Schlagwort: frauenfiguren

43/2019: Doris Lessing, 22. Oktober 1919

Von Doris Lessing habe ich bisher nur Das fünfte Kind gelesen – und das lange vor der Zeit, zu der ich selbst Mutterschaft in Erwägung gezogen habe.

Meiner Ansicht nach setzt sich dieser Roman mit dem Folgenden auseinander: Mit den Ängsten der schwangeren Person, welche Persönlichkeit im eigenen Leib heranwächst, und auch den Schuldgefühlen, welchen Einfluss gerade diese Ängste und Befindlichkeiten auf diese doch ursprünglich unschuldige Persönlichkeit haben. Mit der Frage danach, ob Menschen tatsächlich als tabula rasa auf die Welt kommen oder „das Böse“ in ihnen, das Ausmaß eines möglichen antisozialen Wesens, vielleicht doch schon von der Biologie angelegt ist. Auch mit der Frage, wie sich Eltern gegenüber „schwierigen“ Kindern verhalten können, müssen oder sollten. Und: Mit dem gesellschaftlichen Tabu fehlender „instinktiver“ Mutterliebe.

Das sind allerdings alles nur kurze, notizenhafte Gedanken, da die Lektüre einerseits wie gesagt schon eine Weile zurückliegt und ich immer noch wenig Zeit habe (siehe Beitrag letzte Woche).

42/2019: Anita O’Day, 18. Oktober 1919

Aufgrund vorsehbarer (Herbstferien) und unvorhergesehener Ereignisse (gegebenenfalls später mehr) diese Woche nur etwas Musik von Anita O’Day. Biografie bitte bei Wikipedia lesen, Hörproben unten!

Anita O’Day: Fly me to the moon
Anita O’Day: Honeysuckle Rose
Anita O’Day beim Newport Jazz Festival 1958

sissi am strand

Kaiserin Elisabeth mit Nordsee-Blick
Inschrift

41/2019: Carolee Schneemann, 12. Oktober 1939

Die New Yorker Künstlerin Carolee Schneemann setzte sich schon im College mit der unterschiedlichen wechselseitigen Wahrnehmung des männlichen und weiblichen Körpers auseinander. Vor allem die unterschiedliche Wertung der weiblichen Eigenwahrnehmung und -betrachtung durchzieht als Thema ihre Werke: Wie der weibliche Körper als Objekt (männlicher) künstlerischer Betrachtung geschätzt, aber als Subjekt der (weiblichen) künstlerischen Wahrnehmung verpönt ist – diese Diskrepanz begegnete ihr in ihrer Ausbildung und wurde zu einem Thema ihres Schaffens. (In diesem Artikel vom Observer wird dieser Sexismus der Kunst anhand eines Memes sehr schön dargestellt; die darin erwähnte Analyse von John Berger – Ways of Seeing, Episode 2 – habe ich auch gefunden und empfehle die Sichtung!)

„Eine Malerin, die Leinwand verlassen habe, um den Raum der Gegenwart und gelebte Zeit zu aktivieren“ (Quelle: Wikipedia) nannte Schneemann sich selbst. Der Wikipedia-Eintrag ist ausführlich und lädt zu einer weiteren Beschäftigung mit ihrer Kunst (und der ihrer Kollaborateure und Beeinflusser) ein. Ich möchte mich auf nur vier Werke beschränken, die mich persönlich besonders interessieren oder berühren.

Fuses (explizit) ist eine filmische Collage, in der Schneemann Bilder ihrer selbst und ihres damaligen Partners James Tenney nackt und bei sexuellen Handlungen, in nicht-chronologischem Schnitt und mit künstlerischer, analoger Bildbearbeitung – immer wieder erscheint auch ihre Katze wie ein neutraler Beobachter des Gezeigten. Angestoßen zur filmischen Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper in der Kunst und beim Sex wurde Schneemann von Stan Brakhage und dessen Window Water Baby Moving (explizit), welcher künstlerisch bearbeitet eine Geburt zeigt. Mit Fuses setzte sich Schneemann mit der Frage auseinander, ob die Darstellung des eigenen sexuellen Aktes sich von Prongraphie und klassischer Kunst unterscheidet. Obwohl das Video nicht ausgesprochen „pornographisch“ ist, wurden ihr Zügellosigkeit und narzisstischer Exhibitionismus vorgeworfen. Schneemann selbst merkte an, dass die künstlerische Bearbeitung für viele Betrachter hinter dem expliziten sexuellen Inhalt zurücktritt.

