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6/2019: Heidi Handorf, 5. Februar 1949


Heidi Handorf begann ihre Karriere als Assistentin im Filmschnitt 1974 mit 25 Jahren. In den 40 Jahren ihrer Karriere hat sie kontinuierlich preisgekrönte Arbeit geleistet, unter anderem als Verantwortliche für den Schnitt bei Edgar ReitzHeimat – Eine deutsche Chronik. Auch bei Hauffs Stammheim – dessen Auszeichnung mit dem Goldenen Bären 1986 umstritten war – und Sehrs Kaspar Hauser, der mich damals sehr beeindruckt hat, hat Handorf den Schnitt verantwortet.

Handorfs Wikipedia-Eintrag ist erfrischend ausführlich und sachlich, selbstverständlich ist sie auch auf IMDb vertreten. 2014 arbeitete an ihrem letzten Film, heute feiert sie ihren 70. Geburtstag.

Der Filmschnitt ist nicht ganz so alt wie Film selbst – erst mit der Entwicklung längerer Sequenzen in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts entstand auch die Kunst des Weglassens und der Montage. Während immer komplexere Geschichten in immer längeren Sequenzen erzählt wurden, wuchs das Editing zu einer eigenen, technisch herausfordernden Kunst heran. Für tiefere Einblicke ins Fach bietet die Uni Kiel das Filmlexikon an; es sei als immer noch wichtiges Experiment dazu, wie Filmschnitt die Wahrnehmung beeinflusst, nur der Kuleschow-Effekt genannt: Wie die Kombination mit unterschiedlichen folgenden oder vorangestellten Inhalten die Interpretation des montierten Inhalts beeinflusst. Auch ganz leicht mit dem Smartphone nachzubauen.

Frauen hatten jedenfalls im Editing schon immer eine höhere Quote – ermöglichte die Arbeit im dunklen, abgeschiedenen Schnittraum doch verantwortungsvolle Arbeit, ohne dass ihnen eine führende Rolle gegeben werden musste. Der englische Beitrag zum Film editing hat einen eigenen kurzen Absatz über women in film editing (Link englisch); interessant auch dieses Interview von 2016 auf der Webseite des Bundesverband Filmschnitt Editor e.V., mit Ursula Höf: „Die Montage ist eh meist unsichtbar und dann guckt man doch wieder eher auf die Männer als auf die Frauen. Dieses Phänomen stört mich.“ (Quelle: bfs-filmeditor.de)

Bild: Von Oliver Driemel / Heidi Handorf, CC BY-SA 3.0 de


5/2019: Edith M. Flanigen, 28. Januar 1929

Edith M. Flanigen Barack Obama

Edith M. Flanigen entdeckte ihre Begeisterung für die Chemie – gemeinsam mit ihren beiden Schwestern – durch eine Lehrerin in der High School. Alle drei studierten Chemie an der Syracuse University; Edith schloss ihr Studium schließlich mit 23 Jahren als Master of Science ab. Sie begann bei Union Carbide, einem Unternehmen der Chemie-Industrie, zu arbeiten, zunächst mit der Aufgabe, Silikonpolymere (Molekülketten aus Siliziumverbindungen) zu identifizieren, zu reinigen und zu gewinnen, vier Jahre später wurden Molekularsiebe ihr Themenschwerpunkt: Chemische Stoffe, in denen die Moleküle derart in einer Gitterform angeordnet sind, dass die Atome anderer Elemente darin hängenbleiben und somit aus einer Verbindung herausgesiebt werden.

Zeolith Y, synthetisches Faujasit
By Hermann Luyken – Own work, CC0

Nach 17 Jahren Arbeit in diesem Bereich wurde sie 1973 die erste weibliche wissenschaftliche Mitarbeiterin, zehn Jahre später die erste weibliche Leitung einer Arbeitsgruppe bei Union Carbide. In den insgesamt 42 Jahren, die sie bei Union Carbide tätig war, entwickelte sie über 200 synthetische Stoffe, darunter Zeolith Y, der synthetischen Form des Faujasit, und einen synthetischen Smaragd, der als Schmuckstein und bei Lasern im Mikrowellenbereich zum Einsatz kommt. Sie ist Inhaberin von über 100 Patenten (USA), war die erste Frau, die die Perkin Medal erhielt, und bekam 2012 die National Medal of Technology and Innovation von Barack Obama verliehen.

Trotz dieser anerkannten Leistungen: Wer ihren Namen nicht kennt, wird auch über das von ihr entwickelte Zeolith Y nicht auf sie stoßen. Laut des englischen Wikipedia-Eintrages ist sie „best known as the inventor of Zeolith Y„, doch der Link zu Zeolith Y wird weitergeleitet zu seiner in der Natur auftretenden Form Faujasit; laut des deutschen Wikipedia-Eintrages war sie „maßgeblich beteiligt an der Entwicklung“ von Zeolith Y, zu dem es auch tatsächlich einen Eintrag gibt – in dem sie namentlich überhaupt nicht vorkommt, sondern stattdessen ein Donald Breck als derjenige genannt wird, dem es gelang, den Stoff zu synthetisieren. Zu Donald Breck gibt es jedoch weder einen englischen noch einen deutschen Wikipedia-Eintrag. Auch wenn man das von ihr erfundene Molekularsieb googelt, stößt man so gut wie nie auf ihren Namen (unter dem Link: die eine englischsprachige Seite, auf der „EM Flanigen“ in den references genannt wird; unter anderen).

Ich weiß, dass Wikipedia nicht den Wissenskanon ganzer wissenschaftlicher Forschungs- und Fachbereiche abdecken kann. Dennoch vermute ich hier den Matilda-Effekt, der dafür sorgt, dass die Beteiligung oder Errungschaften weiblicher Wissenschaftlerinnen zugunsten ihrer männlichen Kollegen, Vorgesetzten und/oder Arbeitgeber verschwiegen oder verleugnet wird. Ich bin selbst keine geübte und schon gar nicht registrierte Wikipedia-Lektorin, aber das wäre mal eine kleine, aber sinnvolle Aufgabe, Edith M. Flanigen in den entsprechenden Artikeln zu ihrer Erfindung zu verlinken.

Bild: By U.S. White House, Public Domain

4/2019: Tatiana Avenirovna Proskouriakoff, 23. Januar 1909

Tatiana Avenirovna Proskouriakoff

Tatiana Avenirovna Proskouriakoff war sechs Jahre alt, als sie mit ihren Eltern, einem Chemiker und einer Ärztin, aus Russland in die USA übersiedelte; ihr Vater war vom Zar beauftragt, die Munitionsproduktion beim Alliierten im Ersten Weltkrieg zu überwachen. Nach der Russischen Revolution 1917 war es der Familie unmöglich, in ihre Heimat zurückzukehren, und Tatiana wuchs als amerikanische Staatsbürgerin an der Ostküste der Vereinigten Staaten auf.

Mit 17 begann Proskouriakoff ihr Architekturstudium an der Pennsylvania State University (damals noch College) und schloss dort 1930 mit 21 als einzige Frau ihres Jahrgangs das Grundstudium ab. Sie begann, als archäologische Illustratorin zu arbeiten und kam so als Mitarbeiterin des Maya-Archäologen Linton Satterthwaite an die Piedras Negras in Guatemala.

Ihre Aufgabe war es, Zeichnungen zu erstellen davon, wie die Gebäude einst aussahen, deren Ruinen Satterthwaite untersuchte. Sie erfüllte diese Aufgabe mit beeindruckender Klarsicht, doch ihr größter Beitrag zur Archäologie der Maya war ein anderer. Sie hatte die Doktorarbeit eines jungen sowjetischen Ägyptologen gelesen, Juri Knosorow, der sich mit der bis dahin unentzifferten Maya-Schrift befasst hatte und zu wegweisenden Schlüssen über die Art der Glyphen gekommen war. Allerdings war Knosorows Arbeiten vom sowjetischen Regime mit politischen Konnotationen veröffentlicht worden und wurden gemeinhin, insbesondere vom führenden britischen Archäologen Eric Thompson, als marxistische Propaganda abgelehnt.

Der russisch-stämmige Proskouriakoff jedoch verhalf die Vorarbeit Knosorows zu der Erkenntnis, während sie ihre Zeichnungen anfertigte, dass es sich bei den stets wiederholten Glyphen und bereits identifizierten Zahlen um Daten handelte: Um Geburt, Regierungsdauer und Tode der Maya-Könige. Es gelang ihr, anhand der Forschung Knosorows und eigener Untersuchungen, eine Abfolge von sieben Maya-Königen innerhalb einer Zeitspanne von 200 Jahren zu isolieren und einige Worte zu identifizieren; aufgrund dieser Zusammenhänge konnte die Maya-Schrift inzwischen bis zu 80 Prozent übersetzt werden.

Proskouriakoff starb 1985 mit 76 Jahren; doch erst dreizehn Jahre später, am Ostersonntag 1998, konnte ihr Kollege David Stuart ihren letzten Wunsch erfüllen, nämlich dass ihre Asche am Fuße der Akropolis in Piedras Negras beerdigt werden sollte – zuvor hatte politischer Unfrieden diese Beisetzung verhindert.

Zur Entzifferung der Maya-Schrift gibt es einen Dokumentarfilm, die Trailer dazu sind auf YouTube zu sehen.

Bei der Beschäftigung mit der Maya-Schrift fällt auf, wie die christlich-abendländische Kultur heute darum bemüht ist, die Schäden wieder notdürftig zu beheben, die ihre Kolonisation angerichtet hat: Als die Spanier nach Südamerika kamen, gab es unter den Maya noch zahlreiche derer, die diese Schrift lesen konnten. Mit der katholischen Kirche kam das Verbot, die „heidnischen Zeichen“ zu verwenden, und der Bischof von Yucatan Diego de Landa ließ 1562 alle in der Schrift verfassten Codices, derer er habhaft werden konnte, verbrennen. Von den auf Huun verfassten Schriftstücken existieren nach wissenschaftlicher Kenntnis nur noch vier. Die Forschungen nach dem verlorenen Wissen wurde lange Zeit dominiert von amerikanischen und europäischen Wissenschaftlern; auch diese Spätfolge der Kolonialzeit wird in den Bildern des Dokumentarfilms überdeutlich.

Bild: By Ms. Char Solomon, biographer of Ms. T Proskouriakoff, and owner of site the image is sourced from

3/2019: Anita Borg, 17. Januar 1949

Anita Borg

Anita Borg

Anita Borg liebte schon als Kind freigeistiger Eltern die Mathematik, weil sie sie als Rätselspielerei empfand, dennoch blieb sie bei ihrem ersten Besuch eines College unentschlossen, Mathematik als Hauptfach zu wählen. Nach zwei Jahren des Herumlavierens, sie hatte inzwischen auch geheiratet, ging sie mit ihrem Mann nach New York, um zu arbeiten und mit dem Geld das Studium ihres Mannes zu finanzieren. Eine Tätigkeit, die für sie auch ohne Collegabschluss offenstand, war die Datenverarbeitung, in der die Computer gerade Einzug hielten, und so lernte sie für eine Anstellung die erste höhere Programmiersprache Fortran und für eine weitere Stelle die von Grace Hopper entwickelte Programmiersprache COBOL. Kurz darauf wurde ihre Ehe geschieden, sie kehrte zurück ans College und wusste dieses Mal, dass sie etwas studieren wollte, mit dem sie später ihren eigenen Unterhalt verdienen konnte: Das Fach Informatik bot ihr nach den Erfahrungen in der Arbeitswelt diese Sicherheit, und die Mathematik war ein integraler Bestandteil des Faches.

Sie beendete ihr Studium mit einem Doktortitel, obwohl das Stipendium, das sie auf den Pfad zum höheren Abschluss geführt hatte, auslief und sie die letzten drei Jahre neben dem Studium arbeiten musste. Sie hatte sich in ihrer Doktorarbeit mit Betriebssystemen befasst und begann anschließend, an einem fehlertoleranten Betriebssystem zu arbeiten, das schlussendlich von Nixdorf als „Targon“ auf den Markt gebracht wurde. Mit der wissenschaftlichen Arbeit, die sie über die Entwickling des Programmes schrieb, machte sie sich einen Namen in der jungen IT-Branche, wurde als Sprecherin zu Konferenzen eingeladen und bei der Digital Equipment Corporation eingestellt.

