frauenfiguren

Hatschepsut

ca. 1495 – 14. Januar 1457 v. Chr.

Hatschepsut war – wie bei den Regierenden des Alten Ägypten üblich – Halbschwester und Ehefrau des Pharaos Thutmosis II.; beide waren Kinder des Thutmosis I., doch Thutmosis II. wurde von ihm mit einer Nebenfrau gezeugt, während Hatschepsut Tochter der ersten Ehefrau Ahmose war (Thutmosis I. hatte tatsächlich nur durch die Eheschließung mit ihr, einer Tochter eines Pharaos, die Legitimation als Herrscher erhalten). Hatschepsut jedoch berief sich auch auf eine göttliche Herkunft ähnlich der griechischen Halbgötter, nämlich dass Amun-Re in Gestalt des Thutmosis I. zu ihrer Mutter gekommen sei und sie gezeugt habe. Thutmosis II. starb jung, im Jahr 1479 v. Chr. mit 20bis 30 Jahren. Der gemeinsame Sohn Thutmosis III. war zu diesem Zeitpunkt noch ein Kind, die Forschung ist sich nicht einig, ob etwa 3 bis 4 Jahre oder bereits 7 Jahre alt. Hatschepsut nahm daher für ihn den Pharaonenthron ein und regierte 21 oder 22 Jahre erfolgreich. 1457 v. Chr. starb sie mit etwa 35 Jahren eines natürlichen Todes (mögliche Ursachen könnten Krebs oder Diabetes gewesen sein).

Die Erinnerungen an Hatschepsut als Pharao – ihre Namenskartusche auf Reliefs und Statuen – wurden irgendwann in der Folgezeit zu großen Teilen zerstört; ihr Sohn war zunächst im Verdacht, ihm wurde ein Groll gegen seine Stiefmutter unterstellt, weil sie so lange statt seiner geherrscht habe. Da die Zerstörungen inzwischen aber genauer datiert werden konnten und jüngeren Datums sind, wird derzeit angenommen, dass ein späterer Regent die Erinnerung an eine weibliche Pharao, noch dazu mit derartigen Errungschaften, wie sie Hatschepsut zu verzeichnen hat, nicht ertragen konnte. (Dieses Phänomen nennt sich Damnatio memoriae, wie ich just lerne.)

Auf dem Zeitstrahl der Frauen in der Wissenschaft hat Hatschepsut einen Platz als erste Initiatiorin einer botanischen Expedition. In ihrem neunten Regierungsjahr entsandte sie ihren Schatzmeister mit Gefolgschaft nach Punt – einem an Boden- und pflanzlichen Schätzen reichen Land, von dem heute nicht sicher ist, wo es genau lag. Wahrscheinlich östlich von Ägypten am Meer, die heutigen Erkenntnisse über die Einwohner Punts beschränken sich darauf, dass sie nach ihren Frisuren und Kleidern zu urteilen in drei Bevölkerungsgruppen geteilt waren und in Pfahlbauten lebten. Hatschepsuts Expeditionsgruppe kehrte vor allem mit Myrrhe, Zedern, Weihrauch und Ebenholz nach Ägypten zurück; an der Wand einer Pfeilerhalle in Hatschepsuts Totentempel ist die Expedition raumgreifend dargestellt.

Auf diesem Relief ist auch Ati, die Königin des Landes Punt dargestellt, deren Körperform auf den Bildern, so die englische Wikipedia, „verhältnismäßig groß und großzügig proportioniert, mit großen Brüsten und Speckrollen am Körper“ ist. Aufgrund dieser Bilder wird von manchen angenommen, dass sie eine Steatopygie hatte. Nun ist schon der deutsche Begriff dafür, „Fettsteiß“, unschön, die Annahme, dass es sich um etwas pathologisches oder abnormes handelt, noch mehr. Interessant bei der Suche nach einem Bild der afrikanischen Königin fand ich bei academia.edu die Synopsis einer Arbeit, die Ati „ent-hottentottisieren“ möchte. Außerdem auch noch einen Blogbeitrag, der die Lage Punts etwas enger einzugrenzen behauptet.

Merit-Ptah und Peseschet

zwischen 2.700 und 2.400 v. C.

