Schlagwort: kalender

48/2019: Emma Morano, 29. November 1899

Emma Morano wurde als ältestes von acht Kindern kurz vor dem Ende des 19. Jahrhunderts in einem Dorf in Piemont geboren.

Mit 19 Jahren litt sie an Anämie und ihr Arzt empfahl ihr, jeden Tag zwei Eier zu essen – roh oder gekocht. Daran hielt sie sich zeit ihres Lebens. Als sie 26 war, heiratete sie, ihr einziges Kind kam elf Jahre später auf die Welt und starb in den ersten Monaten. Ihr Ehemann schlug sie und sie warf ihn ein weiteres Jahr später hinaus.

Morano arbeitete in einer Jutefabrik und später in der Küche eines katholischen Internats, bis sie sich mit 75 Jahren zur Ruhe setzte.

Als am 12. Mai 2016 die US-Amerikanerin Susannah Mushatt Jones starb, wurde Emma Morano die älteste noch lebende Person der Welt und die letzte noch lebende Person, die nachweislich vor Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurde.

Sie war eine von den 15 Personen, die das 116. Lebensjahr erreichten, und zum Zeitpunkt ihres Todes am 15. April 2017 eine von 6, die das 117. Lebensjahr erreichten. Danach war Violet Brown aus Jamaika die älteste Person der Welt, seither abgelöst von mehreren Frauen aus Japan, USA, Frankreich und den Niederlanden.

Wie so oft liegt auch bei Emma Morano das Geheimnis eines langen Lebens nicht unbedingt in einer sehr gesunden Ernährung oder einem anderweitig übermäßig vorsichtigen Lebenswandel. Laut eines Artikels in USA Today, anlässlich es Todes von Mushatt Jones, gehörten rohe Eier weiterhin in die an Obst und Gemüse arme, sehr repetetive Diät von Morano. Ihr Arzt vermutet wenig überraschend eine genetische Komponente – viele der Frauen in Moranos Familie waren sehr langlebig, eine ihrer Schwestern wurde 102. Höchstens ihr sehr regelmäßiger Tagesablauf ließe sich anführen, sie ging jeden Tag vor 19:00 ins Bett und stand am nächsten Morgen vor 6:00 auf. Das und: Sie lebte nach der Trennung von ihrem Ehemann 79 Jahre lang allein.

47/2019: Marianne Breslauer, 20. November 1909

Marianne Breslauer begann mit 18 Jahren ihre Ausbildung als Fotografin an der Photographischen Lehranstalt Lettehaus, weil sie zwei Jahre zuvor eine Ausstellung der Riess besucht hatte und sich seither für diese neue Kunstrichtung begeisterte. Mit 20 schloss sie diese Ausbildung mit einer Gesellenprüfung (bzw. Gehilfenprüfung) ab; sie nahm im selben Jahr mit ihren Bildern an einer Ausstellung in Stuttgart teil und ging anschließend nach Paris.

Dort entwickelte sie sich von den festen handwerklichen Regeln der Portraitfotografie, die sie in ihrer Ausbildung erlernt hatte, weiter hin zu den innovativen Ideen des Neuen Sehens, auch der Impressionismus nahm Einfluss auf ihre Bilder. Über eine Freundin wurde sie kurzfristig Schülerin von Man Ray, doch der riet ihr, mit ihren Fähigkeiten ihren eigenen Weg, unabhängig von ihm, zu gehen.

Bei einer Anstellung in einem Berliner Fotoatelier erlernte sie die Entwicklung und Negativvergrößerung, bis in die 1930er Jahre konnte Breslauer ihre Bilder erfolgreich an diverse Zeitungen und Magazine verkaufen. 1931 erschloss sie sich mit einer Reise nach Palästina auch das Gebiet der Reisereportage, etwa mit Annemarie Schwarzenbach über die spanischen Pyrenäen. Doch Breslauers jüdische Herkunft wurde bei Veröffentlichungen in Deutschland zum Problem. Sie weigerte sich, ihre Bilder unter einem Pseudonym erscheinen zu lassen und ging 1933 schließlich, ohne festen Wohnsitz, ins Ausland. Erst 1936 ließ sie sich mit ihrem Ehemann, dem Kunsthändler Walter Feilchenfeldt, in Amsterdam nieder, die Fotografie gab sie auf zugunsten des Geschäfts, das sie mit ihrem Mann betrieb. Die beiden befanden sich mit ihrem neugeborenen ersten Sohn in der Schweiz, als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, und sie blieben dort in verhältnismäßiger Sicherheit. 1944 bekamen sie einen zweiten Sohn, nach Kriegsende gründeten sie ein Kunsthandelsunternehmen. Als Walter senior 1953 starb, übernahm Marianne Breslauer Feilchenfeldt das Geschäft zunächst alleine, sie wurde die erste Frau, die sich erfolgreich in dem (natürlich) männerdominierten Metier behauptete. Später stieg ihr ältester Sohn mit in das Unternehmen ein.

