Schlagwort: literatur

05/2018

3. Mai 1960: May Ayim

Geboren als Sylvia Andler, Tochter einer unverheirateten deutschen Mutter und eines ghanaischen Medizinstudenten, wurde sie als illegtimes Kind in staatliche Obhut genommen – der Vater wollte sie bei seiner kinderlosen Schwester aufwachsen lassen, doch hatte keinerlei Anspruch auf Bestimmung. Sie wurde von der Familie Opitz in Münster adoptiert, die sie May nannten, und verlebte dort keine glückliche Kindheit. Nach einer Ausbildung zur Krankenschwesternhelferin studierte sie in Regensburg Pädagogik. Aus ihrer Diplomarbeit wurde später in Kooperation mit Dagmar Schultz und Katharina Oguntoye das Buch Farbe bekennen – nicht ohne zunächst von einem Professor abgelehnt zu werden, dass es Rassismus vielleicht in Amerika, aber nicht in Deutschland gäbe. Während ihres Studiums baute Ayim eine stärkere familiäre Bindung zu ihrem Vater in Ghana auf; er hatte sie zwar bei der Adoptivfamilie besucht, aber nun lernte sie ihre in Ghana lebende weitere Familie kennen und nahm in späteren Jahren auch den Namen ihres Vaters, Ayim, an.

Ab 1984 lebte sie in Berlin und machte nach der Reise unter anderem nach Ghana und dem Studium auch noch eine eine Ausbildung zur Logopädin. Sie kam in der Weltstadt in Kontakt mit Audre Lorde, der afro-amerikanischen, feministischen Lyrikerin. Diese motivierte und inspirierte sie dazu, die ISD zu gründen: die Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland. Ihre 1986 veröffentlichte Diplomarbeit gab auch den Anstoß für die Gründung der ADEFRA – Schwarze Frauen in Deutschland e.V.

Ayim hielt Vorträge zum Thema Rassismus, schrieb Gedichte und gilt als die Begründerin der kritischen Weißseinsforschung. Sie begann in den 1990ern unter der Belastung ihrer Arbeit, unter psychostischen Schüben zu leiden; als bei ihr Multiple Sklerose diagnostiziert wurde und im Rahmen der MS-Behandlung die Psychopharmaka abgesetzt wurden, fiel sie in schwere Depression und nahm sich am 9. August 1996, mit 36 Jahren, das Leben.

*

8. Mai 1923: Cheikha Rimitti

Saadia Bedief wurde früh zur Waise und musste sich allein im Algerien der 1930er Jahre durchschlagen. Sie verdingte sich als Haushaltshilfe für französische Kolonisten und schloss sich mit 15 einer Truppe von Wandermusikern an. Sie sang Lieder, die ihr eigenes Leben und das vieler Algerier zum Thema hatten: die Armut und das massenhafte Sterben während der Typhusepidemien, aber auch Liebe, Lust, Sexualität und Alkoholgenuss. Sie schrieb diese Lieder selbst, obwohl sie Zeit ihres Lebens Analphabetin bleiben sollte, und sie sang sie öffentlich, während vorher die kruden, provokaten Texte nur in kleinem privaten Kreis geschätzt wurden.

Bis zum Zweiten Weltkrieg mehrte sich der Ruhm ihres Gesang allein durch Hörensagen, bis der bekannte algerische Musiker Cheikh Mouhammed Ould Ennems sie entdeckt und in Algier an die Radiomikrophone brachte. Bald, 1952, nahm sie unter ihrem neuen Künstlernamen – zunächst Cheikha Remettez Reliziane – erste Platten auf. Remettez oder Rimitti, wie sie sich schließlich nannte, stammt vom französischen „Schenk nach!“ und die freizügige Lebenslust, die sie in ihren Liedern transportierte, gefiel den Autoritäten des post-kolonialen Algerien gar nicht. Hatte sie den nationalistischen Widerstand gegen die französischen Besatzer noch unterstützt und den neuen Stil der traditionellen Raï-Musik entscheidend mitgeprägt, wurde sie nach dem Unabhängigkeitskrieg vom ersten Präsidenten des jungen Staates, Boumedienne, mit einem Auftrittsverbot belegt und faktisch aus der Kultur verbannt.