Merit-Ptah und Peseschet galten als die ersten Ärztinnen der Geschichte. Von Merit-Ptah sollen im Tal der Könige Bilder zu finden sein, deren Inschrift sie als „Vorsteherin über die Ärzte“ bezeichnen. Allerdings scheint es, dass sie mit einer anderen Ärztin aus einer späteren Zeit, nämlich Peseschet, verwechselt bzw. zusammengeworfen wurde. Während diese mit Sicherheit existierte, ist auch bei ihr nicht gesichert, dass der Titel „Vorsteherin über die Ärzte“ auf ihre eigene medizinische Tätigkeit hinweist. Wahrscheinlich ist hingegen, dass sie zumindest Hebammen unterrichtete.

Dieser Artikel von Wolfram Grajetzki im Ancient Egypt Magazine von 2019 legt die ganze wissenschaftliche Ungenauigkeit und sich selbst fortschreibende Verwechslungskomödie dar. Wobei im Eifer über unzuverlässige und ideologisierte Quellen nicht vergessen sein sollte, dass nur die Existenz von Merit-Ptah in Frage steht. Dass es Peseschet dreihundert Jahre später tatsächlich gab, bleibt Tatsache und dieser Artikel bei Ancient History Encyclopedia von 2017 – der auch Merit-Ptah als Fakt voraussetzt, aber ansonsten seriös und gut recherchiert scheint – erörtert einige Gründe, warum die Annahme, dass es weibliche Medizinerinnen im Alten Ägypten gab, nicht unwahrscheinlich ist.

2/2020: Edith Anne Stoney, 6. Januar 1869

Edith Anne Stoney (Link Englisch) wurde in eine Familie von Wissenschaftlern geboren: Ihr Vater war der Physiker George Johnstone Stoney, der der Elementarladung den Namen Elektron gab, ihr Onkel Bindon Blood Stoney war Ingenieur, ebenso wie einer ihrer beiden Brüder, und ihre Schwester Florence Stoney wurde die erste Radiologin des Vereinigten Königreichs.

Edith war begabte Mathematikerin, sie studierte mit Stipendium an einem College in Cambridge bis zum Bestehen der ersten Abschlussprüfungen 1893 – einen akademischen Grad erwarb sie allerding nicht, da die Universität Cambridge offizielle Abschlüsse von Frauen erst 1948 zuließ. Das Trinity College in Dublin verlieh jedoch ihr einen Bachelor of Arts und einen Master of Arts, nachdem dort 1904 Frauen zum Studium zugelassen wurden.

Am College war sie für das Teleskop der Schule zuständig, nach dem Studium arbeitete sie kurz für den Erfinder der Dampfturbine, Charles Algernon Parsons, bis sie eine Stelle als Mathematiklehrerin am Cheltenham Ladies‘ College antrat. In der Zwischenzeit hatte ihre Schwester Florence an der London School of Medicine for Women (Link Englisch) studiert und ihren Abschluss gemacht – eine Schule, die bereits 1874 unter anderem von Elizabeth Blackwell gegründet worden war, in Voraussicht auf den UK Medical Act von 1876, der die Geschlechterdiskriminierung beim Zugang zu medizinischen Ausbildungsgängen verbot. Die London School of Medicine for Women wurde Teil der University of London, die klinischen Anteile der Ausbildung fanden am Royal Free Hospital statt. 1899 wurde Edith Anne Stoney dort als Physiklehrerin eingestellt. Sie richtete ein Labor für 20 Studentinnen ein und legte die Inhalte der Physikkurse fest.

Zwei Jahre später wurde Florence Stoney zur „medizinischen Elektrikerin“ in Teilzeit am Free Royal Hospital berufen. Zusammen eröffneten die Schwestern Stoney im April 1901 einen Röntgen-Dienst im Krankenhaus.

Beide Stoney-Schwestern boten dem Britischen Roten Kreuz ihre Dienste als Radiologinnen für die britischen Soldaten im Ersten Weltkrieg an, sie wurden dort jedoch aufgrund ihres Geschlechtes abgelehnt. Die beiden gründeten kurzerhand ihre eigene Abteilung innerhalb Women’s Imperial Service League, mit Florence im kriegsgeschüttelten Europa, während Edith in London für den Materialbedarf zuständig war. 1915 legte Edith Stoney ihre Lehrtätigkeit nieder, zum gleichen Zeitpunkt kehrte Florence aus Europa nach London zurück. In Zusammenarbeit mit einem Krankenhaus, das von der Suffragetten-Bewegung mitfinanziert wurde, konnten sie ein 250-Betten-Lazarett in Nordfrankreich einrichten, in dem Edith als Radiologin tätig wurde. Sie lokalisierte Kugeln und Bombenschrapnelle in Verwundeten und führte auch die Röntgendiagnose von Wundbrand (Gangrän, CW Bild) ein: Bei Gasgangrän stellt das Vorhandensein von Gas im Gewebe, das im Röntgenbild erkennbar ist, eine Indikation für eine Amputation der Extremitäten dar, um Überlebenschancen zu erhalten.

