Schlagwort: jazz

50/2019: Toshiko Akiyoshi, 12. Dezember 1929

Toshiko Akiyoshis japanische Familie lebte in der Mandschurei, als sie auf die Welt kam, und kehrte erst nach dem Zweiten Weltkrieg nach Japan zurück. Akiyoshi erlernte das Klavierspiel mit sieben Jahren und unterhielt mit 16 Jahren amerikanische G.I.s in Beppu. Die Platten von Teddy Wilson begründeten ihre Liebe zum Jazz, das Improvisieren brachte sie sich durch Zuhören selbst bei. Mit 23 Jahren spielte sie in ihrer eigenen Band, durch die der amerikanische Jazz-Pianist Oscar Peterson auf sie aufmerksam wurde. Dieser empfahl sie seinem Produzenten und 1953 erschien ihre erste Platte, Toshiko’s Piano.

Sie studierte von 1955 bis 1959 mit einem Stipendium am Berkeley College of Music, spielte in verschiedenen Bands und trat 1956 auf dem Newport Jazz Festival auf. Als sie das Studium abgeschlossen hatte, heiratete sie ihren Musikerkollegen Charlie Mariano, die Ehe hielt bis 1967. Die beiden spielten gemeinsam in verschiedenen Formierungen, in den frühen 1960er Jahren lebten und tourten sie in Japan.

Nach einer Tätigkeit bei einem Radiosender in New York ging sie 1972 mit ihrem zweiten Ehemann Lew Tabackin nach Los Angeles. Dort gründeten die beiden eine Big Band, für die Akiyoshi bestehende Stücke arrangierte und eigene komponierte. Ihr erstes Album im Jahr 1974 hieß Kogun, in etwa „Ein-Mann-Armee“ auf Japanisch, wozu Akiyoshi inspiriert wurde von der Geschichte des japanischen Soldaten, der im Dschungel verloren ging und für 30 Jahre nicht erfuhr, dass der Krieg beendet wurde.

Sie befasste sich mit traditioneller japanischer Musik und deren Instrumenten und ließ diese in ihre Kompositionen einfließen. Mit ihrer Big Band konnte sie keine Plattenverträge, sie spielte jedoch in diversen kleineren Formationen und veröffentlichte auch als Solokünstlerin.

Sie schrieb 1999 eine Suite zum Jahrestag des Abwurfs der Atombombe über Hiroshima. Der buddhistische Mönch Kyudo Nakagawa war mit der Bitte darum an sie herangetreten und hatte ihr einige Bilder von den direkten Nachwirkungen der Bombe gezeigt. Akiyoshi war zunächst erschüttert und wusste nicht, wie sie Musik schreiben sollte, die diesem Grauen gerecht würde. Dann sah sie das Bild einer jungen Frau, die aus einem Bombenschutzbunker herauskam und ein verhaltenes Lächeln zeigte, und verstand, dass es bei der Feierlichkeit zum Jahrestag und in ihrer Komposition um Hoffnung gehen sollte. Am 6. August 2001 wurde die Suite uraufgeführt, 2002 erschien sie als Album.

In einem Interview mit Toshiko Akiyoshi und Lew Tabackin bei Jazz.com (englisch) gibt Akiyoshi selbst Einblicke in ihre Biografie.

42/2019: Anita O’Day, 18. Oktober 1919

Aufgrund vorsehbarer (Herbstferien) und unvorhergesehener Ereignisse (gegebenenfalls später mehr) diese Woche nur etwas Musik von Anita O’Day. Biografie bitte bei Wikipedia lesen, Hörproben unten!

Anita O’Day: Fly me to the moon
Anita O’Day: Honeysuckle Rose
Anita O’Day beim Newport Jazz Festival 1958

7/2019: Gertrude Abercrombie, 17. Februar 1909

Gertrude Abercrombie

Gertrude Abercrombie, Tochter zweier reisender Opernsänger, kam in Texas zur Welt, lebte mit ihren Eltern jedoch in Berlin, da ihre Mutter sich dort eine Karriere erhoffte. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 kehrten sie in die Vereinigten Staaten zurück.

Abercrombie schloss ein Studium der Romanistik mit dem Bachelor-Grad ab, wechselte danach jedoch zu einem Kunststudium und übte daran anschließend zunächst eine Tätigkeit als Katalog-Illustratorin für verschiedene Warenhäuser aus, bis sie sich 1932 schließlich ganz auf künstlerische Arbeit konzentrierte. Sie nahm an verschiedenen Ausstellungen teil und verkaufte ein erstes Bild.

