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28/2019: Suzanne Vega, 11. Juli 1959

Suzanne Vega hatte mit zwei Songs ihres zweiten Albums 1987 großen Erfolg: Das eine ein Lied, erzählend aus der Sicht eines misshandelten Kindes, das bei vielen Opfern häuslicher Gewalt Resonanz fand. Das zweite eine merkwürdig eingängige Melodie, komplett in a capella gesungen, das eine alltägliche Sitation in einem Restaurant in New York beschreibt: Tom’s Diner.

Dieses Lied wurde später in einem Remix mit elektrischen Beats und Synthesizerklängen unterlegt zum ersten gesamtdeutschen Nummer-1-Hit – in dieser Version löste es Matthias Reims Verdammt ich lieb Dich ab und hielt sich fast vier Wochen auf dem Spitzenplatz.

Viel interessanter ist die Rolle der A-Capella-Version jedoch in der Geschichte der elektronischen Datenformate. Schon Anfang der 1980er Jahre hatten Wissenschaftler am Fraunhofer IIS in Erlangen sowie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Nürnberg an der Entwicklung eines reinen Ton-Datenformats gearbeitet. 1992 wurde das MPEG3 oder mp3 als Teil des MPEG-1-Standards festgeschrieben. Es handelt sich dabei um Verfahren der Datenkompression, um etwa Filme oder eben Tondateien auf speicherbare Dateigrößen zu bringen. MPEG-1 ist das älteste und qualitativ niedrigste Dateiformat, speicherbar auf etwas, was sich Video-CD nannte; MPEG-2 ist das Dateiformat für Videomaterial auf DVDs. MPEG-3 oder mp3 sind im Prinzip die Ton-Anteile dieser beiden Formate als separate Datei.

Bei der Entwicklung der besten Kompression von Tondateien – also dem Verfahren, die Dateigröße möglichst niedrig zu halten bei einer möglichst hohen Qualität des Tones – stieß der Elektrotechnik-Ingenieur Karlheinz Brandenburg in einer Fachzeitung für Hi-Fi-Technik auf die Tatsache, dass das Lied Tom’s Diner von Tontechnikern zum Testen von Musik- und Lautsprecheranlagen verwendeten. Er übernahm den Song also auch dafür, an den Algorithmen seines Kompressionsverfahrens zu arbeiten. Aufgrund dieser Anekdote wird Suzanne Vega daher auch als ‚Mutter des mp3‘ bezeichnet.

In diesem Podcast von Grünes Glück erzählt sie, wie sie selbst nur durch Zufall von ihrem Titel erfuhr.

27/2019: Karla König, 3. Juli 1889

Die im damals preußischen Stettin geborene Karla König entstammte einer Journalistenfamilie und trat in die Fußstapfen ihres Vaters und Großvaters. Sie arbeitete als Pressereferentin und Ressortleiterin Feuilleton in Pommern, bevor sie mit 38 Jahren begann, als freie Schriftstellerin zu arbeiten. Ihre Heimatregion war Hauptthema ihrer Gedichte und Bücher.

Im Zweiten Weltkrieg wurden viele ihrer bisherigen Arbeiten, vor allem aber ihre unveröffentlichten Manuskripte vernichtet; als Stettin nach dem Krieg polnisch wurde, ging sie in die sowjetisch besetzten Gebiete der jungen deutschen Republik. Zunächst in Ueckermünde und Stralsund, ab 1947 in Schwerin beteiligte sie sich am Aufbau der Kulturarbeit, insbesondere im Kulturbund der demokratischen Erneuerung Deutschlands, der sich die antifaschistische Haltung in die Leitsätze schrieb.

In der DDR arbeitete sie wieder als freie Autorin und setzte sich im Deutschen Schriftstellerverband insbesondere für die Förderung junger Autor:innen ein. Für ihren Einsatz erhielt sie die Verdienstmedaille der DDR. Sie starb 74-jährig in Schwerin.

Ihr Nachlass findet sich in der Landesbibliothek Meckklenburg-Vorpommern; der Text, den ich jedoch am liebsten von ihr lesen würde, ist nicht mehr zur Verfügung: 1919 schrieb die frühe Verfechterin des Frauenwahlrechts eine Broschüre mit Namen Wie arbeite ich politisch? Ein parteiloses Wort an die deutsche Frau.

26/2019: Katherine Dunham, 24. Juni 1909

Katherine Dunham
By Carl Van Vechten – This image is available from the United States Library of Congress’s Prints and Photographs divisionunder the digital ID cph.3b46690. This tag does not indicate the copyright status of the attached work. A normal copyright tag is still required. See Commons:Licensing for more information., Public Domain

Leider habe ich für eine Frau wie Katherine Dunham gerade viel zu wenig Zeit. Ich werde mein Bestes tun, ihre volle und vielseitige Biografie so zusammenzufassen, dass es Lust macht, mehr zu erfahren.

An der Tochter eines Afro-Amerikaners mit Vorfahren aus West-Afrika und Madagaskar und einer Franko-Kanadierin mit familiärem Hintergrund in den First Nations ging auch eine Anthropologin verloren. Zwar war das Tanzen von Kindheit an eine Leidenschaft, gründete sie mit 18 Jahren bereits eine Ballettschule für afro-amerikanische Kinder – 1928 war die Segregation sehr lebendig in den USA – und studierte selbst Ballett bei verschiedenen Größen der Kunst; gleichzeitig aber verfolgte sie in ihrem Studium den Tanz vor allem von ethnographischer Seite. Erst 1938, nachdem sie bereits ein Jahr lang für ihre Studien auf Jamaica, Martinique, Trinidad und Tobago sowie Haiti unterwegs gewesen war, eine Arbeit über die Tänze der Haitianer eingereicht und kurz vor ihrer Abschlussprüfung stand, beschloss sie, dass sich doch lieber der aktiven Performance als der wissenschaftlichen Untersuchung widmen wollte. Sie ließ sich zu diesem Zeitpunkt auch von ihrem ersten Mann, einem afro-amerikanischen Postbeamten, scheiden.