Die gesamte medizinische Einheit im Lazarett war weiblich bis auf zwei Fahrer und Stoneys Assistent. Im September 1915 war die Front so nah an das Lazarett gerückt, dass der nahgelegene Ort vollständig evakuiert war und sie nachts die Artillerie hören konnten. Per weiterer Anweisungen arbeiteten die Stoney-Schwestern anschließend in Serbien und Griechenland, wo sie unter schwierigsten Umständen und mit großem Materialmangel Soldaten röntgen, versorgten und bei der Genesung unterstützten. Nach einem Krankheitsurlaub im September 1916 kehrte Edith nach Griechenland zurück, ein Jahr später arbeitete sie erneut in Frankreich als Leiterin der Röntgenabteilungen mehrerer Lazarette.

Für ihre medizinischen Leistungen im Ersten Weltkrieg wurde sie von Frankreich, Serbien und England mit diversen Medaillen geehrt. Nach dem Ende des Krieges nahm Edith Anne Stoney ihre Lehrtätigkeit wieder auf. 1925 setzte sie sich zur Ruhe, war jedoch im Ruhestand noch rege aktiv in der Womens‘ Engineering Society (Link Englisch) und reiste um die Welt. Sie hatte sich Zeit ihres Lebens für das Recht der Frauen auf Bildung eingesetzt und hielt zu diesem Thema Vorträge, außerdem rief sie einen Wohltätigkeitsverband ins Leben, der Studentinnen an ihrem alten College finanziell bei Auslandsaufenthalten unterstützt.

Edith Anne Stoney starb 1938 mit 69 Jahren. Sie gilt heute als Pionierin der Medizinischen Physik.

Ausgerechnet die Newcastle University, an der sie nur kurz zusammen mit Parsons arbeitete, widmet ihr eine Biografie.

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Ebenfalls diese Woche

7. Januar 1863: Anna Murray Vail (Link Englisch)
Die Botanikerin studierte bei Nathaniel Lord Britton (Ehemann von Elizabeht Gertrude Britton) und war an der Gründung des New York Botanical Garden beteiligt, unter anderem als dessen erste Bibliothekarin.

9. Januar 1858: Elizabeth Gertrude Britton (Link Englisch)
Sie war mit ihrem Ehemann zeichnen mit der Erhebung von Spendengeldern maßgeblich verantwortlich für die Gründung des New York Botanical Gardens, außerdem war sie Mitbegründerin der Vorgängervereinigung der American Bryological and Lichenological Society. Mit 170 Schriften trug sie einiges zur Literatur über Moose bei.

12. Januar 1914: Doris Malkin Curtis (Link Englisch)
Die US-amerikanische Paläontologin, Stratigraphin und Geologin war die erste weibliche Präsidentin der Geological Society of America.

1/2020: Nicole-Reine Lepaute, 5. Januar 1723

Nicole-Reine Étable de la Brière Lepaute kam als sechstes von neun Kindern eines Kammerdieners der Louise Élisabeth d’Orléans auf die Welt (auch eine tragische Gestalt, die letztes Jahr einen runden Geburtstag gehabt hätte). Schon als Kind war sie intelligent und interessiert, angeblich blieb sie nächtelang wach und las jedes Buch in der Bibliothek des Palais de Luxembourg, in dem sie aufwuchs.

