Schlagwort: zweiter weltkrieg

47/2019: Marianne Breslauer, 20. November 1909

Marianne Breslauer begann mit 18 Jahren ihre Ausbildung als Fotografin an der Photographischen Lehranstalt Lettehaus, weil sie zwei Jahre zuvor eine Ausstellung der Riess besucht hatte und sich seither für diese neue Kunstrichtung begeisterte. Mit 20 schloss sie diese Ausbildung mit einer Gesellenprüfung (bzw. Gehilfenprüfung) ab; sie nahm im selben Jahr mit ihren Bildern an einer Ausstellung in Stuttgart teil und ging anschließend nach Paris.

Dort entwickelte sie sich von den festen handwerklichen Regeln der Portraitfotografie, die sie in ihrer Ausbildung erlernt hatte, weiter hin zu den innovativen Ideen des Neuen Sehens, auch der Impressionismus nahm Einfluss auf ihre Bilder. Über eine Freundin wurde sie kurzfristig Schülerin von Man Ray, doch der riet ihr, mit ihren Fähigkeiten ihren eigenen Weg, unabhängig von ihm, zu gehen.

Bei einer Anstellung in einem Berliner Fotoatelier erlernte sie die Entwicklung und Negativvergrößerung, bis in die 1930er Jahre konnte Breslauer ihre Bilder erfolgreich an diverse Zeitungen und Magazine verkaufen. 1931 erschloss sie sich mit einer Reise nach Palästina auch das Gebiet der Reisereportage, etwa mit Annemarie Schwarzenbach über die spanischen Pyrenäen. Doch Breslauers jüdische Herkunft wurde bei Veröffentlichungen in Deutschland zum Problem. Sie weigerte sich, ihre Bilder unter einem Pseudonym erscheinen zu lassen und ging 1933 schließlich, ohne festen Wohnsitz, ins Ausland. Erst 1936 ließ sie sich mit ihrem Ehemann, dem Kunsthändler Walter Feilchenfeldt, in Amsterdam nieder, die Fotografie gab sie auf zugunsten des Geschäfts, das sie mit ihrem Mann betrieb. Die beiden befanden sich mit ihrem neugeborenen ersten Sohn in der Schweiz, als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, und sie blieben dort in verhältnismäßiger Sicherheit. 1944 bekamen sie einen zweiten Sohn, nach Kriegsende gründeten sie ein Kunsthandelsunternehmen. Als Walter senior 1953 starb, übernahm Marianne Breslauer Feilchenfeldt das Geschäft zunächst alleine, sie wurde die erste Frau, die sich erfolgreich in dem (natürlich) männerdominierten Metier behauptete. Später stieg ihr ältester Sohn mit in das Unternehmen ein.

In den 1980er Jahren wurden Breslauers Arbeiten von der Kunstszene wiederentdeckt. Nachdem sie 2001 starb, ging ihr Nachlass an die Fotostiftung Schweiz; auf deren Seite findet sich auch eine ausführliche Biografie mit einigen Bildern. Zur Ausstellung Marianne Breslauer – Unbeachtete Momente, die die Berlinische Galerie 2010 zeigte, schrieb die Jüdische Allgemeine einen Bericht mit kritischer Perspektive.

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39/2019: Elisabet Boehm, 27. September 1859

Elisabet Boehm kam in Ostpreußen zur Welt, der Region, deren nördlicher Teil heute zu Litauen, der südliche zu Polen gehört, rund um die russische Exklave Oblast Kaliningrad, früher Königsberg. Ihr Vater war Gutspächter und Reichstagsabgeordneter; mit 21 Jahren heiratete Elisabet Gustav Boehm. Nach einer Kindheit auf dem Land und 18 Jahren Ehe mit einem Gutsbesitzer gründete sie 1898 mit 15 Frauen* den ersten landwirtschaftlichen Hausfrauenverein in Garbno (dt. Lamgarben), ihrem heimatlicher Weiler nahe ihrer Geburtsstadt Ketrzyn (dt. Rastenburg).

Die Beweggründe dafür waren fortschrittliche: Sie wollte die weibliche* Einflussnahme in der Landwirtschaft organisieren, den Frauen Zugang zu Bildung verschaffen und so ihre Lebens- und Arbeitsverhältnisse verbessern. Auch eine höhere Anerkennung der haushaltlichen Tätigkeiten der Frauen* als Arbeit, ihrer Leistungen als Mütter und Mitarbeitende im landwirtschaftlichen Betrieb gehörte zu ihren Zielen.

Offensichtlich traf sie mit ihrem Bestreben nach Vernetzung und politischer Teilhabe den Nerv der Zeit, bei vielen Frauen in ähnlicher Lage wie sie. 1905 wurde sie Vorsitzende des ostpreußischen Landesverbands, 11 Jahre später übernahm Boehm die Leitung des Reichsverbands landwirtschaftlicher Hausfrauenvereine (nicht zu verwechseln mit dem Reichsverband deutscher Hausfrauen!), der bis zum Jahr 1933 auf 25 Landes- und Provinzialverbände mit an die 2.500 Kreis- und Ortsvereinen angewachsen war. Der Verein betrieb das eigene Presseorgan „Land und Frau“, Elisabet Boehm arbeitete mehrere Jahre an der Fachzeitschrift „Die deutsche Frauenarbeit“ mit. Als die Organisation 1934 von der NSDAP in den Reichsnährstand eingegliedert wurde, belief sich die Mitgliederzahl auf über 100.000 Mitglieder.

Elisabet Boehm starb mit 84 in Halle. Nach dem Zweiten Weltkrieg formten sich bereits 1947 die ersten Landfrauenverein neu. Im Oktober 1948 wurde dann der bis heute bestehende und aktive Deutsche LandFrauenverband (dlv) gegründet. Er besteht aus 22 Landesverbänden mit etwa 500.000 Frauen in den kleineren Kreis- und Ortsvereinen. Von der ursprünglich angesprochenen Bäuerin hat sich die aktuelle Mitgliederstruktur auf vielseitige Berufsfelder ausgebreitet; die Zielsetzung, berufsständische Interessen vertreten zu sehen, die soziale, wirtschaftliche und rechtliche Situation von Frauen zu verbessern und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie voranzutreiben ist den vernetzten Frauen gemein.

Ähnlich wie der DHB ist der dlv ein Beispiel für das nachvollziehbare Bedürfnis von Frauen Teil eines Berufsstände übergreifenden Netzwerkes zu sein und die Möglichkeit gesellschaftlicher und politischer Teilhabe zu schaffen. Elisabet Boehm – die sich auch dafür einsetzte, dass Frauen in den Landwirtschaftskammern wählen und gewählt werden konnten – hörte schon vor 1900 den inneren Ruf „Bildet Banden!“ Sicher weniger aufgrund einer biologischen Neigung der Frauen* zu sozialer Aktivität als in der sozialen Isolation begründet, in die ein patriachalisches System viele Frauen* zwingt, wusste sie, dass wir in der Gemeinschaft und Solidarität unsere Stärken entfalten können.