In den 1980er Jahren wurden Breslauers Arbeiten von der Kunstszene wiederentdeckt. Nachdem sie 2001 starb, ging ihr Nachlass an die Fotostiftung Schweiz; auf deren Seite findet sich auch eine ausführliche Biografie mit einigen Bildern. Zur Ausstellung Marianne Breslauer – Unbeachtete Momente, die die Berlinische Galerie 2010 zeigte, schrieb die Jüdische Allgemeine einen Bericht mit kritischer Perspektive.

Google-Ergebnisse für Marianne Breslauer

46/2019: Wendy Carlos, 14. November 1939

Wendy Carlos wurde in eine Arbeiterfamilie mit musikalischem Talent geboren, ihre Mutter spielte Klavier und sang, ein Onkel spielte Posaune. Wendy selbst lernte das Klavierspiel und kompinierte mit sechs Jahren ihr erstes Stück. Gleichzeitig interessierte sie sich für die frühe Informatik, mit vierzehn gewann sie ein Stipendium, indem sie eigenhändig einen Computer baute. Mit 23 machte sie einen ersten Abschluß in Physik und Musik an der Brown University und ging anschließend and die Columbia University, wo sie ihren Master in Komposition machte. Während des Studiums schrieb sie bereits die Musik für einige Studentenfilme und assistierte Leonard Bernstein während eines Abends für elektronische Musik in der David Geffen Hall. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete sie in einem Tonstudio.

In dieser Zeit traf sie zwei Menschen, mit denen sie erfolgreich zusammenarbeiten sollte. Robert Moog hatte sich bereits mehrere Jahre mit Thereminen und elektronischer Klangerstellung befasst (Höhepunkt seines Lebens soll es gewesen sein, das Theremin von Clara Rockmore reparieren zu dürfen). Moog hatte mit der Konstruktion seines Synthesizers begonnen, Wendy Carlos assistierte ihm und machte ihm hilfreiche Vorschläge. Sie komponierte Werbejingles und nahm Soundeffekte auf der Moog auf, für eine Veröffentlichung, in der sie die technischen Möglichkeiten des neuartigen Instruments vorstellte, wurde sie zu großen Teilen in Materialien von Moog entlohnt.

Für einen Einblick in die Geschichte und technische Komplexität des Moog Synthesizers empfehle ich das unten geteilte Video (Englisch).

Die andere langjährige Freundschaft und musikalische Partnerschaft, die Wendy Carlos während ihrer Zeit an der Columbia University begründete, war die zu Rachel Elkind. Die beiden teilten eine Wohnung, ein Studio und Geschäftsräume und arbeiteten gemeinsam an Carlos‘ Musik, bis Elkind 1980 mit ihrem Mann nach Frankreich zog. Elkind war die Stimme, die Carlos für ihre Arbeiten in ihrem Vocoder verfremdete; Carlos war stets der Ansicht, dass Elkinds Beitrag zu ihrer Musik unterschätzt wurde.