Als deren Angestellte besuchte sie 1987 ein Symposium über Betriebssysteme und stellte auch dort – wie schon zuvor im Informatikstudium – fest, wie ungleich das Geschlechterverhältnis auf dem Gebiet der IT war: Von 400 Teilnehmern waren etwa 30 weiblich. Als einige der Frauen auf der Damentoilette ins Gespräch kamen, wurde zunächst nur ein gemeinsames Essen geplant. Aus dem gemeinsamen Essen entstand Systers, eine der ersten Mailinglisten überhaupt, für Frauen, die an Betriebssystemen arbeiteten. Bald wurde die Mailingliste erweitert und war schließlich offen für alle Frauen, die technisch in der IT-Branche arbeiteten.

Die Anforderungen an Mailingsysteme vor dem Internet oder zumindest seiner frühesten Anfänge waren das, was auch Borg beruflich interessierte. Sie entwickelte mit Kollegen das Mailingsystem Mecca, in dem der Absender einer E-Mail seine Empfänger nach Bereichen filtern konnte, aber auch die Empfänger – die zum Teil nur wenig Speicherplatz hatten oder nur selten Gelegenheit, ihre E-Mails abzurufen – konnten ihre empfangenen E-Mails nach Themen und Absendern filtern. Bis dahin hatten Mailingsysteme sich auf die Mitarbeiter innerhalb eines Unternehmens konzentriert, Borg entwickelte nun eines, das für eine vielfältigere Gruppe Nutzer praktikabel sein sollte. Dabei erhielt sie von ihrem Arbeitgeber nicht so viel Unterstützung, wie ihr eigentlich zugesagt wurde, und ein Anschlussprojekt, an dem sie arbeitete, ging im Endeffekt daran zugrunde, dass ihr die Leitung nicht anvertraut wurde – weil sie eine Frau war – und der „ältere Mann“, dem die Projektleitung zugetraut wurde, kein Interesse hatte. Nach diesem Affront verließ sie DEC und begann, für die Stärkung der Frauen im IT-Bereich einzusetzen. Dabei interessierten sie nicht nur die Frauen, die Hard- und Software entwickelten, sondern auch die Perspektiven weiblicher Nutzer.

Nach verschiedenen gemeinsamen Projekten in dieser Sache gründete Borg 1997 schließlich mit Hilfe anderer erfolgreicher Frauen der IT-Branche und der finanziellen Unterstützung u.a. von Xerox und Hewlett Packard das Institute for Women and Technology (heute: AnitaB.org). Drei Jahre zuvor hatte sie mit der Grace Hopper Celebration of Women in Computing die heute noch größte Konferenz für Computerspezialistinnen weltweit ins Leben gerufen.

Anita Borg starb leider schon 2003, im Alter von 54 Jahren, an einem Hirntumor. Die lesenswerte Quelle der meisten Angaben, die ich hier mache, ist dieses Interview von 2001 (engl.).

Dank Systers gilt Borg als Vorreiterin des Cyberfeminismus. Sie selbst betonte, dass es den Frauen bei der Mailingliste um fachlichen Austausch ging; die Themen der E-Mails waren strikt auf Technik und berufliches beschränkt. Darin wird deutlich, dass das Problem der Geschlechterungleichheit in technischen Branchen nicht die Themen sind – für die sich Frauen durchaus interessieren – sondern die Form der Kommunikation. Die Frauen in Systers schufen sich einen Raum, in dem sie miteinander auf Augenhöhe waren und nicht in einem patriarchalisch geprägten Austausch entweder „männliche“ Ausdrucksformen annehmen mussten oder verdrängt würden. Mit dieser Verquickung von gebündeltem technischem Wissen einerseits und weiblich geprägter Kommunikation andererseits lieferten Borg und ihre Kolleginnen die praktische Seite des Cyberfeminismus, der im Zuge der dritten Welle des Feminismus in Kombination mit den neuen Kommunikationsmöglichkeiten entstand. Ich möchte hier noch auf den englischen Wikipedia-Artikel über Cyberfeminism hinweisen, der wesentlich ausführlicher ist als der deutsche und zu einer ganzen Serie über Feminismus in der englischen Wikipedia gehört.

Der Cyberfeminismus wird von den Beteiligten verstanden als postmoderne Bewegung, die die neuen Technologien dazu nutzt, die bisherigen Beschränkungen von selbst- und fremdzugeschriebenen Identitäten aufzulösen – bei der Begegnung im virtuellen Raum sind Geschlecht, Orientierung, Herkunft unbekannt und können stets neu und anders definiert werden. In der Auflösung dieser sozialen Konstrukte liege die persönliche Freiheit, somit ist der Cyberfeminismus auch der Gendertheorie verbunden. Der intersektionelle Feminismus, wie er heute im Internet formuliert wird und sich wiederum im real life in veränderten Denk- und Lebensweisen niederschlägt, ist ohne diese Vorläufer nicht denkbar.

Bild: By Source, Fair use

2/2019: Eden Atwood, 11. Januar 1969

Eden Atwood ist eine Jazzsängerin, der die Musik in die Wiege gelegt wurde: Ihr Vater war Komponist und Arrangeur von Werken, die Nat King Cole und Frank Sinatra sangen.

Für mich interessanter ist allerdings etwas anderes, das ihr auch in die Wiege gelegt wurde: Atwood kam mit Androgenresistenz auf die Welt, ein Phänomen, das zu den unterschiedlichen Formen der Intersexualität gehört. Atwood beispielsweise, die mit dieser Tatsache offen umgeht und sich auch politisch engagiert, hat aufgrund einer Veränderung im Erbgut XY-Chromosomen, würde also bei einer Genanalyse als Mann identifiziert werden. Durch die Abweichung in ihrem Chromosomensatz bildet ihr Körper zwar männliche Hormone, so genannte Androgene, diese werden jedoch von ihren entsprechenden Rezeptoren nicht gelesen. Infolgedessen haben Menschen mit Androgenresistanz je nach Ausprägung des Phänomens unterschiedlich schwache oder ganz ausbleibende Ausbildung maskuliner Merkmale; Atwood hat durch eine komplette Androgenresistenz zum Beispiel von Geburt an keine männlich ausdifferenzierten Genitalien.

Intersexualität unterscheidet sich von Transgender oder Transsexualität: Während  transgender oder transsexuelle Personen im Phänotyp eindeutig auf einem Ende des binären Geschlechterspektrums liegen, identifizieren sie sich aber kognitiv mit keinem oder dem binär gedacht anderen Geschlecht. Bei Intersexualität liegt eine in irgendeiner Form medizinisch prüfbare biologische Abweichung von der „normalen“ Geschlechtsentwicklung vor, das heißt chromosomal, gonadal, hormonell oder anatomisch bedingt liegen Genitalien oder sekundäre Geschlechtsmerkmale in einer Form vor, die sich nicht eindeutige Extreme der herkömmlich angewandten Skalen darstellen (etwa dem Orchidometer/dt., der Quigley-Skala/engl. oder der Prader-Skala/engl.). In der Gesamtheit sind geschätzt 1,7% der Menschheit in einer der genannten Formen intersexuell – gegenüber der cissexuellen Mehrheit zwar selten, jedoch nur in dem Maß, wie auch echte Rothaarige selten sind.

Eden Atwood spricht selbst seit einiger Zeit offen über ihre Intersexualität (Link zu englischsprachigem Video, ca 9min.). Von diesem Interview aus bin ich bei der Recherche zu diesem Post in ein rabbit hole aus bewegenden und informativen YouTube-Beiträgen gefallen:

• Der Kanal von Pidgeon, auf dem Pidgeon über eigene Erfahrungen und die politische Arbeit für die Akzeptanz von Intersexualität erzählt
• Die Dokumentation Intersexion (Englisch, ca. 50min.), die auch eine eigene Webseite hat, in der Betroffene ihre sehr unterschiedlichen Lebens- und Leidensgeschichten darlegen
• Ein Quarks-Beitrag (Deutsch, ca. 5min.) über einex Jugendlichex, dexen Eltern sich gegen medizinisch unnötige Eingriffe entschieden haben
• Die arte-Dokumentation „Nicht Frau nicht Mann“ (Deutsch, ca. 57min.), in der vor allem Ins A Kromminga und einx französischex Intersexuellx, aber auch eine internationale queere Gemeinschaft in ihrer Verletzlichkeit gezeigt werden, aber auch in ihrer Kreativität im Umgang mit sich selbst und den Schwierigkeiten in einer binär geprägten Welt

Ein Name, der vor allem in der internationalen Intersexuellen-Gemeinschaft immer wieder mit großer Ablehnung verbunden ist, ist John Money – der mir bereits von der BBC Dokumentation über David Reimer unangenehm bekannt war. Nach Moneys Meinung – und dem Wunsch vieler Mediziner, auch heute noch, „klare Verhältnisse“ schaffen zu wollen – sollten Säuglinge mit „nicht eindeutigen“ Genitalien möglichst früh operativ einem Geschlecht „zugeführt“ werden. Den Gedanken, dass Geschlecht nicht notwendigerweise biologisch, sondern gesellschaftlich geprägt sei, pervertierte er dahingehend, dass sich Kinder dann schon als dem Geschlecht zugehörig fühlen würden, als das sie großgezogen würden, wenn man sie nur streng genug dazu erziehe. Dass es nicht so einfach ist mit der Biologie und der Identität, insbesondere in den Fällen, in denen schon die Biologie nicht binär funktionieren wollte, das bezeugen die Geschichten der Erzählenden. Nicht nur von traumatischen, in den Bereich von sexuellem Missbrauch fließend übergehenden medizinischen Behandlungen erzählen die Betroffenen, was bereits schmerzhaft und erschütternd zu hören ist. Auch und vor allem die Scham, mit der alles „dort unten“ als krankhaft und nicht normal stigmatisiert wird, verstärkt durch körperliche Konsequenzen der (in den meisten Fällen unnötigen) Operationen und das Verbot, mit anderen über ihren „Zustand“ zu sprechen, wird spürbar – und wie sehr Ärzt*innen in vielen Fällen auch das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern zerstören, wenn sich die Eltern nicht stringent und von Anfang an dagegen wehren: Die Eltern wurden und werden zum Teil selbst angelogen, zum Teil waren und sind sie einfach nur ahnungslos, verwirrt, verängstigt, weil ihr Kind nicht „normal“ ist und nicht in die Binarität einzuordnen. Da wurde zum Schweigen und Lügen angestiftet und auch den Kindern das Schweigen und Lügen geboten, die Ärzt*innen sprechen nicht offen mit den Eltern und wenn sie es tun, untersagen sie ihnen, offen mit den Kindern zu sprechen. Eine anatomische, biologische Seltenheit, die keine schwerwiegenden gesundheitlichen Konsequenzen haben müsste, schiebt sich wie ein Schatten über die Familie – und die Menschen, die liebevoll und unterstützend miteinander umgehen sollten, werden auseinander gedrängt, verlieren ihr Vertrauen ineinander und können nicht mehr miteinander sprechen.

Das Leiden, das Intersexualität in der binären abendländischen Kultur hervorruft, ist unnötig. In anderen Kulturen sind dritte oder mehrere Geschlechter gängig und akzeptiert. In der Intersexional-Dokumentation wird gezeigt, wie „normal“ im Sinne von gesund und mit sich selbst im Reinen Intersexuelle aufwachsen können, wenn der Zwang zur Binarität nicht ausgeübt wird. Damit unsere Gesellschaft offener und toleranter wird und intersexuell geborene Kinder in der Zukunft heil gelassen werden, ihnen die Möglichkeit einer eigenen Identifikation offen gelassen wird, dafür setzen sich in Deutschland unter anderem der Verein Intersexuelle Menschen e.V. ein; die dritte Option führt eine Kampagne für den dritten, offenen Geschlechtereintrag in Geburtsurkunden. Im vergangenen Jahr 2018 konnten sie bereits den Erfolg verzeichnen, dass „divers“ als dritte positive Möglichkeit in Geburtsdokumenten angegeben werden kann, allerdings kämpfen sie nun noch mit den Wünschen der Bürokratie, das dies zum Beispiel erst nach einem ärztlichen Attest geschehen könne. Zwischengeschlecht.info ist ein extensives Blog mit Links zu weiteren Vereinen und Bloggern.

Eden Atwood – um zum ursprünglichen Anlass für diesen Post zurück zu kommen – begründete mit Jim Ambrose The Interface Project, eine Organisation und Webseite, auf der Intersexuelle ihre vielseitigen Gesichter zeigen und ihre vielseitigen Geschichten erzählen können.