Mitte der 1930er Jahre kam ihr die New-Deal-Politik der USA zu Hilfe. Sie wurde von der Work Progress Administration (WPA) eingestellt, einer Arbeitsbeschaffungsbehörde, die neben Arbeitern und Handwerkern auch Intellektuellen und Künstlern Tätigkeiten „von nationalem Nutzen“ verschaffte und bezahlte. Das Einkommen von der WPA machte Abercrombie von ihren Eltern unabhängig und erlaubte ihr, ihr künstlerische Arbeit in ihren eigenen vier Wänden in Chicago fortzusetzen. Nach einer ersten achtjährigen Ehe, aus der eine Tochter hervorging, heiratete sie noch im gleichen Jahr nach der Scheidung 1948 den Musikkritiker Frank Sandiford. Das Ehepaar war mit zahlreichen Musiker*innen der Chicagoer Jazz-Szene befreundet, die an den Wochenenden in ihrem Haus feierten und musizierten, darunter Dizzie Gillespie, Charlie Parker (dessen Lieblingsbild sie malte), Sarah Vaughan und Billie Holiday. Abercrombie selbst spielte Klavier und sang Bebop, sie galt wahlweise als „Queen of Chicago“ oder „Queen of the bohemian artists„. Richie Powells „Gertrude’s Bounce“ soll klingen wie ihr federnder Schritt.

Abercrombie und ihr Mann pflegten den Lebensstil der Bohemiens; gleichzeitig inspirierte sie der Expressionismus des Jazz. Sie malte Bilder in einem autodidaktischen Stil, den sie selbst weniger in der Tradition des europäischen Surrealismus sah, sondern als eine Art regionaler magischer Realismus; wenn sie Frauenfiguren malte, dann oft als Selbstbildnis mit Attributen einer Hexe. Sie fand sich selbst hässlich, betonte diese Selbstwahrnehmung jedoch manchmal mit einem spitzen Hut und erfreute sich an dem Gefühl, dass sie damit Menschen erschreckte. Die 1940er und -50er Jahre waren ihre produktivste Schaffensphase, in der sie vor allem Landschaftsbilder und Stillleben malte.

Gegen Ende der 1950er Jahre ging es ihr finanziell und gesundheitlich immer schlechter; sie malte weniger, litt an Arthritis und Alkoholismus. 1964 erfolgte die Scheidung von ihrem zweiten Mann. In ihren letzten Jahren saß sie im Rollstuhl und wurde schließlich bettlägerig. 1977 starb sie mit 68 Jahren in Chicago.

Google-Ergebnisse Gertrude Abercrombie
Google-Ergebnisse für Gertrude Abercrombie

Bild Gertrude Abercrombie: Von Carl Van Vechten – Van Vechten Collection at Library of Congress, Gemeinfrei

KW 33/2013: Gladys Bentley, 12. August 1907

Gladys Bentley

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Die Wilden 20er haben in mancher Hinsicht einen Geist der unbegrenzten Möglichkeiten vorgelebt, der zum Teil fortschrittlicher war als die Sexuelle Revolution der 60er. Dies gilt nicht nur für die USA, sondern auch für Deutschland und Europa – auch hier war die Emanzipation der Frau als finanziell und sexuell selbstbestimmtes Wesen schon weit gereift. Die wirtschaftliche Lage nach dem Ersten Weltkrieg zwang die Gesellschaften auf beiden Seiten des Atlantik dazu, die verfügbare Bevölkerung mit Privilegien wie beruflicher Tätigkeit  auszustatten – und aus der wirtschaftlichen Eigenständigkeit erwuchs ein Selbstbewusstsein der Frauen, das dazu führte, dass manche straffen moralischen Regeln (die zumeist aus patriarchalisch-christlichen Werten erwachsen waren) über Bord geworfen wurden.

Das heißt nicht, dass alles ohne Schwierigkeiten machbar war – aber es gab einen Rahmen, in dem ausprobiert werden konnte. Eine lebendige, aktive Musik- und Künstlerszene, in der auch „Randgruppen“ und anders orientierte Lebensstile akzeptiert waren. Gladys Bentley trat in dieser Szene als drag king, als Frau in Männerkleidung, in Homosexuellen-Bars auf und flirtete während ihrer Auftritte hemmungslos mit dem weiblichen Publikum. Es gab auch Anfeindungen gegen sie, doch überwog – zu dieser Zeit – offenbar der Spaß und die Akzeptanz innerhalb ihrer peer group. Zu dieser Zeit hatte sie musikalisch und äußerlich mehr gemein mit Louis Armstrong als mit Josephine Baker.

