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21/2020: Ynés Mexía, 24. Mai 1870

Ynés Mexía kam als Tochter eines mexikanischen Diplomaten und einer US-Amerikanerin in Washington, D.C., zur Welt. Neun Jahre später ließen die Eltern sich scheiden, der Vater ging zurück nach Mexiko, Ynés wuchs bei ihrer Mutter in Texas auf. Als Erwachsene zog Mexía in das Heimatland ihres Vaters, wurde in erster Ehe Witwe und ließ sich von ihrem zweiten Ehemann scheiden.

1908 ging sie von Mexiko nach San Francisco und war dort zunächst als Sozialarbeiterin tätig. Mit 50 Jahren wurde sie dort Mitglied des Sierra Club, mit dem sie erste botanische Expeditionen ins Umland unternahm, bei denen ihr Interesse für Botanik geweckt wurde. Aus dem Hobby wurde bereits ein Jahr später ernsthaftes berufliches Interesse, und so schrieb sich Mexía mit 51 Jahren noch einmal als Studentin für das Fach Botanik an der University of California, Berkeley ein. Im Rahmen dieses Studiums lernte sie wohl auch Alice Eastwood kennen, von der sie das wissenschaftlich korrekte Sammeln von Exemplaren erlernte; beide Frauen waren Mitglieder der California Academy of Sciences. 1922 nahm sie an ihrer ersten botanischen Expedition im Rahmen ihres Studiums teil, geleitet vor Eustace L. Furlong (Link Englisch), einem Paläontologen. Zwei Jahre später wurde sie die US-amerikanische Staatsbürgerin, nach Mexiko kehrte sie danach nur noch aus wissenschaftlichem Interesse zurück. So reiste sie 1925 im Rahmen einer botanischen Expedition ins Land, entschloss sich jedoch dazu, ihre Gruppe zu verlassen und ihre Forschungen auf eigene Faust weiter zu betreiben. So reiste die 55-jährige schließlich alleine durch Mexiko, wobei sie 1.500 botanische Exemplare sammelte, von 500 Arten, von denen 50 bisher unbekannt waren. (Diese Zahlen entnehme ich dem englischen Wikipedia-Artikel, andere Quellen variieren, wobei „first trip“ und „species“/“specimen“ bei diesen nicht leicht zuzuordnen sind.) Ihre hilfreiche Kollegin Nina Floy Bracelin (Link Englisch) übernahm die Aufgabe, die von Mexía eingesandten Exemplare zu präparieren, von Experten klassifizieren zu lassen, zu katalogisieren und Duplikate an andere Herbarien zu versenden.

Ynés Mexía war selbst ein ungewöhnliches Exemplar. Als Frau über 50, noch dazu mit lateinamerikanischem Familienhintergrund, ein wissenschaftliches Studium zu beginnen und dann im Alleingang eigene Expeditionswege zu gehen, war zu der Zeit unerhört. Mexía jedoch war zäh und leidensfähig – bei ihrer ersten Expedition fiel sie von einer Klippe und brach sich mehrere Rippen, was sie nicht von ihren Forschungen abhielt. Sie liebte es, unter offenem Himmel zu leben, ritt in Hosen im „Herrensitz“ und entsprach im Großen und Ganzen nicht dem Bild einer älteren Dame. Sie wollte das Land und den Kontinent besser kennenlernen und fand, auf ihre unkomplizierte Art ginge das am Besten.

Nachdem sie aus Mexiko wiedergekehrt war, verschlug es sie 1928 im Auftrag der Universität nach Alaska, im darauffolgenden Jahr wiederum auf den südamerikanischen Kontinent, wo sie im Kanu den Amazonas hinaufreiste. In zweieinhalb Jahren erreichte sie so seine Quelle in den Anden. Auch 1934 bis 1936 bereiste sie den südamerikanischen Kontinent, in den zwei Jahren danach arbeitete sie wiederum in Mexiko. Als sie 1938 gerade in Oaxaca weilte, wurde sie krank und kehrte für ärtzliche Untersuchungen in die Vereinigten Staaten zurück. Dort wurde eine Diagnose auf Lungenkrebs gestellt, an der sie innerhalb eines Monats mit 68 Jahren verstarb.

Sie hinterließ in ihrem Testament der California Academy of Sciences eine ausreichende Summe, um Nina Floy Bracelin als Assistentin für Alice Eastwood einzustellen. In ihrer 13-jährigen Forschungskarriere – in der sie niemals einen Universitätsabschluss machte – sammelte sie um die 145.000 Exemplare, die bis heute noch nicht vollständig katalogisiert sind. 500 von den bis heute bearbeiteten Sammelstücken waren neue Arten, 50 davon wurden nach Ynés Mexía benannt.

Zum Sortieren der biografischen Angaben habe ich mich neben den Wikipedia-Beiträgen an diesen englischsprachigen Quellen orientiert: Dieser Artikel von Massive Science, dieser Eintrag auf Global Plants sowie zwei Seiten von Biodiversity Library Exhibition, wo Mexía bei den Early Women in Science und unter Latino Natural History gelistet ist.

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Ebenfalls diese Woche

19. Mai 1903: Ruth Ella Moore (Link Englisch)
Die Bakteriologin war 1933 die erste Afroamerikanerin/WoC, die einen Doktortitel in Naturwissenschaften erlangte.

21. Mai 1799: Mary Anning
Nachdem sie eigentlich Fossilien nur gesammelt hatte, um mit dem Verkauf den Familienunterhalt zu bestreiten, erhielt sie später von der British Association for the Advancement of Science eine jährliche Pension zum Dank für ihre Leistungen für die Paläontologie.

24. Mai 1903: Eileen Guppy (Link Englisch)
Sie wurde als erste weibliche Geologin zum wissenschaftlichen Stab der British Geological Survey bestellt.

Jeanne Dumée

* ca. 1660-85 • † 1706

Jeanne Dumée erhielt wahrscheinlich im Elternhaus bereits eine überdurchschnittliche Bildung für eine Frau dieser Zeit. Dennoch heiratete sie früh, so früh, dass sie mit 17 Jahren schon wieder verwitwet sein konnte, nachdem ihr Ehemann bei einer militärischen Auseinandersetzung in Deutschland gefallen war. Leider konnte ich nicht ermitteln, im Rahmen welchen Konflikts dies passierte, da sich die Zeitspanne zwischen 1677 und 1702 bewegt.

Auch sonst ist von der Astronomin nicht viel bekannt, außer die Autorinnenschaft des Werkes Entretiens sur l’opinion de Copernic touchant la mobilité de la terre (Unterhaltungen zur Meinung Kopernikus´ die Bewegungen der Erde betreffend). Dumée beobachtete also die Sterne, insbesondere den Planeten Venus sowie Jupiter und seine Monde, soweit sie zu diesem Zeitpunkt bekannt waren.