Bereits 1967 entstand die Idee, Kompositionen von Johann Sebastian Bach auf einem Synthesizer zu spielen. Dank eines Labels, das eine Verkaufskampagne unter dem Slogan „Bach to Rock“ gestartet hatte, ohne Bach in seinem Programm zu führen, kamen Carlos und Elkind mit dieser Idee zu einem Vertrag, der bis in die 1980er laufen sollte. Die Umsetzung war mit großer Mühe verbunden, da ein Moog Synthesizer stets nur einen Ton zur Zeit spielen konnte – wer erstens die Kompositionen von Bach und zweitens die Technik der Moog Synthesizer kennt (siehe Video oben), bekommt einen Begriff davon, was diese Aufgabe bedeutete. Als das Album Switched-on Bach schließlich 1968 auf den Markt kam, wurde es ein unerwarteter Erfolg. Es hielt sich auf Platz Eins der klassischen Alben in den Vereinigten Staaten von Januar 1969 bis Januas 1972. 1970 gewann es einen Grammy Award, vor allem aber rückte es den Synthesizer als ernstzunehmendes Instrument in ein neues Licht. Der Erfolg des Albums ermöglichte Carlos den Umzug in Elkinds Appartment in New York City.

Nach dem Bach-Album erhielt Carlos zwei Angebote für Filmmusik, eines davon 1971 der Soundtrack zu Stanley Kubricks Uhrwerk Orange. Aus dieser Arbeit gingen zwei Alben hervor, das Soundtrack-Album zum Film sowie eine Veröffentlichung Carlos‘ mit von ihr komponierten Stücken, die nicht im Film verwendet wurden. 1980 arbeitete Carlos wieder mit Kubrick zusammen, für die Musik zu Shining. Obwohl Carlos hierfür einige Stücke komponierte, nutzte Kubrick nur zwei, die Carlos und Elkind zugeordnet werden können.

Nachdem Elkind nach Frankreich gegangen war, schloß sich Carlos wiederum privat und beruflich mit einer Frau zusammen, Annemarie Franklin. Mit ihr gemeinsam entstand zwischen 1980 und 1982 der Soundtrack zu Tron. Im Anschluss an diese dritte Arbeit mit großen Unternehmen ging Carlos einen Vertrag mit einem kleinen Musiklabel ein, um eigene Projekte zu verfolgen. Schon zwischen den publikumsträchtigen Arbeiten am Film hatte sie verschiedene klassische Werke als elektronische Interpretation veröffentlicht, unter anderem basierend auf Bachs Wohltemperiertem Klavier. In den 1980er Jahren experimentierte Carlos nun selbst mit Intonation, Oktaven und Stimmungen, was in in vier mikrotonalen Tonleitern resultierte, die Carlos Harmonisch, Alpha, Beta und Gamma nannte. Diese verwendete sie auf ihrem Album mit eigenen Kompositionen, The Beauty in the Beast.

Eine ziemlich atemlose, aber faszinierende Erläuterung dieses musiktheoretischen Aspekts von Wendy Carlos‘ Werk liefert das folgende Video.

1988 schuf Carlos eine Parodie von Prokofjews Peter und der Wolf in Zusammenarbeit mit Weird Al Yankovic. Auch in den 1990er Jahre und bis heute blieb Carlos in der elektronischen Musik tätig, schrieb Filmmusiken und veröffentlichte weitere Alben.

Bei ihrer Geburt wurde Wendy Carlos aufgrund der Physiognomie das männliche Geschlecht zugewiesen (AMAB) und sie wurde Walter genannt (diesen alten Namen, der das zugewiesende Geschlecht ausweist, bezeichnen trans*Personen als dead name). Schon mit sechs Jahren empfand sie diese Zuschreibung als fehlerhaft. Als sie als junger Mensch nach New York kam, hörte sie zum ersten Mal von transgender*Identität, 1968 begann sie nach einer Therapie bei Harry Benjamin mit Hormongaben zur Geschlechtsumwandlung. Doch noch bis in die 1970er Jahre litt sie unter Geschlechtsdysphorie, trat nicht gerne öffentlich auf und versuchte ihre weiblichen Merkmale bei großen Veranstaltungen zu kaschieren. Der kommerzielle Erfolg von Switched-on Bach erlaubte ihr die kostspielige chirurgische Geschlechtsangleichung. Ende der 1970 machte Carlos ihre trans*Identität in Interviews im Fernsehen und dem Playboy bekannt. Sie stellte fest, dass die Reaktion der Öffentlichkeit weniger negativ ausfiel als befürchtet, bishin zur Gleichgültigkeit – ihr „Versteckspiel“ habe sich als monströse Zeitverschwendung herausgestellt, bemerkte sie 1985 (Quelle: Wikipedia).