Schnellvorlauf 30 Jahre später: In der McCarthy-Ära gibt Gladys Bentley dem sozialen Druck nach, trägt Frauenkleider und behauptet mit Hilfe der Einnahme von weiblichen Hormonen ihre Homosexualität „besiegt“ zu haben. Ihren Mutterwitz hat sie darüber nicht verloren.

Bild: By Unknown – en.wikipedia (Unknown), Public Domain

KW 5/2012 – Lil Hardin Armstrong, 3. Februar 1898

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Lil Hardin war die Pianistin in King Oliver’s Creole Jazz Band in Chicago, als 1921 ein junger Kornettist zur Band stieß, der Lil wegen seines ländlichen Aussehens zunächst gar nicht so sehr gefiel. Sowohl musikalische wie auch andere Gründe führten jedoch dazu, dass die Sympathie zwischen ihr und dem Kornettisten wuchs, so sehr, dass die beiden 1924 heirateten. Lil nahm den Blechbläser vom Lande unter ihre städtisch-gewieften Fittiche, verpasste ihm neue Kleidung und eine moderne Frisur und drängte ihn, aus dem Schatten des ersten Kornettisten der Band, King Oliver selbst, in die erste Reihe einer anderen Gruppierung zu treten. Ihr Ehemann folgte ihrem Rat, trat Fletcher Hendersons Band in New York als erster Kornettist bei und wurde werbestrategisch geschickt von Lil bei seiner Rückkehr nach Chicago als „World’s Greatest Trumpet Player“ empfangen. Bald danach erfolgte eine Reihe von Plattenaufnahmen – was zur damaligen Zeit einem Labelvertrag nahekam – der beiden mit 3 weiteren Musikern, die als Hot Five in die Geschichte des Jazz eingingen. 1931 ließen sich Louis Armstrong und Lil Hardin Armstrong scheiden, pflegten jedoch lebenslang eine Freundschaft, so innig, dass Lil die Fertigstellung und Veröffentlichung ihrer Memoiren zurückstellte, um Louis‘ Image nicht zu zerstören. Lil Hardin starb kurz nach einem Auftritt bei einem Gedenkkonzert für ihren verstorbenen Ex-Mann.

Hinter jedem großen Mann steht eine starke Frau, wird ja so manches Mal postuliert. In der emanzipiert klingenden Redewendung steckt jedoch der Gedanke, dass die starke Frau für die Größe des Mannes ihren eigenen Ehrgeiz zurückstellt. Natürlich ist dies heute nicht mehr die Regel und auch Lil Hardin hat ihre eigene Karriere eben nicht für ihren Mann geopfert, wenn sie auch nicht an die Erfolge anknüpfen konnte, die sie in einer Band mit ihm gefeiert hatte. Und sicher wäre ein Talent wie Louis Armstrong auch ohne seine entschlossene Frau auf die Dauer nicht unentdeckt geblieben – aber es war eben sie, die ihn schon früh dazu brachte, nicht nur in den zweiten Reihe zu spielen, die ihn „medientauglich“ machte und auch, nicht zu vergessen, einige der Songs schrieb und arrangierte, mit denen die Hot Five so erfolgreich wurden.

Bei der wirklich bunten Auswahl der Frauen, die diese Woche Geburtstag haben, hat schlicht die Sympathie den Ausschlag gegeben. Lil Hardins Herkunftsgeschichte ebenso wie die Tatsache, dass sie als Entdeckerin, Förderin und Kollegin Louis Amstrongs ziemlich in den Hintergrund getreten ist, die traurig-schöne Liebesgeschichte mit dramatischem Ende, ihre offenkundige Fähigkeit, für sich selbst einzustehen, ohne ihre Gefühle zu verleugnen und die Brücken hinter sich verbrennen zu müssen, machen sie einfach zu einer ansprechenden Persönlichkeit, via Ferndiagnose. Wie viele Scheidungsgeschichten von Stars kennen wir, die so warm und sozusagen glücklich verlaufen? Die Welt hätte es Lil Hardin verziehen, wenn sie bitter und kalt gegenüber ihrem Ex-Mann und der Welt geworden wäre; stattdessen nahm sie den Lauf der Dinge offenbar mit Humor und behielt immer Oberwasser.

Mehrere paraphrasierende Biografien gibt es zu lesen unter redhotjazz.com, about.com’s Women’s History und bei allaboutjazz.com. Aber wer will schon über eine Jazzmusikerin lesen, wenn er sie hören kann: Just for a thrill, Doin‘ the Suzie Q, Lindy Hop, Brown Gal.

Bild: By Unknown – Ad on page 309 of Billboard 1944 Music Yearbook, Public Domain