Ein Malerei-Happening, bei dem sich Schneemann in ein Geschirr hängte, um sie umgebende Wände mit Wachsmalstiften zu bemalen, ist Up to and Including Her Limits. Auch hier die Beschäftigung mit den Begrenzungen und Beschränkungen des weiblichen Körpers in der Kunst.

Von Interior Scroll gab es zwei Ausgaben. Eine erste fand auf einer Kunstausstellung namens Women Here and Now statt, zu Ehren des Jahres der Frau der Vereinten Nationen 1975. Schneemann stand unbekleidet bis auf ein Tuch und eine Schürze auf einem Tisch und las aus ihrem Buch Cézanne, she was a great painter, während sie wechselnde Posen einnahm, wie sie in Übungsklassen zum Aktzeichnen üblich sind. Nachdem sie die Schürze ausgezogen hatte, zog sie eine fortlaufende Papierrolle aus ihrer Vagina, von der sie einen Text vorlas, der aus einem ihrer Experimentalfilme stammte. Sie wiederholte diese Performance zwei Jahre später auf einem Filmfestival, zu dem Brakhage sie eingeladen hatte, namens The Erotic Woman. Aus Protest gegen diesen eingrenzenden Titel verlas dieses Mal von der Papierrolle eine Unterhaltung mit einem ungenannt bleibenden Filmkritiker (welchen sie später als die Filmkritikerin Annette Michelson enttarnte), in welcher sie für ihre „weibliche“ Kunst kritisiert wird. Sie wollte mit dieser Performance „die unsichtbare, marginalisierte und zutiefst unterdrückte Geschichte der Vulva [physikalisieren], diese mächtige Quelle des orgasmischen Vergnügens, der Geburten, der Transformation, der Mesntruation, der Mutterschaft, um zu zeigen, dass sie kein toter, unsichtbarer Ort ist“. (Quelle: Hyperallergic.com, Forty Years of Carolee Schneemann’s „Interior Scroll“)

Eine Variation dieser Veräußerung des vaginalen Inneren ist übrigens Casey Jenkins‘ Casting Of My Womb.

Mit einem jüngeren Werk stieß Schneemann wiederum auf Sensibilität: Die Bilder von Terminal Velocity entstanden wenige Monate nach dem 11. September 2001. Schneemann scannte Zeitungsfotos von neun Menschen, die aus dem World Trade Center in den Tod sprangen, und zoomte mit digitaler Technik soweit in die Bilder, dass diese als Individuen in einer verzweifelten Situation begreifbar wurden. Kritik erntete sie dafür aufgrund der Möglichkeit, dass diese Personen auf den Bildern von ihren Angehörigen erkannt werden könnten und damit Leid verursacht würde.

Carolee Schneemann starb am 6. März dieses Jahres. Deutschlandfunk Kultur führte anlässlich ihres Todes ein Interview mit Sabine Breitwieser, die Schneemanns Kunst 2015 für das Museum der Moderne in Salzburg kuratierte.

40/2019: Brie Larson, 1. Oktober 1989

Brie Larson spielte in den frühen 2000er Jahren diverse kleinere Rollen in Filmen und Fernsehserien. Von 2009 bis 2011 spielte sie Toni Colettes Teenager-Tochter in der Serie Taras Welten (die ich bei der Recherche für diesen Beitrag gerade für mich bei unserem Streaming-Anbieter gefunden und sehr empfehlen möchte; Toni Colette gehört sowieso seit Muriels Hochzeit zu den Frauen*, die ich sehr verehre), 2010 in Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt (auch eine Empfehlung von mir), für ihre Rolle in Raum gewann sie 2016 mit 27 Jahren den Golden Globe und einen Oscar als beste Schauspielerin.

