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Marguerite Hessein de La Sablière

* ~ 1636-1640 • † 8. Januar 1693

Marguerite Hessein wurde in eine wohlhabende Familie des Hugenotten-Adels in Paris geboren, sowohl ihr Vater wie der Vater ihrer Mutter waren im Finanzwesen tätig. Sie erfuhr bereits in der Kindheit und Jugend eine klassische Bildung durch einen Onkel mütterlicherseits. Mit etwa 14 Jahren wurde sie mit Antoine Rambouillet de La Sablière verheiratet, einem Hugenotten mit gleichem Hintergund im Finanzwesen, der sich jedoch auch als Dichter hervortat. Sie bekam mit ihm drei Kinder, doch nach etwa zehn Jahren Ehe wurde sein Verhalten für sie unerträglich, er betrog sie und übte wahrscheinlich psychische und körperliche Gewalt aus. Bei der Scheidung, die ihn als Schuldigen anerkannte, wurde ihr die Mitgift sowie ein jährlicher Unterhalt zugesprochen. Mit dieser wirtschaftlichen Sicherheit ließ sie sich in der Rue Neuve-des-Petits-Champs nieder, wo sie 1669 ihren Salon öffnete.

Aufbauend auf der Bildung, die sie in ihrer Jugend genossen hatte, begann sie ein Unversalstudium und zog herausragende Wissenschaftler als Tutoren heran. Gilles Personne de Roberval unterrichtete sie in Mathematik, Joseph Sauveur in Geometrie, Barthélemy d’Herbelot in Anatomie. Sie besuchte öffentliche Vorlesungen zu diesem Thema von Joseph Guichard Du Verney und beteiligte sich aktiv an den astronomischen Forschungen von Jacques Cassini. Ihren literarischen Salon besuchten Molière, Jean Racine und die Marquise de Sévigné, auch Fontenelle, Pierre Daniel Huet und Christina von Schweden zählten zu ihren Gästen. Der Arzt und Philosoph François Bernier, der ebenfalls zu ihren Lehrern zählte, widmete ihr seine Zusammenfassung der Werke Pierre Gassendi. Mit ihrem breiten Spektrum an Interessen und Themen, in denen sie versiert war, galt sie zu ihrer Zeit als Universalgelehrte. Ihre prominente Position brachte ihr natürlich auch negative Aufmerksamkeit ein: Der zeitgenössische Satirendichter Nicolas Boileau machte sich in Satire contre les femmes über sie als ‚Blaustrumpf‚ lustig und karikierte ihren Ehrgeiz auf dem Gebiet der Astronomie; sie verliere bei der Beobachtung des Jupiter mit einem Astrolabium ihre Sehfähigkeit und die nächtliche Arbeit wirke sich nachteilig auf ihren Teint aus. Charles Perrault, der Boileau auch aufgrund der Streitigkeiten um die Überlegenheit der Moderne über die Antike nicht freundlich gesinnt war, verteidigte de La Sablière, sie sei nicht nur talentiert, sondern auch bescheiden genug, ihre Fähigkeiten nicht zu Schau zu stellen. (Denn auch wenn Frauen etwas können, sollen sie doch gefälligst nicht damit hausieren gehen.)

Zu zwei Literaten pflegte sie besondere Beziehungen. Der Fabeldichter Jean de La Fontaine war ihr Freund und Schützling; er unterrichtete sie in Naturgeschichte und Philosophie, sie ließ ihn nach dem Tod seiner vorherigen Schirmherrin 1673 bei sich wohnen und erlöste ihn damit von wirtschaftlichen Sorgen. Der Dichter verehrte sie nicht nur als Mäzenin und Freundin; er widmete ihr die Fabel ‚Der Rabe, die Gazelle, die Schildkröte und die Ratte‚, deren Moral es ist, dass jede:r Helfende bei einer gemeinsamen Aufgabe in gleichem Maße wichtig ist. Zum Abschluss der Fabel brachte er seine Gefühle ihr gegenüber zum Ausdruck:

Der Preis gebührt dem Herzen, ging’s nach mir.
Freundschaft, wohin kann sie sich nicht aufschwingen!
Das andere Gefühl, die Liebe – mindrer Ehr’
scheint sie mir wert; dennoch ermüd’ ich nimmermehr,
zu feiern sie und zu besiegen.
Ach, meinem Herzen kann sie keinen Frieden bringen!
Du ziehst die Freundschaft vor – von jetzt an stellt
in ihre Dienste sich mein Lied, wie’s auch ausfällt.
Mein Meister war Amor; mit einem andern wagen
und seinen Ruhm durch alle Welt
will ich wie auch den deinen tragen.