Mit dieser Entscheidung startete sie sofort in ihrer Tanzkarriere durch. Nachdem sie bereits als Tänzerin in mehreren Produktionen aufgetreten war, dies aber für ihre Universitätsarbeit unterbrechen musste, brachte sie nun ihre erste eigene Produktion auf die Bühne, L’Ag’Ya, von der sogar noch Bildmaterial vorhanden ist:

Bei dieser Produktion begann ihre Zusammenarbeit mit John Pratt, einem weißen Kanadier, der von dem Zeitpunkt an sämtliche ihrer Kostüme entwarf. Die beiden wurden auch privat ein Paar. In den folgenden zehn Jahren feierte Katherine Dunham zahlreiche Erfolge mit ihrem afro-amerikanischen Ensemble und verschiedenen Produktionen, in denen sie klassisches Ballett mit den Einflüssen karibischer und afrikanischer Kulturen kombinierte. Vom Broadway über Las Vegas bis nach Hollywood füllte Dunham die Säle und trat auch in einigen Filmen auf.

Eine Tanzszene aus Stormy Weather, die auch auf Facebook immer wieder ihre RUnden macht. Einer der wenigen Filme der Ära, in dem Afro-Amerikaner in Hauptrollen auftraten. Katherine Dunham und ihr Tanzensemble sind ebensfalls darin zu sehen (nicht in dieser Szene).

Nachdem 1941 eine Tour beendet war, reiste Dunham mit Pratt nach Mexiko, um dort zu heiraten – „gemischte“ Ehen waren in den USA noch nicht allgemein akzeptiert und tatsächlich galt auch ihre Heiratsurkunde in der Heimat nicht als gültig. Dennoch gaben die beiden stets das Datum von 1941 als ihren Hochzeitstag an. Vollkommen legal auch in den Vereinigten Staaten machten sie ihre Ehe erst acht Jahre später, um die Adoption eines kleinen Mädchens zu ermöglichen, dem einzigen Kind ihrer Ehe.

Von 1948 an tourte Katherine Dunham mit ihrem Ensemble zwanzig Jahre lang rund um die Welt – überall, nur nicht in den USA. Sie entwickelte und verwirklichte stets neue Tanzproduktionen, da sie aber von den Einkünften das gesamte Personal unterhalten und verschicken musste, erlitten sie auch wirtschaftlich schlechte Zeiten. So endete 1960 eine ihrer Tourneen in Wien, das Geld reichte jedoch nicht mehr, um allen Beteiligten die Heimreise zu ermöglichen. Mit einem Fernsehauftritt für den WDR, Karibische Rhythmen, holte Dunham gerade die Gage herein, um ihre Truppe wieder in die USA zu befördern.

Die andauernden Tourneen wurden jedoch durchaus von Aufenthalten in der Heimat unterbrochen. Während dieser gründete sie „nebenbei“ 1945 die Katherine Dunham Dance School in New York. Schüler dieses Studios waren unter anderem Eartha Kitt, die von Anfang an ein Mitglied ihres Ensembles gewesen war, und spätere Filmstars wie James Dean, Gregory Peck, Sydney Poitier und Shirley MacLaine. Sie entwickelte als Pädagogin ihre eigene Technik, die noch heute als Dunham technique bekannt ist, eine Kombination aus Ballett und afrikanisch-karibischen Bewegungsmustern.

Die Strapazen der langen Tourjahre und gleichzeitiger Tätigkeit als Lehrerin kurierte sie 1957 mit einem Jahr in Japan aus, während dessen sie ihre Memoiren schrieb. 1963 wurde sie als Choreographin für die Produktion von Aida mit Leontyne Price an der Metropolitan Opera in New York berufen; sie war die erste Afro-Amerikanerin in dieser Position und verlieh dem Stück, das in Nordafrika spielt, mit ihren Choreographien große Authentizität. Bei der Premiere saß der damalige Präsident der Vereinigten Staaten Lyndon B. Johnson im Publikum, der sie zwei Jahre später zur technischen Kulturberaterin der senegalesischen Regierung ernannte.

Ende der 1960er Jahre gründete sie eine weitere Tanzschule, diese in East St. Louis, einer armen Stadt mit hoher Arbeitslosigkeit, wo sie versuchte, die Jugend mit der Hinleitung zum Tanz vor Kriminalität zu bewahren. Als nach Martin Luther King Jr.s Ermordung die Stadt von Protesten erschüttert wurde, lud sie führende Mitglieder der städtischen Gangs in ihre Schule ein, um ihrer Wut und Frustration mit Trommeln und Tanz Ausdruck zu verleihen. Für diesen mutigen Akt wurde sie zunächst verhaftet, was internationale Empörung hervorrief.

Katherine Dunham war und blieb zeit ihres Lebens aktiv im Kampf gegen Ungerechtigkeit und Diskriminierung. An einem Abend im Oktober 1944, nach einem Auftritt in Louisville, Kentucky – einem der Südstaaten, in denen die Segregation scharf durchgeführt wurde – erhielt sie vom vollständig aus Weißen bestehenden Publikum stehende Ovationen. Dunham erklärte jedoch, sie würden dort nicht noch einmal auftreten, da das Management Menschen wie ihrem Ensemble nicht erlauben würde, auf den gleichen Plätzen zu sitzen. Ihre Truppe hatte insbesondere im Süden der USA des öfteren Schwierigkeiten, aufgrund ihrer Hautfarbe ein Hotel zu finden. Auch während einer Tour 1950 in Brasilien wurde ihnen in einem hochklassigen Hotel in São Paulo der Aufenthelt verwehrt, weil es sich bei ihr und ihrem Ensemble mehrheitlich um Schwarze handelte. Dunham machte diesen Zwischenfall öffentlich und löste eine politische Debatte im Land aus, die zum Afonso-Arinos-Gesetz gegen Rassendiskriminierung führte.

Noch mit 83 Jahren trat Katherine Dunham in Hungerstreik, um auf die Politik der USA im Umgang mit haitianischen Bootsflüchtlingen aufmerksam zu machen. Erst nach 47 Tagen, als der haitianische Präsident selbst sie bat, nicht ihr Leben für dieses Thema aufs Spiel zu setzen, beendete sie ihr Fasten; sie hatte damit bereits die mediale Aufmerksamkeit erlangt.

Dunham lebte neben den USA und Japan auch zeitweise auf Haiti und im Senegal; sie schrieb neben ihrer Lehrtätigkeit im Tanz Bücher und Artikel zur Ethnographie des Tanzes und war seit ihrer Zeit in Europa mit dem Psychoanalytiker und Philosophen Erich Fromm befreundet. Auch mit Harry Belafonte und seiner zweiten Frau Julie war sie als Künstlerin, Bürgerrechtlerin und Mensch eng verbunden. Die „Matriarchin und Mutter des black dance“ starb 2006, mit 96 Jahren, an Altersschwäche.