Wie auch die oben geteilten Clips kommentiert auch das zeitgenössische Video des BBC Two von 1989 ihre trans*Identität in keiner Weise. So einfach kann es sein.

Ihr Privileg als erfolgreiche weiße Künstlerin spielt bei dieser Erfahrung mit Sicherheit eine Rolle. Gewalttaten gegen trans*Personen, insbesondere schwarze trans*Frauen, werden noch immer zu häufig begangen und noch immer zu häufig werden die Opfer medial falsch gegendert und die Transphobie als Motiv verschwiegen. Dazu führt die Human Rights Campaign eine jährliche Liste und auch bei uns nehmen Gewalttaten gegen Queerfolk zu. In der Gesellschaft ist weder das Verständnis noch die Akzeptanz von trans*Identität so angekommen, wie es wünschenswert wäre. Gerade saß etwa Diana O. – vom Gesetz offiziell als Frau anerkannt – bis Anfang November in einem Männergefängnis ein. Sie wurde wegen Verdachtes auf Drogenbesitz festgenommen, ihre Papier weisen sie als Frau aus, doch weil sie (noch) keine geschlechtsangleichende Operation des Unterleibs hat durchführen lassen, wurde sie in U-Haft in der Männerabteilung festgehalten.

Es war ein schöner Zufall, dass ich Wendy Carlos als Musikerin, die auch meine Kindheit mit beeinflusst hat (Switched-on Bach stand im elterlichen Plattenregal und gehörte zu meinen Favoriten), gerade während der Transgender Awareness Week vorstellen konnte. Ihr Werk als Künstlerin steht im Vordergrund, doch ist ein willkommener Anlass, auf die Tatsache hinzuweisen, dass trans*Identität keine Modeerscheinung der heutigen Jugend ist, sondern zur Geschichte der Menschheit – und zur Kunstgeschichte – gehört.

45/2019: Barbara Liskov, 7. November 1939

Barbara Liskov, geboren in Los Angeles, studierte an der University of California, Berkeley Mathematik als Haupt- und Physik als Nebenfach (als eine von zwei Frauen im Jahrgang). Mit ihrem frisch erworbenen Bachelor-Grad bewarb sie sich 1961 an der gleichen Universität sowie in Princeton für ein vertiefendes Studium (graduate) in Mathematik. Princeton akzeptierte zu dieser Zeit noch keine weiblichen Studentinnen, in Berkeley hätte sie das Studium fortführen können, doch – wie sie im Video unten sagt – fühlte sie sich noch nicht bereit dafür, und entschied sich stattdessen dafür, sich eine Stelle zu suchen. Obwohl sie „nicht einmal wusste, dass es Computer gab“, wurde sie als Programmiererin eingestellt – da es in diesen frühen Zeiten der Comput-er noch keine Programmierer mit abgeschlossenem Studium gab, wurde jede:r, di_er das geringste Interesse oder Talent zeigte, für diese Tätigkeit eingestellt.

Sie wurde damit beauftragt, ein Programm in FORTRAN zu schreiben, was sie erfolgreich ausführte. Im Laufe eines weiteren Projekts beschloss sie, in diesem Bereich ihr Studium weiterzuführen. In ihren eigenen Worten (s.u.): „Ich stellte fest, dass ich einen Bereich gefunden hatte, der mir wirklich gefiel, und in dem ich wirklich gut war. (…) Ich hatte mir alles selbst beigebracht und obwohl ich sehr schnell lernte, dachte ich, ich könnte noch viel schneller lernen.“

Sie ging nach Stanford und war eine von wenigen, die dort in Studienfach der IT in diesem Jahr zugelassen wurden. Sie schrieb ihre Doktorarbeit dort über die Endspiel-Phase in Schach-Computerspielen. Nach Erlangen ihres Doktortitels schritt sie im Bereich der Informatik stetig weiter voran, war an der Entwicklung mehrerer Progrmmiersprachen beteiligt (CLU und Argus) und arbeitete an „objekt-orientierten Programmierungen“. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Jeannette Wing formulierte sie 1987 das nach ihr benannte Liskovsche Substitutionsprinzip. Das Kreis-Ellipse-Problem erläutert lebensnah(er), was genau die Problemstellung und die Lösung sind.