37/2019: Greta Klingsberg, 11. September 1929

Greta Klingsberg wurde in Wien geboren und von dort mit 13 Jahren, im Jahr 1942, von den Nationalsozialisten in das KZ Ghetto Theresienstadt deportiert. In Theresienstadt spielte sie bis zu ihrer Deportation in das KZ Auschwitz die Hauptrolle in der Kinder-Oper Brundibár.

Diese Oper war ursprünglich 1938 für einen Wettbewerb der tschechoslowakischen Regierung entstanden, das Libretto stammte von Adolf Hoffmeister, der nach der Besetzung der Tschechoslowakei 1939 ins Exil ging. Der Komponist Hans Krása konnte bei seiner Deportation nach Theresienstadt den Klavierauszug retten und schrieb von dieser ausgehend die gesamte Partitur erneut nieder. Nach den zwei heimlichen Aufführungen in einem jüdischen Waisenhaus in Prag 1941 wurde Brundibár am 23. September 1943 zum ersten Mal im KZ Theresienstadt aufgeführt und im Anschluss weitere 55 Male gespielt. Während Musik und die Geschichte um einen bösen Leierkastenmann, der durch den gemeinschaftlichen Einsatz mehrerer Kinder vertrieben werden kann, den Kindern im Ghetto wohl etwas Heiterkeit und Hoffnung gab, waren die Bedingungen schwierig: Regelmäßig wurden bisherige Darsteller und Mitwirkende in andere Konzentrationslager deportiert, wo die meisten von ihnen ermordet wurden. Auch Hans Krása starb in 1944 in Auschwitz.

Besonders perfide ist die Verwendung einiger Aufnahmen der Kinderoper im Film Theresienstadt. Dieser wurde – wahrscheinlich, um im Ausland den Massenmord und die unmenschlichen Lebensverhältnisse in den Ghettos und Lagern zu verschleiern – von August bis September 1944 im Ghetto Theresienstadt gedreht. Eine Delegation der dänischen Regierung und des internationalen Roten Kreuzes hatten zuvor das Ghetto besucht, wofür schon tausende der Bewohner in andere Vernichtungslager verbracht wurden und eine Fassade humaner Zuständer geschaffen worden war. Einige Einblicke in den Propaganda-Film gibt der SpOn Artikel darüber.

Auch die Mitwirkenden des Films Theresienstadt, darunter Regisseur Kurt Gerron und einige prominente Bewohner der Ghettos, wurden nach Abschluss der Dreharbeiten zu ihrer Ermordung nach Auschwitz gebracht. Von den Darsteller:innen aus Brundibár überlebte neben Greta Klingsberg noch Ela Stein-Weissberger, die die Katze im Stück spielte.

Klingsberg wurde ebenfalls nach Auschwitz deportiert, kam von dort jedoch über das KZ Flossenbürg (dort war sie im Außenlager Oederan in Zwangsarbeit tätig) wieder nach Theresienstadt. Nachdem Theresienstadt durch die Alliierten befreit worden war, ging sie über London nach Jerusalem, wo sie Gesang studierte und bis heute lebt. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg übersetzte sie das Libretto von Brundibár ins Hebräische.

35/2019: Ida Kerkovius, 31. August 1879

In eine deutschbaltische Familie in Riga geboren, wuchs Ida Kerkovius auf einem Gut in der Nähe der heutigen Hauptstadt Lettlands (damals Verwaltungssitz des Gouvernements Livland im russischen Kaiserreich) auf. Mit 20 Jahren schloss sie eine Ausbildung an einer Rigaer Mal- und Zeichenschule mit Diplom ab, anschließend ging sie in die Künstlerkolonie Dachau, um bei Adolf Hölzl zu studieren. Sie war über die Bilder einer seiner Schülerinnen auf ihn gestoßen und wurde in ihrem späteren Wirken selbst von ihm geprägt.

Nach Bildungsreisen durch Europa und einer Rückkehr zu ihrer Familie in Riga studierte sie für kurze Zeit an einer privaten Malschule in Berlin, suchte jedoch bald wieder Hölzl als Meister auf, dieses Mal in Stuttgart. Schon bald wurde sie seine Meisterschülerin und schließlich Assistentin, in dieser Position unterrichtete sie selbst wiederum Schüler:innen. Sie nahm an mehreren Ausstellungen um ihren Meister mit eigenen Bildern teil, gleichzeitig kamen durch Ausstellungen mit Bildern des Impressionismus und Expressionismus neue Einflüsse in ihr Leben.

In den 1920er Jahren erlernte sie am Weimarer Bauhaus die Webkunst von Gunta Stölzl. Wie Thea Schleusner wurde auch sie ab 1933 von den Nationalsozialisten für ihre „entartete Kunst“ diffamiert, da sie in Deutschland so nur noch eingeschränkt arbeiten konnte, unternahm sie zahlreiche Reisen ins europäische Ausland. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde ihre Familie von Riga ins Wartheland umgesiedelt, wobei ein Teil ihrer Werke bereits verloren ging. Ein weiterer großer Teil verbrannt nach einem Bombenangriff in ihrem Atelier; da ihre Werk bis 1945 daher kaum mehr existiert, zählt auch sie zur Verschollenen Generation.

Nach 1945 war sie in Deutschland als eine der bedeutendsten Vertreter:innen der klassischen Moderne tätig. Neben der Malerei und der Bildteppichweberei erschloss sie sich in den 1950er Jahren auch die Glasmalerei. Dieses Jahrzehnt war insgesamt ihr erfolgreichstes: 1954 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz, sie gewann den ersten Preis der 1955er Ausstellung „Ischia im Bilde deutscher Maler“ und 1958 wurde sie Professorin. Bis zu ihrem Tod mit 91 Jahren lehrte und arbeitete sie als Künstlerin.

Bei Bauhaus100 – der Webseite zum Bauhaus-Jahr 2019 – gibt es eine ausführliche Biographie mit Bildern von ihr, ebenso bei FemBio.

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27/2019: Karla König, 3. Juli 1889

Die im damals preußischen Stettin geborene Karla König entstammte einer Journalistenfamilie und trat in die Fußstapfen ihres Vaters und Großvaters. Sie arbeitete als Pressereferentin und Ressortleiterin Feuilleton in Pommern, bevor sie mit 38 Jahren begann, als freie Schriftstellerin zu arbeiten. Ihre Heimatregion war Hauptthema ihrer Gedichte und Bücher.