Wikipedia

Er nannte sie in seinen Texten ‚Iris‚ und blieb ihr treu in Freundschaft ergeben, während sie eine Affäre mit dem leichtlebigen Poeten Charles de La Fare einging.

Als 1679 ihr Ex-Ehemann starb, konnte Hessein de La Sablière zwar wieder mit ihren drei Kindern Kontakt aufnehmen, die beim Vater verblieben waren, doch ihr ging gleichzeitig der Unterhalt verloren. Im Folgejahr endete auch ihre Beziehung zu de La Fare unglücklich, als sich seine zahlreichen anderen Liebeleien in ihrer Gesellschaft herumsprachen. Die Salonière erlitt eine seelische Krise, die auch eine moralphilosophische wurde. Sie zog zunächst in eine bescheidenere Unterkunft, in die sie noch ihre Katze, ihren Hund und Jean de La Fontaine mitnahm – ihre „drei Haustiere“, soll sie sie genannt haben. Immer stärker wandte sie sich dem Katholizismus zu, begann einen Briefwechsel mit dem Mönch Armand Jean Le Bouthillier de Rancé und arbeitete freiwillig im Hospiz für unheilbar Kranke. Schließlich bezog sie eine kleine Wohnung auf dem Gelände des Hospiz, in die ihr de La Fontaine nicht folgen konnte.

Vom gesellschaftlichen Leben zog sie sich gänzlich zurück, stattdessen schrieb sie allerdings – neben der tiefschürfenden Korrespondenz mit Rancé – zwei Werke über ihre Moralphilosophie, Maximes Chrétiennes (Christliche Maxime) und Pensées Chrétiennes (Christliche Gedanken). In diesen befasste sie sich kritisch mit den Tugenden und Leidenschaften des christlichen Glaubens und argumentierte, dass eine vollständige Erkenntnis der Existenz Gottes allein durch das Abwerfen sowohl des Intellektes wie der Vorstellungskraft möglich sei. Eine Wahrnehmung Gottes sei nicht zu erreichen über Bilder oder Konzepte, sondern nur darüber, sich gänzlich von der Welt und ebenso von einer Wahrnehmung des eigenen Selbst zu lösen.

Entgegen der Bitten ihrer geistlichen Berater trennte sie sich nicht von ihrem Teleskop, bis zu ihrem Lebensende blieb sie an den Wissenschaften interessiert, pflegte ihre Bibliothek und beobachtete die Sterne. Als sie starb, war sie noch keine 60 Jahre alt.

Ihre Maximes Chrétiennes wurden erst 1705 anonym in einer Edition der Réflections ou Sentences et maximes morales von François de La Rochefoucauld herausgebracht, die Pensées Chrétiennes mit einem falschen Autorennamen, de La Sablé, versehen. Erst ihr Biograf Samuel Menjot d’Elbenne konnte das Werk korrekt zuweisen – indem er es mit der Korrespondenz der Autorin M.D.L.S. mit Rancé verglich, in der die drei Kinder de La Sablière namentlich genannt wurden. So wurden ihre zwei Schriften sowie ihr Briefwechsel mit dem Mönch erst 1923 gemeinsam unter dem korrekten Namen veröffentlicht.

Die Internet Encyclopedia of Philosophy bietet eine Biografie, aber vor allem eine ausführliche Erörterung ihrer Moralphilosophie (Link Englisch). Die Zahlen und Reihenfolge der Ereignisse ist nicht ganz deckungsgleich mit dem deutschen und/oder englischen Wikipedia-Beitrag. Letzterer schreibt ihr immerhin auch noch möglicherweise die Idee zu, zuerst Milch in die Tasse zu gießen, vor dem heißen Tee, damit das feine Porzellan nicht zerspringe.