Eine guten Eindruck in das „Zeitkolorit“, wie Katherine Dunham und ihr Tanzensemble zum Beispiel im Deutschland der 1950er Jahre wahrgenommen wurden, bietet diese Besprechung der Karibischen Rhapsodie aus dem SpiegelOnline-Archiv – ich möchte eine Inhaltswarnung aussprechen, denn der Text trieft nicht nur auf sprachlicher Ebene vor Rassismus und Sexismus. Die gute alte Zeit eben, als „man“ noch alles sagen durfte.
Einblicke in die Dunham technique gibt ein kurzes Video von 1983, erhalten in der Library of Congress. Im Jahr 2000 war Dunham, ihr Leben, Tanzen und ihre politische Tätigkeit Thema der Titelgeschichte des Dance-Magazins: „One-Woman Revolution Katherine Dunham“. Ein Nachruf zwei Tage nach ihrem Tod in der New York Times würdigt ihren Einfluss auf die amerikanische Kultur und ihr lebenslanges Streben nach Gerechtigkeit für Menschen aller Hautfarben.

Hatte doch mehr Zeit, ist doch länger geworden.

25/2019: Meryl Streep, 22. Juni 1949

Immer wieder bin ich in den letzten Jahren an Meryl Streep vorbeigekommen, immer wieder habe ich gedacht, zu ihr muss ich nicht extra etwas schreiben, die kennen ja alle. Heute wird sie aber 70 und ich habe wahnsinnig viel zu tun.

Sie war 28, als sie in ihrem ersten Kinofilm mitspielte – Julia, ein Film über eine Frauenfreundschaft vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus, mit Vanessa Redgrave und Jane Fonda in den Hauptrollen. Seitdem hat sie jedes Jahr (ausgenommen 1980 und 2000) mindestens einen Film gedreht. Dabei ist es nicht nur der reine Fleiß, der sie so gut beschäftigt hält: Insgesamt 21 Oscar-Nominierungen hat Meryl Streep auf dem Lebenslauf und damit sage und schreibe neun mehr als Katharine Hepburn, die mit zwölf Nominierungen den zweiten Platz der häufigsten Oscar-Anwärter:innen belegt. Die Hepburn gewann die goldene Statue dafür viermal, Meryl Streep „nur“ dreimal, zuletzt für Die Eiserne Lady.

In dem Bio-Pic über Margaret Thatcher stellte die Charakterdarstellerin ihre schauspielerischen Fähigkeit unter Beweis – ein Aspekt, der dem Film in vielen Rezensionen positiv angerechnet wurde, während die Reaktionen ansonsten gemischt ausfielen. Die menschliche, ja nachsichtige Betrachtung der Iron Lady, die für ihren harten Regierungsstil bekannt war, war nicht von allen gerne gesehen.

Ohne ihre Politik voll und ganz zu kennen und dementsprechend kritisieren oder verteidigen zu wollen, stimme ich Meryl Streep zu, dass ihre Errungenschaft als Frau nicht zu unterschätzen sind. „Sie musste mehr von ihrem eigenen Geschäft und von dem der sie umgebenden Männer verstehen, um niemals hinter die Erwartungen an sie zurückzufallen. Sie konnte niemals Tränen zeigen, denn das wäre eine ganz besondere Seite der Schwäche in einer Frau, und deshalb hatte sie dieses kalte und kontrollierte Auftreten“, erläutert Streep ihre Sicht auf die Politikerin in diesem CNN-Interview.

Im unten verlinkten Clip sprechen Streep und Regisseurin Phyllida Lloyd ausführlich über ihre Sichtweise auf Thatcher und welche Erkenntnisse sie beim Dreh über sie errungen haben.

SpOn verschaffte bei kurz vor Kinostart des Film 2012 einen Überblick über die Reaktionen aus verschiedenen politischen Lagern. Auch die FILMLÖWIN hat damals über den Film geschrieben und war von Meryl Streep begeistert, von der Dramaturgie jedoch unterwältigt.

24/2019: Anita Berber, 10. Juni 1899

Als Anita Berber drei Jahre alt war, ließ sich ihre Mutter, eine Chansonsängerin und Kabarettistin, vom Vater, einem Violinisten mit Professur, scheiden, die Tochter wuchs in Folge dessen bei der gutbürgerlichen Großmutter mütterlicherseits in Dresden auf. Sie besuchte Schulen für höhere Töchter, bis sie mit 15 nach Berlin ging. Ihre Mutter war dort inzwischen fest engagiert und brachte sowohl Tochter wie Mutter in eine Wohngemeinschaft mit ihren zwei unverheirateten Schwestern.

Anita trat bald darauf in die Fußstapfen der Mutter und besuchte Schauspiel- und Tanzunterricht, doch schon nach einem Jahr trennte sie sich von ihrem Tanzlehrer, um ihren eigenen Stil zu kultivieren. 1917, mit 18 Jahren, stand sie bereits als Solotänzerin auf den Varieté-Bühnen der Hauptstadt und avancierte innerhalb von zwei Jahren zum Star. Sie nahm erste Filmrollen an und begann wieder, mit einem Ballettlehrer zu arbeiten. Ihr androgyner Look und verruchter Stil prägten die Berliner Frauenmode der Weimarer Republik; als erste Frau in Deutschland trug sie einen Smoking, was sie zur Vorreiterin der Lola im Blauen Engel machte. Nach einer ersten Auslandsreise in die Schweiz, Österreich und Ungarn heiratete sie 1919 in Berlin einen wohlhabenden Offizier.

Ob sie einen Versuch machte, ein geregeltes Leben in den Gesellschaftskreisen ihres Ehemannes zu führen, oder diese Verbindung von vorneherein nur der wirtschaftlichen Versorgung dienen sollte – in jedem Fall verließ sie den Mann, um mit einer Frau zusammenzuleben. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, dass sie 1923 in Ungarn einen zweiten Mann, den homosexuellen Sebastian Droste, heiratete – mit diesem trat sie in den skandalumwitterten Tänze des Lasters, des Grauens und der Extase in Wien auf. Nicht nur lebte die Berber offen homo- bzw. bisexuell, sie schlief Quellen zufolge auch unbefangen gegen Geld mit Männern und machte keinen Hehl aus ihren Drogensüchten. Sie stritt laut und gewalttätig mit Schauspielkollegen und anderen, ließ sich mit Droste und allein nackt von Madame d’Ora fotografieren, zu ihren ebenfalls nackt aufgeführten Tänzen brachten die beiden ein Buch mit Gedichten und Bildern heraus, die ihre Choreographien kommentierten. Aufgrund dieses „unmoralischen“ Lebenswandels wurden mehrfach Versuche unternommen, sie des Landes Österreich zu verweisen; schließlich wurde Droste anlässlich von Vertragsstreitigkeiten des Betrugs für schuldig befunden und kurz nach ihm auch die Berber nach Ungarn ausgewiesen. Droste entledigte die Berber ihres Schmucks und wanderte damit nach New York aus.