Rimitti sang weiter auf privaten Veranstaltungen, lag nach einem Autounfall, der drei ihrer Musikerkollegen tötete, drei Wochen im Koma, unternahm 1979 die Haddsch und trat anschließend vor allem vor algerischen Auswanderern in Frankreich auf. Als Mitte der 1980er der Raï wiederentdeckt wurde, gewann auch Rimitti wieder an Bekanntheit, und so konnte sie in den letzten zwanzig Jahren ihres Lebens noch einmal weltweiten Erfolg genießen. Sie starb 2006 nur wenige Tage nach einem Konzert in Paris an einem Herzinfarkt.

*

15. Mai 1930: Grace Ogot

Grace Emily Akinyi kam in einem kenianischen Dorf zur Welt, das vor allem von der christlichen Luo-Bevölkerung geprägt war. Ihr Vater war einer der ersten im Ort, der eine westliche Schulbildung erfuhr; dank seiner Konvertierung zum anglikanischen Glauben hörte Grace als Kind von ihm die alttestamentarischen Geschichten, während ihre Großmutter ihr die traditionellen Volksmärchen und Göttersagen der Luo erzählte. Grace machte nach der Schule zunächst eine Ausbildung zur Krankenschwester und Hebamme in Uganda und England; sie arbeitete anschließend auch in Kenia in diesem Beruf.

Sie heiratete den kenianischen Historiker Bethwell Alan Ogot und bekam vier Kinder mit ihm. Außerdem begann sie ihre Karriere als eine der ersten Schriftstellerinnen Afrikas, mit Kurzgeschichten in ihren Muttersprachen Englisch und Luo. Ihr erster Roman The Promised Land war nicht nur das Werk, mit dem sie 1966 größere Bekanntheit erlangte, sondern auch der erste vollständige Roman, der in einem afrikanischen Verlagshaus publiziert wurde. Sie arbeitete auch für die BBC und hatte später verschiedene Botschafterposten bei UNO und UNESCO inne. Ihre Romane sind von spannungsreichen weiblichen Figuren geprägt und vereinen christliche mit traditionell afrikanischen Themen.

*

22. Mai 1983: Lina Ben Mhenni

Die tunesische Bloggerin, Tochter wohlhabender Eltern, die ebenfalls Aktivisten waren, startete bereits 2007 ein Blog mit zunächst rein persönlichem Inhalt. Nach einem Aufenthalt in den USA allerdings beschloss sie, die Möglichkeiten des Internet für politischen Aktivismus zu nutzen und begann im Juni 2009 ihr Blog A Tunisian Girl, in dem sie sich für Menschenrechte und Redefreiheit in Tunesien einsetze. Gemeinsam mit anderen Bloggern und mit Hilfe der Möglichkeiten in den sozialen Netzwerken befeuerte und dokumentierte sie die Revolution in Tunesien, die zum Arabischen Frühling werden sollte. Ihr Blog wurde zensiert und verboten; da sie von den Brennpunkten der Revolution (Sidi Bouzid, wo sich Mohamed Bouazizi selbst anzündete, und Kasserine, wo die Polizei zahlreiche Revolutionäre niederschoss) berichtete und Information über die Gewalt des Staates an seiner Bevölkerung verbreitete, war sie selbst auch den Repressalien durch die Regierung Zine al-Abidine Ben Alis ausgesetzt. Beschattung, Einbrüche, Todesdrohung, Verhaftung ihres Freundes gehörten zu den Methoden, wie sie zum Schweigen gebracht werden sollte. Ihr Kontakt zu ausländischen Journalisten half ihr dabei, weiter zu arbeiten und zu überleben.