In ihrem Manuskript bestätigte sie die Theorien Nikolaus Kopernikus´ und Galileo Galilei hinsichtlich der Bewegungen der Erde, die aus den Beobachtungen anderer Himmelskörper zu folgern waren. Damit widersprach sie der gängigen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Meinung ebenso wie mit ihrer Meinung zur Befähigung der Frauen zur Wissenschaft. Sie äußerte in ihrer Schrift klar die Meinung, dass es keine Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen gebe, und forderte Frauen auf, sich wissenschaftlich zu betätigen. Wenn sie sich den Anforderungen stellten, könnten sie ebensoviel erreichen wie Männer.

Ihr Manuskript wurde zwar nie vollständig veröffentlicht, doch das Journal des sçavans, die erste wissenschaftliche Fachzeitschrift, brachte eine Inhaltsangabe der Entretiens und lobte die Klarheit ihrer Ausführungen. Das Original von Jeanne Dumées Werk ist in der Bibliothèque national de France erhalten. Auf deren Portal Gallica kann die Handschrift in Gänze digital betrachtet werden.

Auch ihr ist in Judy Chicagos The Dinner Party eine Bodenfliese gewidmet, wie auch schon Aglaonike und Trota von Salerno.

Marguerite Hessein de La Sablière

* ~ 1636-1640 • † 8. Januar 1693

Marguerite Hessein wurde in eine wohlhabende Familie des Hugenotten-Adels in Paris geboren, sowohl ihr Vater wie der Vater ihrer Mutter waren im Finanzwesen tätig. Sie erfuhr bereits in der Kindheit und Jugend eine klassische Bildung durch einen Onkel mütterlicherseits. Mit etwa 14 Jahren wurde sie mit Antoine Rambouillet de La Sablière verheiratet, einem Hugenotten mit gleichem Hintergund im Finanzwesen, der sich jedoch auch als Dichter hervortat. Sie bekam mit ihm drei Kinder, doch nach etwa zehn Jahren Ehe wurde sein Verhalten für sie unerträglich, er betrog sie und übte wahrscheinlich psychische und körperliche Gewalt aus. Bei der Scheidung, die ihn als Schuldigen anerkannte, wurde ihr die Mitgift sowie ein jährlicher Unterhalt zugesprochen. Mit dieser wirtschaftlichen Sicherheit ließ sie sich in der Rue Neuve-des-Petits-Champs nieder, wo sie 1669 ihren Salon öffnete.

Aufbauend auf der Bildung, die sie in ihrer Jugend genossen hatte, begann sie ein Unversalstudium und zog herausragende Wissenschaftler als Tutoren heran. Gilles Personne de Roberval unterrichtete sie in Mathematik, Joseph Sauveur in Geometrie, Barthélemy d’Herbelot in Anatomie. Sie besuchte öffentliche Vorlesungen zu diesem Thema von Joseph Guichard Du Verney und beteiligte sich aktiv an den astronomischen Forschungen von Jacques Cassini. Ihren literarischen Salon besuchten Molière, Jean Racine und die Marquise de Sévigné, auch Fontenelle, Pierre Daniel Huet und Christina von Schweden zählten zu ihren Gästen. Der Arzt und Philosoph François Bernier, der ebenfalls zu ihren Lehrern zählte, widmete ihr seine Zusammenfassung der Werke Pierre Gassendi. Mit ihrem breiten Spektrum an Interessen und Themen, in denen sie versiert war, galt sie zu ihrer Zeit als Universalgelehrte. Ihre prominente Position brachte ihr natürlich auch negative Aufmerksamkeit ein: Der zeitgenössische Satirendichter Nicolas Boileau machte sich in Satire contre les femmes über sie als ‚Blaustrumpf‚ lustig und karikierte ihren Ehrgeiz auf dem Gebiet der Astronomie; sie verliere bei der Beobachtung des Jupiter mit einem Astrolabium ihre Sehfähigkeit und die nächtliche Arbeit wirke sich nachteilig auf ihren Teint aus. Charles Perrault, der Boileau auch aufgrund der Streitigkeiten um die Überlegenheit der Moderne über die Antike nicht freundlich gesinnt war, verteidigte de La Sablière, sie sei nicht nur talentiert, sondern auch bescheiden genug, ihre Fähigkeiten nicht zu Schau zu stellen. (Denn auch wenn Frauen etwas können, sollen sie doch gefälligst nicht damit hausieren gehen.)

Zu zwei Literaten pflegte sie besondere Beziehungen. Der Fabeldichter Jean de La Fontaine war ihr Freund und Schützling; er unterrichtete sie in Naturgeschichte und Philosophie, sie ließ ihn nach dem Tod seiner vorherigen Schirmherrin 1673 bei sich wohnen und erlöste ihn damit von wirtschaftlichen Sorgen. Der Dichter verehrte sie nicht nur als Mäzenin und Freundin; er widmete ihr die Fabel ‚Der Rabe, die Gazelle, die Schildkröte und die Ratte‚, deren Moral es ist, dass jede:r Helfende bei einer gemeinsamen Aufgabe in gleichem Maße wichtig ist. Zum Abschluss der Fabel brachte er seine Gefühle ihr gegenüber zum Ausdruck:

Der Preis gebührt dem Herzen, ging’s nach mir.
Freundschaft, wohin kann sie sich nicht aufschwingen!
Das andere Gefühl, die Liebe – mindrer Ehr’
scheint sie mir wert; dennoch ermüd’ ich nimmermehr,
zu feiern sie und zu besiegen.
Ach, meinem Herzen kann sie keinen Frieden bringen!
Du ziehst die Freundschaft vor – von jetzt an stellt
in ihre Dienste sich mein Lied, wie’s auch ausfällt.
Mein Meister war Amor; mit einem andern wagen
und seinen Ruhm durch alle Welt
will ich wie auch den deinen tragen.

Wikipedia

Er nannte sie in seinen Texten ‚Iris‚ und blieb ihr treu in Freundschaft ergeben, während sie eine Affäre mit dem leichtlebigen Poeten Charles de La Fare einging.

Als 1679 ihr Ex-Ehemann starb, konnte Hessein de La Sablière zwar wieder mit ihren drei Kindern Kontakt aufnehmen, die beim Vater verblieben waren, doch ihr ging gleichzeitig der Unterhalt verloren. Im Folgejahr endete auch ihre Beziehung zu de La Fare unglücklich, als sich seine zahlreichen anderen Liebeleien in ihrer Gesellschaft herumsprachen. Die Salonière erlitt eine seelische Krise, die auch eine moralphilosophische wurde. Sie zog zunächst in eine bescheidenere Unterkunft, in die sie noch ihre Katze, ihren Hund und Jean de La Fontaine mitnahm – ihre „drei Haustiere“, soll sie sie genannt haben. Immer stärker wandte sie sich dem Katholizismus zu, begann einen Briefwechsel mit dem Mönch Armand Jean Le Bouthillier de Rancé und arbeitete freiwillig im Hospiz für unheilbar Kranke. Schließlich bezog sie eine kleine Wohnung auf dem Gelände des Hospiz, in die ihr de La Fontaine nicht folgen konnte.