Doch schon ein Jahr später, 1924 zurück in Berlin, schloss Berber wiederum eine Ehe mit dem homosexuellen amerikanischen Tänzern Henri Châtin Hofmann, der sie verehrte. Berber drehte weiterhin Filme, trat mit Hofmann in Berliner Varietés auf und stand 1925 Otto Dix Modell für sein Bildnis der Tänzerin Anita Berber (1933 wurde dieses wie der gesamte Dix als entartet diffamiert). Ihr immer exzessiver werdender Lebenswandel führte wahrscheinlich zum Bruch mit ihrem Vater; sie ging daraufhin mit Hofman auf eine Tournee im Nahen Osten, doch ihre Gesundheit hatte zu sehr gelitten. Bei einem Auftritt 1927 in Damaskus brach sie zusammen: Ihr Körper hatte aufgrund des jahrelangen Drogenkonsums einer Tuberkulose (CW Link mit Bildern) nichts entgegenzusetzen. Das Paar machte sich auf den Heimweg, doch gingen in Prag die Mittel aus – Hofmann musste Künstlerkollegen und Freunde um Geld bitten, damit die Berber schließlich nach Berlin zurückkehren konnte. Im November 1928, keine 30 Jahre alt, verstarb Anita Berber.

Einen späten Nachruf auf sie schrieb Klaus Mann 1930 in Die Bühne, ein persönlicher, liebevoller Text, der zudem bereits das schwierige Verantwortungsverhältnis zwischen Stars und ihrem Publikum behandelt. Rosa von Praunheim erzählte ihre Lebensgeschichte in Anita – Tänze des Lasters.

23/2019: Virginia Apgar, 7. Juni 1909

Schon als sie ihren High-School-Abschluss machte, wusste Virginia Apgar, dass sie Ärztin werden wollte. Sie belegte am College jedoch zunächst Zoologie mit den Nebenfächern Physiologie und Chemie; nach dem Abschluss in diesen Fächern vier Jahre später begann sie ihr Medizinstudium am der Columbia University College of Physicians and Surgeons. Als sie dort vier weitere Jahre später als viertbeste ihres Jahrgangs das Examen ablegte, war sie – 1933 – eine der ersten Frauen unter den Absolventen dort. Noch einmal vier Jahre als Assistenzärztin verbachte sie am NewYork-Presbyterian Hospital, um danach als Doktorin der Medizin anerkannt zu sein. Obwohl sie in dieser Zeit selbst an die zweitausend Operationen durchgeführt hatte und großes chirurgisches Talent bewies, riet ihr Mentor im Vorstand des Krankenhauses ihr davon ab, eine Karriere als Chirurgin weiterzuverfolgen. Nach seiner Erfahrung konnten Frauen in diesem Berufsfeld nicht Fuß fassen, Apgar selbst konstatierte in offensichtlicher Unkenntnis dessen, was wir heute als internalisierte Misogynie kennen: „Frauen wollen nicht von einer Chirurgin operiert werden. Nur Gott weiß, warum.“ (Quelle: Wikipedia).

Der Rat ihres Mentors war jedoch wohlwollend und legte den Grundstein nicht nur für die erfolgreiche Karriere Virginia Apgars, sondern auch für die Überlebenschancen von neugeborenen Säuglingen. Sie folgte dem Vorschlag, sich der Anästhesiologie zu widmen, die 1935 noch in den Kinderschuhen steckte. Dort könne sie mit ihrer Energie und ihrem Können eine großen Beitrag leisten. So absolvierte Apgar in der ersten anästhesiologischen Abteilung der USA an der University of Wisconsin-Madison ein sechsmonatiges Praktikum und ein nochmals sechs Monate dauerndes Studium zum Thema in einem Krankenhaus in New York. Zum Ende des Jahres 1937 erhielt sie schließlich ihr Zertifikat als Anästhesiologin (Anästhesistin?), als die erste Frau überhaupt.

Gleich im Folgejahr wurde sie Abteilungsleiterin der Anästhesiologie an der Columbia University und begründete dort die Anfänge für dieses neue medizinische Fachgebiet. Bis zu diesem Zeitpunkt war Betäubung in den Operationssälen Sache der Krankenschwestern gewesen, viele Chirurgen taten sich daher anfangs schwer, eine:n gleichwertige:n Kolleg:in im OP zu akzeptieren, der mit anästhesiologischem Expert:innenblick das Wohl der Patient:innen überwachte. Apgar betreute die neugegründete Abteilung als administrative Leiterin, Koordinatorin, Unterrichtende und Personalbeauftragte. In den 1940er Jahren hatte sie große Schwierigkeiten mit den finzanziellen Mitteln wie auch mit der personellen Versorgung, insbesondere nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg. Nach dem Ende des Krieges jedoch kehrten Mediziner mit erneuertem Interesse an den Möglichkeiten schmerzfreier Behandlung in die USA zurück und die Probleme der Abteilung lösten sich. Als 1949 aus der anästhesiologischen Abteilung des medizinischen Fachbereichs ein eigener Fachbereich gemacht wurde, wurde Apgar jedoch nicht die Leitung übertragen, da sie neben der Arbeit, die sie geleistet hatte, nicht auch noch ausreichend Forschungsarbeit betrieben und veröffentlicht hatte. Zur Entschädigung wurde sie zur ersten Professorin der Anästhesiologie ernannt. In dieser Position arbeitete sie bis 1959 an der Columbia University.