Mit 26 Jahren heiratete sie den königlichen Uhrmacher Jean-André Lepaute. Mit ihm zusammen konstruierte und baute sie eine astronomische Uhr, die 1753 der Académie des sciences vorgestellt wurde. Der Mathematiker und Astronom Jérôme Lalande prüfte diese Uhr und erteilte seine Anerkennung. Gemeinsam mit ihm und ihrem Mann schrieb Lepaute anschließend ein „Traktat über die Uhrmacherei“, allerdings allein unter dem Namen ihres Mannes. In Lalande hatte sie jedoch einen bedeutenden Fürsprecher, der ihren Beitrag zu den Berechnungen des Buches öffentlich hervorhob. Auf seine Empfehlung hin war sie daran beteiligt, das nächste Erscheinen des Halleyschen Kometen zu kalkulieren. Sechs Monate lang rechnete Lepaute zusammen mit Lalande und dem Mathematik-Kollegen Alexis-Claude Clairaut, bis sie im November 1758 mit der Vorhersage an die Öffentlichkeit traten, dass der Komet am 13. April 1759 erscheinen würde. Ihre Berechnungen waren um einen Monat falsch, weil die Existenz von Uranus und dessen Einfluss auf die Kometenlaufbahn noch unbekannt waren. Erst zwanzig Jahre später wurde dieser zufällig von Wilhelm Herschel (Bruder von Caroline Herschel) entdeckt.

Clairaut erwähnte Lepautes Beitrag zur Kometenberechnung nicht in seinen Schriften, worüber sich Lalande empörte. Lalande würdigte ihre Arbeit in einem Artikel und nannte sie „die hervorragendste weibliche Astronomin Frankreichs aller Zeiten“ (Quelle: Wiki).

Lepaute sollte weitere fünfzehn Jahre mit Lalande zusammenarbeiten, etwa an den Ephemeriden der Académie des sciences, wie der des Venustransits. Ebenso erstellte sie die Ephemeriden der Sonne, des Mondes und der Planeten des damals bekannten Sonnensystems für die Jahre 1774 bis 1784. Im Jahr 1762 sagte sie korrekt die Sonnenfinsternis des 1. April 1764 voraus und legte eine Karte an, in der die Zeiten und das Ausmaß der sichtbaren Verdunkelung für Europa eingezeichnet waren.

Lepaute selbst hatte keine Kinder, doch mit 45 Jahren adoptierte sie den Neffen ihres Mannes, Joseph Lepaute Dagelet. Sie unterrichtete ihn in Mathematik und Astronomie, so gut, dass er mit 26 Jahren Mathematikprofessor an einer Militärschule wurde und 1785, mit 34 Jahren, der gewählte Abgeordnete für Astronomie der Académie des sciences. Nicole-Reine Lepaute pflegte 21 Jahre lang ihren Mann, gegen Ende selbst erblindet, bis sie am 6. Dezember 1788, mit 65 Jahren, in Paris verstarb. Nach ihrem Tod schrieb Jérôme Lalande eine kurze Biografie über ihren Beitrag zum Stand der Astronomie.

Die Seite She is an Astronomer führt eine kurze Biografie zu Nicole-Reine Lepaute.

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Ebenfalls diese Woche

4. Januar 1963: May-Britt Moser
Sie erhielt 2014 mit anderen den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für ihre Forschungen zu den Funktionsweisen von Neuronen, insbesondere bei der räumlichen Orientierung und dem räumlichen Gedächtnis.

rückblick 2019 – ausblick 2020

hier sitze ich, im onesie auf der couch, hinter offenen keksdosen, der weihnachtsbaum noch teilweise erleuchet, und schreibe einen kurzen einwurf, ungeplant zwischen den jahren, weil ich vor den feiertagen nicht mehr dazu gekommen bin.

bei frauenfiguren hat sich in diesem jahr tatsächlich ein bisschen etwas getan. gleich anfang des jahres kam die verbindung mit der FILMLÖWIN zustande, die im lauf des jahres viel spannende aufgaben, vor allem aber freude auf den tisch brachte. ich habe mich in den diversen sozialen medien sortiert und neu orientiert – dazu wird es demnächst noch einen separaten eigenen post geben. insbesondere auf Facebook und Instagram bin ich mit vielen menschen ins gespräch gekommen; manchmal sogar fruchtbar. da freue ich mich auf noch mehr.

