zu begleiten. Das bedeutet nicht, ihre selbst benannte Identifikation z.B. als weiblich oder männlich abzulehnen, sondern ihnen den Rücken zu stärken in ihrem eigenen Ausdruck ihrer Identität. Es bedeutet auch, dass ich als Elternteil sehr unterschiedliche Erfahrungen damit mache, nicht, wie ich sie – als ‚Mädchen‘ oder ‚Junge‘ – erziehe, sondern vor welchen gesellschaftlichen Erwartungen und Repressalien ich sie als Individuen verteidigen muss.

05/2023: Koyuki Higashi, 1. Februar 1985

Nach ihrem Studium am Takarazuka Musical College spielte Koyuki Higashi mehrere Jahre als Aura Maki in der Takarazuka Revue, einer Musiktheatergruppe, in der sämtliche Rollen von Frauen gespielt werden. Sie war in diesem Ensemble eine otokoyaku, die die männlichen Rollen spielen. Sie beendete ihre Schauspieltätigkeit 2006.

Vier Jahre später trat sie mit ihrem Aktivismus für die LGBTQA+ Gemeinschaft in Erscheinung. Sie outete sich als lesbisch und gründete 2011 Rainbow Kanazawa, eine non-profit Organisation für LGBTQA+ Jugendliche in ihrem Heimatort.

Als das Tokyo Disney Resort 2012 eröffnete, dass Besuchern im Park Hochzeit, die Disney Royal Dream Wedding, feiern könnten, schrieb Higashi den Vergnügungspark an und fragte, ob sie dort auch mit ihrer Frau heiraten könne. Die erste Antwort war, dass dies möglich sei, jedoch eine von beiden zwingend einen Frack tragen müsse. Higashi schrieb darüber in ihrem Blog und löste damit eine öffentliche Reaktion auf Social Media aus, die das Unternehmen dazu bewegte, sich mit dem Elternkonzern in den USA in Verbindung zu setzen, um die Frage zu klären. Nach dieser Absprache änderte das Tokyo Disney Resort seine Regelung und erlaubte Higashi, am 1. März 2013 ihre Partnerin im Park zu heiraten – beide trugen dabei ein Brautkleid. Queer.de berichtete darüber ebenso wie Pride.com. Das Event wurde von japanischen LGBTQA+ Organisationen als eines der größten Ereignisse des Jahres in der gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet; Higashi und ihre Partnerin wurden noch im gleichen Jahr mit dem Tokyo SuperStar Community Award ausgezeichnet.

Die Disney-Eheschließung war allerdings eine rein persönliche Veranstaltung, gleichgeschlechtliche Partnerschaften waren 2013 in Japan in keiner Weise anerkannt. Erst zwei Jahre später machte es der Tokyoter Bezirk Shibuya möglich, einen Antrag für ein – immer noch eher symbolisches – Dokument der „eingetragenen Partnerschaft“ zu stellen. Der Gemeinderat hatte am 31. März 2015 dafür gestimmt, am 5. November des Jahres waren Higashi und ihre Partnerin die ersten, die sich ihre Partnerschaftsurkunde abholen konnten.


Schon 2011 hatten einige buddhistische Tempel begonnen, Eheschließungen für gleichgeschlechtliche Paare vorzunehmen. Die säkularen Gemeindeverwaltungen Japans brauchten dafür noch eine ganze Weile, nach Shibuya zog 2015 noch ein weiterer Bezirk Tokyos nach, in den folgenden Jahren machten zwischen ein und drei Gemeinden in Japen es möglich, sich als homosexuelles Paar dokumentieren zu lassen. Diese Dokumente sind allerdings nicht gesetzlich bindend oder gar einer traditionellen heterosexuellen Ehe gleichgestellt; einige Versicherungen lassen die Dokumente jedoch gelten, um den*die Partner*in mit aufzunehmen, auch in Krankenhäusern und in Erziehungseinrichtungen können die Partnerschaftsurkunden gelten, um als Familienmitglied anerkannt zu werden. Allerdings – da diese Dokumente von der jeweiligen Gemeinde und nicht vom japanischen Staat ausgestellt werden – galten sie lange nur in der ausstellenden Gemeinde. Dies bedeutete, sollte das urkundlich bestätigte Paar in eine andere Gemeinde umziehen, wurde das Dokument wertlos und musste, wenn überhaupt möglich, in der anderen Gemeinde neu beantragt werden. 2019 eröffneten allerdings insgesamt 21 Gemeinden die Möglichkeit einer eingetragenen gleichgeschlechtlichen Partnerschaft und viele unter ihnen erklärten, die Dokumente der jeweils anderen anzuerkennen. Seit 2021 sprechen auch mehrere Präfekturen, also hörere Verwaltungsebenen, davon, eingetragene gleichgeschlechtliche Partnerschaften systematisch zu beurkunden. Das ermöglicht für die betroffenen Paare natürlich eine größere Bewegungsfreiheit. Eine Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der heterosexuellen Ehe ist in Japan allerings noch nicht in Sicht.


