Kategorie: gesehen

immortals

tarsem singh, USA 2011
anlässlich der sichtung dieses finster-raphaelitischen gemäldes von einem film möchte ich mal über eine frau sprechen, deren arbeit im film, wenn man es weiß, unverkennbar und unabdingbar für die tarsem-ästhetik ist.
eiko ishioka ist die kostümbildnerin von tarsem singh für the cell, the fall, immortals und mirror, mirror gewesen. davor hat sie als kostümbildnerin schon coppolas bram stoker’s dracula optisch geprägt. davor hat sie paul schraders mishima – a life in four chapters ausgestattet. und bevor sie kostümbildnerin beim film wurde, hatte sie sich bereits in japan mit werbung und modedesign einen namen gemacht. leider ist sie anfang diesen jahres verstorben, wie ich bei der recherche bei der new york times lesen musste. kurze artikel zu ihr gibt es auch bei Wiki deutsch und Wiki englisch.
über jemanden, dessen lebenswerk so im visuellen besteht, will ich aber nicht weiter schreiben, lieber bilder teilen. nur kurz sei gesagt: wegen der phantastischen kostüme, aber auch der gesamten inszenierung, fand ich immortals unglaublich stark und die wirkung seiner bilder über seine dauer hinweg anhaltend. die liberal gehandhabte griechische mythologie beiseite, ist die merkwürdig tableauartige bildgestaltung, die mich manches mal an luxuriös ausgestattete bühnenbilder erinnerte, im nachhinein der einzig denkbare weg, mythologie, archtypen und kulturelle memes im film darzustellen. alles ist gewichtig und gravitätisch, mit einer unglaublichen wucht, die einem jedes einzelne jahr des pergamon-altars und des ischtar-tores auf die seele legt. mein mann ist da relativ d’accord, wie ich meine.

werbung für parco, idee und design von eiko ishioka:

kostüme und production design für mishima- a life in four chapters:

bram stoker’s dracula:


the cell:


the fall:


immortals:

partners

james burrows, USA 1982
auf die – wenigen – frauenfiguren im film will ich gar nicht eingehen, die sind sowieso nur den helden charakterisierendes beiwerk oder plot point. da es in dem film auch vor allem um homosexualität, homophobie und hetero-vorurteile geht, ist das völlig in ordnung.
aber eine szene fand ich für dieses blog sehr interessant. der unwillentlich in eine vorgetäuschte homo-beziehung gesteckte vollblut-hetero und weiberheld benson lässt sich zwecks ermittlung in einem mordfall von einem getäuschten und interessierten homosexuellen begrapschen. nicht nur sieht man ihn unter der objektifizierung sichtlich versteinern, seine erschütterung und seine äußerung in der anschluss-szene haben mir den film für den rest seiner laufzeit sympathisch gemacht (abgesehen davon, dass ich den vorwurf der homophobie nicht nachvollziehen kann).
leider kann ich das wortgetreue zitat nirgendwo finden. im prinzip äußert benson (gespielt von ryan o’neal) seine plötzliche und überwältigende einsicht, wie es sich für frauen anfühlen muss, beständig als freiverfügbares objekt gesehen zu werden, vielleicht sogar noch mit der erwartung, sich geschmeichelt fühlen zu sollen, wenn ungewollte berührungen stattfinden.
diese äußerung brachte ein neues gewicht in ein gespräch, das ich mit meinem mann darüber geführt habe, wie wenig männer verstehen können, was das leben als frau ausmacht. mich selbst hat eine wahrheit erst mit der geburt meiner tochter getroffen: dass ich sie nicht davor werde bewahren können, dass sie aufgrund ihres geschlechtes die erfahrung sexueller übergriffe machen wird. statistisch überhaupt nicht untermauert, bin ich überzeugt, dass jede frau in ihrem leben in irgendeiner form ein erlebnis hatte, in dem sie wegen und an ihrem geschlecht körperlich angegangen wird – die eine traumatisch, die andere in verkraftbarem maß. gemein ist allen frauen, dass ihre primären und sekundären geschlechtsmerkmale für männer offenbar freiwild sind, also ohne mit der authorität rücksprache zu halten zu erlegen gestattet. eine authorität über den weiblichen körper gibt es mithin nicht – ihre eigene bestimmungsgewalt darüber wird komplett negiert.
ich will und wollte nie leugnen, dass die herrschenden rollenklischees und -erwartungen auch heranwachsenden männern unangenehme erfahrungen bescheren. doch ich meine immer noch, es ist ein entscheidender unterschied zwischen den geschlechtern, wie sexualität dabei instrumenatlisiert wird – ich bin noch nicht ganz in der lage, den finger darauf zu legen. nur eins ist sicher: sexualität ist für frauen (und, wie der film partners zeigt, wohl auch für homosexuelle) kein ausschließlich angenehmer aspekt des lebens. sie ist nicht nur quelle der freude und lust – wie es im idealfall sein sollte – sondern immer auch eine verletzliche stelle, die es zu schützen und abzuschirmen gilt, die mit scham und schuld besetzt ist.
was es bedeutet, als person auf einen körper reduziert zu sein, der zur freien verfügung angesehen wie auch als mittel zum zweck eingesetzt wird, bringt diese szene schön auf den punkt.
mein mann nimmt darauf auch bezug.

