Schlagwort: physik

Kathy Vivas

* 1972

Kathy Vivas (Link Englisch) hat einen Abschluss in Physik der Universidad de los Andes und einen Doktor in Astrophysik der Yale University. Bei der Forschung für ihre Dissertation entdeckte sie neue RR-Lyrae-Sterne – eine Art pulsationsveränderlicher Sterne. Eine ausführliche und sehr gemütliche Erläuterung dieser Sternenart findet sich im Clip unten von Herrn Gaßner für den Kanal von Urknall, Weltall und das Leben – der auch auf Henrietta Swan Leavitt als eine der Entdeckerinnen von Pulsaren und Lise Meitner als Opfer des Matilda-Effekts Bezug nimmt.

Pulsationsveränderliche Sterne, erklärt von Josef Gaßner; Urknall, Weltall und das Leben

Mit der Kombination eines Wide-Field-Teleskops und einer Megapixel-Kamera entdeckte Vivas an die 100 von diesen Sternen in sehr weiter Entfernung von der Erde, zwischen 13.000 und 220.000 Lichtjahre von unserer Sonne entfernt und somit wohl die ältesten Sterne unserer Galaxie, der Milchstraße. Nach der aktuellen Theorie entstand zuerst der ‚Heiligenschein‘, der Galaktische Halo, vor mehr als 13 Milliarden Jahren; die Galaktische Scheibe und die Spiralarme entstanden erst in der Folgezeit. So ermöglichte Vivas‘ Entdeckung die weitere Erforschung der Struktur und Eigenschaften der äußeren Teile der Milchstraße.

Ihre Forschungsergebnisse präsentierte sie am 12. Januar 2000 beim Treffen der American Astronomical Society in Atlanta.

44/2020: Ethel Sargant, 28. Oktober 1863

Ethel Sargant kam als dritte Tochter eines Londoner Rechtsanwaltes und seiner Frau zur Welt. Sie besuchte zunächst die North London Collegiate School, dann studierte sie am Girton College, dem ersten Frauencollege Großbritanniens und Teil der University of Cambridge. Nach vier Jahren Studium schloss sie 1885 mit einem Examen ab.

Als Botanikerin forschte sie zum großen Teil zu Hause im eigenen Labor, weil sie sich gleichzeitig um ihre Mutter und ihre Schwester kümmern musste. Nur 1892/93 arbeitete sie für ein Jahr in den Royal Botanic Gardens in Kew, wo sie sich auf Pflanzenanatomie spezialisierte. Bei ihrer Arbeit gelang es ihr, eine Phase der Zellteilung bei Pflanzen nachzuweisen, die bis zu diesem Zeitpunkt noch unbewiesen war (ich nehme an, dass es sich um das Zygotän der Meiose handelt, nach den Informationen des deutschen Wikipedia-Beitrages). Sie studierte außerdem die Entwicklung von Ei und Spermium der Lilien und veröffentlichte in den späten 1890ern mehrere Fachbeiträge dazu.

1897 bereiste sie Europa als Begleiterin von Margaret Jane Benson, zu der Zeit Leiterin der Botanischen Abteilung am Royal Holloway College. Die beiden Frauen sammelten auf dieser Reise Kenntnisse und Ausstattung für ein botanisches Labor, dass am College eingerichtet werden sollte.

In ihrem zu Hause bot sie im ‚Joderal Junior‘-Labor Kurse an, in denen das wissenschaftliche Arbeiten erlernt werden konnte. Für vier Jahr zwischen 1897 und 1901 war hier Ethel Thomas (Link Englisch) ihre Assistentin, im folgenden Jahr Agnes Arber. Von 1903 an spezialisierte sich Sargant auf die Anatomie von Sämlingen. Sie kam anhand ihrer Untersuchungen insbesondere der Leitbündel zu dem Schluss, dass einkeimblättrige und zweikeimblättrige Pflanzen evolutionär einen gemeinsamen Vorfahren gehabt haben müssen.

Ethel Sargant gehörte 1904 zu den 15 ersten Frauen, die als Mitglieder der Linnean Society gewählt wurden (dank Marian Farquharson), und sie sollte später die erste Frau im Vorstand der Vereinigung werden.

Nachdem ihre Mutter und Schwester bis 1912 beide verstorben waren, verließ sie schließlich ihr Elternhaus und bezog das Pfarrhaus auf dem Campus des Girton College. Im Folgejahr wurde sie dort zum Ehrenfakultätsmitglied gemacht. Während des Ersten Weltkriegs, jedenfalls bis 1918, war sie Präsidentin der Federation of University Women. In dieser Funktion schuf sie als Beitrag zur britischen Kriegsanstrengung ein Register über Akademikerinnen, die Arbeit ‚von nationaler Bedeutung‘ leisten konnten.

Ethel Sargant starb im Alter von 57 Jahren am 16. Januar 1918. Ihre Bibliothek hinterließ sie dem Girton College, einen Nachruf (Link Englisch) schrieb Agnes Arber.

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Ebenfalls diese Woche

28. Oktober 1860: Gulielma Lister (Link Englisch)
Die englische Botanikerin gilt international als Koryphäe für Schleimpilze.

31. Oktober 1711: Laura Bassi
Über diese Philosophin und Physikerin schrieb ich 2016, das Jahr der Frauen vor dem 19. Jahrhundert.

Sudipta Sengupta

* 1946

Der Wikipedia-Eintrag von Sudipta Sengupta (Link Englisch) ist inzwischen (seit ich meine Planung für dieses Jahr abgeschlossen habe) mit einem genauen Geburtsdatum versehen, aber… meine Planung steht nun mal.

Sudipta Sengupta kam als jüngste von drei Töchtern eines Meteorologen in Kalkutta, Indien, zur Welt. Die Familie reiste viel, für einige Jahre lebten sie auch in Nepal, wo der Vater stationiert war. Dort machte Sengupta ein Bergsteiger-Training bei Tenzing Norgay, Begleiter von Edmund Hillary und damit einer der ersten Menschen auf dem Mount Everest. Auch Sengupta machte zwei Expeditionen in den Himalaya.

Ihre Eltern, beide Akademiker, förderten ihre Bildung. Zunächst wollte Sudipta Physik studieren wie ihr Vater, doch sie hörte, dass es mit einem Abschluss in Geologie möglich wäre, wissenschaftlich zu arbeiten und gleichzeitig an abgelegene Orte zu reisen, und so entschied sie sich für dieses Fach. An der Jadavpur University (Link Englisch) in Kalkutta machte sie ihren B. Sc. und bald darauf ihren M. Sc. Mit 26 Jahren schließlich schloss sie 1972 ihr Studium mit einem PhD in Geologie ab. Bereits seit 1970 war sie beim Geological Survey of India beschäftigt, diese Tätigkeit gab sie 1973 auf, um ein Stipendium wahrzunehmen, das ihr eine dreijährige Postdoc-Stelle am Imperial College London ermöglichte. Im Anschluss daran verschlug es sie nach Uppsala in Schweden, wo sie zunächst als Dozentin an der Universität arbeitete und später als auswärtige Forschungsassistentin am Internationalen Geodynamik-Projekt von Hans Ramberg teilnahm.

