frauenfiguren

Neustart

Screenshot einer WordPress Beitragsliste: "Veröffentlichte (734) | Geplante (12)"

Es ist vollbracht. Es war 2022 auf diesem Blog nur scheinbar still, denn ich habe meinen Plan umgesetzt, für die ersten in etwa 3 Monate – 12 Wochen – die Artikel über Aktivistys des intersektionalen Feminismus fertigzustellen.

Besonders stolz bin ich auf mich, weil ich es gemacht habe, obwohl mich das Leben in den Sozialen Medien auch dieses Jahr immer wieder frustriert, ja, deprimiert hat; die Frage, ob es an der mangelnden Qualität meiner Beiträge, meinem Unwillen, meine Zeit statt für Lohn- und Carearbeit algorithmusfreundlich für die Bewerbung dieses Blogs zu opfern oder auch nur am Algorithmus selbst liegt, kann ich auf keine mich glücklicher machende Art beantworten. Jedenfalls, an vielen Tagen habe ich mir immer wieder die Sinnfrage gestellt und mehr als einmal den Stecker ziehen wollen. Gerade habe ich vernommen, dass Blogs mit dem Ende der 2010er ihre Bedeutung verloren haben. Ressourcen und Fähigkeiten für Tiktok oder einen Podcast habe ich derzeit keine.

Fakt bleibt aber, dass mich wenig so glücklich macht, als mich regelmäßig in eine neue Person zu verlieben, mich mit ihren Themen und Erfolgen zu befassen, ihr Leben und Wirken in eine fassbare, geordnete Struktur zu bringen und zu hoffen, andere ebenfalls für sie begeistern zu können. Ich führe das Blog eigentlich nicht für euch, sondern für mich – dankbar über jede Interaktion bin ich nichtsdestotrotz, weil ich dann weiß, dass ich nicht in einen leeren Raum spreche.


Weil es bei den Beiträgen im kommenden Jahr wichtig ist, und ich das eigentlich auch mal als neues ‚Über mich und dieses Blog‘ angedacht habe, möchte ich hier einmal kurz meine Vorstellung anbringen, was für mich der ‚feministische Kampf‘ ist. Auf Twitter und Instagram habe ich diese Position schon als angepinnter Tweet bzw. in den Highlights kurz aber hoffentlich schlüssig umrissen.

Meine Position: Das System ist misogyn. So wie Tupoka Ogete in EXIT RACISM deutlich macht, dass wir in einem rassistischen System leben, das viel tiefer geht als offene Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe, so ist unser gesellschaftliches System auch misogyn. Das durch Religion und Politik etablierte Patriarchat früherer Tage war die Hardware, doch so weit wir in manchen Aspekten der Gleichberechtigung seit dem Mittelalter vorangekommen sind: Die Software unserer heutigen Gesellschaft ist noch immer die Misogynie. Was traditionell als ‚weiblich‘ konnotiert ist, zählt als Anlass oder Begründung für Diskriminierung, Unterdrückung, Gewalt und Herabwürdigung. Die Sache ist, dass das nicht nur cis Frauen betrifft. Es betrifft:

  • cis und trans Frauen sowie alle inter, nicht-binäre und agender Personen, die weiblich gelesen werden – ihre Weiblichkeit (selbst identifiziert oder von außen gelesen) macht sie angreifbar für Misogynie
  • nicht-binäre und agender Personen, deren Identität nicht ‚traditionell weiblich/männlich‘ gelesen werden kann – das misogyne System bestraft das Widersetzen gegen die Binarität, weil es nur weiter funktionieren kann, wenn alle darin verharren
  • männlich gelesene Personen – diese stehen unter dem systemischen Zwang, ihre traditionelle ‚Männlichkeit‘ permanent unter Beweis zu stellen, wobei der goalpost, was ‚ein echter Mann‘ ist, beständig verschiebbar ist und jede Abweichung in Attribute, die traditionell ‚weiblich‘ gelesen werden können, sie für misogyne Gewalt angreifbar macht

Alle sind in irgendeiner Form von der systematischen Misogynie betroffen; die Formen, das Ausmaß und natürlich auch die Privilegien im System unterscheiden sich individuell.