Als Anästhesistin war sie auch im Bereich der Geburtshilfe tätig, ihre Forschungsarbeiten als Professorin führte sie an der angeschlossenen Frauenklinik durch. Seit den 1930er Jahren war die Sterblichkeitsrate von Neugeborenen bereits stetig gesunken, doch Apgar stellte fest, dass die Zahl der Säuglingstode innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Geburt weiterhin konstant blieb. Direkt nach dem Verlassen des Mutterleibes wurden die Kinder meist den unerfahrensten Mitarbeitern im Kreißsaal übergeben und Untersuchungs- oder Behandlungsverfahren wie das Befreien der Atemwege waren noch nicht üblich. Virginia Apgar beschäftigte sich mit Methoden, wie Neugeborene gleich in den ersten Lebensminuten auf ihre Gesundheit oder Gefährdung hin untersucht werden könnten, um akute Probleme umgehend zu beheben. Den APGAR-Score, der heute noch in den meisten Kreißsälen der Welt als Ersteinschätzung für den Gesundheitszustand von Säuglingen üblich ist, entwickelte sie einer Anekdote zufolge halbwegs spontan auf die Frage eines Assistenten hin, wie systematisch und schnell der Zustand eines Neugeborenen beurteilt werden könnte. Sie richtete sich nach den gleichen Faktoren, anhand derer Anästhesist:innen den Gesundheitszustand ihrer betäubten Patient:innen beurteilten: Herzfrequenz, Atmung, Muskeltonus, Reflexantwort auf Stimulation und Hautfarbe. Im Deutschen hat sich das folgende Backronym aus dem Namen der Erfinderin ergeben:

Atmung
Puls
Grundtonus
Aussehen
Reflexe

Für jeden dieser Faktoren können von null bis zwei Punkte vergeben werden, bis zu einem APGAR-Score von zehn Punkten; ein fehlender Punkt wird meist für die anfängliche, aber nicht gefährliche bläuliche Hautfarbe vergeben, die sich kurz nach den ersten eigenen Atemzügen wieder gibt. Mit einem Score von 7 bis 8 gelten Säuglinge als „lebensfrisch“, bei 5 bis 8 Punkten als gefährdet, je nach ersten Werten kann die Untersuchung in Abständen von fünf Minuten wiederholt und gegebenenfalls eine Verbesserung festgestellt werden. Unter 5 Punkten sind Neugeborene akut lebensgefährdet – eine Tatsache, die bis dahin so nicht medizinisch festgestellt wurde. Nach dieser einfachen Untersuchung ließen sich Babys in ihren ersten Momenten einschätzen und dementsprechend umgehend versorgen.

Apgar prüfte die Gültigkeit ihres Untersuchungsverfahrens selbst an tausenden Säuglingen, 1952 stellte sie es auf dem 27. Ärtzekongress der Anästhesisten vor, anschließend veröffentlichte sie ein Forschungspapier und einen Artiekl dazu. Bald darauf wurde der APGAR-Score in vielen amerikanischen Krankenhäusern eingeführt, in den 1960er Jahren folgte Europa und bis ins 21. Jarhundert hinein bleibt diese Form der Neugeborenen-Fürsorge weltweit gängig.

1959 ließ Apgar sich von der Professor:innenstelle an der Columbia University beurlauben und nahm ein Studium im Fach Public Health auf, den Master darin erlangte sie im gleichen Jahr. Im Anschuss daran wurde sie Vorsitzende der Stiftung March of Dimes, die sich mit der Gesundheit Neugeborener befasst. Sie füllte diese Position erfolgreich aus, konnte den Betag an Spendengeldern für die Stiftung deutlich steigern und hielt Vorträge rund um die Welt. Die Verhinderung von Geburtsschäden und langfristigen Folgen von Frühgeburten waren dabei ihr vordringlichstes Thema, doch sie unterstützte auch die Rötelnimpfung – eine Rötelnerkrankung während der Schwangerschaft kann zu schweren Fehlbildungen beim ungeborenen Kind führen. Die Epidemie in den USA in den Jahren 1964 bis 1965 hatte es zwölfeinhalb Millionen Erkrankte gegeben; in 11.000 Fällen hatten die Röteln zu Fehlgeburten oder therapeutischen Abtreibungen geführt, in 20.000 Fällen zu einer Ansteckung der Säuglinge im Mutterleib mit gesundheitlichen Schäden (CW: Link mit Bildern). 2.100 Kinder starben kurz nach der Geburt, 12.000 Kinder wurden taub, 3.580 Kinder erblindeten, 1.800 Kinder erlitten kognitive Beeinträchtigungen.

Anfang der 1970er Jahre schrieb sie mit einer Autorin das Buch Is My Babay Alright, ein Ratgeber für junge Mütter. Sie schrieb in ihrem Leben mehr als 60 wissenschaftliche Artikel, erhielt mehrere Ehrendoktortitel und Medaillen für ihre Arbeit in der Säuglingsgesundheitsfürsorge. Mit 65 Jahren erlag sie einer Leberzirrhose.

Sie war keine ausgesprochene Feministin mit der Haltung, dass Frauen befreit seien von dem Moment an, in dem sie den Mutterleib verlassen. Obwohl sie selbst von der Ungleichbehandlung der Frauen, insbesondere in Gehaltsfragen, frustriert war und in ihrer Biografie ja auch unleugbar betroffen, hielt sie sich von Organisationen der Frauenbewegung fern. Nichtsdestotrotz lieferte sie einen sehr schönen Satz der Emanzipation als Begründung, warum sie nie geheiratete hatte: „Ich habe eben keinen Mann gefunden, der kochen kann.“ (Quelle: Wikipedia)

Die U.S. National Library of Medicine führt eine ausführliche Biografie zu Virginia Apgar.

22/2019: Anne Shymer, 30. Mai 1879

Der Vater war Anwalt in Logansport, Indiana, die Schwester wurde Romanautorin und Drehbuchautorin in Hollywood; Anne Shymers Interesse an Chemie förderte die Mutter. Nach einem Studium heiratete die geborene Justice mit 23 Jahren einen wohlhabenden Mann, mit dem sie in Großbritannien lebte. Als dieser 1910, nach 18 Jahren Ehe starb, kehrte die junge Witwe nach Amerika zurück. In New York City stieg sie wieder in ihren Beruf als Chemikerin ein und konnte bei den Forschungen ihrem Privatlabor bald große Erfolge verbuchen. Sie heiratete 1911 erneut, einen Briten namens Shimer, doch die Ehe hatte keinen Bestand – vier Wochen später ließ sich Anne wieder scheiden, sie behielt den Namen, änderte ihn jedoch in die amerikanische Schreibweise Shymer. Unter diesem Namen gründete sie die United States Chemical Company, für die sie unter anderem ein Textilbleichmittel und ein Desinfektionsmittel entwickelte, das in Krankenhäusern zum Einsatz kommen sollte.