Quelle Biografie: Wiki englisch
Quelle eingetragene Partnerschaft in Japan: Wiki englisch

04/2023: Mona Winberg, 27. Januar 1932

By unknown – Original publication: unknown
Immediate source

Als Mona Winberg 1932 in Kanada zur Welt kam und kurz darauf eine Zerebralparese* mit Athetose** bei ihr festgestellt wurde, sagten die Ärzte ihren Eltern, jüdischen Immigranten aus Polen und Ungarn, dass sie niemals laufen oder sprechen würde; ihnen wurde geraten, Mona in ein Heim zu geben. Ihre Mutter lehnte das ab und zog die Tochter gemeinsam mit ihren drei älteren Geschwistern zu Hause auf. Als der Vater zwölf Jahre später starb, musste die Mutter für den Unterhalt der Familie aufkommen und holte die eigene Mutter zur Unterstützung in den Haushalt.

Entgegen der Prognose besuchte Winberg altersgerecht die Schule, zunächst die Wellesley Orthopaedic School. Als sie hier die achte Klasse abgeschlossen hatte, wurde ihr allerdings der Zugang zur High School verweigert; nur die (damals) Central Commerce High School erlaubte ihr, als reine Zuhörerin an Kursen teilzunehmen, aber nicht als Schülerin gelistet zu werden. Sie schloss die Schule, die zu dieser Zeit vor allem für Berufe im Finanzsektor ausbildete, im Alter von zwanzig Jahren ab und schrieb sich gleich anschließend für das Fach Journalismus an der University of Toronto ein. Nachdem sie zwei Jahre später das Studium beendet hatte, begann sie als Lohnbuchhalterin beim Corbrook Sheltered Workshop zu arbeiten, einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, speziell mit Zerebralparese. Diese Tätigkeit übte sie die nächsten vierzehn Jahre bis 1968 aus.

Anfang der 1960er Jahre setzte Winberg zu ihrer zweiten Karriere an, als sie erste Artikel für den Newsletter der Ontario Federation for Cerebral Palsy schrieb. Sie wurde 1972 die erste Präsidentin dieser Organisation, die selbst mit Zerebralparese lebte. Einige Zeit später wurde sie Redakteurin beim Contact Magazin und erlangte immer größere Bekanntheit durch ihre Vorträge, in denen sie sich für das selbstbestimmte Leben von behinderten Menschen einsetzte. Verärgert vom Mangel an Berichterstattung über den Alltag und die Themen von Menschen mit Behinderung, trat sie 1980 proaktiv auf die Toronto Sun zu und schlug vor, eine wöchentliche Kolumne zu schreiben, die genau diesen Mangel beheben sollte. Die Redaktion ging auf ihren Vorschlag ein, und in den nächsten fast zwanzig Jahren erschien Winbergs Kolumne Disabled Today in jeder Sonntagsausgabe. Wie aus den Erinnerungen an Winberg unten zu entnehmen ist, kostete es Winberg im Schnitt sechzehn Stunden Zeit, einen solchen Text zu schreiben.

1988, Winberg war inzwischen 56 Jahre alt, erhielt sie den King Clancy Award der Canadian Foundation for Physically Disabled Persons, sieben Jahre später wurde sie in die Canadian Disability Hall of Fame (Link englisch) aufgenommen; 2002 erhielt sie den Order of Canada.

Ihre letzte Kolumne erschien 1999. Die Folgejahre verbrachte sie damit, ihre Lebensgeschichte zu schreiben und ihre Kolumnen zusammenzutragen und zu kategorisieren, um ein Buch daraus zu machen. Sie starb 76-jährig, am 19. Januar 2009, an den Komplikationen einer Lungenentzündung. Ihr Buch Solitary Courage: Mona Winberg and the Triumph over Disability wurde posthum veröffentlicht.


Der Toronto Star schrieb einen Nachruf auf Winberg, und natürlich erinnerte auch die Toronto Sun an ihre langjährige Kolumnistin. Einige Persönlichkeiten kommen dort zu Wort, der ehemalige Vizegouverneur von Ontario etwa nennt sie „one tough bird“ (etwa: ‚eine zähe Biene‘). Die Webseite lud damals ein, Erinnerungen an Winberg zu teilen, und veröffentlichte zwei weitere Beiträge als Mona Memories. Vor möglichem inspiration porn wird gewarnt.


*(Infantile) Zerebralparese bezeichnet eine Bewegungsstörung, die durch frühkindliche Hirnschädigung entsteht, etwa (häufig) durch einen Sauerstoffmangel im Gehirn aufgrund von Unterversorgung im Mutterleib oder während der Geburt, aber auch Erkrankungen der Mutter während der Schwangerschaft, Hirnblutungen oder Stoffwechselstörungen des Neugeborenen sowie Schädel-Hirn-Traumata oder Hirnhautentzündungen im Babyalter. Durch diese unterschiedlichen Ursachen wird die vollständige Entwicklung des Zentralen Nervensystems verhindert. Die resultierenden Bewegungsstörungen werden in Spastik, Ataxie und **Athetose eingeteilt, diese können auch parallel auftreten. Spastik zeichnet sich durch einen hypertonen Muskeltonus aus, dh. die Muskeln sind zu stark angespannt, Ataxie (= gr.: Unordnung) bedeutet hingegen eine zu niedrige Grundspannung der Muskulatur, Athetose (= gr.: ’nicht an einer Stelle‘) entsteht durch den Wechsel von zu hoher und zu niedriger Grundspannung. Alle diese Störungsformen beeinträchtigen die Körperhaltung, das Gleichgewicht und die Feinmotorik. Eine Zerebralparese kann mit Epilepsie, Sprach-, Seh- und Hörbeeinträchtigungen einhergehen, die kognitiven, intellektuellen Fähigkeiten sind jedoch nur bei etwa der Hälfte der Betroffenen eingeschränkt.


