Schlagwort: vor dem 19. jahrhundert

KW 13/2016: Maria Sybilla Merian, 2. April 1647

Maria Sybilla Merian

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Die „Mutter der Entomologie“ hatte ihre künstlerische Ausbildung und Karriere vor allem ihrem Stiefvater zu verdanken. Sie wurde als Tochter des Kupferstechers und Verlegers Matthäus Merian dem Älteren und seiner zweiten Frau Johanna Catharina Sybilla geboren; als sie drei Jahre alt war, starb ihr Vater, der bei ihrer Geburt bereits 53 Jahre alt gewesen war. Die Mutter heiratete erneut, dieses Mal den Blumenmaler Jacob Marrel, der zu Maria Sybillas Glück ihr Talent erkannte und ungeachtet der weniger fortschrittlichen Ambitionen der Mutter sie unterrichtete bzw. unterrichten ließ und förderte. Neben ihrem Erfolg als Kupferstecherin und Malerin frönte sie ihrem zugleich wissenschaftlichen wie ästhetischen Interesse an Insekten und Pflanzen.

Mit 18 heiratete sie ihren ehemaligen Lehrer Johann Andreas Graff. Das Paar ließ sich in Nürnberg nieder und arbeitete künstlerisch und kaufmännisch, im Handel mit Malerutensilien. Maria Sybilla musste hier mit eingeschränkten Möglichkeiten – es war Frauen nicht erlaubt, mit Öl auf Leinwand zu malen – zum gemeinsamen Einkommen beitragen. Sie betätigte sich im Handel sowie in Stickerei, Stoffmalerei und dem Unterricht höherer Töchter. Schließlich brachte sie ihr erstes Buch heraus, das eigentlich als Andachtsbuch gedacht war: Der Raupen wunderbare Verwandlung und sonderbare Blumennahrung. In der Kontemplation der niedersten Tiere sollten die Leser die Schönheit und Kraft von Gottes Schöpfung erfahren. Heute gilt das Buch als erster Beitrag zur Entomologie.
Nach 20 Jahren Ehe – Maria Sybilla war 38 – trennte sie sich von ihrem Mann und zog mit ihrer Mutter und ihren beiden Töchtern in eine Labadisten-Kolonie in den Niederlanden; weniger aus eigener religiöser Motivation als um Abstand vom vorherigen Leben zu gewinnen. Sie bildete sich fort und verfolgte weiterhin ihre Forschungen zu Insekten. Nachdem ihr dort lebender Stiefbruder und ihre Mutter gestorben waren, zog sie 6 Jahre später mit ihren beiden Töchtern nach Amsterdam und begann, ihre Reise nach Surinam vorzubereiten. Die Idee hierzu kam ihr durch die Besuche im Botanischen Garten der Stadt, in dem die Vielfalt der südamerikanischen Insektenwelt zwar angedeutet, aber nicht in ihrer vollen Entwicklungsbandbreite dargestellt wurde.

Mit 52 Jahren schließlich machte sie Nägel mit Köpfen, veräußerte ihr Hab und Gut und ließ ihre beiden Töchter für den Fall ihres Todes testamentarisch als Universalerben einsetzen. Dann reiste sie per Schiff mit ihrer jüngeren Tochter Dorothea Maria nach Surinam, wo sie zwei Jahre lang zunächst von der Hauptstadt Paramarimbo, dann von einer weiter außerhalb gelegenen Labadistenkolonie aus Exkursionen in den Urwald unternahm, bei denen sie zahlreiche Insektenarten in unterschiedlichen Stadien zeichnete und sammelte. Von Malaria geschwächt reiste sie mit ihrer Tochter zurück nach Amsterdam, wo ihre Sammlung und Forschungsergebnisse zwar im allgemeinen begrüßt wurden, die Erträge aus Drucken jedoch nicht so weit gingen, dass sie ihren Unterhalt davon bestreiten konnte. Sie musste bis zum Ende ihres Lebens Malunterricht geben und mit Malutensilien und Tierpräparaten Handel betreiben. Als sie 69jährig starb, war sie so arm, dass sie in einem namenlosen Armengrab beerdigt wurde.

Ihre Beobachtungen und Bebilderungen legten den Grundstein zur Insektenforschung, die heute nicht nur biologisch, sondern auch kriminalistisch von Interesse ist.