Sie wurde mit diesen Errungenschaften weltberühmt; der Hof-Physiker Georges V. äußerte sich beeindruckt von ihrer Person und der britische Premierminister Herbert Asquith lud sie nach London ein. Den Aufenthalt in London wollte sie auch dazu nutzen, geschäftliche Kontakte zu nutzen, und so schiffte sie am 1. Mai 1915 von New York nach Liverpool ein – auf der RMS Lusitania.

Diese fuhr weiterhin ihre transatlantische Strecke, trotz der Warnungen durch Kaiser Wilhelm II., dass sich das Deutsche Reich unter anderem mit Großbritannien im Krieg befand und dass sich Schiffe, die in die Kreigsgebiete fuhren, in Gefahr befanden, von U-Booten torpediert zu werden. Und so wurde die RMS Lusitania dann auch am 7. Mai 1915 vor der Küste Südirlands von U-Boot-Torpedos abgeschossen und sank. Bei dem Unglück starben 1.198 Menschen, darunter Anna Shymer. Es gelang ihr noch, in ihre Kabine zurückzukehren und ihren gesamten Schmuck anzulegen; als ihre Leiche als Nr. 66 geborgen und später identifiziert wurde, trug sie Geschmeide im Wert von 4.000 Dollar an sich. Während Shymers Leichnam sicher in die USA überstellt wurde, verschwand ihr Schmuck irgendwo auf dem Weg zwischen Irland und der amerikanischen Botschaft in London und ist bis heute nicht mehr aufgetaucht.

Der Untergang der Lusitania und die Proteste der amerikanischen Regierung gegen die Torpedierung sorgte für die Einstellung des „uneingeschränkten U-Boot-Krieges“ durch das Deutsche Reich, bis zum Februar 1917; dann traten auch die USA, als langfristige Folge unter anderem der Torperdierung der Lusitania, in den Weltkrieg ein.

Shymers Mutter und Schwester klagten auf Schadensersatz bei der Schiffahrtslinie, ebenso ihr geschiedener Mann. Da er allerdings zum Zeitpunkt ihres Todes bereits vier Jahre von ihr getrennt war, wurde seiner Klage nicht entsprochen. Ihrer Familie wurden zehn Jahre nach ihrem Tod gemeinsam 7.527 Dollar zugesprochen; ihre Mutter war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben.

21/2019: Eren Keskin, 24. Mai 1959

Tochter eines Kurden und einer Tscherkessin, ist Eren Keskin seit 1986 in Istanbul als Anwältin für Menschenrechte tätig, insbesondere der Kurden und Frauen. Sie rief 1997 ein Rechtshilfeprojekt für Frauen ins Leben, die von staatlichen Sicherheitskräften vergewaltigt oder auf andere Weise sexuell misshandelt wurden.

Ihr Engagement brachte ihr zeitweise Berufsverbot ein, Morddrohungen und Strafverfahren, zwischen 1994 und 2018 nach Keskins eigenen Aussagen über 140. Mehrfach wurde sie zu Gefängnisstrafen verurteilt: Dafür, in einem Brief an das belgische Parlament das Wort ‚Kurdistan‘ verwendet zu haben; wiederholte Male für einen Verstoß gegen den Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuches, der die „Beleidigung des Türkentums, der Republik und der Institutionen und Organe des Staates“ unter Strafe stellt. Zuletzt erging ein Urteil, das sie zu 7,5 Jahren Gefängnis verurteilte, für einen Zeitungsartikel, mit dem sie wiederum den Präsidenten der Türkei beleidigt haben soll. Derzeit rechnet sie jeden Tag mit ihrer Verhaftung, kann aber aufgrund eines Ausreiseverbotes die Türkei nicht verlassen.

20/2019: Kate Marsden, 13. Mai 1859

Über die Kindheit von Kate Marsden ist nicht viel bekannt, außer dass sie früh verwaiste. Mit 16 Jahren wurde sie Krankenschwester, eine Tätigkeit, die sie mit 18 bereits nach Bulgarien brachte, wo sie für das Rote Kreuz im Russisch-Osmanischen Krieg Verwundete versorgte. Dort begegnete sie den ersten Leprakranken (Link TW Bild) ihres Lebens, die sie davon überzeugten, dass die Heilung der Krankheit ihre Lebensaufgabe sei. Der Lepraerreger war erst wenige Jahre zuvor entdeckt worden; Lepröse wurden noch immer als unheilbar, vor allem aber hochansteckend betrachtet und lebten daher meistens unter extrem schlechten hygienischen Bedingungen, von der restlichen Gesellschaft verstoßen.

Nach dem Ende des Krieges kehrte sie zunächst nach England zurück, um ihre an Tuberkulose erkrankten Geschwister zu pflegen. Auch ihre Schwester in Neuseeland litt daran und so reiste Marsden 1884 mit ihrer Mutter dorthin. Nach dem Tod der Schwester verblieb sie zunächst in Wellington und leitete ein Krankenhaus, außerdem gründete sie die erste Zweigstelle der Johanniter in dem Inselstaat. Dann starb 1889 der „Apostel der Leprakranken“ Pater Damian, ein in der Sache besonders engagierter Geistlicher, der auf der hawai’ianischen Insel Moloka’i gearbeitet hatte. Marsden kehrte nach England zurück mit dem Wunsch, in den englischen Kolonien seine Arbeit fortzusetzen. Als sie im Folgejahr vom Roten Kreuz eine Einladung nach Sankt Petersburg erhielt, um von Zarin Maria Feodorowna einen Orden für ihre Aufopferung im Russisch-Osmanischen Krieg verliehen zu bekommen, bot sich ihr eine große Chance. Vor ihrer Abreise ersuchte sie ein Unterstützungsschreiben der Königin Victoria und deren Schwiegertochter Alexandra von Dänemark, die auch die ältere Schwester der Zarin war. Mit diesen Schreiben ausgestattet reiste sie nach Sankt Petersburg und erlangte dort nicht nur einen offiziellen Brief der Zarin, der ihre Forschungen zur Lepraheilung in Russland unterstützte, sondern auch finanzielle Förderung dafür.