Vom gesellschaftlichen Leben zog sie sich gänzlich zurück, stattdessen schrieb sie allerdings – neben der tiefschürfenden Korrespondenz mit Rancé – zwei Werke über ihre Moralphilosophie, Maximes Chrétiennes (Christliche Maxime) und Pensées Chrétiennes (Christliche Gedanken). In diesen befasste sie sich kritisch mit den Tugenden und Leidenschaften des christlichen Glaubens und argumentierte, dass eine vollständige Erkenntnis der Existenz Gottes allein durch das Abwerfen sowohl des Intellektes wie der Vorstellungskraft möglich sei. Eine Wahrnehmung Gottes sei nicht zu erreichen über Bilder oder Konzepte, sondern nur darüber, sich gänzlich von der Welt und ebenso von einer Wahrnehmung des eigenen Selbst zu lösen.

Entgegen der Bitten ihrer geistlichen Berater trennte sie sich nicht von ihrem Teleskop, bis zu ihrem Lebensende blieb sie an den Wissenschaften interessiert, pflegte ihre Bibliothek und beobachtete die Sterne. Als sie starb, war sie noch keine 60 Jahre alt.

Ihre Maximes Chrétiennes wurden erst 1705 anonym in einer Edition der Réflections ou Sentences et maximes morales von François de La Rochefoucauld herausgebracht, die Pensées Chrétiennes mit einem falschen Autorennamen, de La Sablé, versehen. Erst ihr Biograf Samuel Menjot d’Elbenne konnte das Werk korrekt zuweisen – indem er es mit der Korrespondenz der Autorin M.D.L.S. mit Rancé verglich, in der die drei Kinder de La Sablière namentlich genannt wurden. So wurden ihre zwei Schriften sowie ihr Briefwechsel mit dem Mönch erst 1923 gemeinsam unter dem korrekten Namen veröffentlicht.

Die Internet Encyclopedia of Philosophy bietet eine Biografie, aber vor allem eine ausführliche Erörterung ihrer Moralphilosophie (Link Englisch). Die Zahlen und Reihenfolge der Ereignisse ist nicht ganz deckungsgleich mit dem deutschen und/oder englischen Wikipedia-Beitrag. Letzterer schreibt ihr immerhin auch noch möglicherweise die Idee zu, zuerst Milch in die Tasse zu gießen, vor dem heißen Tee, damit das feine Porzellan nicht zerspringe.

20/2020: Dorothy Crowfoot Hodgkin, 12. Mai 1910

Als Tochter eines Kolonialbeamten in Ägypten kam Dorothy Crowfoot in Kairo auf die Welt, ihre Familie lebte dort im Winter und verbrachte die Sommer in England. Als Dorothy vier Jahre alt war, verblieb sie mit ihren Schwestern, davon war die ältere zwei Jahre alt und die jüngere sieben Monate, ganz bei Verwandten in England, während ihre Eltern weiterhin halbjährlich in Ägypten und später im Sudan lebten.

Ihre schulische Laufbahn war von vorneherein auf die Chemie ausgerichtet; an der weiterführenden Schule, in die sie mit 11 Jahren eingeschrieben wurde, war sie eines von zwei Mädchen, die Chemie lernen durften. Drei Jahre später empfahl ihr ein entfernter Cousin, Charles Harington, das Buch ‚Grundlagen der Chemie von D. S. Parsons, weitere zwei Jahre später schenkte ihre Mutter – selbst eine kundige Botanikerin – ihr ein Buch über Kristallstrukturanalyse. Damit hatte Crowfoot ihre Leidenschaft entdeckt. Nach dem Schulabschluss, bevor sie ein Studium begann, schloss sie sich für einige Zeit ihren Eltern in Jerasch an, dort war der Vater inzwischen als Direktor der British School of Archaeology für die Ausgrabungsstelle verantwortlich. Dorothy Crowfoot beschäftigte sich mit den Mosaiken in Kirchen aus byzantinischer Zeit, sie zeichnete die Muster nach und analysierte die chemische Zusammensetzung der Steine. Nach dieser Reise begann sie am Somerville College in Oxford Chemie zu studieren, vier Jahre später schloss sie dort ihr Studium mit Bestnote ab. Für ein Doktorandenstudium wechselte Crowfoot an das Newnham College in Cambridge, wo sie mit ihrem Doktorvater John Desmond Bernal an der Kristallstrukturanalyse von Proteinen arbeitete. In ihrer gemeinsamen Arbeit, bei noch Bernal für die Bildaufnahmen verantwortlich zeichnete, versuchten sie sich an der Analyse des Verdauungsenzyms Pepsin.

Während sie auf ihren Doktortitel hinarbeitete, erhielt Crowfoot 1933 ein Forschungsstipendium, das sie zurück an ihr erstes College nach Oxford holte. Sie begann dort 1934 als Tutorin Chemie zu unterrichten, eine Stelle, die sie trotz einer Diagnose der Rheumatoiden Arthritis im gleichen Jahr bis 1977 innehatte. Drei Jahre später errang sie ihren Doktortitel mit der Kristallstruktur- und chemischen Analyse von Sterinen. In den folgenden Jahren, in denen sie auch noch drei Kinder von ihrem Ehemann T. L. Hodgkin bekam, machte sie mehrere entscheidende Entdeckung mit Hilfe der Röntgenstrukturanalyse, so stellte sie 1945 in Zusammenarbeit mit einem Kollegen die dreidimensionale Struktur eines Steroids (Cholesteroliodid) dar.

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Ganz links: ein β-Lactam-Ring
By Jü – Own work, CC0

Ebenso ermittelte sie die Molekularstruktur des Penicillins, eine Entdeckung, die allerdings erst 1949 veröffentlicht wurde. Sie bewies entgegen der herrschenden Meinung mit ihrer Analyse, dass Penicillin einen β-Lactam-Ring enthielt, eine molekulare Ringstruktur mit einer Amid-Verbindung. Diese Struktur hat das Penicillin mit einigen anderen Antibiotika-Familien gemein.

