Kategorie: Verbrechen

08/2018

3. August 1902: Regina Jonas

Regina Jonas kam als Tochter eines Kaufmanns im stark jüdisch geprägten Berliner Scheunenviertel (heute Mitte) geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf; als sie elf Jahre alt war, starb ihr Vater. Sie besuchte das Lyzeum in Berlin-Weißensee und erlangte eine Lehrerlaubnis für höhere Mädchenschulen. Mit dem Unterricht an verschiedenen anderen Lyzeen finanzierte sie sich ein Studium an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, mit dem erklärten Ziel, Rabbinerin zu werden.

Nach zwölf Semestern schloss sie 1930 das Studium mit einer Arbeit ab, die den provokanten Titel „Kann eine Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ trug, und zumindest zwei ihrer Prüfer, Dr. Leo Baeck und Eduard Baneth, unterstützten sie wohl in ihrem Ehrgeiz. Baneth verstarb leider plötzlich und konnte ihr nicht mehr das Diplom des Rabbiners erteilen. Fünf Jahre lang erprobte sie ihre Fähigkeiten mit Übungspredigten und Unterricht in religiösen Einrichtungen. Schließlich erklärte sich der Offenbacher Rabbiner Max Dienemann bereit, entgegen die Vorbehalte in der deutschen jüdischen Gemeinde, ihr die mündliche Prüfung abzunehmen und, nach Bestehen, sie zu ordinieren. Ihr ehemaliger Doktorvater Baeck begrüßte sie am nächsten Tag mit „Liebes Fräulein Kollegin“. Trotzdem sie als Rabbi voll ausgebildet und geprüft war, setzte die Berliner jüdische Gemeinde sie weiterhin hauptsächlich für den Religionsunterricht ein; auch seelsorgerische Betreuung durfte sie nun ausüben und religiöse Feste im Ornat leiten, doch nicht einmal die schriftlichen Anfragen von Gemeindemitgliedern, sie als Rabbi auf den Kanzeln der Synagogen oder bei religiösgesetzlichen Zeremonien zu sehen, konnten diese letzte Hürde des männlichen Monopols einreißen. Dahingegen erlangte sie die Aufmerksamkeit und Anerkennung der jüdischen Frauenvereinigungen wie der WIZO.

Ihre Argumentation, dass sie als Frau zur Rabbinerin geeignet war, basierte nicht so sehr auf der feministischen Theorie der Gleichberechtigung der Frau, als vielmehr darauf, dass Gott die Menschheit in zwei Geschlchtern geschaffen habe, die beide ihren geschlechtsspezifischen Beitrag zur Förderung der Menschheit beitragen können – gegen eine Frau als Rabbiner spräche „außer Vorurteil und Ungewohntsein fast nichts“. Sie befürwortete die Keuschheit und Ehelosigkeit der Rabbinerin sowie die Geschlechterttrennung in der Synagoge, doch manche Dinge könne sie als Frau von der Kanzel oder bei der Jugend sagen, die ein Mann nicht sagen könne.

Erst 1938, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, als der nationalsozialistische Druck auf die jüdischen Gemeinden die Zahl auch der Rabbiner in Deutschland durch Ausreise oder Deprotation dezimiert hatte, wurde sie neben der Seelsorge auch als voll anerkannter Rabbi eingesetzt und zwar im ganzen Land. Wohl weil ihre noch immer lebende Mutter zu alt für die Reisestrapazen war, machte sie selbst keine Anstalten, Deutschland zu verlassen. So wurde sie zunächst 1942 zu Zwangsarbeit verpflichtet und Ende des Jahres nach Theresienstadt deportiert. Dort hatte der jüdische Psychiater Viktor Frankl ein Referat „für psychische Hygiene“ eingerichtet, das den KZ-Häftlingen bei der Verarbeitung des Schocks helfen und ihre Überlebenschancen somit verbessern sollte. In diesem Referat hielt Jonas in zwei Jahren mindestens 44 aktenkundige Vorträge, bis sie am 12. Oktober 1944 nach Auschwitz-Birkenau verbracht und dort zwei Monate später ermordet wurde.

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6. August 1965: Yuki Kaijura

Die japanische Komponistin ist vor allem für zahlreiche Anime-Soundtracks verantwortlich.

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7. August 1913: Carmen Velasquez

Carmen Velasquez‘ Entdeckung der Fadenwurmart Capillaria philippensis rettete seit 1963 unzähligen Menschen auf den Philippinen das Leben. Dort starben die Menschen an einer unbekannten Krankheit, die sich mit Magenknurren, Bauchschmerzen und Durchfall bemerkbar machte. Velasquez stellte den bis dahin unbekannten Parasiten als Auslöser fest; seither können Befallene bereits bei Verdacht einer Infektion behandelt werden.

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10. August 1889: Zofia Kossak-Szczucka

Die polnische Autorin und Gewinnerin zweier Literaturpreise erlebte mit 50 Jahren in Warschau den Überfall Deutschlands auf Polen, mit dem der Zweite Weltkrieg begann. Die Katholikin wurde sofort im Untergrund aktiv als Redakteurin einer Zeitung des Widerstands.

1942, einige Wochen, nachdem die Deutschen mit der „Liquidation“ des Warschauer Ghettos, also mit den Deportationen in das Vernichtungslager Treblinka begonnen hatten, schrieb und veröffentlichte Kossak eine Protestschrift gegen die Duldung dieser Tatsachen in Polen und der interanationalen Gemeinschaft. 5.000 Exemplare von „Protest!“ wurden gedruckt; Kossak machte darin durchaus keinen Hehl aus dem generell noch bestehenden Antisemitismus der katholischen Polen, doch seien sie als Christen von Gott dazu verpflichtet, gegen die Greuel, die verübt wurden, zu protestieren. Dadurch, dass die Polen und die Weltgemeinschaft zu dem schweige, was die Deutschen den Juden antaten, würden sie zu Komplizen.

Nach dieser Protestschrift begründete sie die Widerstandsorganisation Zegota, die zwischen 1942 und 1945 daran beteiligt war, Juden vor der Ermordung in Konzentrationslagern zu retten: In Warschau allein rettete die Zegota an die 4.000 Juden, darunter 2.500 Kinder aus dem Ghetto, in ganz Polen geht die höchste Schätzung an die 75.000 Menschen. Für ihre Beteiligung am Widerstand wurde Kossak 1943 verhaftet und nach Auschwitz-Birkenau deportiert, dem polnischen Untergrund gelang es jedoch, sie zunächst in ein Frauengefängnis überführen zu lassen, aus dem sie schließlich entlassen wurde. So konnte sie 1944 am Warschauer Aufstand teilnehmen.

Die kommunistische Regierung Polens nach dem Krieg war den nicht-kommunistischen Widerstandskämpfern nicht freundlich gesonnen. Kossak verdankte es nun ihrem Einsatz für die jüdische Bevölkerung, dass sie einer Inhaftierung mit möglicher Todesfolge entkam: Der jüdisch-stämmige Innenminister der neuen Regierung wusste von seinem Bruder, was Kossak geleistet hatte, und warnte sie, sodass sie einer Verfolgung nach England entkam. Sie ging zunächst nach London und lebte dann 12 Jahre lang in Cornwall. 1957 konnte sie nach Polen zurückkehren, schrieb und lebte dort bis zu ihrem Tod 1968.

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15. August 1830: Mária Lebstück

Die Kroatin kam mit 13 Jahren nach Wien und schloss sich mit 18, als Mann verkleidet, den Juristen-Corps in der Revolution gegen die Monarchie an. Im späteren Verlauf ihrer Karriere in Ungarn schaffte sie es bis zum Rang des Oberleutnants, gleichzeitig brachte sie eine Eheschließung und Schwangerschaft unter. Letztere verriet jedoch ihre Verkleidung und sie musste ihr Kind in Kriegsgefangenschaft zur Welt bringen. Ihr Mann wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt und starb im Gefängnis, sie selbst wurde nach Kroatien ausgewiesen, kehrte jedoch drei Jahre später nach Ungarn zurück und heiratete erneut. Nachdem ihr zweiter Mann gestorben war, ging sie mit ihrem Sohn nach Budapest, wo sie mit 62 Jahren starb. Obwohl (oder weil?) ich mich eher als Pazifistin betrachte, stellen Soldatinnen für mich ein besonderes Faszinosum dar. Es braucht doch ein ordentliches Maß an Chuzpe und den sprichwörtlichen Gonaden, so eine Verkleidung unter solchen Umständen zu erwägen und auszuführen.

