Monat: Oktober 2019

invisible sue

am donnerstag startet ein deutscher kinderfilm in den kinos, den ich allen kindern, jugendlichen und auch erwachsenen superheld:innen-fans ans herz legen möchte. invisible sue von markus dietrich bezieht sich optisch deutlich auf die comic-genese des superheld:innen-prinzips, hat sichtbaren spaß an dynamik und popkulturellen referenzen und macht ganz einfach mal das geschlecht seiner protagonist:innen (fast komplett) zu einem unwesentlichen charaktermerkmal. bei FILMLÖWIN habe ich mir drei gedanken zu dem film gemacht.

43/2019: Doris Lessing, 22. Oktober 1919

Von Doris Lessing habe ich bisher nur Das fünfte Kind gelesen – und das lange vor der Zeit, zu der ich selbst Mutterschaft in Erwägung gezogen habe.

Meiner Ansicht nach setzt sich dieser Roman mit dem Folgenden auseinander: Mit den Ängsten der schwangeren Person, welche Persönlichkeit im eigenen Leib heranwächst, und auch den Schuldgefühlen, welchen Einfluss gerade diese Ängste und Befindlichkeiten auf diese doch ursprünglich unschuldige Persönlichkeit haben. Mit der Frage danach, ob Menschen tatsächlich als tabula rasa auf die Welt kommen oder „das Böse“ in ihnen, das Ausmaß eines möglichen antisozialen Wesens, vielleicht doch schon von der Biologie angelegt ist. Auch mit der Frage, wie sich Eltern gegenüber „schwierigen“ Kindern verhalten können, müssen oder sollten. Und: Mit dem gesellschaftlichen Tabu fehlender „instinktiver“ Mutterliebe.

Das sind allerdings alles nur kurze, notizenhafte Gedanken, da die Lektüre einerseits wie gesagt schon eine Weile zurückliegt und ich immer noch wenig Zeit habe (siehe Beitrag letzte Woche).

42/2019: Anita O’Day, 18. Oktober 1919

Aufgrund vorsehbarer (Herbstferien) und unvorhergesehener Ereignisse (gegebenenfalls später mehr) diese Woche nur etwas Musik von Anita O’Day. Biografie bitte bei Wikipedia lesen, Hörproben unten!

Anita O’Day: Fly me to the moon
Anita O’Day: Honeysuckle Rose
Anita O’Day beim Newport Jazz Festival 1958

sissi am strand

Kaiserin Elisabeth mit Nordsee-Blick
Inschrift

41/2019: Carolee Schneemann, 12. Oktober 1939

Die New Yorker Künstlerin Carolee Schneemann setzte sich schon im College mit der unterschiedlichen wechselseitigen Wahrnehmung des männlichen und weiblichen Körpers auseinander. Vor allem die unterschiedliche Wertung der weiblichen Eigenwahrnehmung und -betrachtung durchzieht als Thema ihre Werke: Wie der weibliche Körper als Objekt (männlicher) künstlerischer Betrachtung geschätzt, aber als Subjekt der (weiblichen) künstlerischen Wahrnehmung verpönt ist – diese Diskrepanz begegnete ihr in ihrer Ausbildung und wurde zu einem Thema ihres Schaffens. (In diesem Artikel vom Observer wird dieser Sexismus der Kunst anhand eines Memes sehr schön dargestellt; die darin erwähnte Analyse von John Berger – Ways of Seeing, Episode 2 – habe ich auch gefunden und empfehle die Sichtung!)

„Eine Malerin, die Leinwand verlassen habe, um den Raum der Gegenwart und gelebte Zeit zu aktivieren“ (Quelle: Wikipedia) nannte Schneemann sich selbst. Der Wikipedia-Eintrag ist ausführlich und lädt zu einer weiteren Beschäftigung mit ihrer Kunst (und der ihrer Kollaborateure und Beeinflusser) ein. Ich möchte mich auf nur vier Werke beschränken, die mich persönlich besonders interessieren oder berühren.

Fuses (explizit) ist eine filmische Collage, in der Schneemann Bilder ihrer selbst und ihres damaligen Partners James Tenney nackt und bei sexuellen Handlungen, in nicht-chronologischem Schnitt und mit künstlerischer, analoger Bildbearbeitung – immer wieder erscheint auch ihre Katze wie ein neutraler Beobachter des Gezeigten. Angestoßen zur filmischen Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper in der Kunst und beim Sex wurde Schneemann von Stan Brakhage und dessen Window Water Baby Moving (explizit), welcher künstlerisch bearbeitet eine Geburt zeigt. Mit Fuses setzte sich Schneemann mit der Frage auseinander, ob die Darstellung des eigenen sexuellen Aktes sich von Prongraphie und klassischer Kunst unterscheidet. Obwohl das Video nicht ausgesprochen „pornographisch“ ist, wurden ihr Zügellosigkeit und narzisstischer Exhibitionismus vorgeworfen. Schneemann selbst merkte an, dass die künstlerische Bearbeitung für viele Betrachter hinter dem expliziten sexuellen Inhalt zurücktritt.

Ein Malerei-Happening, bei dem sich Schneemann in ein Geschirr hängte, um sie umgebende Wände mit Wachsmalstiften zu bemalen, ist Up to and Including Her Limits. Auch hier die Beschäftigung mit den Begrenzungen und Beschränkungen des weiblichen Körpers in der Kunst.