Im gleichen Jahr wurde bereits bekannt gegeben, dass sie die Rolle der Captain Marvel im gleichnamigen Film im Marvel Cineamatic Universe (MCU) spielen sollte. Als der 21. Film – und drittletzten der „dritten Phase“ der Infinity Saga um die Avengers, Thanos und die Infinity Stones – war dies der erste Film im Marvel-Universum, der sich allein um eine weibliche Superheldin dreht – und auch der erste, bei dem eine Frau an der Regie beteiligt war. Überhaupt soll es den Verantwortlichen (und Profitierenden) darum gegangen sein, möglichst viele prominente Positionen mit Frauen zu besetzen. Besser spät als nie, auch wenn dies durchaus den Unkern Recht zu geben scheint, dass Feminismus gerade eine Modeerscheinung sei.

Ich habe Captain Marvel noch nicht gesehen, habe es aber unbedingt vor. Der Nerd in mir interessiert sich auch für die Geschichte der Comicfigur – insbesondere für den Sandkasten-Streit zwischen DC und Marvel, der sich um Captain Marvell und Shazam dreht. Die von Larson dargestellte menschliche Erscheinungsfrom Captain Marvels, Carol Danvers, war bereits zu dem Zeitpunkt, als sie die Heldin der Comics wurde, nämlich in den 1970er Jahren, eindeutig eine Feministin, was sich einmal am Titel Ms. Marvel erkennen ließ wie auch daran, dass Carol Danvers in ihrer menschlichen Form für gleichen Lohn bei gleicher Arbeit eintrat.

Dennoch unterlag selbstverständlich auch Captain Marvel, wie alle Filme, in denen in jüngerer Zeit Frauen* als Action-Held:innen auftreten durften, den apoplektischen Attacken diverser vermeintlicher „wahren Fans“ und MRAs (sowie deren Anhänger). Damit hat es den meiner Meinung besten und wichtigsten Test aller feminstischen Film-Tests bestanden, nämlich den Furiosa-Test: Regen sich Männer im Internet darüber auf, dass der Film feministisch sei? Brie Larson reagierte selbst souverän auf diverse Beschwerden über sie und ihre Darstellung der mächtigsten Avenger-Figur. Eine eingehende Analyse des Films als feministische Anfeuerung liefert dieser Artikel in der Independent. Und auch meiner Kollegin im Filmlöwin-Rudel, Sophie Brakemeier, gefiel Captain Marvel. Von Brie Larsons erster Regie-Arbeit Unicorn Store war sie allerdings eher enttäuscht.

Die Frauenleserin fragt

und ich antworte. Kerstin Herbert liest und bespricht auf ihrem wunderbaren Blog Bücher von und über Frauen. Vor kurzem ist sie auf meine frauenfiguren gestoßen und hat mir daraufhin einige wirklich sehr schöne und interessante Fragen gestellt, die ich gerne nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet habe!

39/2019: Elisabet Boehm, 27. September 1859

Elisabet Boehm kam in Ostpreußen zur Welt, der Region, deren nördlicher Teil heute zu Litauen, der südliche zu Polen gehört, rund um die russische Exklave Oblast Kaliningrad, früher Königsberg. Ihr Vater war Gutspächter und Reichstagsabgeordneter; mit 21 Jahren heiratete Elisabet Gustav Boehm. Nach einer Kindheit auf dem Land und 18 Jahren Ehe mit einem Gutsbesitzer gründete sie 1898 mit 15 Frauen* den ersten landwirtschaftlichen Hausfrauenverein in Garbno (dt. Lamgarben), ihrem heimatlicher Weiler nahe ihrer Geburtsstadt Ketrzyn (dt. Rastenburg).

Die Beweggründe dafür waren fortschrittliche: Sie wollte die weibliche* Einflussnahme in der Landwirtschaft organisieren, den Frauen Zugang zu Bildung verschaffen und so ihre Lebens- und Arbeitsverhältnisse verbessern. Auch eine höhere Anerkennung der haushaltlichen Tätigkeiten der Frauen* als Arbeit, ihrer Leistungen als Mütter und Mitarbeitende im landwirtschaftlichen Betrieb gehörte zu ihren Zielen.