Bild: By Unknown – Unknown, Public Domain,

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Von 187 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 17 (inklusive Maria Sybilla Merian) Frauen:
31.3.1360 Philippa of Lancaster
28.3.1515 Teresa von Ávila
2.4.1545 Elisabeth von Valois
2.4.1587 Virginia Centurione Bracelli
29.3.1590 Agnes Magdalene von Anhalt-Dessau
2.4.1602 María von Ágreda
1.4.1607 Marie Eleonore von Brandenburg
2.4.1614 Jahanara Begum
2.4.1619 Anna Sophia von Pfalz-Zweibrücken-Birkenfeld
1.4.1624 Marija Iljinitschna Miloslawskaja
30.3.1697 Faustina Bordoni
31.3.1718 Maria Anna Viktoria von Spanien
2.4.1735 Ernestine Christine Reiske
2.4.1788 Wilhelmine Reichard
3.4.1795 Anna Schödl
30.3.1798 Luise Hensel

KW 12/2016: Margarete von Anjou, 23. März 1430

By Talbot Master (fl. in Rouen, c. 1430–60) – Cropped image of File:Presentation of the Book of Romances.jpg, a scan of the manuscript illuminated by the Talbot Master (British Library, Royal 15 E VI, f. 2v), Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4888648

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Margarete von Anjou war als Ehefrau des Königs Heinrich VI. von England eine der Hauptakteure des englischen Rosenkrieges – einem Zwist zweier Adelshäuser, dem der Lancaster und dem der York – um den Königsthron.

Anlass für den Streit um den Thron im direkten Sinne war die offenbare Geisteskrankheit und politische Schwäche des Königs, außerdem gab es Gerüchte, Margaretes Sohn Edward sei dem König untergeschoben; indirekt und als lange gärende Motivation ist es wichtig zu wissen, dass Heinrichs Großvater, Heinrich IV., 1399 als erster König aus dem Hause Lancaster den Thron besetzte, obwohl ein anderer Anwärter, Edmund Mortimer, 5. Earl of March, das gleiche oder sogar mehr Anrecht darauf gehabt hätte. Edmunds Neffe und Erbe, Richard Plantagenet, war Duke of York und begründete seinen Anspruch auf den englischen Thron zu einem Zeitpunkt, als König Heinrich VI. sowohl politisch durch Niederlagen im Krieg gegen Frankreich und vertraglich festgelegte Verluste auf dem französischen Festland wie auch durch seine angegriffene psychische Gesundheit besonders angreifbar war.

Margarete von Anjou ergriff die Regierung und die militärische Leitung, als ihr Ehemann dazu nicht in der Lage war, um seinen Thron, und damit den Anspruch ihres Sohnes darauf, zu bewahren. Zunächst errang sie einige Siege, bei denen unter anderem der erste Anführer Richard Plantagenet fiel und sein Verbündeter Richard Neville unterlag. Es gelang ihr jedoch nicht, Plantagenets Sohn Eduard vom Thron zu stoßen und den ihren darauf zu setzen. Sie floh mit ihm über Schottland nach Frankreich und erhielt da unter Verzicht auf englisches Territorium auf dem Festland militärische Unterstützung; vollends ihr Ziel erreichen konnte sie allerdings erst, nachdem sie sich mit Richard Neville (Earl von Warwick, dem „Königsmacher“) aussöhnte, der Eduard vom Thron verdrängte und ihren Mann Heinrich wieder darauf setzte. In einer vorletzten Schlacht wurde jedoch Warwick getötet, in der letzten Schlacht schließlich starb ihr Sohn Edward und sie wurde gefangen genommen. Kurz darauf starb ihr Mann im Tower, sie selbst wurde nach Fürsprache durch den französischen König aus der Gefangenschaft entlassen und durfte nach Frankreich exilieren, wo sie als verarmte Verwandte des Regenten verstarb.

(Wem jetzt der Kopf schwirrt, der sei getröstet: Um diesen kurzen Text zu verfassen, habe ich versucht, sämtliche verlinkte Texte im Scan-Modus zu überfliegen. Ohne Erdnussbutterbrötchen ein Ding der Unmöglichkeit.)