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24. August 1890 oder 1894: Jean Rhys

Die Tochter eines Walisers und einer dominicanischen Kreolin hieß in Wirklichkeit Ella Gwendolyn Rees Williams und lebte bis zu ihrem 16. Lebensjahr in der Karibik und wurde dann für eine weiterführende Schulbildung nach England geschickt, wo sie bei einer Tante lebte. In der Schule wurde sie für ihren Akzent gehänselt und auch in der Schauspielschule in London sah man 1909 aufgrund ihrer Redeweise keine Chance für ihren Erfolg. Sie arbeitete zunächst als Revuetänzerin (chorus girl, also Teil der größeren Produktion); nachdem ihr Vater 1910 starb, kämpfte sie gegen die Armut, indem sie sich „aushalten ließ“. Der Börsenmakler, dessen Geliebte sie wurde, heiratete si ezwar nicht, unterstützte sie aber über die Jahre immer wieder finanziell. In den folgenden 13 Jahren arbeitete sie zeitweise als Nacktmodel, wurde schwanger und trieb ab, arbeitete während des Ersten Weltkriegs in einer Militärkantine und nach dem Krieg im Versorgungsamt; sie lebte in England und auf dem europäischen Festland, heiratete und bekam zwei Kinder, von denen eines starb; sie entwickelte eine Alkoholsucht und begann zu schreiben. Sie ließ sich von ihrem ersten Mann scheiden und unterhielt eine Verbindung zum Autoren und Verleger Ford Madox Ford, der sie zwar künstlerisch förderte, ihr auch zum Pseudonym riet, aber im Privatleben wenig wertschätzend mit ihr umging.

Bis 1939 schrieb sie vier Romane und mehrere Erzählungen. Sie heiratete erneut und wurde 1945 Witwe, heiratete anschließend ein drittes Mal und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Tatsächlich arbeitete sie an einem weiteren Roman, der 1967 erschien, ein Jahr, nachdem sie ein zweites Mal verwitwete. Ihr letzter Roman „Sargassomeer“ ist eine Vor-Geschichte zu Charlotte Brontës „Jane Eyre“ und brachte ihr schließlich größeren Erfolg: Sie wurde als postkoloniale Autorin vor allem in feministischen Leserkreisen gefeiert.

Sie empfand Enttäuschung über den „zu späten“ Ruhm und äußerte einmal, dass sie bei einer zweiten Chance wohl ein glückliches Leben dem Schriftstellertum vorgezogen hätte. Sie starb mit 88 Jahren, bevor sie ihre Autobiografie beenden konnte.

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27. August 1916: Halet Çambel

Die dritte Tochter türkischer Eltern wurde in Berlin geboren – der Großvater mütterlicherseits war türkischer Botschafter, der Vater Militärattaché in der deutschen Hauptstadt. Nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Gründung der Republik lebte die Familie in Österreich und der Schweiz, 1922 ließen sie sich in Istanbul nieder. Halet besuchte die amerikanische High School for Girls im Stadtteil Arnavutköy, in dieser Zeit entwickelte sich ihr Interesse für Geschichte sowie ihr sportlicher Ehrgeiz im Fechten. 1933 bis 1939 studierte sie an der Pariser Sorbonne unter anderem Archäologie, 1936 war sie eine der ersten Frauen, die bei Olympia antrat, in der Disziplin Fechten.

Ab 1940, inzwischen verheiratet, arbeitete sie an der Universität Istanbul als Assistentin und schrieb an ihrer Doktorarbeit, die sie 1944 beendete. 1946 wurde im Süden der Türkei die neo-hethitische Ruinenstätte Karatepe-Arslantas entdeckt und im Auftrag der Universität Istanbul vom Entdecker Helmuth Theodor Bossert und Çambel erforscht. Sie trug maßgeblich zur Entschlüsselung des Hethitischen bei, indem sie die Bilingue von Karatepe mit übersetzte. Sie wurde Vorreiterin des Vor-Ort-Schutzmodells in der Türkei, als sie die türkische Regierung überzeugen konnte, die Ruinen von Karatepe nicht in eine Museum abtransportieren zu lassen, sondern aus der Stätte selbst ein Museum zu machen.

1960 wurde Çambel eine der ersten weiblichen Professoren der Türkei, als sie den den Lehrstuhl für Vorderasiatische Archäologie übernahm. Sie wurde 1984 emeritiert und starb erst 2014 in Istanbul.

Sie beeinflusste eine Generation von türkischen und internationalen Archäologiestudenten im Umgang mit den Anwohnern und lokalen Helfern an Grabungsstätten. Ihre burschikose Art verhinderte sexuelle Ambiguität im patriarchalisch geprägten Grabungsumfeld von Karatepe, sie galt als ehrlich und direkt und wurde dafür von den Menschen auf dem Land respektiert. Außerdem setzte sie sich sehr für die Bildung der Kinder ihrer lokalen Helfer ein.

03/2018

4. März 1913: Anna Vavak
Die in Wien lebende Tschechin wurde 1941 als ein aktives Mitglied der „Tschechoslowakischen Widerstandstruppe“ von der Gestapo verhaftet. Im Oktober 1942 wurde sie über verschiedene Stationen in das Konzentrationslager Ravensbrück verbracht, wo sie sich für die Arbeit im Rüstungsbetrieb des Siemenslager-Ravensbrück meldete. Im außerhalb des Konzentrationslagers liegenden Betrieb arbeiteten KZ-Insassinnen und Zivilisten zusammen an Fernsprech-, Radio und Meßgeräten für den Einsatz an der Front. Die Wochenarbeitszeit der KZ-Insassinnen betrug anfangs 48 Stunden und wurde später auf 62 Stunden hochgesetzt; dazu kamen ausfallende „Mahlzeiten“ im Konzentrationslager, weil der Weg hin und zurück die „Pause“ zumeist aufbrauchte. Später wurden Wohnbaracken für die dort arbeitenden KZ-Insassinnen gebaut, sodass sich die Wegzeit verkürzte (und die Arbeitszeit verlängerte).
Anna Vavak meldete sich freiwillig zur Arbeit im Betrieb, um mit den Zivilisten in Kontakt zu kommen und ihnen von den Zuständen im Konzentrationslager berichten zu können. Mit der Unterstützung anderer Arbeiterinnen erreichte sie bald die Position der Hauptanweiserin der Schreiberinnen. Das ermöglichte es ihr nicht nur, einzelnen Frauen das Leben zu retten, indem sie die Angaben über deren Produktionsquoten manipulierte, sondern machte sie zum Schutzengel anderer aktiver Sabotageakte, die die Zwangsarbeiterinnen im Betrieb vornahmen. So setzte sie ihren Widerstand gegen die Nationalsozialisten auch in der Haft weiter fort.
Anna Vavak konnte nach der Evakuierung des KZ Ravensbrück beim Todesmarsch Richtung Malchow entkommen. Sie heiratete ein Jahr nach Kriegsende einen anderen Holocaust-Überlebenden, Hans Maršálek, der später als Chronist des KZ Mauthausen tätig war. Sie starb mit 46 Jahren und wurde in Wien beerdigt.