KW 15/2016: Caterina de' Medici, 13. April 1519

Caterina de' Medici

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Caterina de‘ Medicis Lebensgeschichte ist wieder einmal so voll mit Namen und Ereignissen, dass ich sie unmöglich sinnig verkürzt wiedergeben kann (große Regentinnen haben das so an sich). Ich konzentriere mich daher auf drei Einzelheiten.

Zunächst mal, als Beispiel, wie hart und schrecklich die Welt für alle, aber speziell junge Mädchen in vergangenen Jahrhunderten war, die Geschichte, wie Caterina als elfjähriges Kind von republikanischen Aufständischen in Florenz als Geisel gehalten wurde. Ihr Verwandter, Papst Clemens VII., lag im Konflikt mit dem Kaiser von Spanien und des römisch-deutschen Reiches; währenddessen bemächtigten sich Republikaner der Stadt Florenz. Caterina wurde zunächst in verschiedenen Konventen verwahrt. Als der Papst und der Kaiser einen Friedensvertrag schlossen, wurde wiederum Florenz von gemeinsamen Truppen des Papstes und des Kaisers belagert – Caterina befand sich jedoch noch immer in der Stadt und war für den Papst ein wichtiges Element für seine Politik, wollte er sie doch strategisch verheiraten. Florenz litt neben der Belagerung auch noch an Hunger und an der Pest; dennoch blieb Gelegenheit, über das Schicksal des Kindes zu diskutieren. Man wollte die ehrgeizigen Pläne des Papstes durchkreuzen, indem man unter anderem das Mädchen nackt in einem Korb über die Stadtmauer herabließe, sodass sie von den Kanonen der eigenen und kaiserlichen Truppen getroffen würde – oder sie in einem Bordell zur Prositution zwingen, sodass sie danach nicht mehr verheiratet werden könne. Sie war, ich betone es noch einmal, elf Jahre alt. Sie wurde schließlich nur in ein weiteres Konvent überführt und schließlich von den Truppen ihres Verwandten gerettet; die Medici übernahmen wieder die Regierung der Stadt Florenz.

Drei Jahre später hatte ihr Verwandter, der Papst, schließlich Erfolg mit seinen Heiratsplänen. Nach vielen vielversprechenden Angeboten wurde Caterina 14jährig an den ebenfalls 14jährigen jüngeren Sohn Heinrich des Königs von Frankreich, Franz II., verheiratet. Heinrich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Aussicht darauf König zu werden – sein älterer Bruder Franz (III.) war Dauphin – weshalb die Eheschließung mit einer, wenn auch reichen, Bürgerlichen unproblematisch erschien. Dann jedoch starb der Papst ein Jahr nach der Hochzeit, ohne die Versprechungen des Ehevertrages (sowohl territoriale wie finanzielle) erfüllt zu haben, sein Nachfolger wollte mit der ganzen Sache nichts zu tun haben. Caterinas Wert am Hof sank, doch sie verstand sich hervorragend mit ihrem Schweigervater, dem König, und konnte so ihre Ehe retten – obwohl ihr Mann ihr nicht zugetan war und eine enge Beziehung zu einer Mätresse pflegte.

Als der Dauphin ein weiteres Jahr später überraschend verstarb und Caterinas Mann 16jährig Thronanwärter wurde, sie aber noch keine zukünftigen Erben produziert hatte (warum bloß?!), gingen Caterinas Nachteile für den französischen Hof ins Bodenlose. Es war ausgerechnet die Mätresse ihres Mann, Diana von Poitiers, die sich für sie einsetzte – denn eine neue, besser angemessene Königin hätte ihre eigene Position geschwächt. (Man sollte sich auch mal auf der Zunge zergehen lassen, dass Diana 20 Jahre älter war als ihr König: er war zu diesem Zeitpunkt 16, sie 36.) Als reife Frau, die scheinbar eigene Ziele für ihr Leben verfolgte, sorgte Diana dafür, dass Heinrich nicht nur mit Caterina verheiratet blieb, sondern auch regelmäßig mit ihr schlief, sodass schließlich, nach elf Ehejahren, das erste Kind Franz II. geboren wurde. Allerdings tat auch Caterina alles in ihrer Macht stehende, sich dem franzöischen Königshaus gefällig zu zeigen, unter anderem, indem sie sich König Franz vor die Füße warf und nur darum bat, bei einer Neuverheiratung ihres Mannes als deren Hofdame bleiben zu dürfen. Diese (kalkulierte) Demütigung machte sie ihrem Schweigervater so sympathisch, dass alle Fragen nach einer Scheidung vom Tisch waren.

