Schlagwort: royal horticultural society

34/2020: Ellen Willmott, 19. August 1858

Ellen Willmott (Link Englisch) kam als älteste von drei Töchtern eines Anwalts mit seiner Frau zur Welt; sie und ihre Schwestern besuchten ein katholisches Elite-Konvent in London. Als Ellen 17 Jahre alt war, zog die ganze Familie Willmott nach Warley Place (Link Englisch). Das Haus mit einem Grundstück von 130.000qm blieb für den Rest ihres Lebens Ellens Wohnort.

Die Eltern gaben ihre Liebe zum Gärtnern an ihre Töchter weiter, die ganze Familie beteiligte sich an der Gestaltung des Grundstücks. Zu ihrem 21. Geburtstag schenkte der Vater Ellen die Erlaubnis, auf dem Grundstück eine künstliche Schlucht und einen Steingarten anzulegen. Kurz darauf starb ihre Patentante und hinterließ ihr eine ansehnliche Summe Geld, von dem sich Willmott ein erstes eigenes Stück Land kauft, bei Aix-les-Baines in Frankreich.

Später erbte Ellen Willmott auch das Land und Vermögen ihrer Eltern. Sie betrieb im Garten von Warley Place ausführlichen und variantenreichen Gartenbau, im Laufe ihres Lebens hat sie dort vermutlich mehr als 100.000 verschiedene Pflanzenarten kultiviert. Für die Hortikultur gab sie ihr Vermögen mit vollen Händen aus, zeitweise beschäftigte sie bis zu 104 Gärtner auf ihrem Grundstück – allerdings nur Männer, da sie der Meinung war, Frauen seien im Gelände „eine Katastrophe“ (Quelle: Wiki). Sie wurde 1894 als Mitglied in die Royal Horticultural Society aufgenommen; sie überzeugte Sir Thomas Hanbury, das Grundstück in Wisley zu kaufen, aus dem der RHS Garden Wisley wurde. Willmott wurde 1903 Treuhänderin für das Gelände, 1905 kaufte sie ein benachbartes Grundstück von seinem Botanischer Garten Giardini Botanici Hanbury in Ventimiglia.

Für ihre Leistungen im Gartenbau erhielt sie 1897 die jüngst zu Königin Victorias Diamantem Thronjubiläum ins Leben gerufene Victoria Medal of Honour, die einzige andere weibliche Empfängerin der Medaille war Gertrude Jekyll. Außerdem finanzierte sie diverse botanische Expeditionen in den Mittleren Osten und nach China, wie etwa die von Ernest Henry Wilson. Zum Dank für ihre Unterstützung benannte der Botaniker mehrere Pflanzenarten, die er in China entdeckte, nach ihr, so den Chinesischen Bleiwurz (Ceratostigma willmottianum), die Willmotts Scheinhasel (Corylopsis willmottiae) und eine Rosenart (Rosa willmottiae).













Ellen Willmott gehörte zu den 15 ersten Frauen, die als Mitglieder der Linnean Society of London aufgenommen wurde – anders als Marian Farquharson, der die Frauen diesen Zugang überhaupt erst verdankten. Sie erhielt noch einge andere Medaillen und veröffentlichte zwei Bücher, von denen The Genus Rosa das bekanntere ist. Sie arbeitete von 1910 bis 1914 an diesem Buch, das 132 Aquarellabbildungen von Rosen enthält, gemalt von Alfred Parsons (Link Englisch). Die englischen Königinnen Mary und Alexandra sowie die Prinzessin Victoria besuchten Ellen Willmott zu unterschiedlichen Gelegenheiten auf ihrem Landsitz.

Ein Hobby, das Ellen Willmott neben dem Gartenbau betrieb, war das Kunstdrechseln – zwei Jahre vor ihrem Tod übergab sie ihre HoltzapffelDrehbank und einige ihrer Arbeiten dem History of Science Museum (Link Englisch) in Oxford; dazu einige Fotografien ‚von hortikulturellem Interesse‘. Weil es so schön ist, unten ein Video von einer Kunstdrechselarbeit, die in keinem Zusammenhang mit Ellen Willmott steht, es ist einfach schön anzuschauen.

Kunstdrechseln (Ornamental turning)
frauenfiguren ellen willmott elfenbein-mannstreu
Elfenbein-Mannstreu (Miss Willmott’s ghost)
Von Dominicus Johannes Bergsma – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0

Gegen Ende ihres Lebens ging Ellen Willmott wenig überraschend das Geld aus. Sie musste ihre Grundstücke in Frankreich und Italien verkaufen, später sogar andere persönliche Wertgegenstände. Außerdem wurde sie wunderlich: Sie stellte in ihrem Haus, von dem sie zum Zeitpunkt ihres Todes nur noch drei Zimmer bewohnte, Fallen auf, um Diebe abzuschrecken und trug zu allen Zeiten einen Revolver in ihrer Handtasche. Genauso zuverlässig enthielt ihre Handtasche Samen des Elfenbein-Mannstreu, die sie heimlich in fremden Gärten aussäte. Aus diesem Grund heißt diese Pflanze, bei uns auch Elfenbeindistel genannt, im Englischen Miss Willmott’s Ghost.