Im Zweiten Weltkrieg wurden viele ihrer bisherigen Arbeiten, vor allem aber ihre unveröffentlichten Manuskripte vernichtet; als Stettin nach dem Krieg polnisch wurde, ging sie in die sowjetisch besetzten Gebiete der jungen deutschen Republik. Zunächst in Ueckermünde und Stralsund, ab 1947 in Schwerin beteiligte sie sich am Aufbau der Kulturarbeit, insbesondere im Kulturbund der demokratischen Erneuerung Deutschlands, der sich die antifaschistische Haltung in die Leitsätze schrieb.

In der DDR arbeitete sie wieder als freie Autorin und setzte sich im Deutschen Schriftstellerverband insbesondere für die Förderung junger Autor:innen ein. Für ihren Einsatz erhielt sie die Verdienstmedaille der DDR. Sie starb 74-jährig in Schwerin.

Ihr Nachlass findet sich in der Landesbibliothek Meckklenburg-Vorpommern; der Text, den ich jedoch am liebsten von ihr lesen würde, ist nicht mehr zur Verfügung: 1919 schrieb die frühe Verfechterin des Frauenwahlrechts eine Broschüre mit Namen Wie arbeite ich politisch? Ein parteiloses Wort an die deutsche Frau.

23/2019: Virginia Apgar, 7. Juni 1909

Schon als sie ihren High-School-Abschluss machte, wusste Virginia Apgar, dass sie Ärztin werden wollte. Sie belegte am College jedoch zunächst Zoologie mit den Nebenfächern Physiologie und Chemie; nach dem Abschluss in diesen Fächern vier Jahre später begann sie ihr Medizinstudium am der Columbia University College of Physicians and Surgeons. Als sie dort vier weitere Jahre später als viertbeste ihres Jahrgangs das Examen ablegte, war sie – 1933 – eine der ersten Frauen unter den Absolventen dort. Noch einmal vier Jahre als Assistenzärztin verbachte sie am NewYork-Presbyterian Hospital, um danach als Doktorin der Medizin anerkannt zu sein. Obwohl sie in dieser Zeit selbst an die zweitausend Operationen durchgeführt hatte und großes chirurgisches Talent bewies, riet ihr Mentor im Vorstand des Krankenhauses ihr davon ab, eine Karriere als Chirurgin weiterzuverfolgen. Nach seiner Erfahrung konnten Frauen in diesem Berufsfeld nicht Fuß fassen, Apgar selbst konstatierte in offensichtlicher Unkenntnis dessen, was wir heute als internalisierte Misogynie kennen: „Frauen wollen nicht von einer Chirurgin operiert werden. Nur Gott weiß, warum.“ (Quelle: Wikipedia).

Der Rat ihres Mentors war jedoch wohlwollend und legte den Grundstein nicht nur für die erfolgreiche Karriere Virginia Apgars, sondern auch für die Überlebenschancen von neugeborenen Säuglingen. Sie folgte dem Vorschlag, sich der Anästhesiologie zu widmen, die 1935 noch in den Kinderschuhen steckte. Dort könne sie mit ihrer Energie und ihrem Können eine großen Beitrag leisten. So absolvierte Apgar in der ersten anästhesiologischen Abteilung der USA an der University of Wisconsin-Madison ein sechsmonatiges Praktikum und ein nochmals sechs Monate dauerndes Studium zum Thema in einem Krankenhaus in New York. Zum Ende des Jahres 1937 erhielt sie schließlich ihr Zertifikat als Anästhesiologin (Anästhesistin?), als die erste Frau überhaupt.

Gleich im Folgejahr wurde sie Abteilungsleiterin der Anästhesiologie an der Columbia University und begründete dort die Anfänge für dieses neue medizinische Fachgebiet. Bis zu diesem Zeitpunkt war Betäubung in den Operationssälen Sache der Krankenschwestern gewesen, viele Chirurgen taten sich daher anfangs schwer, eine:n gleichwertige:n Kolleg:in im OP zu akzeptieren, der mit anästhesiologischem Expert:innenblick das Wohl der Patient:innen überwachte. Apgar betreute die neugegründete Abteilung als administrative Leiterin, Koordinatorin, Unterrichtende und Personalbeauftragte. In den 1940er Jahren hatte sie große Schwierigkeiten mit den finzanziellen Mitteln wie auch mit der personellen Versorgung, insbesondere nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg. Nach dem Ende des Krieges jedoch kehrten Mediziner mit erneuertem Interesse an den Möglichkeiten schmerzfreier Behandlung in die USA zurück und die Probleme der Abteilung lösten sich. Als 1949 aus der anästhesiologischen Abteilung des medizinischen Fachbereichs ein eigener Fachbereich gemacht wurde, wurde Apgar jedoch nicht die Leitung übertragen, da sie neben der Arbeit, die sie geleistet hatte, nicht auch noch ausreichend Forschungsarbeit betrieben und veröffentlicht hatte. Zur Entschädigung wurde sie zur ersten Professorin der Anästhesiologie ernannt. In dieser Position arbeitete sie bis 1959 an der Columbia University.

Als Anästhesistin war sie auch im Bereich der Geburtshilfe tätig, ihre Forschungsarbeiten als Professorin führte sie an der angeschlossenen Frauenklinik durch. Seit den 1930er Jahren war die Sterblichkeitsrate von Neugeborenen bereits stetig gesunken, doch Apgar stellte fest, dass die Zahl der Säuglingstode innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Geburt weiterhin konstant blieb. Direkt nach dem Verlassen des Mutterleibes wurden die Kinder meist den unerfahrensten Mitarbeitern im Kreißsaal übergeben und Untersuchungs- oder Behandlungsverfahren wie das Befreien der Atemwege waren noch nicht üblich. Virginia Apgar beschäftigte sich mit Methoden, wie Neugeborene gleich in den ersten Lebensminuten auf ihre Gesundheit oder Gefährdung hin untersucht werden könnten, um akute Probleme umgehend zu beheben. Den APGAR-Score, der heute noch in den meisten Kreißsälen der Welt als Ersteinschätzung für den Gesundheitszustand von Säuglingen üblich ist, entwickelte sie einer Anekdote zufolge halbwegs spontan auf die Frage eines Assistenten hin, wie systematisch und schnell der Zustand eines Neugeborenen beurteilt werden könnte. Sie richtete sich nach den gleichen Faktoren, anhand derer Anästhesist:innen den Gesundheitszustand ihrer betäubten Patient:innen beurteilten: Herzfrequenz, Atmung, Muskeltonus, Reflexantwort auf Stimulation und Hautfarbe. Im Deutschen hat sich das folgende Backronym aus dem Namen der Erfinderin ergeben:

Atmung
Puls
Grundtonus
Aussehen
Reflexe

Für jeden dieser Faktoren können von null bis zwei Punkte vergeben werden, bis zu einem APGAR-Score von zehn Punkten; ein fehlender Punkt wird meist für die anfängliche, aber nicht gefährliche bläuliche Hautfarbe vergeben, die sich kurz nach den ersten eigenen Atemzügen wieder gibt. Mit einem Score von 7 bis 8 gelten Säuglinge als „lebensfrisch“, bei 5 bis 8 Punkten als gefährdet, je nach ersten Werten kann die Untersuchung in Abständen von fünf Minuten wiederholt und gegebenenfalls eine Verbesserung festgestellt werden. Unter 5 Punkten sind Neugeborene akut lebensgefährdet – eine Tatsache, die bis dahin so nicht medizinisch festgestellt wurde. Nach dieser einfachen Untersuchung ließen sich Babys in ihren ersten Momenten einschätzen und dementsprechend umgehend versorgen.

