frauenfiguren

wartet, wartet noch ein weilchen (weg mit §219a!)

nach einigen schlechten und einigen noch schlechteren tagen sammele ich wieder kräfte. in dieser woche habe ich mich schon um ein paar kleinigkeiten gekümmert, wie zum beispiel ganz zuletzt das „Weg mit §219a!“-Plug-In von Marco Friedersdorf, das ihr nun unten in der ecke des blogs finden könnt. wenn ihr dort draufklickt, werden die informationen zu schwangerschaftsabbrüchen angezeigt, wie Dr. Hänel sie nicht mehr auf ihrer webseite anzeigen darf, weil sie schwangerschaftsabbrüche ausführt.

ich führe keine schwangerschaftsabbrüche aus, darf deshalb darüber informieren und tue das gerne, da ich selbst das glück im unglück hatte, in amsterdam zu leben, als ich einen schwangerschaftsabbruch durchführen ließ. so niederschwellig und vorurteilsfrei, wie ich das damals tun konnte, sollte es für jeden menschen sein. deshalb finde ich dieses WordPress-PlugIn unterstützenswert – wenn auch im text das wort „Frauen“ noch durch „schwangere Person“ ausgetauscht werden könnte, denn nicht nur frauen können schwanger sein und einen abbruch benötigen. davon abgesehen finde ich es ein erstrebenswertes ziel, dass alle menschen auf so vielen wordpress-blogs wie möglich informationen zu schwangerschaftsabbrüchen finden können. damit sie schon lange, bevor sie vielleicht in die lage kommen, einen abbruch zu benötigen, über ihre rechte und möglichkeiten bescheid wissen.

für die kommende zeit sehe ich die zarten knospen aufblühender pläne – die meisten davon hatte ich irgendwann zwischen herbst und winter letztes jahr eingegraben. übrigens, gegen die andauernden schlechten nachrichten der steigenden infektionszahlen schaue ich jeden vormittag auf das Impfdashboard, auf dem das doch immerhin anziehende tempo des impffortschritts zu beobachten ist. und auch der Impfterminrechner macht inzwischen etwas bessere laune (auch wenn ich für den reality check empfehle, darauf zu achten, dass die parameter auf „tatsächliche Impfrate“ gestellt sind, sonst gibt’s am ende böses erwachen…).

bleibt mir gewogen, abonnentys und leserys, frauenfiguren ruht, aber es ist nicht tot.

wie sie sehen, sehen sie nichts

entgegen der guten vorsätze hat mich leider über die feiertage und mit der weiteren schulschließung bis (mindestens) ende januar ein großer löffel-mangel ereilt. während ich in das jahr 2020 mit einer bestehenden, fertigen planung ging und in der ersten zeit der schulschließung – vor den sommerferien – „nur“ ein vorschulkind und ein grundschulkind pädagogisch begleiten musste, bin ich in 2021 mit einer unvollständigen recherche gestartet (aufgrund von… *vage geste richtung welt*) und bin nun die nächsten wochen im prinzip bergschulenlehrerin: ich begleite ein 1.-klasse-grundschulkind und ein 5.-klasse-gymnasialkind.

ich möchte mich dafür bei den geneigten leser:innen und leserys entschuldigen. ich hoffe sehr, dass ich im februar starten kann, wenn sich das homeschooling eingependelt hat und die intellektuelle und emotionale betreuung meiner bauchfrüchte ich nicht mehr vollständig erschöpft.

bis dahin wünsche ich allen dort draußen die beste gesundheit, die möglich ist, den gelassensten langmut mit familie und/oder arbeit und das glück, dass bald die einladung zur impfung kommt.