was das thema des jahres angeht: während die runden geburtstage beim vergangenen jahreswechsel eine spontane idee waren, die ich nach der üblichen methode „recherchieren“ musste, habe ich kurz vor dem ende dieses jahres eine hübsche liste gefunden (ja, bei wikipedia), an der ich meine planung für 2020 angelegt habe: die Timeline of Women in Science. diese habe ich mir in den letzten tagen vor weihnachten eingehend vorgenommen und eine aufstellung gemacht, an der ich mich nun für den rest des jahres abarbeiten kann. zum einen habe ich die wissenschaftlerinnen, deren geburtstdatum bekannt ist, entsprechend vorgemekrt und diese werden in gewohnter manier, einmal pro woche eine, vorgestellt; die anderen geburtstagskinder der woche werde ich ebenfalls kurz nennen. zum anderen finden sich jedoch auf dem zeitstrahl auch einige wissenschaftlerinnen, deren geburtsdatum unbekannt ist, die dafür aber nicht bestraft werden sollen. daher habe ich neben den geburtstagskindern einen „zeitstrahl frauen in der wissenschaft“, in dem ich alle fünf tage (so der optimistische plan) eine dieser frauen vorstelle, und zwar beginnend im alten ägypten im januar bis dann hoffentlich in die neuzeit im dezember.

mögen Lachesis und Verdandi mir gnädig sein.

als hoffnungsträger: der schreibtisch, den ich seit vier wochen mein eigen nennen darf. noch kein room of my own, aber ein schritt weiter vom kitchen table business, das ich zu beginn dieses jahres noch führte.

Mom Is Sad

Why I talked about suicidal ideation to my 9yo

dieser text entstand ursprünglich für die kunstgalerie beeldend gesproken in Amsterdam, die sich auf werke von künstlern mit psychischen krankheiten spezialisiert hat. da sich die veröffentlichung dort noch etwas verzögern wird, hat mir meine auftraggeberin freundlicherweise erlaubt, den text hier vorab zu veröffentlichen.

Edit 4. Mai 2020: Wegen Corona habe ich gerade nicht viel anderes zu tun als dieses Blog (und für nicht viel mehr die Zeit), daher habe ich diesen Text, den ich immer noch sehr mag und der in der Krise aktueller ist denn je, als Audiodatei eingesprochen. Ich entschuldige mich für meine Aussprache, meine Ps und Ss und für die nicht optimale Tonqualität generell. Eigentlich wollte ich dies als Clip auch bei YouTube hochladen, aber dafür ist es 1min06sek zu lang. Und für eine gute Bearbeitung oder eine neue Aufnahme fehlen mit Technik und Zeit. Aber wer lieber hört als liest, kann sich den vorliegenden Text jetzt also von der Autorin gelesen zu Gemüte führen.

Mom is sad

“Mom, do you use drugs?”
My 9yo has a knack for asking hard questions at bedtime, right when I’m about to turn off the light. I on the other hand am incapable of giving short, evasive or postponing answers to these hard questions – I mom like that. So of course, I sat down at her bedside and did my best to explain the general understanding of “drugs” to my daughter, how and why human beings use drugs and whether I personally “use drugs”. While I was confused at first as to how she came to ask this question, it dawned on me during our conversation that she was worried about me taking CBD oil. I had started it at the beginning of the year to help with my depressive episodes, brought on by the combination of my adjustment disorder, which is currently in a chronic state due to my professional situation, and a semi-mild case of Pre-Menstrual Disphoric Disorder (PMDD), which pulls me down several notches for two or three days on a monthly basis.

The adjustment disorder has been a part of my life since puberty; it manifests in depressive episodes following transformative events. There had been several of those in my life before I had children, and despite all hopes, having my first child did not cure me. On the contrary, I had a near burnout a year after her birth, when I had to return to my job in advertising that wasn’t very rewarding. I went to therapy, switched agencies and things seemed to be better. Then I had a second child and lost my job shortly after; since then, I have been trying to find a source of income, which is the main reason for my current mental fragility. PMDD with its cycle-related crises is relatively new in comparison, like a hormonal cherry on top of the adjustment disorder cake. In the last five years, the fact that “mom is sad” has unfortunately come to be a constant in my children’s life.