Mit diesen Hilfsmitteln ausgestattet, kehrte sie zuerst nach England zurück, schiffte sich dann nach Ägypten ein und reiste über Alexandria, Jaffa, Jerusalem und Zypern nach Konstantinopel. Dort traf sie auf einen englischen Arzt, der ihr von einem angeblichen Heilkraut gegen Lepra erzählte, das in Sibirien zu finden sei. Nach dieser Begegnung reiste Marsden erneut nach Moskau, um von dort aus mit weiterer Unterstützung der Zarin und in Begleitung einer Übersetzerin nach Sibirien aufzubrechen. Ihr Reisegepäck beinhaltete so viele Schichten an Kleidung, dass sie in voller Montur ihre Knie nicht mehr beugen konnte und von drei Männern in den Schlitten gehoben werden musste, außerdem 18 Kilogramm Christmas Pudding – mit dem einfachen Argument, dass dieser ein unverderbliches Nahrungsmittel darstellte und sie ihn gerne aß.

Moskau - Irkutsk - zu Fuß
Google Maps: Auf dieser Route gibt es eine Fährstrecke. Diese Route verläuft durch Kasachstan. Dein Ziel liegt in einer anderen Zeitzone.

Die Reise der beiden Frauen dauerte zwei Monate allein bis Omsk (Google gibt auch heute für die Reisedauer zu Fuß 508 Stunden an). Dort musste Marsden wegen Krankheit pausieren und ihre Übersetzerin warf gänzlich das Handtuch. Nach der Genesung setzte die entschlossene Krankenschwester ihre Mission nach Jakutien alleine (also ohne Begleitung außerhalb der rekrutierten Einheimischen) fort. Das zweite Drittel ihrer Reise führte sie nach Irkutsk am Baikalsee, wo sie ein Kommittee zur Bekämpfung der Lepra gründete; schließlich brachte sie das letzte Drittel bis Jakutsk an der Lena, von wo aus sie sich noch in das nördliche Sibirien vorwagte – auf dem Pferd, teilweise abenteuerlich durch brennende Torffelder, auf der Suche nach dem Wunderkraut. Während ihrer ganzen Reise half sie neben Leprakranken auch anderen Bedürftigen, wie Strafgefangenen auf dem Weg ins Exil, insbesondere den Frauen darunter.

Sie fand in den Tiefen Sibiriens wohl ein Kraut, kutchutka, das dort gegen die Symptome der Lepra verwendet wurde, doch weit entfernt von einem Heilmittel war. Nach elf Monaten Reise durch Russland kam sie wieder in Moskau an und begann sofort, Spenden zu sammeln für eine Leprastation, in der Erkrankte unter menschenwürdigen Bedingungen versorgt werden könnten. Zurück in England, erhielt sie von Queen Victoria eine Brosche in Form eines Engels und sie wurde als eine der ersten weiblichen Fellows in die Royal Geographical Society aufgenommen. Im Folgejahr brachte sie ihren Reisebericht On Sledge and Horsback to Ouscast Siberian Lepers heraus, außerdem hielt sie diverse Vorträge, in denen sie auf die Zustände in den sibirischen Leprakolonien aufmerksam machte und Spenden sammelte. 1895 konnte dann in Wiljuisk eine moderne Leprastation nach ihren Plänen erbaut werden.

Ihr Ruhm als Abenteurerin und Erfolg als Wohltäterin zog jedoch Missgunst auf sich. Einige Kritiker meinten, es sei unglaubwürdig, dass sie als Frau diese ausgesprochen schwierige Reise angetreten und überstanden hätte. Schlimmer jedoch für ihre Position waren zwei Vorwürfe, die sie moralisch fragwürdig erscheinen ließen. Einerseits warf ihr eine ehemalige Reisegefährtin aus der Zeit in Neuseeland vor, eine Betrügerin zu sein, die womöglich auch die Spendengelder für die Leprakranken für den eigenen finanziellen Gewinn nutze. Eine amerikanische Russland-Expertin, Isabel Hapgood, griff diese Vorwürfe auf und bezichtigte Mardsen öffentlich der Veruntreuung. Auch wenn Marsden tatsächlich in ihrem Privatleben nicht den zuverlässigsten Umgang mit Geld, insbesondere Schulden hatte, konnten die Untersuchungskommissionen – sowohl in England wie in Russland – keine Unregelmäßigkeiten in ihrer Verwendung der Spenden feststellen. Nichtsdestotrotz war ihr Ruf als Wohltäterin geschädigt.

Diese üble Nachrede hätte Marsden vielleicht überstehen können, insbesondere nach der offiziellen Unschuldserklärung, doch sie ging Hand in Hand mit einem weniger juristischen als moralischen Vorwurf. Unter anderem die ehemalige Reisebegleiterin, aber auch ein engslischsprechender Pastor in Sankt Petersburg berichteten von der Homosexualität Marsdens – und Marsden selbst gab zu, die Avancen anderer Frauen nicht abgewiesen zu haben. Zwar war weibliche Homosexualität in England im Gegensatz zu männlicher nicht strafbar, aber gutgeheißen wurde sie auch nicht. William T. Stead, der erste Vertreter des investigativen Journalismus, war an vorderster Front bei der Schmierkampagne gegen Marsden. Sie dachte über eine Verleumdungsklage gegen den Sankt Petersburger Pastor nach und, nachdem dieser die Ergebnisse der russischen Spendenkommission als „Schönfärberei“ abtat, strengte auch eine solche an, doch ihre finanzielle Situation machte es unmöglich, diese juristische Handhabe weiterzuverfolgen. An Oscar Wilde, der im gleichen Jahr mit einer Verleumdungsklage scheiterte und vom Kläger zum Angeklagten wurde (später für Unzucht mit Prostituierten zu zwei Jahren harter Zwangsarbeit verurteilt, die langfristig seinen Tod verursachte), hatte sie ein warnendes Beispiel für die hohen Kosten und gleichzeitig schlechten Erfolgschancen einer solchen Klage.

Marsden führte ihre Arbeit noch einige Zeit weiter, doch konnte sie sich vom Ansehensverlust nicht erholen. 1914 war sie noch ursprünglich an der Gründung eines Museums in Bexhill beteiligt, zu dessen Sammlung sie selbst Stücke beitrug und sie überzeugte einen Bekannten, seine ägyptischen Artefakte zur Verfügung zu stellen, außerdem organisierte sie Versammlungen zur Unterstützung des Museums. Dann kontaktierte der Bürgermeister der Stadt das Gründungskommittee und wies auf den Jahre zurückliegenden Skandal in Marsdens Geschichte hin. Daraufhin musste sie sich von ihrer Tätigkeit zurückziehen, weil sie „nicht geeignet“ sei, Spenden zu verwalten.