53/2020: Yvonne Brill, 30. Dezember 1924

Yvonne Brill kam als Tochter der Claeys, belgischer Immigranten in Winnipeg, Kanada, zur Welt. Entgegen dem Wunsch ihres Vaters, dass sie einen Laden in Winnipeg eröffnen sollte, und der Meinung eines Lehrers, dass Frauen es in der Wissenschaft nicht weit bringen würden, bgeann sie ein Studium an der University of Manitoba. Da sie aufgrund ihres Geschlechtes vom Studium der Ingenieurswissenschaften ausgeschlossen war, studierte sie Chemie und Mathematik. An der University of Manitoba machte sie mit 21 Jahren als Jahrgangsbeste ihren BSc. Danach war sie bei der Douglas Aircraft Company auf dem Gebiet der Treibstoffentwicklung tätig; gleichzeitig setzte sie ihr Studium der Chemie an der University of Southern California fort, wo sie sechs Jahre später, 1951, ihren MSc abschloss. Im gleichen Jahr heiratete sie den US-Amerikaner William Brill und nahm die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an. Sie arbeitete bei der RCA im Bereich der Raumfahrtelektronik. Gegen Ende der 1950er unterbrach sie während der ersten Schwangerschaft ihre aktive Arbeit und blieb in den nächsten Jahren, als Mutter dreier Kinder, in rein beratender Funktion. 1966 kehrte sie in den aktiven Dienst zurück, gleich im Folgejahr entwickelte sie den Hydrazin-Resistojet, einen Antrieb für Raumfahrtvehikel, der auch die Restwärme des verbrannten Treibstoffes als Antriebsenergie verwendet. Damit konnte die Effizienz des Gefährtes um 30% erhöht werden, um entweder mehr Nutzlast zu transportieren oder den Einsatz entsprechend zu verlängern. Brill hält das Patent auf diesen Antrieb, der unter anderem für den ersten Wettersatelliten verwendet wurde, für die Nova-Raketen bei der ersten Mondmission und für die Sonde Mars Observer, die 1993 kurz vor Eintritt in die Marsatmosphäre verloren ging.

Yvonne Brill erhielt ihm späteren Verlauf ihrer Karriere zahlreiche Auszeichnungen; unter anderem 1980 den Diamond Superwoman Award, ausgeschrieben von Harper’s Bazaar und De Beers – für fünf Frauen über 40, die ihre berufliche Tätigkeit für die Familie unterbrochen und anschließend wieder aufgenommen hatten, um dann höchst erfolgreich zu sein. Der Preis war ein Diamant von 1 Karat.

2001 erhielt Brill die NASA Distinguished Public Service Medal (Link Englisch), 2010 überreichte ihr Barack Obama die National Medal of Technology and Innovation und sie wurde in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen.

Sie starb am 27. März 2013 mit 88 Jahren. Ihr Nachruf in der New York Times begann ursprünglich mit einem Lob ihrer Kochkünste, dass sie ihrem Mann bei beruflichen Wechseln gefolgt sei und dass sie drei Kinder großgezogen hatte. Der Artikel gilt damit als ein Beispiel, wie Artikel über Wissenschaftler:innen beim Finkelbeiner Test (Link Englisch) durchfallen. Dieser Test soll an sich verhindern, dass beim Schreiben über Wissenschaftler:innen ihr Geschlecht besonders hervorgehoben wird, um weibliche Wissenschaftlerinnen zu normalisieren. Während ich die Intention voll und ganz unterstütze, falle ich mit diesem Blog dieses Jahr mit jedem Beitrag durch – weil ich glaube, dass es gleichzeitig wichtig ist, darauf hinzuweisen, dass eben nicht alle von der gleichen Position in der Wissenschaft starten, sondern manche Menschen aufgrund von Geschlecht und ethnischem oder geografischem Hintergrund auf größere Widerstände stoßen. Und dass das Überwinden dieser Hindernisse eine weitere erwähnenswerte Errungenschaft dieser Menschen ist. Was auch ich versucht habe zu vermeiden ist ein Fokus auf das, was Wissenschaftlerinnen als Privatpersonen, insbesondere Ehefrauen und Mütter, erlebt haben, es sei denn, es hatte Einfluss auf ihre Arbeit oder Karriere.

Damit verabschiedet frauenfiguren sich von dem Thema Wissenschaft, zumindest als alleinigem Leitfaden, und von 2020. Es war ein schwieriges Jahr, aber ich durfte viele neue Abonnent:innen begrüßen (und einige auch wieder verabschieden, aber win some, lose some, right?). Ich hoffe, die meisten von Euch bleiben mir im kommenden Jahr des intersektionalen Feminismus gewogen, erzählen vielleicht sogar Freund:innen, Familienmitgliedern und Kolleg:innen von mir… denn wenn’s nach mir geht, macht frauenfiguren noch sehr lange weiter.

*

Ebenfalls diese Woche

29. Dezember 1704: Martha Daniell Logan (Link Englisch)
Als Laienbotanikerin war sie eine wichtige Figur im Austausch von Pflanzensamen zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien.