When I realized what the reason was for her initial question, I focused on drugs in terms of medication, specifically why I am taking CBD oil. Accepting my disorders as illnesses and experiencing my depressive episodes as symptoms – treatable symptoms! –  has helped me weather the worst times recently. I’m hoping that CBD oil will help me with the physical aspect of my illness, bringing a chemical balance to the brain that I cannot naturally achieve. Getting enough sleep, sometimes taking a break from my duties (also sometimes allowing the kids more screen time than I actually deem “okay”) and generally treating myself with care are other ways to handle my mental illness when it flares up. My daughter was intrigued by the aspect of chemical balance in the brain and asked me fearfully whether that meant I was “impaired”, and whether it was hereditary, so she might also have this illness. This was a bit difficult, since I see her hypersensitivity and tendency for anxiety, and recognize myself as a child, hypochondria and all. I told her it is a possibility but that didn’t have to mean she will be as affected by it as I am. I assured her I will always have an eye on her especially because of this and that it’s why I often take time to talk to her about her feelings and her self-image.

Nevertheless, the thorough girl wanted to know what exactly goes on in my head when I feel depressed. So I told her, there is this voice – that I know is the illness – telling me that I’m not good at what I do, that I am failing as a professional, or worse, as a mother, that things will always stay this bleak and nothing I do will change it. I wasn’t going to talk about suicidal ideation (the occurrence of suicidal thoughts), as I knew it would scare her, but alas, she is thorough and needs to know all if she knows one thing. She asked me point blank: “But did you ever not want to live anymore?”

With this, I had to make a decision on the spot: Do I stick to my principle of honesty and completeness, with the risk of scaring my child, or do I tell her a lie, saving her from the burden of knowledge? Since my default mode is honesty, and hesitation is an answer in itself, I answered: “Yes, that is a thought that sometimes comes along with the others.” I knew right at that moment that I was going to have to explain this decision to at least one person – her father, who does not have the same experience with mental illness as I do – but I also knew instantly that I made the right decision, for both myself and my daughter.

Before I lay out my reasons here, let me say that, yes, my answer made her cry, but our conversation continued until I was able to soothe and comfort her, so when I left her bedside, she was calm and in her usual 9yo bedtime mood. I pondered over our exchange, realizing and formulating the reasons for my instinctive decision in hindsight as well as foreknowledge of the discussions I was going to have about it. It was already the next day that I had the opportunity for a test run of my argumentation. My daughter’s teacher called me around noon, telling me the child had had a crying fit during school hours because “my mom doesn’t want to live anymore”. She was by then comforted and playing with her friends, but the teacher had wanted to check the urgency of my situation. The reasoning I am laying out here is almost completely based on my exchange with the teacher, a caring person who I greatly respect for prioritizing her students’ well-being above all.

As I mentioned, honesty and age-appropriate completeness are my most valued guidelines in conversations with my children. Honesty goes without saying, simply because I want my children to keep on trusting me through puberty and in their adult lives; absolute, yet kind honesty is the only certain way I know how to ensure that. What’s age-appropriate and what is not may be debatable, but in my experience, if they can ask the question, they can handle the answer. Phrasing it in a way their growing mind can work with is my task as a responsible parent. Yet, I don’t practice honesty purely on principle, but also to unburden the hard topics from shame. In child-rearing, mental health is as fraught with taboo as sexuality – if not more, since the generally accepted guideline for today’s parents is to call the private body parts by their official names so as to free them from said shame. Part of the thinking behind it is, when you can talk about body parts and occurrences “shamelessly”, when you can give it a name and are well-informed about its function, you are consequently able to discuss variation and distinguish healthy from unhealthy, thus tackling medical issues before they become catastrophes.

This understanding we have in sexual education, in my opinion, should be transferred to mental health education, and that is what I did at the time. To wit, when my daughter was shocked about the fact that I sometimes don’t want to live anymore, I was very quick to point out to her that it is only that: Ideation that I do not gladly or willfully conjure, but that rises up along with the other (untrue) ideas about myself or rather, as the tail end of my self-deprecation, and as such it is a symptom of my illness. I reiterated to her what I learned from my meditation app (thank you Headspace), that our minds are as the sky, neutrally existing, and our thoughts and feelings are clouds passing over it. They can be the white clouds of a summer’s day, and they can be a dark and threatening hailstorm, but whatever they are, they pass, leaving the mind ultimately untouched. This framing has helped myself tremendously when experiencing suicidal ideation, and I hope learning about it so early in life will enable my daughter to manage her own mental health journey far better than I did. Writing about it now and admittedly riding my comparison of mental health education and sexual education to death, I’m inclined to say: Suicidal ideation is the fetid discharge of a depressed brain, and not being able to put a name to it, not being able to talk about it because of shame, prevents us from seeking help and will only lead to aggravation; in the case of mental health, this aggravation can be deadly.