Apgar prüfte die Gültigkeit ihres Untersuchungsverfahrens selbst an tausenden Säuglingen, 1952 stellte sie es auf dem 27. Ärtzekongress der Anästhesisten vor, anschließend veröffentlichte sie ein Forschungspapier und einen Artiekl dazu. Bald darauf wurde der APGAR-Score in vielen amerikanischen Krankenhäusern eingeführt, in den 1960er Jahren folgte Europa und bis ins 21. Jarhundert hinein bleibt diese Form der Neugeborenen-Fürsorge weltweit gängig.

1959 ließ Apgar sich von der Professor:innenstelle an der Columbia University beurlauben und nahm ein Studium im Fach Public Health auf, den Master darin erlangte sie im gleichen Jahr. Im Anschuss daran wurde sie Vorsitzende der Stiftung March of Dimes, die sich mit der Gesundheit Neugeborener befasst. Sie füllte diese Position erfolgreich aus, konnte den Betag an Spendengeldern für die Stiftung deutlich steigern und hielt Vorträge rund um die Welt. Die Verhinderung von Geburtsschäden und langfristigen Folgen von Frühgeburten waren dabei ihr vordringlichstes Thema, doch sie unterstützte auch die Rötelnimpfung – eine Rötelnerkrankung während der Schwangerschaft kann zu schweren Fehlbildungen beim ungeborenen Kind führen. Die Epidemie in den USA in den Jahren 1964 bis 1965 hatte es zwölfeinhalb Millionen Erkrankte gegeben; in 11.000 Fällen hatten die Röteln zu Fehlgeburten oder therapeutischen Abtreibungen geführt, in 20.000 Fällen zu einer Ansteckung der Säuglinge im Mutterleib mit gesundheitlichen Schäden (CW: Link mit Bildern). 2.100 Kinder starben kurz nach der Geburt, 12.000 Kinder wurden taub, 3.580 Kinder erblindeten, 1.800 Kinder erlitten kognitive Beeinträchtigungen.

Anfang der 1970er Jahre schrieb sie mit einer Autorin das Buch Is My Babay Alright, ein Ratgeber für junge Mütter. Sie schrieb in ihrem Leben mehr als 60 wissenschaftliche Artikel, erhielt mehrere Ehrendoktortitel und Medaillen für ihre Arbeit in der Säuglingsgesundheitsfürsorge. Mit 65 Jahren erlag sie einer Leberzirrhose.

Sie war keine ausgesprochene Feministin mit der Haltung, dass Frauen befreit seien von dem Moment an, in dem sie den Mutterleib verlassen. Obwohl sie selbst von der Ungleichbehandlung der Frauen, insbesondere in Gehaltsfragen, frustriert war und in ihrer Biografie ja auch unleugbar betroffen, hielt sie sich von Organisationen der Frauenbewegung fern. Nichtsdestotrotz lieferte sie einen sehr schönen Satz der Emanzipation als Begründung, warum sie nie geheiratete hatte: „Ich habe eben keinen Mann gefunden, der kochen kann.“ (Quelle: Wikipedia)

Die U.S. National Library of Medicine führt eine ausführliche Biografie zu Virginia Apgar.

19/2019: Hilde Levi, 9. Mai 1909

Religion spielte in ihrem Leben nur als Hindernis zum Glück eine Rolle: Schon Hilde Levis Eltern lebten als assimilierte Juden in Frankfurt am Main, sie selbst lehnte nach erzwungenem Religionsunterricht in der weiterführenden Schule früh die Religion für sich ab. Zu dieser Haltung trug sicherlich auch ihre wissenschaftliche Weltansschauung bei; ihr Abitur machte sie 1928 als einziges Mädchen ihres Jahrgangs in Physik. Nach ihrem Abschluss verbrachte sie zunächst ein halbes Jahr in England und begann dann an der Münchener Universität Physik und Chemie zu studieren. Bereits zwei Jahre später wechselte sie für ihre Promotionsarbeit an das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem. Dort bestand sie 1934 noch ihre Doktorprüfung, doch da die Nationalsozialisten im Jahr zuvor an die Macht gewählt worden waren, überschattete ihre jüdische Familiengeschichte ihr ganzes Leben. Aufgrund des Arierparagraphen hatte sie keinerlei berufliche Aussichten, sämtliche ihrer Lehrer und Mentoren waren bereits emigriert. Schließlich löste ihr Verlobter, der Physiker Hans Bethe, zwei Tage vor der Hochzeit die Verbindung, auf Anraten seiner Mutter, die selbst jüdischer Abstammung war. Diese Entscheidung schockierte die Kollegen des Paares, insbesondere die ebenfalls jüdischen Niels Bohr und James Franck, die lebenslang persönliche Vorbehalte gegen den späteren Nobelpreisträger hegten. (In Bethes Wikipedia-Eintrag ist im übrigen weder von seiner privaten Verbindung zu Hilde Levi noch von dieser Entscheidung gegen ihre Ehe die Rede, die immerhin dazu führte, dass Bethe bis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nie an das Niels-Bohr-Institut eingeladen wurde, obwohl er ein führender Physiker der Zeit war.)

Die International Federation of University Women und Niels Bohr selbst vermittelten Levi eine Assistenzstelle bei James Franck, der selbst erst vor kurzem nach Kopenhagen emigriert war; er kannte zwar Levi bis dahin nicht persönlich, aber ihre Doktorarbeit über Spektren der Alkalihalogen-Dämpfe, deren wissenschaftlichen Wert er hoch einschätzt. Ihre Promotionsurkunde musste ihr Bruder ihr Monate nach ihrer Ausreise für sie in Empfang nehmen. Levi arbeitete für Franck, bis dieser 1935 Kopenhagen verließ, danach arbeitete sie als Assistentin des ebenfalls aus Deutschland emigrierten ungarischen Chemikers George de Hevesy. Die Entdeckung der Aktivierung, also induzierter Radioaktivität, durch das Ehepaar Joliot-Curie 1935 inspirierte de Hevesy und Levi zur Bestrahlung seltener Erden. Ihre Entdeckungen bei dieser Arbeit führten zur Entwicklung der Neutronenaktivierungsanalyse, mit der zum Beispiel 1961 ermittlet wurde, dass Napoléon zumindest an Arsenvergiftung litt, wenn nicht sogar daran starb.