30. Dezember 1930: Tu Youyou
Die chinesische Pharmakologin gewann 2015 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin, nachdem sie Artemisinin aus dem Einjährigen Beifuß isoliert hatte, der im Kampf gegen Malaria eingesetzt wird.

52/2020: Jean Bartik, 27. Dezember 1924

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Jean Bartik (links) und Fran Bilas (rechts) am ENIAC
Von United States Army – Image from [1], Gemeinfrei

Ich hätte gerne länger über Jean Bartik geschrieben, aber abgesehen von den Feiertagen hat es nun einige Umstände gegeben, die mir sowohl Zeit wie Motivation genommen haben. Deshalb werden die letzten beiden Beiträge dieses Jahres nur so kurz wie möglich ausfallen.

Jean Bartik kam als Elizabeth Jean Jennings in Missouri zur Welt. Mit 20 Jahren machte sie am Northwest Missouri State Teachers College ihren BSc in Mathematik; direkt im Anschluss ging sie als menschlicher Computer zur US-Armee, bei dem Projekt der University of Pennsylvania, am Universalrechner ENIAC ballistischer Flugbahnen zu berechnen. Hier begründete Jean Bartik mit Kay McNulty (Kathleen Antonelli), Frances Spence, Betty Holberton, Marlyn Meltzer und Ruth Teitelbaum die Programmierung digitaler Computer – die sechs Frauen mussten sich ohne Handbücher, allein anhand von Diagrammen und eigenen Versuchen, die Handhabung des Rechners erarbeiten, den sie mit ihren händischen Berechnungen fütterten. Dabei entwickelten sie diverse Techniken des Programmierens, die heute noch verwendet werden.

1946, bei der Eheschließung mit dem Ingenieu William Bartik, legte sie sowohl ihren vorherigen Rufnamen `Betty´ab wie ihren Nachnamen und trat danach stets als Jean Bartik in Erscheinung. Sie war eine der Programmiererinnen, die auch nach dem Umzug des ENIAC auf den Aberdeen Proving Ground bei dem Projekt verblieb.

Sie machte später einen Abschluss in Englisch und ließ sich von ihrem Mann scheiden, arbeitete jedoch zeitlebens in der Computerbranche. Erst in den 1990er Jahren erfuhren die Programmiererinnen des ENIAC öffentliche Anerkennung für ihre Leistungen.

Jean Bartik starb am 23. März 2011 mit 86 Jahren. Im Jahr vor ihrem Tod hatte sie noch an einem Dokumentarfilm mitgewirkt und ihre Biografie vollendet.

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Ebenfalls diese Woche

23. Dezember 1912: Anna J. Harrison (Link Englisch)
1978 wurde diese Chemikerin die erste weibliche Präsidentin der American Chemical Society.

24. Dezember 1895: Marguerite Williams (Link Englisch)
Als erste Afroamerikanerin/WoC in den USA erlangte die Geologin einen Doktortitel in diesem Fachgebiet.

26. Dezember 1780: Mary Somerville
Aufgrund einer mangelhaften Schulbildung musste sich diese Autodidaktin ihre Kenntnisse der Astronomie und Mathematik selbst erarbeiten; dies gelang ihr jedoch so gut, dass sie bald die Anerkennung der Wissenschaft und der Allgemeinheit erlangte.

27. Dezember 1959: Maureen Raymo
Die US-amerikanische Paläoklimatologin ist die erste weibliche Leitung des Lamont-Doherty Earth Observatory.

2. Januar 1846: Julia Lermontowa
Über diese Mathematikerin schrieb ich 2018, als ich über die Welt jenseits des Tellerrandes schrieb.

Hiranya Peiris

* 1974

Hiranya Periris kam 1974 in Sri Lanka zur Welt. Mit 24 Jahren schloss sie 1998 den Tripos in Naturwissenschaften am New Hall College der University of Cambridge ab, anschließend studierte sie Astrophysik an der Princeton University und machte dort ihren Doktortitel. Dort arbeitete sie ebenfalls, wie Jo Dunkley, an der Auswertung der Daten der Wilkinson Microwave Anisotropy Probe (WMAP) mit.