Mit 76 Jahren starb Ellen Willmott verarmt und verwirrt auf Warley Place an Koronarembolie, einer Verstopfung der Herzkranzgefäße, die auf eine Atherosklerose (im Volksmund Arterienverkalkung) zurückzuführen ist. Ihr Landsitz war gänzlich heruntergekommen und musste verkauft werden, um ihre Schulden abzubezahlen. Das Haus wurde 1939 abgerissen, doch statt des Baus einer Wohnanlage, wie zwischendurch geplant war, ist der alte Garten nun Teil des Grünen Gürtels um London (Link Englisch) und ein Naturreservat.

Die englische Webseite Parks & Gardens führt ihre Biografie (Link Englisch) mit einer Liste der Orte in England, die mit ihr in Zusammenhang stehen, sowie eine markierte Karte. Die deutsche Webseite Garten-Literatur.de widmet ihr ebenso einen Eintrag in der Leselaube und listet die nach ihr benannten Pflanzen ausführlich. Das Blog Rosenbücher hat hilfreiche Informationen zu ihrem Buch The Genus Rose.

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Ebenfalls diese Woche

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20/2020: Dorothy Crowfoot Hodgkin, 12. Mai 1910

Als Tochter eines Kolonialbeamten in Ägypten kam Dorothy Crowfoot in Kairo auf die Welt, ihre Familie lebte dort im Winter und verbrachte die Sommer in England. Als Dorothy vier Jahre alt war, verblieb sie mit ihren Schwestern, davon war die ältere zwei Jahre alt und die jüngere sieben Monate, ganz bei Verwandten in England, während ihre Eltern weiterhin halbjährlich in Ägypten und später im Sudan lebten.

Ihre schulische Laufbahn war von vorneherein auf die Chemie ausgerichtet; an der weiterführenden Schule, in die sie mit 11 Jahren eingeschrieben wurde, war sie eines von zwei Mädchen, die Chemie lernen durften. Drei Jahre später empfahl ihr ein entfernter Cousin, Charles Harington, das Buch ‚Grundlagen der Chemie von D. S. Parsons, weitere zwei Jahre später schenkte ihre Mutter – selbst eine kundige Botanikerin – ihr ein Buch über Kristallstrukturanalyse. Damit hatte Crowfoot ihre Leidenschaft entdeckt. Nach dem Schulabschluss, bevor sie ein Studium begann, schloss sie sich für einige Zeit ihren Eltern in Jerasch an, dort war der Vater inzwischen als Direktor der British School of Archaeology für die Ausgrabungsstelle verantwortlich. Dorothy Crowfoot beschäftigte sich mit den Mosaiken in Kirchen aus byzantinischer Zeit, sie zeichnete die Muster nach und analysierte die chemische Zusammensetzung der Steine. Nach dieser Reise begann sie am Somerville College in Oxford Chemie zu studieren, vier Jahre später schloss sie dort ihr Studium mit Bestnote ab. Für ein Doktorandenstudium wechselte Crowfoot an das Newnham College in Cambridge, wo sie mit ihrem Doktorvater John Desmond Bernal an der Kristallstrukturanalyse von Proteinen arbeitete. In ihrer gemeinsamen Arbeit, bei noch Bernal für die Bildaufnahmen verantwortlich zeichnete, versuchten sie sich an der Analyse des Verdauungsenzyms Pepsin.

Während sie auf ihren Doktortitel hinarbeitete, erhielt Crowfoot 1933 ein Forschungsstipendium, das sie zurück an ihr erstes College nach Oxford holte. Sie begann dort 1934 als Tutorin Chemie zu unterrichten, eine Stelle, die sie trotz einer Diagnose der Rheumatoiden Arthritis im gleichen Jahr bis 1977 innehatte. Drei Jahre später errang sie ihren Doktortitel mit der Kristallstruktur- und chemischen Analyse von Sterinen. In den folgenden Jahren, in denen sie auch noch drei Kinder von ihrem Ehemann T. L. Hodgkin bekam, machte sie mehrere entscheidende Entdeckung mit Hilfe der Röntgenstrukturanalyse, so stellte sie 1945 in Zusammenarbeit mit einem Kollegen die dreidimensionale Struktur eines Steroids (Cholesteroliodid) dar.

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Ganz links: ein β-Lactam-Ring
By Jü – Own work, CC0

Ebenso ermittelte sie die Molekularstruktur des Penicillins, eine Entdeckung, die allerdings erst 1949 veröffentlicht wurde. Sie bewies entgegen der herrschenden Meinung mit ihrer Analyse, dass Penicillin einen β-Lactam-Ring enthielt, eine molekulare Ringstruktur mit einer Amid-Verbindung. Diese Struktur hat das Penicillin mit einigen anderen Antibiotika-Familien gemein.