Wichtig ist mir das Thema – abgesehen vom schlichten humanistischen Ansatz, dass jeder Mensch seine Persönlichkeit frei entfalten können sollte – , weil ich mir wünsche, dass Ärzt*innen angesichts intersexueller Säuglinge, die ihre eigene Identifikation noch nicht zum Ausdruck bringen können, nicht mehr über den Willen der Eltern hinweg – oder auch mit der Einwilligung der Eltern – zuallererst das Messer zücken und Genitalien zerstören, weil sie sich nicht weit genug an einem Ende einer altertümlichen Skala befinden; dass gesunde, non-binäre Körper nicht verletzt werden für die Seelenruhe und das ästhetische Empfinden Erwachsener. Dass Kinderkörper nicht mehr für die Erhaltung einer binären, patriarchalischen Denkweise verletzt werden.

12/2018

2. Dezember 1083: Anna Komnena

Die Tochter des byzantinischen Kaisers Alexios I. Komnenos mit dessen Frau Irene Dukaina kam als ältestes von sieben Kindern in der Porphyra zur Welt, dem aus rotem Gestein erbauten Gebäude innerhalb des Großen Palastes in Konstantinopel, das für die Geburten der kaiserlichen Nachkommen vorbehalten war. (Es ist nicht klar zu benennen, ob der Begriff der Purpurgeburt – einer Geburt innerhalb der Herrschaft des Vaters – auf dieses Gebäude zurückgeht oder ob das Gebäude deshalb aus purpurem Gestein gebaut wurde, weil diese Farbe die kaiserliche Herrschaft symbolisierte.)

Direkt nach der Geburt wurde sie mit Konstantin Dukas verlobt, der als Sohn des Michael VII. zu diesem Zeitpunkt noch Mitkaiser und Thronfolger war. Diese Verbindung sollte vor allem die Rechtmäßigkeit der Herrschaft Alexios‘ I. untermauern, der den Thron vom Vorgänger usurpiert hatte; die adelige Dukas-Familie hatte mehrere byzantinische Kaiser gestellt. Wie für ihre Kultur üblich, wuchs Anna im Haus ihrer Schwiegermutter auf – Maria von Alanien, der pikanterweise ein Verhältnis mit Alexios I. nachgesagt wird. Als jedoch Annas Bruder Kaloioannes geboren wurde, gab es einen blutsverwandten Thronfolger: Alexios I. entzog Konstantin die Regentschaft und schickte Maria von Alanien ins Kloster (möglicherweise auch, weil sie Intrigen spann, ihn zu entmachten). Konstantin nahm diese Entscheidungen nicht übel und zog sich dem Kaiser weiterhin wohlgesonnen nach Zentralmakedonien zurück.

Anna wurde entgegen den eigenen Vorstellungen mit Nikephoros Bryennios, einem Militär und Geschichtsschreiber, verheiratet. Sie genoss eine ausführliche Bildung in Naturwissenschaften, Philosophie und Musik und war mehr an eigenen Projekten interessiert als an der Ehe. Ihr Vater hatte ihr die Leitung eines Krankenhauses und Waisenhauses anvertraut und sie unterrichtete dort auch; außerdem war sie eine Expertin für Gicht und pflegte ihren daran erkrankten Vater. Von ihren Lehrern und Zeitgenossen wurde sie als gebildete und intelligente Person hoch geschätzt.

Nicht ganz so uninteressiert war sie jedoch an ihrem eigenen Status, da sie gegen ihren Bruder und, seit dem Alter von fünf Jahren, offiziellen Thronfolger Kaloioannes („der schöne Johannes“) eine Abneigung pflegte und mit ihrer Mutter darauf hinarbeitete, ihm den Thron vorzuenthalten. Über die Weigerung ihres Mannes, gegen den inzwischen bettlägerigen Kaiser Alexios I. und seinen Thronfolger zu intrigieren, klagte sie, ihre Geschlechter seien vertauscht, da er von ihnen beiden die Frau hätte sein sollen. Kaloioannes erhielt jedoch – auf welche Weise auch immer – den Siegelring seines Vaters und wurde nach dessen Tod zum Kaiser gekrönt. Obwohl Anna und ihre Mutter erneut versuchten, Nikephoros zur Usurpation zu bewegen, scheiterte ihr Vorhaben und Kaloioannes verbannte die beiden Frauen in Kloster.

In dieser politisch stillgelegten Situation übernahm sie, nachdem ihr Mann starb und ein unvollständiges Werk über die byzantinische Geschichte hinterließ, die Geschichtsschreibung über die Regierungszeit ihres Vaters. Vieles in der 15 Bücher starken Alexiade konnte sie nur aus Erzählungen und Augenzeugenberichten zusammentragen, wobei sie natürlich vor allem das gute Bild ihres Vaters als Befehlshaber und Kaiser im Sinn hatte. Dennoch ist ihr Werk historisch unschätzbar wertvoll, da es die einzige Nacherzählung des Ersten Kreuzzuges aus Sicht der Byzantiner darstellt.

Anna Komnena starb in den frühen 50er Jahren des 12. Jahrhunderts und hinterließ mit der Alexiade ein auch literarisch hochwertiges Geschichtswerk, in dem sie in attischem Griechisch, mit Zitaten aus der Bibel und von Homer gespickt, nicht nur historische Ereignisse schildert, sondern auch Einblicke in ihre eigene Gedanken- und Gefühlswelt gibt.

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8. Dezember 1880: Rokeya Sakhawat Hussain

Geboren wurde Rokeya mit dem Nachnamen Khatun in dem Teil von Britisch-Indien, das heute Bangladesch ist. Ihre Eltern waren wohlhabende, gebildete Moslems und zogen es vor, Persisch oder Arabisch zu sprechen, Bengalisch war zwar die Sprache der Massen, aber eben darum auch in der Oberschicht verpönt. Als ihre ältere Schwester Karimunnesa, später ebenfalls Schriftstellerin, Bengalisch studieren wollte, untersagten ihre Eltern dies; der älteste Bruder Ibrahim jedoch unterrichtete seine beide Schwesten in der Sprache und hatte damit großen Einfluss auf ihre Entwicklung und ihren Erfolg.

Mit 16 heiratete Rokeya Khan Bahadur Sakhawat Hussain, einen Friedensrichter, der selbst Urdu, die „Sprache des gebildeten Hofes“ sprach. Wie ihr älterer Bruder, so ermunterte sie auch ihr Mann in ihrer Bildung und literarischen Entwicklung. Auf seinen Vorschlag hin schrieb sie ihr erstes Buch, „Pipasa“ (Durst), auf Bengalisch, sodass sie eine breite Bevölkerung erreichen konnte. Unter anderem schrieb sie danach ein Buch namens Sultanas Traum, das sich von seiner Zusammenfassung liest wie eine frühere, bengalische Version von Gerd Brantenbergs „Töchter Egalias“: die Geschlechtervorzeichen sind verdreht, die Frauen das dominierende Geschlecht.

Nach 13 Jahren Ehe starb ihr Mann. Zu Lebzeiten hatte er ihr ermöglicht, Geld für eine Schule zur Seite zu legen, an der sie muslimische Mädchen unterrichten könnte. Nach seinem Tod schritt sie zur Tat und gründete das Sakhawat-Denkmal-Mädchengymnasium in der Heimatstadt ihres Mannes Baghalpur. Nach Erbstreitigkeiten mit der Familie ihres Mannes musste sie die Schule aus dem urdusprachigen Gebiet in die bengalische Stadt Kolkata verlegen; dort ist die Schule noch heute eines der beliebtesten Gymnasien der Stadt.

Sakhawat Hussain schrieb neben ihren Romanen auch vielseitige Formate zur Verbreitung ihres islamischen Feminismus. Sie legte besonderes Augenmerk auf die Unterdrückung bengalischer Frauen und vertrat die Ansicht, dass Frauen Allah am besten die Ehre erweisen könnten, wenn sie sich ganz als Person entfalten dürfen. Nur mit der freien Berufswahl der Frauen könnte die Entwicklung der gesamten muslimischen Bevölkerung des indischen Subkontinents voranschreiten. Sie gründete den Anjuman-e-Khawateen-e-Islam, den islamischen Frauenverband, der sich mit Konferenzen und Podiumsdiskussionen für diese Sache einsetzte.

Sie starb mit auf den Tag 52 Jahren an einem Herzleiden. Ihr Todestag, der 9. Dezember, wird in Bangladesch zu ihren Ehren gefeiert.

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15. Dezember 1948: Patricia Cowings

Die afroamerikanische Tochter eines Lebensmittelhändlers und einer Kindergärtnerin kam in der Bronx (New York) zur Welt, zu einem Zeitpunkt, als diese sich von einem Bezirk der Mittelschicht in ein Arbeitviertel verwandelte. In den 1960er Jahren, als Cowings schulpflichtiger Teenager war, galt die Bronx dann als sozialer Brennpunkt und war berüchtigt für ihre hohe Kriminalitätsrate. Cowings Eltern legten daher als Ausweg aus diesem Umfeld großen Wert auf ihre schulische Bildung. Sie entdeckte früh ihre Liebe zu den Naturwissenschaften und studierte Psychologie, später auch Psychophysiologie an einer Universität in New York; ihre Tante, die einen Doktortitel innehatte, inspirierte und motivierte sie dabei, sodass auch Cowings schließlich mit einem Doktortitel abschloss.

In einem Ingenieurskurs, der den Aufbau des Space Shuttles zum Inhalt hatte, machte sie mit ihren spezifischen Beiträgen aus psychologischer Sicht Eindruck, und entdeckte sie ihre Begeisterung für die Raumfahrt. Sie wurde als erste Afroamerikanerin als Wissenschaftsastronautin ausgebildet, kam aber nie zum praktischen Einsatz. Stattdessen jedoch trug sie maßgeblich zur Verbesserung der Gesundheit von Astronauten bei: Sie entwickelte erfolgreich ein System autogenetischer Feedback-Übungen (AFTE, autogenetic feedback training exercises), mit dem die Menschen in der Schwerelosigkeit innerhalb von sechs Stunden lernen konnten, bis zu 20 Körperfunktionen zu erkennen und zu beeinflussen, die für die Raumkrankheit verantwortlich sind. Mit Hilfe dieser Übungen können die Astronauten die unangenehmen Symptome wie Übelkeit, Schwindel und Ohnmacht vermeiden.

Cowings Übungssystem hilft inzwischen auch Krebspatienten, die unter Chemotherapie mit den gleichen Nebenwirkungen zu kämpfen haben.

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19. Dezember 1875: Mileva Marić

Als Kind wohlhabender Eltern in Titel, damals Österreich-Ungarn, heute Serbien, genoss Marić eine gute schulische Ausbildung, die ihr Vater während mehrer Orts- und Schulwechsel besonders förderte. Vor allem ihre Noten in Mathematik und Physik waren ausgezeichnet. Nach einer Krankheit, die sie in der Schweiz auskurierte, legte sie mit 21 Jahren in Bern ihre Matura ab und begann ein Medizinstudium in Zürich. Nach einem Semester jedoch wechselte sie an das Polytechnikum, um dort als einzige Frau ihres Jahrgangs Mathematik und Physik zu studieren. Sie besuchte die gleichen Kurse wie Albert Einstein, mit dem sie sich bald anfreundete. Während er seine zweite Diplomprüfung bestand, fiel sie beim ersten Versuch durch – beim zweiten Versuch, ein Jahr später, war sie im ersten Trimester mit Einsteins Tochter schwanger und fiel erneut durch. Für die Geburt von „Lieserl“ kehrte sie in die Vojvodina zurück; das Kind erlitt dort mit einem Jahr eine Scharlacherkrankung, über ihr weiteres Schicksal herrscht Unklarheit.

Zurück in der Schweiz, heiratete Marić Einstein, obwohl seine Familie sie ablehnte. In den folgenden elf Jahren gebar Marić Einstein zwei Söhne und folgte ihm an jeden Ort, an den ihn sein Lehrberuf verschlug. Doch schon bevor sie ihn 1914 auch nach Berlin begleitete, hatte er einen Briefwechsel und wahrscheinlich auch eine Affäre mit seiner Cousine Elsa begonnen – die auch seiner Familie eine lieber gesehene, weil standesgemäße Partnerin war. Die räumliche Nähe des unfreiwilligen Liebesdreiecks führte bald zum Bruch und Marić kehrte mit ihren beiden Söhnen nach Zürich zurück. Aber erst fünf Jahre später, nachdem Einstein ihr das Preisgeld des Nobelpreises zusicherte, den bald gewinnen würde, willigte Marić in die Scheidung ein. Nur wenige Monate danach heiratete Einstein in Berlin Elsa, obwohl das Züricher Gericht, das die Scheidung rechtskräftig erkläret hatte, ihm eine zweijährige Heiratssperre auferlegt hatte.