Ihrer Rückkehr nach Indien 1979 war auch eine Rückkehr zum Geological Survey of India, nun als leitende Geologin. Drei Jahre später trat sie eine Dozentenstelle an der Jadavpur University an, wobei sie als Frau in einem Fachbereich, der Aufenthalte ‚im Feld‘ notwendig macht, auf einige Schwierigkeiten stieß. Die Universität war nach ihren Worten nicht ausgestattet für weibliche Expeditionsteilnehmer, ein Zustand, der sich bis in die Mitte der 1990er Jahre nicht verbesserte. 1982 bewarb sie sich auch zum ersten Mal dafür, an der indischen Antarktis-Mission beteiligt zu sein, wurde aber aufgrund ihres Geschlechtes zunächst abgelehnt.

Doch schon ein Jahr später wurde Sudipta Sengupta ausgewählt, Mitglied der dritten indischen Expedition in die Antarktis zu werden. Sie war damit, gemeinsam mit Aditi Pant, eine der ersten beiden indischen Frauen in der Südpolregion. Sengupta war beteiligt an den geologischen Studien der Schirmacher Oase, ihre Untersuchungen legten dabei den Grundstein für die weitere Erforschung der Gegend. Sie blieb von Dezember 1983 bis März 1984 und war wie Pant am Aufbau der Dakshin-Gangotri-Station beteiligt. Fünf Jahre später sollte sie noch an einer weiteren Antarktis-Expedition beteiligt sein.

In ihrer Laufbahn veröffentlichte sie zahlreiche wissenschaftliche Artikel und Büchern, ihre autobiografischer Rückblick auf ihre Zeit in der Antarktis wurde ein Bestseller in Indien. 1995 wurde sie zum Mitglied der Indian National Science Academy (Link Englisch) gewählt, die indische Regierung zeichnete sie mit mehreren Preisen aus. Inzwischen hat sie sich als Professorin zur Ruhe gesetzt und lebt in Kalkutta.

Am 31. Oktober 2019 war sie an der Diskussionsrunde Women in Science and Technology in Neu Delhi beteiligt. Dabei sprach sie von ihren Erfahrungen im Feld als junge Wissenschaftlerin und wie sie die Situation heute einschätzt. Außerdem offenbarte sie ihre Überzeugung von der Kraft der Frauen: „Ich komme aus dem Land von Durga. (Eine beliebte Göttin im Hinduismus, die Kraft, Wissen, Handeln und Weisheit repräsentiert und auch kriegerisch auftritt.) Wir beten Durga an und als Kind glaubte ich, sie lebe im Kailash (ein Berg im Transhimalaya). Inzwischen weiß ich, dass Durga in uns lebt, in allen Frauen.“ (Quelle: The Wire)

Einige biografische Details können in diesem Interview in ihren eigenen Worten gelesen werden.

43/2020: Margaret Kivelson, 21. Oktober 1928

Margaret Kivelson kam in New York als Tochter eines Arztes und einer Physikerin zur Welt. Entgegen der Empfehlung eines Onkels, sie solle – als Mädchen – am besten Ernährungsberaterin werden, verfolgte sie schon früh eine Karriere in der Wissenschaft.

Sie studierte von 1946 an Physik am Radcliffe College, das zur ansonsten nur für männliche Studenten zugänglichen Harvard University gehörte. Dort machte sie 1950 mit 22 Jahren ihren Bachelor Sc., zwei Jahre später den Master Sc. 1955 folgte sie ihrem Ehemann nach Los Angeles und begann in Teilzeit bei der RAND Corporation zu arbeiten, einer Denkfabrik zur Beratung der US-amerikanischen Streitkräfte. Hier war sie bis 1971 auf dem Gebiet der Plasmaphysik tätig, nebenher studierte sie weiter auf einen Doktorgrad Physik.

Als Kivelson 1957 ihren PhD erlangte, mit einer Dissertation über „Die Bremsstrahlung von hochenergetischen Elektronen‚, war sie eine von weniger als 2% weiblicher Doktorandinnen. Sie hatte 1955 bereits ein Kind mit ihrem Mann bekommen und wurde nach ihrer Promovierung ein zweites Mal Mutter. Dafür, dass sie ‚trotz Kindern‘ weiterhin wissenschaftlich arbeitete, wurde sie in Kollegenkreisen kritisiert. Sie ließ sich jedoch nicht entmutigen und wurde 1967 neben ihrer Teilzeitarbeit bei der RAND Corporation als Forschungsasstistentin für Geophysik an der UCLA eingestellt. 1971 wurde sie hier Adjunkt Assistenzprofessorin, dafür beendete sie ihre Arbeit in der Denkfabrik.

Als Physikerin war sie daran beteiligt, die Daten der Pioneer-10 sowie der Pioneer-11 auszuwerten, Raumsonden der NASA, die den Jupiter, Saturn und die äußeren Ränder unseres Sonnensystems erforschten. Zu diesem Zeitpunkt begann sich Margaret Kivelson auf dem Gebiet der Magnetosphären zu spezialisieren.

1973 erhielt sie ein einjähriges Guggenheim-Stipendium, was ihr nach eigener Aussage zum ersten Mal das Gefühl gab, als Wissenschaftlerin ernstgenommen zu werden. „Mehr als Geld, gab es mir Status und steigerte mein Selbstbewusstsein entscheidend.“ (Quelle: Wiki Englisch) Sie schlug der NASA schon 1976 vor, die Galileo-Raumsonde mit Magnetometern auszustatten. Nach den Daten der Pioneer-Missionen stellte sie außerdem 1979 die Vermutung auf, dass nicht nur Planeten, sondern auch Monde ein inneres Magnetfeld haben könnten.

Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre folgten dem Stipendium auch eine Volle Professur sowie der Vorsitz des Fachbereichs für Erd- und Weltraum-Wissenschaften an der UCLA sowie eine Professur am Institute of Geophysics and Planetary Physics (die deutschen und englischen Wiki-Beiträge sind sich hier nicht einig mit den Daten). 1989 ging die Galileo-Mission endlich an den Start und Margaret Kivelson war daraufhin in der Lage, ihre Vermutung zu bestätigen: Sie entdeckte und erforschte das innere Magnetfeld des Jupitermondes Ganymed, außerdem entdekcte sie das innere Magnetfeld des Jupitermondes Io. Im gleichen Zuge der Galileo-Mission konnte Kivelson auch das Magnetfeld des Asteroiden Gaspra erforschen.

2009 wurde Margaret Kivelson Distinguished Professor of Space Physics Emerita der UCLA und sie trat noch eine weitere Professur an der University of Michigan an. In ihrem Arbeitsleben – mindestens bis 2010 war sie noch akademisch und forschend tätig – war sie Autorin und Ko-Autorin von 350 wissenschaftlichen Schriften. 1989 wurde sie als Fellow der American Association for the Advancement of Science gewählt, 1998 in die American Academy of Arts and Sciences aufgenommen, 1999 in die National Academy of Sciences, 2001 in die American Physical Society, 2005 in die American Philosophical Society.