2008 erhielt Liskov für ihre Arbeit in diesem Bereich den Turing Award, sie erhielt außerdem 2004 die John-von-Neumann-Medaille und 2018 den Computer Pioneer Award. Sie erhielt den Ehrendoktortitel der ETH Zürich und ist Mitglied der National Academy of Engineering, Sciences und Arts and Sciences.

Im TED-Talk, den ich hier unten eingebettet habe, erzählt sie sehr anschaulich von ihrer eigenen beruflichen Entwicklung und der der Technik, nicht ohne den einen oder anderen Hinweis auf das Sexismus-Problem in ihrer Branche und der Welt im Ganzen.

44/2019: Lois McMaster Bujold, 2. November 1949

Die Science-Fiction- und Fantasy-Autorin Lois McMaster Bujold hält den Rekord, den Hugo Award für den besten Roman viermal gewonnen zu haben, und zieht damit gleich mit ihrem Kollegen Robert A. Heinlein.

Besonders bekannt ist ihre inzwischen 19-teilige Reihe, die Vorkosigan-Saga, in der allein drei Bücher mit der Hugo Award ausgezeichnet wurden. Diese Science-Fiction-Saga spinnt Bujold um den kleinwüchsigen interstellaren Spion und Söldner Mike Vorkosigan. Die Romane schrieb Bujold nicht in chronologischer Reihenfolge, noch wurden sie in der Abfolge veröffentlicht, in der sie geschrieben wurden. Vielmehr schuf Bujold eine ganze Welt um die Vorgeschichte und Entwicklung des Helden, in der sie sich mit Liebe und Beziehung, aber auch der möglichen Technik und Wissenschaft einer interstellaren Zukunft in 1000 Jahren auseinandersetzt.

Der zweite Teil ihrer Fantasy-Trilogie Curse of Chalion, Paladin der Seelen, gewann neben dem vierten Hugo Award auch noch den Nebula Award und den Locus Award – diese letzteren beiden Preise gewann auch ihr Kurzroman innerhalb der Vorkosigan-Saga Die Berge der Trauer.

43/2019: Doris Lessing, 22. Oktober 1919

Von Doris Lessing habe ich bisher nur Das fünfte Kind gelesen – und das lange vor der Zeit, zu der ich selbst Mutterschaft in Erwägung gezogen habe.

Meiner Ansicht nach setzt sich dieser Roman mit dem Folgenden auseinander: Mit den Ängsten der schwangeren Person, welche Persönlichkeit im eigenen Leib heranwächst, und auch den Schuldgefühlen, welchen Einfluss gerade diese Ängste und Befindlichkeiten auf diese doch ursprünglich unschuldige Persönlichkeit haben. Mit der Frage danach, ob Menschen tatsächlich als tabula rasa auf die Welt kommen oder „das Böse“ in ihnen, das Ausmaß eines möglichen antisozialen Wesens, vielleicht doch schon von der Biologie angelegt ist. Auch mit der Frage, wie sich Eltern gegenüber „schwierigen“ Kindern verhalten können, müssen oder sollten. Und: Mit dem gesellschaftlichen Tabu fehlender „instinktiver“ Mutterliebe.

Das sind allerdings alles nur kurze, notizenhafte Gedanken, da die Lektüre einerseits wie gesagt schon eine Weile zurückliegt und ich immer noch wenig Zeit habe (siehe Beitrag letzte Woche).

42/2019: Anita O’Day, 18. Oktober 1919

Aufgrund vorsehbarer (Herbstferien) und unvorhergesehener Ereignisse (gegebenenfalls später mehr) diese Woche nur etwas Musik von Anita O’Day. Biografie bitte bei Wikipedia lesen, Hörproben unten!