Andere bekannte Personen mit Zerebralparese sind RJ Mitte, der Walter White Jr. in Breaking Bad spielte, und eine meiner britischen Lieblingscomediennes, Rosie Jones. Die Videos unten sind eventuell für Menschen, die des Englischen nicht vollends mächtig sind, nicht gut zu verstehen: Rosie Jones spricht Englisch mit einem nördlichen Akzent.

‚The Elephant in the Room‘
Einstufung des Behinderungsgrades in UK – The Last Leg

Auch ein interessantes ernsthaftes Gespräch, an dem Rosie Jones teilnimmt: „Where have all the disabled people gone?“ der Royal Television Society. Die Problematik, wie wenig und mit welchen Klischees Menschen mit Behinderung in den Medien repräsentiert sind, ist sicher durchaus auf Deutschland zu übertragen. Ich warte in der deutschen Comedy-Szene ja leider nicht nur auf gute behinderte Comedians, sondern… naja.

„Where have all the disabled people gone?“ RTS panel discussion

Quelle Biografie: Wiki englisch

03/2023: Julie Sondra Decker, 17. Januar 1978

Als die Mitschüler*innen von Julie Sondra Decker anfingen, sich für Dating und Sexualität zu interessieren, stellte sie selbst fest, dass dies bei ihr nicht der Fall war. Ohne die Begriffe zu kennen, erkannte sie mit 14 Jahren für sich, dass sie aromantisch und asexuell ist. Mit 19 Jahren machte sie die unangenehme Erfahrung, dass ein Freund der Meinung war, sie ‚heilen‘ zu müssen, indem er ihr körperliche Intimität aufzuzwingen versuchte.

Decker schreibt es der Gründung des Asexual Visibility and Education Network (AVEN) 2001 zu, dass sie schließlich den Begriff für ihre Identität und eine Gemeinschaft ähnlicher Menschen fand. Ihr eigener Aktivismus begann allerdings erst einige Zeit später. Sie richtete 2006 einen eigenen YouTube-Kanal ein, auf dem sie zwei Jahre später zunächst Gesangsvideos und andere kreative Inhalte teilte. Mit „Letters to an Asexual #1“ am 30. Juni 2008 begann sie eine Video-Reihe, in der sie von Interaktionen erzählte und Konversationen teilte, die sie mit Menschen online über ihre Identifikation als asexuell hatte.

Erster Beitrag zur Reihe ‚Letters to an Asexual‘

Es folgten diverse Videos, die zur Gemeinschaftsbildung oder zu pädagogischen Zwecken dienten.

‚Shit People say to Asexuals‘
Ein Überblick über das Thema Asexualität mit ’20 Fragen‘

2013 war Julie Sondra Decker an einer Reihe zu Asexualität bei der HuffPost beteiligt, 2014 brachte sie das Buch The Invisible Orientation: An Introduction to Asexuality heraus, das auch einige Beachtung fand. Ihr Ziel war es, mit dem Buch das allgemeine Verständnis davon zu verbessen, was Asexualität ist. Sie ist seither sowohl als Ace/Aro-Aktivistin tätig wie als Autorin, Comiczeichnerin und YouTube-Kreative. Auf ihrer Webseite teilt sie Inhalte wie auch ein persönliches Blog.


Quelle Biografie: Wiki englisch


Der Beitrag zu Asexualität bei der deutschen Wikipedia ist im Vergleich zur englischen Wikipedia noch sehr überschaubar, bringt aber zweierlei interessante Verlinkungen:

  1. Der Begriff der Ich-Syntonie als ein Empfinden der ‚Symptome‘, etwa eines (gesellschaftlich so interpretierten) ‚Mangels‘ an sexuellem Interesse, als mit der eigenen Identität stimmig. Kurz: Was keinen Leidensdruck schafft, ist nicht krankhaft. Damit grenzt sich die Orientierung oder Identität der A- oder Demisexualität von Erkrankungen mit Anaphrodisie ab. Menschen auf dem asexuellen und aromantischen Spektrum nehmen das Ausbleiben von romantischer oder sexueller Anziehung nicht als einen Mangel oder ein Leiden wahr, sondern es ist stimmig mit ihrer Selbstwahrnehmung.
  2. Der Verweis auf Emma Trosse, die als ‚Pionierin einer Definition der Asexualität im Sinne einer sexuellen Präferenz‘ genannt wird: Sie befasste sich bereits vor Magnus Hirschfeld wissenschaftlich mit der Homosexualität, insbesondere der von Frauen, und argumentierte gegen die Diskriminierung Homosexueller: Homosexualität und Asexualität seien keine Anomalien oder Ausnahmen von der natürlichen Ordnung, sondern Teil derselben. Die Titel ihrer Artikel, in denen sie sich mit Homo- und Asexualität befasste: ‚Der Konträrsexualismus in Bezug auf Ehe und Frauenfrage‚ (1895), ‚Ein Weib? Psychologisch-biographisch: Studie über eine Konträrsexuelle‚ (1897) und ‚Ist „freie Liebe“ Sittenlosigkeit?‚ (1897) Diese wurden bald für ihre „unmoralischen“ Positionen verboten. Sie befasste sich später vor allem mit medizinischen Themen und gilt als die Heimatdichterin des Ahrtals.