Kurz gesagt: Im misogynen System ist ‚Weibliches‘ Minus, ‚Männliches‘ ist Plus, und alle Menschen müssen in der strengen Binarität verbleiben. Die Gleichberechtigung von Frauen funktionierte sehr lange darüber, dass Frauen Männern in ihren Rechten und Privilegien ähnlicher wurden – aber stets in einem Rahmen, der vom misogynen System bestimmt wurde. Individuelle Interpretationen, eigene Wege und Selbstbestimmung wurden und werden noch immer bestraft. Was von Männern erlaubt oder unterstützt wurde, war möglich, überschrittene Grenzen als Übermut und Anmaßung abgelehnt. Das ist nur scheinbare Gleichberechtigung, weil sie noch immer innerhalb des misogynen Systems funktioniert. Inter*, trans*, nicht-binäre und agender Personen stellen eine Bedrohung für das misogyne System dar, weil sie die Binarität auflösen – somit erfahren sie noch immer die deutlichste, offene Ablehnung, die von vielen, die solidarisch sein sollten, unterstützt wird.*

Es geht mir persönlich – auch mit diesem Blog – nicht darum, mich einer bestimmten Strömung des Feminismus zuzuordnen. Aber mein Verständnis von Feminismus ist, dass wir dieses misogyne System abschaffen müssen, das uns allen Gewalt antut. Und mit diesem Verständnis bin ich solidarisch mit allen, die in individuellen Formen unter diesem System leiden – das sind auch cis-het Männer, die sich damit abmühen, ihrem und dem gesellschaftlichen Bild von ‚Männlichkeit‘ zu entsprechen und dabei ihren Körper quälen und ihre Gefühlswelt verkümmern lassen (müssen). Auch wenn diese selbst nicht verstehen oder wahrhaben wollen, dass es Misogynie ist, an der sie leiden.**

Ich glaube, wir können das System nur überwinden, indem wir auf die Gemeinsamkeiten blicken. Und wenn es das Leid im misogynen System ist, das ich mit anderen gemein habe, dann bin ich mit ihnen solidarisch – ungeachtet ihrer Identität. Die Unterschiede zwischen uns bestimmen die Form des Leids, aber nicht die Tatsache, was die Ursache ist.

In diesem Sinne gehören im kommenden Jahr selbstverständlich auch trans* Frauen und – so sie auch weibliche Pronomen verwenden – nicht-binäre und agender Personen zu den möglichen Kalenderheldinnen. Die Auswahl, über wen ich in einem Beitrag spreche, ist weiterhin höchst idiosynkratisch und möglicherweise auch von meinen zeitlichen Möglichkeiten bestimmt. Ich werde versuchen, die unterschiedlichen Intersektionen gleichermaßen zu berücksichtigen, bitte jedoch um Nachsicht, da ich noch immer alleine und unbezahlt aus purer persönlicher Leidenschaft an diesem Blog arbeite.


* Zum misogynen System gehört auch die Idealvorstellungen von ’schönen‘ weiblichen und männlichen und allgemein ‚richtigen‘ Körpern, die Erwartung an eine ’natürliche‘ Fortpflanzung, bei der keine bereits entstandene Schwangerschaft beendet werden darf, sowie die Fortschreibung der Rollen in Beziehungen und Lohn- und Care-Arbeit.

**Ich bin Mutter zweier Kinder. Mein weiblich gelesenes Kind fühlt sich wohl, wenn es nicht weiblich gelesen wird. Mein männlich gelesenes Kind identifiziert sich männlich, trägt aber gerne Kleider und ist insgesamt gender nonconforming. Für beide sehe ich es als meine Aufgabe an, die binären Prinzipien von ‚Weiblichkeit‘ und ‚Männlichkeit‘ zu ignorieren und sie als Menschen zu begleiten. Das bedeutet nicht, ihre selbst benannte Identifikation z.B. als weiblich oder männlich abzulehnen, sondern ihnen den Rücken zu stärken in ihrem eigenen Ausdruck ihrer Identität. Es bedeutet auch, dass ich als Elternteil sehr unterschiedliche Erfahrungen damit mache, nicht, wie ich sie – als ‚Mädchen‘ oder ‚Junge‘ – erziehe, sondern vor welchen gesellschaftlichen Erwartungen und Repressalien ich sie als Individuen verteidigen muss.