Mit dem Geld des Nobelpreises, den Einstein tatsächlich 1922 gewann, erwarb Marić drei Mietshäuser; in einem davon lebte sie, die anderen dienten dem Unterhalt. Doch als ihr Sohn Eduard 1932 mit Schizophrenie diagnostiziert wurde, schmolzen ihre Ressourcen bald dahin: Sie musste zwei Häuser verkaufen, eines überschrieb sie ihrem Ex-Ehemann, behielt aber die Vollmacht darüber. Einstein sorgte zwar, inzwischen in den USA lebend, weiterhin für seinen Sohn und sie, doch es reichte nur für bescheidene Verhältnisse. Marić starb mit 72 in einer Züricher Privatklinik.

Während Marić selbst keine wissenschaftlichen Arbeiten hinterließ, ist umstritten, wie sehr sie an den Arbeiten Einsteins beteiligt war, die ihn ihm Wunderjahr 1905 berühmt machten. Die Vermutung basieren vor allem auf den Formulierungen von „unserer Arbeit“, die Einstein in Briefen verwendet, sowie darauf, dass der Name des Autors dreier der Arbeiten, deren Originale verschollen sind, Einstein-Marity (der ungarischen Form von Marić) lautete. Beweisen lässt es sich nicht, doch sind einige Vorlesungsunterlagen Einsteins in Marićs Handschrift verfasst. Schließlich ist es nicht unmöglich, dass eine Frau, die selbst offensichtlich so interessiert und gebildet in Mathematik und Physik war wie Marić, zumindest als verständige Zuhörerin und ebenbürtige Gesprächspartnerin an der Entstehung seines Genies in immaterieller Form beteilig war. Im Einklang mit diesem Gedanken wurde Mileva Marić 2005 von ihrer ehemaligen Hochschule, inzwischen die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich und der Gesellschaft zu Fraumünster als „Mitentwicklerin der Relativitätstheorie“ geehrt.

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23. Dezember 1983: Máret Ánne Sara

Die samisch-norwegische Künstlerin nahm 2017 an der documenta 14 teil, mit einer Weiterentwicklung ihrer ersten Installation, „Pile o’Sápmi“: Einer Installation aus Rentierschädeln mit Einschusslöchern. Der erste „Pile o’Sápmi“ entstand 2016, kurz bevor ihr Bruder vom Obersten Gerichtshof in Norwegen gezwungen wurde, sein Rentierzucht per Tötung zu reduzieren. Die Rentierzucht gehört traditionell zur Lebensweise der Samen und wird von der norwegischen Regierung stark reguliert – aufgrund der Überweidung der Finnmark, sagt die Regierung, wegen der Gier nach Bodenschätzen, die gehoben werden können, wenn keine Rentiere mehr dort weiden, sagt Saras Bruder.

Der Titel des Werkes nimmt Bezug auf ein Foto (Link englischsprachig), das einen Berg Büffelschädel zeigt, den Cree-Indianer im kanadischen Regina zusammengetragen hatten. Sie zog damit die Parallele zwischen der Vertreibung der amerikanischen Ureinwohner und der Unterdrückung der Samen in den Gesellschaften der Länder, über deren Gebiet sich der Lebensraum der Samen erstreckt.

Google-Ergebnisse Máret Ánne Sara

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26. Dezember 1926: Marija Atanassowa

Kurz und knackig zum Schluss: Die Bulgarin war die erste Zivilpilotin ihres Landes, die erste weibliche Kapitänin für schwere Flugzeugtypen und die erste Frau, die ein Verkehrsflugzeug auf dem Flughafen London Heathrow landete.

11/2018

5. November 1952: Vandana Shiva

Vandana Shiva wurde in eine brahmanische Familie geboren, der obersten Kaste Indiens, doch ihre Eltern prägten sie früh mit ihrer modernen und liberalen Einstellung. So hatten sie sich als Mitglieder der indischen Unabhängigkeitsbewegung einen neuen Namen gewählt, an dem ihre Kaste nicht mehr zu erkennen war; Vanadana wurde von der Mutter im Sinne des Feminismus ohne genderspezifische Erwartungen und Vorurteile erzogen. Die Wanderungen im Himalaya, die sie in ihrer Kindheit mit ihren Eltern machte, legten den Grundstein für ihre Naturbezogenheit.

Sie studierte zunächst Physik, mit Albert Einstein als Vorbild, doch bei der Arbeit an einem Brutreaktor im Bhabha Atomic Research Centre entwickelte sie eine Vorstellung von der Gefahr radioaktiver Strahlung und schloss ein Studium der Wissenschaftsphilosophie in Kanada an. Nach abgeschlossenem Studium wurde sie Professorin an einem Institut in Bangalore, dass  interdisziplinäre Forschung auf den Gebieten Technik, Umwelt und Politik betreibt.

Shiva war in ihrer indischen Studienzeit aktiv in der Chipko-Bewegung, in der sich indische Frauen gegen die Abholzung in ihrer Region und damit der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen zur Wehr setzten, indem sie Bäume umarmten (chipko = HIndi für „festhalten“). Nach ihrer Rückkehr aus Kanada wurde sie zur bekanntesten, aber auch umstrittenen Figur des Ökofeminismus und der Globalisierungskritik in Indien. Sie rief die Organisation Navdanya ins Leben, die in Indien Samen traditioneller Nahrungspflanzen sammelt und bewahrt; Shiva ist überzeugt, dass die Lösung für Hunger und Armut nicht in genetisch veränderten Nahrungsmitteln liegt, sondern in der Rettung und Wiederentdeckung der natürlichen Diversität, mit der ursprüngliche Landwirtschaft betrieben wurde. Sie untersuchte mit der deutschen Feministin Maria Mies die Auswirkungen der westlichen, patriarchalischen Gesellschaft und ihrer wirtschaftlichen Entwicklungsstrategien in Indien. Die traditionell „männlichen“ Maßstäbe des Erfolges, nämlich Gewinn individueller Macht, zerstöre Umwelt und Gesellschaft, während traditionell „weibliche“ Werte den Erhalt und Entwicklung des Gemeinwohls förderten. Kritiker führen an, dass diese Einteilung in binäre Gegensätze Frauen in Entwicklungsländern in traditionelle Strukturen fessele, die instrumental für ihre Unterdrückung sind.

Vandana Shiva ist aktiv in verschiedenen Organisationen der Globalisierungskritik und des Umweltschutzes, sie hat mehrere Bücher veröffentlicht und hält acht Ehrendoktortitel, 1993 erhielt sie den Alternativen Nobelpreis Right Livelihood Award. Ihre Argumentationen sind allerdings nicht immer sachlich und bieten Ansatz für Kritik; auch ihre eigenen finanziellen Gewinne an ihrem Ruf als „Beschützerin der armen indischen Bauern“ werden stellenweise negativ bemerkt.

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8. November 1970: Diana King

Die jamaikanische Reggae-Sängerin, 1970 in Spanisch Town geboren, wurde berühmt mit ihrem Song „Shy Guy“, der Teil des Soundtracks von Bad Boys war. Bemerkenswerter jedoch ist, dass sie die einzige Prominente jamaikanischer Herkunft ist, die offen homosexuell lebt: 2018 heiratete sie ihre langjährige Freundin Mijanne Webster, eine ebenfalls jamaikanische Violinistin. Jamaika ist berüchtigt nicht nur für die schlechten juristischen Bedingungen für Homosexuelle im Land, sondern auch für die offene Gewalt, die Homosexuelle dort erleben, angefacht zum Teil von Musikern, die in ihren Liedern zum Verbrennen Schwuler aufrufen. Sie wurde für ihr öffentliches Coming-Out mit einem Tapferkeitspreis in der Musikbranche ausgezeichnet, verlor jedoch darüber auch den Kontakt zu allen bis auf eines ihrer 15 Geschwister.

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12. November 1648: Juana Inés de la Cruz

Geboren als (wohl uneheliche) Tochter eines spanischen Offiziers in Mexiko und einer in Mexiko geborenen Spanierin (Criolla), wuchs das Wunderkind auf der Hacienda ihrer Großeltern mütterlicherseits in Amecameca auf, wo sie bereits im Kleinkindalter heimlich in der Bibliothek las. Mit drei Jahren beherrschte sie Latein – das sie als 13jährige bereits unterrichten würde – und mit fünf Jahren die Buchführung, mit acht Jahren schrieb sie ein Gedicht auf die Eucharistie. Sie war bewandt in griechischer Logik und schrieb auch Gedichte in Nahuatl.

Mit 16 Jahren ging sie nach Mexico City, wo sie gerne an der Universität studiert hätte – sie hätte sich als Mann verkleiden müssen, um das zu erreichen. Da sie jedoch nicht die Erlaubnis ihrer Mutter erhielt, betrieb sie ihre Studien privat weiter, während sie als Hofdame am Hof des Vizekönigspaares fungierte. Dort erregte sie die Aufmerksamkeit der Vizekönigin Leonor Carreto, die sie unter ihre Fittiche nahm und förderte. Der Vizekönig stellte die Bildung und das Talent der jungen Hofdame auf die Probe und konfrontierte sie überraschend mit Theologen, Juristen, Philosophen und Dichtern, denen sie spontan Rede und Antwort stehen musste. Sie bestand diese Prüfung mit fliegenden Fahnen.

Am Hof jedoch wurden ihr beständig Anträge gemacht, da noch immer erwartet wurde, dass eine junge Frau heiraten sollte. Also entschloss sie sich, um ihre Studien nicht einem Leben als Ehefrau zu opfern, ins Kloster zu gehen. Die Unbeschuhten Karmeliterinnen waren ihr in der Lebensführung zu streng, bei den Hieronymitinnen fand sie 1669 hingegen die einfache, lockere Klosterumgebung, in der sie sich wohlfühlte. Sie konnte dort als Schützling der Vizekönigin eine Bibliothek aufbauen und ihren eigenen Forschungen nachkommen. Sie pflegte eine Freundschaft mit Carlos de Sigüenza y Góngora, einem anderen mexikansichen Universalgelehrten, der sie über die Maßen schätzte.

De la Cruz schrieb im Kloster, unter der Patronage der Vizekönigin, unzählige Bücher, Gedichte und Essays; darunter Kritiken an Kirchenmitgliedern und der Kirche an sich. Sie setzte sich dabei offen und mit Witz für die Bildung und die Rechte der Frauen ein. Damit wurde sie auf die Dauer den Würdenträgern unbequem, selbst diejenigen, die ihr nicht widersprachen, waren der Meinung, als Nonne – als Frau – solle sie sich allein mit geistlichen Dingen beschäftigen. Es ist nicht geklärt, ob sie schließlich auf Druck des mexikanischen Erzbischof 1694 tatsächlich eine Unterlassungserklärung unterzeichnete, sicher ist jedoch, dass sie offiziell Buße tat, ihre Bücher und Forschungsmaterialien verschenkte und aufhörte, Texte zu veröffentlichen.

Zwei Jahre nach dem Einschreiten gegen ihre schriftstellerische Tätigkeit 1695 starb sie mit 47 Jahren an der Pest, die sie sich bei der Pflege anderer Nonnen zugezogen hatte. Sie wird heute in Mexiko als bedeutende Dichterin sowohl der frühen mexikanischen wie der spanischen Literatur verehrt und erhielt den Beinamen „Mexikanischer Phoenix“.

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17. November 1961: Chanda Kochhar

Die indische Bankmanagerin Chanda Kochhar wird vom Forbes Magazine zu den einflussreichsten Frauen der Welt gezählt. Als Tochter hinduistischer Eltern, die bei der Teilung Pakistans von Indien aus Karatschi fliehen mussten und all ihr Eigentum dort zurückließen, hat sie es mit Bildung und Ehrgeiz bis an die Spitze der größten privaten Bank Indiens geschafft.

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21. November 1955: Dora María Téllez

Téllez war zwölf, als in Nicaragua die Diktatur Anastasio Somoza Debayles begann, dem letzten Regenten des Landes aus dem Somoza-Clan. Mit 19 trat sie der FSLN bei, der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront, in der sie schon während ihres Medizinstudiums zur Kommandantin aufstieg. Da offener Widerstand in der Diktatur tödlich enden konnte, ging sie in den Untergrund und kämpfte als Guerillera zunächst in den Bergen in Nicaraguas Norden.