02/2023: Alice Nkom, 14. Januar 1945

Die kamerunische Menschenrechtsaktivistin und Anwältin studierte Rechtswissenschaften in Toulouse, Frankreich, und Douala, Kamerun. Mit ihrem Abschluss 1969 wurde sie die erste Schwarze Frau in Kamerun, die eine ulassung als Anwältin erreichte; fünf Jahre später gründete sie als Teilhaberin eine Gemeinschaftskanzlei in Douala mit.

In Kamerun sind offiziell „homosexuelle Handlungen“ strafbar, de facto werden jedoch Menschen schon für den Verdacht der Homosexualität (also auch ohne nachweisbare *Handlungen*) zu Haftstrafen verurteilt. Nkom setzt sich als Anwältin für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen ein, insbesondere für die Opfer der Diskriminierung als Homosexuelle. Sie gründete 2003 die Organisation ADEFHO (Association pour la Défence des Droits des Homosesuels), 2005 vetrat sie etwa eine Gruppe von Männern, die bei der Razzia in einer Bar verhaftet und für ein Jahr inhaftiert wurden. Die UN kritisierte die kamerunische Regierung für diese Verhaftungen und bezeichnete die Gesetzgebung in Kamerun als eine Verletzung der Menschenrechte. Alice Nkom war im Folgejahr 2006 Key Note Speakerin bei der Menschenrechtskonferenz in Montréal. In ihrem Heimatland war sie immer wieder der Verfolgung sowohl aus der Bevölkerung wie von der Regierung ausgesetzt, mit Androhungen körperlicher Gewalt wie auch der Inhaftierung.

Ihr bekanntester Fall war die Verteidung von Jean-Claude Roger Mbede 2011. Mbede wurde verhaftet auf Basis von SMS, die er an einen anderen Mann schrieb, um sich mit diesem zu verabreden. Er saß in Yaoundé in Untersuchungshaft und wurde für Homosexualität bzw. für versuchte homosexuelle Handlungen angeklagt. Alice Nkom vertrat ihn als Anwältin. Nachdem Mbede für schuldig befunden wurde und seine dreijährige Haft im Kondengui Central Prison antrat, protestierten unter anderem Amnesty International, dass es sich bei Mbede um einen politischen Gefangenen handele. Nkom setzte sich international für ihn ein und deckte auf, dass Mbede in seiner Zeit im Gefängnis an Mangelernährung litt und Opfer sexueller Misshandlungen wurde. 2012 wurde Mbede vorübergehend entlassen. Er starb allerdings 2014, bevor er den Rest seiner Haft antreten konnte: Er musste das Krankenhaus verlassen, in dem behandelt wurde, da er weitere medizinische Versorgung nicht bezahlen konnte.

Alice Nkom war erneut 2013 auf der Menschenrechtskonferenz in Antwerpen Key Note Speakerin, 2014 erhielt sie von Amnesty International Deutschland den AI Menschenrechtspreis. Im Film Born This Way. der die LGBTQ-Community Kameruns portraitiert, ist Alice Nkom in einigen Interviewszenen vertreten.

Dieser Artikel auf Queer Amnesty stellt neben Jean-Claude Roger Mbede auch Alice Nkom vor, ebenso dieser Beitrag der Heinrich-Böll-Stiftung.

Amnesty International Deutschland: „Dein Brief kann leben retten“ für Jean-Claude Roger Mbede
Botschaft von Alice Nkom anlässlich der Verleihung des Amnesty International Menschenrechtspreises der Sektion Deutschland

Quellen Biografie: Wiki deutsch | Wiki englisch

01/2023: Alicia Garza, 4. Januar 1981

Alicia Garza lebte die ersten vier Jahre ihres Lebens mit ihrer alleinerziehenden Mutter und deren Zwillingsbruder, bis ihre Mutter ihren Stiefvater heiratete. Weil sie den Großteil ihrer Kindheit mit dessen jüdischer Kultur aufwuchs, identifiziert sich Garza als Jüdin.

Bereits mit 12 Jahren wurde Garza aktivistisch tätig: Sie setzte sich für Sexualerziehung, insbesondere hinsichtlich der Empfängnisverhütung, an ihrer damaligen Schule ein. Später an ihrer Universität, University of California, San Diego (UCSD), arbeitete sie als Freiwillige im Gesundheitszentrum, sie war auch daran beteiligt, als sich Studierende dafür einsetzten, dass die Hausmeister der Universität mehr Gehalt bekommen. In ihrem Abschlussjahr 2002 war sie Mit-Orgnisatorin der ersten Women of Color Conference an der Universität. Sie machte in diesem Jahr ihren Abschluss in Anthropologie und Soziologie.