Margarete von Anjou war eine Person, die Bildung befürwortete, weshalb sie das Queen’s College in Cambridge gründete.

Bild: Public Domain

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Von 219 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 14 (inklusive Margarete von Anjou) Frauen:
25.3.1347 Katharina von Siena
25.3.1408 Agnes von Baden
25.3.1567 Anna Margarete von Braunschweig-Harburg
24.3.1613 Antonia von Württemberg
24.3.1628 Sophie Amalie von Braunschweig-Calenberg
22.3.1736 Eva König
21.3.1745 Marianne von der Leyen
25.3.1749 Johanne Friederike Lohmann
24.3.1756 Franziska Lebrun
24.3.1768 Gabriele von Baumberg
27.3.1770 Sophie Mereau
24.3.1775 Pauline Auzou
25.3.1782 Caroline Bonaparte

KW 11/2016: Caroline Herschel, 16. März 1750

Caroline Herschel

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Der Lebensweg von Caroline Herschel ist wunderbar gewunden und eng an die Männer in ihrem Leben geknüpft. Die Mutter legte Wert auf ihre Ausbildung im Haushalt, der Vater bot die musikalische Ausbildung und Karriere. Die Musik und Mathematik sowie die Astronomie waren die Bildungsangebote ihres Vaters, auf die sie sich stürzte, um den ungeliebten Handarbeiten und traditionellen weiblichen Aufgaben im Haus zu entkommen. Als ihr Bruder Friedrich Wilhem als Organist und Konzertleiter nach England ging, folgte sie ihm als Haushälterin, um dann zunächst eine Karriere als Sängerin zu beginnen. Sie war sogar so erfolgreich, dass sie sich von ihrem Bruder unabhängig hätte machen können; ihre enge geschwisterliche Beziehung sowie die gemeinsame Leidenschaft Astronomie, der sie beide frönten, ließen sie jedoch Angebote für ein eigenständiges Engagement ablehnen. Wenn sie nicht sang oder den Haushalt führte, stellte Caroline Teleskope her und wartete die bereits betriebenen – bis ihr Bruder eher zufällig den Planeten Uranus entdeckte.
Als Entdecker eines neuen Planeten wurde aus dem Organist und Konzertleiter Friedrich Wilhelm Herschel ein königlicher Astronom, und aus Caroline seine Assistentin. Sie gab das Singen ganz auf und widmete sich unter den Fittichen ihres Bruders ganz der Sternenkunde. Sie unterstütze ihn nicht nur in der Ordnung, Datenaufnahme und -sortierung, der Kartierung und Katalogisierung, sie selbst beobachtete und durchforschte den Nachthimmel und machte dabei einige eigene Entdeckungen. Diese wurden in der Liste ihres Bruders mit ihrem Kürzel (CH) versehen: hier kann man eine ausführliche, kommentierte Liste der von ihr gefundenen Sternenhaufen, Galaxien und Nebel finden.
Nachdem ihr Bruder 1822 gestorben war, kehrte sie in ihre Heimat Hannover zurück, wo sie bis zu ihrem Tod 1848 lebte, forschte und ihrem Neffen John half, die Arbeit seines Vaters fortzusetzen. Sie wurde in ihren späten Jahren als einflussreiche Größe in der Astronomie von ihren Kollegen anerkannt und verehrt, erhielt die Goldmedaillen der Royal Astronomical Society und der Preußischen Akademie der Wissenschaften und wurde zum Mitgleid der Königlichen Irischen Akademie der Wissenschaft ernannt.

Bild: Von Ölgemälde: Melchior Gommar Tieleman; Foto des gemeinfreien Gemäldes: unbekannt – Michael Hoskin: Discoverers of the Universe: William and Caroline Herschel, Gemeinfrei

Weil sie so schön sind, hier Bilder zweier von ihr entdeckten Galaxien und eines Nebels:

NGC 253

NGC 253

Bild: Von NASA, ESA, J. Dalcanton and B. Williams (University of Washington), T.A. Rector/University of Alaska Anchorage, T. Abbott and NOAO/AURA/NSF –  direct link, CC BY 3.0

NGC 7380

NGC 7380

Bild: Von Hewholooks – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

NGC 891

N891s

Bild: Von Credit Line and Copyright Adam Block/Mount Lemmon SkyCenter/University of Arizona, CC BY-SA 3.0 us