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Kristallstruktur von Vitamin B12 (Cobalamin)
Von NEUROtiker – Eigenes Werk, Gemeinfrei

Als 1948 das Vitamin B12 zum ersten Mal in kristalliner Form isoliert wurde, nahm sich Crowfoot Hodgkin dieses Molekül zur Analyse vor. Die ungewöhnliche Größe des Cobalamin-Kristalls stellte eine Herausforderung dar und es war nichts von dem Wirkstoff bekannt, außer dass er Kobalt enthielt. Die Kristalle des Cobalamin sind jedoch pleochroisch, das heißt: Aus unterschiedlichen Blickwinkeln bzw. bei unterschiedlich polarisiertem Licht erscheinen die Kristalle in unterschiedlichen Farben. Aus dieser Tatsache schloss Crowfott Hodgkin, dass das Molekül einen Ring enthalten musste, eine These, die sie mit der Röntgenstrukturanalyse bestätigte. Ihre Ergebnisse veröffentlichte sie 1955, neun Jahre später erhielt sie für ihre Forschungsergebnisse den Nobelpreis für Chemie.

In einem besonders langfristigen Forschungsprojekt beschäftigte sich Crowfoot Hodgkin mit der Kristallstruktur des Insulins. Sie begann bereits 1934 an einer Strukturanalyse zu arbeiten, doch die Technik war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgereift. Erst 35 Jahre später, 1969, sollte sie in der Lage sein, die Molekularstruktur von Insulin vollständig darzustellen, und auch, nachdem sie diesen Meilenstein erreicht hatte, beschäftigte sie sich weiter mit dem Hormon und seiner Wirkung im Körper.

Bis in die 1980er Jahre lehrte und forschte Dorothy Crowfoot Hodgkins in Oxford; unter dem Doppelnamen veröffentlichte sie erst zwölf Jahre nach der Heirat. 1947 wurde sie als dritte Frau Fellow der Royal Society (eine ihrer Vorreiterinnen war Agnes Arber). Aufgrund ihrer Verbindung zur Kommunistischen Partei – ihr Ehemann war zeitweise Mitglied gewesen – wurde sie 1953 der USA verwiesen und durfte anschließend nur mit einer Sondergenehmigung der CIA einreisen. Dennoch wurde sie 1958 ausländisches Ehrenmitglied der American Academy of Arts & Sciences ehrenhalber. Sie selbst war nicht Kommunistin, setzte sich 1976 aber als Präsdentin der Pugwash Conferences für eine Verständigung zwischen Wissenschaftlern in West und Ost ein, um der Gefahr eines Krieges mit Atomwaffen entgegenwirken wollte. Außerdem war sie eine lebenslange Labour-Unterstützerin – und dennoch hing zu Margaret Thatchers Regierungszeit ein Bild von Crowfoot Hodgkins in der Downing Street 10: Die Iron Lady hatte 1947 bei ihr den Bachelor-Abschluss in Chemie gemacht.

Die rheumatoide Arthritis machte ihr gegen Ende des Lebens mehr zu schaffen, dennoch nahm sie immer noch an Konferenzen rund um die Welt teil. Im Alter von 84 Jahren starb sie an den Folgen eines Schlaganfalls, am 29. Juli 1994.

Ein Stipendium für „herausragende Wissenschaftler:innen im Frühstadium ihrer Forschungskarriere, die aufgrund persönlicher Verhältnisse wie Elternschaft, Pflege oder aus gesundheitlichen Gründen flexible Arbeitsstrukturen benötigen“ vergibt die Royal Society in Dorothy Crowfoot Hodgkins Namen.

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Ebenfalls diese Woche

11. Mai 1828: Eleanor Anne Ormerod
Die Entomologin beschäftigte sich mit Schadinsekten und erhielt die Floral Medal der Royal Horticultural Society.

12. Mai 1820: Florence Nightingale
Auf diese britische Begründerin der modernen Krankenpflege, die auch mit ihrem Polar-Area-Diagramm einen Beitrag zum Fachgebiet der Statistik leistete, muss ich nicht explizit hinweisen.

12. Mai 1977: Maryam Mirzakhani
Am 13. August 2014 gewann die Mathematikerin als erste Frau und erste Person aus dem Irak die Fields-Medaille. Leider starb sie nur drei Jahre später, mit 40 Jahren, an Brustkrebs.

13. Mai 1888: Inge Lehmann
Über die Seismologin schrieb ich 2017.

14. Mai 1899: Charlotte Auerbach
Diese Genetikerin wird nicht im Zeitstrahl der Frauen in der Wissenschaft aufgeführt, ich möchte sie aber doch mitnehmen, da sie aus meiner Wahlheimat stammt. Sie erforschte an Drosophila die mutagene Wirkung von Senfgas und wurde 1957, zehn Jahre nach Dorothy Crowfoot Hodgkin, Fellow der Royal Society.

Marie Meurdrac

* vor 1613 • † ~ 1680

Marie Meurdrac kennen wir heute als Autorin des Buches La Chymie Charitable et Facile, en Faveur des Dames oder kurz La Chymie des Dames aus dem Jahr 1666.

Bei ihrem Geburtsjahr herrscht Unstimmigkeit, etwa 1610, auf jeden Fall vor 1613 kam sie als Tochter eines Notars in Mandres-les-Roses bei Paris zur Welt. Mit etwa 15 Jahren heiratete Marie Meurdrac einen Kommandanten der Garde des Charles de Valois namens Henri de Vibrac. Mit ihm lebte sie auf Château de Grosbois, wo sie gegen Ende der 1650er Jahre die Comtesse de Guiche (oder Guise) kennenlernte, die Ehefrau von Armand de Gramont. Die beiden Frauen standen sich wohl sehr nah, denn der Comtesse gilt die Widmung in La Chymie des Dames.

Meurdrac war Autodidaktin, doch aufgrund ihrer sozialen Stellung und des Vermögens der Familie ein gut ausgestattetes Labor und Zugang zu allen möglichen, auch exotischen und damit wertvollen Zutaten. Sie stand in der paracelsischen Tradition der Iatrochemie, ihre alchemistischen Experimente dienten der Ermittlung und Herstellung von Heilmitteln, im Gegensatz zum Beispiel zur alchemistischen Suche nach dem Stein der Weisen, der alle Stoffe zu Gold machen könne.

La Chymie des Dames ist ein Buch von 334 Seiten, aufgeteilt in sechs Teile. Im ersten Teil erläutert Meurdrac das alchemistische Handwerkszeug, bespricht Apparate und Gewichte, außerdem zählt sie 106 alchemistische Symbolde auf. In weiteren vier Teilen beschäftigt sie sich mit den heilkundlichen Wirkungen verschiedener Elemente: Teil Zwei beschäftigt sich mit pharmazeutischer Botanik, also mit Heilpflanzen, in Teil Drei mit der Medizin aus tierischen Produkten, in Teil Vier mit den Metallen – wobei sie diesen eher zurückhaltend gegenüberstand wegen ihrer Nebenwirkungen – und Teil Fünf befasst sich mit Arzneien, die aus den verschiedenen Stoffen der vorangegangenen Teile zusammengesetzt sind. Im letzten Teil geht sie besonders auf kosmetische Chemie ein, die den Frauen helfen soll, ihre Schönheit zu steigern oder zu erhalten.