1938 wurde Levi in Deutschland der Doktortitel aberkannt, ohne Angabe von Gründen, im gleichen Jahr musste sie ihren deutschen Pass in der Botschaft in Kopenhagen abgeben. Sie konnte mit de Hevesy bis 1940 weiter am Niels-Bohr-Institut arbeiten; nach der Besetzung Dänemarks durch die deutsche Wehrmacht wechselte sie zunächst innerhalb Kopenhagens an das Carlsberg-Institut. 1943 begannen die deutschen Besatzer jedoch auch in Dänemark, Juden zu deportieren, und Levi floh mit vielen anderen nach Schweden. Dort konnte sie bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges an einem Institut für experimentelle Biologie arbeiten.

Nach Kriegsende kehrte Levi nach Kopenhagen zurück und begann, unter August Krogh am Zoophysiologischen Institut der Universität Kopenhagen an radiobiochemischen Forschungen zu arbeiten. Bei einem Aufenthalt in den USA lernte sie die Radiokarbonmethode zur Altersbestimmung von Stoffen kennen, die Willard Libby 1946 entwickelt hatte. Sie entwickelte darauf aufbauend am Dänischen Nationalmuseum die erste Messeinrichtung für C14-Datierung, mit der kurz darauf das Alter des Grauballe-Mann ermittelt werden konnte. (Auch in diesem Wikipedia-Beitrag ist nicht die Rede von Levi, sondern Libby selbst wird als derjenige genannt, der die Untersuchung durchgeführt habe. Siehe Matilda-Effekt.)

Levi beriet die dänische Gesundheitbehörde zum Thema Strahlenschutz und lehrte 19 Jahre lang an der Universität Kopenhagen. Nach ihrer Pensionierung 1979 war sie am Aufbau des Niels-Bohr-Archivs beteiligt und arbeitete den wissenschaftlichen und persönlichen Nachlass de Hevesys auf. 2001 nahm sie an einem Treffen an der Humboldt-Universität teil, zu dem die Wissenschaftler geladen worden waren, die nach 1933 entlassen worden waren und Deutschland nachfolgend verlassen mussten. Sie starb 2003 im Alter von 94 Jahren in Kopenhagen.

Das Jewish Women’s Archive führt eine Biografie von ihr, das Niels-Bohr-Archiv ebenfalls. Auf der Seite des American Institute of Physics findet sich das Transkript eines Interviews mit ihr von 1971.

11/2019: Marie Juchacz, 15. März 1879

Als Tochter eines Zimmermannes kannte Marie Juchacz Not und Armut. Nachdem ihr Vater an der Lunge erkrankte, musste sie mit 14 Jahren die Volksschule in Landsberg an der Warthe verlassen, um als Dienstmädchen zu arbeiten. Nach weiteren beruflichen Stationen in einer Textilfabrik und als Krankenschwester in einer psychiatrischen Anstalt machte sie schließlich eine Schneiderlehre; den Schneider, bei dem sie anschließend eingestellt wurde, heiratete sie kurz darauf. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor – eines noch im Jahr der Eheschließung –, sie hielt jedoch nur drei Jahre. Als geschiedene Mutter zog sie 1906 mit ihrer Schwester Elisabeth Röhl und deren Kindern in einen gemeinsamen Haushalt nach Berlin; ihr Schwager verblieb in Köln.

Die beiden Schwestern unterstützten sich nicht nur als arbeitende Mütter gegenseitig, sondern verfolgten auch beide politische Ambitionen, die von ihrer beider älterem Bruder Otto geweckt und gefördert worden waren: Er hatte ihnen „Die Waffen nieder!“ von Bertha von Suttner und Bebels „Die Frau und der Sozialismus“ zu lesen gegeben. Schon in Juchacz‘ Geburtsjahr hatte Bebel als Mitglied der SPD gefordert, Frauen die Mitgliedschaft in Parteien zu erlauben, es dauerte jedoch bis 1908, bis dies gesetzlich erlaubt war. Sofort trat Juchacz der SPD bei; sie war damit eines der ersten weiblichen Parteimitglieder, neben ihrer Schwester, und es sollte noch weitere zehn Jahre dauern, bis Frauen auch das Wahlrecht zugesprochen werden sollte.

In den folgenden fünf Jahren entwickelte sich Juchacz zu einer bekannten Persönlichkeit und beliebten Rednerin in der Partei. Für einige Jahre ließ sie ihre Kinder bei der Schwester in Berlin zurück, um als „Frauensekretärin“ der Partei in Köln für die gewerkschaftliche Organisation der Textilarbeiterinnen im Aachener Raum tätig zu sein; während des Ersten Weltkriegs arbeitete sie mit ihrer Schwester und anderen Frauen in der SPD in der „Heimarbeitszentrale“ und der Lebensmittelkommission. Als sich 1917 die Sozialdemokratische Partei spaltete, übernahm Juchacz, in der SPD verbleibend, die Position Clara Zetkins als „Frauensekretärin“ unter Friedrich Ebert sowie deren Stelle als Redaktionsleitung der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift Die Gleichheit.

Zwei Jahre später wurden nach der Einführung des Frauenwahlrechts Juchacz und ihre Schwester Röhl als zwei von 37 Frauen in die Weimarer Nationalversammlung gewählt; Juchacz war die erste Frau, die eine Rede im Parlament hielt.

„Meine Herren und Damen!“ (Heiterkeit.) „Es ist das erste Mal, dass eine Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat.“

https://www.reichstagsprotokolle.de

Als die Nationalversammlung vom Reichstag abgelöst wurde, erhielt nur Juchacz, nicht aber ihre Schwester einen Sitz im neuen Parlament. Juchacz Hauptinteresse galt jedoch nicht der Politik an sich, sondern den Möglichkeiten der Politik, Menschen in Not und Armut zu helfen. So gründete sie basierend auf ihren Erfahrungen während des Ersten Weltkriegs, mit staatlicher Unterstützung Selbsthilfe zu entwickeln, den „Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD“, aus dem der heutige, parteiunabhängige Arbeiterwohlfahrtsverband entstand. Mittagstische, Nähstuben, Werkstätten und Beratungsmöglichkeiten für sozial Bedürftige, insbesondere Kriegsgeschädigte, wurden unter Juchacz‘ Kommission gegründet.