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Von 178 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 18 (inklusive Caroline Herschel) Frauen:

14.3.1478 Anastasia von Brandenburg
18.3.1496 Mary Tudor (Frankreich)
16.3.1596 Ebba Brahe
18.3.1598 Anna Sophia von Brandenburg
19.3.1647 Anna Elisabeth von Anhalt-Bernburg
18.3.1654/55 Catharina Charlotta De La Gardie
16.3.1687 Sophie Dorothea von Hannover
17.3.1714 Anna Charlotte von Lothringen
16.3.1729 Maria Luise Albertine zu Leiningen-Dagsburg-Falkenburg
15.3.1737 Amarindra
17.3.1754 Madame Roland
15.3.1768 Maria Anna Czartoryska
17.3.1782 Sophie von Kühn
14.3.1788 Lulu von Thürheim
20.3.1791 Marie Ellenrieder
15.3.1792 Virginie Ancelot
16.3.1799 Anna Atkins

KW 10/2016: Eleonore Prochaska, 11. März 1785

Eleonore Prochaska

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Wieder so ein Fall „knapp drin gildet noch“. Aber auch hier kann ich nicht widerstehen, endlich über dieses Phänomen zu sprechen: Frauen, die als Männer verkleidet Soldaten werden.

Eleonore Prochaska trat 1813 als „August Renz“ in den Militärdienst ein und kämpfte in den Befreiungskriegen gegen Napoleon an der Niederelbe. Erst als sie in der Schlacht an der Göhrde schwer verletzt wurde, entdeckte ein Vorgesetzter bei der Wundversorgung ihr wahres Geschlecht und ließ sie von der Front entfernen. Drei Wochen später erlag sie ihren Verletzungen.

In der Folgezeit wurde sie als „Potsdamer Jean d’Arc“ idealisiert und inspirierte verschiedene künstlerische Werke.

Besonderen Augenmerk möchte ich auf den Abschnitt über die Neu-Interpretation Prochaskas in der Genderforschung lenken.

Bild: Von Unbekannt, Photographer: Mutter Erde – Selbst fotografiert: Voss, Karl (1993) Potsdam-Führer für Literaturfreunde, Berlin: arani, Gemeinfrei

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Von 170 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 15 (inklusive Eleonore Prochaska) Frauen:
13.3.1271 Guta von Habsburg
7.3.1419 Mechthild von der Pfalz
7.3.1437 Anna von Sachsen
8.3.1518 Sidonie von Sachsen
12.3.1573 Agnes Hedwig von Anhalt
12.3.1637 Anne Hyde
11.3.1683 Caroline von Brandenburg-Ansbach
9.3.1697 Friederike Caroline Neuber
13.3.1716 Philippine Charlotte von Preußen
9.3.1721 Karoline von Pfalz-Zweibrücken
10.3.1776 Luise von Mecklenburg-Strelitz
12.3.1776 Hester Stanhope
12.3.1781 Friederike von Baden
10.3.1794 Henriette d’Angeville

KW 9/2016: Gesche Gottfried, 6. März 1785

Gesche Gottfried

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Wenn die Auswahl klein ist, muss man das mit „vor dem 19. Jahrhundert“ ein wenig laxer auslegen – immerhin wurde Gesche Gottfried 15, bevor das 19. Jahrhundert begann. Und der Gelegenheit, über eine Serienmörderin zu schreiben, kann ich einfach nicht widerstehen.

Die Gründe zu vermuten, warum mich Serienmörder so sehr faszinieren, überlasse ich anderen – da ich nicht damit allein stehe, eher mich in guter Gesellschaft befinde, wäre jede Diagnose meiner selbst nichts als Allgemeinplatz und Klischee (das Überschreiten sozialer Grenzen als Möglichkeit, die Abgründe der menschlichen Seele, blabla). Dass weibliche Serienmörder noch einmal besondere Aufmerksamkeit erhalten, liegt aber mit Sicherheit an dem immer noch sich haltenden Bild von „der Frau“ als einem Wesen, das dank biologischer Vorgaben hauptsächlich fürsorglich, liebend und pflegend agiert; im Gegensatz zu einer Vorstellung eines Menschen, dessen Charakter, Psyche und Geschlecht (Gender) nebeneinander existieren und sich teilweise beeinflussen, aber nicht notgedrungen letzteres die ersteren in völliger Diktatur beherrscht.