Offensichtlich traf sie mit ihrem Bestreben nach Vernetzung und politischer Teilhabe den Nerv der Zeit, bei vielen Frauen in ähnlicher Lage wie sie. 1905 wurde sie Vorsitzende des ostpreußischen Landesverbands, 11 Jahre später übernahm Boehm die Leitung des Reichsverbands landwirtschaftlicher Hausfrauenvereine (nicht zu verwechseln mit dem Reichsverband deutscher Hausfrauen!), der bis zum Jahr 1933 auf 25 Landes- und Provinzialverbände mit an die 2.500 Kreis- und Ortsvereinen angewachsen war. Der Verein betrieb das eigene Presseorgan „Land und Frau“, Elisabet Boehm arbeitete mehrere Jahre an der Fachzeitschrift „Die deutsche Frauenarbeit“ mit. Als die Organisation 1934 von der NSDAP in den Reichsnährstand eingegliedert wurde, belief sich die Mitgliederzahl auf über 100.000 Mitglieder.

Elisabet Boehm starb mit 84 in Halle. Nach dem Zweiten Weltkrieg formten sich bereits 1947 die ersten Landfrauenverein neu. Im Oktober 1948 wurde dann der bis heute bestehende und aktive Deutsche LandFrauenverband (dlv) gegründet. Er besteht aus 22 Landesverbänden mit etwa 500.000 Frauen in den kleineren Kreis- und Ortsvereinen. Von der ursprünglich angesprochenen Bäuerin hat sich die aktuelle Mitgliederstruktur auf vielseitige Berufsfelder ausgebreitet; die Zielsetzung, berufsständische Interessen vertreten zu sehen, die soziale, wirtschaftliche und rechtliche Situation von Frauen zu verbessern und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie voranzutreiben ist den vernetzten Frauen gemein.

Ähnlich wie der DHB ist der dlv ein Beispiel für das nachvollziehbare Bedürfnis von Frauen Teil eines Berufsstände übergreifenden Netzwerkes zu sein und die Möglichkeit gesellschaftlicher und politischer Teilhabe zu schaffen. Elisabet Boehm – die sich auch dafür einsetzte, dass Frauen in den Landwirtschaftskammern wählen und gewählt werden konnten – hörte schon vor 1900 den inneren Ruf „Bildet Banden!“ Sicher weniger aufgrund einer biologischen Neigung der Frauen* zu sozialer Aktivität als in der sozialen Isolation begründet, in die ein patriachalisches System viele Frauen* zwingt, wusste sie, dass wir in der Gemeinschaft und Solidarität unsere Stärken entfalten können.

38/2019: Henriette Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel, 19. September 1669

Die gute Henriette Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel dient mir diese Woche als freundliche Erinnerung daran, dass wir als Menschen fehlbar sind. Ich stelle sie ohne Häme vor, schlicht als Beispiel dafür, dass auch diejenigen, die unter den besten Voraussetzungen anfangen und sich unter dem Schutz einflussreicher Persönlichkeiten selbst zu einflussreichen Persönlichkeiten entwickeln, menschliche Schwächen haben. Dass auch diese Personen, die politisch und wirtschaftlich planvoll agieren, gleichzeitig privat nach begehrlichen Impulsen handeln und sich damit selbst ein Bein stellen können.

Die Tochter des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel bekam bereits mit 12 Jahren den Unterhalt für Kanonissen des Reichsstift Gandersheim. Sechs Jahre später wurde sie offiziell in das Amt der Kanonissin eingeführt, sie lebte allerdings nicht im Stift. Als fünf weitere Jahre später die Äbtissin Christina zu Mecklenburg starb, wurde dank der Einflussnahme ihres Vaters Henriette Christine zu deren Nachfolgerin gewählt.