Sie blieb Mitglied des Reichstags bis 1933; bei der Reichspräsidentenwahl 1932, der letzten der Weimarer Republik, bei der das Volk für den Präsidenten abstimmte, hielt sie noch einmal eine pointierte Rede, in der sie klar gegen Hitler und die an Zustimmung gewinnende NSDAP Position bezog:

Die Frauen … durchschauen die Hohlheit einer Politik, die sich als besonders männlich gibt, obwohl sie nur von Kurzsichtigkeit, Eitelkeit und Renommiersucht diktiert ist. Dieser Politik, der nationalsozialistischen Politik, mit allen Kräften entgegenzutreten, zwingt uns unsere Liebe zu unserem Volke…

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/marie-juchacz

Mit der Reichstagswahl vom 5. März 1933, mit der die NSDAP die einzige Regierungspartei wurde, verließ Juchacz mit anderen Parteimitgliedern Deutschland ins Saarland, zu dem Zeitpunkt französisch; nach Anschluss des Saargebiets an das Deutsche Reich floh sie über Marseilles und Martinique in die USA. Dort traf sie auf ihren verwitweten Schwager – ihre Schwester war bereits 1930 gestorben. Sie lernte Englisch und wurde in der Versorgung der Kriegsflüchtlinge aktiv, bis hin zu einer Gründung der „Arbeiterwohlfahrt USA – Hilfe für die Opfer des Nationalsozialismus“ in New York nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Vier Jahre nach dessen Ende kehrte sie nach Deutschland zurück und wurde dort zur Ehrenvorsitzenden der neu ins Leben gerufenen AWO. Sieben Jahre später starb sie 77jährig in Düsseldorf.

Selbstverständlich liefert die AWO eine ausführliche Biografie von Marie Juchacz auf ihrer Webseite. Deutschlandfunk Kultur hat noch bis zum 12. Mai 2019 ein Gespräch mit Unda Hörner online, „Warum kennt kaum jemand Marie Juchacz?

8/2019: Agnes Arber, 23. Februar 1879

Agnes Arber

Agnes Arber – in Kürze – war 1946 die erste Botanikerin, die als „Fellow“ in die Royal Society (bestehend seit 1660) gewählt wurde (die erste Frau überhaupt war 1945 Kathleen Lonsdale, eine Kristallographin, die zweite 1946 die Biochemikerin Marjory Stephenson) und 1948 die erste Frau, die die Gold-Medaille der Linnean Society of London erhielt (Vergabe der Medaille seit 1888), bei der sie seit 1908 Mitglied war.

Die Tochter eines Lehrers und Künstlers lernte bei ihrem Vater das Zeichnen, das ihr später erlaubte, ihre Werke selbst zu illustrieren. Ihr Interesse an Botanik erweckte ihre Lehrerin Edith Aitken. Mit 15 Jahren gewann sie ein Stipendium für ihre botanischen Untersuchungen und traf im Wissenschaftsclub ihrer Schule auf Ethel Sargant, Botanikerin und später erste Frau im Vorstand der Linnean Society. Die 16 Jahre ältere Wissenschaftlerin sollte Arber zur Mentorin und Fördererin werden.

Mit 18 begann Arber ihr Studium am University College London, nach einem Bachelor-of-Science-Abschluss dort ging mit sie mit einem Stipendium an das Newnham College der Universität Cambridge. Insgesamt schloss sie ihr Studium 1905 an beiden Universitäten mit einem Magister Artium und einem Doctor of Science ab. Schon während ihres Studiums und im Anschluss daran arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Sargants Botaniklabor.

Bis 1942 war die Morphologie und vergleichende Anatomie vor allem der Einkeimblättrigen ihr Forschungsgebiet. Nach einem ersten Buch über die Geschichte und Entwicklung von Kräuterbüchern im Jahr 1912 veröffentlichte sie bis 1934 drei Bücher über Einkeimblättrige, Wasserpflanzen (aquatic angiosperms) und Süßgräser (Graminae). Die Forschungen dazu betrieb sie zu großen Teilen in ihrem eigenen Labor zu Hause. Als der Zweite Weltkrieg die Materialien knapp werden ließ, wandte sie sich der Wissenschaftsphilosophie zu. Sie schrieb über historische Botaniker und befasste sich mit Goethes Gedanken zur Botanik. In ihrem vorletzten Buch erarbeitete sie eine Methodik der biologischen Untersuchungen, darin greift sie der Erkenntnis Thomas S. Kuhns vor, dass die Interpretation von Forschungsergebnissen unter dem Einfluss der bestehenden wissenschafltichen Erkenntnisse und Meinungen stattfindet. Ihr letztes Buch bringt künstlerische, wissenschaftliche und philosophische Gedanken zusammen, um ihre holistische Erfahrungen zu verarbeiten.

Agnes Arber war in kurzer, aber glücklicher Ehe verheiratet mit einem Paläobotaniker (er starb jung) und hatte aus dieser Beziehung eine Tochter. Sie starb 1960 im Alter von 81 Jahren. Die Seite famousscientists.org hält eine weitere Biografie bereit; die Masters of Malt haben einen Gin im Sortiment zu ihren Ehren, der allerdings lecker klingt.

Bild: By Source, Fair use

09/2018

2. September 1838: Lili’uokalani

Die erste, einzige und letzte Königin Hawai’is wurde unter dem Namen Lili’u Loloku Walania Kamaka’eha geboren. Ihr Name bezieht sich wie alle hawaiianischen Namen auf ein Ereignis, das bei ihrer Geburt stattfand: Da die damalige Königin von Hawai’i, Kīna’u, zur Zeit der Geburt eine Augeninfektion hatte, wurde das Kind von ihr Brennen (Lili’u) Tränend (Loloku) brennender Schmerz (Walania) wunde Augen (Kamaka’eha) genannt. Wie ebenfalls in der hawaiianischen Kultur üblich, wurde die Tochter des Chief und Patriarchen des Hauses Kalākaua und seiner Frau direkt nach der Geburt von Freunden ihrer Eltern adoptiert, nämlich dem Chief Abner Pākī und Laura Kōnia, einer Verwandten des regierenden Königs Kamehameha III. ‚Ohana, das hawaiianische Wort für Familie, umschließt nicht nur die leiblichen Verwandten, sondern auch Wahlverwandtschaft und Adoptivfamilie; durch ausgeprägte Austauschen von Kindern, hana’i, schon im Säuglingsalter entstanden so enge Bindungen auch zwischen genetisch nicht verwandten Familien.