Zu Zeiten Gesche Gottfrieds galt das noch wesentlich mehr als heute. Tatsächlich spielte ihr dieses Bild der Frau als grundsätzlich Heilende, Helfende in die Hände bei ihrer killing spree, wenn es nicht sogar mit ursächlich für ihre Morde war.

Gesche Gottfried vergiftete mit Arsen zuerst ihren Ehemann (1813), dann ihre Mutter, ihre zwei Töchter im Alter von drei und sechs Jahren, ihren Vater und ihren fünfjährigen Sohn (1815), ihren Bruder (1816), ihren zweiten Ehemann (1817), ihren Verlobten (1823), ihre Freundin und einen Nachbarn (1825), ihre Vermieterin (1826), die dreijährige Tochter ihrer Freundin, die Freundin selbst und schließlich einen Gläubiger (1827). Sie wurde nach einer Haftzeit von drei Jahren öffentlich geköpft; dies war die letzte Hinrichtung, die in Bremen stattfand.

Über ihre Motive lässt sich im nachhinein kaum etwas sagen. Zur damaligen Zeit – lange vor Psychoanalyse und Profiling – blieb im Hinblick auf die Umstände ihres Lebens kein anderes in Erwägung als Habgier und Herzlosigkeit; die Ermordeten hatten sie entweder in ihrem Testament bedacht oder standen ihr vermeintlich bei der Eheschließung oder Erlangung der Erbschaften im Weg. Angesichts der Tatsache, dass sie ihren Opfern allerdings aufopferungsvollen Pflege angedeihen ließ, während sie sie vergiftete, und sie deswegen sogar den Spitznamen „Engel von Bremen“ erhielt, entsteht bei mir der Eindruck, dass sie zumindest nicht allein für die eigene monetäre Bereicherung mordete, sondern auch am Münchhausen-Stellvertretersyndrom litt. Dies diagnositziert man zwar gemeinhin bei Müttern, die ihren Kindern und/oder Schutzbefohlenen Leiden zufügen, der englische Wikipedia-Eintrag bestätigt meinen Eindruck jedoch. Und geht man davon aus, dass eine Mutter, deren drei (bis dahin gesunde) Kinder innerhalb eines Jahres an den gleichen Symptomen sterben, heute zwar unter Verdacht geriete, aber damals schlicht als Unglücksfall betrachtet wurde, erklärt sich ihr weiteres Verfahren mit ihr nahestehenden Erwachsenen: die Kinder waren ihr ausgegangen, ihr psychisches Leiden suchte sich schlicht die nächsten, vielleicht auch vielversprechendsten Opfer. Ihr finanzieller Gewinn blieb marginal, der Gewinn an sozialer Anerkennung bzw. Aufmerksamkeit war ungleich größer. Das macht ihre Taten nicht erträglicher, lässt aber sie als Täterin, die tatsächlich einem krankhaften Trieb folgte, mit etwas mitfühlenderen Augen sehen.

Soweit ich aus der Leseprobe schließen kann, ist das auch die Perspektive, die die Graphic Novel Gift von Barbara Yelin und Peer Meter einnimmt. Sieht gut aus und hat auch den Max-und-Moritz-Preis für den besten deutschen Comic verliehen bekommen.

Bild: Von Rudolf Friedrich Suhrlandt – von Benutzer:Sunzi99 ursprünglich auf de.wikipedia hochgeladen (14:23, 21. Apr 2006). Der Dateiname war GescheGottfried.jpg., Gemeinfrei

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Von 147 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 5 (inklusive Gesche Gottfried) Frauen:
5.3.1487 Rosine von Baden
5.3.1723 Maria von Hannover
3.3.1749 Françoise Eléonore Dejean de Manville, Comtesse de Sabran
2.3.1778 Friederike von Mecklenburg-Strelitz

KW 8/2016: Elisabeth von Luxemburg, 28. Februar* 1409, und Helene Kottanerin, um 1400