In der Einleitung erzählt Meurdrac, dass das Buch als Notizensammlung für ihren eigenen Gebrauch begann; sie habe alle Experimente, Heilmittel und Kosmetika selbst erprobt. Sie spricht auch von dem „inneren Ringen“, das sie empfunden habe: Zwischen dem Ideal der Frau ihrer Zeit, von der erwartet wurde, „still zu sein, zuzuhören und zu lernen, ohne das eigene Wissen laut darzulegen“ und ihrem Empfinden, dass es eine „Sünde gegen die Wohltätigkeit sei, die Gott mir gegeben hat und die der Welt nützen kann“. Sie wisse, dass sie sich gegen die traditionelle Rolle ihres Geschlechtes wende, aber sie wolle ihr Wissen an andere Frauen und mittellose Schichten weitergeben. Denn schließlich sei sie nicht die erste Frau, die diese Aufgabe übernahm – sie nimmt insbesondere Bezug auf Maria Prophitessa – und dass „les ésprits n’ont point des sexe“, der Geist habe kein Geschlecht. Mit dieser ungewöhnlichen Aussage für diese Zeit gilt Marie Meurdrac auch als Protofeministin.

Ihr Buch erlebte bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hinein in Frnakreich fünf Neuauflagen, sechs in Deutschland und auch eine italienische Übersetzung. Marie Merudrac war mit großer Wahrscheinlichkeit eine Inspiration für Molières Die gelehrten Frauen.

19/2020: Cecilia Payne-Gaposchkin, 10. Mai 1900

Cecilia Payne-Gaposchkin kam als Kind eines britischen Anwalts und seiner preußischen Ehefrau in einer Kleinstadt in Buckinghamshire zur Welt. Schon vier Jahre später starb der Vater und ließ die Mutter mit der Versorgung ihrer drei Kinder alleine zurück. 1912 zog die Familie nach London, damit der jüngere Bruder Humfry eine bessere Schulbildung erhalten konnte. Cecilia besuchte zunächst eine Schule, auf der es ihr als Mädchen nicht möglich war, sich mit Mathematik und den Wissenschaften zu befassen. Mit 18 Jahren wechselte sie jedoch auf die St. Paul’s Girls‘ School; ihr Lehrer Gustav Holst drängte sie eigentlich, eine Karriere in der Musik zu verfolgen, doch Cecilia interessierte sich mehr für die Wissenschaft. Sie gewann schließlich ein Stipendium über sämtliche Studienkosten am Newnham College (noch heute ein reines Fraueninstitut) an der University of Cambridge. Sie begann ein Studium der Physik, Chemie und Botanik, letzteres ließ sie jedoch nach dem ersten Jahr fallen.

Der Wendepunkt, der sie zur Astronomie brachte, war eine Vorlesung von Arthur Eddington. Der Astrophysiker hatte eine zur Sonnenfinsternis am 29. Mai 1919 eine Expedition in die Verfinsterungszone, nach Principe im Golf von Guinea, unternommen, um mit den Beobachtungen von Himmelskörpern während der Sonnenfinsternis Einsteins Relativitätstheorie zu prüfen. Die Erkenntnisse, die er in seiner Vorlesung präsentierte, erschütterten Cecilia Paynes Weltbild, sodass sie sich von nun an mit Himmelskörpern befasste. Ihr war jedoch klar, dass sie im Vereinigten Königreich als Frau keine berufliche Laufbahn außerhalb einer Lehrtätigkeit verfolgen konnte, daher suchte sie nach einer Möglichkeit, in die USA zu gehen. 1923 lernte sie Harlow Shapley kennen, der kurz zuvor ein Graduiertenprogramm in Astronomie am Harvard-College-Observatorium eingerichtet hatte. Mit Hilfe eines Stipendiums, das ausdrücklich Frauen vorbehalten war, wurde ihr dieses postgraduale Studium ermöglicht. Die einzige Frau vor ihr in diesem Programm war Adelaide Ames, während ihres Studiums arbeitete Payne dort mit Annie Jump Cannon zusammen.

Mit nur 25 Jahren machte Cecilia Payne bereits ihre wichtigste Entdeckung, die auch für die Astronomie von entscheidender Bedeutung war. Für ihre Dissertation untersuchte sie Sternspektren, also die Zusammensetzung und Verteilung des Lichtes von Himmelskörpern. Sie konnte zunächst schon einmal die Spektralklassen, also Farbtemperaturen unterschiedlicher Sterne, ihren korrekten Oberflächentemperaturen zuordnen, indem sie die Ionisierungstheorie von Meghnad Saha anwandte. Elemente werden ionisiert, wenn zum Beispiel durch erhöhte Temperatur (thermische Ionisation) Elektronen aus den Atomen herausgelöst werden und diese als positive Ionen zurückbleiben. Die Saha-Gleichung setzt den Ionisierungsgrad eines Elements mit seinem Erhitzungsgrad in Bezug. Aufgrund dieser korrekten Zuordnung konnte Payne nachweisen, dass die untersuchten Sterne hauptsächlich aus Wasserstoff und Helium bestanden.

Bis dahin war die akzeptierte wissenschaftliche Theorie, dass alle Himmelskörper zu gleichen Teilen aus den gleichen Elementen zusammengesetzt seien, dass also zum Beispiel die Erde, wenn sie auf die Temperatur der Sonne erhitzt würde, die gleiche Spektralklasse wie diese hätte. Payne bewies, dass die unterschiedlichen Spektrallinien verschiedener Sterne nicht auf das Vorhandensein von verschiedenen Elementen zurückzuführen ist, sondern darauf, dass in unterschiedlichen Temperaturen die gleichen Elemente – Wasserstoff und Helium – unterschiedlich ionisiert werden. Zwar weisen auch die leuchtenden Himmelskörpern eine Metallizität auf, enthalten also Silizium, Kohlenstoff und andere herkömmliche Elemente, die auch auf der Erde zu finden sind, und sogar in einem ähnlichen Verhältnis zueinander. In ihrer Dissertation belegte Cecilia Payne jedoch, dass die beiden ersten, einfachsten Elemente des Periodensystems auch die häufigsten im Universum sind, im Fall von Wasserstoff etwa um das Millionenfache häufiger als die anderen Elemente.

Weil ihre Ergebnisse der gängigen wissenschaftlichen Annahme wiedersprachen, musste Payne ihre Aussagen kurz darauf als „fadenscheinig“ zurückziehen. Henry Norris Russell, der Harlow Shapleys Lehrer gewesen war, setzte sie dahingehend unter Druck; vier Jahre später bestätigte er Paynes Behauptung jedoch, was wiederum George Gamow zu der korrekten Vermutung führte, dass die Kernfusion in unserer Sonne durch das Verhältnis von vier Wasserstoffkernen zu einem Heliumkern befeuert wird. Cecilia Paynes Dissertation erhielt auch ihre Ehrung, als Otto von Struve sie als „die brillianteste Doktorarbeit, die jemals im Fach der Astronomie geschrieben wurde“ bezeichnete.