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7. März 1858: Cecilie Thoresen
Die Tochter eines norwegischen Arztes und Gutsbesitzers genoß mit ihren Brüdern gemeinsam eine private Erziehung. Sie las bereits als Jugendliche die zeitgenössische Literatur, wozu auch eine Übersetzung von John Stuart Mills Die Hörigkeit der Frau gehörte. Dennoch entschloss sie sich erst mit 20 Jahren, einen Mittelschulabschluss zu machen, um berufliche Perspektive zu gewinnen. Zunächst besuchte sie einen „Kurs für Bürodamen“ an einer Handelsschule, wo sie sich allerdings langweilte und nach acht Tagen (eigenen Angaben zufolge) die Ausbildung abbrach.
Ihr Vater setzte sich auf ihren Wunsch dafür ein, dass ihr das für ein Universitätsstudium nötige Examen ermöglicht werden sollte, das zu diesem Zeitpunkt (1880) nicht für Frauen offenstand. Das zuständige Kirchen- und Unterrichtsministerium verweigerte ihr jedoch diesen Wunsch. Als Cecilie selbst sich an den Kirchenminister wandte, leitete dieser die Anfrage an die Universität in Kristiania (heute Oslo) weiter, die einzige Universität des Landes. Doch auch hier wurde sie abgewiesen.
Thoresen ließ nicht locker und kontaktierte Hagbard Berner, einen Mitarbeiter des oppositionellen Politikers Johan Sverdrup. Dieser brachte einen privaten Gesetzesentwurf dahingehend in das norwegische Parlament, das zwar Bedenken hatte – aus der Arbeit der Frau könne nur „voller Nutzen“ gezogen werden, wenn bei Erziehung und Ausbildung Rücksicht auf ihre „natürlichen Dispositionen, ihr eigentümliches Gemütsleben sowie auf ihre Anlagen und Vorzüge“ genommen werde –, aber Mitte 1882 dann doch ein neues Gesetz beschloss, welches das Examen für das Universitätsstudium auch Frauen eröffnete. Thoresen legte noch eine Zusatzprüfung ab, da sie Mathematikunterricht nur im für Mädchen üblichen Rahmen erhalten hatte, und bestand diese mit Erfolg. Im Alter von 24 Jahren bestand sie ihr Examen als erste Frau Norwegens, und zwar in allen Fächern mit „sehr gut“. Gleich im Anschluss schrieb sie sich unter großem nationalen Aufsehen an der Universität Kristiania ein und studierte später sogar für ein Auslandsjahr in Kopenhagen.
Auch wenn sie selbst aufgrund von Heirat und der Geburt dreier Kinder ihr Studium nicht abschloss, hatte sie den Mädchen und jungen Frauen Norwegens den Bildungsweg an der Universität eröffnet. Sie engagierte sich auch im späteren Verlauf ihres Lebens für die Frauenbewegung, war an der Gründung der Norwegischen Frauenrechtsvereinigung und der Frauen-Wahlrechtsvereinigung beteiligt und auch die norwegische Sektion des Internationalen Frauenrats geht auf ihre Initiative zurück.
Den Erfolg ihrer Arbeit erlebte sie nicht mehr; sie verstarb 1911 im Alter von 53 Jahren, das Frauenwahlrecht wurde in Norwegen – als einem der ersten Länder Europas – erst 1913 eingeführt.

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22. März 1913: Sabiha Gökçen
Die Tochter eines Amtsschreibers, der vom drittletzten Sultan der Türkei ins Exil verbannt worden war, konnte ihre schulische Ausbildung zunächst dank der Unterstützung ihrer Geschwister weiterführen. Mit 12 Jahren traf sie den Begründer der gerade zwei Jahre alten Republik der Türkei, Mustafa Kemal Atatürk. Der Präsident war von dem Mädchen beeindruckt, dass aus ärmlichsten Verhältnissen kam und dennoch den Ehrgeiz pflegte, die höhere Schule besuchen zu wollen. Er adoptierte Sabiha (neben elf anderen jungen Mädchen und Frauen) und förderte ihre Ausbildung.
Mit 22 Jahren begann Gökçen ihre Politinnenausbildung, mit späterer Weiterbildung in der Sowjetunion. Ein Jahr später machte sie ihren ersten Soloflug, um dann bei der türkischen Luftwaffe ihre Ausbildung zur Militärpilotin abzuschließen. Dazu gehörte auch das Fallschirmspringen – zu diesem Zeitpunkt war der Fallschirmsprung die einzige Möglichkeit, ein abstürzendes Flugzeug zu verlassen.
Sie flog ihre ersten Einsätze im letzten großen Kurdenaufstand in der Türkei; für ihre Einsätze im Korea-Krieg erhielt sie die Beförderung in den Rang eines Majors. Während und nach ihrer aktiven Zeit im Lilitärflugdienst war sie verantwortlich für die Kampfpilotenausbildung der türkischen Luftwaffe, danach flog sie in einer Kunstflugstaffel.
Nur wenige Monate vor ihrem Tod im Jahr 2001 wurde der zweite Istanbuler Flughafen nach ihr benannt. Die Pilotin, die in ihrer aktive Zeit insgesamt 22 verschiedene Flugzeugtypen flog, ist eine spannungsreiche Figur: Sie diente als Exemplar für Atatürks moderne Frauenpolitik, doch verstand sie sich und die türkische Frau an sich als Kind einer „soldatischen Nation“. Sie sprach sich gegen den politischen Islam aus, doch war sie auch daran beteiligt, Bomben auf alevitische Kurden zu werfen. Gökçen kann als reine Galleonsfigur der modernen, ethnisch türkischen Frau gesehen werden – andere Frauen konnten erst wesentlich später (in den 1990er Jahren) den Militärdienst antreten, außerdem symbolisiert sie die Unterdrückung aller türkischen Minderheiten, insbesondere der Kurden. Als drei Jahre nach ihrem Tod Vermutungen aufkamen, dass sie eventuell armenischer Abstammung sein könnte, sorgte das für große Unruhe und zum Teil klare rassistische Äußerungen in der Türkei.

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27. März 1945: Anna Mae Aquash
Auch unter dem Mi’kmaq-Namen Naguset Eask, nahm Anna Mae Aquash als Mitglied des American Indian Movement (AIM) an verschiedenen Protestaktionen teil, wie der Besetzung der Mayflower II im Bostoner Hafen an Thanksgiving 1970 und der Besetzung von Wounded Knee.
Ende 1975 wurde sie vom AIM einigen Verhören unterzogen, wohl, weil man vermutete, sie spiele im Fall des Pine Ridge Shoot-outs der Polizei Informationen über den flüchtigen Tatverdächtigen Leonard Peltier zu. Im September 1975 verschwand sie; im Februar 1976 wurde ihr Leichnam auf der Pine Ridge Reservation gefunden. Zunächst wurde sie als nicht identifizierte Erfrorene unter dem Namen Jane Doe beerdigt, nur ihre Hände wurden abgetrennt und für Fingerabdruck zum FBI gesandt. Dadurch wurde sie acht Tage später als Aquash identifiziert und auf Wunsch ihrer Angehörigen, darunter ihre zwei Töchter, exhumiert. Bei der zweiten Obduktion wurde auch die Schusswunde am Kopf entdeckt, die auf eine Exekution hindeutete.
Es vergingen 27 Jahre, bevor für diesen Mord Tatverdächtige verhaftet wurden. Die Mitglieder und Führungspersonen des AIM, die vermutlich mit der Beseitigung einer vermeintlichen Informantin der Polizei in Zusammenhang stehen, beschuldigen sich gegenseitig. Ein tatsächlicher Tathergang ist bis heute ungeklärt.