Elisabeth von Luxemburg

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Elisabeth von Luxemburg wurde 1422 13jährig mit dem 25 Jahre alten Thronanwärter Albrecht V. verheiratet (verlobt waren sie bereits seit ihrem 2. Lebensjahr). Nach den ersten zehn Jahren Ehe bekam sie ihr erstes von vier Kindern; fünf Jahre später wurde ihr Gemahl durch den Tod seines Vaters römisch-deutscher König sowie König von Ungarn, Kroatien und Böhmen. Elisabeth war im fünften Monat mit dem vierten Kind schwanger, als er 1439 während eines Feldzuges gegen die in Ungarn einfallenden Türken an der Ruhr verstarb. Entgegen dem politischen Drängen des Adels, den 15jährigen polnischen König Wladislaw III. zu heiraten – weil ein männlicher König gleich welchen Alters und Charakters für das Land im Krieg gegen die Türken „sicherer“ sei –, ergriff sie selbst die Regentschaft, um so bald als möglich ihren Sohn Ladislaus Postumus zum König zu machen. Bevor der Adel Wladislaw per Königswahl vor ihren Sohn setzen konnte, bemächtigte sich Elisabeth der Stephanskrone, die als heilig betrachtet wurde und deren Besitz den König von Ungarn legitimierte. Hierfür sandte sie ihre Kammerfrau Helene Kottannerin in die Plintenburg, aus der die Kottannerin die Insignie erfolgreich entführte und mit einer Schlittenfahrt über die gefrorene Donau (es war Februar) zu ihrer Königin brachte. Die Kottannerin schrieb darüber später in ihren Memoiren „Denkwürdigkeiten“. Elisabeth krönte ihren Sohn zum König von Ungarn, Kroatien und Böhmen und behielt die Stephanskrone auch, nachdem sie sie eigentlich hatte zurückgeben sollen, durch einen Betrug in ihrem Besitz.

In dem Bürgerkrieg, der anschließend zwischen ihr und Wladislaw entbrannte – dieser hatte sich mit einer anderen Krone aus dem Schrein des heiligen Stephan ebenfalls krönen lassen –, mangelte es ihr wohl an Geld und schlußendlich auch an Verbündeten, an politischer Entschlossenheit und Intelligenz jedoch nicht im Geringsten, was die Unterstellung des Adels an einen weiblichen Regenten gewesen war.
Nach zwei Jahren Krieg ließen sich die Parteien auf eine Vermittlung ein zugunsten des Volkes und der militärischen Geschlossenheit gegen die immer noch bedrohlichen Türken. Kurz nach der Einigung starb Elisabeth plötzlich und unerwartet, was zu dem Verdacht führte, Wladislaw habe sie vergiftet. Der Sohn, für dessen Thronfolge sie gekämpft hatte, war zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt.
Wladislaw wurde dadurch zunächst als König unangefochten legitimiert; als er drei Jahre später 1445 in der Schlacht von Varna fiel, wurde Ladislaus mit 5 Jahren ebenso unangefochten König aller Länder, über die sein Vater geherrscht hatte. Er starb noch vor seinem 18. Geburtstag, wahrscheinlich an Leukämie oder der Beulenpest.

* Beim Aufräumen/Aufpolieren für die Facebook-Erinnerungen ist nun deutlich geworden, dass das Datum ihrer Geburt, das ich angegeben habe (28. Februar) wohl auf falschen Quellen beruht und ihr eigentliches Geburtsdatum der 7. Oktober 1409 ist. Wieder was gelernt.

Bild: By Anonymous, Public Domain

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Von 180 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 11 (inklusive Elisabeth von Luxemburg) Frauen:
28.2.1261 Margrete Aleksandersdotter
24.2.1535 Éléonore de Roye
26.2.1644 Elisabeth Lemmerhirt
25.2.1726 Wilhelmine von Hessen-Kassel
22.2.1760 Sophie von Sachsen-Hildburghausen
23.2.1762 Johanna Antoni
23.2.1766 Caroline von Humboldt
24.2.1773 Charlotte Kanitz
28.2.1775 Sophie Tieck
23.2.1800 Adelheid von Anhalt-Bernburg-Schaumburg-Hoym