My daughter’s teacher rightfully pointed out that knowing about these thoughts is a heavy burden for a child; the burden is not heavy, though, due to suicidal ideation itself being so rare or inevitably leading to suicidal acts. It isn’t, and it doesn’t, but our society has difficulties making the distinction between one of the symptoms of depression and its incidental outcome. Certainly, this is in line with the general taboo around mental health issues that still prevails, often doubling the burden for the person suffering. Despite being a very common and widespread illness that afflicts persons from all walks of life, depression is not a topic generally discussed in its prevalence and, to the media, rather boring manifestation of exhaustion, lack of motivation and hopelessness. Except of course when a public figure commits the “interesting” act of suicide and, as witnessed again and again, the media and minds of the public are suddenly full of commiseration with and facts about depression. As I said to my daughter’s teacher: Society speaks about suicide and depression only when someone prominent has committed the ultimate act, but there is silence around the many sufferers of depression who continually have suicidal thoughts without taking action. In all our minds, the idea of suicide is considered one with the action because we do not talk about the desire to die. It is taboo for many reasons, suicide being a cardinal sin in our basically Christian value system among the most harmful.

During our initial conversation, I had stressed the fact to my daughter that a thought, even one as “I don’t want to live anymore”, is very different from plans and even more so from actions. Making this distinction wasn’t only important for our current situation, me being the mother with suicidal ideation and her my worried daughter. It was also important for the eventuality in our future that she is affected by mental health issues as I was and am, during puberty and beyond. I not only needed her to understand right now that I wasn’t in a constant state of wanting to die, but that suicidal thoughts occur in crisis and pass as the crisis does, that while it isn’t pleasant or to be taken lightly, it is very much not an actual suicide plan. Just as much, I needed her to understand that should she herself experience depression and suicidal ideation, it would not mean that her path then was inevitably set towards suicide – which is what had frightened me most when I felt I didn’t want to live anymore for the first time in my youth. At the time, I had no one explain to me the difference between the thought and the act, I had no grasp of the symptoms of depression, I did not even know myself that I was suffering from depression. All I knew was that people who died by suicide may or may have not been thinking and speaking about it before. What lies between the thought and the act was a blank to me, just as much as the number of people who are going through their whole lives or at least phases with suicidal ideation who never form a genuine plan. The wish of not wanting to live anymore, to me, felt like the last and only step on the way to actual suicide; I had no one explain to me that there are a lot more steps between this sad and painful feeling and hands-on termination of one’s own life, which I may never feel inclined to take. This I needed my daughter to know before she came to that point herself, so she feels safe to come to me for understanding and support.

My daughter’s teacher – maybe because she had no experience to compare and argue with – conceded and we ended the conversation amicably, with me promising to pick it up with my daughter for closure. When my daughter came home, I gently repeated these important points to her: It is not a constant state of mind, I am not in acute danger of killing myself, it is an occasional symptom of my condition that should prompt me to take care of my mental health.

It turned out later, when I spoke to my mother about it all, that she supported my decision for these exact same reasons. She had experienced suicidal ideation herself during puberty and hadn’t felt able to speak to her parents about it; if I had known this during my youth, I would have felt free to come to her then, when I was in the situation for the first time. My mental health journey would have been less lonely, less scary from the beginning. Of course, my mother’s silence, as much as her parents’ silence around the hereditary affliction on their side, wasn’t malevolent. It was borne out of shame which in turn was borne out of ignorance. “Not being right in the head” was still something to be shamefully silent about for my grandparents, depression still put people into asylums in my parents’ generation. Suffering from depression and suicidal thoughts was definitely nothing to be discussed liberally, least so with the children. The societal taboo around mental illness created a silence between parents and kids, in my own generation still. This silence between fellow depressives in a family, in my opinion, causes far worse issues than I could have done by being open with my daughter – seeing as she may have walked on eggshells around me and was exceedingly cheerful, obliging and helpful for three days after our conversation, but soon returned to her natural headstrong and obstinate self, healthily lacking any worry about how her occasional “being difficult” could affect my mental health. What remained was a sensitive intuition when “mom is sad”; she will reach out her hand or come to hug me, and I will gratefully accept her comfort, hoping that she will allow me to repay it if she should ever fall into the same darkness.