Als nach einem Jahr der Revolution – nach der Flucht Ben Alis und einer Übergangsregierung – die gemäßigt islamische Ennahda zur Regierung gewählt wurde, zeigte sich Ben Mhenni enttäuscht. Sie setzte sich weiterhin für die Demokratie und gegen Korruption und Doppelmoral der tunesischen Regierung ein. Während sie das Internet als Hilfsmittel für die Revolution betrachtet, betont sie jedoch, dass die tatsächliche Revolution auf der Straße stattfand, und zwar blutig, was nicht mit euphemistischen Bezeichnungen wie Jasminrevolution verheimlicht werden sollte.

Ihr Blog wurde von The BOBs 2011 als Bestes Weblog ausgezeichnet, Ben Mhenni war als Repräsentantin der tunesischen Revolution im Gespräch für eine Nominierung für den Friedensnobelpreis desselben Jahres.

*

30. Mai 1985: Maria Amelie Salamowa

Als Maria Salamowa 15 Jahre alt war, floh sie mit ihren Eltern aus ihrem Heimatland Nordossetien, dass in den Tschetschenienkonflikt verwickelt war. Zunächst beantragten sie in Finnland Asyl wegen politischer Verfolgung, nachdem sie dort abgelehnt wurden, gingen sie nach Norwegen. Auch dort wurde ihnen zwar kein Asyl gewährt, sie mussten sich also als ohne Aufgenthaltserlaubnis oder Duldung niederlassen. Während ihr Asylantrag bearbeitet wurde, ging Maria zur Schule und später, nun als ausgesprochen „Illegale“ noch immer in Norwegen lebend, zur Universität. Sie machte ihren Bachelor in Anthropologie und ihren Master in Technologie und Wissenschaft – noch immer ohne gültige Papiere.

Die Jahre der Angst vor Deportation und die bizarren, widersprüchlichen Lebensverhältnisse als illegal Eingewanderte einerseits, Akademikerin und nach eigenem Gefühl Norwegerin andererseits bewegten sie schließlich dazu, ein Buch über ihr Leben zu verfassen. 2010 erschienen ihre editierten Tagebücher unter dem Titel Illegal norwegisch. Es löste eine Debatte über Immigration und Menschenrechte in Norwegen aus und Salamowa wurde eingeladen, Vorträge zu halten über ihre Erfahrungen. Nach einem solchen Vortrag am 12. Januar 2011 an der Nansen-Akademie in Lillehammer wurde sie festgenommen und in Abschiebehaft nach Trandum verbracht – einem Asylgefängnis, das von der UN für seine Foltermethoden und Haftbedingungen kritisiert wurde. Salamowa verbrachte dort sechs Tage, von denen sie sich nach eigenen Aussagen drei Jahre lang zu erholen versuchte, und wurde schließlich nach Russland abgeschoben.

Während ihrer Haftzeit und nach ihrer Abschiebung regt sich allerdings großes Medieninteresse und ein so großer Protest gegen das Vorgehen des Staates – eine Facebook-Seite zu ihrer Unterstützung hat bis zum 23. Januar mehr als 88.000 Mitglieder und die Unterschriftenaktion von Amnesty International zählt über 28.000 Unterschriften. In Island schlagen zwei Abgeordnete dem Althing vor, ihr die isländische Staatsbürgerschaft zu verleihen. Doch am 16. April 2011 darf Salamowa, nun mit gültigen Papieren und einer Arbeitserlaubnis, nach Norwegen zurückkehren.

Heute arbeitet sie als Journalistin und Start-Up-Entrepreneur. Im unten verlinkten TEDx Talk erzählt sie eindringlich ihre Geschichte und ihre Entwicklung unten schwierigen Bedingungen.