Anita O’Day: Fly me to the moon
Anita O’Day: Honeysuckle Rose
Anita O’Day beim Newport Jazz Festival 1958

41/2019: Carolee Schneemann, 12. Oktober 1939

Die New Yorker Künstlerin Carolee Schneemann setzte sich schon im College mit der unterschiedlichen wechselseitigen Wahrnehmung des männlichen und weiblichen Körpers auseinander. Vor allem die unterschiedliche Wertung der weiblichen Eigenwahrnehmung und -betrachtung durchzieht als Thema ihre Werke: Wie der weibliche Körper als Objekt (männlicher) künstlerischer Betrachtung geschätzt, aber als Subjekt der (weiblichen) künstlerischen Wahrnehmung verpönt ist – diese Diskrepanz begegnete ihr in ihrer Ausbildung und wurde zu einem Thema ihres Schaffens. (In diesem Artikel vom Observer wird dieser Sexismus der Kunst anhand eines Memes sehr schön dargestellt; die darin erwähnte Analyse von John Berger – Ways of Seeing, Episode 2 – habe ich auch gefunden und empfehle die Sichtung!)

„Eine Malerin, die Leinwand verlassen habe, um den Raum der Gegenwart und gelebte Zeit zu aktivieren“ (Quelle: Wikipedia) nannte Schneemann sich selbst. Der Wikipedia-Eintrag ist ausführlich und lädt zu einer weiteren Beschäftigung mit ihrer Kunst (und der ihrer Kollaborateure und Beeinflusser) ein. Ich möchte mich auf nur vier Werke beschränken, die mich persönlich besonders interessieren oder berühren.

Fuses (explizit) ist eine filmische Collage, in der Schneemann Bilder ihrer selbst und ihres damaligen Partners James Tenney nackt und bei sexuellen Handlungen, in nicht-chronologischem Schnitt und mit künstlerischer, analoger Bildbearbeitung – immer wieder erscheint auch ihre Katze wie ein neutraler Beobachter des Gezeigten. Angestoßen zur filmischen Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper in der Kunst und beim Sex wurde Schneemann von Stan Brakhage und dessen Window Water Baby Moving (explizit), welcher künstlerisch bearbeitet eine Geburt zeigt. Mit Fuses setzte sich Schneemann mit der Frage auseinander, ob die Darstellung des eigenen sexuellen Aktes sich von Prongraphie und klassischer Kunst unterscheidet. Obwohl das Video nicht ausgesprochen „pornographisch“ ist, wurden ihr Zügellosigkeit und narzisstischer Exhibitionismus vorgeworfen. Schneemann selbst merkte an, dass die künstlerische Bearbeitung für viele Betrachter hinter dem expliziten sexuellen Inhalt zurücktritt.

Ein Malerei-Happening, bei dem sich Schneemann in ein Geschirr hängte, um sie umgebende Wände mit Wachsmalstiften zu bemalen, ist Up to and Including Her Limits. Auch hier die Beschäftigung mit den Begrenzungen und Beschränkungen des weiblichen Körpers in der Kunst.

Von Interior Scroll gab es zwei Ausgaben. Eine erste fand auf einer Kunstausstellung namens Women Here and Now statt, zu Ehren des Jahres der Frau der Vereinten Nationen 1975. Schneemann stand unbekleidet bis auf ein Tuch und eine Schürze auf einem Tisch und las aus ihrem Buch Cézanne, she was a great painter, während sie wechselnde Posen einnahm, wie sie in Übungsklassen zum Aktzeichnen üblich sind. Nachdem sie die Schürze ausgezogen hatte, zog sie eine fortlaufende Papierrolle aus ihrer Vagina, von der sie einen Text vorlas, der aus einem ihrer Experimentalfilme stammte. Sie wiederholte diese Performance zwei Jahre später auf einem Filmfestival, zu dem Brakhage sie eingeladen hatte, namens The Erotic Woman. Aus Protest gegen diesen eingrenzenden Titel verlas dieses Mal von der Papierrolle eine Unterhaltung mit einem ungenannt bleibenden Filmkritiker (welchen sie später als die Filmkritikerin Annette Michelson enttarnte), in welcher sie für ihre „weibliche“ Kunst kritisiert wird. Sie wollte mit dieser Performance „die unsichtbare, marginalisierte und zutiefst unterdrückte Geschichte der Vulva [physikalisieren], diese mächtige Quelle des orgasmischen Vergnügens, der Geburten, der Transformation, der Mesntruation, der Mutterschaft, um zu zeigen, dass sie kein toter, unsichtbarer Ort ist“. (Quelle: Hyperallergic.com, Forty Years of Carolee Schneemann’s „Interior Scroll“)

Eine Variation dieser Veräußerung des vaginalen Inneren ist übrigens Casey Jenkins‘ Casting Of My Womb.