Als 22-jährige war sie dann dritt-höchste Befehlshaberin (Comandante Dos, unter Comandante Uno Hugo Torres und Comandante Cero Edén Pastora Gomez) bei der Einheit, die 1978 den Nicaraguanischen Nationalpalast stürmte. Die Einheit zählte zu den Terceristen – dem „Dritten Weg“ innerhalb der inzwischen gespaltenen Befreiungsfront: Die GPP (Guerra Popular Prolongata) wählte die Strategie der Rekrutierung und Mittelbeschaffung im Untergrund, während sich die Aktivisten aus dem offenen politischen Kampf zurückzogen, die „FSLN Proletario“ glaubte an eine Möglichkeit des Sieges durch die Mobilisierung des Proletariats. Die Terceristen hingegen forderten Pragmatismus und schlossen sich mit anderen, nicht-sandinistischen Kräften zusammen, um die Diktatur zu stürzen. Bei der Stürmung des Nationalpalastes wurden 1500 Zivilisten als Geiseln genommen. Téllez führte die Verhandlungen mit Somoza und handelte die Befreiung von 60 politischen Gefangenen aus – unter ihnen FSLN-Mitbegründer und späteren nicaraguanischen Innenminister Tomás Borge –, mediale  Veröffentlichung sandinistischer Forderungen, Lösegeld und eine Fluchtflugzeug. Die beteiligten FSLN-Mitglieder flohen nach dieser Aktion nach Kuba und Panama, wo sie sich weiterhin militärisch ausbilden ließen, für einen fortgesetzten Kapmf gegen das Regime. Das wurde auch tatsächlich durch diese Demonstration der Revolutionäre geschwächt, Somoza und seine Macht waren angreifbar geworden, während die Revolutionäre im Volk Sympathien gewinnen konnten. Andere Oppositionskräfte fühlten sich ermutigt, sodass wenige Tage später ein Generalstreik ausgerufen wurde, der sich zu einem Volksaufstand im ganzen Land ausweitete. Nach zwei Wochen griff der Diktator Somoza mit der Nationalgarde hart durch und ließ Tausende in der Zivilbevölkerung töten, noch mehr flohen in die benachbarten Länder. Die Besetzung des Nationalpalastes sowie die folgenden Unruhen machten jedoch weltweit auf die Zustände im mittelamerikanischen Land aufmerksam.

Téllez kehrte im darauffolgenden Jahr nach Nicaragua zurück und nahm erneut am Guerillakrieg der wieder konsolidierten FSLN teil. Aus den ländlichen Kampfgebieten zog sie schließlich mit ihren Truppen nach Léon, das nach sechs Wochen Häuserkampf von den Sandinisten erobert wurde. Die Hauptstadt Managua fiel zwei Wochen später, der Diktator floh.

In der anschließenden Regierung wurde Téllez später zur Gesundheitsministerin, ihre Kampagne für die Volksgesundheit wurde von der UN ausgezeichnet. Während sie weiterhin in der Politik aktiv blieb, sich für Homosexuellen- und Frauenrechte einsetzt und bis in die kürzliche Vergangenheit mit Leib und Seele für ihre Sache eintrat (zuletzt trat sie 2008 in einen Hungerstreik, um gegen ihren ehemaligen Sandinisten-Genossen Daniel Ortega zu protestieren), veröffentlichte sie auch ein Buch über die Geschichte Nicaraguas und seine Bedeutung in Mittelamerika. 2004 wurde sie als Gastprofessorin nach Harvard berufen, erhielt aber keine Einreisegenehmigung, weil sie als Terroristin gelistet war. Akademiker*innen des ganzen Landes traten daraufhin zu ihrer Verteidigung und Unterstützung ein.

Téllez führt ein Blog (auf Spanisch) und gehört zu den Teilnehmerinnen des Global Feminisms Project.

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25. November 1978: Sheena Ringo

Die japanische Sängerin sticht durch ihren individuellen Stil hervor, beeinflusst von der Liebe zum Jazz ihres Vaters und Arbeit ihrer Mutter mit Klassik.

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29. November 1835: Cixi

Die letzte chinesische Kaiserin kam als erste Tochter eines mandschurischen Beamten auf die Welt, in einer hochgestellten Familie des chinesischen Adels. Sie erhielt eine Ausbildung wie für Mädchen der Elite üblich: Lesen, Zeichnen, Schachspielen, Sticken und Nähen durfte sie lernen, das Schreiben der komplizierten Zeichenschrift sollte sie nicht benötigen. Auch blieb ihr als Mandschurin das grausame Füßebinden erspart. Als ältestes Kind war sie mit sieben Jahren in der Lage, ihren Vater zu unterstützen, die Familie aus einer Notlage zu helfen, in die sie durch den gerade beendeten Ersten Opiumkrieg geraten waren. Ihr Vater äußerte später lobend, sie sei ihm mehr wie ein Sohn als wie eine Tochter gewesen, weshalb er sie wohl auch später an den Themen teilhaben ließ, die eigentlich Männern vorbehalten waren.

Mit 16 wurde Cixi für den Harem des neuen, 19-jährigen Kaisers Xianfeng ausgewählt. Nach einem Vorbereitungsjahr im eigenen Haushalt betrat sie mit 17, damals zunächst unter dem Namen Lan, für das zweite Vorbereitungsjahr und den Rest ihres Lebens die Verbotene Stadt. Während Lan/Cixi in der sechsten und damit untersten Stufe der Konkubinen zunächst niederrangig blieb, erhob der Kaiser im Widerspruch mit der Etikette eine Konkubine der fünften Stufe zu seiner Kaiserin: Ci’an (auch Zheng) leitete in der Position als Kaiserin den Harem. Sie war eher unscheinbar und nicht unbedingt eine Führungspersönlichkeit, doch gelang es ihr, Zwistigkeiten und Unfrieden im Harem im Zaum zu halten. Lan/Cixi konnte den Kaiser anfangs nicht für sich einnehmen, verärgerte ihn eher noch durch ein Schreiben, in dem sie ihm Vorgehensweisen gegen Unruhen im Land vorschlug. Er setzte einen Erlass auf, dass sie nach seinem Tod „beseitigt“ werden solle, weil sie möglicherweise nach der Macht greifen würde. Doch Cixi hatte die Kaiserin Ci’an auf ihrer Seite, die auch schon dafür gesorgt hatte, dass sie in die fünfte Stufe der Konkubinen erhoben worden war und nun Konkubine Yi hieß.

In jedem Fall hatte der Kaiser eine Favoritin unter seinen Nebenfrauen, die ihm bald eine Tochter gebar. Während der Phase der Enthaltsamkeit, die der Kaiser mit der Schwangeren und späteren Mutter einhalten musste, wurde auch Cixi/Yi 1856 von ihm schwanger; sie gebar dem Kaiser den ersten Sohn, Zaichun, und wurde somit automatisch zur Nebenfrau ersten Ranges, nur noch der Kaiserin Ci’an unterstellt, die die Mutterrolle für den Thronfolger auszuüben hatte. Mit dem gehobenen Status kamen Privilegien wie der Zugang zu Bildung durch Hauslehrer.

China wurde in den kommenden Jahren immer wieder in Kriege um seine Territorien verwickelt und von umliegenden und europäischen Mächten zur Öffnung seiner Grenzen gezwungen; nach dem Zweiten Opiumkrieg 1858 war es Großbritannien, Frankreich, Russland und den USA unter anderem erlaubt, in China Opium zu verkaufen und christliche Missionare ins Land zu senden. Als 1860 diese Alliierten wiederum kriegerisch gegen Peking vorgingen, floh der Kaiser Xianfeng mit seinem gesamten Hofstaat in den Sommerpalast außerhalb der Hauptstadt und ließ seinen Halbbruder, Prinz Gong, in Peking zurück, um mit den eindringenden Mächten zu verhandeln. Der Kaiser war krank und schonte seine Gesundheit nicht bei Trinkgelagen mit Hofbeamten und seiner bevorzugten Konkubine. Der einflussreichste der Hofbeamten, Sushun, hatte offensichtlich Pläne: Cixi beobachtete ihn eines Abends, wie er sich auf den Kaiserthron setzte und sich vom Obereunuchen dort wie der Kaiser hofieren ließ. Auch hatte Sushun bereits – angeblich wegen der schweren Krankheit des Kaisers – bereits das Holzkästchen öffnen lassen, in welchem der Kaiser für einen Zeitpunkt nach seinem Tod ein Papier mit dem Namen seines Nachfolger hinterlegen sollte. Sushun hatte verkünden lassen, dass das Holzkästchen leer gewesen sei, dass also weder der gemeinsame Sohn des Kaisers mit Cixi noch einer seiner Neffen als Thronfolger auserkoren war. Cixi schloss daraus richtig, dass Sushun plante, entweder sich selbst zum Kaiser auszurufen oder einen Marionettenherrscher unter seinem Einfluss einzusetzen. Folgerichtig war ihr Leben, vor allem aber das Leben ihres Sohnes in Gefahr. Es gelang ihr jedoch gegen den Widerstand des Hofstaates, wenige Minuten vor dessen Tod, mit ihrem Sohn vor den Kaiser zu treten und ihm noch die Ernennung seines Kindes als Thronfolger zu entlocken. Da der Dreijährige noch nicht regieren konnte, machte das die Kaiserinwitwen Ci’an und Cixi zu dessen Regentinnen.

Sushun versuchte noch weiterhin, sich als eigentlichen Regierenden zu installieren, indem er die beiden Frauen mit Hausarrest dazu erpresste, seine Installation mit ihren Siegeln offiziell zu machen; doch die Mandarine, die hochgestellten Beamten des Landes, hatten bereits ihre Schriften an die beiden Kaiserinnen gerichtet und sie damit als Regentinnen anerkannt. Mit Hilfe des Prinzen Gong und der Traueretikette der chinesischen Kaiser gelang es Ci’an und Cixi, sich dem direkten Einfluss Sushuns zu entziehen: Der Minister musste den Leichenzug des Kaisers in die inzwischen wieder befriedete Hauptstadt begleiten, der Thronfolger sollte jedoch vor dem Leichnam in Peking ankommen. Die Gesellschaft um den jungen Prinzen erreichte drei Tage früher als nötig sein Ziel und die Kaiserinnen konnten das vorherige Schreiben mit ihren Siegeln zur Fälschung erklären. Sushun und seine Gefolgsleute wurden verhaftet, die meisten von ihnen verbannt, Sushun hingegen wurde zunächst zum Tod durch tausend Schnitte verurteilt (das verlinke ich nicht, aber es gibt einen Wikipedia-Eintrag dazu), später aber zur Enthauptung begnadet.

Diese strategische Vorgehensweise Cixis, ihr Leben und das ihres Sohnes zu retten und selbst in die Lage zu kommen, China zu regieren, brachten ihr bei unfreundlich gesinnten chinesischen Beamten den Ruf ein, kaltblütig und skrupellos zu sein; selbstverständlich wurde ihr auch sexuelle Devianz angedichtet, als der Rest der Welt sich für die chinesische Regentin zu interessieren. Cixi setzte nach ihrem Sohn, der 1872 mit 16 Jahren Kaiser wurde, aber nur drei Jahre regierte, bevor er an Syphilis starb, noch zwei weitere Minderjährige auf den Thron und behielt so lange Zeit das Zepter in der Hand. Ihrem Sohn, Kaiser unter dem Namen Tongzhi, folgte ihr Neffe Guangxu, ebenfalls drei Jahre alt, als er den Thron bestieg. Die andere Kaiserinwitwe Ci’an zog sich aus den Regierungsgeschäften zurück und starb, bevor Guangxu regierungsfähig wurde. Der durch eine Lungenerkrankung fast stumme Kaiser strebte, als er schließlich Kaiser wurde, Reformen an, die China wahrscheinlich ermöglicht hätten, den wirtschaftlichen und technologischen Rückstand gegenüber den westlichen Mächten aufzuholen. Cixi setzte ihren Neffen jedoch unter Hausarrest und nahm die Regierung wieder in die eigene Hand.

Cixi hatte sich im Laufe der Zeit von einer gewissen Reformwilligkeit zum Konservativismus entwickelt, möglicherweise durch Schicksalsschläge und den Verlust von Vertrauen in ihre Verbündeten. Erst die Erschütterungen des Boxeraufstandes schienen sie erkennen lassen, dass China mitnichten eine Vormachtstellung in der Welt hatte. Sie hatte die Aufstände gegen die Ausländer im Land gebilligt und unterstützt, da sie von ihren eigenen Makeln ablenkten; nach der blutigen Niederschlagung ließ sie dann die Aufständischen bestrafen. Während jedoch die Regentin sich auf die Erneuerung des Glanzes vergangener Zeiten konzentrierte und nur schwergängig das Land für die Zukunft vorbereitete, griffen die Westmächte nach immer mehr Territotium. Sie kündete zwar noch die Umstellung auf eine konstitutionelle Monarchie an, doch 1908 zog sich die 73-jährige eine echte Grippe zu und verstarb – nicht ohne ihren Neffen am Tag zuvor noch mit Arsen zu vergiften, sodass ihr bevorzugter Thronfolger zum Kaiser gekrönt würde: Der zweijährige Puyi, der letzte Kaiser von China.