Nach ihrer Promotion war sie Hubble Fellow am Kavli Institute for Cosmological Physics der University of Chicago und absolvierte diverse Postdoktorand:innen-Stellen, bis sie 2007 advanced fellow am Science and Technology Facilities Council der University of Cambridge wurde und im Folgejahr Forschungsstipenidatin am dortigen King’s College. 2009 erhielt sie eine Stelle in der Fakultät für Kosmologie des University College London; dort hält sie derzeit eine Professur für Astrophysik. Sie ist auch die Leiterin des Oskar Klein Centre for Cosmoparticle Physics (Link Englisch) in Stockholm.

2012 wurde Peiris gemeinsam mit dem WMAP-Team mit dem Gruber-Preis für Kosmologie ausgezeichnet. Stephen Hawking nannte die Erkenntnisse, zu denen Peiris unter anderem beitrug, „die aufregendste Entwicklung in der Physik seiner gesamten Karriere“.

Hiranya Peiris zeigte sich 2014 skeptisch, was die mögliche Entdeckung von Gravitationswellen des Urknalls angeht, und sollte Recht behalten: Innerhalb des folgenden Jahres stellte sich heraus, dass die Daten, die als solche gedeutet wurden, sämtlich auf Staub in unserer eigenen Galaxie zurückzuführen waren.

Für 2021 erhielt Hiranya Peiris den Göran-Gustafsson-Preis der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften. Sie ist Mitglied der American Physical Society und Vizepräsidentin der Royal Astronomical Society.

SIe gab 2017 bei der Künstlerin Penelope Rose Cowley das Werk Cosmoparticle in Auftrag, dessen Entstehung unten im YT-Clip nachverfolgt werden kann.

Penelope Rose Cowley: Cosmoparticle, für Hiranya Peiris

Joanna Dunkley

* 1979

Jo Dunkley absolvierte ihre Schulbildung an der North London Collegiate School und begann 1997 das Studium der Theoretischen Physik an der Trinity Hall in Cambridge. 2001 machte sie dort ihren MSc, anschließend arbeitete sie an der University of Oxford auf einen Doktortitel hin. Sie promovierte 2005 unter Pedro G. Ferreira mit einer Arbeit über `Moderne Methoden zur Einschätzung kosmologischer Parameter: Jenseits des adiabatischen Paradigmas´. Als Postdoktorandin erforschte sie die kosmische Hintergrundstrahlung mit David Spergel und Lyman Page über die Wilkinson Microwave Anisotropy Probe (WMAP), einer Sonde, die von 2001 bis 2010 die Erde umrundete und die Strahlung maß. Dunkley, Spergel und Page werteten die Daten der Sonde an der Princeton University aus. Zum Team der WMAP gehörte sie von 2007 bis 2012 an, schon von 2009 gehörte sie auch zum Kernteam, das mit dem Planck-Weltraumteleskop arbeitete. Im gleichen Zeitrahmen trieb sie ihre akademische Karriere voran, von einer Fellow am Exeter College in Oxford, zur Assistenz- und vollen Professorin der Astrophysik dort, bevor sie 2016 als Professorin nach Princeton zurückkehrte.

Jo Dunkley befasste sich in ihren Forschungen mit WMAP und dem Planck-Weltraumteleskop mit der Untersuchung von Dunkler Materie und Dunkler Energie, zum Beispiel mit Hilfe des Gravitationslinseneffektes. Heute sucht sie mit dem Teleskop des Simons Observatory in der Atacama-Wüste nach `neuen physikalischen Gesetzmäßigkeiten, Komplexitäten und Teilchen, die existiert haben könnten, als das Universum noch sehr jung war´.

Sie gewann, neben zahlreichen anderen Auszeichnungen, 2016 den Rosalind-Franklin-Award. Seit 2019 ist sie OBE, für dieses Jahr gewann sie den New Horizons in Physics Prize.

Im Rahmen ihrer Lesereise zu ihrem ersten Buch weist sie immer wieder auf die entscheidenden Beiträge weiblicher Wissenschaftlerinnen hin. Auch bei dem Vortrag im Video unten, in dem Dunkley einen Überblick über ihr Forschungsgebiet gibt, erwähnt sie Henrietta Swan Leavitt und ihre bahnbrechenden Erkenntnisse zu Sternenklassen, sowie Vera Rubin und ihre Entdeckung der Dunklen Materie.

Jo Dunkley über unser Universum und wie es funktioniert (Englisch)
WEG MIT
§219a!