Auch nach ihrer Promotion erforschte Payne weiterhin die Leuchtkraft von Himmelskörpern. 1930 ließ ihrer inzwischen rehabilitierten Dissertation das Wer „Sterne von hoher Leuchtkraft“ („The Stars of High Luminosity„) folgen. Dieses Werk sollte die Grundlage für alle weiteren Forschungen an den darin besprochenen Sternen werden. Sie wurde 1931 amerikanische Staatsbürgerin, 1933 lernte sie den russisch geborenen Astrophysiker Sergej Gaposchkin kennen und heiratete ihn 1934. Über all diese Jahre blieb sie als akademische Kraft in Harvard, wo sie allerdings aufgrund der Geschlechterdiskriminierung nicht als Professor, sondern nur in weniger prestigeträchtigen und vor allem schlechter bezahlten Positionen tätig sein konnte. Ihr Mentor Shapley setzte sich für sie ein, sodass sie zunächst 1938 offiziell den Titel „Astronomin“ am Observatorium führte. 1943 wurde sie als Fellow in der American Academy of Arts and Sciences aufgenommen, ihre Universität listete ihre Kurse dennoch zwei weitere Jahre nicht im Vorlesungsverzeichnis.

Als 1954 Donald Menzel der Direktor des Observatoriums wurde, verwendete er sich für eine bessere Stellung Payne-Gapschkins, und so wurde sie 1956, 27 Jahre nach ihrer Promotion, zur ordentlichen Professorin – der ersten weiblichen für Astronomie an der Universität Harvard. Später wurde sie die erste weibliche Fachbereichsleiterin am gleichen Institut. Zehn Jahre später emeritierte sie bereits, forschte allerdings als Angestellte des Smithsonian Astrophysical-Observatory weitere 20 Jahre und lektorierte dessen Veröffentlichung in dieser Zeit.

Kurz nachdem sie im Selbstverlag ihre Autobiografie herausgebracht hatte, starb sie 1979 mit 79 Jahren. Ihre Tochter, mittleres Kind von dreien, erinnerte sich an sie als eine „begeisterte Schneiderin, erfinderische Strickerin und unersättliche Leserin“. Ihre Autobiografie ist leider nur auf Englisch zu haben, doch erreicht bei Goodreads 4,52 von 5 Sternen.

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Ebenfalls diese Woche

10. Mai 1946: Birutė Galdikas
Die Tochter litauischer Eltern wurde auf der Durchreise nach Kanada in Deutschland geboren; die Zoologin und Verhaltensforscherin studiert vor allem die Orang-Utan-Population auf Borneo.

Maria Cunitz

* 1610 • † 22. August 1664

Maria Cunitz war die Tochter des Arztes Heinrich Cunitz im niederschlesischen Wołów. Ihre Mutter war Tochter eines herzoglichen Rates, die Familie war wohlhabend und gebildet. Maria selbst wollte schon mit fünf Jahren lieber am Unterricht ihres älteren Bruders teilhaben, sie konnte mit fünf lesen und hatte die Grundkenntnisse in Latein. Ihr Vater untersagte ihr jedoch weiteres Lernen, stattdessen sollte sie sich in Haushaltsdingen ausbilden. In ihrem fünften Lebensjahr zog die Familie nach Świdnica, wo Maria acht Jahre später einen Juristen heiratete, der ihre Wißbegier schätzte und ihr ermöglichte, Latein und Französisch zu lernen. Sie entdeckte in dieser Zeit auch die Astrologie bzw. Astronomie für sich.

Ihr Ehemann starb jedoch bereits wenige Jahre nach ihrer Hochzeit und Cunitz kehrte sie zunächst in ihr Elternhaus zurück. Kurz darauf begann sie, bei dem Arzt, Mathematiker und Astronom Elias von Löwen in die Lehre zu gehen. Aufgrund der Militärbewegeungen in Schlesien während des Dreißigjährigen Krieges zog sie noch einmal mit der Familie aus Świdnica fort, doch als ihr Vater bald darauf starb, heiratete sie von Löwen und ging mit ihm nach Byczyna. Auch von dort musste das Ehepaar wegen des Krieges fliehen, sie gingen nach Polen und ließen sich auf einem Landgut der Zisterzienserinnen des Klosters Olobok nieder. Hier begann Cunitz ihre astronomischen Forschungen, die sie später zurück in Byczyna fortsetzte.

Mit ungefähr 40 Jahren veröffentlichte Maria Cunitz schließlich Urania propitia. Sie präsentierte darin ihre Überarbeitung der Rudolfinischen Tafeln von Johannes Kepler. Versehen mit einem Vorwort ihres Mannes, der damit jegliche Vermutung, er sei der Autor, zum Schweigen brachte, erläuterte Cunitz ihre eigenen Algorithmen zur Berechnung der Planetenstellung. Sie vereinfachte die bis dahin geltenden Rechenwege von Kepler und korrigierte seine Ergebnisse, wenn sich auch wiederum einzelne eigene Fehler einschlichen. Im ersten Band erläuterte Cunitz sowohl in Deutsch wie auch Latein ihre eigenen Forschungsergebnisse und Kalkulationen, der zweite Band bestand aus den daraus resultierenden astronomischen Tabellen.

Die Urania propitia war nicht nur ein bahnbrechendes, gewagtes Werk zu einer Zeit, in der sich das heliozentrische Weltbild noch nicht durchgesetzt hatte, es war unerhört als Forschungsarbeit einer Frau; außerdem trug Cunitz‘ mit seiner Zweisprachigkeit dazu bei, eine deutsche Wissenschaftssprache zu entwickeln. Die Astronomin erlangte weitreichende Bekanntheit und wurde als „Schlesische Pallas“ bezeichnet. Ein späterer Chronist verglich sie auch mit Hypatia von Alexandria.

Sie starb mit 54 Jahren, am 22. August 1664. Ein Venuskrater ist nach ihr benannt.

Von der Urania propitia existieren heute noch neun Kopien. 2004 wurde eine Erstauflage davon für fast $20.000 versteigert.

Martine (de) Bertereau

* ca. 1590-1600 • † 1642

Martine de Bertereau, Baronin von Beausoleil, wurde als weibliche Pionierin des Bergbaus und der Mineralogie bekannt. Sie stammte aus einer Familie in der Touraine, die auch traditionell im Montanwesen tätig war, und genoß eine für Frauen der Zeit recht weitreichende Bildung. Von Haus aus beherrschte sie Latein und Hebräisch und war in Astrologie und Alchemie bewandert. Mit ihrem Ehemann Jean de Châtelet (Link Englisch), dem Aufseher über die ungarischen Bergwerke von Rudolf II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, bereiste sie ganz Europa, kam aber auch bis nach Südamerika. Sie lernte in dieser Zeit auch noch Spanisch, Italienisch und Deutsch.