Months now after having the initial conversation with her, I am more convinced than ever that my blunt honesty has not traumatized her but laid the groundwork for clear and open communication about feelings and mental health. We still butt heads and have tiresome discussions over bedtime and screen time, as you do. She is heading towards puberty and adequately scared and elated at the prospects of her future. I am still taking CBD oil; I am still struggling through days and weeks of depressive episodes. I am still fending off suicidal thoughts with the most effective argument against killing myself: I need to model for my children that you can make it through, that sadness, hopelessness and suicidal ideation passes, that sometimes showing up and breathing is all you can and need to do to make it another day. That suicide is not the way “out”, and that I will always be there for them.

51/2019: Mutsumi Aoki, 16. Dezember 1959

Geboren in Saitama in Japan, lebt Mutsumi Aoki heute in Düsseldorf. Sie entwirft Skulpturen aus natürlichen Materialien wie Papier, Moos, Algen und Sand. Ein kleines Juwel moderner Kunst zum Jahresabschluss.

Google-Ergebnisse für Mutsumi Aoki 2018
Google-Ergebnisse für Mutsumi Aoki 2019

50/2019: Toshiko Akiyoshi, 12. Dezember 1929

Toshiko Akiyoshis japanische Familie lebte in der Mandschurei, als sie auf die Welt kam, und kehrte erst nach dem Zweiten Weltkrieg nach Japan zurück. Akiyoshi erlernte das Klavierspiel mit sieben Jahren und unterhielt mit 16 Jahren amerikanische G.I.s in Beppu. Die Platten von Teddy Wilson begründeten ihre Liebe zum Jazz, das Improvisieren brachte sie sich durch Zuhören selbst bei. Mit 23 Jahren spielte sie in ihrer eigenen Band, durch die der amerikanische Jazz-Pianist Oscar Peterson auf sie aufmerksam wurde. Dieser empfahl sie seinem Produzenten und 1953 erschien ihre erste Platte, Toshiko’s Piano.

Sie studierte von 1955 bis 1959 mit einem Stipendium am Berkeley College of Music, spielte in verschiedenen Bands und trat 1956 auf dem Newport Jazz Festival auf. Als sie das Studium abgeschlossen hatte, heiratete sie ihren Musikerkollegen Charlie Mariano, die Ehe hielt bis 1967. Die beiden spielten gemeinsam in verschiedenen Formierungen, in den frühen 1960er Jahren lebten und tourten sie in Japan.

Nach einer Tätigkeit bei einem Radiosender in New York ging sie 1972 mit ihrem zweiten Ehemann Lew Tabackin nach Los Angeles. Dort gründeten die beiden eine Big Band, für die Akiyoshi bestehende Stücke arrangierte und eigene komponierte. Ihr erstes Album im Jahr 1974 hieß Kogun, in etwa „Ein-Mann-Armee“ auf Japanisch, wozu Akiyoshi inspiriert wurde von der Geschichte des japanischen Soldaten, der im Dschungel verloren ging und für 30 Jahre nicht erfuhr, dass der Krieg beendet wurde.

Sie befasste sich mit traditioneller japanischer Musik und deren Instrumenten und ließ diese in ihre Kompositionen einfließen. Mit ihrer Big Band konnte sie keine Plattenverträge, sie spielte jedoch in diversen kleineren Formationen und veröffentlichte auch als Solokünstlerin.

Sie schrieb 1999 eine Suite zum Jahrestag des Abwurfs der Atombombe über Hiroshima. Der buddhistische Mönch Kyudo Nakagawa war mit der Bitte darum an sie herangetreten und hatte ihr einige Bilder von den direkten Nachwirkungen der Bombe gezeigt. Akiyoshi war zunächst erschüttert und wusste nicht, wie sie Musik schreiben sollte, die diesem Grauen gerecht würde. Dann sah sie das Bild einer jungen Frau, die aus einem Bombenschutzbunker herauskam und ein verhaltenes Lächeln zeigte, und verstand, dass es bei der Feierlichkeit zum Jahrestag und in ihrer Komposition um Hoffnung gehen sollte. Am 6. August 2001 wurde die Suite uraufgeführt, 2002 erschien sie als Album.

In einem Interview mit Toshiko Akiyoshi und Lew Tabackin bei Jazz.com (englisch) gibt Akiyoshi selbst Einblicke in ihre Biografie.

WEG MIT
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