Emily

UK/USA 2022, Regie: Frances O'Connor, mit Emma Mackey, Oliver Jackson-Cohen, Fionn Whitehead

Ich will pädagogisch vorgehen und erst sagen, was ich an EMILY alles mag.

Ästhetisch steht der Film von Frances O’Connor in der Tradition von The Piano (AUS/FR 1993, Regie: Jane Campion) und Mary Shelley (UK/LUX/USA/IR/AUS 2017, Regie: Haifaa Al-Mansour). Die Protagonistin steht im Zentrum der Erzählung, die Landschaft – in diesem Fall tatsächlich die Landschaft um Haworth, West Yorkshire, in der die Brontës lebten – nimmt narrativen Raum ein, das natürliche Licht spiegelt das wechselnde Gefühlsleben der Figur wider, dazu flüstert, treibt, jauchzt moderne Klassik mit Streichinstrumenten und Frauenchören wie der Wind, der über die nordenglischen Hügel weht. All das mag ich.

Ich mag auch die Protagonistin, Emily (Emma Mackey), die mit der Kargheit der Landschaft und ihrer persönlichen Beziehungen recht glücklich ist. Ich mag, wie der Film ihre Individualität, ihren Widerspruchsgeist bis zur Häresie und Rebellion erzählt, wie ihre Persönlichkeit – ein wenig animalisch, voller Fantasie, getrübt nur von der scheinbaren Unmöglichkeit, die Liebe ihres Vaters erringen zu können – vom sprichwörtlichen Korsett der christlichen Zivilisation am Atmen und Sich-Entfalten gehindert wird. Ich mag die Beziehungen der Geschwister zueinander, denn sie sind authentisch, nicht einseitig voller Liebe oder Ablehnung, sondern vielseitig, manchmal näher, manchmal und gerade deshalb schärfer und schmerzhafter in ihren Konflikten als als jede andere Liebe. Ich mag auch die Liebesbeziehung zwischen der ’sonderlichen‘, freigeistigen Emily und dem Vikar William (Oliver Jackson-Cohen), der aufgerieben ist zwischen romantischem Streben, körperlichen Trieben und seinem Bedürfnis nach der Sicherheit des institutionalisierten Glaubens; wie sie sich anziehen und abstoßen, und sogar die Tragik des unvermeidlichen Endes mag ich.

All that said.

Wenn ich aber doch eine so spannende Persönlichkeit wie Emily Brontë als Protagonistin ins Zentrum eines Films setze, der so vieles gut mache, warum dichte ich ihr in das Vakuum, das ihre wirkliche Biografie darstellt, nun wieder etwas so Banales wie die Liebesbeziehung zu einem Mann an? Wir wissen nicht viel über diese Brontë, aber es könnte ja alles mögliche in ihrem Leben gewesen sein, das erzählenswert wäre. Und wenn es nur ihre Beziehung zum Vater wäre, oder zu ihren Geschwistern, ihrem Bruder unter anderem? Ja, das sind dann auch wieder Männer, und ja, ihr einziger Roman ‚Sturmhöhe‘ beinhaltet auch eine tragische Liebesgeschichte. Er ist aber viel mehr als das und lässt auf eine viel spannendere Genese schließen als dass Emily Brontë sich unglücklich in einen Vikar verliebt hatte. Und gerade, weil ‚Sturmhöhe‘ so viel mehr ist als ein Liebesroman, kommt die Darstellung ihrer Zeit, die Verhältnisse der Brontë-Geschwister zueinander und zum Vater im Film über sie viel zu kurz. Stattdessen wird eine feministische Ikone der Literatur auf ihre verletzten romantischen Gefühle reduziert, weil die tragische Beziehung zu einem Mann das einzige sein kann, was Frauen zur Kunst antreibt.