Und noch in diese Jahr 2020 wurde sie als auswärtiges Mitglied der Royal Society aufgenommen.

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Ebenfalls diese Woche

19. Oktober 1909: Marguerite Perey
Nachdem sie bis 1934 im Radiuminstitut Paris als Assistentin von Marie Curie gearbeitet hatte, entdeckte die Chemikerin und Physikerin 1939 das letzte zu der Zeit unentdeckte, natürlich vorkommende Element Francium, das zu Ehren ihres Herkunftslandes Frankreich seinen Namen erhielt.

20. Oktober 1859: Margaret Jane Benson (Link Englisch)
Sie gehörte zu den ersten Frauen, die zu Mitgliedern der Linnean Society of London gewählt wurden. Als Paläobotanikerin reiste sie gemeinsam mit Ethel Sargant.

20. Oktober 1942: Christiane Nüsslein-Volhard
Die Biologin und Biochemikerin erhielt 1995 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin über die genetische Kontrolle der frühen Embryonalentwicklung.

23. Oktober 1854: Annie Lorrain Smith (Link Englisch)
Mit Lichens (Flechten) schrieb die englische Mykologin ein Lehrbuch, das auf ihrem Fachgebiet jahrzentelang als Standardwerk galt.

23. Oktober 1913: Alma Howard (Link Englisch)
Die englisch-kanadische Strahlenbiologin entwickelte mit ihrem Physikerkollegen Stephen Pelc erstmalig eine zeitlichen Ablauf des Zellkreislaufes.

24. Oktober 1732: Cristina Roccati (Link Englisch)
Als dritte Frau überhaupt erlangte die Physikerin 1751 einen Abschluss an einer italienischen Universität.

Deborah Ajakaiye

* 1940

Deborah Ajakaiye (Link Englisch) kam im nigerianischen Bundesstaat Plateau als fünftes von sechs Kindern zur Welt. Die Eltern befürworteten die Gleichberechtigung der Geschlechter und verteilten die anfallenden Hausarbeiten auf die Jungen und Mädchen gleichermaßen. Sie förderten auch die Schulbildung ihrer Kinder.

Mit 22 Jahren machte Ajakaiye ihren ersten Universiätsabschluss in Physik, an der University of Idaban. Sie schloss einen M.Sc. an der University of Birmingham an und beendete ihre akademische Ausbildung 1970, mit 30 Jahren, mit einem Ph.D. in Geophysik an der Ahmadu Bello University. Während ihr wissenschaftliches Interesse ursprünglich der Mathematik gegolten hatte, hoffte sie, mit ihrer Arbeit in Geowissenschaften ihrem Heimatland besser helfen zu können.

1980 wurde Deborah Ajakaiye die erste weibliche Physik-Professorin auf dem afrikanischen Kontinent. Sie unterrichtete an der Ahmadu Bello University und an der University of Jos, wo sie auch als Dekanin für Naturwissenschaften wirkte.

Ihre Arbeit zur Geovisualisierung diente in Nigeria zur Lokalisierung von Mineralien und Grundwasser unter der Oberfläche. Außerdem legte sie gemeinsam mit Studentinnen eine Karte der Schwerkraft von Nigeria an. Seitdem sie als Professorin im Ruhestand ist, widmet sie ihre Zeit vollständig der wohltätigen Organisation, die sie ins Leben gerufen hat, der CCWA, der Christian Care for Widows, Widowers, Aged and Orphans.

Deborah Ajakaiye war die erste Frau, die von der Nigerianischen Gesellschaft für Bergbau und Geowissenschaften mit einem Preis ausgezeichnet wurde; außerdem war sie die erste Schwarze Frau afrikanischer Herkunft, die als Fellow in der Geological Society of London aufgenommen wurde – leider konnte ich nicht ermitteln, in welchem Jahr das war.

Dieser Artikel auf African Women in Leadership Stories scheint leider der letzte überhaup auf diesem Blog zu sein, mit einem Veröffentlichungsdatum am 17. März 2019. Vielleicht nimmt das Blog ja seine Arbeit wieder auf, wenn die Corona-Krise vorüber ist.

42/2020: Katharine Foot, 14. Oktober 1852

frauenfiguren katharine foot
Group photo of researchers of the Marine Biology laboratory. First row, seated on ground (left to right): Howard S. Erode, Arnold Graf, John P. Munson, Robert P. Bigelow, Gary N. Calkins. Second row, seated (left to right): W. H. Dudley, Walter M. Rankin, A. D. Mead, Edmund B. Wilson, C. O. Whitman, E. G. Conklin, Hermon C. Bumpus, F. S. Lee. Third row, standing (left to right): – —(?), Pierre A. Fish, Cornelia M. Clapp, Sho Wakase, Katharine Foot, A. D. Morrill, Joseph C. Thompson (?), Esther F. Byrnes. Back row, standing (left to right): M. A. Brannon, Bradley M. Davis, Clara Langenbeck, S. Emma Keith, Margaret Lewis, Louise B. Wallace, J. L.“ Kellogg, George W. Field, Frank R. Lillie, O. S. Strong, Mary M. Sturges, John McCrae.
Autor unbekannt – Popular Science Monthly Volume 79, Gemeinfrei

Katharine Foot (CN politisch inkorrekte Bezeichnung für Amerikanische Ureinwohner) kam in Geneva, New York, zur Welt und besuchte in ihrer Kindheit und Jugend Privatschulen. Sie war Mitglied des New Yorker Clubs zur Förderung von Frauen ‚Sorosis‘, wo sie Alice Fletcher kennenlernte, mit der sie ein Interesse für die Belange der nordamerikanischen Ureinwohner teilte. Sie begleitete die Ethnologin sogar (vermutlich 1886) nach Alaska, um das Gespräch mit den dortigen Ureinwohnern zu suchen.

In den 1890er Jahren lebte Foot beim Gründer der Northwestern University in Evanston, Illinois. Im Jahr 1892 ließ sie sich für die Mitarbeit am Marine Biological Laboratory ausbilden, wo sie zeit ihres Lebens Mitglied bleiben sollte. Nach einem sechswöchigen Kurs über Wirbellose erhielt sie von Zoologe Charles Ottis Whitman den Auftrag, die Reifung und Befruchtung von Regenwurmeiern der Gattung Allolobophora foetida zu untersuchen. Über die Ergebnisse dieser Untersuchung schrieb sie 1894 einen Artikel, zwei Jahre später durfte sie als erste Frau des Labor dorts einen Vortrag halten, ihr Thema: „Die Zentrosomen des befruchteten Eis von Allolobophora foetida„.

