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53/2020: Yvonne Brill, 30. Dezember 1924

Yvonne Brill kam als Tochter der Claeys, belgischer Immigranten in Winnipeg, Kanada, zur Welt. Entgegen dem Wunsch ihres Vaters, dass sie einen Laden in Winnipeg eröffnen sollte, und der Meinung eines Lehrers, dass Frauen es in der Wissenschaft nicht weit bringen würden, bgeann sie ein Studium an der University of Manitoba. Da sie aufgrund ihres Geschlechtes vom Studium der Ingenieurswissenschaften ausgeschlossen war, studierte sie Chemie und Mathematik. An der University of Manitoba machte sie mit 21 Jahren als Jahrgangsbeste ihren BSc. Danach war sie bei der Douglas Aircraft Company auf dem Gebiet der Treibstoffentwicklung tätig; gleichzeitig setzte sie ihr Studium der Chemie an der University of Southern California fort, wo sie sechs Jahre später, 1951, ihren MSc abschloss. Im gleichen Jahr heiratete sie den US-Amerikaner William Brill und nahm die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an. Sie arbeitete bei der RCA im Bereich der Raumfahrtelektronik. Gegen Ende der 1950er unterbrach sie während der ersten Schwangerschaft ihre aktive Arbeit und blieb in den nächsten Jahren, als Mutter dreier Kinder, in rein beratender Funktion. 1966 kehrte sie in den aktiven Dienst zurück, gleich im Folgejahr entwickelte sie den Hydrazin-Resistojet, einen Antrieb für Raumfahrtvehikel, der auch die Restwärme des verbrannten Treibstoffes als Antriebsenergie verwendet. Damit konnte die Effizienz des Gefährtes um 30% erhöht werden, um entweder mehr Nutzlast zu transportieren oder den Einsatz entsprechend zu verlängern. Brill hält das Patent auf diesen Antrieb, der unter anderem für den ersten Wettersatelliten verwendet wurde, für die Nova-Raketen bei der ersten Mondmission und für die Sonde Mars Observer, die 1993 kurz vor Eintritt in die Marsatmosphäre verloren ging.

Yvonne Brill erhielt ihm späteren Verlauf ihrer Karriere zahlreiche Auszeichnungen; unter anderem 1980 den Diamond Superwoman Award, ausgeschrieben von Harper’s Bazaar und De Beers – für fünf Frauen über 40, die ihre berufliche Tätigkeit für die Familie unterbrochen und anschließend wieder aufgenommen hatten, um dann höchst erfolgreich zu sein. Der Preis war ein Diamant von 1 Karat.

2001 erhielt Brill die NASA Distinguished Public Service Medal (Link Englisch), 2010 überreichte ihr Barack Obama die National Medal of Technology and Innovation und sie wurde in die National Inventors Hall of Fame aufgenommen.

Sie starb am 27. März 2013 mit 88 Jahren. Ihr Nachruf in der New York Times begann ursprünglich mit einem Lob ihrer Kochkünste, dass sie ihrem Mann bei beruflichen Wechseln gefolgt sei und dass sie drei Kinder großgezogen hatte. Der Artikel gilt damit als ein Beispiel, wie Artikel über Wissenschaftler:innen beim Finkelbeiner Test (Link Englisch) durchfallen. Dieser Test soll an sich verhindern, dass beim Schreiben über Wissenschaftler:innen ihr Geschlecht besonders hervorgehoben wird, um weibliche Wissenschaftlerinnen zu normalisieren. Während ich die Intention voll und ganz unterstütze, falle ich mit diesem Blog dieses Jahr mit jedem Beitrag durch – weil ich glaube, dass es gleichzeitig wichtig ist, darauf hinzuweisen, dass eben nicht alle von der gleichen Position in der Wissenschaft starten, sondern manche Menschen aufgrund von Geschlecht und ethnischem oder geografischem Hintergrund auf größere Widerstände stoßen. Und dass das Überwinden dieser Hindernisse eine weitere erwähnenswerte Errungenschaft dieser Menschen ist. Was auch ich versucht habe zu vermeiden ist ein Fokus auf das, was Wissenschaftlerinnen als Privatpersonen, insbesondere Ehefrauen und Mütter, erlebt haben, es sei denn, es hatte Einfluss auf ihre Arbeit oder Karriere.