KW 24/2016: Fanny Burney, 13. Juni 1752

By Scanned by Phrood; Original by Edward Francesco Burney (1760-1848) – Doody, Margaret Anne. Frances Burney: The Life in the Works. New Brunswick: Rutgers University Press, 1988., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=246115

Wiki deutsch Wiki englisch
Heute ist es also mal passiert – in Erwartung großer Veränderung im Alltag habe ich mein Augenmerk zu sehr auf die Vorbereitung der kommenden Monate gelegt und darüber die nächstliegende Priorität übersehen…
Fanny Burney war eine Schriftstellerin, die im England des 18. Jahrhunderts Bildungsromane schrieb, bevor diese als solche beliebt wurden. Jane Austen war eine Bewundererin ihrer Werke und von ihr beeinflusst; während sie Zeit ihres Lebens als Autorin erfolgreich war, wurde nach ihrem Tod ihr Schaffen vom Interesse an ihrem Privatleben – das sie in Tagebüchern ausführlich beschrieb – überschattet.
Neben ihren Werken verdanken wir ihr jedoch auch eine Beschreibung einer Mastektomie ohne Narkose. 1810 stellte sich bei Fanny Burney der Verdacht auf Brustkrebs ein, und um ihr Leben zu retten, unterzog sie sich dieser Behandlung – um später eindringlich darüber zu schreiben. Es folgt meine eigene Übersetzung (Originaltext auf der englischen Wikipedia-Seite), nicht für empfindliche Gemüter:
„Ich bestieg also ungefragt das Lager – und M. Dubois legte mich auf die Matter, & legte ein Batisttuch auf mein Gesicht. Es war jedoch durchsichtig & ich sah, dadurch, dass das Lager augenblicklich umkreist war von den 7 Männern und meiner Krankenschwester. Ich weigerte mich, festgehalten zu werden; doch als ich, hell durch das Batist, den Glanz des polierten Stahls sah – schloss ich meine Augen. (…) Jedoch – als der fürchterliche Stahl in die Brust gestoßen wurde – durch Venen, Arterien, Fleisch, Nerven schneidend – benötigte ich keine Anweisungen, meine Schreie nich tzu unterdrücken. Ich begann einen Schrei, der ununterbrochen andauerte über die ganze Dauer des Schnittes – und ich wundere mich fast, dass er mir nicht noch immer in den Ohren schallt? so quälend war die Pein. Als die Wunde gemacht war und das Instrument zurückgezogen wurde, schien der Schmerz ungemildert, denn die Luft, die plötzlich in diese empfindlichen Bereich trieb, fühlte sich an wie eine Masse winziger doch scharfer und spitzer Dolche, die die Ränder der Wunde zerrissen. Ich schloß, dass die Operation vorüber sei – Oh nein! sofort wurde das fürchterliche Schneiden wieder aufgenommen – & schlimmer als je, um den Boden, das Fundament der scheußlichen Drüse zu trennen von den Bereichen, an denen sie hing – Wieder wäre jede  Beschreibung müßig – jedoch wiederum war es nicht vorüber, – Dr. Larry ruhte nur seine Hand aus, & – Oh Himmel! – dann fühlte ich das Messer an das Brustbein gebracht, um es zu abzuschaben!“
Seien wir dankbar für die Zeit, in der wir leben dürfen.

*

Von 99 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 7 (inklusive Fanny Burney) Frauen:
13.6.1561 Anna Maria von Anhalt
15.6.1584 Anna Sophia von Anhalt
16.6.1644 Henrietta Anne Stuart
13.6.1672 Anna Maria Franziska von Sachsen-Lauenburg
15.6.1727 Charlotte Elisabeth Nebel
18.6.1754 Anna Maria Lenngren

KW 6/2016: Karoline von Günderrode, 11. Februar 1780

guendpor

Karoline von Günderrode


Wiki deutsch Wiki englisch
Die „Sappho der Romantik“ lebte und schrieb im Kreise Clemens Brentanos und Bettina von Arnims; sie rang zeitlebens mit den Erwartungen an die Rolle der Frau in der Gesellschaft, die so gar nicht ihrem Naturell entsprachen.
Als Lyrikerin relativ erfolgreich, wenn auch von anderen Vertretern der Romantik überschattet, erlitt sie im Privatleben immer wieder Zurückweisung. Nachdem ihre erste Liebe Friedrich Carl von Savigny eine andere geheiratet hatte, verliebte sich Karoline in einen verheirateten Mann, Friedrich Creuzer, für den sie ihren Freundeskreis vernachlässigte, der sich jedoch selbst nicht in der Lage sah, seine Frau für sie zu verlassen.
Karoline von Günderrode wählte mit 26 Jahren den Freitod per Dolchstoß, nachdem ihr Geliebter die Beziehung beendet hatte.