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Kristallstruktur von Vitamin B12 (Cobalamin)
Von NEUROtiker – Eigenes Werk, Gemeinfrei

Als 1948 das Vitamin B12 zum ersten Mal in kristalliner Form isoliert wurde, nahm sich Crowfoot Hodgkin dieses Molekül zur Analyse vor. Die ungewöhnliche Größe des Cobalamin-Kristalls stellte eine Herausforderung dar und es war nichts von dem Wirkstoff bekannt, außer dass er Kobalt enthielt. Die Kristalle des Cobalamin sind jedoch pleochroisch, das heißt: Aus unterschiedlichen Blickwinkeln bzw. bei unterschiedlich polarisiertem Licht erscheinen die Kristalle in unterschiedlichen Farben. Aus dieser Tatsache schloss Crowfott Hodgkin, dass das Molekül einen Ring enthalten musste, eine These, die sie mit der Röntgenstrukturanalyse bestätigte. Ihre Ergebnisse veröffentlichte sie 1955, neun Jahre später erhielt sie für ihre Forschungsergebnisse den Nobelpreis für Chemie.

In einem besonders langfristigen Forschungsprojekt beschäftigte sich Crowfoot Hodgkin mit der Kristallstruktur des Insulins. Sie begann bereits 1934 an einer Strukturanalyse zu arbeiten, doch die Technik war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgereift. Erst 35 Jahre später, 1969, sollte sie in der Lage sein, die Molekularstruktur von Insulin vollständig darzustellen, und auch, nachdem sie diesen Meilenstein erreicht hatte, beschäftigte sie sich weiter mit dem Hormon und seiner Wirkung im Körper.

Bis in die 1980er Jahre lehrte und forschte Dorothy Crowfoot Hodgkins in Oxford; unter dem Doppelnamen veröffentlichte sie erst zwölf Jahre nach der Heirat. 1947 wurde sie als dritte Frau Fellow der Royal Society (eine ihrer Vorreiterinnen war Agnes Arber). Aufgrund ihrer Verbindung zur Kommunistischen Partei – ihr Ehemann war zeitweise Mitglied gewesen – wurde sie 1953 der USA verwiesen und durfte anschließend nur mit einer Sondergenehmigung der CIA einreisen. Dennoch wurde sie 1958 ausländisches Ehrenmitglied der American Academy of Arts & Sciences ehrenhalber. Sie selbst war nicht Kommunistin, setzte sich 1976 aber als Präsdentin der Pugwash Conferences für eine Verständigung zwischen Wissenschaftlern in West und Ost ein, um der Gefahr eines Krieges mit Atomwaffen entgegenwirken wollte. Außerdem war sie eine lebenslange Labour-Unterstützerin – und dennoch hing zu Margaret Thatchers Regierungszeit ein Bild von Crowfoot Hodgkins in der Downing Street 10: Die Iron Lady hatte 1947 bei ihr den Bachelor-Abschluss in Chemie gemacht.

Die rheumatoide Arthritis machte ihr gegen Ende des Lebens mehr zu schaffen, dennoch nahm sie immer noch an Konferenzen rund um die Welt teil. Im Alter von 84 Jahren starb sie an den Folgen eines Schlaganfalls, am 29. Juli 1994.

Ein Stipendium für „herausragende Wissenschaftler:innen im Frühstadium ihrer Forschungskarriere, die aufgrund persönlicher Verhältnisse wie Elternschaft, Pflege oder aus gesundheitlichen Gründen flexible Arbeitsstrukturen benötigen“ vergibt die Royal Society in Dorothy Crowfoot Hodgkins Namen.

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Ebenfalls diese Woche

11. Mai 1828: Eleanor Anne Ormerod
Die Entomologin beschäftigte sich mit Schadinsekten und erhielt die Floral Medal der Royal Horticultural Society.

12. Mai 1820: Florence Nightingale
Auf diese britische Begründerin der modernen Krankenpflege, die auch mit ihrem Polar-Area-Diagramm einen Beitrag zum Fachgebiet der Statistik leistete, muss ich nicht explizit hinweisen.

12. Mai 1977: Maryam Mirzakhani
Am 13. August 2014 gewann die Mathematikerin als erste Frau und erste Person aus dem Irak die Fields-Medaille. Leider starb sie nur drei Jahre später, mit 40 Jahren, an Brustkrebs.

13. Mai 1888: Inge Lehmann
Über die Seismologin schrieb ich 2017.

14. Mai 1899: Charlotte Auerbach
Diese Genetikerin wird nicht im Zeitstrahl der Frauen in der Wissenschaft aufgeführt, ich möchte sie aber doch mitnehmen, da sie aus meiner Wahlheimat stammt. Sie erforschte an Drosophila die mutagene Wirkung von Senfgas und wurde 1957, zehn Jahre nach Dorothy Crowfoot Hodgkin, Fellow der Royal Society.