Davon, dass der Film wieder einmal nur den Vornamen der Persönlichkeit trägt, von der er erzählt, fange ich erst gar nicht an, das Phänomen ist schon auf FILMLÖWIN mehrfach angesprochen worden, ebenso wie anlässlich genau dieses Films bei Seitenverkehrt auf Instagram. Ärgerlich ist daran, dass einerseits Emily mehrere Personen sein können – Emily Blackwell, Emily Carr oder Emily Lovira Gregory wären ebenfalls interessante Trägerinnen dieses Namens – und es andererseits der Persönlichkeit hinter dem Namen wenig Respekt zollt. Bei Filmen über Männer kommt diese despektierliche Fraternisierung, die auch als Herablassung verstanden werden kann, nicht vor – sogar der ganz gute THE CURRENT WAR, der den Wettlauf um die Elektrifizierung der USA zwischen Thomas Edison, George Westinghouse und Nicola Tesla zeigt, heißt unnötigerweise im Deutschen „Edison – Ein Leben voller Licht“. Warum dann nicht „Thomas, George und Nicola – Drei Typen geben Stoff“? Filme über bewundernswerte Frauen nur mit dem Vornamen zu betiteln, klingt wie die hessische Art, über Mädchen zu sprechen: „Ach, ’s Emily, die had’s fausddick hinner de Oohr’n!“

So gelungen EMILY also formal ist, als Film von einer Drehbuchautorin und Regisseurin fällt er mit diesen Kritikpunkten hinter die Erwartungen an ein feministisches Werk zurück.


EMILY deutscher Trailer

tinder bevor es tinder gab

Das folgende Gedicht hat eigentlich keinen Titel, als ich es schrieb, war ich etwa 18 und ja, es hat ein bisschen ‚i’m not like other girls‘ vibes. Aber andererseits hab ich einiges davon schließlich und endlich in meinem Partner gefunden, also auch ‚you go girl‘!

Ich brauche keinen

  • wie jede einen hat
  • der nichts begreift
  • der nicht lebt
  • der Angst vor mir hat
  • der sich für sich behalten will
  • der sich raushält

So einen brauche ich

  • den es nur einmal gibt
  • der begreifen kann
  • der lebendig ist
  • der sich mir stellt
  • der sich mir hingibt
  • der sich einmischt

Einen,

  • mit dem meine Konturen verwischen können
  • mit dem ich sie wiederfinden kann

Einen wie mich

Mona Lisa and the Blood Moon

USA 2022, Regie: Ana Lily Amirpour, mit Jeon Jong-seo, Kate Hudson, Ed Skrein, Craig Robinson

Da steht sie, an die Theke gelehnt, mit allem, was echt ist. Kate Hudson agiert in MONA LISA AND THE BLOOD MOON mit einem grandiosen Vergnügen am playing against type: Das hübsche, zierliche Mädchen von nebenan ist zur Frau über 40 gewachsen, die sichtlich keine F*cks mehr zu geben hat. Das weiße Häkel-Croptop mit dem glitzernden Bikinioberteil darunter und die rosane Frottee-Shorts legen ihren mom bod frei und mein Herz hüpft vor Freude.

Ja, Bonnie Bell ist vielleicht ein Klischee, die Stripperin mit dem schrillen Make-Up, hinter dem wir ein Herz aus Gold vermuten, der wir sofort vertrauen sollen, weil sie eine Frau ist, arm und vulgär. Und sie ist nicht die Hauptfigur, nein, aber sie ist die weiße Frau über 40, mit einem Körper, der schon Leben hinter, aber auch noch in sich hat, und diese Frau ist eine, in der ich mich sehen kann, und deshalb muss ich mir diese Schwärmerei zuerst vom Herzen schreiben. Representation matters, auch für Frauen Ü40.