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25. März 1953: Souhaila Andrawes*
Die im Libanon zum christlichen Glauben der Eltern erzogene Exil-Palästinenserin wollte eigentlich Nonne werden, was im vorwiegend muslimischen Kuwait, wo sie am Ende ihrer Schulzeit lebte, so gut wie unmöglich war. Sie konnte dort auch nicht studieren und ihr Plan, nach Jerusalem zu gehen, wurde vom Sechstagekrieg 1967 durchkreuzt. So ging sie schließlich zurück in den Libanon, um dort Englische Sprache und Literatur zu studieren.
Unter dem Einfluss ihrer palästinensischen Verwandtschaft, vor allem aber durch die Begegnung mit der ersten weiblichen Flugzeugentführerin, Leila Chaled, die in der arabischen Welt als Heldin gefeiert wurde, politisierte sich die 16jährige Andrawes und fand Anschluss an die palästinensische Widerstandsbewegung. Als sie mit 22 Jahren vor dem libanesischen Bürgerkrieg nach Kuwait zurück floh, nahm sie dort bald Kontakt zur Volksfront zur Befreiung Palästinas auf. Während ihrer militärischen Ausbildung 1977 in Aden (Jemen) lernte sie den hochrangigen PFLP-Funktionär Zaki Helou und dessen deutsche Frau Monika Haas kennen, die später unter Verdacht stand, mit ihr zusammengearbeitet zu haben. Vom Jemen über Kuwait und Bagdad erreichte Andrawes schließlich Mallorca, um dort im Auftrag Wadi Haddads mit anderen militanten PFLP-Mitgliedern das Kommando Martyr Hamileh durchzuführen: die Entführung des Lufthansa-Fluges LH 181 Landshut.
Andrawes war die einzige Überlebende der „Operation Feuerzauber“, wie die Befreiung der Geiseln in Mogadishu in der Planung der GSG 9 bezeichnet wurde. Sie wurde von Schüssen in Lunge und Beine getroffen; beim Abtransport auf einer Bahre durch den Flughafen hielt sie den Fernsehkameras das Victory-Zeichen entgegen und rief: „Tötet mich, wir werden siegen!“
Sie wurde im Folgejahr in Somalia zu 20 Jahren Haft verurteilt, die sie zunächst dort antrat, doch schon Monate später wurde sie in den Irak abgeschoben. Von dort aus wurde sie mehrfach in die Tschechoslowakei gesandt, um die Spätfolgen ihrer Schussverletzungen zu behandeln. Sie konnte im Irak ihr abgebrochenes Studium fortsetzen, doch floh bald vor den israelischen Kräften, die im libanesischen Bürgerkrieg eingriffen, nach Damaskus. Dort lernte sie 1983 ihren Ehemann kennen, mit dem sie zwei Jahre später eine Tochter hatte; 1990 wurden sie aus Syrien nach Zypern ausgewiesen und fanden schließlich in Norwegen politisches Asyl.
1994, auf den Tag 17 Jahre nach der Befreiung der Landshut wurde sie von deutschen Fahndern in Oslo festgenommen und im Folgejahr nach Deutschland ausgeliefert. 1996 wurde sie in Hamburg zu 12 Jahren Haft verurteilt, für die Beteiligung an Mord, Menschenraub, Flugzeugentführung und Geiselnahme. Ein Jahr später wurde ihr erlaubt, ihre Reststrafe in Norwegen abzusitzen; bereits zwei Jare darauf wurde sie aufgrund ihres Gesundheitszustandes, beeinträchtigt von den langfristigen Schäden durch die Schussverletzungen, vorzeitig entlassen. Seitdem lebt sie mit ihrer Familie in Oslo.

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*Disclaimer: Zur Erinnerung, es geht mir auf diesem Blog nicht ausschließlich um bewundernswerte Frauen, die Gutes taten/tun und die als Vorbild dienen können. Es geht mir auch darum, die volle Bandbreite persönlicher Eigenschaften abzubilden, die Frauen als menschliche Wesen innehaben können. Eine palästinensische Terroristin zu besprechen, gehört für mich deswegen ebenso dazu wie Massenmörderinnen (I und II) und KZ-Mitarbeiterinnen. Nach dem immer noch vorherrschenden Vorurteil sind Frauen friedliche, fürsorgliche Wesen, Aggressivität und Verbrechen von Frauen wird noch stets als schrecklicher, schockierender und widernatürlicher betrachtet als von Männern. Somit gehören diese aus der Norm herausragenden Frauen für mich selbstverständlich zum Themenkomplex Frauenfiguren, mit dem ich versuche, die dominierende Binarität Mann/Frau ein wenig aufzuweichen.

02/2018

1. Februar 1972: Leymah Gbowee
Leymah Gbowee war 17 Jahre alt, als in ihrer Heimat der Erste liberianische Bürgerkrieg ausbrach. Zunächst arbeitete sie als Sozialarbeiterin mit Kindern und Jugendlichen in der Hauptstadt Monrovia. Von ihrer folgenden Tätigkeit beim Gesundheitsministerium stieg sie auf zur Programm-Koordinatorin bei der Aktion „Women in Peacebuilding“; in dieser Funktion organisierte sie die gewaltfreien Proteste der Bewegung Women of Liberia Mass Action for Peace gegen die andauernden kriegerischen Zustände im Land. Die Frauen versammelten sich hierfür, weiß gekleidet, für gemeinsame Gebete und Gesänge.
In einem medienwirksamen Aufruf zitierte sie auch das Lysistrata-Thema und forderte die liberianischen Frauen zu einem Sex-Streik auf, bis die Männer endlich den Gewalttätigkeiten ein Ende setzen würden.
Nach dem Ende des Bürgerkrieges war Gbowee designiertes Mitglied der Wahrheit und Versöhnung in Liberia. Anschließend arbeitete sie, schließlich als Executive Director, im Women Peace and Security Network Africa.
2011 erhielt sie gemeinsam mit ihrer Landsmännin Ellen Johnson Sirleaf und Tawwakkol Karman (s.u.) den Friedensnobelpreis.

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2. Februar 1929: Vera Chytilovà (honorable mention wegen meiner Sedmikrásky-Rezension)

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2. Feburar 1972: Dana International
DIe israelische Sängerin wurde als Yaron Cohen geboren (assigned male at birth) und wollte schon mit 8 Jahren Sängerin werden, inspiriert von Ofra Hazas Auftritt beim Eurovision Song Context 1983. Seit ihrem 13. Lebensjahr lebt sie als transgender Frau.
Sie gewann 1998 mit dem Song „Diva“ den Eurovision Song Contest, gegen den Widerstand einiger streng religiöser Gruppen in Israel, die einen konservativeren Vertreter ihres Landes lieber gesehen hätten.

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6. Februar 1979: Tawwakkol Karman
Die Tochter des Justizministers unter dem jemenitischen Präsidenten Salih war familiär auf politisches Interesse geprägt. Bereits ihr Vater hielt nicht mit Kritik an der Regierung zurück. Karman wurde zunächst Journalistin und beschäftigte sich als solche kritisch mit Kinderehen im Jemen. Sie war Mitbegründerin und Leiterin der Vereinigung Journalistinnen ohne Ketten (Women Journalists Without Chains, WJWC), setzte sich für Frauenquoten und gegen den traditionellen Gesichtsschleier ein.
Nachdem sie der jemenitischen Regierung schon seit 2006 mit einem regiekritischen SMS-Nachrichtendienst negativ aufgefallen war, organisierte sie im Aufkommen des arabischen Frühlings Studentendemonstrationen gegen Salih. Als sie verhaftet wurde, kam es zu Massenprotesten und sie wurde rasch wieder freigesetzt, nur um später wieder inhaftiert zu werden, nachdem sie am 3. Februar den „Tag des Zorns“ ausgerufen hatte.
2011 wurde Tawwakkol Karman die erste Frau aus dem arabischen Raum und mit 32 Jahren die jüngste Frau, der der Friedensnobelpreis verliehen wurde, gemeinsam mit Leymah Gbowee und Ellen Johnson Sirleaf.

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12. Februar 1905: Federica Montseny (honorable mention wegen meiner eigenen politischen Neigung)

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14. Februar 1964: Patricia Acioli
Acioli war eine brasilianische Richterin, die sich besonders mit Korruption in der Polizei befasste. Sie wurde am 11. August 2011 vor ihrem Haus von zwei Männern mit mindestens 16 Schüssen ermordet.
Am 30. Januar 2013 wurden drei Polizisten zu jeweils über zwanzig Jahren Haft für die Tat verurteilt; sie hatten Ermittlungen gegen sich selbst verhindern wollen.

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19. Februar 1986: Marta
Die fünfmalige Weltfußballerin (2006-2010) begann mit 14 Jahren gegen den Willen ihrer Familie mit dem Spielen. Mit 18 wechselte sie von einem Verein in Rio de Janeiro zu Umeå in Schweden. Dort spielte sie von 2004 bis 2008, dann führte sie ihr Weg unter anderem nach Los Angeles, New York und später zurück nach Schweden. Inzwischen spielt sie für Orlando Pride.
Die flexible Stürmerin ist dribbelstark und schafft die Balance zwischen eigener Torgefährlichkeit und dem mannschaftsdienlichen Spiel.