KW 7/2016: Maria I. von England, 18. Februar 1516

Mary I von England

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Der Versuch einer Zusammenfassung von Marias Biografie an dieser Stelle wäre Wahnwitz und unsinnig. Deshalb bitte ich Interessierte, sich den ausführlichen Text auf Wikipedia vorzunehmen, und reduziere hier auf das Allerrelevanteste: Maria I. war die erste regierende Königin aus eigenem Recht auf dem englischen Thron – und das, nachdem ihr Vater, dessen Herrschaft allein aus privaten Gründen (die sich hauptsächlich in seiner Hose befanden) extrem turbulent und für das Land verwirrend und schädlich war, sie zum Bastard hatte erklären lassen und sie von ihrem Halbbruder von der Thronfolge ausgeschlossen worden war. Dass sie je nach Konfession als „Maria die Katholische“ oder „Maria die Blutige“ bezeichnet wurde, liegt weniger an ihren eigenen Charakterschwächen als an den Wirrungen, in die England durch ihren Vater gestürzt wurde und daran, dass sie in jungen Jahren gezwungen wurde, ihren eigenen Glauben, in dem sie erzogen wurde, zu verraten. Ihre Regentschaft war nicht sehr glücklich, aber auch nicht sonderlich unglücklich, gemessen an den globalen politischen Umständen.

Bild: By Master John (floruit 1544-1545) – Scanned from the book The National Portrait Gallery History of the Kings and Queens of England by David Williamson, ISBN 1855142287., Public Domain

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Von 189 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 6 (inklusive Maria I.von England) Frauen:
21.2.1397 Isabel de Portugal
16.2.1665 Anne (Großbritannien)
19.2.1731 Catharina Elisabeth Goethe
19.2.1779 Mademoiselle Mars
15.2.1786 Maria Pawlowna

KW 6/2016: Karoline von Günderrode, 11. Februar 1780

Karoline von Gründerode

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Die „Sappho der Romantik“ lebte und schrieb im Kreise Clemens Brentanos und Bettina von Arnims; sie rang zeitlebens mit den Erwartungen an die Rolle der Frau in der Gesellschaft, die so gar nicht ihrem Naturell entsprachen.

Als Lyrikerin relativ erfolgreich, wenn auch von anderen Vertretern der Romantik überschattet, erlitt sie im Privatleben immer wieder Zurückweisung. Nachdem ihre erste Liebe Friedrich Carl von Savigny eine andere geheiratet hatte, verliebte sich Karoline in einen verheirateten Mann, Friedrich Creuzer, für den sie ihren Freundeskreis vernachlässigte, der sich jedoch selbst nicht in der Lage sah, seine Frau für sie zu verlassen.

Karoline von Günderrode wählte mit 26 Jahren den Freitod per Dolchstoß, nachdem ihr Geliebter die Beziehung beendet hatte.

Bild: By Unknown – Unknown, Public Domain

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Von 200 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 11 (inklusive Karoline von Günderrode) Frauen:
13.2.1457 Maria von Burgund
11.2.1466 Elizabeth of York (Königin)
14.2.1640 Anna Magdalena von Pfalz-Birkenfeld-Bischweiler
11.2.1715 Margaret Cavendish Bentinck
13.2.1752 Luise von Göchhausen
9.2.1769 Susette Gontard
13.2.1772 Henriette Hendel-Schütz
12.2.1775 Louisa Adams
9.2.1777 Louise Brachmann
8.2.1794 Agnes Franz

KW 5/2016: Nell Gwyn, 2. Februar 1650

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Über kaum eine Frau will ich schon so lange – eigentlich seit Beginn meiner Recherchen für dieses Blog – schreiben, wie über Nell Gwyn. Gleichzeitig fällt es mir bei kaum einer Frau sonst so schwer, über sie zu schreiben.

Es liegt nicht an ihrer Karriere. Als Tochter einer Prostituierten in einem  Armenbezirk, bekannt für seine Kneipen und Bordelle, großgeworden, gelang es ihr über die Schauspielerei – die damals eine der Prostitution nahe Tätigkeit war – sich mit großem Talent und Ehrgeiz über mehrere wohlhabende Liebhaber zur Mätresse von König Charles II. hochzuarbeiten. Sie war beim englischen Volk beliebt für ihre Authentizität und ihre scharfe Zunge, erreichte für ihre Söhne – uneheliche Kinder des Königs – Adelstitel und für sich selbst auch nach dem Tode des Königs ein gutes Auskommen.