Die ehemals zuckersüße und noch heute sehr adrette Hudson als ‚white trash‘ zu besetzen, ist nur einer der Kniffe, derer sich Ana Lily Amirpour bedient, um das Spiel mit enttäuschten Erwartungen über den Plot hinaus zu erweitern, das sie mit MLATBM geschaffen hat. Jeon Jong-seo ist die koreanische Heldin, die die Figuren um sie herum, aber vielleicht auch wir im Publikum für zart und zerbrechlich halten, für fügsam und freundlich. Stattdessen ist sie wortkarg und barsch wie Clint Eastwood, wütend wie der Hulk und mit einem Willen ausgestattet, so eisern wie Tetsuo. Nachdem wir das wissen, machen wir uns vielleicht auch weniger Sorgen um sie als um Fuzz (Ed Skrein), den glattzüngigen Dealer/DJ, zu dem sie ins Auto steigt. Vielleicht will er ihr nichts Böses, vielleicht ist er tatsächlich ein zarter, weicher Mensch, der sich ad hoc in die mysteriöse Frau verliebt. Und vielleicht ist die Stripperin mit dem ‚goldenen Herzen‘ einfach eine, die eine gute Gelegenheit erkennt und jede davon ergreifen wird, um ihrem american dream näherzukommen.


Amirpour philosophiert in MLATBM über Manipulation – die aufrichtige, die Mona Lisa vornimmt, wenn sie Menschen mit ihrem Willen kontrolliert, und die gefährlichere, weil subtilere, die die anderen vornehmen, wenn sie mit freundlichen Worten ihr Vertrauen erwecken wollen und doch nicht ihr Bestes dabei im Sinn haben – und vor allem über Macht und Machtlosigkeit. Dabei blickt Amirpour mit unleugbar weiblichem Blick vor allem darauf, wie sich Ohnmacht in Gewalt verwandelt, wenn sich die Lage wendet.

MLATBM ist ein lakonischer Beitrag zum Superhelden-Genre, in dem das nächtliche New Orleans neben den Darstellern eine tragende Rolle spielt. Die Kamera ist nah an den Protagonist*innen – bei Kindern würde mensch das ‚distanzlos‘ nennen – und fährt unruhig durch die Sets, zwischen die Figuren und an sie heran; die von Neonlichtern durchschnittene Dunkelheit und die meist minimalistisch clickenden Dubstep-Beats (dazwischen nur einmal die wunderbar direkte Metal-Gewalt von HIGH ON FIRE) unter diesem intimen, organischen Framing machen die schweiß-klebrige Hitze spürbar. Amirpour schafft eine hyperreale Atmosphäre, in der die Frage nach dem Woher der Heldin und ihrer Kräfte überflüssig wird. Sie ist einfach.


alle Bilder/Video: ©Institution of Production, LLC

„It’s a beautiful glass“

Vor 6 Jahren war ich kurz vor Ende meiner Arbeitslosigkeit – aka ALG I lief aus – und mitten in einer Weiterbildung (Social Media Management), die für mich durchaus hilfreich war, aber nicht dabei, eine Festanstellung zu finden. Gerade hatte ein Video auf Facebook mich sehr berührt und mich dazu bewegt, mich mit meinen Depressionstriggern zu befassen: Wieviel von meinem Selbsthass daran lag, dass ich mich an Vorstellungen maß, wie mein Leben ‚hätte aussehen sollen‘, nach meinem privilegierten Hintergrund, meiner Bildung und meiner Arbeitserfahrung zu schließen. Im Vergleich zu dem, was ich gedacht hatte, wie mein Leben mit Ende 30 aussehen würde, war mein Glas beständig halb leer.

In einem der Module der Weiterbildung sollten wir eine Tondatei erstellen, und mir waren entweder genau an dem Tag oder nur sehr kurz davor die folgenden Dinge passiert. Den Text habe ich noch (dank FB Erinnerungen), die Tondatei wohl nicht mehr. Mir gefällt der Text immer noch und die Erinnerung ist an die Situation sehr lebendig.

It’s a beautiful glass

Last weekend my glass was half empty. I managed to ruin my washing machine – on my 10th wedding anniversary, nonetheless – by washing a nursing pillow. The pillow was torn and spilled its polystyrene contents in my washing machine. Now there’s a body of blueish water with polystyrene pearls swimming in it and the pump makes angry working noises but can’t reach the water because the tube is clogged. I spent 90 minutes on Sunday washing out a heap of smelly, polystyrene covered laundry in the tub.