 *

Von 200 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 11 (inklusive Karoline von Günderrode) Frauen:
13.2.1457 Maria von Burgund
11.2.1466 Elizabeth of York (Königin)
14.2.1640 Anna Magdalena von Pfalz-Birkenfeld-Bischweiler
11.2.1715 Margaret Cavendish Bentinck
13.2.1752 Luise von Göchhausen
9.2.1769 Susette Gontard
13.2.1772 Henriette Hendel-Schütz
12.2.1775 Louisa Adams
9.2.1777 Louise Brachmann
8.2.1794 Agnes Franz

KW 52/2015: Renate Welsh, 22. Dezember 1937

73c9ae0163

Renate Welsh


Wiki deutsch
Passend so kurz vor Weihnachten mit zwei Kindern bin ich mit Renate Welsh auf eine Kindheitserinnerung gestoßen: Das Vamperl gehörte zu meinem ersten Lesestoff. Das Vamperl ist ein kleiner Vampir, der kein Blut saugt, sondern wütenden Menschen die Galle abtrinkt. Wer bis jetzt noch kein Weihnachtsgeschenk für Kinder zwischen 7-10 hat, dem lege ich das Buch ans Herz (lehrer-online.de empfiehlt es als Unterrichtsmaterial für die 3. Klasse). Vielleicht kann damit das kommende Jahr etwas weniger toxisch gelingen… Frohes Fest!

KW 49/2015: E. Marlitt, 5. Dezember 1825

marlipor

E. Marlitt


Wiki deutsch Wiki englisch
E. Marlitt (Pseudonym, eigentlich Friederike Henriette Christiane Eugenie John) gilt als erste Bestsellerautorin der Welt. Ihre Romane, deren Handlung sich in der adligen Gesellschaftsklasse abspielte, waren bei Frauen des gehobenen Bürgertums sehr beliebt; so beliebt, dass Theodor Fontane sich in einem Brief an seine Frau darüber beschwerte, dass sie zahlreiche Auflagen und Übersetzungen erreichte, „um mich kümmert sich keine Katze“.
Ihr Roman „Reichsgräfin Gisela„von 1869 wurde 1918 das erste Mal verfilmt.

KW 41/2015: Agnes von Krusenstjerna, 9. Oktober 1894

Agnes von Krusenstjerna


Wiki deutsch Wiki englisch
Wieder mal ein Eintrag auf mener Leseliste für bisher noch nicht absehbare freie Tage.
Agnes von Krusenstjerna scheint die Hauptverantwortliche für die weltbekannte schwedische Freizügigkeit in der Kunst zu sein. In den 1920er Jahren schrieb sie Romane über das Heranwachsen eines jungen Mädchen in der Adelsgesellschaft, die in ihrer Beschreibung von Geisteskrankheit und vor allem der Sexualität bahnbrechend waren. Sie löste damit die Krusenstjerna-Fehde aus, in der es zwischen liberalen Künstlern und Konservativen, unter anderem Nazi-Sympathisanten, zum Streit um die ewige Frage „Was darf die Kunst“ kam.
Detailreiche Beschreibung von Geschlechtsverkehr in der Literatur war natürlich unerhört, noch dazu von einer Frau. Vieles, auch die Anteile ihrer Romane, die sich mit Geisteskrankheit befassten, war wohl autobiografisch – sie starb mit 46 Jahren an einem Gehirntumor, der ihr schon in der Jugend Anfälle verursachte. In ihrer kurzen Lebenszeit durchstieß sie jedoch für Schweden die bisher geltenden Grenzen der Moral in der Kunst.