Im Folgejahr, 1897, wurde Ella Church Strobell ihre Assistentin, nach zweijähriger Zusammenarbeit veröffentlichten die beiden Frauen gleichberechtigt als Ko-Autorinnen. Foot und Strobell gehörten in dieser Zeit zu den ersten Wissenschaftler:innen, die die Bilder ihrer Untersuchungsobjekte nicht mehr zeichneten, sondern fotografierten. Sie erarbeiteten auch eine neue, bahnbrechende Technik, wie in niedrigeren Temperaturen dünnere und damit einsichtigere Materialproben hergestellt werden konnten.

1906 wurde Katharine Foot in der ersten Ausgabe der Sammlung American Men of Science (Link Englisch) (sic! Erst 1971 wurde daraus American Men and Women of Science) als eine der 1.000 wichtigsten Wissenschaftler:innen des Jahres genannt – die deutschen Wikipedia-Einträge zu Katharine Foot, Grace Andrews und Charlotte Angas Scott lassen keinen genauen Schluss zu, ob Foot bereits in der Erstausgabe als eine von zwei oder drei Frauen erwähnt wurde oder ob sie erst später aufgenommen wurde. Andrews und Scott gelten nach ihren Wiki-Einträgen als die ersten beiden Frauen in der biografischen Nachschlagewerke.

Foot und Strobell arbeiteten von 1906 bis 1913, möglicherweise in einem eigenen Labor, an der Erforschung der unterschiedlichen Entwicklungsstadien der Kürbiswanzen. Sie untersuchten wie Nettie Stevens die Rolle von Chromosomen bei erblichen, geschlechtsgebundenen Merkmalen und verteidigten ihre Thesen darüber auch gegenüber Thomas Hunt Morgan, der als Entdecker der Chromosomen als Geschlechtsphänoytp bestimmender Faktoren gilt – obwohl er erst nach Foot, Strobell und Stevens zu dieser Meinung kam.

1914 gingen Foot und Strobell nach England, um ihre Forschungen am New College in Oxford fortzusetzen. Dort erkrankte Strobell jedoch drei Jahre später, womit ihre gemeinsame Arbeit endete. Katharine Foot meldete sich zum Ende des Ersten Weltkrieges als Freiwillige beim Amerikanischen Roten Kreuz und untersuchte für diese Organisation den Lebenszyklus der Kleiderlaus. Ella Church Strobell starb 1920, Foot lebte noch in den 1930er in London, doch zog im Laufe des Zweiten Weltkrieges zurück in die USA. Dort starb sie 1944 in Camden, South Carolina, mit 92 Jahren.

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Ebenfalls diese Woche

frauenfiguren large-scale structure
Zur Veranschaulichung der Großen Struktur des Kosmos werden die Wachstumsstrukturen von Schleimpilzen herangezogen
By ESA/Hubble, CC BY 4.0

12. Oktober 1861: Kristine Meyer (Link Englisch)
Als erste dänische Frau ihres Landes erlangte die Physikerin einen Doktorgrad in Naturwissenschaften.

14. Oktober 1971: Licia Verde (Link Englisch)
Die italienische Kosmologin und Theoretische Physikerin ist bekannt für ihre Forschung zur Großen Struktur des Kosmos (wie Galaxien und Materie im Kosmos verteilt sind) und Dunkler Materie.

17. Oktober 1720: Geneviève Thiroux d’Arconville
Ihre Erforschung von Fäulnisprozessen der französischen Naturforscherin stellt den Grundstein für diesen Bereich der Chemie dar. Auch sie wurde Opfer des Matilda-Effektes und schrieb über ihre eigene Beobachtung dazu: „Im Privatleben [im Sinne von: außerhalb gesellschaftlicher Normen] spielen Frauen nicht ungestraft eine Rolle. Sind sie galant? Sie werden verachtet. Sind sie intrigant? Sie werden gefürchtet. Sollten sie Wissen oder Witz zeigen? Wenn ihre Werke schlecht sind, werden sie ausgepfiffen; sind sie hingegen gut, werden sie ihnen gestohlen und sie werden lächerlich gemacht, wenn sie die Arbeit als ihre eigene beanspruchen.“ (Quelle: Wiki) Viele ihrer Manuskripte waren bis 2007 verschollen.

Anna Coble

* 1936 • † 3. März 2009

Anna Coble (Link Englisch) war die Tochter eines Dozenten an der St. Augustine’s University (Link Englisch) in Raleigh, North Carolina, einer Hochschule für PoC (Afro–Amerikaner). Anna interessierte sich früh für Mathematik und Physik, daher studierte sie schließlich Mathematik an der Howard University, ebenfalls eine für PoC gegründete Hochschule. Sie erreichte dort mit 22 Jahren ihren Bachelor of Science und drei Jahre später ihren Master of Science. Nach diesem Abschluss im Jahr 1961 unterrichtete sie zunächst für vier Jahre Physik an der North Carolina Agricultural and Technical State University.

1965 begann sie dann ein postgraduales Studium an der University of Illinois at Urbana-Champaign. Sie wurde hier eine Fürsprecherin für Studierende, die aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Minderheit oder als Frauen benachteiligt waren. Als Anna Coble hier 1973 schließlich ihren Doktortitel erlangte, war sie die erste WoC (Afro-Amerikanerin), die diesen akademischen Grad in Biophysik erhielt. Sie erforschte anschließend an der Washington University in St. Louis die Auswirkungen von hochintensivem Ultraschall auf Frösche.

Als Coble an die Howard University zurückkehrte, dieses Mal als Dozentin, war sie die erste WoC, die dort eingestellt wurde – Mitte der 1970er Jahre. In ihrem ersten Sommer dort stellte sie ihre eigenen Forschungen zunächst zurück, um für die etwa 200 Studenten of Color Wohnungen zu organisieren. Sie fand auch für sich selbst eher suboptimale Voraussetzungen vor, in ihrer Zeit an der Howard University wurden die staatlichen Förderungen für die Forschung dort um an die 40% gekürzt. Coble wurde schließlich im Lauf ihrer Karriere zur Associate Professor berufen.

Sie war neben ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit auch sozial engagiert. So gehörte sie zum Vorstand einer Organisation, die Wohnheime für vernachlässigte weibliche Teenager leitete. Da politische und soziale Diskriminierung auch in ihrem wissenschaftlichen Fachgebiet eine Rolle spielte, gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der National Society of Black Physicists (Link Englisch). Mit der National Academy of Sciences und dem National Research Council entwickelte sie Lehrmaterialien, bei der American Association for the Advancement of Science setzte sie sich für die stärkere Unterstützung unterrepräsentierter Gruppierungen ein, namentlich der Frauen und ethnischer Minderheiten.

Anna Coble starb am 3. März 2009 im Alter von 73 Jahren.