My glass is half empty a lot of the time right now. I’m an unemployed academic with two children which makes me unhireable, basically. We’re not poor but there’s no room for extravaganza. I go to school 40 hours a week and have the kids, a relationship and my own mental health to care for the rest of the time. This is for context because a broken washing machine kind of feels like the devil taking a shit on the biggest heap right now. I don’t have money to spare for a new washing machine and I have heaps and heaps of laundry that are going nowhere.

This morning my glass was half empty. On my way to the doctor’s to pick up a certificate, I called the repair service for the washing machine to get someone to fix it. First they always point out how guarantee only covers damage that wasn’t caused by misuse – which makes me angry even though I know it’s just policy. Second, the first appointment offered to me was on the day of a test I have to take at school. The next appointment I could get was 8 days from today – 8 days of washing my laundry at my mother-in-law’s.

My glass was half empty until I was on my way back to school. Suddenly, the way was blocked by two fire trucks, police and paramedics. I see smoke coming from the sidestreet. I’m not one for spectatorship so I just wanted to move around the firetruck, not be in the professional’s way and get back to school. Then I see her standing there: a woman, covered with a blanket, holding her toddler and sobbing uncontrollably. All alone. My reflex sets in and I approach her with the stupidest question: „Is there anything I can do?“ She just sobs so I hug her.

I hug her while the firemen keep asking her whether there’s any other people in the flat, or the flat above, are there any other children. I hug her while a guy shows up with a cat, scorched black but alive, and she cries that she thinks it’s her cat but she can’t recognise it. I hug her while she starts worrying that she will be blamed, but she was asleep and woke up to her living room in flames. I hug her and her toddler when she asks the toddler if he did it and the poor child says „Yes.“ I hug her when she can’t remember her mother’s mobile phone number, and cries that her phone is up in flames, and she has no insurance. I hug her until the paramedics start taking care of her. I carry her child along while she is being taken to the paramedic truck on a stretcher.

I don’t know how often I repeat these words: „It will be okay. You are alive. Your child is alive. Even your cat is alive.“ Before I step out of the truck, she looks at me and maybe she actually heard those words.

I don’t know whether my glass is half empty or half full. But suddenly I know that, yes, it’s a beautiful glass.

Ich schaue heute immer noch, wenn ich an dem Haus vorbeikomme, danach und frage mich, was aus der Frau und ihrem Kind geworden ist. Und ob sie sich vielleicht an mich erinnert.

Der Clip, aus dem der Titel und der Gedanke stammt:

0% fair maiden, 100% heroine

Ich weiß, ich bin spät, aber Leben und suspendierte Blog-Tätigkeit. Da aber in den vergangenen Tagen so viele Abschiedsposts für Nichelle Nichols in meinen Streams erschienen, möchte ich nun doch auch einen kleinen, sicher nicht herausragenden Post über die Darstellerin der Lt. Uhura schreiben. Als Kind der TNG-Generation habe ich die Pandemie zum Anlass genommen, die (klassischen) Star Trek Serien vollständig zu verköstigen. Meine absolute Lieblingsszene mit Uhura ist die folgende, in der ihre Replik auf Sulus Bemerkung ihren Angaben nach improvisiert war:

Die Anwesenheit einer Schwarzen Frau, in einer prominenten arbeitenden Position, für die damaligen Verhältnisse „gleichwertig“ mit den weißen Männern in ihrer Umgebung, übte einen entscheidenden Einfluss auf Whoopi Goldberg aus:

Der YT-Kanal des Smithsonian Institute widmete ihr schon 2016 einen Clip, selbstverständlich auch mit dem Ausschnitt des damals skandalträchtigen Kusses zwischen ihr und Cpt. James T. Kirk (insgesamt eine sehr unangenehme und verstörende Episode, im Übrigen):

Die NASA betont in ihrem Nachruf ihre Bedeutung für den Ausbau der Diversität in ihren Reihen: Zehn Jahre nach dem Ende der Serie trat Nichols in einem Werbefilm für die NASA auf, um Frauen und Schwarze insbesondere einzuladen, sich bei der NASA zu bewerben. In der Ausbildungsklasse des Folgejahres waren Guion Bluford als erster Afroamerikaner und Sally Ride, die erste Frau im All, vertreten.

Go boldly, Lt. Uhura.

WEG MIT
§218!