Die Positionierung seiner Tochter als Führung der kirchlichen Einrichtung hatte für den Herzog diverse Vorteile. Henriette verfolgte die Interessen ihres Vaters im Amt, traf jedoch auch einige Entscheidungen, die das Stift, dem sie nun vorstand, in Ansehen und Ertrag wesentlich voranbrachte. Religiös war sie wie ihr Vater zunächst Anhängerin des Pietismus, doch möglicherweise weil es sich politisch als sinnvoll erwies, wandte er – und sie ebenfalls – sich dem Katholizismus zu.

Henriette Christine war als Äbtissin des Stiftes ausgesprochen erfolgreich, bis ihr die menschliche Natur dazwischen kam. 1712, mit 42 Jahren, gebar sie überraschend einen Sohn, wohl gezeugt vom ehemaligen Hofrat ihres Vaters, der im Stift zunächst als Stiftshauptmann und schließlich als Abteihofmeister angestellt war. Zwar stand sie einem „kaiserlich freien weltlichen Reichsstift“ vor – war also keine Nonne oder klösterlichen Regeln unterworfen – aber gemäß der Anforderung an Stiftsdamen war sie selbstverständlich unverheiratet. Die Geburt eines Kindes als Beweis für einen unehelich vollführten Zeugungsakt war also nichtsdestotrotz ein Skandal.

Henriette Christine musste nach Bekanntwerden ihres Fehltritts als Äbtissin zurücktreten. Sie konvertierte vollständig zum Katholizismus und ging in ein katholisches Stift in Roermond, wo sie den Rest ihres Lebens als einfache Stiftsdame verbrachte. Sie starb dort mit 83 Jahren.

Der Vater des Kindes ging nach Sachsen ins Exil. Was aus dem Jungen wurde, ist unbekannt.

37/2019: Greta Klingsberg, 11. September 1929

Greta Klingsberg wurde in Wien geboren und von dort mit 13 Jahren, im Jahr 1942, von den Nationalsozialisten in das KZ Ghetto Theresienstadt deportiert. In Theresienstadt spielte sie bis zu ihrer Deportation in das KZ Auschwitz die Hauptrolle in der Kinder-Oper Brundibár.

Diese Oper war ursprünglich 1938 für einen Wettbewerb der tschechoslowakischen Regierung entstanden, das Libretto stammte von Adolf Hoffmeister, der nach der Besetzung der Tschechoslowakei 1939 ins Exil ging. Der Komponist Hans Krása konnte bei seiner Deportation nach Theresienstadt den Klavierauszug retten und schrieb von dieser ausgehend die gesamte Partitur erneut nieder. Nach den zwei heimlichen Aufführungen in einem jüdischen Waisenhaus in Prag 1941 wurde Brundibár am 23. September 1943 zum ersten Mal im KZ Theresienstadt aufgeführt und im Anschluss weitere 55 Male gespielt. Während Musik und die Geschichte um einen bösen Leierkastenmann, der durch den gemeinschaftlichen Einsatz mehrerer Kinder vertrieben werden kann, den Kindern im Ghetto wohl etwas Heiterkeit und Hoffnung gab, waren die Bedingungen schwierig: Regelmäßig wurden bisherige Darsteller und Mitwirkende in andere Konzentrationslager deportiert, wo die meisten von ihnen ermordet wurden. Auch Hans Krása starb in 1944 in Auschwitz.

Besonders perfide ist die Verwendung einiger Aufnahmen der Kinderoper im Film Theresienstadt. Dieser wurde – wahrscheinlich, um im Ausland den Massenmord und die unmenschlichen Lebensverhältnisse in den Ghettos und Lagern zu verschleiern – von August bis September 1944 im Ghetto Theresienstadt gedreht. Eine Delegation der dänischen Regierung und des internationalen Roten Kreuzes hatten zuvor das Ghetto besucht, wofür schon tausende der Bewohner in andere Vernichtungslager verbracht wurden und eine Fassade humaner Zuständer geschaffen worden war. Einige Einblicke in den Propaganda-Film gibt der SpOn Artikel darüber.