Mit einem jüngeren Werk stieß Schneemann wiederum auf Sensibilität: Die Bilder von Terminal Velocity entstanden wenige Monate nach dem 11. September 2001. Schneemann scannte Zeitungsfotos von neun Menschen, die aus dem World Trade Center in den Tod sprangen, und zoomte mit digitaler Technik soweit in die Bilder, dass diese als Individuen in einer verzweifelten Situation begreifbar wurden. Kritik erntete sie dafür aufgrund der Möglichkeit, dass diese Personen auf den Bildern von ihren Angehörigen erkannt werden könnten und damit Leid verursacht würde.

Carolee Schneemann starb am 6. März dieses Jahres. Deutschlandfunk Kultur führte anlässlich ihres Todes ein Interview mit Sabine Breitwieser, die Schneemanns Kunst 2015 für das Museum der Moderne in Salzburg kuratierte.

40/2019: Brie Larson, 1. Oktober 1989

Brie Larson spielte in den frühen 2000er Jahren diverse kleinere Rollen in Filmen und Fernsehserien. Von 2009 bis 2011 spielte sie Toni Colettes Teenager-Tochter in der Serie Taras Welten (die ich bei der Recherche für diesen Beitrag gerade für mich bei unserem Streaming-Anbieter gefunden und sehr empfehlen möchte; Toni Colette gehört sowieso seit Muriels Hochzeit zu den Frauen*, die ich sehr verehre), 2010 in Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt (auch eine Empfehlung von mir), für ihre Rolle in Raum gewann sie 2016 mit 27 Jahren den Golden Globe und einen Oscar als beste Schauspielerin.

Im gleichen Jahr wurde bereits bekannt gegeben, dass sie die Rolle der Captain Marvel im gleichnamigen Film im Marvel Cineamatic Universe (MCU) spielen sollte. Als der 21. Film – und drittletzten der „dritten Phase“ der Infinity Saga um die Avengers, Thanos und die Infinity Stones – war dies der erste Film im Marvel-Universum, der sich allein um eine weibliche Superheldin dreht – und auch der erste, bei dem eine Frau an der Regie beteiligt war. Überhaupt soll es den Verantwortlichen (und Profitierenden) darum gegangen sein, möglichst viele prominente Positionen mit Frauen zu besetzen. Besser spät als nie, auch wenn dies durchaus den Unkern Recht zu geben scheint, dass Feminismus gerade eine Modeerscheinung sei.

Ich habe Captain Marvel noch nicht gesehen, habe es aber unbedingt vor. Der Nerd in mir interessiert sich auch für die Geschichte der Comicfigur – insbesondere für den Sandkasten-Streit zwischen DC und Marvel, der sich um Captain Marvell und Shazam dreht. Die von Larson dargestellte menschliche Erscheinungsfrom Captain Marvels, Carol Danvers, war bereits zu dem Zeitpunkt, als sie die Heldin der Comics wurde, nämlich in den 1970er Jahren, eindeutig eine Feministin, was sich einmal am Titel Ms. Marvel erkennen ließ wie auch daran, dass Carol Danvers in ihrer menschlichen Form für gleichen Lohn bei gleicher Arbeit eintrat.

Dennoch unterlag selbstverständlich auch Captain Marvel, wie alle Filme, in denen in jüngerer Zeit Frauen* als Action-Held:innen auftreten durften, den apoplektischen Attacken diverser vermeintlicher „wahren Fans“ und MRAs (sowie deren Anhänger). Damit hat es den meiner Meinung besten und wichtigsten Test aller feminstischen Film-Tests bestanden, nämlich den Furiosa-Test: Regen sich Männer im Internet darüber auf, dass der Film feministisch sei? Brie Larson reagierte selbst souverän auf diverse Beschwerden über sie und ihre Darstellung der mächtigsten Avenger-Figur. Eine eingehende Analyse des Films als feministische Anfeuerung liefert dieser Artikel in der Independent. Und auch meiner Kollegin im Filmlöwin-Rudel, Sophie Brakemeier, gefiel Captain Marvel. Von Brie Larsons erster Regie-Arbeit Unicorn Store war sie allerdings eher enttäuscht.