38/2020: Ursula Franklin, 16. September 1921

Ursula Franklin kam als Ursula Martius in München zur Welt, als Tochter eines Ethnographen und einer Kunsthistorikerin; der Vater war Protestant, die Mutter Jüdin. Als Deutschland in Polen einmarschierte, versuchten ihre Eltern, sie auf eine englische Schule zu senden, doch es fehlten ihr wenige Tage für zum notwenigen Alter von 18 Jahren, um ein Studentenvisum zu erhalten. Ursula ging stattdessen 1940 nach Berlin, um an der Universität Berlin Physik und Chemie zu studieren. Sie sollte später einmal sagen, dass sie sich für diese Fächer entschied, weil es ihr eine ’suberversive Freude‘ bereitete: „Kein Wort der Autorität konnte die Gesetze der Physik oder die Abläufe der Mathematik verändern“. (Quelle: Wiki Englisch) 1942 wurde sie jedoch als ‚Halbjüdin‚ zwangsexmatrikuliert und in ein Arbeitserziehungslager verbracht, in dem sie dazu eingesetzt wurde, zerbombte Häuser wieder aufzubauen. Ihre Eltern wurden beide in Konzentrationslager deportiert. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Familie in Berlin wiedervereint.

Ursula Martius kritisierte bald nach Kriegsende bereits den zweifelhaften Umgang der deutschen Gesellschaft mit dem Faschismus. Sie schrieb 1946 an Otto Hahn über die deutschen Physikerkollegen: „Was die Leute aufbauen, es wird immer eine Kaserne, eine Kaserne, in der ich nicht sehr große Lust habe, zu leben.“ (Quelle: Wiki Deutsch) Im kommenden Jahr griff sie in einem Artikel in der Deutschen Rundschau die Deutsche Physikalische Gesellschaft dafür an, mit den Mitgliedern, die offen und zu ihrem Vorteil Nationalsozialisten waren, nachsichtig zu sein: „Menschen, die mir immer noch in meinen Angstträumen erscheinen, saßen da lebendig und unverändert in den ersten Reihen.“ (Quelle: Quelle: „Physiker zwischen Autonomie und Anpassung: Die Deutsche Physikalische Gesellschaft im Dritten Reich“) Sie nannte neben Hans Otto Kneser, mit dem sie möglicherweise selbst bei ihrer Zwangsexmatrikulierung zu tun hatte, auch Pascual Jordan, Herbert Arthur Stuart und Erich Schumann. Während die DPG darüber diskutierte und abwiegelnd reagierte, machte Ursula Martius ihren Doktortitel in Experimentalphysik an der Technischen Universität Berlin bei Hartmut Kallmann, der selbst von der Judenverfolgung betroffen gewesen war. Sie suchte verständlicherweise nach Möglichkeiten für eine Emigration aus Deutschland, dass sie sowohl im Dritten Reich wie auch in seinem anschließenden apologetischen Umgang mit den verbleibenden Nationalsozialisten enttäuscht hatte. Als sie 1949 eine Postdoktorand:innen-Stelle an der University of Toronto antreten konnte, verließ sie ihr Geburtsland für immer.

Sie heiratete Fred Franklin, der ebenfalls in Deutschland als Jude verfolgt worden war und im Exil in England mit dem Quäkertum in Berührung gekommen war. Gemeinsam mit ihm sollte sie später, auf der Suche nach einer spirituellen Heimat für ihre Familie, ganz zum Quäkertum konvertieren.

Im Jahr ihrer Eheschließung, 1952, begann sie bei der Ontario Research Foundation zu arbeiten, zunächst als Forschungsstipendiatin, später als leitende Wissenschaftlerin. Sie wurde zur Spezialistin für Archäometrie, also der Anwendung naturwissenschaftlicher Methoden zur Klärung von archäologischen Fragen. Zum Beispiel fand Franklin mit Hilfe physikalischer Analysemethoden heraus, dass das schwarze Eisenoxid auf prähistorischen, chinesischen Bronze-Fundstücken kein zufälliges Ergebnis war, sondern mit Absicht auf die „Schwarzen Spiegel“ aufgetragen worden war. Auch die Altersermittlung von Glas gehörte zu ihrer Expertise, so leitete sie eine Studie zu Überresten von Glasperlen, die zur Bezahlung unter anderem im Sklavenhandel verwendet wurden (Link Englisch).

1967 wurde sie an der University of Toronto die erste außerordentliche Professorin für den Fachbereich Metallurgie und Materialwissenschaft. Sechs Jahre später wurde sie volle Professorin. In den 1970er Jahren saß sie einer Studie vor, die die Möglichkeiten des Ressourcenerhalts und des Naturschutzes untersuchte – ihre Arbeit daran lag ihrer späteren Philosophie der Technik zugrunde.

Franklin war auch politisch aktiv, unter anderem in der Organistation Voice of Women (heute Canadian Voice of Women for Peace, Link Englisch). Durch diese war sie an der Baby Tooth Survey (Link Englisch) beteiligt, einer Studie, die anhand der Untersuchung von Milchzähnen menschlicher Kinder die Auswirkungen von Kernwaffenttests untersuchte. Mit Postern in Klassenzimmern wurden Grundschulkinder aufgefordert, ihre ausgefallenen Milchzähne an die Studienausführenden zu senden, dafür bekamen sie einen Anstecker. Schon früh im Laufe der Studie konnten in den Zähnen erhöhte Strontium-90-Werte festgestellt werden; später zeigte die Studie, dass die Milchzähne von Kindern aus dem Jahr 1963 fünfzig Mal mehr Strontium-90 angesammelt hatten als die von Kindern aus den 1950er Jahren. Eine radioaktive Belastung dieser Generation war damit eindeutig nachgewiesen. Die Studie trug dazu bei, die überirdischen Kernwaffentests der USA zu beenden (damit ist Ursula Franklin im Übrigen „Kollegin“ von Katsuko Saruhashi).

Ihre politische Arbeit stand stets im Zeichen feministischen Pazifismus. In den 1980er Jahren nahm sie an einer Kampagne teil, die von der kanadischen Regierung für Kriegsdienstverweigerer das Recht forderte, Einfluss auf die Verwendung der von ihnen gezahlten Steuern zu nehmen – dass diese also nicht für militärische, sondern nur für friedliche Zwecke ausgegeben würden. Die Kampagne wurde leider nicht vom Obersten Gerichtshof angehört und scheiterte. Nachdem sie 1987 emeritierte, schloss sie sich mit einigen anderen weiblichen Fakultätsmitgleidern im Ruhestand zusammen und verklagte die University of Toronto auf Schadensersatz: Die Universität habe sich bereichert, indem sie Frauen mit gleicher Qualifikation wie ihre männlichen Kollegen schlechter bezahlt habe. Im Jahr 2002 erkannte die Universität ihre Schuld an und zahlte an etwa 60 Frauen Ausgleichszahlungen.