Damit verabschiedet frauenfiguren sich von dem Thema Wissenschaft, zumindest als alleinigem Leitfaden, und von 2020. Es war ein schwieriges Jahr, aber ich durfte viele neue Abonnent:innen begrüßen (und einige auch wieder verabschieden, aber win some, lose some, right?). Ich hoffe, die meisten von Euch bleiben mir im kommenden Jahr des intersektionalen Feminismus gewogen, erzählen vielleicht sogar Freund:innen, Familienmitgliedern und Kolleg:innen von mir… denn wenn’s nach mir geht, macht frauenfiguren noch sehr lange weiter.

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Ebenfalls diese Woche

29. Dezember 1704: Martha Daniell Logan (Link Englisch)
Als Laienbotanikerin war sie eine wichtige Figur im Austausch von Pflanzensamen zwischen den Vereinigten Staaten und Großbritannien.

30. Dezember 1930: Tu Youyou
Die chinesische Pharmakologin gewann 2015 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin, nachdem sie Artemisinin aus dem Einjährigen Beifuß isoliert hatte, der im Kampf gegen Malaria eingesetzt wird.

Samira Islam

20. Jhdt.

Samira Islam (Link Englisch) kam in Hofuf, dem städtischen Zentrum der al-Hasa-Oase in Saudi-Arabien, zur Welt. Nachdem sie die weiterführende Schule im Heimatland beendet hatte, ging für das Studium nach Ägypten. Dort studierte sie an der Universität Alexandria zunächst Medizin, wechselte jedoch nach einem Jahr zum Fachbereich Pharmazie. Darin sowie in pharmazeutischer Forschung machte sie 1964 zunächst ihren Bachelor of Science, zwei Jahre später einen Master of Science und schließlich, 1970, einen Doktortitel (in Pharmakologie). Sie war damit die erste Frau in Saudi-Arabien, die diesen akademischen Grad erlangte.

Bereits im folgenden Jahr begann sie, an der König-Abdulaziz-Universität in Dschidda zu unterrichten. Weitere zwei Jahre später wurde sie die offizielle Studienberaterin für Mädchen mit Interesse an wissenschaftlicher Karriere in Dschidda und die gesamte Provinz Mekka. Sie setzte sich stets für die Frauenbildung in Saudi-Araben ein, auch als sie 1974 Vizepräsidentin der Universität wurde. Sie gründete 1976 an der Hochschule den 1. Fachbereich für Krankenpflege und befasste sich mit der Verstoffwechslung von Medikamenten speziell in der saudi-arabischen Bevölkerung (Link Englisch, über die mögliche Auswirkung ethnischer Zugehörigkeit auf die Wirksamkeit oder Verträglichkeit von Medikamenten).

Sie gründete und leitet bis heute die Drug Monitoring Unit des King Fahd Medical Research Center der Universität.

Marie Meurdrac

* vor 1613 • † ~ 1680

Marie Meurdrac kennen wir heute als Autorin des Buches La Chymie Charitable et Facile, en Faveur des Dames oder kurz La Chymie des Dames aus dem Jahr 1666.

Bei ihrem Geburtsjahr herrscht Unstimmigkeit, etwa 1610, auf jeden Fall vor 1613 kam sie als Tochter eines Notars in Mandres-les-Roses bei Paris zur Welt. Mit etwa 15 Jahren heiratete Marie Meurdrac einen Kommandanten der Garde des Charles de Valois namens Henri de Vibrac. Mit ihm lebte sie auf Château de Grosbois, wo sie gegen Ende der 1650er Jahre die Comtesse de Guiche (oder Guise) kennenlernte, die Ehefrau von Armand de Gramont. Die beiden Frauen standen sich wohl sehr nah, denn der Comtesse gilt die Widmung in La Chymie des Dames.

Meurdrac war Autodidaktin, doch aufgrund ihrer sozialen Stellung und des Vermögens der Familie ein gut ausgestattetes Labor und Zugang zu allen möglichen, auch exotischen und damit wertvollen Zutaten. Sie stand in der paracelsischen Tradition der Iatrochemie, ihre alchemistischen Experimente dienten der Ermittlung und Herstellung von Heilmitteln, im Gegensatz zum Beispiel zur alchemistischen Suche nach dem Stein der Weisen, der alle Stoffe zu Gold machen könne.