Während ihrer Schulzeit lebte sie im Haus des hawaiianischen Königs Kamehameha IV und dessen Frau. Sie war mit 19 Jahren für einige Zeit verlobt mit dem späteren, vom hawaiianischen Adel gewählten König Lunalilo, löste diese Verlobung jedoch wieder und heiratete mit 24 Jahren einen kroatischstämmigen Amerikaner. Ihr ehemaliger Verlobter Lunalilo starb bereits ein Jahr nach seiner Thronbesteigung und Lili’us Bruder Kalākaua wurde als sein Nachfolger bestimmt. Als dieser 19 Jahre später starb, wurde Lili’u mit 53 Jahren wiederum durch Erbrecht Königin von Hawai’i. Zu diesem Zeitpunk wählte sie den offiziellen Namen Lli’uokalani, „brennender Schmerz der königlichen Familie“.

Schon lange Zeit vor ihrer Regentschaft hatten sich die auf Hawai’i lebenden amerikanischen Besitzer von Bananenplantagen in die Politik des Inselstaates eingemischt, im wirtschaftlichen Interesse ihres Heimatlandes. Unter anderem Sanford Dole*, ein Jurist und Politiker ohne hawaiianische Wurzeln (er stammte von amerikanischen Missionaren ab), hatte 1887 mit der Unterstützung einer rein kaukasischen Militäreinheit auf Hawai’i, den Honolulu Rifles, einen Umsturz der hawaiianischen Monarchie herbeigeführt. Dieser Putsch endete damit, dass Kalākaua unter dem Druck angedeuteter Bedrohungen auf sein Leben eine Konstitution unterzeichnete, die die indigene Bevölkerung massiv benachteiligte: Die politische Macht des hawaiianischen Königshauses wurde zugunsten des Kabinetts eingeschränkt, Wahlrecht hatten nur noch Männer, die des Lesens mächtig waren – also auch dies hauptsächlich die Nachfahren der kaukasischen Einwanderer – oder war an ein Mindestmaß an Wohlhaben und Einkommen geknüpft, was die Ureinwohner zum größten Teil von politischer Teilhabe ausschloss. Diese kolonialistisch wirkende Verfassung wird die Bayonet Constitution genannt, da sie unter Waffengewalt eingerichtet wurde.

Lili’uokalani versuchte in ihrer zweijährigen Amstzeit, der ursprünglichen hawaiianischen Monarchie – und der  indigenen Bevölkerung – wieder mehr Macht und Mitbestimmung zu verschaffen. Als sie schließlich 1893 mit einer neuen Verfassung die Politik des Landes wieder in die Hände der Ureinwohner bringen wollte, gründeten die amerikanischen Plantagenbesitzer, unter ihnen Dole, das „Komitee für öffentliche Sicherheit“, auf dessen Betreiben hin US-Marines auf Hawai’i landeten und die Königin unter Hausarrest stellten. Im Folgejahr riefen die US-Besatzer die Republik Hawai’i aus, mit Dole als Präsident; nachdem 1895 einige indigene Royalisten eine Rebellion versucht hatten und inhaftiert worden waren, dankte Lili’uokalani zugunsten deren Freilassung offiziell ab. Es war ihr erlaubt, für die Sache ihres Landes und ihres Volkes vor dem US-Senat zu sprechen, jedoch ohne Erfolg. Im Zuge des Spanisch-Amerikanischen Krieges wurde Hawai’i wegen seiner strategischen Lage von den USA als „Hawai’i-Territorium“ annektiert.

Für die verbleibenden 19 Jahre ihres Lebens erhielt Lili’uokalani eine Rente und lebte im Haus ihres Schwiegervaters auf Honolulu, wo sie 79jährig an einem Schlaganfall verstarb.

Lili’uokalanai komponierte über 100 Lieder, das bekannteste davon: Aloah `Oe

*Die Dole Food Company verkauft heute noch immer Bananen.

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10. September 1922: Yma Sumac

Als Zolia Augusta Emperatriz Chavarri del Castillo geboren, gab sich die peruanische Folkloresängerin den Quechua-Künstlernamen Yma Sumac (ima sumaq: wie schön). Ihre Stimme umfasste an die fünf Oktaven (normales Register professioneller Sänger*innen: drei Oktaven), vom Bariton bis ins hohe Pfeifenregister. Sie begann ihre Karriere mit 20 Jahren im peruanischen Radio. Im gleichen Jahr, 1942, heiratete sie Moisés Vivanco, mit welchem sie und ihr Cousin die Folkloregruppe Imma Sumack and the Conjunto Folklorico Peruano gründeten. Vier Jahre später ging das Trio nach New York, konnte dort jedoch zunächst keine nennenswerten Erfolge verbuchen. 1949 gebar sie einen Sohn und ein Jahr später erhielt sie schließlich, unter dem letztgültigen Künstlernamen Yma Sumac, einen Plattenvertrag bei Capitol Records. Dort nahm mit dem Album Voice of the Xtabay ihre Karriere Fahrt auf, sie gab zahlreiche Konzerte in London und Paris und absolvierte weltweite Tourneen.

1955 wurde sie amerikanische Staatsbürgerin. Sie betätigte sich auch als Schauspielern, unter anderem 1957 im Film Das Geheimnis der Inkas neben Charlton Heston, nachdem sie sich als Star in der Musikszene etabliert hatte. Ihre Ehe zu Vivanco wurde geschieden, neu geschlossen und wieder geschieden, zwischendurch gingen die beiden mit einer gemeinsamen Band auf fünfjährige Welttournee.

Sumac blieb für den Rest ihres Lebens musikalisch aktiv, ihre umfangreiche Stimme und die markant folkloristischen Stücke finden sich auch heute noch regelmäßig in der Popkultur. 83jährig erhielt sie den Orden del Sol vom peruanischen Staat. 2008 starb sie 85jährig in Los Angeles.

 

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15. September 1977: Chimamanda Ngozi Adichie

Adichie wurde als fünftes von sechs Kindern eines nigerianischen Mathematikprofessors und der ersten weiblichen Registratorin an der Universität von Nigeria geboren. Sie begann ein Medizin- und Pharmaziestudium in Nsukka, an der Universität ihrer Eltern, arbeitete zu dieser Zeit aber bereits als Redakteurin eines Magazins. Mit 19 Jahren ging sie für das Studium der Kommunikations- und Politikwissenschaften in die USA, zunächst in Philadelphia, später in Willimantic, Connecticut, wo sie ihrer Schwester näher war, die in Coventry als Ärztin arbeitete.

Als Afrikanerin in Afrika aufgewachsen, war es ihr fremd, aufgrund ihrer Hautfarbe anders behandelt und beurteilt zu werden. Diese Erfahrung machte sie nun in den USA, wo z. B. ihre Zimmergenossin im Wohnheim sich wunderte, wie gut Adichie Englisch sprach und dass sie keine afrikanische Volksmusik hörte. Nachdem Adichie einen Master-Abschluss in Kreativem Schreiben gemacht hatte, begann sie zu schreiben und unter anderem diese Erfahrungen darin zu verarbeiten.