Sie blieb auch im akademischen Ruhestand philosophisch und politisch tätig. In einem Artikel On Theology and Peace (Über Theoligie und Frieden) von 1987 schrieb sie: „Frieden ist nicht die Abwesenheit von Krieg, Frieden ist die Abwesenheit von Angst.“ (‚Peace is not the absence of war, peace is the absence of fear‚, Quelle: Wiki Englisch; ein fundamental anderer Ansatz als Ronald Reagans Peace is not the absence of conflict, but the ability to cope with conflict by peaceful means, der vom Konflikt als gegeben ausgeht.) Diese Angst, die den Frieden stört, sei nicht nur Angst vor Krieg und Gewalt, sondern auch die Angst, die durch wirtschaftliche Unsicherheit, Arbeitslosigkeit und drohender Obdachlosigkeit entsteht. Über diese Ängste steuere das, was Franklin als ‚das Bedrohungssytem‘ bezeichnet, die Menschen, indem es gerade wirtschaftliche Unsicherheit und Angst schüre. Frieden, also die Freiheit von Angst, sei laut Franklin allein durch soziale Gerechtigkeit zu erreichen, die Gleichberechtigung/Gleichheit (equality) für alle bringe. Sie deutet an, dass in einer Gesellschaft, die am Konsum orientiert ist, Krieg und Gewalt das unausweichliche Resultat eines raffgierigen Lebensstil seien, der Fürsorge und soziale Gerechtigkeit ablehne.

Nachdem sie 1989 die Massey-Vorträge an der University of Toronto gehalten hatte, veröffentlichte sie 1992 das Buch The Real World of Technology (Link: Goodreads), das auf ihren Vorträgen basierte.

In einem lesenwerten Brief an eine Studentin (PDF zum Download auf Englisch) spricht sie 1993 über die Möglichkeit – und die Dringlichkeit –, als Feministin eine wissenschaftliche Karriere zu verfolgen. Sie führt das Beispiel der Anitbabypille an, deren gesundheitliche ‚Nebenwirkungen‘ verharmlost würden, weil sie Frauen betreffen, und zitiert ihre Kollegin Margaret Benston (Link Englisch): „Als Frauen und als Feministinnen müssen wir anfangen, mit der Wissenschaft und der Technologie umzugehen, die unser Leben und sogar unsere Körper bestimmt. Wir sind die Objekte schlechter Wissenschaft gewesen; jetzt müssen wir die Erschaffer einer neuen sein.“ (übersetzt nach Quelle: Canadian Woman Studies)

Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 unterstrich Ursula Franklin ihre bereits zuvor geäußerte Meinung, dass Krieg und Gewalt nicht nur moralisch falsch sind, sondern auch nicht zielführend, noch dazu unpraktisch und teuer: „Krieg funktioniert nicht, nicht einmal für die Krieger.“ (übersetzt nach Quelle: Wiki Englisch) Gewalt habe in den vergangenen 50 Jahren nichts gelöst. Zum ersten Jahrestag der Anschläge schrieb sie, es wäre hilfreicher gewesen, 9/11 nicht als kriegerischen Akt, sondern als ‚politisches Erdbeben‘ zu betrachten, denn soziale und politische Strukturen seien nun mal so instabil wie geologische. „Geologische Brüche und menschliche Terroristen entstehen in einem Zusammenspiel der Kräfte, die verstanden und – manchmal – gemildert werden können. Beide können nicht durch Bomben verhindert werden.“ (übersetzt nach Quelle: Wiki Englisch) Für ihre Friedensarbeit wurde ihr 2001 die Pearson Medal of Peace verliehen (überreicht: 2002).

2006 kam The Ursula Franklin Reader: Pacifism as a Map heraus, eine Sammlung ihrer Texte, in denen sie sich der Möglichkeit einer friedlichen Gesellschaft nähert, insbesondere beeinflusst von ihrer Überzeugung vom Quäkertum. Im Clip unten spricht sie darüber.

3D Dialogue: Jesse Hirsch im Gespräch mit Ursula Frnaklin über Pacifism as a Map (Englisch)

In einem Text im Reader spricht sie etwa über die Globalisierung, die sie nicht für eine friedliche Lösung hielt, sondern für eine Verlagerung der bestehenden Konflikte in andere gesellschaftliche Bereiche. Das Ende des Kalten Krieges habe gewaltvolle Auseinandersetzungen regional auf kleinere Staaten verlagert, gleichzeitig sei der politische Konflikt durch den wirtschaftlichen Konflikt ersetzt worden. Der neue Feind dieses Konflikt sei jede:r, di_er die Werte der Gemeinschaft schätze über den materiellen Werten: „Was immer nicht ge- oder verkauft werden kann, was immer nicht in Geld oder Gewinn-Verlust-Rechnungen ausgedrückt werden kann, steht dem ‚Markt‘ als Feindesland im Weg und muss besetzt, verändert und bezwungen werden.“ (übersetzt nach Quelle: Wiki Englisch) Wer dagegen Widerstand leisten wolle, müsse sich der Sprache des Besatzers widersetzen und Begriffe wie stakeholder, Nutzer, Gesundheitsdienstleister, Bildungsdienstleister ablehnen, wenn von Lehrenden, Pflegenden, Heilenden die Rede sei. Auch die kreative Nutzung elektronischer Medien sei wichtig, um die Informationskontrolle der Besatzungsmacht zu umgehen.

Im April 2013 spendete Franklin ihre Schriftensammlung von insgesamt 220 Texten, die sich aus westlicher Perpsektive mit der chinesischen Kultur befassten, an das Konfuzius-Institut des Seneca College Toronto. Drei Jahre später, am 22. Juli 2016, starb Ursula Franklin mit 94 Jahren.

So sehr mich die Fülle des englischen Wikipedia-Eintrags zu Ursula Franklin beglückt hat und so begeistert ich von ihren Zitaten und Gedanken war, so schwierig fand ich die zeitliche Einordnung dieser Gedanken – der deutsche Beitrag geht auf ihre Technikphilosophie nur mit einem Satz ein, der englische Beitrag stellt die Inhalte ihrer Philosophie hingegen losgelöst von ihrer Biografie vor. Auch die oben aufgeführten Inhalte zu Pazifismus und Feminismus mehr inhaltlich denn chronologisch gegliedert. Dennoch empfehle ich die Lektüre des englischen Beitrags, weil er recht ausführlich auf ihre Thesen eingeht. Ich hätte ihre Philosophie gerne eingehender vorgestellt, nicht nur, weil sie faszinierende Gedankengänge beinhaltete, sondern auch, weil sie mir aktueller denn je erscheint. Möglicherweise werde ich mir die Übersetzung des englischen Beitrags für die deutsche Wikipedia auf den Zettel schreiben.

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Ebenfalls diese Woche

17. September 1888: Michiyo Tsujimura (Link Englisch)
Mit ihrer biochemische Analyse des Grünen Tees erlangte die Japanerin als erste Frau ihres Landes einen Doktortitel in Agrarwissenschaft.

19. September 1915: Elizabeth Stern (Link Englisch)
Die kanadische Pathologin lieferte entscheidende Erkenntnisse über die Zusammenhänge von Zelldysplasie und späteren Krebserkrankungen, insbesondere der Gebärmutter. Ihr verdanken wir, dass Gebärmutterkrebs nicht mehr mit SIcherheit tödlich endet, sondern ein Risiko früh erkannt und der Krebs erfolgreich behandelt werden kann. Auch den Einfluss der Hormonmenge in frühen Verhütungspillen erkannte sie.