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24. Februar 1942: Gayatri Chakravorty Spivak
Die indische Sprach- und Literaturwissenschaftlerin wurde in den 1970ern bekannt durch ihre Übersetzung, aus dem Französische ins Englische, der Sprachtheorie „De la grammatologie“ von Jacques Derrida.
Sie war in Indien geboren und hatte an der Universität in Kalkutta einen Abschluss gemacht, um anschließend unter großen finanziellen Opfern in England zunächst Englische Literatur, dann Vergleichende Literaturwissenschaften zu studieren. Nachdem sie einige ihren Unterhalt als Englischlehrerin verdient hatte, wurde sie Assistant Professor in Iowa und machte gleichzeitig ihre englischen Universitätsabschlüsse zur Literatur Yeats‘.
In den 1980ern schloss sie sich dem Subaltern Studies Collective an, das sich mit der postkolonialen Welt und Perspektiven der Marginalisierten befasst. Spivak als Dekonstruktivistin kritisiert den Ethnozentrismus und arbeitet heraus, wie die Marginalisierten durch die „Wissensproduktion“ der westlichen Intellektuellen sprachlos oder ungehört und unverstanden bleiben. Sie verweist außerdem darauf, wie Privilegien im postkolonialen System die Privilegierten selbst von neuem Wissen abgehalten werden: „Unlearning one’s privileges as one’s loss.“ Kritisches Hinterfragen der eigenen Positionen und Glaubenssätze kann das Mittel sein, als Privilegierter das herrschende System zu überwinden.
Pivak prägte auch den Begriff des „strategischen Essentialismus“ mit, der die Idee bezeichnet, breit differenzierte Ziele unterschiedlicher Gruppen innerhalb einer Bewegung für ein generelles gemeinsames Ziel zeitweise hintanzustellen, um einen strategischen Vorteil aus der vereinten Schubkraft zu gewinnen.

01/2018

1. Januar: Chertek Amyrbitowna Antschimaa-Toka
1912 geboren, war die Tuwinerin 1940 das erste weibliche Staatsoberhaupt einer Republik –  in einem südsibirischen Land, nicht einmal halb so groß wie Deutschland.
Leider war sie als solche, auch durch die Schattenregierung ihres Mannes, nur eine Marionette der Regierung der Sowjetunion, unter der die von Stalin angeordnete Säuberung des Landes von Buddhismus und Schamanismus sowie die Ausrottung der traditionellen nomadischen Lebensweise weiterbetrieben wurde. Das Land trat drei Tage nach der Sowjetunion in den Zweiten Weltkrieg ein und im Oktober 1944 als ‚autonomes Gebiet‘ in die Sowjetunion eingegliedert. Antschimaa-Toka bekleidete bis 1972 nur noch regionale Ämter. Sie verstarb 2008 in der tuwinischen Hauptstadt Kyzyl.

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2. Januar: Julia Wsewolodowna Lermontowa
Die 1846 in St. Petersburg geborene Russin wollte ursprünglich Medizin studieren, musste jedoch feststellen, dass sie weder den Anblick von Skeletten noch der Armut ihrer Patienten ertrug. Ihr wissenschaftliches Interesse richtete sich daraufhin auf die Chemie. Als sie trotz beständiger Ermutigung durch ihre Lehrer nicht an der Universität akzeptiert wurde, die als die Beste für Chemie in Russland galt, bemühte sie sich um ein Studium im Ausland. Ihrer Cousine Anna Michailowna Jewreinowa war von der erfolgreichen Mathematikerin Sofja Wassiljewna Kowalewskaja Unterstützung bei einem Studium in Deutschland angeboten worden und mit der älteren, angesehenen Anstandsdame war es beiden jungen Frauen möglich, Russland zu verlassen.
Als 22jährige studierte Lermontowa in Heidelberg Chemie und untersuchte in Robert Bunsens Labor die Eigenschaften von Platinverbindungen. Von dort ging sie nach Berlin und studierte organische Chemie unter August von Hofmann. 1874, mit 25 Jahren, schrieb Lermontowa ihre Dissertation und wurde an der Universität Göttingen die erste Frau mit einem Doktorgrad der Chemie.
Im Anschluss daran kehrte sie nach Russland zurück, arbeitete an der Synthetisierung von Kohlenwasserstoffen und stellte nach ihrem Rückzug aus der Chemie auf ihren geerbten Landsitz einen Käse her, der in ganz Russland verkauft wurde. Als Soja Kowalewskaja 1891 starb, übernahm Lermontowa (teilweise) die Fürsorge für deren nun verwaiste Tochter Fufa, die zu Lermontowas Tod 1919 auch deren gesamten Besitz erbte.

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4. Januar: Hamida Barmaki
Die afghanische Menschenrechtsaktivisttin wäre am 4. Januar 48 Jahre alt geworden. Die Juraprofessorin war Expertin für das afghanische Rechtssystem, das durch säkuläre und religiöse Aspekte kompliziert gestaltet ist. Sie setzte sich in ihrem Land für die Frauen- und allgemeinen Menschenrechte, vor allem der Kinder, ein, hatte mehrere öffentliche Ämter inne und arbeitete als Vertreterin des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht. 2009 wurde sie Kommissarin für Kinderrechte bei der AIHRC, der unabhängigen afghanischen Menschenrechtskommission.
Am 28. Januar 2011 wurde sie, mit ihrer gesamten Familie aus Mann und vier Kindern im Alter von 16, 14, 11 und 4 Jahren, Opfer eines Selbstmordanschlages auf einen Supermarkt in Kabul, dessen ursprüngliches Ziel bis heute ungeklärt ist.

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6. Januar: Melchora Aquino
„Tadang Sora“, Alte Sora, wie Melchora Aquino im Tagalog liebevoll genannt wird, war bereits 84 Jahre alt, als 1896 der philippinische Unabhängigkeitskampf von der spanischen Kolonialmacht begann. Sie war 1812 als Tochter von Landarbeiter auf dei Welt gekommen, hatte keine Bildung erfahren und nach dem Tod ihres Mannes alleinerziehende Mutter ihrer sechs Kinder gewesen; sie trat manchmal als Sängerin auf oder sang in der Kirche zur Messe.
Ihr Sohn war aktiv im philippinischen Freiheitskampf und sie unterstützte ihn, indem sie in ihrem Haus verwundete Kameraden aufnahm und ihr Haus für die Versammlung der revolutionären Organisation zur Verfügung stellte. So wurde sie die ‚Mutter der Katipunan‚. Sie wurde auch mit 84 Jahren von den Spaniern inhaftiert und auf die Marianen-Inseln deportiert. Zwei Jahre später, als die Vereinigten Staaten die Kontrolle über die Philippinen übernahmen, wurde sie entlassen und kehrte zurück in ihren Heimatort, wo sie erst 11 Jahre später, im hohen Alter von 107 Jahren, starb. Ihre Grabstelle im Hinterhof ihres Hauses ist heute ein öffentlicher Friedhof.

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17. Januar: Eri Yoshida
Die 26jährige Japanerin ist die erste Frau, die in ein japanisches Profi-Baseballteam aufgenommen wurde, und nachdem sie von den Chico Outlaws gedraftet wurde, auch die erste, die in zwei Nationen professionell Baseball spielte.
Die Pitcherin spezialisierte sich mit 16 Jahren auf einen speziellen Wurf, den Knuckleball, der wegen des Mangels an Effet besonders instabil fliegt und daher für den Batter unberechenbar ist. Leider konnte sie in ihrer Spielzeit bei den Outlaws keine Erfolge erzielen und wurde daher bereits nach einem Jahr aus dem Kader gestrichen.

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24. Januar: Rokia Traoré
Zum Schluss: etwas Musik. Die malische Musikerin singt in ihrer Muttersprache Bambara oder auf Französisch, ihre Musikrichtung bezeichnet sie als „zeitgenössische Musik aus Mali“. Die Klänge bringen etwas äquatoriale Wärme in den Januar.