1921 schrieb sie noch eine Verteidigungsschrift, My Mission in Sibiria, A Vindication, um gegen die Unterstellungen und ihren Ansehensverlust vorzugehen, blieb jedoch erfolglos. Sie starb demenzkrank 1931 in London.

Das Krankenhaus, das sie in Jakutien gründete, wurde 1962 geschlossen, doch Marsden wird dort noch immer erinnert und verehrt. Ein 55-Karat schwerer Diamant, der in Jakutien gefunden wurde, erhielt nach ihr den Namen Sister of Mercy Kate Marsden. Atlas Obscura (Link engl.) hat einen ausführlichen Artikel zu ihr online, einen Teil ihres Reiseberichts, der sich zu lesen lohnt, ist bei thelongridersguilt (Link engl.) zu finden.

19/2019: Hilde Levi, 9. Mai 1909

Religion spielte in ihrem Leben nur als Hindernis zum Glück eine Rolle: Schon Hilde Levis Eltern lebten als assimilierte Juden in Frankfurt am Main, sie selbst lehnte nach erzwungenem Religionsunterricht in der weiterführenden Schule früh die Religion für sich ab. Zu dieser Haltung trug sicherlich auch ihre wissenschaftliche Weltansschauung bei; ihr Abitur machte sie 1928 als einziges Mädchen ihres Jahrgangs in Physik. Nach ihrem Abschluss verbrachte sie zunächst ein halbes Jahr in England und begann dann an der Münchener Universität Physik und Chemie zu studieren. Bereits zwei Jahre später wechselte sie für ihre Promotionsarbeit an das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem. Dort bestand sie 1934 noch ihre Doktorprüfung, doch da die Nationalsozialisten im Jahr zuvor an die Macht gewählt worden waren, überschattete ihre jüdische Familiengeschichte ihr ganzes Leben. Aufgrund des Arierparagraphen hatte sie keinerlei berufliche Aussichten, sämtliche ihrer Lehrer und Mentoren waren bereits emigriert. Schließlich löste ihr Verlobter, der Physiker Hans Bethe, zwei Tage vor der Hochzeit die Verbindung, auf Anraten seiner Mutter, die selbst jüdischer Abstammung war. Diese Entscheidung schockierte die Kollegen des Paares, insbesondere die ebenfalls jüdischen Niels Bohr und James Franck, die lebenslang persönliche Vorbehalte gegen den späteren Nobelpreisträger hegten. (In Bethes Wikipedia-Eintrag ist im übrigen weder von seiner privaten Verbindung zu Hilde Levi noch von dieser Entscheidung gegen ihre Ehe die Rede, die immerhin dazu führte, dass Bethe bis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nie an das Niels-Bohr-Institut eingeladen wurde, obwohl er ein führender Physiker der Zeit war.)

Die International Federation of University Women und Niels Bohr selbst vermittelten Levi eine Assistenzstelle bei James Franck, der selbst erst vor kurzem nach Kopenhagen emigriert war; er kannte zwar Levi bis dahin nicht persönlich, aber ihre Doktorarbeit über Spektren der Alkalihalogen-Dämpfe, deren wissenschaftlichen Wert er hoch einschätzt. Ihre Promotionsurkunde musste ihr Bruder ihr Monate nach ihrer Ausreise für sie in Empfang nehmen. Levi arbeitete für Franck, bis dieser 1935 Kopenhagen verließ, danach arbeitete sie als Assistentin des ebenfalls aus Deutschland emigrierten ungarischen Chemikers George de Hevesy. Die Entdeckung der Aktivierung, also induzierter Radioaktivität, durch das Ehepaar Joliot-Curie 1935 inspirierte de Hevesy und Levi zur Bestrahlung seltener Erden. Ihre Entdeckungen bei dieser Arbeit führten zur Entwicklung der Neutronenaktivierungsanalyse, mit der zum Beispiel 1961 ermittlet wurde, dass Napoléon zumindest an Arsenvergiftung litt, wenn nicht sogar daran starb.

1938 wurde Levi in Deutschland der Doktortitel aberkannt, ohne Angabe von Gründen, im gleichen Jahr musste sie ihren deutschen Pass in der Botschaft in Kopenhagen abgeben. Sie konnte mit de Hevesy bis 1940 weiter am Niels-Bohr-Institut arbeiten; nach der Besetzung Dänemarks durch die deutsche Wehrmacht wechselte sie zunächst innerhalb Kopenhagens an das Carlsberg-Institut. 1943 begannen die deutschen Besatzer jedoch auch in Dänemark, Juden zu deportieren, und Levi floh mit vielen anderen nach Schweden. Dort konnte sie bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges an einem Institut für experimentelle Biologie arbeiten.

Nach Kriegsende kehrte Levi nach Kopenhagen zurück und begann, unter August Krogh am Zoophysiologischen Institut der Universität Kopenhagen an radiobiochemischen Forschungen zu arbeiten. Bei einem Aufenthalt in den USA lernte sie die Radiokarbonmethode zur Altersbestimmung von Stoffen kennen, die Willard Libby 1946 entwickelt hatte. Sie entwickelte darauf aufbauend am Dänischen Nationalmuseum die erste Messeinrichtung für C14-Datierung, mit der kurz darauf das Alter des Grauballe-Mann ermittelt werden konnte. (Auch in diesem Wikipedia-Beitrag ist nicht die Rede von Levi, sondern Libby selbst wird als derjenige genannt, der die Untersuchung durchgeführt habe. Siehe Matilda-Effekt.)

Levi beriet die dänische Gesundheitbehörde zum Thema Strahlenschutz und lehrte 19 Jahre lang an der Universität Kopenhagen. Nach ihrer Pensionierung 1979 war sie am Aufbau des Niels-Bohr-Archivs beteiligt und arbeitete den wissenschaftlichen und persönlichen Nachlass de Hevesys auf. 2001 nahm sie an einem Treffen an der Humboldt-Universität teil, zu dem die Wissenschaftler geladen worden waren, die nach 1933 entlassen worden waren und Deutschland nachfolgend verlassen mussten. Sie starb 2003 im Alter von 94 Jahren in Kopenhagen.

Das Jewish Women’s Archive führt eine Biografie von ihr, das Niels-Bohr-Archiv ebenfalls. Auf der Seite des American Institute of Physics findet sich das Transkript eines Interviews mit ihr von 1971.