Heinrich IV. beauftragte Châtelet 1626, in Frankreich nach Bodenschätzen zu suchen und den Bergbau im Land zu fördern. Gemeinsam mit ihrem Ehemann ließ sich de Bertereau in Morlaix in der Bretagne nieder, doch waren sie dort von den Amtsträgern in Kirche und Verwaltung nicht gerne gesehen. Schließlich wurden die beiden der Hexerei verdächtigt. Bei einer Durchsuchung ihres Heims wurde zwar keine „Beweise“ gefunden, dennoch sahen sich die beiden aufgrund der Verfolgung gezwungen, Fankreich zu verlassen. Ihr gesamter Besitz wurde daraufhin beschlagnahmt. 1629 waren Châtelet und de Bertereau wieder in Ungarn tätig, bis Heinrichs Sohn Ludwig XIII. (den die ebenfalls hier besprochene Hebamme Louise Bourgeois Boursier auf die Welt gehoben hatte) sie wieder nach Frankreich einlud. Tatsächlich kehrte das Mineralogen-Ehepaar zurück, während ihr ältester Sohn ihre Aufgaben in Ungarn übernahm. Unter aufwändigen Eigeninvestitionen und mit einem Stab in Deutschland rekrutierter Mitarbeiter nahmen sie ihre Suche nach Bodenschätzen in Frankreich wieder auf.

Von Martine de Bertereau sind aus dieser Zeit zwei Schriftstücke bekannt. Zum Einen beschrieb sie 150 Minen, die das Ehepaar auf seinen Erkundungen in entdeckt hatte, in ihrer Veröffentlichung Véritable déclaration de découverte des mines et minières von 1632. Zwei Jahre später wurde ihr Mann für kurze Zeit Generalinspektor des französischen Bergbaus, doch Zahlungen für ihre Unkosten und Tätigkeit blieben aus, und schließlich verlor Châtelet die Stelle auch wieder.

Das zweite Werk de Bertereaus ist ein Bittgedicht von 1640, gerichtet an den Kardinal Richelieu, in dem sie für ihren Mann und sich um die Erstattung der Aufwendungen und Verluste sowie eine Entlohnung für ihrer Dienste ersuchte. In diesem Werk richtet sie sich auch gegen Kritiker ihrer Person, als Frau im Bergbau, indem sie darauf verweist, dass schon die Griechen und Römer Frauen kannten, die Kriegshandwerk und Wissenschaften betrieben (siehe den englischen Wikipediabeitrag).

Es ist möglich, dass es diese Forderung nach Geld war, die sie und ihren Mann schließlich das Leben kosteten. Statt einer Vergütung wurden die beiden wiederum der Hexerei bezichtigt und inhaftiert, Châtelet in der Bastille, de Bertereau in Vincennes. Beide starben in ihrem jeweiligen Gefängnis.

18/2020: Marietta Blau, 29. April 1894

Die in Wien geborene Marietta Blau machte 1914 ihre Matura und studierte anschließend Physik und Mathematik an der Universität Wien. 1919 promovierte sie mit einer Dissertation „Über die Absorption divergenter γ-Strahlung“. Da sie in Wien keine Beschäftigung fand, ging sie zunächst nach Deutschland. Sie arbeitete bis 1921 in einer Röntgenröhren-Fabrik in Berlin, anschließend unterrichtete sie angehende Ärzte in Röntgenphysik am Institut für physikalische Grundlagen der Medizin an der Universität Frankfurt. Als 1923 ihre Mutter in Wien erkrankte, kehrte Blau nach Wien zurück. Bei ihrer Familie versorgt, forschte sie unbezahlt als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Radiumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. In den Jahren 1932 und 1933 konnte sie dank eines Stipendiums des Verbandes der Akademikerinnen Österreichs Forschungsaufenthalte in Göttingen und Paris absolvieren.

In ihrer Zeit in Wien arbeitete Marietta Blau mit Hertha Wambacher an einer Methode, atomare Teilchen photographisch sichtbar zu machen. Für Photographien wurden zu dieser Zeit Platten aus Glas oder Metall mit einer Emulsion aus Gelatine und lichtempfindlichen Silberverbindungen bestrichen, Blau und Wambacher entwickelten für ihre Forschungen eine spezielle Kernemulsion, mit der insbesondere Alphateilchen und Protonen durch Bestrahlung der Platten nachgewiesen werden konnten sowie anhand der Bahnspuren in der Emulsion erkennbar wurde, wohin ihre Energie gerichtet war. Für diese Arbeit erhielten die beiden Physikerinnen 1936 den Haitinger-Preis und 1937 den Lieben-Preis der Akademie.

Die Aufsehen erregendste Entdeckung der beiden waren die sternförmig verlaufenden Teilchenbahnspuren auf Photoplatten, die sie auf 2.300 Meter über Normalnull installiert hatten. Diese so genannten Zerstrümmerungssterne wiesen auf Kernreaktionen in der Photoemulsion hin, die mit Teilen der kosmischen Strahlung stattgefunden haben mussten.

Während ihre Kollegin Wambacher bereits seit 1934 Mitglied der NSDAP war, bedeutete der Anschluss Österreichs 1939 für die Jüdin Blau ein Ende ihrer Karriere im Land. Sie sah sich gezwungen, das Land zu verlassen, zunächst in Richtung Schweden, wo sie in Oslo mit Ellen Gleditsch am Chemischen Institut arbeitete. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 verhalf ihr jedoch die Vermittlung Albert Einsteins zu einer Anstellung an der Technischen Hochschule in Mexiko-Stadt. Da die Bedingungen dort jedoch auch nicht optimal waren, wechselte sie schließlich 1944 in die USA, wo sie zunächst vier Jahre lang in der Industrie tätig war, anschließend in diversen wissenschaftlichen Einrichtungen. Währenddessen setzten andere, die nicht politisch verfolgt wurden, ihre Forschungen in Wien fort und veröffentlichten darauf aufbauende Publikationen, in denen Marietta Blau mit keinem Wort erwähnt wurde. Ebensowenig wies Cecil Powell auf Wambacher und Blau hin, als er 1950 den Nobelpreis für Physik erhielt, obwohl seine Forschungen von den Entdeckungen der beiden Physikerinnen angestoßen worden waren – ein weiteres Beispiel für den Matilda-Effekt. Tatsächlich hatte Erwin Schrödinger eigentlich die beiden Frauen für den Preis vorgeschlagen.