1911 brach die Xinhai-Revolution aus und beendete die Monarchie in China.

Für einen spannenden Überblick über die chinesischen Kaiser und deren unterschiedliche Dynastien empfehle ich die Geo Epoche Nr. 93 über das kaiserliche China, die ich gerade lese (unbezahlte Werbung, aus reiner Überzeugung). Leider habe ich vor Beendigung dieses Beitrags noch nicht bis zum letzten Kapitel, dem über Cixi, gelesen.

10/2018

10. Oktober 1928: Leyla Gençer

Die Tochter eines türkischen Vaters und einer polnischen Mutter wuchs auf der kleinasiatischen Seite Istanbuls auf; sie begann eine Gesangsausbildung am Konservatorium von Ankara, brach diese jedoch ab und setzte den Gesangsunterricht privat fort. Sie war mit einem Banker verheiratet und sang zunächst als Chorsängerin am Türkischen Staatstheater.

1953 begann sie ihre Karriere in Neapel, nur vier Jahre später sang sie zum ersten Mal an der Mailänder Scala. Bis zum Jahr 1987 trat sie an der Scala in 19 Rollen auf und baute ihr Repertoire auf über 70 Partien aus. Die „türkische Diva“ sang Hauptrollen in den USA und Europa, unter den berühmtesten Dirigenten ihrer Zeit. Besondere Erfolge feierte sie mit ihren Interpretationen von Donizetti, einem zwischenzeitlich in Vergessenheit geratenen Komponisten des Belcanto.

Nach dem Ende ihrer Bühnenkarriere war Gençer noch vielseitig in der Opern- und Musikbranche tätig. Ihr zu Ehren findet seit 1996 der Leyla Gençer Gesangswettbewerb statt. Die Sängerin starb 2008 80jährig an Herzversagen, ihre Asche wurde wunschgemäß in den Bosporus verstreut.

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12. Oktober 1873: Nadezda Petrović

Die serbische Malerin des Expressionismus und Fauvismus nahm anfangs privaten Zeichenunterricht in Belgrad. 25jährig kam sie nach München und wurde zunächst Schülerin des slowenischen Malers und Lehrers Anton Azbe; Petrović liebte alles Russische und besuchte auch den Salon von Marianne von Werefkin, wo sie russischen Künstlern begegnete. Ihre Vorliebe für die farbenfrohe russische Kunst brachte sie als Schülerin zum „Farbenfürst“ Julius Exter nach Übersee am Chiemsee.

Petrović vereinte ihre lebenslange Treue zum Azbe-Stil mit der Farbigkeit des Expressionismus. Sie reiste als Künstlerin durch ganz Europa und stellte in den 1910er-Jahren mehrfach in Paris aus. In ihrem Heimatland Serbien ist sie auch aufgrund ihres politischen Engagements beliebt: Sie unterstützte die Bevölkerung in Mazedonien in den türkischen Pogromen und gründete die erste serbische Künstlerkolonie. In den Balkankriegen und dem Ersten Weltkrieg malte sie in ihrer Heimat Landschaft, Soldaten und Bauern, verpflichtete sich jedoch auch als freiwillige Krankenpflegerin. Im Rahmen dieser Tätigkeit zog sie sich den Flecktyphus zu und verstarb 43jährig in einem Lazarett.

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14. Oktober 1938: Farah Pahlavi

Die spätere Ehefrau des iranischen Schahs wurde als Tochter eines aserbaidschanisch-stämmigen Offiziers in Teheran geboren, der starb, als sie zehn Jahre alt war. Farah Diba besuchte in Teheran zunächst eine italienische, später zwei französische Schulen; mit 19 Jahren schrieb sie sich in Paris an einer Hochschule für Architektur ein.

Da viele iranische Studenten staatliche Unterstützung in ihren ausländischen Studien erhielten, wurden stets einige in die Botschaft geladen, wenn der Schah dort weilte. Im Rahmen eines solchen Treffens lernte Farah Mohammed Reza Pahlavi Shah kennen. Es erfolgten einige weitere Treffen, bis nach etwa einem halben Jahr die Verlobung des Schah mit dem 19 Jahre älteren Monarchen bekanntgegeben wurde. Farah wurde die dritte und letzte Ehefrau des iranischen Staatsoberhauptes und schenkte ihm in zehn Jahren vier Kinder.

Nach der Hochzeit war ihr Titel zuerst Malakeh, aus dem Arabischen für „Königin“. Zwei Jahre, nachdem sie durch die Ehe diesen Titel erhalten hatte, erhöhte der Schah per Dekret ihre Stellung: Er verlieh ihr den Titel Schahbanu, Persisch für „Gemahlin des Schah“. Damit betonte er nicht nur ihre persische Herkunft, sondern wertete ihre Position – und damit intediert die Stellung der Frau in der iranischen Gesellschaft – auf eine der Gleichberechtigung nähere.

Farah Pahlavi Schahbanu setzte sich in ihrer politischen Position vielseitig für die Menschen und die Kultur im Iran ein, mit einem Büro, das sich in vier Themenbereich engangierte: Medizin und Gesundheit, Bildung und Erziehung, Kunst und Kultur udn Soziale Angelegenheiten. So gründete sie z. B. als erste ein Dorf, in dem Leprakranke und ihre Familien nicht nur medizinisch versorgt, sondern auch gesellschaftlich rehabilitiert wurden – bis dahin führte die Erkrankung zur lebenslänglichen Verbannung nicht nur des Betroffenen, sondern auch derer Familien aus dem heimatlichen Verbund. Gesellschaften unter ihrer Schirmherrschaft verbesserten die Versorgung von Krebskranken, Brandopfern, Kindern und die Zusammenarbeit mit der WHO. Farah Pahlavi gründete mehrere Waisenhäuser, Fachschulen und Institutionen für die Teilhabe von körperlich Beeinträchtigten; die ehemalige Pfadfinderin förderte auch die Organisation der Pfadfinderinnen im Iran. Außerdem förderte sie mit Schrimherrschaften die Literatur, das Theater und Museumslandschaft im Iran, insbesondere mit Fokus auf Kinder und die persische Sprache. Farah unternahm Inspektionsreisen in abgelegene Gebiete ihres Landes und begleitete ihren Mann bei Staatsbesuchen rund um die Welt, unter anderem auch den 1967 in Deutschland.

Im gleichen Jahr, 1967, war Farah Pahlavi mit ihrer Schwägerin, der Zwillingsschwester ihres Mannes, an einer Veränderung des Familienrechts beteiligt. Sie selbst wurde von ihrem Mann ein weiteres Mal in ihrer Stellung gehoben: Sie wurde zur Vizekönigin und das Mindestalter, in dem der Sohn des Schah würde regieren dürfen, wurde auf 20 angehoben – Farah wurde damit in Abwesenheit oder im Todesfall des Schahs zur gleichberechtigten Übergangs-Regentin. Dies war ein umwälzender Schritt für die Gleichstellung der Frau in der iranischen Gesellschaft. Die gleichzeitige Gesetzesänderung, dass Frauen das Recht zur Scheidungseinreichung verliehen wurde und Männer sich nicht mehr ohne Angabe von Gründen von ihren Frauen scheiden lassen konnten, sowie die Einwilligung der ersten Ehefrau und einen Nachweis für die Versorgungsicherung benötigten, um eine Zweitfrau zu heiraten, sollte diese fortschrittliche Entwicklung zementieren. Der Ajatollah Chomeini, damaliger religiöser Führer des Islam im Iran, war alles andere als begeistert; dieser Schritt nach vorn verstärkte die gegenläufige Reaktion und trug zur Spaltung des Landes bei, die in der Islamischen Revolution und schließlich dem Sturz des Schahs 1979 ihren Höhepunkt fand.

Nachdem der Schah und seine Frau den Iran verlassen hatten, suchten sie an verschiedenen Stellen sowohl Exil wie auch medizinische Versiorgung für die Krebserkrankung des Monarchen. Einige Politiker, die sie vor kurzem noch als Staatsgäste empfangen hatten, wiesen sie nun ab. Nach Aufenthalten in Ägypten, Marokko, den Bahamas und Mexiko wurde der Schah einige Zeit in amerikanischen Krankenhäusern behandelt; es folgten weitere Aufenthalte in Panama und wiederum Ägypten, wo der Schah 1980 an den Folgen des Krebs verstarb.

Farah Pahlavi lebt derzeit abwechselnd in Frankreich und den USA, sie engagiert sich weiterhin bei der UNESCO für Kinderbildung. Zwei ihrer Kinder musste sie nach Selbstmorden beerdigen: Ihre jüngste Tochter nahm 2001 31jährig Schlaftabletten und Kokain, ihr jüngster Sohn erschoss sich 2011 mit 44 Jahren.

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21. Oktober 1925: Celia Cruz

Celia ‚Azúcar‘ Cruz gilt als Queen of Salsa, „la reina de salsa“. In einfachen Verhältnissen in Havana, Kuba, aufgewachsen, begann sie eine Ausbildung zur Lehrerin, um einen „anständigen“ Beruf zu haben, doch sang sie schon seit ihrer Kindheit und hoffte auf eine wirtschaftlich und sozial vielversprechendere Zukunft als Sängerin. Sie gewann in zahlreichen Gesangswettbewerben, doch ihren wirklichen Durchbruch schaffte sie mit 25, als die vorherige Sängerin der kubanischen Band Sonora Matancera in ihre Heimat Puerto Rico zurückkehrte. Die Band gab Celia Cruz eine Chance und stand bald im Schatten ihres Ruhms.

Celia befand sich mit der Band gerade in Mexiko, als Fidel Castro 1959 auf Kuba die Macht ergriff, und sie blieben alle im Exil. Castro verbot Cruz zwei Jahre später sogar die Einreise zur Beerdigung ihrer Mutter. Cruz wurde amerikanische Staatsbürgerin und feierte in den USA und Mexiko Erfolge, die ihr auch gelegentliche Ausflüge ins Filmfach gewährten. Sie gewann im Laufe ihres Lebens drei Grammys und vier Latin Grammys.

Sie starb 2003 mit 77 Jahren an den Folgen eines Hirntumors.

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27. Oktober 1922: Ruby Dee

Die afro-amerikanische Schauspielerin wuchs in Harlem auf, wo ihre Eltern nebenbei eine Pension für afro-amerikanische Reisende betrieben, die nicht in „weißen“ Hotels aufgenommen wurden. Sie spielte bereits in der Highschool Theater und während des College am American Negro Theater in Harlem, wo sie schon früh mit späteren Stars wie Sidney Poitier und Harry Belafonte auf der Bühne stand. Von dort erarbeitete sie sich ihre Karriere über Off-Broadway-Produktionen an den Broadway. Sie besuchte das Actors Studio unter Lee Strasberg und erreichte über erste Produktionen afro-amerikanscher Filme auch Hollywood. Sie spielte bis zum Ende ihres Lebens in Theater und Filmen, unter anderem in mehreren Werken von Spike Lee. Mit 83 Jahren erhielt sie ihre einzige Oscarnominierung für ihre Rolle als Denzel Washingtons Mutter in American Gangster; sie ist die einzige im 21. Jahrhundert für diese Auszeichnung nominierte Person, die auch bereits gestorben ist.

Gemeinsam mit ihrem zweiten Ehemann Ossie Davis galt Ruby Dee als „Erstes Ehepaar der Bürgerrechtsbewegung“. Die beiden waren mit ihren Schauspielkollegen politisch aktiv und mit den Bürgerrechltern Martin Luther King Jr. und Malcolm X befreundet. Noch bis ins hohe Alter nahm sie an politischen Kundgebungen und Demonstrationen teil und betrachtete ihre prominente Stellung as Schauspielerin als Möglichkeit, für die Rechte der afro-amerikanischen Bevölkerung einzutreten.

Ruby Dee starb mit 91 Jahren; die Lichter am Broadway wurden am Freitagabend nach ihrem Todestag für eine Minute gedimmt, um ihrer zu gedenken.

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28. Oktober 1879: Luisa Capetillo

Luisa Capetillo wurde in Puerto Rico geboren, als Tochter eines Basken und einer Korsin, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben auf die karibische Inselgruppe ausgewandert waren. Liberal erzogen und von den Eltern im Lesen und Schreiben unterrichtet, fand sie ihre erste berufliche Beschäftigung als Vorleserin in einer amerikanischen Zigarrenfabrik – sie las dort den Arbeitern Zeitungen und Romane vor. Über diese Tätigkeit kam sie auch in Kontakt mit Gewerkschaften.