Sie verleugnete niemals ihre Herkunft und was sie war, strebte ehrgeizig aus der Armut in eine bessere Position im Leben als ihre Mutter gehabt hatte, verlor dabei jedoch weder ihre Loyalität zu ihrer Familie noch ihre Position in der Gesellschaft aus den Augen. Der König schätzte sie – neben ihren körperlichen Vorzügen – für ihre Klugheit und politische Zurückhaltung, das Volk liebte sie für ihre Bodenständigkeit und ihren Witz.

Alles in allem klingt Nell Gwyn nach einer Frau nach meinem Geschmack.

Doch gibt es dieses eine Detail, das der Bewunderung einen Wermutstropfen verleiht: Dass sich Nell aller Wahrscheinlichkeit nach bereits als Kind prostitutieren musste. Die Möglichkeit, dass ihre charakterliche Stärke und ihr Witz eine Maske waren, hinter der sich ein traumatisiertes Wesen verbarg, mindert meinen Respekt nicht, im Gegenteil; doch es macht aus der geliebten Hure auch eine tragische Gestalt, von deren wahren Gemütszuständen wir nichts wissen können.

Bild: By Peter Lely, Public Domain

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Von 207 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 15 (inklusive Nell Gwyn) Frauen:
6.2.1347 Dorothea von Montau
2.2.1443 Elisabeth von Bayern
6.2.1452 Johanna von Portugal
2.2.1494 Bona Sforza
1.2.1566 Barbe Acarie
3.2.1567 Anna Maria von Brandenburg
6.2.1577 Beatrice Cenci
5.2.1626 Marie de Rabutin-Chantal
2.2.1688 Ulrika Eleonore
7.2.1693 Anna (Russland)
5.2.1704 Anna Christine Luise von Pfalz-Sulzbach
7.2.1708 Anna Petrowna
3.2.1761 Dorothea von Kurland
5.2.1790 Minna Apranzow

KW 4/2016: Félicité de Genlis, 25. Januar 1746

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Félicité hat es ehrlich gesagt diese Woche ins Blog geschafft, weil ich mich kurz fassen möchte – Katharina von Bora (die Lutherin) oder Livia Drusilla wären an sich interessantere Charaktere gewesen, aber mit zu viel Lese- und Aufarbeitungszeit belastet. Ich möchte dennoch mit Nachdruck auf ihre Biografien hinweisen.

Mme. de Genlis wurde mit der Erziehung versehen, die einer Adligen gebührt, und war durch die Heirat mit einem Grafen an den französischen Hof gelangt. Dort erreichte sie die Position als Gouvernante der Kinder des Grafen de Chartres, darunter der spätere König Louis-Philippe. Sie war erzkatholisch, eine gute und einfallsreiche Lehrerin und später Sympathisantin der französischen Revolution. Sie war aber auch Autorin zahlreicher Schriften pädagogischer und historischer Natur, sowie diverser Romane und Lustspiele. Letztere, das finde ich faszinierend, zeichnen sich in ihrer „moralischen“ Natur dadurch aus, dass darin keine männlichen Protagonisten (und logischerweise demnach auch keine Liebesbeziehungen) vorkamen. Davon würde ich wohl gerne mal eines lesen.

Bild: Attributed to Antoine Vestier – Coll. particulière, Public Domain

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Von 180 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 18 (inklusive Félicité de Genlis) Frauen:
30.01.58 v. Chr. Livia Drusilla
25.01.1408 Katharina von Hanau
28.01.1453 Simonetta Vespucci
25.01.1477 Anne de Bretagne
29.01.1499 Katharina von Bora
28.01.1504 Anna II zu Stolberg
27.01.1567 Anna Maria von Hessen-Kassel
29.01.1602 Amalie Elisabeth von Hanau-Münzenberg
27.01.1614 Anna Katharina Dorothea von Salm-Kyrburg
25.01.1723 Claire Clairon
28.01.1750 Maria Karoline Herder, geb. Flachsland
28.01.1761 Marguerite Gérard
25.01.1777 Karoline Jagemann
29.01.1780 Marianne von der Mark
26.01.1783 Helmina von Chézy
26.01.1797 Therese von Jacob
31.01.1798 Henriette von Bissing

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