Bei ihrer Tätigkeit als politische Aktivistin traf sie ihren späteren Ehemann, Malachi Garza; das Paar heiratete 2008, inzwischen sind die beiden wieder geschieden.

Zwischen 2003 und 2014 war Alicia Garza in verschiedenen Organisationen und Institutionen in der San Francisco Bay Area politisch aktiv. Sie arbeitete in der politischen Bildung, um Jugendlichen of Color zu zeigen, wie sie sich organisieren können, um Veränderungen zu bewirken; sie war an der PUEBLO- Kampagne beteiligt (People United for a Better Life in Oakland), die sich gegen den Bau eines Walmart in Oakland einsetzte; 2005 trat sie POWER bei (People Organized to Win Employment Rights), einer Graswurzelbewegungs-Organisation, die sich für bessere Lebensverhältnisse afroamerikanischer und latino Arbeiter der Region einsetzte.

Als am 13. Juli 2013 George Zimmermann für den Mord an Trayvon Martin freigesprochen wurde, schrieb Alicia Garza auf ihrem Facebook-Profil:

stop saying we are not surprised. that’s a damn shame in itself. I continue to be surprised at how little Black lives matter. And I will continue that. stop giving up on black life. Black people. I love you. I love us. Our lives matter.

Quelle: Wikipedia

Patrisse Cullors teilte diesen Beitrag mit dem Hashtag #BlackLivesMatter. Garza fühlte sich vom Fall Trayvon Martin besonders betroffen, weil das Opfer sie an ihren jüngeren Bruder erinnerte. Garzas, Cullors‘ und Ayo Tometis* Aktivismus wurde befeuert vom beständigen Sterben afroamerikanischer Menschen durch die Waffen der Polizei oder ziviler Bewaffneter. Als am 9. August 2014 der 18-jährige Michael Brown in Ferguson, Missouri, von einem Polizisten durch zwölf Schüsse getötet wurde, nahm die Nutzung des Hashtags größere Fahrt auf. Garza führte 2015 den Freedom Ride to Ferguson an, mit dem die Gründung zahlreicher Ortsverbände der BlackLivesMatter-Bewegung initiiert wurde. Mit dem Erfolg hinsichtlich Reichweite und politischer Wirksamkeit gilt die BLM-Bewegung als Musterbeispiel für die mediated mobilisation, die Nutzung der sozialen Medien für die Mobilisierung der Massen, um gesellschaftliche und politische Veränderungen zu erreichen.

*(auf der dt. Wikipedia noch unter ihrem früheren Namen gelistet)

Garza selbst betrachtet die Bewegung nicht als etwas, das sie selbst ins Leben gerufen hat, sondern als eine Fortsetzung des Widerstandes gegen die gesellschaftlichen Missstände der Schwarzen US-Bevölkerung.

Seit 2020 führt Garza den Podcast Lady don’t take no, einen „politische[n] Kommentar mit einer Beilage Schönheitstipps“. Sie schrieb außerdem das Buch The Purpose of Power, einen Leitfaden dafür, wie wir Bürgerbewegungen ins Leben rufen können, die gesellschaftliche Veränderungen erreichen. Garza schrieb und schreibt für diverse Magazine on- und offline, setzt sich weiterhin für die Rechte Marginalisierter ein und rangiert auf unterschiedlichen Ranglisten als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der vergangenen Jahre. Seit 2020 ist sie Leiterin des Black Futures Lab.


Im Folgenden drei Videos von Alicia Garza: Ihre Rede für die Abschlussklasse 2017 der San Francisco State University (ein Transkript sowie eigene Übersetzung füge ich an), ein Interview mit dem TV-Magazin Sunday Morning sowie ein Intervierw mit Trevor Noah für THe Daily Show.

Alicia Garza: Rede zur Abschlussfeier der San Francisco State University 2017

Die Frauen, die Garza in ihrer Rede nennt, sind nicht alle auf Wikipedia vertreten:

Dr. Dorothy Tsuruta (engl. Universitätsseite)
Dr. Dawn Elissa Fisher (engl. Universitätsseite)
• Lynette Schwartz
• Patrisse Cullors
• Ada Bogan Trawick
• Myrtle Buckhaulter (Garzas Urgroßmutter)
June Jordan (engl Wiki)
Barbara Smith
Lateefah Simon (engl. Wiki)


Harriet Tubman
Malaika Parker (engl. Webseite der Organisation)
Angela Davis
Ericka Huggins (engl. Wiki)
Linda Burnham (engl. Wiki)
Diane Nash
Ella Baker
Brittney Cooper (engl. Wiki)
Sojourner Truth
Ida B. Wells
Audre Lorde
Nina Simone

Mya Hall (engl. EBwiki, CN Transfeindlichkeit in Zitaten)
Penny Proud
Patricia Hill Collins
• Jessie Powell
Betty Higgins (?, engl. Wiki)
• Joanne Abernathy
Emma Harris (engl. Wiki)
Espanola Jackson (engl. Nachruf einer SF Zeitung)
Islan Nettles (engl. Wiki)