Geprägt von den philosophischen und literarischen Vorlieben ihrer Eltern, las sie Tolstoy, Zola und Hugo; in Kombination mit der harschen Realität ihrer kolonialen Umgebung entwickelte sie sich zur Anarchistin und weiblichen Stimme der Arbeiterbewegung. Sie beteiligte sich zwar nicht an Organisationen der Frauenrechtsbewegung, aber dies nur, weil sie der Meinung war, diese müsse eingebunden werden in den Klassenkampf. 1904 veröffentlichte sie ihr eigenes Essay, „Mi Opinión“, in dem sie die Frauen des Proletariats aufforderte, für ihre Rechte – als Frauen und als Arbeiterinnen – zu kämpfen. Mit der Veröffentlichung dieses Textes in Gewerkschaftszeitungen und der Teilnahme an Arbeiterstreiks gelangte Capetillo bald an die Spitze der FLT (Federación libre de trabajadores), der puerto-ricanischen Arbeiterbewegung, und setzte sich in dieser Position für die Bildung und Rechte der Arbeiterfrauen ein. Mit ihrer Überzeugungsarbeit für das Frauenwahlrecht gilt sie als die erste Suffragette Puerto Ricos.

Zwischen 1912 und 1919 wirkte sie mit an Streiks der Tabakarbeiter in New York und Tampa (FL), außerdem schrieb sie weiterhin Essays und brachte ihr erstes Werk ein weiteres Mal heraus. 1915 wurde sie auf Kuba verhaftet, weil sie Hosen trug – damals für Frauen eine tatsächliche Straftat. Sie hatte bereits vor ihrer politischen Tätigkeit mehrere Kinder bekommen, ohne verheiratet zu sein, und war auch Verfechterin der „freien Liebe“ in dem Sinne, dass Frauen sich ihre Partner frei wählen können sollten.

In den Jahren vor ihrem Tod durch Tuberkulose 1922 war sie 1916 und 1918 noch einmal an den größten Arbeiterstreiks der puertoricanischen Geschichte beteiligt.

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30. Oktober 1902: María Izquierdo

Der Anfang ihres Lebens schien der mexikanischen Künstlerin zunächst nichts Gutes zu versprechen. Als sie fünf Jahre alt war, starb ihr Vater und sie lebte in der Obhut ihrer Mutter und Großmutter in einem Dorf im Norden Mexikos. Gemäß der streng katholischen Traditionen auf dem Land wurde sie mit 14 Jahren in die Ehe mit einem viel älteren Offizier gezwungen und bekam innerhalb der nächsten drei Jahre drei Kinder. Als die mexikanische Revolution endete, zog sie mit ihrer Familie nach Mexiko-Stadt. Dort begann sie, ihre Malerei professioell zu entwickeln und ließ sich schließlich mit 26 Jahren wieder scheiden, um ihrer Leidenschaft nachzukommen. Sie schrieb sich an der Academia de San Carlos ein und begeisterte bei einer Schülerausstellung deren Direktor, Diego Rivera, frisch verheirateter Mann von Frida Kahlo. Aufgrund verschiedener Differenzen mit den anderen Schülern der Akademie beendete sie ihr Studium dort, blieb aber mit dem wenig älteren Kommilitonen und Mentor Rufino Tamayo in engem künstlerischen und persönlichen Kontakt. Ihr primitivistischer und surrealistischer Stil machte sie einzigartig unter den mexikanischen Künstlern ihrer Zeit und sie feierte nicht nur in ihrem Heimatland Erfolge: Sie war die erste mexikanische Künstlerin mit einer Ausstellung in den USA, die allein ihre Werke zeigte.

Sie zog einen weniger politischen Ausdruck in der Kunst vor als die meisten ihrer zeitgenössischen Kollegen und war im Inhalt stark von den vor-christlichen und katholischen Einflüssen ihrer frühen Prägung beeinflusst. In den 1940er Jahren erreichte ihre Karriere ihren Höhepunkt und 1944 wurde sie Kulturbotschafterin ihres Landes. Kurz darauf erlitt sie jedoch einen Schlaganfall, außerdem begannen sich ihre früheren Förderer, die männlichen Künstler Mexikos, gegen sie zu wenden und sie zu diskreditieren. Sie erlitt einen weiteren Schlaganfall und starb 1955.

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09/2018

2. September 1838: Lili’uokalani

Die erste, einzige und letzte Königin Hawai’is wurde unter dem Namen Lili’u Loloku Walania Kamaka’eha geboren. Ihr Name bezieht sich wie alle hawaiianischen Namen auf ein Ereignis, das bei ihrer Geburt stattfand: Da die damalige Königin von Hawai’i, Kīna’u, zur Zeit der Geburt eine Augeninfektion hatte, wurde das Kind von ihr Brennen (Lili’u) Tränend (Loloku) brennender Schmerz (Walania) wunde Augen (Kamaka’eha) genannt. Wie ebenfalls in der hawaiianischen Kultur üblich, wurde die Tochter des Chief und Patriarchen des Hauses Kalākaua und seiner Frau direkt nach der Geburt von Freunden ihrer Eltern adoptiert, nämlich dem Chief Abner Pākī und Laura Kōnia, einer Verwandten des regierenden Königs Kamehameha III. ‚Ohana, das hawaiianische Wort für Familie, umschließt nicht nur die leiblichen Verwandten, sondern auch Wahlverwandtschaft und Adoptivfamilie; durch ausgeprägte Austauschen von Kindern, hana’i, schon im Säuglingsalter entstanden so enge Bindungen auch zwischen genetisch nicht verwandten Familien.

Während ihrer Schulzeit lebte sie im Haus des hawaiianischen Königs Kamehameha IV und dessen Frau. Sie war mit 19 Jahren für einige Zeit verlobt mit dem späteren, vom hawaiianischen Adel gewählten König Lunalilo, löste diese Verlobung jedoch wieder und heiratete mit 24 Jahren einen kroatischstämmigen Amerikaner. Ihr ehemaliger Verlobter Lunalilo starb bereits ein Jahr nach seiner Thronbesteigung und Lili’us Bruder Kalākaua wurde als sein Nachfolger bestimmt. Als dieser 19 Jahre später starb, wurde Lili’u mit 53 Jahren wiederum durch Erbrecht Königin von Hawai’i. Zu diesem Zeitpunk wählte sie den offiziellen Namen Lli’uokalani, „brennender Schmerz der königlichen Familie“.

Schon lange Zeit vor ihrer Regentschaft hatten sich die auf Hawai’i lebenden amerikanischen Besitzer von Bananenplantagen in die Politik des Inselstaates eingemischt, im wirtschaftlichen Interesse ihres Heimatlandes. Unter anderem Sanford Dole*, ein Jurist und Politiker ohne hawaiianische Wurzeln (er stammte von amerikanischen Missionaren ab), hatte 1887 mit der Unterstützung einer rein kaukasischen Militäreinheit auf Hawai’i, den Honolulu Rifles, einen Umsturz der hawaiianischen Monarchie herbeigeführt. Dieser Putsch endete damit, dass Kalākaua unter dem Druck angedeuteter Bedrohungen auf sein Leben eine Konstitution unterzeichnete, die die indigene Bevölkerung massiv benachteiligte: Die politische Macht des hawaiianischen Königshauses wurde zugunsten des Kabinetts eingeschränkt, Wahlrecht hatten nur noch Männer, die des Lesens mächtig waren – also auch dies hauptsächlich die Nachfahren der kaukasischen Einwanderer – oder war an ein Mindestmaß an Wohlhaben und Einkommen geknüpft, was die Ureinwohner zum größten Teil von politischer Teilhabe ausschloss. Diese kolonialistisch wirkende Verfassung wird die Bayonet Constitution genannt, da sie unter Waffengewalt eingerichtet wurde.

Lili’uokalani versuchte in ihrer zweijährigen Amstzeit, der ursprünglichen hawaiianischen Monarchie – und der  indigenen Bevölkerung – wieder mehr Macht und Mitbestimmung zu verschaffen. Als sie schließlich 1893 mit einer neuen Verfassung die Politik des Landes wieder in die Hände der Ureinwohner bringen wollte, gründeten die amerikanischen Plantagenbesitzer, unter ihnen Dole, das „Komitee für öffentliche Sicherheit“, auf dessen Betreiben hin US-Marines auf Hawai’i landeten und die Königin unter Hausarrest stellten. Im Folgejahr riefen die US-Besatzer die Republik Hawai’i aus, mit Dole als Präsident; nachdem 1895 einige indigene Royalisten eine Rebellion versucht hatten und inhaftiert worden waren, dankte Lili’uokalani zugunsten deren Freilassung offiziell ab. Es war ihr erlaubt, für die Sache ihres Landes und ihres Volkes vor dem US-Senat zu sprechen, jedoch ohne Erfolg. Im Zuge des Spanisch-Amerikanischen Krieges wurde Hawai’i wegen seiner strategischen Lage von den USA als „Hawai’i-Territorium“ annektiert.

Für die verbleibenden 19 Jahre ihres Lebens erhielt Lili’uokalani eine Rente und lebte im Haus ihres Schwiegervaters auf Honolulu, wo sie 79jährig an einem Schlaganfall verstarb.

Lili’uokalanai komponierte über 100 Lieder, das bekannteste davon: Aloah `Oe

*Die Dole Food Company verkauft heute noch immer Bananen.

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10. September 1922: Yma Sumac

Als Zolia Augusta Emperatriz Chavarri del Castillo geboren, gab sich die peruanische Folkloresängerin den Quechua-Künstlernamen Yma Sumac (ima sumaq: wie schön). Ihre Stimme umfasste an die fünf Oktaven (normales Register professioneller Sänger*innen: drei Oktaven), vom Bariton bis ins hohe Pfeifenregister. Sie begann ihre Karriere mit 20 Jahren im peruanischen Radio. Im gleichen Jahr, 1942, heiratete sie Moisés Vivanco, mit welchem sie und ihr Cousin die Folkloregruppe Imma Sumack and the Conjunto Folklorico Peruano gründeten. Vier Jahre später ging das Trio nach New York, konnte dort jedoch zunächst keine nennenswerten Erfolge verbuchen. 1949 gebar sie einen Sohn und ein Jahr später erhielt sie schließlich, unter dem letztgültigen Künstlernamen Yma Sumac, einen Plattenvertrag bei Capitol Records. Dort nahm mit dem Album Voice of the Xtabay ihre Karriere Fahrt auf, sie gab zahlreiche Konzerte in London und Paris und absolvierte weltweite Tourneen.

1955 wurde sie amerikanische Staatsbürgerin. Sie betätigte sich auch als Schauspielern, unter anderem 1957 im Film Das Geheimnis der Inkas neben Charlton Heston, nachdem sie sich als Star in der Musikszene etabliert hatte. Ihre Ehe zu Vivanco wurde geschieden, neu geschlossen und wieder geschieden, zwischendurch gingen die beiden mit einer gemeinsamen Band auf fünfjährige Welttournee.

Sumac blieb für den Rest ihres Lebens musikalisch aktiv, ihre umfangreiche Stimme und die markant folkloristischen Stücke finden sich auch heute noch regelmäßig in der Popkultur. 83jährig erhielt sie den Orden del Sol vom peruanischen Staat. 2008 starb sie 85jährig in Los Angeles.

 

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15. September 1977: Chimamanda Ngozi Adichie

Adichie wurde als fünftes von sechs Kindern eines nigerianischen Mathematikprofessors und der ersten weiblichen Registratorin an der Universität von Nigeria geboren. Sie begann ein Medizin- und Pharmaziestudium in Nsukka, an der Universität ihrer Eltern, arbeitete zu dieser Zeit aber bereits als Redakteurin eines Magazins. Mit 19 Jahren ging sie für das Studium der Kommunikations- und Politikwissenschaften in die USA, zunächst in Philadelphia, später in Willimantic, Connecticut, wo sie ihrer Schwester näher war, die in Coventry als Ärztin arbeitete.

Als Afrikanerin in Afrika aufgewachsen, war es ihr fremd, aufgrund ihrer Hautfarbe anders behandelt und beurteilt zu werden. Diese Erfahrung machte sie nun in den USA, wo z. B. ihre Zimmergenossin im Wohnheim sich wunderte, wie gut Adichie Englisch sprach und dass sie keine afrikanische Volksmusik hörte. Nachdem Adichie einen Master-Abschluss in Kreativem Schreiben gemacht hatte, begann sie zu schreiben und unter anderem diese Erfahrungen darin zu verarbeiten.