KW 43/2016: Anna Göldi, 24. Oktober 1734

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Anna Göldi (kniend)


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Anna Göldi war bereits vor ihrem 21. Lebensjahr zweimal unehelich Mutter geworden und für den Kindsmord an ihrem Erstgeborenen (für ein tatsächliches Verbrechen gibt es allerdings weder Beweise noch Widerspruch) verurteilt und bestraft. Ihr Zweites hatte sie in unbekannte Adoption gegeben.
Mit 21 kam sie aus ihrer Heimat Sennwald in Dienst im Kanton Glarus. Ihr Dienstherr Johann Jakob Tschudi war ein einflussreicher Arzt und Richter, die Tschudis eine der reichsten Familien des Kantons. Sie hatte auch Kontakt mit dem Schwager ihres Dienstherren, Ruedi Steinmüller, der ebenfalls gut betucht, aber mit den Tschudis in einen Erbschaftsstreit verwickelt war.
Wohl, um ein Verhältnis mit seiner Magd zu vertuschen, klagte Tschudi Anna Göldin der Hexerei an. Sie habe seiner Tochter Nägel in das Brot und die Milch gehext und damit ihr Leben in Gefahr gebracht. Anna Göldin floh zunächst, konnte aber wegen einer in der Züricher Zeitung ausgeschriebenen Belohnung für ihrer Erfassung verhaftet werden. Sie und ihr angeblicher Komplize Steinmüller wurden unter Androhung von Folter inhaftiert. Steinmüller erhängte sich in seiner Zelle, bevor er gefoltert werden konnte – was als Schuldeingeständnis verstanden wurde. Anna gestand, unter Folter wenig überraschend, mit dem Teufel in der Gestalt eines schwarzen Hundes im Bunde zu sein und das Kind verhext zu haben. Sie wurde von einem rein evangelischen Glarner Gericht zum Tod durch Enthauptung verurteilt, das Urteil umgehend vollstreckt.
Nicht nur hätte ihr Fall von einem anderen, überkonfessionellen Gericht verhandelt werden müssen, da sie als Zugewanderte als „ausländische Person“ im Glarus lebte. Sie wurde außerdem im Prinzip für Hexerei verfolgt – ein Straftatbestand, der im Urteil tunlichst nicht genannt wurde (hier wurde sie als Giftmörderin behandelt), aber trotz Geheimhaltung der Akten in Europa bekannt wurde. Schon zu ihrer Zeit löste dies Empörung aus, ihre Hinrichtung wurde von August Ludwig von Schlözer, (dem Vater von Dorothea Schlözer) als Justizmord bezeichnet. Der Gerichtsschreiber des Prozesses, der spätere Senator Johann Melchior Kubli, gab die Akten heraus und befeuerte somit die harsche Kritik der Zeitungen an Anna Göldis Verurteilung und Hinrichtung. Anna Göldi gilt aufgrund dieser Umstände als die letzte Person, die legal als Hexe verurteilt wurde.
Erst im Jahr 2007, also 225 Jahre nach ihrer Hinrichtung, wurde Anna Göldis Fall im Glarus neu betrachtet, nachdem der Publizist Walter Hauser bisher unbekanntes Material dazu untersuchen konnte. Auf sein Betreiben hin wurde Anna Göldi 2008 nach anfänglicher Ablehnung durch die Kantonsregierung sowie des reformierten Kirchenrates des Glarus vom Landrat rehabilitiert, des Giftmordes freigesprochen und ihre Hinrichtung offiziell als Justizmord bezeichnet.

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Von 137 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 24 (inklusive Anna Göldi) Frauen:
25.10.1442 Anna von Lichtenberg
30.10.1492 Anne d’Alençon
26.10.1529 Anna von Hessen
30.10.1563 Sophie von Braunschweig-Lüneburg
29.10.1606 Margareta I. von Dassel
29.10.1647 Amalia von Degenfeld
28.10.1667 Maria Anna von der Pfalz
30.10.1668 Sophie Charlotte von Hannover
29.10.1688 Amalia Pachelbel
25.10.1692 Elisabetta Farnese
28.10.1706 Louise Marie Madeleine Fontaine
26.10.1714 Maria Viktoria Pauline von Arenberg
24.10.1739 Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel
30.10.1741 Angelika Kauffmann
29.10.1753 (getauft) Eleonore Sophie Auguste Thon
25.10.1759 Sophie Dorothee von Württemberg
28.10.1767 Marie von Hessen-Kassel
29.10.1784 Vincenza Gerosa
30.10.1789 Louise Charlotte von Dänemark
25.10.1792 Jeanne Jugan
30.10.1796 Friederike von Preußen
30.10.1797 Henriette Alexandrine von Nassau-Weilburg
30.10.1799 Luise von Anhalt-Bernburg

KW 34/2016: Juliana Blasius, 22. August 1781

Juliana Blasius

By K. H. Ernst – Stadtarchiv Mainz, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6318327

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Leider, so ungern ich es tue, schreibe ich diese Woche wieder über eine Frau, die vor allem für ihre Verbindung zu einem Mann Bekanntheit erlangt. Das ist das weibliche  Leben im christlichen Abendland vor dem 19. Jahrhundert in seiner Essenz.
Juliana Blasius war die letzte (von neun) Räuberbraut des Schinderhannes. Die 15jährige (Halb-)Waise begegnete dem Gesetzesbrecher wahrscheinlich bei einem ihrer Auftritte als Bänkelsängerin und Geigenspielerin. Sie behauptete später, entführt worden zu sein, und nach heutigen Erkenntnissen über das Stockholm-Syndrom und andere Verhaltensweisen bekannter Entführungsopfer lässt sich eine solche Aussage nicht allein mit späteren Fluchtmöglichkeiten widerlegen. Dennoch besteht durchaus die Möglichkeit, dass sie diese Aussage nur machte, um schuldfrei aus ihrem Prozess zu kommen.
Jedenfalls lebte das „Julchen“ fortan mit dem Schinderhannes und seinen Räubern und nahm auch selbst, gelegentlich in Männerkleidung, an seinen Raubzügen und Überfällen teil; sie fiel dabei nicht als besonders unwillige Komplizin auf, im Gegenteil. Sie gebar demSchinderhannes außerdem zwei Kinder, eine Tochter, die jung verstarb, und einen Sohn, der in Haft geboren und von einem redlichen Bürger adoptiert wurde. Juliana wurde aufgrund entlastender Aussagen des Schinderhannes nur für zwei Jahre in Gent in ein Korrektionshaus verwiesen, der Schinderhannes in Mainz hingerichtet.
Nachdem sie ihre Strafe abgesessen hatte, trat sie als beim Adoptivvater ihres Sohnes in Dienst, verließ diesen aber wegen Vorfälle sexueller Belästigung. Sie heiratete einen entfernten Verwandten, der als Polizeidiener arbeitete, und gebar diesem sieben Kinder, nur zwei allerdings wurden davon erwachsen. Sie verbrachte ihren Lebensabend als lebende Legende, die gerne auch mal unter Mithilfe alkoholischer Zungenlöser von ihrer besten Zeit als Räuberbraut schwärmte.

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Von 228 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 26 (inklusive Juliana Blasius) Frauen:
25.8.1473 Margarethe von Münsterberg
27.8.1487 Anna von Brandenburg
24.8.1510 Elisabeth von Brandenburg
26.8.1557 Sibylle von Jülich-Kleve-Berg
26.8.1568 Antonie von Lothringen
25.8.1588 Elizabeth Poole
25.8.1610 Susanna Margarethe von Anhalt-Dessau
25.8.1611 Magdalene von Hessen-Kassel
27.8.1619 Anne Geneviève de Bourbon-Condé
23.8.1624 Anna Elisabeth von Sachsen-Lauenburg
27.8.1630 Maria van Oosterwijk
26.8.1666 Henriette Amalie von Anhalt-Dessau
28.8.1667 Louise zu Mecklenburg
27.8.1669 Anne Marie d’Orléans
28.8.1691 Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel
27.8.1708 Giovanna Maria Farussi
28.8.1744 Friederike Auguste Sophie von Anhalt-Bernburg
28.8.1748 Amalie von Gallitzin
24.8.1750 Laetitia Ramolino
23.8.1757 Charlotte Ackermann
26.8.1771 Karoline von Hessen-Homburg
28.8.1774 Elisabeth Anna Bayley Seton
28.8.1779 Antoinette von Sachsen-Coburg-Saalfeld
25.8.1785 Zoé Talon
28.81789 Stéphanie de Beauharnais

KW 32/2016: Théroigne de Méricourt, 13. August 1762

Théroigne de Méricourt

By Formerly attributed to Antoine Vestier – Reproduction in André Foulon de Vaulx, « Antoine Vestier. 1740-1824. Notes et Renseignements », Extrait du Carnet historique et littéraire, Paris, Émile Paul Éditeur, 1901, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6071340

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Théroigne de Méricourt ist ein bisschen das Gegenmodell zu Charlotte Corday; zumindest stand sie politisch die meiste Zeit auf der anderen Seite.