Seit 2002 hat Adichie mehrere Romane, Kurzgeschichten und Essays geschrieben und unzählige Nominierungen und Preise erhalten. Bekannt wurde sie einerseits mit ihrem TEDTalk „The danger of a single story (englischer YouTube-Clip), worin sie über die Gefahr spricht, andere Menschen und Kulturen nur über den einen Aspekt ihrer Geschichte zu verstehen, sich nur aufgrund dieses Aspekts sich ein Bild vom ganzen Menschen oder der ganzen Kultur zu machen. Sie parallelisiert ihre eigene Erfahrung mit der Wahrnehmung des afrikanischen Kontinents in der restlichen Welt: Ihre Familie hatte einen Pagen, von dem sie in ihrer Kindheit nur wusste, dass er und seine Familie arm waren. Das war das Bild, das sie sich von ihnen machte; als ihre Familie einmal den Pagen und seine Familie in dessen Heimat besuchten, war sie daher überrascht festzustellen, dass die Familie Körbe flocht – also etwas herstellte, nicht „nur“ arm, also passiv und arm war. Ebenso ergeht es dem afrikanischen Kontinent und Afrikanern in der Wahrnehmung der restlichen Welt: Der Gedanke an Afrika ist so eng verbunden mit den Bildern von hungernden Menschen, dass es oftmals für Überraschung sorgt, wenn sich herausstellt, dass Menschen in Afrika nicht alle arm sind – und die, die es sind, nicht nur arm sind –, sondern auch eine moderne Kultur pflegen und auch den Kulturen anderer Länder folgen können.

Ein anderer TEDTalk von ihr ist „Why we should all be feminists“ (englischer YouTube-Clip), in dem sie über ihre Erfahrung speziell als afrikanische Feministin spricht.

Adichie lebt in Nigeria und den Vereinigten Staaten, wo sie Kreatives Schreiben unterrichtet. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter, und hält Ehrendoktortitel an zwei Universitäten.

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21. September 1902: Toyen

Die tschechische surrealistische Künstlerin studierte zunächst bis 1920 in Prag und ging dann nach Paris, wo sie mit Jindrich Štyrsky einen Vorläufer der Informel-Stilrichtung schuf, den Artifizialismus. Sie zeichnete und malte oft erotische Motive; nachdem sie André Breton und den Surrealismus kennenlernte, gründete sie mit anderen tschechischen Künstlern die Tschechische Surrealisten Gruppe.

Während des Zweiten Weltkrieges galt ihre Kunst als „entartet“ und sie lebte im Untergrund, wobei sie ihrem jüdischen Partner auch Unterschlupf gewährte. Die beiden gingen 1947 gemeinsam nach Paris. Dort lebte sie bis 1980.

Toyen wurde als Frau geboren, würde sich heute jedoch wahrscheinlich als non-binär (enby) identifizieren, da sie sich nicht in binäre Genderrollen einfügte und sich auch mit männlichen Pronomen ansprechen ließ.

Toyen Google-Ergebnisse

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25. September 1799: Luisa Cáceres de Arismendi

Die venezolanische Volksheldin wurde als Tochter eines kanarisch-stämmigen Intellektuellen in Caracas geboren. Während ihrer Kindheit usurpierte Napoleon Spanien und setzte seinen Bruder als König ein. Das spanische Volk im Land und in den Kolonien rebellierte; in Venezuela sahen die Kolonisten die Schwächung des Heimatstaats als Chance, ihre Unabhängigkeit zu erringen.

In den folgenden Kämpfen um die Herrschaft in Venezuela geriet die Familie Cáceres in die Kriegswirren. Ihr Vater wurde von Royalisten ermordet, ihr Bruderschloss sich einer Befreiungsaktion inhafterter Freiheitskämpfer an, wurde festgenommen und exekutiert. General Juan Arismendi, einer der Führer der republikanischen Revolution, verliebte sich (39jährig) in die 15jährige und bot ihrer verbleibenden Familie Unterkunft und Verpflegung auf der Isla Margarita. Dort heirateten die beiden schließlich. Juan Arismendi wurde als vorläufiger Gouverneur der Isla Margarita eingesetzt, musste jedoch vor den spanischen Truppen in die Berge fliehen. Daraufhin wurde Luisa mit 16 Jahren inhaftiert, um ihren Mann aus seinem Versteck zu locken oder die zur Preisgabe seines Aufenthaltsortes zu zwingen.

Die junge Schwangere wurde unter übelsten Bedingungen gefangengehalten und misshandelt. Sie lag in einer dunklen Zelle bei schlechter Ernährung und bewegte sich möglichst wenig, um ihre Kerkerwärter nicht auf sich aufmerksam zu machen. Ein Priester erbarmte sich ihrer schließlich und brachte ihr Licht und bessere Nahrung. Mit 17 Jahren brachte sie in der Gefangenschaft ein Kind zur Welt, dass aufgrund ihrer schlechten Lage während der Schwangerschaft kurz nach der Geburt verstarb. Nichtsdestotrotz blieb Luisa standhafte venezolanische Freiheitskämpferin und verriet nicht, wo sich ihr Mann aufhielt.

Sie wurde nacheinander in zwei andere Gefängnisse verlegt, blieb jedoch über diese ganze Zeit abgeschnitten von ihrer Familie. Als die republikanische Armee schließlich die Oberhand in Venezuela gewann, ließen ihre spanischen Geiselnehmer sie nach Cadiz in Spanien senden. Auf der Seereise dorthin erlitt sie Schiffbruch und strandete auf den Azoren; Anfang des Jahres 1817 erreichte sie endlich Cadiz und wurde dem dortigen andalusischen General vorgeführt. Dieser stimmte den Bestimmungen seiner südamerikanischen Kollegen nicht zu und setzte Luisa nur unter Hausarrest, mit einer Pension und unter der Obhut eines Arztes und dessen Frau. Sie blieb dort etwas mehr als ein Jahr, während dessen sie sich weigerte, ein Dokument zu unterzeichnen, in dem sie ihre Loyalität gegenüber dem spanischen König erklären sollte.

1818 gelang ihr mit Hilfe zweier Freunde die Flucht über den Atlantik. So kam sie schließlich 1819 über Philadelphia wieder auf die Isla Margarita und wurde mit ihrem Mann wiedervereint. Sie lebte den Rest ihres Lebens in Caracas und bekam noch elf Kinder. Als Nationalheldin gefeiert, findet sich ihr Abbild seit 2008 auf dem 20-Bs-F-Schein.

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30. September 1890: Higashiyama Chieko

Die japanische Schauspielerin möchte ich erwähnen, weil sie eine Hauptrolle im bekanntesten Film des japanischen Regisseurs Yasujirō Ozu spielt: Die Reise nach Tokyo. Die japanische Filmkultur ist noch voller Wunder und Juwelen.