KW 26/2015: Ingeborg Bachmann, 25. Juni 1926

By Neithan90 – Own work, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12925293

Wiki deutsch Wiki englisch
Zugegeben, ich habe bisher nur und das vor langer Zeit Malina von ihr gelesen. In einem meiner ersten Semester hatte ich ein Seminar zu Kunstmärchen und schrieb eine kurze Hausarbeit über das Märchen, das in Malina geschrieben wird. Den ganzen Roman hatte ich dann noch einmal als Prüfungsthema.
Ihren Geburtstag diese Woche habe jetzt zum Anlass genommen, mir eine Liste zu erstellen an Büchern von Autorinnen, die ich unbedingt lesen muss: Ingeborg Bachmanns Undine geht steht dort ganz oben.
Ingeborg Bachmann ist für mein Empfinden zu etwas wie die Gallionsfigur der deutschsprachigen Literatur – vielleicht auch nur, weil es den nach ihr benannten Preis gibt. Ihre „weibliche Empfindsamkeit“ ist ihre künstlerische Qualität, aber war auch ihr Folterknecht – schlußendlich sogar ihr Henker (ohne problematische Trennung von Max Frisch keine Barbiturat-Abhängigkeit, ohne Barbiturat-Abhängigkeit kein früher Tod durch Entzugserscheinungen). Was ich von ihrem Text erinnere, ist „typisch weiblich“, intuitiv, offen, fluid, manchmal jämmerlich, manchmal merkwürdig kraftvoll.

R.I.P. Maya Angelou

Maya Angelou ist verstorben, und ich habe es leider nicht geschafft, für diese Woche Marilyn Monroe zu posten. Damn you wordpress-App.
Dafür habe ich es geschafft, ein Kind zu bekommen. In diesem Sinne, viele Grüße aus dem Wochenbett!

KW 25/2012: Octavia E. Butler, 22. Juni 1947

Von Nikolas Coukouma - This is the first time this version of the photo has been released by Nikolas Coukouma., <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5" title="Creative Commons Attribution-Share Alike 2.5">CC BY-SA 2.5</a>, <a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=602976">Link</a>

Von Nikolas Coukouma – This is the first time this version of the photo has been released by Nikolas Coukouma., CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=602976

Wiki deutsch Wiki englisch
Ocatvia E. Butlers Sternstunde – insofern, als diese den Beginn ihrer Karriere markierte – war es, als sie mit 12 Jahren nach Sichtung des Films Devil Girl from Mars zur Ansicht kam, dass sie Besseres schreiben könne. Und das, obwohl sie aus ärmlichen, nicht gerade bildungsnahen Verhältnissen stammte und bei ihr in der Schulzeit eine Leseschwäche diagnostiziert wurde. Mit ihren ersten Kurzgeschichten und späteren Romanzyklen begann sie auf Dauer eine ansehnliche Bibliographie zusammenzuschreiben, als die bekannteste afro-amerikanische Science-Fiction-Autorin (was an sich natürlich nicht schwer ist, wie viele davon gibt es wohl insgesamt?).
Wenn man den Inhalt von Devil Girl from Mars bei Wikipedia liest, kommt man mal wieder auf emanzipationsbedingte Kastrationsangst, was ich einen sehr guten Anlass für eine Schriftstellerkarriere finde. Dass Olivia E. Butler daraufhin Sci-Fi-Romane schrieb, die zumeist aus Perspektive ethnischer Minderheiten Gender, Geschlecht und Sexualität zum Thema hatten, lässt darauf schließen, dass der Film nur die literarische Beschäftigung mit den Themen getriggert hat, die in ihrem Leben eine Rolle spielten.
Ich habe noch nichts von ihr gelesen, aber angesichts ihrer Themen und des Lobes, das sie erhielt, bin ich jetzt durchaus interessiert – gute Fantasy und Science Fiction ist schließlich dünn genug gesät. Von Frauen für Frauen noch viel dünner.
Es gibt eine Olivia E. Butler Home Page, eine Kurzbiografie mit Beurteilung ihres Gesamtwerkes (auf Englisch) kann man bei bookrags lesen.