Nach einem recht bewegten jungen Leben in Frankreich und England, während dessen sie einige Tätigkeiten erlernte und eine hochdotierte Schenkung eines abgewiesenen Freiers entgegennahm, kam sie 1785 nach Paris und wurde unter aktiver Teilnahme in die Wirren der französischen Revolution verstrickt. Sie schloss sich den Jakobinern an, entgegen mancher Behauptungen jedoch nahm sie nach eigenen Angaben weder am Sturm auf die Bastille noch am Marsch nach Versailles mit den Poissarden teil. Statt dessen lebte sie in Versailles, wo sie eine politische Gesellschaft, den „Klub der Menschenrechte“, gründete und sich in Männer-Reiterkleidung zeigte. Allein dies und ihre Unterstützung für gemischt-geschlechtliche und weibliche Patriotenvereine ließen sie in der damaligen Zeit fragwürdig und „lose“ erscheinen. Die Presse hetzte gegen sie und streute Gerüchte, außerdem wurde schließlich ein Haftbefehl gegen sie erlassen, sodass sie 1790 in ihre Heimat Lüttich floh; dort wurde sie von der kaiserlichen österreichischen Polizei festgenommen und ein Jahr in Kufstein in Tirol inhaftiert gehalten. Der Gefängnisaufenthalt hatte verheerende Auswirkungen auf ihre körperliche und geistige Gesundheit, unter denen sie den Rest ihres Lebens litt. Als klar wurde, dass sie mitnichten eine der Anführerinnen der Revolution war, entließ man sie nach Wien, wo sie ein weiteres Jahr lebte, bevor sie 1792 nach Paris zurückkehrte.

Während dieses zweiten Aufenthaltes in Paris wurde sie wegen ihrer Hafterfahrung als Heldin der Revolution gefeiert und war nun tatsächlich am Tuilleriensturm beteiligt. Sie erhielt die Bürgerkrone und sprach vor der Nationalversammlung und der Versammlung der Jakobiner von ihrer Zeit im Gefängnis. In dieser Zeit wurde sie als „Amazone der französischen Revolution“ bekannt, weil sie lautstark für das Recht der Frauen auf Bewaffnung eintrat. Sie näherte sich allerdings politisch stärker den Girondisten an, was ihr zum Verhängnis wurde: Am 15. Mai 1793 wurde sie von mehreren Frauen der Sansculotten-Bewegung (die den Jakobinern nahestanden) angegriffen, entkleidet und von Schlägen schwer am Kopf verletzt. Es war der Jakobiner Jean-Paul Marat, der ihr zu Hilfe eilte und zunächst das Leben rettete. Doch dieser Anschlag bedeutete das Ende ihrer politischen Aktivität, da sie nun unter Schmerzen und den seelischen Folgen der Attacke litt. Ihr Verhalten wurde unberechenbar und im September des Folgejahres, 1794, wurde sie in eine Anstalt eingeliefert, in der sie die letzten 23 Jahre ihres Lebens verbrachte.

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Von 216 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 34 (inklusive Théroigne de Méricourt) Frauen:
10.8.1439 Anne of York
14.8.1473 Margaret Pole, 8. Countess of Salisbury
10.8.1520 Madeleine von Frankreich
10.8.1549 Katharina von Brandenburg-Küstrin
12.8.1566 Isabella Clara Eugenia von Spanien
11.8.1582 Sabina Catharina
12.8.1591 Luise von Marillac
10.8.1597 Charlotte Louise von Hanau-Münzenberg
12.8.1629 Isabella Clara von Österreich
8.8.1646 Eleonore Charlotte von Sachsen-Lauenburg
12.8.1646 Luise Elisabeth von Kurland
12.8.1651 Margarita Theresa von Spanien
10.8.1658 Susanna Maria von Sandrart
11.8.1660 Henrietta Wentworth, 6. Baroness Wentworth
11.8.1667 Anna Maria Luisa de’Medici
9.8.1669 Jewdokija Fjodorowna Lopuchina
12.8.1674 Maria von Lothringen
12.8.1676 Dorothea Friederike von Brandenburg-Ansbach
12.8.1704 Karoline von Nassau-Saarbrücken
11.8.1706 Marie-Auguste von Thurn und Taxis
14.8.1727 Anne Henriette de Bourbon
14.8.1727 Marie Louise Élisabeth de Bourbon
11.8.1730 Charlotte Amalie von Hessen-Philippsthal
11.8.1737 Augusta von Hannover
9.8.1738 Anna Pestalozzi
13.8.1743 Marie Elisabeth von Österreich
13.8.1752 Maria Karolina von Österreich
11.8.1763 Louise Eleonore zu Hohenlohe-Langenburg
9.8.1764 Caroline Auguste Fischer
12.8.1767 Friederike Leisching
14.8.1767 Christine Englerth
8.8.1768 Elisabeth Eleonore Bernhardi
13.8.1781 Betty Gleim
13.8.1792 Adelheid von Sachsen-Meiningen

KW 30/2016: Charlotte Corday, 27. Juli 1768

Charlotte Corday Frauenfiguren

By François Séraphin Delpech – http://www.lombardmaps.com/napoleon.htm, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=317175

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Charlotte Corday wuchs als Tochter eines verarmten Adeligen in der französischen Provinz auf. Nachdem die Mutter früh verstorben war, erhielt sie durch günstige Umstände mit ihren Schwestern zusammen eine Ausbildung in einer Abtei, bei der sie auch erstmals mit der Philosophie der Aufklärung in Berührung kam. Als die Abtei im Laufe der französischen Revolution geschlossen wurde, kehrte Charlotte mit ihren Schwestern zu ihrem Vater zurück, voller Interesse an den politischen Ereignissen vor allem in der fernen Hauptstadt Paris, bei denen sie vor allem mit den Girondisten sympathisierte. Durch den Filter ihrer Umgebung und ihres Horizontes betrachtet, erschien ihr Jean Paul Marat, ein Zeitungsverleger und Anführer der Jakobiner, als Hauptursache der ihrer Ansicht nach fehlgeleiteten Entwicklungen. Deshalb reiste die 25jährige schließlich auf eigene Initiative in die Hauptstadt, um den „Volksverführer“ zu töten. Eigentlich hatte sie Marat bei einer öffentlichen Versammlung umbringen wollen und gehofft, sofort im Anschluss von seinen aufgebrachten Parteigängern „zerrissen“ zu werden, sodass die Frage nach ihrem Namen und Motiv nicht gestellt würde. Marat litt jedoch an einer Hautkrankheit, die ihn stark einschränkte, und verließ seine Wohnung kaum noch. Sie erstand ein Küchenmesser auf einem Markt und versuchte dann am 13. Juli 1793 zweimal, unter Vorwand zu Marat in seiner Privatwohnung zu gelangen – sie wurde jedoch beide Male von dessen Lebensgefährtin abgewiesen. Als sie es jedoch am Abend noch einmal versuchte, geriet sie mit der Concierge Marats in Konflikt, woraufhin dessen Lebensgefährtin die Tür öffnete und Marat schließlich forderte, die junge Frau hereinzulassen, die ihm angeblich die Namen von untergetauchten Girondisten nennen wollte. Seine Lebensgefährtin führte Corday herein und ließ die beiden alleine. Nachdem sie ihm einige Girondisten genannt hatt, deren Namen er notierte, soll er (nach ihren Angaben) gesagt haben, er werde diese alle auf die Guillotine bringen, woraufhin sie ihm das Messer in die Brust stieß. Er konnte noch seine Lebensgefährtin rufen, doch verstarb kurz nachdem man ihn aus der Wanne gehoben hatte. Charlotte Corday wurde am Tatort niedergeschlagen und festgenommen.
Im folgenden Prozess betonte sie immer wieder, dass sie aus eigener Motivation und ohne Aufforderung anderer gehandelt hatte. Vor den aufgebrachten Bürgern, die sie auch ohne Prozess gehenkt hätten, ließ sie während ihrer Haft ein Portrait von sich anfertigen; nach vier Tagen war ihr der Prozess gemacht und das Todesurteil ausgesprochen worden. Charlotte Corday ertrug dies alles mit Fassung und legte selbst ihren Kopf auf das Schafott; ihr Henker nahm ihren abgeschlagenen Kopf aus dem Korb und versetzte ihm einen Schlag, wofür er mit drei Monaten Haft bestraft wurde.
Ihre Tat erreichte das genaue Gegenteil dessen, worauf sie abgezielt hatte: Statt die Partei der Jakobiner handlungsunfähig zu machen, indem sie ihr den vermeintlichen Kopf abschlug, gewann sie mehr Sympathien durch den „Märtyrertod“ Marats. Die Girondisten wurden insgesamt verfolgt und viele als Folge von Cordays Tat hingerichtet. Einer der Leidtragenden sagte über Charlotte Corday, sie habe die Partei zwar zugrunde gerichtet, ihnen aber gezeigt, wie man Sterben müsse.