39/2019: Elisabet Boehm, 27. September 1859

Elisabet Boehm kam in Ostpreußen zur Welt, der Region, deren nördlicher Teil heute zu Litauen, der südliche zu Polen gehört, rund um die russische Exklave Oblast Kaliningrad, früher Königsberg. Ihr Vater war Gutspächter und Reichstagsabgeordneter; mit 21 Jahren heiratete Elisabet Gustav Boehm. Nach einer Kindheit auf dem Land und 18 Jahren Ehe mit einem Gutsbesitzer gründete sie 1898 mit 15 Frauen* den ersten landwirtschaftlichen Hausfrauenverein in Garbno (dt. Lamgarben), ihrem heimatlicher Weiler nahe ihrer Geburtsstadt Ketrzyn (dt. Rastenburg).

Die Beweggründe dafür waren fortschrittliche: Sie wollte die weibliche* Einflussnahme in der Landwirtschaft organisieren, den Frauen Zugang zu Bildung verschaffen und so ihre Lebens- und Arbeitsverhältnisse verbessern. Auch eine höhere Anerkennung der haushaltlichen Tätigkeiten der Frauen* als Arbeit, ihrer Leistungen als Mütter und Mitarbeitende im landwirtschaftlichen Betrieb gehörte zu ihren Zielen.

Offensichtlich traf sie mit ihrem Bestreben nach Vernetzung und politischer Teilhabe den Nerv der Zeit, bei vielen Frauen in ähnlicher Lage wie sie. 1905 wurde sie Vorsitzende des ostpreußischen Landesverbands, 11 Jahre später übernahm Boehm die Leitung des Reichsverbands landwirtschaftlicher Hausfrauenvereine (nicht zu verwechseln mit dem Reichsverband deutscher Hausfrauen!), der bis zum Jahr 1933 auf 25 Landes- und Provinzialverbände mit an die 2.500 Kreis- und Ortsvereinen angewachsen war. Der Verein betrieb das eigene Presseorgan „Land und Frau“, Elisabet Boehm arbeitete mehrere Jahre an der Fachzeitschrift „Die deutsche Frauenarbeit“ mit. Als die Organisation 1934 von der NSDAP in den Reichsnährstand eingegliedert wurde, belief sich die Mitgliederzahl auf über 100.000 Mitglieder.

Elisabet Boehm starb mit 84 in Halle. Nach dem Zweiten Weltkrieg formten sich bereits 1947 die ersten Landfrauenverein neu. Im Oktober 1948 wurde dann der bis heute bestehende und aktive Deutsche LandFrauenverband (dlv) gegründet. Er besteht aus 22 Landesverbänden mit etwa 500.000 Frauen in den kleineren Kreis- und Ortsvereinen. Von der ursprünglich angesprochenen Bäuerin hat sich die aktuelle Mitgliederstruktur auf vielseitige Berufsfelder ausgebreitet; die Zielsetzung, berufsständische Interessen vertreten zu sehen, die soziale, wirtschaftliche und rechtliche Situation von Frauen zu verbessern und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie voranzutreiben ist den vernetzten Frauen gemein.

Ähnlich wie der DHB ist der dlv ein Beispiel für das nachvollziehbare Bedürfnis von Frauen Teil eines Berufsstände übergreifenden Netzwerkes zu sein und die Möglichkeit gesellschaftlicher und politischer Teilhabe zu schaffen. Elisabet Boehm – die sich auch dafür einsetzte, dass Frauen in den Landwirtschaftskammern wählen und gewählt werden konnten – hörte schon vor 1900 den inneren Ruf „Bildet Banden!“ Sicher weniger aufgrund einer biologischen Neigung der Frauen* zu sozialer Aktivität als in der sozialen Isolation begründet, in die ein patriachalisches System viele Frauen* zwingt, wusste sie, dass wir in der Gemeinschaft und Solidarität unsere Stärken entfalten können.