37/2020: Idelisa Bonnelly, 10. September 1931

Idelisa Bonnelly (Link Englisch) kam in Santiago de los Caballeros, der zweitgrößten Stadt der Dominikanischen Republik, zur Welt. Mit 22 Jahren schrieb sie sich an der Columbia University in New York ein und machte dort drei Jahre später ihre Bachelor of Science in Meeresbiologie. Anschließend studierte sie bis zu ihrem Mastertitel 1961 an der New York University, danach arbeitete sie als Forschungsassistentin am New York Aquarium (Link Englisch). Bereits im Folgejahr kehrte sie in ihre Heimat in der Karibik zurück, um an der Universidad Autónoma de Santo Domingo den ersten Fachbereich ihres Heimatlandes für das Fach Biologie zu gründen.

1966 gründete Idelisa Bonnelly das Institut für Meeresbiologie an der Universität in Santo Domingo, aus dem später das Forschungszentrum für Meeresbiologie (Centro de Investigación de Biología Marina, CIBIMA) hervorgehen sollte. Dort lehrte sie von 1967 bis 1986, im Anschluss war sie weitere sechs Jahre als Studienkoordinatorin dort tätig.

Auch die Akademie der Wissenschaft der Dominikanischen Republik gründete Bonnelly, im Jahr 1974. Sie veröffentlichte zahlreiche Arbeiten, die großen Einfluss auf den Erhalt der Meeresressourcen hatten und zur Grundlage von Umweltrecht hinsichtlich der Küste und des Meeres der Dominikanischen Republik wurden. In den 1980er Jahren war sie entscheidend beteiligt an der Schaffung eines Schutzgebiets für Buckelwale vor der Küste von Hispaniola. Dafür erhielt sie 1986 den Verdienstorden für Frauen in der Wissenschaft von der Regierung der Republik. Im folgenden Jahr wurde ihr der National Science Prize von der Akademie der Wissenschaften verliehen, die UN nahm sie in die Global 500 Roll of Honour des UNEP auf.

Ihre Universität verlieh ihr 1990 die Ehrendoktorwürde. Kurz darauf gründete sie die Dominikanische Stiftung der Meeresforschung (Fundación Dominicana de Estudios Marinos, FUNDEMAR), die auch ein Reservat für Meeressäuger betreibt. Sie schloss sich auch der Organization for Women in Science for the Developing World (TWOWS, Link Englisch) an.

Neben anderen Auszeichungen erhielt sie auch 2009 die Marie Curie Medaille der UNESCO, die BBC nannte sie 2013 eine der zehn wichtigsten weiblichen Wissenschaftlerinnen von Lateinamerika.

Ebenfalls diese Woche

7. September 1830: Mary Treat (Link Englisch)
Die amerikanische Naturkundlerin schrieb in 28 Jahren 76 Artikel zu diversen Themen, von Insektenkunde über Ornithologie bis hin zur Botanik, in der zweiten Hälfte ihres Lebens verdiente sie damit ihren Lebensunterhalt nach der Trennung von ihrem Ehemann. Über fünf Jahre, beginnend 1871, korrespondierte sie mit Charles Darwin über fleischfressende Pflanzen.

10. September 1859: Marcia Keith (Link Englisch)
Von dieser amerikanischen Physikerin wird angenommen, dass sie die individuelle Laborarbeit von Schülern der Naturwissenschaften einführte. Sie unterrichtete Mathematik und Physik und war Gründungsmitglied der American Physical Society.

10. September 1907: Dorothy Hill (Link Englisch)
Die australische Paläontologin war Australiens erste weibliche Universitätsprofessorin und die erste weibliche Präsidentin der Australian Academy of Sciences.

11. September 1845: Mary Anne Stebbing (Link Englisch)
Viele der Zeichnungen dieser botanischen Illustratorin verbrannten 1881, doch einige befinden sich noch im Archiv der Royal Botanic Gardens in Kew.

12. September 1897: Irène Joliot-Curie
Als Tochter der ersten Nobelpreisträgerin überhaupt war sie prädestiniert für große wissenschaftliche Erkenntnisse. Die Chemikerin und Physikerin erhielt 1935 selbst den Nobelpreis in Chemie, gemeinsam mit ihrem Mann Frédéric Joliot-Curie, für die Entdeckung der künstlichen Radioaktivität.

33/2020: Gerty Cori, 15. August 1896

frauenfiguren gerty cori
By National Library of Medicine, Images from the History of Medicine, B05353, Public Domain

Gerty Cori kam in Prag als Gerty Radnitz zur Welt; ihr Vater, Otto Radnitz, war ein Chemiker, der eine Methode zur Raffination von Zucker erfunden hatte und nun eine eigene Zuckerfabrik leitete, ihre Mutter, Martha geborene Neustadt, war eine kulturell interessierte Frau, die mit Franz Kafka befreundet war. Gerty und ihre beiden jüngeren Schwestern erhielten zunächst Privatunterricht, bevor sie mit zehn Jahren auf das Lyzeum gingen.

Mit 16 Jahren wusste Gerty, dass sie Medizin studieren wollte, ihr fehlten bis dahin jedoch noch einige schulische Kenntnisse. Um diese einzuholen, lernte sie innerhalb eines Jahres die Inhalte von acht Schuljahren Latein und fünf Schuljahren Physik, Chemie und Mathematik. So bestand sie mit 18 Jahren die Aufnahmeprüfung für das Medizinstudium an der Deutschen Karl-Ferdinands-Universität Prag.

Im Studium lernte sie Carl Cori kennen. Die beiden verliebten sich und schlossen 1920 gemeinsam – nachdem Carl zwischenzeitlich im Ersten Weltkrieg eingezogen worden war – ihr Medizinstudium ab. Im gleichen Jahr heirateten sie, wofür Gerty vom Judentum zum Katholizismus konvertierte, und zogen nach Wien. Dort arbeitete Gerty als Assistenzärztin im Karolinen-Kinderspital und erforschte die Funktion der Schilddrüse bei der Regulation der Körpertemperatur. Außerdem schrieb sie mehrere Aufsätze zu Blutkrankheiten. Die Lebensumstände nach dem Krieg waren schwierig, oftmals fehlte es an Lebensmitteln, sodass Gerty sogar Augenprobleme entwickelte, die auf einen Vitamin-A-Mangel zurückzuführen waren. Zur gleichen Zeit wurde der Antisemitismus im Land immer offensichtlicher, sodass das Ehepaar Cori 1922 in die USA auswanderte.