Caterine gebar in den folgenden 12 Jahren weitere 9 Kinder. Für drei von ihren fünf Söhnen (einer überlebte allerdings sein erstes Jahr nicht) musste sie nach dem Tod ihres Mannes im Alter von 40 Jahren die Regentschaft antreten – in einem Land, das finanziell geschwächt, politisch in unterschiedliche Konflikte verwickelt und von einem religiösen Konflikt zerrissen war. Entgegen der Behauptungen, sie sei verantwortlich für die Massaker an Protestanten in der französischen Bartholomäusnacht hat sie allerdings in der ganzen Zeit ihres politischen Einflusses auf Einigung und Kompromiss hingearbeitet. Wie es die Zusammenfassung des ausführlichen Artikels treffend sagt, schwelten die Konflikte zwischen den Konfessionen beständig und hatten sich in drei Kriegen bereits Bahn geschlagen, in den folgenden 30 Jahren sollten noch fünf weitere kriegerische Auseinandersetzungen folgen. Caterina hatte sich in allen diesbezüglichen Verhandlungen an Frieden und Entgegenkommen interessiert gezeigt; es waren die katholischen Teilnehmer an der Politik, die dies erschwerten. Schließlich war die Bartholomäusnacht auch die Hochzeitsnacht ihrer eigenen Tochter Margarete von Valois mit dem Hugenottenführer Heinrich von Navarra – mit dieser Eheschließung sollte gemeinsamer Boden geschaffen werden. Tatsächlich hatte Caterina nichts mit den Massakern zu tun, stattdessen kam bei der Ermordung tausender Protestanten in Paris und im folgenden in vielen anderen französischen Städten die Frustration des Volkes mit der religions-politischen Lage und den beständigen Notzuständen durch Kriege im Inneren und Äußeren zu ihrem blutigen Ausdruck. Ihr Sohn Karl IX. übernahm später die Verantwortung für die Ereignisse, als Reaktion auf ein Komplott zu seiner Ermordung.

Caterinas letzte Jahre waren schließlich auch weiterhin von den Hugenottenkriegen geprägt: Während ihr Sohn Heinrich III., durch den Tod seines Bruders zwei Jahre nach der Bartholomäusnacht auf den Thron gekommen, sich nicht so recht als französischer König positionierte, blieb sie in beständigen Verhandlungen mit ihrem Schweigersohn, der die Interessen der Hugenotten vertrat. Sie starb schließlich mit 70 Jahren.

Abgesehen von alle diesem ist sie auch noch verantwortlich für die Einführung des Damensattels, mit dem Damen auch tatsächlich reiten konnten, und vielerlei Eigenschaften dessen, was man heute gemeinhin als „französische Küche“ versteht, aber eigentlich seine Wurzeln in Caterinas italienischer Heimat hat.

Bild: By Justus Sustermans, Public Domain

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Von 163 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 10 (inklusive Caterina de‘ Medici) Frauen:

12.4.1432 Anna von Österreich
11.4.1492 Margarete von Navarra
14.4.1606 Juliane von Hessen-Darmstadt
13.4.1648 Jeanne Marie Guyon de Chesnoy
15.4.1684 Katharina I. (Russland)
16.4.1693 Anna Sophie von Reventlow
17.4.1724 Salomé de Gélieu
14.4.1765 Auguste Wilhelmine von Hessen-Darmstadt
17.4.1799 Eliza Acton

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