Seit 2002 hat Adichie mehrere Romane, Kurzgeschichten und Essays geschrieben und unzählige Nominierungen und Preise erhalten. Bekannt wurde sie einerseits mit ihrem TEDTalk „The danger of a single story (englischer YouTube-Clip), worin sie über die Gefahr spricht, andere Menschen und Kulturen nur über den einen Aspekt ihrer Geschichte zu verstehen, sich nur aufgrund dieses Aspekts sich ein Bild vom ganzen Menschen oder der ganzen Kultur zu machen. Sie parallelisiert ihre eigene Erfahrung mit der Wahrnehmung des afrikanischen Kontinents in der restlichen Welt: Ihre Familie hatte einen Pagen, von dem sie in ihrer Kindheit nur wusste, dass er und seine Familie arm waren. Das war das Bild, das sie sich von ihnen machte; als ihre Familie einmal den Pagen und seine Familie in dessen Heimat besuchten, war sie daher überrascht festzustellen, dass die Familie Körbe flocht – also etwas herstellte, nicht „nur“ arm, also passiv und arm war. Ebenso ergeht es dem afrikanischen Kontinent und Afrikanern in der Wahrnehmung der restlichen Welt: Der Gedanke an Afrika ist so eng verbunden mit den Bildern von hungernden Menschen, dass es oftmals für Überraschung sorgt, wenn sich herausstellt, dass Menschen in Afrika nicht alle arm sind – und die, die es sind, nicht nur arm sind –, sondern auch eine moderne Kultur pflegen und auch den Kulturen anderer Länder folgen können.

Ein anderer TEDTalk von ihr ist „Why we should all be feminists“ (englischer YouTube-Clip), in dem sie über ihre Erfahrung speziell als afrikanische Feministin spricht.

Adichie lebt in Nigeria und den Vereinigten Staaten, wo sie Kreatives Schreiben unterrichtet. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter, und hält Ehrendoktortitel an zwei Universitäten.

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21. September 1902: Toyen

Die tschechische surrealistische Künstlerin studierte zunächst bis 1920 in Prag und ging dann nach Paris, wo sie mit Jindrich Štyrsky einen Vorläufer der Informel-Stilrichtung schuf, den Artifizialismus. Sie zeichnete und malte oft erotische Motive; nachdem sie André Breton und den Surrealismus kennenlernte, gründete sie mit anderen tschechischen Künstlern die Tschechische Surrealisten Gruppe.

Während des Zweiten Weltkrieges galt ihre Kunst als „entartet“ und sie lebte im Untergrund, wobei sie ihrem jüdischen Partner auch Unterschlupf gewährte. Die beiden gingen 1947 gemeinsam nach Paris. Dort lebte sie bis 1980.

Toyen wurde als Frau geboren, würde sich heute jedoch wahrscheinlich als non-binär (enby) identifizieren, da sie sich nicht in binäre Genderrollen einfügte und sich auch mit männlichen Pronomen ansprechen ließ.

Toyen Google-Ergebnisse

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25. September 1799: Luisa Cáceres de Arismendi

Die venezolanische Volksheldin wurde als Tochter eines kanarisch-stämmigen Intellektuellen in Caracas geboren. Während ihrer Kindheit usurpierte Napoleon Spanien und setzte seinen Bruder als König ein. Das spanische Volk im Land und in den Kolonien rebellierte; in Venezuela sahen die Kolonisten die Schwächung des Heimatstaats als Chance, ihre Unabhängigkeit zu erringen.

In den folgenden Kämpfen um die Herrschaft in Venezuela geriet die Familie Cáceres in die Kriegswirren. Ihr Vater wurde von Royalisten ermordet, ihr Bruderschloss sich einer Befreiungsaktion inhafterter Freiheitskämpfer an, wurde festgenommen und exekutiert. General Juan Arismendi, einer der Führer der republikanischen Revolution, verliebte sich (39jährig) in die 15jährige und bot ihrer verbleibenden Familie Unterkunft und Verpflegung auf der Isla Margarita. Dort heirateten die beiden schließlich. Juan Arismendi wurde als vorläufiger Gouverneur der Isla Margarita eingesetzt, musste jedoch vor den spanischen Truppen in die Berge fliehen. Daraufhin wurde Luisa mit 16 Jahren inhaftiert, um ihren Mann aus seinem Versteck zu locken oder die zur Preisgabe seines Aufenthaltsortes zu zwingen.

Die junge Schwangere wurde unter übelsten Bedingungen gefangengehalten und misshandelt. Sie lag in einer dunklen Zelle bei schlechter Ernährung und bewegte sich möglichst wenig, um ihre Kerkerwärter nicht auf sich aufmerksam zu machen. Ein Priester erbarmte sich ihrer schließlich und brachte ihr Licht und bessere Nahrung. Mit 17 Jahren brachte sie in der Gefangenschaft ein Kind zur Welt, dass aufgrund ihrer schlechten Lage während der Schwangerschaft kurz nach der Geburt verstarb. Nichtsdestotrotz blieb Luisa standhafte venezolanische Freiheitskämpferin und verriet nicht, wo sich ihr Mann aufhielt.

Sie wurde nacheinander in zwei andere Gefängnisse verlegt, blieb jedoch über diese ganze Zeit abgeschnitten von ihrer Familie. Als die republikanische Armee schließlich die Oberhand in Venezuela gewann, ließen ihre spanischen Geiselnehmer sie nach Cadiz in Spanien senden. Auf der Seereise dorthin erlitt sie Schiffbruch und strandete auf den Azoren; Anfang des Jahres 1817 erreichte sie endlich Cadiz und wurde dem dortigen andalusischen General vorgeführt. Dieser stimmte den Bestimmungen seiner südamerikanischen Kollegen nicht zu und setzte Luisa nur unter Hausarrest, mit einer Pension und unter der Obhut eines Arztes und dessen Frau. Sie blieb dort etwas mehr als ein Jahr, während dessen sie sich weigerte, ein Dokument zu unterzeichnen, in dem sie ihre Loyalität gegenüber dem spanischen König erklären sollte.

1818 gelang ihr mit Hilfe zweier Freunde die Flucht über den Atlantik. So kam sie schließlich 1819 über Philadelphia wieder auf die Isla Margarita und wurde mit ihrem Mann wiedervereint. Sie lebte den Rest ihres Lebens in Caracas und bekam noch elf Kinder. Als Nationalheldin gefeiert, findet sich ihr Abbild seit 2008 auf dem 20-Bs-F-Schein.

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30. September 1890: Higashiyama Chieko

Die japanische Schauspielerin möchte ich erwähnen, weil sie eine Hauptrolle im bekanntesten Film des japanischen Regisseurs Yasujirō Ozu spielt: Die Reise nach Tokyo. Die japanische Filmkultur ist noch voller Wunder und Juwelen.

06/2018

2. Juni 1978: Yi So-yeon

Mit 30 Jahren wurde Yi So-yeon zuerst Doktorin der Biotechnologie und kurz darauf der erste Mensch koreanischer Nationalität im All.

Zwei Jahre zuvor hatte sie gemeinsam mit einem männlichen Kollegen alle Phasen des Aufnahmeverfahrens für Raumfahrer auf der Internationalen Raumstation ISS bestanden und durchlief in Folge mit Ko San, ihrem Kollegen, das 15-monatige Training für Raumfahrer in Russland. Zunächst wurde sie nur als Ersatz für Ko trainiert, doch der verstieß mehrfach gegen Richtlinien des russischen Ausbildungszentrums, weshalb die russische Raumfahrtbehörde Einspruch gegen seinen Einsatz erhob.

So begann Yi, vier Wochen nach ihrer Promotion in Abwesenheit, ihren achttägigen Aufenthalt auf der ISS, während dessen sie insgesamt 18 Experimente durchführte. Sie war die dritte Asiatin im All nach Chiaki Mukai aus Japan und Anousheh Ansari aus dem Iran.

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12. Juni 1956: Onutė Narbutaitė

Die freischaffende litauische Komponistin lernte bei den litauischen Komponisten Bronius Kutavičius und Julius Juzeliūnas.

Ihrer Komposition „Open the Gates of Oblivion“ für Streicherquartett von 1980:

Ihre Komposition „Vijoklis“ für zwei Klaviere von 1988:

 

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20. Juni 1930: Magdalena Abakanowicz

Die Tochter eines Lipka-Tartaren (in Litauen angesiedelte Turk) wurde 1930 in eine polnische Adelsfamilie hineingeboren. Sie studierte an den Kunstakademien in Danzig und Warschau; zunächst interessierte sie sich mehr für die Malerei, doch unter den schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen im Polen der 1950er Jahre entwickelte sie ihr Talent, aus gewachsenen oder gefunden Materialien Skulpturen zu schaffen.

In den 1960ern erlangte sie internationale Erfolge mit ihren Abakans, dreidimensionale Skulpturen aus Gewebe, hergestellt in einer Technik, die Abakanowicz selbst entwickelt hatte. Eine Dekade später ging sie zu menschenförmigen Skulpturen über, Gewebe verschwanden nach und nach aus ihrem Repertoire, dafür arbeitete sie mehr mit wetterfesten Materialien für großflächige Außeninstallationen.

Die Künstlerin verstarb am 20. April vergangenen Jahres.

Magdalena Abakanowicz

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22. Juni 1939: Ada Yonath

Ada Yonath wurde 1939 in Jerusalem geboren, sechs Jahre, nachdem ihre Eltern vor der Verfolgung durch die Nazis aus Polen geflohen waren. 1968 machte sie ihren Doktortitel in Röntgenkristallographie und arbeitete zunächst im Fachbereich Chemie, 1974 wechselte sie in den Fachbereich Strukturbiologie.

Ihr gelang es, ein Verfahren zur Kristallisation – also zur strukturierten Vermehrung bestimmter Moleküle – von Ribosomen zu entwickeln; Ribosomen sind die DNA-Kopierstationen innerhalb organischer Zellen. Da diese Moleküle sehr groß sind, ist ihre Kristallisation kompliziert, Yonath arbeitete erst mit den Ribosomen von Bakterien, die an heißen Quellen leben, da sie richtig vermutete, dass diese eine besonders stabile Molekülstruktur haben. Später entwickelte sie Techniken des Schockgefrierens, um auch anderen Ribosomen molekulare Stabilität zu verleihen.

Dank ihrer Forschung konnten nicht nur die Wirkungsweisen von mehr als 20 Antibiotika auf molekularer Ebene erkannt werden, sondern dementsprechend auch neue Antibiotika entwickelt werden. Für diese Forschungsleistung wurde ihr 2009 gemeinsam mit Thomas A. Steitz und Venkatraman Ramakrishnan der Nobelpreis für Chemie zuerkannt.

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26. Juni 1815: Mariana Grajales

Die posthum als „Mutter Kubas“ geehrte Grajales gebar dreizehn Kinder – das letzte im Alter von 52 Jahren –, von denen zwei, José und Antonio Maceo Grajales, als Generäle im Guerra Chicita (Kleinen Krieg) für die Unabhängigkeit Kubas von Spanien kämpften. Insgesamt war Grajales in allen drei Unabhängigkeitskriegen aktiv; der kubanische Poet José Martí prägte den Satz „In Gegenwart solcher Frauen ist es leicht, ein Held zu sein“, als er sah, wie Mariana mit ihrer Schwiegertochter den verwundeten Antonio auf dem Schlachtfeld versorgten.

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26. Juni 1956: Amma Darko

Die Ghanaerin machte mit 24 Jahren ihr Diplom in Industriedesign – lieber hätte sie Kreatvies Schreiben studiert, doch dies war und ist bis heute in ihrem Land kein Studienfach. Sie arbeitete zunächst am Technologie-Beratungszentrum der Universität von Kumasi, doch 1981 floh sie ins politische Asyl nach Deutschland. Hier wurde sie nur als Hilfsarbeiterin eingestellt; ihre Erfahrungen verarbeitete sie in ihrem ersten Roman „Der verkaufte Traum“, den sie während ihrer Zeit in Deutschland bis 1987 schrieb und der 1988 zuerst in deutscher Sprache veröffentlicht wurde.

Darko ist seitdem nach Ghana zurückgekehrt lebt in Accra und arbeitet als Steuerbeamte. Dem ersten Roman folgte ein zwei weitere Bücher, die in Deutschland verlegt wurden, und schließlich „Die Gesichtslosen“, der als erstes ihrer Bücher auch in Ghana veröffentlicht wurde. Nach zwei weiteren Romanen schrieb Darko schließlich noch ein Jugendbuch, „Das Halsband der Geschichten“.