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Von 131 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 37 (inklusive Charlotte Corday) Frauen:
28.7.1347 Margarethe von Durazzo
25.7.1373 Johanna II. (Neapel)
25.7.1473 Maddalena de’Medici
25.7.1490 Amalie von der Pfalz
27.7.1516 Aemilia von Sachsen
28.7.1522 Margarethe von Parma
26.7.1575 Anna Katharina von Brandenburg
31.7.1578 Katharina Belgica von Oranien-Nassau
27.7.1595 Barbara von Pfalz-Zweibrücken-Neuburg
30.7.1601 Anna Eleonore von Hessen-Darmstadt
25.7.1604 Dorothea Diana von Salm
28.7.1609 Judith Leyster
28.7.1610 Leonora Duarte
30.7.1625 Sibylle Hedwig von Sachsen-Lauenburg
27.7.1629 Ludovica Cristina von Savoyen
28.7.1645 Marguerite Louise d’Orléans
30.7.1683 Sophia Albertine von Erbach-Erbach
26.7.1689 Maria Anna Josepha Althann
27.7.1740 Jeanne Baret
26.7.1744 Maria Elisabeth Ziesensis
25.7.1746 Maria Francisca Benedita von Portugal
30.7.1751 Maria Anna Mozart
25.7.1756 Elizabeth Hamilton
26.7.1756 Maria Fitzherbert
29.7.1759 Rosa Dorothea Ritter
25.7.1761 Charlotte von Kalb
27.7.1765 Friederike von Württemberg
28.7.1768 Henriette Frölich
27.7.1773 Luisa Maria von Neapel-Sizilien
31.7.1773 Thérésia Cabarrus
25.7.1775 Anna Harrison
27.7.1775 Therese Brunsvik
31.7.1776 Maria Euphrasia Pelletier
25.7.1794 Amalie Sieveking
26.7.1796 Aimée-Zoë de Mirbel
25.7.1797 Auguste von Hessen

KW 9/2016: Gesche Gottfried, 6. März 1785

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Gesche Gottfried (Totenmaske)


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Wenn die Auswahl klein ist, muss man das mit „vor dem 19. Jahrhundert“ ein wenig laxer auslegen – immerhin wurde Gesche Gottfried 15, bevor das 19. Jahrhundert begann. Und der Gelegenheit, über eine Serienmörderin zu schreiben, kann ich einfach nicht widerstehen.

Die Gründe zu vermuten, warum mich Serienmörder so sehr faszinieren, überlasse ich anderen – da ich nicht damit allein stehe, eher mich in guter Gesellschaft befinde, wäre jede Diagnose meiner selbst nichts als Allgemeinplatz und Klischee (das Überschreiten sozialer Grenzen als Möglichkeit, die Abgründe der menschlichen Seele, blabla). Dass weibliche Serienmörder noch einmal besondere Aufmerksamkeit erhalten, liegt aber mit Sicherheit an dem immer noch sich haltenden Bild von „der Frau“ als einem Wesen, das dank biologischer Vorgaben hauptsächlich fürsorglich, liebend und pflegend agiert; im Gegensatz zu einer Vorstellung eines Menschen, dessen Charakter, Psyche und Geschlecht (Gender) nebeneinander existieren und sich teilweise beeinflussen, aber nicht notgedrungen letzteres die ersteren in völliger Diktatur beherrscht.

Zu Zeiten Gesche Gottfrieds galt das noch wesentlich mehr als heute. Tatsächlich spielte ihr dieses Bild der Frau als grundsätzlich Heilende, Helfende in die Hände bei ihrer killing spree, wenn es nicht sogar mit ursächlich für ihre Morde war.

Gesche Gottfried vergiftete mit Arsen zuerst ihren Ehemann (1813), dann ihre Mutter, ihre zwei Töchter im Alter von drei und sechs Jahren, ihren Vater und ihren fünfjährigen Sohn (1815), ihren Bruder (1816), ihren zweiten Ehemann (1817), ihren Verlobten (1823), ihre Freundin und einen Nachbarn (1825), ihre Vermieterin (1826), die dreijährige Tochter ihrer Freundin, die Freundin selbst und schließlich einen Gläubiger (1827). Sie wurde nach einer Haftzeit von drei Jahren öffentlich geköpft; dies war die letzte Hinrichtung, die in Bremen stattfand.

Über ihre Motive lässt sich im nachhinein kaum etwas sagen. Zur damaligen Zeit – lange vor Psychoanalyse und Profiling – blieb im Hinblick auf die Umstände ihres Lebens kein anderes in Erwägung als Habgier und Herzlosigkeit; die Ermordeten hatten sie entweder in ihrem Testament bedacht oder standen ihr vermeintlich bei der Eheschließung oder Erlangung der Erbschaften im Weg. Angesichts der Tatsache, dass sie ihren Opfern allerdings aufopferungsvollen Pflege angedeihen ließ, während sie sie vergiftete, und sie deswegen sogar den Spitznamen „Engel von Bremen“ erhielt, entsteht bei mir der Eindruck, dass sie zumindest nicht allein für die eigene monetäre Bereicherung mordete, sondern auch am Münchhausen-Stellvertretersyndrom litt. Dies diagnositziert man zwar gemeinhin bei Müttern, die ihren Kindern und/oder Schutzbefohlenen Leiden zufügen, der englische Wikipedia-Eintrag bestätigt meinen Eindruck jedoch. Und geht man davon aus, dass eine Mutter, deren drei (bis dahin gesunde) Kinder innerhalb eines Jahres an den gleichen Symptomen sterben, heute zwar unter Verdacht geriete, aber damals schlicht als Unglücksfall betrachtet wurde, erklärt sich ihr weiteres Verfahren mit ihr nahestehenden Erwachsenen: die Kinder waren ihr ausgegangen, ihr psychisches Leiden suchte sich schlicht die nächsten, vielleicht auch vielversprechendsten Opfer. Ihr finanzieller Gewinn blieb marginal, der Gewinn an sozialer Anerkennung bzw. Aufmerksamkeit war ungleich größer. Das macht ihre Taten nicht erträglicher, lässt aber sie als Täterin, die tatsächlich einem krankhaften Trieb folgte, mit etwas mitfühlenderen Augen sehen.

Soweit ich aus der Leseprobe schließen kann, ist das auch die Perspektive, die die Graphic Novel Gift von Barbara Yelin und Peer Meter einnimmt. Sieht gut aus und hat auch den Max-und-Moritz-Preis für den besten deutschen Comic verliehen bekommen.

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Von 147 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 5 (inklusive Gesche Gottfried) Frauen:
5.3.1487 Rosine von Baden
5.3.1723 Maria von Hannover
3.3.1749 Françoise Eléonore Dejean de Manville, Comtesse de Sabran
2.3.1778 Friederike von Mecklenburg-Strelitz

Mörderinnen

„mörderinnen faszinieren“ – kann ich nur bestätigen: einer meiner meist-geklickten artikl ist der zu Aileen Wuornos.