Assata Shakur (auch frauenfiguren 29/2013)
Renisha McBride (engl. Wiki)
Janetta Johnson (engl. Wiki)
Kimberlé Crenshaw
Janet Mock
Miss Major Griffin Gracy (engl. Wiki)
dream hampton (engl. Wiki)
Michelle Obama
• Maeetta Buckhaulter
Korryne Gaines (engl. Wiki)

Das Gedicht von June Jordan, das Alicia Garza auf ihrem Brustkorb tätowiert trägt, lautet:

I am not wrong: Wrong is not my name

My name is my own my own my own

and I can’t tell you who the hell set things up like this

but I can tell you that from now on my resistance

my simple and daily and nightly self-determination

may very well cost you your life[8]

Ich bin nicht falsch: Falsch ist nicht mein Name
Mein Name ist meiner meiner meiner
und ich kann dir nicht sagen, wer zum Teufel die Dinge so eingerichtet hat
aber ich kann dir sagen dass von jetzt an mein Widerstand
meine schlichte und tägliche und nächtliche Selbstbestimmung
dich sehr wohl das Leben kosten kann.

Interview mit Alicia Garz bei Sunday Morning

Trevor Noah im Gespräch mit Alicia Garza

Quellen Biografie: Wiki deutsch | Wiki englisch

Emily

UK/USA 2022, Regie: Frances O'Connor, mit Emma Mackey, Oliver Jackson-Cohen, Fionn Whitehead

Ich will pädagogisch vorgehen und erst sagen, was ich an EMILY alles mag.

Ästhetisch steht der Film von Frances O’Connor in der Tradition von The Piano (AUS/FR 1993, Regie: Jane Campion) und Mary Shelley (UK/LUX/USA/IR/AUS 2017, Regie: Haifaa Al-Mansour). Die Protagonistin steht im Zentrum der Erzählung, die Landschaft – in diesem Fall tatsächlich die Landschaft um Haworth, West Yorkshire, in der die Brontës lebten – nimmt narrativen Raum ein, das natürliche Licht spiegelt das wechselnde Gefühlsleben der Figur wider, dazu flüstert, treibt, jauchzt moderne Klassik mit Streichinstrumenten und Frauenchören wie der Wind, der über die nordenglischen Hügel weht. All das mag ich.

Ich mag auch die Protagonistin, Emily (Emma Mackey), die mit der Kargheit der Landschaft und ihrer persönlichen Beziehungen recht glücklich ist. Ich mag, wie der Film ihre Individualität, ihren Widerspruchsgeist bis zur Häresie und Rebellion erzählt, wie ihre Persönlichkeit – ein wenig animalisch, voller Fantasie, getrübt nur von der scheinbaren Unmöglichkeit, die Liebe ihres Vaters erringen zu können – vom sprichwörtlichen Korsett der christlichen Zivilisation am Atmen und Sich-Entfalten gehindert wird. Ich mag die Beziehungen der Geschwister zueinander, denn sie sind authentisch, nicht einseitig voller Liebe oder Ablehnung, sondern vielseitig, manchmal näher, manchmal und gerade deshalb schärfer und schmerzhafter in ihren Konflikten als als jede andere Liebe. Ich mag auch die Liebesbeziehung zwischen der ’sonderlichen‘, freigeistigen Emily und dem Vikar William (Oliver Jackson-Cohen), der aufgerieben ist zwischen romantischem Streben, körperlichen Trieben und seinem Bedürfnis nach der Sicherheit des institutionalisierten Glaubens; wie sie sich anziehen und abstoßen, und sogar die Tragik des unvermeidlichen Endes mag ich.

All that said.

Wenn ich aber doch eine so spannende Persönlichkeit wie Emily Brontë als Protagonistin ins Zentrum eines Films setze, der so vieles gut mache, warum dichte ich ihr in das Vakuum, das ihre wirkliche Biografie darstellt, nun wieder etwas so Banales wie die Liebesbeziehung zu einem Mann an? Wir wissen nicht viel über diese Brontë, aber es könnte ja alles mögliche in ihrem Leben gewesen sein, das erzählenswert wäre. Und wenn es nur ihre Beziehung zum Vater wäre, oder zu ihren Geschwistern, ihrem Bruder unter anderem? Ja, das sind dann auch wieder Männer, und ja, ihr einziger Roman ‚Sturmhöhe‘ beinhaltet auch eine tragische Liebesgeschichte. Er ist aber viel mehr als das und lässt auf eine viel spannendere Genese schließen als dass Emily Brontë sich unglücklich in einen Vikar verliebt hatte. Und gerade, weil ‚Sturmhöhe‘ so viel mehr ist als ein Liebesroman, kommt die Darstellung ihrer Zeit, die Verhältnisse der Brontë-Geschwister zueinander und zum Vater im Film über sie viel zu kurz. Stattdessen wird eine feministische Ikone der Literatur auf ihre verletzten romantischen Gefühle reduziert, weil die tragische Beziehung zu einem Mann das einzige sein kann, was Frauen zur Kunst antreibt.