Carl fand eine Anstellung beim State Institute for the Study of Malignant Diseases (heute Roswell Park Cancer Institute, Link Englisch), während Gerty zunächst weitere sechs Monate in Wien blieb, weil sie keine Anstellung fand. Sie zog jedoch schließlich nach und arbeitete mit ihrem Mann im Labor, obwohl der Leiter des Insituts sogar drohte, Carl Cori zu entlassen, wenn Gerty nicht aufhörte. Die beiden ließen sich nicht beirren und erforschten gemeinsam, wie Glucose mit Hilfe von Hormonen im menschlichen Körper verstoffwechselt wird. Das Ehepaar veröffentlichte in der Zeit in Roswell insgesamt 50 Aufsätze gemeinsam – wobei die- oder derjenige zuerst als Autor:in genannt wurde, der oder die die meiste Arbeit geleistet hatte – und Gerty Cori veröffentlichte noch elf weitere Schriften als alleinige Autorin.

1928 nahmen die Coris die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Im Folgejahr stellten sie ihre Theorie vor, die ihnen schließlich den Nobelpreis einbringen sollte: den Cori-Zyklus. Dieser beschreibt den biochemischen Kreislauf im menschlichen Körper, mit dem Glucose in den Muskeln zu Lactat umgewandelt wird – Glykolyse genannt – , während gleichzeitig Lactat kurzzeitig in der Leber zu Glucose zurückgebildet wird – Gluconeogenese genannt. Diese Erkenntnis, wie die Verwertung von Zucker in den Muskeln funktioniert, sowie der Rolle der Leber dabei war eine wichtige Grundlage für das Verständnis und somit der Behandlung von Diabetes mellitus.

Diese junge Frau erklärt auf dem Kanal FitfürBiochemie den Cori-Zyklus für halbwegs in die Chemie Eingeweihte

Zwei Jahre, nachdem sie diese Theorie veröffentlicht hatten, verließen sie das Insitut in Roswell. Carl wurden mehrere Stellen ohne Gerty angeboten, eine Position in Buffalo lehnte er ab, weil sie ihm durchaus nicht erlauben wollten, mit seiner Frau zu arbeiten. Gerty wurde sogar ausdrücklich vorgeworfen, sie schade der Karriere ihres Mannes, wenn sie weiter mit ihm arbeite. Schließlich ging das Ehepaar Cori gemeinsam an die Washington University in St. Louis, Missouri, wo ihnen beiden Stellungen angeboten worden waren, allerdings in Gertys Fall in einer niedrigeren Position, mit folgerichtig schlechterer Bezahlung: Sie verdiente als Forschungsassistentin nur ein Zehntel von Carls Gehalt. Arthur Compton, zu dieser Zeit Rektor der Universität, machte für die Coris eine Ausnahme von der Nepotismus-Regel, mit der auch Maria Goeppert-Mayer Schwierigkeiten hatte. Bei ihrer gemeinsamen Arbeit an der Washington University entdeckten Gerty und Carl Cori das Glucose-1-phosphat, eine Form von Glucose, das in vielen Stoffwechselvorgängen eine Rolle spielt und auch nach ihnen Cori-Ester heißt. Sie beschrieben seine Struktur, identifizierten das Enzym, das den Cori-Ester katalysiert und bewiesen, dass Glucose-1-phosphat der erste Schritt in der Umwandlung des Kohlehydrats Glykogen zu Glucose ist, welche im Körper als Energie verwertet werden kann.

Gerty Cori erforschte zur gleichen Zeit auch Glykogenspeicherkrankheiten und identifzierte mindestens vier davon, die jeweils mit individuellen Enyzymdefekten zusammenhängen; die verhältnismäßig harmlose Typ III-Glykogen-Speicherkrankheit heißt nach ihr auch Cori-Krankheit. Sie war die erste Person, die nachwies, dass eine vererbte Krankheit mit einem Enzymdefekt zusammenhängen kann.

Nach 13 Jahren an der Washington University wurde Gerty Cori endlich außerordentliche Professorin und vier Jahre später, 1947, auch volle Professorin. Im gleichen Jahr erfuhr sie, dass sie an Myelosklerose litt, und wenige Monate später wurde ihr gemeinsam mit ihrem Mann und dem argentinischen Physiologen Bernardo Alberto Houssay der Nobelpreis für für Physiologie oder Medizin verliehen. Sie war insgesamt erst die dritte Frau mit einem Nobelpreis – Marie Curie und deren Tochter Irène Joliot-Curie waren die ersten beiden, die diesen Preis für Physik respektive Chemie erhalten hatten. Gerty Cori hingegen war nun die erste Frau, die in der Kategorie Physiologie und Medizin ausgezeichnet wurde.

Im Anschluss an diesen Erfolg wurde sie Fellow der American Academy of Arts and Sciences, als viertes weibliches Mitglied in die National Academy of Sciences gewählt sowie von mehreren anderen Societies aufgenommen, von Harry S. Truman wurde sie zum Ratsmitglied der National Science Foundation ernannt. Nachdem sie jahrzentelang gegen den Widerstand von Entscheidern unbeirrt mit ihrem Mann zusammengearbeitet hatte, wurde ihr nun zwischen 1948 und 1955 die Ehrendoktorwürde an fünf Universitäten verliehen – an der Boston University, am Smith College, an der Yale University, an der Columbia University und an der University of Rochester. Insgesamt gewann sie, zum Teil gemeinsam mit ihrem Mann, sechs hochdotierte wissenschaftliche Preise. Sie arbeitete noch weitere zehn mit immer schlechterer Gesundheit, bis sie am 26. Oktober 1957 an der Myelosklerose verstarb.

1998 wurde Gerty Cori in die National Women’s Hall of Fame aufgenommen. Das Labor an der Washington University, in dem sie gearbeitet hatte, wurde 2004 von der American Chemical Society (deren Mitglied sie war) zur Historic Landmark erklärt. Vier Jahre später brachte der US Postal Service eine 41-cent-Briefmarke ihr zu Ehren heraus. Krater auf dem Mond und der Venus sind nach ihr benannt und noch 2015 taufte das US Department of Energy den Hochleistungrechner im Berkeley Lab nach ihr, der als fünfter in der Liste der 500 leistungsfähigsten Computer rangiert.

Die Website des Nobelpreises führt selbstverständlich ihre Biografie (Link Englisch).

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Ebenfalls diese Woche

12. August 1898: Maria Klenova (Link Englisch)
Als Begründerin der russischen Meeresgeologie erforschte sie beinahe dreißig Jahre lang die Polarregionen und war die erste Frau, die vor Ort in der Antarktis arbeitete.

12. August 1919: Margaret Burbidge
Diese amerikanische Astronomin tauchte bereits im Beitrag über Vera Rubin auf; die erste weibliche Direktorin des Royal Greenwich Observatory forschte zu Quasaren und wie Rubin zur Rotation von Galaxien.

15. August 1892: Kathleen Curtis (Link Englisch)
Die neuseeländische Mykologin begründete die Pflanzenpathologie in ihrer Heimat; ihre Doktorarbeit schrieb sie über Kartoffelkrebs und sie beschrieb 1926 erstmalig einen Bovisten, der endemisch in Tasmanien und Neuseeland auftritt und heute vom Aussterben bedroht ist, den Claustula fischeri (Link Englisch).