La Chymie des Dames ist ein Buch von 334 Seiten, aufgeteilt in sechs Teile. Im ersten Teil erläutert Meurdrac das alchemistische Handwerkszeug, bespricht Apparate und Gewichte, außerdem zählt sie 106 alchemistische Symbolde auf. In weiteren vier Teilen beschäftigt sie sich mit den heilkundlichen Wirkungen verschiedener Elemente: Teil Zwei beschäftigt sich mit pharmazeutischer Botanik, also mit Heilpflanzen, in Teil Drei mit der Medizin aus tierischen Produkten, in Teil Vier mit den Metallen – wobei sie diesen eher zurückhaltend gegenüberstand wegen ihrer Nebenwirkungen – und Teil Fünf befasst sich mit Arzneien, die aus den verschiedenen Stoffen der vorangegangenen Teile zusammengesetzt sind. Im letzten Teil geht sie besonders auf kosmetische Chemie ein, die den Frauen helfen soll, ihre Schönheit zu steigern oder zu erhalten.

In der Einleitung erzählt Meurdrac, dass das Buch als Notizensammlung für ihren eigenen Gebrauch begann; sie habe alle Experimente, Heilmittel und Kosmetika selbst erprobt. Sie spricht auch von dem „inneren Ringen“, das sie empfunden habe: Zwischen dem Ideal der Frau ihrer Zeit, von der erwartet wurde, „still zu sein, zuzuhören und zu lernen, ohne das eigene Wissen laut darzulegen“ und ihrem Empfinden, dass es eine „Sünde gegen die Wohltätigkeit sei, die Gott mir gegeben hat und die der Welt nützen kann“. Sie wisse, dass sie sich gegen die traditionelle Rolle ihres Geschlechtes wende, aber sie wolle ihr Wissen an andere Frauen und mittellose Schichten weitergeben. Denn schließlich sei sie nicht die erste Frau, die diese Aufgabe übernahm – sie nimmt insbesondere Bezug auf Maria Prophitessa – und dass „les ésprits n’ont point des sexe“, der Geist habe kein Geschlecht. Mit dieser ungewöhnlichen Aussage für diese Zeit gilt Marie Meurdrac auch als Protofeministin.

Ihr Buch erlebte bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hinein in Frnakreich fünf Neuauflagen, sechs in Deutschland und auch eine italienische Übersetzung. Marie Merudrac war mit großer Wahrscheinlichkeit eine Inspiration für Molières Die gelehrten Frauen.

Caterina Vitale

16. – 17. Jhdt.

Die in Griechenland geborene Caterina Vitale heiratete den Apotheker des Hospitalerordens auf Malta, Ettore Vitale – welcher der Hospitalerorden, darüber sind sich die deutsche und die englische Wikipedia nicht einig. Die deutsche Wikipedia verweist auf den Souveränen Malteserorden, die englische Wikipedia auf den Johanniterorden.

In jedem Fall starb Ettore Vitale 1590 und Caterina übernahm die Apotheke, sie musste das Recht darauf, dieses geschäftliche Erbe anzutreten, allerdings beim Zivilgericht einklagen. Mit der Apotheke übernahm Vitale auch die regelmäßigen Medikamentenlieferungen an das Ordens-Krankenhaus Sacra Infermeria in Valletta, sie damit die erste Pharmazeutin und Chemikerin Maltas und die erste weibliche Apothekerin des Ordens.

Sie war eine erfolgreiche Geschäftsfrau und konnte ein großes Vermögen anhäufen, mit dem sie wiederum die Karmeliter:innen unterstützte. Die maltesische Historikerin Christin Muscat (Link Englisch zur Times of Malta) allerdings beschreibt sie in ihrem Artikel von 2007 im Malta Independent (Englisch) auch als rücksichtlose, grausame Person. Sie habe auch Prostitution betrieben und die Freier, Ordensritter mit hehren Tugendidealen, hinterher mit deren Besuchen bei den Prostituierten erpresst. Es soll mehrere Klagen ihrer Sklaven gegen sie gegeben haben, die sie auspeitschte, und auch mit ihrer Tochter, die in einem Kloster lebte, hatte sie kein liebevolles Verhältnis. Nach dem gleichen Artikel habe Caterina allerdings auch mit 12 Jahren geheiratet und zwei Jahre später sei ihr Ehemann gestorben. Dies stimmt nicht mit den Daten bei Wikipedia überein; die korrekten Daten kann ich mit meinen bescheidenen Ressourcen nun nicht ermitteln.

WEG MIT
§219a!