1960 kehrte Marietta Blau nach Österreich zurück und arbeitete bis 1964 am Institut für Radiumforschung, sie leitete hier – wiederum unbezahlt – Arbeitsgruppe zur Analyse von photographischen Aufnahmen von Teilchenbahnspuren des CERN und betreute auch eine Dissertation dazu. Zwei Jahre vor ihrer Pesnionierung erhielt sie noch den Erwin-Schrödinger-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, doch für eine Aufnahme in die Akademie reichte es nicht.

1970 trug die jahrelange ungeschützte Arbeit mit radioaktivem Material sowie ihr Zigarettenkonsum Rechnung, sie starb völlig verarmt und so gut wie unbemerkt in ihrer Geburtsstadt an Krebs. Erst 2004 widmete ihre ehemalige Schule ihr eine Gedenktafel, im Folgejahr wurde ein Saal im Hauptgebäude der Universität Wien nach ihr benannt.

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Ebenfalls diese Woche

28. April 1854: Hertha Ayrton
Über diese Mathematikerin und Elektroingenieurin schrieb ich 2017, als ich mich mit Frauen im 19. Jahrhundert befasste.

Louise Bourgeois Boursier

* 1563 • † 1636

Louise (oder Louyse) Bourgeois kam als Kind wohlhabender Eltern in der Nähe von Paris zur Welt und erhielt eine standesgemäße Bildung. Mit 21 Jahren heiratete sie Martin Boursier, einen Barbier, der bei Ambroise Paré zum Militärchirurg ausgebildet wurde.

Während des Achten Hugenottenkrieges arbeitete ihr Mann als Feldchirurg, Bourgeois Boursier blieb mit ihren drei Kindern allein. Als nun Heinrich IV. 1589 Paris angriff, zog sie aus dem Vorort in die durch Mauern gesichterte Stadt. Sie hatte sich einige Zeit mit dem Nähen von Spitze über Wasser gehalten, doch davon konnte sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr sichern. Bei der Geburt ihres dritten Kindes hatte ihre Hebamme ihr vorgeschlagen, ebenfalls in diesem Beruf zu arbeiten, und das tat sie. Ihre medizinischen Kenntnisse bezog sie von ihrem Mann und dessen Mentor Paré, außerdem hatte sie als dreifache Mutter eigene Erfahrungen mit Schwangerschaft und Geburt; das Hôtel-Dieu in Paris bot allerdings auch Kurse für werdende Hebammen an und es ist möglich, das Bourgeois Boursier diese besuchte. In jedem Fall bestand sie 1598 die Diplom-Prüfungen, die sie für eine Lizenz als Hebamme benötigte. Die Prüfungskommission bestand zu dieser Zeit aus zwei praktischen Ärzten, zwei Chirurgen und zwei erfahrenen Hebammen.

Nachdem sie drei Jahre erfolgreich als Hebamme für Pariser Bürgerinnen gearbeitet hatte, verlangte die von der französischen Königin Maria de’Medici nach ihrem Dienst: Die Hofhebamme, Madame Dupois, hatte auch die Mätresse des Königs bei der Geburt begleitet, was die Königin ihr nicht verzieh. Bourgeois Boursier hatte bereits anderen Frauen am Hof als Hebamme zur Seite gestanden, von 1601 an war sie nun die offizielle Hebamme der Königin und half dem späteren König Ludwig XIII. auf die Welt. Bis 1610 folgten fünf weitere Kinder der Königin, deren Geburten Bourgeois Boursier begleitete, wobei sie für jeden Sohn 500 Livres und für jede Tochter 300 Livres Prämie erhielt – das durchschnittliche Einkommen einer Hebamme zu dieser Zeit waren 50 Livres pro Geburt. Nach dem Kronprinzen Ludwig 1601 gebar Marie de‘ Medici zwei Töchter, Elisabeth 1603 und Christina 1606, anschließend zwei Söhne in zwei aufeinanderfolgenden Jahren, Nicolas Henri 1607 und Gaston 1608, und schließlich 1609 eine weitere Tochter, Henrietta Maria. Bereits 1608, nach dem dritten Sohn, erhielt Bourgeois Boursier eine Prämie von 6.000 Livres für ihre Dienste, nach dem letzten Kind bat sie um eine Pension von jährlich 600 Livres, der König gestand ihr 300 Livres jährlich zu, was ihr bereits einen ruhigen Lebensabend ermöglichte.

Louise Bourgeois Boursier setzte sich zumindest von der Arbeit mit der Königin zur Ruhe, sie betreute jedoch weiterhin gelegentlich Geburten, vor allem aber schrieb sie ein Buch über die Geburtsheilkunde. Sie nannte sich die erste Frau ihrer Profession, die „die Feder aufnahm“, was natürlich nicht vollständig der Wahrheit entspricht. Dennoch löste ihr Buch schließlich die Trotula aus dem 12. Jahrhundert als maßgebliches Werk über Hebammenwissen ab und blieb über hundert Jahre die Standardreferenz in diesem Gebiet. Doch es machte auch Wissen, zuvor von Hebamme zu Hebamme weitergegeben, nicht nur interessierten Laien, sondern auch den Ärzten zugänglich, die vor allem für Bourgeois Boursier selbst zur Konkurrenz wurden. 1627 begleitete sie die Geburt der Ehefrau von Gaston de Bourbon, den sie bereits selbst in die Welt geholt hatte, doch diese verstarb kurz darauf am Kindbettfieber. Die Hofärzte hielten in ihrem Obduktionsbericht fest, dass ein Teil der Plazenta (CW Bilder) in der Gebärmutter verblieben sei, was der Hebamme die Schuld am Tod der jungen Mutter zuwies. Bourgeois Boursiers Ruf litt selbstverständlich darunter, auch wenn sie eine öffentliche „Entschuldigung“ verfasste; in dieser bezichtigte sie jedoch wiederum die Ärzte der Unkenntnis, was genau eine Nachgeburt (CW Bilder) ausmache und was nicht, und verwies auf ihre jahrelangen Erfahrungen und ihre Veröffentlichungen. In der Folge musste sie sich dennoch mehr auf das Schreiben verlegen, so verfasste sie später Bücher mit Erinnerungen an ihre Zeit als Hebamme des Königspaares. Ihr Buch und die Rufschädigung nach dem Tod der Herzogin de Bourbon führten dazu, dass Hebammen am Hof und somit auch in der Gesellschaft an Ansehen verloren und – männliche – Ärzte diesen traditionell weiblichen Bereich der Gesundheitsfürsorge übernahmen, nicht unbedingt zum Vorteil für die Mütter.

Louise Bourgeois Boursier starb schließlich 1636 im Alter von 73 Jahren. Ihre Nachfahrin Angélique du Coudray wurde 1743 zur leitenden Hebamme des Hôtel-Dieu in Paris, nachdem sie mit einer Petition dafür gesorgt hatte, dass weiterhin Hebammen – und nicht Chirurgen – für die Hebammenausbildung verantwortlich sein sollten.