Davon, dass der Film wieder einmal nur den Vornamen der Persönlichkeit trägt, von der er erzählt, fange ich erst gar nicht an, das Phänomen ist schon auf FILMLÖWIN mehrfach angesprochen worden, ebenso wie anlässlich genau dieses Films bei Seitenverkehrt auf Instagram. Ärgerlich ist daran, dass einerseits Emily mehrere Personen sein können – Emily Blackwell, Emily Carr oder Emily Lovira Gregory wären ebenfalls interessante Trägerinnen dieses Namens – und es andererseits der Persönlichkeit hinter dem Namen wenig Respekt zollt. Bei Filmen über Männer kommt diese despektierliche Fraternisierung, die auch als Herablassung verstanden werden kann, nicht vor – sogar der ganz gute THE CURRENT WAR, der den Wettlauf um die Elektrifizierung der USA zwischen Thomas Edison, George Westinghouse und Nicola Tesla zeigt, heißt unnötigerweise im Deutschen „Edison – Ein Leben voller Licht“. Warum dann nicht „Thomas, George und Nicola – Drei Typen geben Stoff“? Filme über bewundernswerte Frauen nur mit dem Vornamen zu betiteln, klingt wie die hessische Art, über Mädchen zu sprechen: „Ach, ’s Emily, die had’s fausddick hinner de Oohr’n!“

So gelungen EMILY also formal ist, als Film von einer Drehbuchautorin und Regisseurin fällt er mit diesen Kritikpunkten hinter die Erwartungen an ein feministisches Werk zurück.

EMILY deutscher Trailer

tinder bevor es tinder gab

Das folgende Gedicht hat eigentlich keinen Titel, als ich es schrieb, war ich etwa 18 und ja, es hat ein bisschen ‚i’m not like other girls‘ vibes. Aber andererseits hab ich einiges davon schließlich und endlich in meinem Partner gefunden, also auch ‚you go girl‘!

Ich brauche keinen

  • wie jede einen hat
  • der nichts begreift
  • der nicht lebt
  • der Angst vor mir hat
  • der sich für sich behalten will
  • der sich raushält

So einen brauche ich

  • den es nur einmal gibt
  • der begreifen kann
  • der lebendig ist
  • der sich mir stellt
  • der sich mir hingibt
  • der sich einmischt

Einen,

  • mit dem meine Konturen verwischen können
  • mit dem ich sie wiederfinden kann

Einen wie mich

Mona Lisa and the Blood Moon

USA 2022, Regie: Ana Lily Amirpour, mit Jeon Jong-seo, Kate Hudson, Ed Skrein, Craig Robinson

Da steht sie, an die Theke gelehnt, mit allem, was echt ist. Kate Hudson agiert in MONA LISA AND THE BLOOD MOON mit einem grandiosen Vergnügen am playing against type: Das hübsche, zierliche Mädchen von nebenan ist zur Frau über 40 gewachsen, die sichtlich keine F*cks mehr zu geben hat. Das weiße Häkel-Croptop mit dem glitzernden Bikinioberteil darunter und die rosane Frottee-Shorts legen ihren mom bod frei und mein Herz hüpft vor Freude.

Ja, Bonnie Bell ist vielleicht ein Klischee, die Stripperin mit dem schrillen Make-Up, hinter dem wir ein Herz aus Gold vermuten, der wir sofort vertrauen sollen, weil sie eine Frau ist, arm und vulgär. Und sie ist nicht die Hauptfigur, nein, aber sie ist die weiße Frau über 40, mit einem Körper, der schon Leben hinter, aber auch noch in sich hat, und diese Frau ist eine, in der ich mich sehen kann, und deshalb muss ich mir diese Schwärmerei zuerst vom Herzen schreiben. Representation matters, auch für Frauen Ü40.


Die ehemals zuckersüße und noch heute sehr adrette Hudson als ‚white trash‘ zu besetzen, ist nur einer der Kniffe, derer sich Ana Lily Amirpour bedient, um das Spiel mit enttäuschten Erwartungen über den Plot hinaus zu erweitern, das sie mit MLATBM geschaffen hat. Jeon Jong-seo ist die koreanische Heldin, die die Figuren um sie herum, aber vielleicht auch wir im Publikum für zart und zerbrechlich halten, für fügsam und freundlich. Stattdessen ist sie wortkarg und barsch wie Clint Eastwood, wütend wie der Hulk und mit einem Willen ausgestattet, so eisern wie Tetsuo. Nachdem wir das wissen, machen wir uns vielleicht auch weniger Sorgen um sie als um Fuzz (Ed Skrein), den glattzüngigen Dealer/DJ, zu dem sie ins Auto steigt. Vielleicht will er ihr nichts Böses, vielleicht ist er tatsächlich ein zarter, weicher Mensch, der sich ad hoc in die mysteriöse Frau verliebt. Und vielleicht ist die Stripperin mit dem ‚goldenen Herzen‘ einfach eine, die eine gute Gelegenheit erkennt und jede davon ergreifen wird, um ihrem american dream näherzukommen.


Amirpour philosophiert in MLATBM über Manipulation – die aufrichtige, die Mona Lisa vornimmt, wenn sie Menschen mit ihrem Willen kontrolliert, und die gefährlichere, weil subtilere, die die anderen vornehmen, wenn sie mit freundlichen Worten ihr Vertrauen erwecken wollen und doch nicht ihr Bestes dabei im Sinn haben – und vor allem über Macht und Machtlosigkeit. Dabei blickt Amirpour mit unleugbar weiblichem Blick vor allem darauf, wie sich Ohnmacht in Gewalt verwandelt, wenn sich die Lage wendet.