Von Interior Scroll gab es zwei Ausgaben. Eine erste fand auf einer Kunstausstellung namens Women Here and Now statt, zu Ehren des Jahres der Frau der Vereinten Nationen 1975. Schneemann stand unbekleidet bis auf ein Tuch und eine Schürze auf einem Tisch und las aus ihrem Buch Cézanne, she was a great painter, während sie wechselnde Posen einnahm, wie sie in Übungsklassen zum Aktzeichnen üblich sind. Nachdem sie die Schürze ausgezogen hatte, zog sie eine fortlaufende Papierrolle aus ihrer Vagina, von der sie einen Text vorlas, der aus einem ihrer Experimentalfilme stammte. Sie wiederholte diese Performance zwei Jahre später auf einem Filmfestival, zu dem Brakhage sie eingeladen hatte, namens The Erotic Woman. Aus Protest gegen diesen eingrenzenden Titel verlas dieses Mal von der Papierrolle eine Unterhaltung mit einem ungenannt bleibenden Filmkritiker (welchen sie später als die Filmkritikerin Annette Michelson enttarnte), in welcher sie für ihre „weibliche“ Kunst kritisiert wird. Sie wollte mit dieser Performance „die unsichtbare, marginalisierte und zutiefst unterdrückte Geschichte der Vulva [physikalisieren], diese mächtige Quelle des orgasmischen Vergnügens, der Geburten, der Transformation, der Mesntruation, der Mutterschaft, um zu zeigen, dass sie kein toter, unsichtbarer Ort ist“. (Quelle: Hyperallergic.com, Forty Years of Carolee Schneemann’s „Interior Scroll“)

Eine Variation dieser Veräußerung des vaginalen Inneren ist übrigens Casey Jenkins‘ Casting Of My Womb.

Mit einem jüngeren Werk stieß Schneemann wiederum auf Sensibilität: Die Bilder von Terminal Velocity entstanden wenige Monate nach dem 11. September 2001. Schneemann scannte Zeitungsfotos von neun Menschen, die aus dem World Trade Center in den Tod sprangen, und zoomte mit digitaler Technik soweit in die Bilder, dass diese als Individuen in einer verzweifelten Situation begreifbar wurden. Kritik erntete sie dafür aufgrund der Möglichkeit, dass diese Personen auf den Bildern von ihren Angehörigen erkannt werden könnten und damit Leid verursacht würde.

Carolee Schneemann starb am 6. März dieses Jahres. Deutschlandfunk Kultur führte anlässlich ihres Todes ein Interview mit Sabine Breitwieser, die Schneemanns Kunst 2015 für das Museum der Moderne in Salzburg kuratierte.

40/2019: Brie Larson, 1. Oktober 1989

Brie Larson spielte in den frühen 2000er Jahren diverse kleinere Rollen in Filmen und Fernsehserien. Von 2009 bis 2011 spielte sie Toni Colettes Teenager-Tochter in der Serie Taras Welten (die ich bei der Recherche für diesen Beitrag gerade für mich bei unserem Streaming-Anbieter gefunden und sehr empfehlen möchte; Toni Colette gehört sowieso seit Muriels Hochzeit zu den Frauen*, die ich sehr verehre), 2010 in Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt (auch eine Empfehlung von mir), für ihre Rolle in Raum gewann sie 2016 mit 27 Jahren den Golden Globe und einen Oscar als beste Schauspielerin.

Im gleichen Jahr wurde bereits bekannt gegeben, dass sie die Rolle der Captain Marvel im gleichnamigen Film im Marvel Cineamatic Universe (MCU) spielen sollte. Als der 21. Film – und drittletzten der „dritten Phase“ der Infinity Saga um die Avengers, Thanos und die Infinity Stones – war dies der erste Film im Marvel-Universum, der sich allein um eine weibliche Superheldin dreht – und auch der erste, bei dem eine Frau an der Regie beteiligt war. Überhaupt soll es den Verantwortlichen (und Profitierenden) darum gegangen sein, möglichst viele prominente Positionen mit Frauen zu besetzen. Besser spät als nie, auch wenn dies durchaus den Unkern Recht zu geben scheint, dass Feminismus gerade eine Modeerscheinung sei.

Ich habe Captain Marvel noch nicht gesehen, habe es aber unbedingt vor. Der Nerd in mir interessiert sich auch für die Geschichte der Comicfigur – insbesondere für den Sandkasten-Streit zwischen DC und Marvel, der sich um Captain Marvell und Shazam dreht. Die von Larson dargestellte menschliche Erscheinungsfrom Captain Marvels, Carol Danvers, war bereits zu dem Zeitpunkt, als sie die Heldin der Comics wurde, nämlich in den 1970er Jahren, eindeutig eine Feministin, was sich einmal am Titel Ms. Marvel erkennen ließ wie auch daran, dass Carol Danvers in ihrer menschlichen Form für gleichen Lohn bei gleicher Arbeit eintrat.

Dennoch unterlag selbstverständlich auch Captain Marvel, wie alle Filme, in denen in jüngerer Zeit Frauen* als Action-Held:innen auftreten durften, den apoplektischen Attacken diverser vermeintlicher „wahren Fans“ und MRAs (sowie deren Anhänger). Damit hat es den meiner Meinung besten und wichtigsten Test aller feminstischen Film-Tests bestanden, nämlich den Furiosa-Test: Regen sich Männer im Internet darüber auf, dass der Film feministisch sei? Brie Larson reagierte selbst souverän auf diverse Beschwerden über sie und ihre Darstellung der mächtigsten Avenger-Figur. Eine eingehende Analyse des Films als feministische Anfeuerung liefert dieser Artikel in der Independent. Und auch meiner Kollegin im Filmlöwin-Rudel, Sophie Brakemeier, gefiel Captain Marvel. Von Brie Larsons erster Regie-Arbeit Unicorn Store war sie allerdings eher enttäuscht.