Auch die Mitwirkenden des Films Theresienstadt, darunter Regisseur Kurt Gerron und einige prominente Bewohner der Ghettos, wurden nach Abschluss der Dreharbeiten zu ihrer Ermordung nach Auschwitz gebracht. Von den Darsteller:innen aus Brundibár überlebte neben Greta Klingsberg noch Ela Stein-Weissberger, die die Katze im Stück spielte.

Klingsberg wurde ebenfalls nach Auschwitz deportiert, kam von dort jedoch über das KZ Flossenbürg (dort war sie im Außenlager Oederan in Zwangsarbeit tätig) wieder nach Theresienstadt. Nachdem Theresienstadt durch die Alliierten befreit worden war, ging sie über London nach Jerusalem, wo sie Gesang studierte und bis heute lebt. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg übersetzte sie das Libretto von Brundibár ins Hebräische.

36/2019: Charline Arthur, 2. September 1929

Charline Arthur feierte in den 1950ern in den USA ein paar Jahre Erfolge als Musikerin im Honky Tonk, einer Unterart der Country-Musik und Vorläufer des Rockabilly und Rock’n’Roll. Sie begann ihre Karriere nach einer Kindheit in Paris, Texas, mit 15 Jahren, nachdem sie einen Talentwettbewerb gewonnen hatte. Sie tourte zunächst mit einer medicine show, heiratete den Bassisten der Band, der sie später auch managte, und nahm 1950 ihre erste Schallplatte auf. Anschließend arbeitete sie kurzzeitig als Radio-DJ, bis sie Colonel Tom Parker entdeckt wurde, der fünf Jahre später auch Elvis Karriere maßgeblich antrieb.

Parker holte sie nach Nashville, wo sie bei RCA unter Vertrag genommen wurde. Am Höhepunkt ihrer Karriere 1955 tourte sie mit Elvis Presley, Johnny Cash, Jerry Lee Lewis und anderen, hatte zahlreiche Auftritte in Texas und in Radiosendern der benachbarten Staaten. Ein Auftritt bei Grand Ole Opry, der langlebigsten Radiosendung der US-Rundfunkgeschichte, gilt darunter als besondere Auszeichnung.

Bereits das Jahr darauf war von Trennungen geprägt. Ihr Produzenten in Nashville fanden sie „zu schwierig“, sie selbst ließ sich von ihrem Mann scheiden. Ihre Platten verkauften sich nicht gut und sie passte nicht in das Rollenschema, das in der Country-Musik für Frauen vorgesehen war. Sie trug Hosenanzüge statt Kleider, ihre eigenen Lieder – die eigentlich am erfolgreichsten waren – verstießen mit Anzüglichkeiten gegen den „guten Ton“, bei Live-Auftritten verhielt sie sich, wie es bei ihren männlichen Nachfolgern bejubelt wurde: Sie schwang „unverschämt“ die Hüften und sprang wild über die Bühne. Zwei Historiker, die sich mit ihr befassten, schrieben dazu: „Arthur kämpfte um das Recht, die erste wirklich aggressive, unabhängige Frau der Country-Musik der Nachkriegszeit zu werden. Letztendlich hat sie verloren.“

Sie machte noch einen Versuch in einer Band mit zwei ihrer Schwestern, doch der Erfolg blieb aus. Nach einem kurzen Abstecher nach Salt Lake City verhalf ihr ein Fan zu einem regelmäßigen Engagement in Idaho. Dort spielte sie bis in die Mitte der 1960er, dann spielte sie einige Zeit an der Westküste der USA. 1978 kehrte sie nach Idaho zurück und lebte dort bis zum ihrem Tod von einer kleinen Invaliditätsrente, da sie an Arthritis litt. 1986 brachte das deutsche Label Bear Family Records eine Kompliation ihrer Aufnahmen der Jahre zwischen 1949 und 1957 heraus, über die sie sich gerührt zeigte. Ein Jahr später verstarb sie 58-jährig eines natürlichen Todes.

Seit den 1990er Jahren stieg das Interesse an ihr als einer weiblichen Vorgängerin der großen Rock’n’Roll- und Rockabilly-Stars, die in ihrer künstlerischen Expressivität eingeschränkt und der Konsequenz vergessen wurde.