MLATBM ist ein lakonischer Beitrag zum Superhelden-Genre, in dem das nächtliche New Orleans neben den Darstellern eine tragende Rolle spielt. Die Kamera ist nah an den Protagonist*innen – bei Kindern würde mensch das ‚distanzlos‘ nennen – und fährt unruhig durch die Sets, zwischen die Figuren und an sie heran; die von Neonlichtern durchschnittene Dunkelheit und die meist minimalistisch clickenden Dubstep-Beats (dazwischen nur einmal die wunderbar direkte Metal-Gewalt von HIGH ON FIRE) unter diesem intimen, organischen Framing machen die schweiß-klebrige Hitze spürbar. Amirpour schafft eine hyperreale Atmosphäre, in der die Frage nach dem Woher der Heldin und ihrer Kräfte überflüssig wird. Sie ist einfach.


alle Bilder/Video: ©Institution of Production, LLC

„It’s a beautiful glass“

Vor 6 Jahren war ich kurz vor Ende meiner Arbeitslosigkeit – aka ALG I lief aus – und mitten in einer Weiterbildung (Social Media Management), die für mich durchaus hilfreich war, aber nicht dabei, eine Festanstellung zu finden. Gerade hatte ein Video auf Facebook mich sehr berührt und mich dazu bewegt, mich mit meinen Depressionstriggern zu befassen: Wieviel von meinem Selbsthass daran lag, dass ich mich an Vorstellungen maß, wie mein Leben ‚hätte aussehen sollen‘, nach meinem privilegierten Hintergrund, meiner Bildung und meiner Arbeitserfahrung zu schließen. Im Vergleich zu dem, was ich gedacht hatte, wie mein Leben mit Ende 30 aussehen würde, war mein Glas beständig halb leer.

In einem der Module der Weiterbildung sollten wir eine Tondatei erstellen, und mir waren entweder genau an dem Tag oder nur sehr kurz davor die folgenden Dinge passiert. Den Text habe ich noch (dank FB Erinnerungen), die Tondatei wohl nicht mehr. Mir gefällt der Text immer noch und die Erinnerung ist an die Situation sehr lebendig.

It’s a beautiful glass

Last weekend my glass was half empty. I managed to ruin my washing machine – on my 10th wedding anniversary, nonetheless – by washing a nursing pillow. The pillow was torn and spilled its polystyrene contents in my washing machine. Now there’s a body of blueish water with polystyrene pearls swimming in it and the pump makes angry working noises but can’t reach the water because the tube is clogged. I spent 90 minutes on Sunday washing out a heap of smelly, polystyrene covered laundry in the tub.

My glass is half empty a lot of the time right now. I’m an unemployed academic with two children which makes me unhireable, basically. We’re not poor but there’s no room for extravaganza. I go to school 40 hours a week and have the kids, a relationship and my own mental health to care for the rest of the time. This is for context because a broken washing machine kind of feels like the devil taking a shit on the biggest heap right now. I don’t have money to spare for a new washing machine and I have heaps and heaps of laundry that are going nowhere.

This morning my glass was half empty. On my way to the doctor’s to pick up a certificate, I called the repair service for the washing machine to get someone to fix it. First they always point out how guarantee only covers damage that wasn’t caused by misuse – which makes me angry even though I know it’s just policy. Second, the first appointment offered to me was on the day of a test I have to take at school. The next appointment I could get was 8 days from today – 8 days of washing my laundry at my mother-in-law’s.

My glass was half empty until I was on my way back to school. Suddenly, the way was blocked by two fire trucks, police and paramedics. I see smoke coming from the sidestreet. I’m not one for spectatorship so I just wanted to move around the firetruck, not be in the professional’s way and get back to school. Then I see her standing there: a woman, covered with a blanket, holding her toddler and sobbing uncontrollably. All alone. My reflex sets in and I approach her with the stupidest question: „Is there anything I can do?“ She just sobs so I hug her.

I hug her while the firemen keep asking her whether there’s any other people in the flat, or the flat above, are there any other children. I hug her while a guy shows up with a cat, scorched black but alive, and she cries that she thinks it’s her cat but she can’t recognise it. I hug her while she starts worrying that she will be blamed, but she was asleep and woke up to her living room in flames. I hug her and her toddler when she asks the toddler if he did it and the poor child says „Yes.“ I hug her when she can’t remember her mother’s mobile phone number, and cries that her phone is up in flames, and she has no insurance. I hug her until the paramedics start taking care of her. I carry her child along while she is being taken to the paramedic truck on a stretcher.

I don’t know how often I repeat these words: „It will be okay. You are alive. Your child is alive. Even your cat is alive.“ Before I step out of the truck, she looks at me and maybe she actually heard those words.

I don’t know whether my glass is half empty or half full. But suddenly I know that, yes, it’s a beautiful glass.

Ich schaue heute immer noch, wenn ich an dem Haus vorbeikomme, danach und frage mich, was aus der Frau und ihrem Kind geworden ist. Und ob sie sich vielleicht an mich erinnert.

Der Clip, aus dem der Titel und der Gedanke stammt:

WEG MIT
§219a!