zinda laash / da khwar lasme spogmay

im vor-urlaubs-heckmeck, em-trubel und jetzigem urlaubs-laissez-faire sind mir die ausstehenden einträge zur filmischen weltreise etwas entglitten. jetzt habe ich nur noch vage erinnerungen an das, was mir bei der sichtung durch den kopf ging… nun denn, die sache will’s.
kwaja sarfraz, pakistan 1967
selbstverständlich sind auch in der pakistanischen umsetzung von bram stokers dracula die frauen die vornehmlichen opfer des vampirs (interessant finde ich, dass das christlich-abendländische prinzip des gott-entsagens, das allen vampirgeschichten diesseits des urals zugrunde liegt, in pakistan – einem islamischen land, abgespalten von einem vornehmlich hinduistischen land – der vampirismus ein ergebnis der wissenschaft ist… aber das steht auf einem anderen blatt).
auch abgesehen davon bietet der film keine überraschungen, was frauen angeht – wenn man sich mit der kultur ein bisschen über den üblichen schleier-jungfrauenehe-unterwerfungs-tellerrand hinaus auseinandergesetzt hat. will sagen: eheleute und familien in pakistan sind nach diesem filmischen beispiel jedenfalls kaum von europäisch-christlichen zu unterscheiden. am stärksten vielleicht in ihrer tendenz, ihre freizeit und gesprächspausen mit gesangs- und tanzeinlagen zu füllen.
was mich zu der einen sache bringt, die ich tatsächlich bemerkenswert fand: die drei nymphomanen aus dem original sind in der pakistanischen umsetzung ersetzt durch die assistentin des vampirischen professors; in dieser funktion soll sie auch den pakistanischen jonathan harker verführen. sie tut dies mit einem teilweise deutlich provokativen tanz. das ist an sich noch keine große sache. was so schön daran ist: diese vampirin ist nach unseren von hollywood verzerrten körperbildern eigentlich mindestens zwei nummern zu üppig für diese bewegungen. da dies der erste pakistanische film war und die weiteren weiblichen opfer weder durch besondere fülle noch besondere verführungskünste auffallen, maß ich dem noch keine besondere bedeutung zu, außer eine gewisse vergnügtheit zu empfinden.
shenaz begum, pakistan 1997
und dann kam der katzenfrauen-rape&revenge-horror. mit einer frau als regisseurin und „haupt“darstellerin in personalunion. der film hat alles, was bollywood bietet und mehr. nein, ich habe nicht alles (eher: fast nichts) verstanden. nein, ein fest für die sinne war es nicht. nein, ich habe die 110 minuten nicht genossen. und nein, ich habe in diesem film nichts über die möglichkeit einer emanzipation gelernt. aber jedesmal, wenn eine frau auftrat, als katzenfrau oder mit der nächsten gesang- und tanzeinlage, waren es frauen mit kleidergröße 44+. oftmals fühlte ich mich an hairspray erinnert – sowohl im ausstattungsstil wie in der situation, dass sich ein „pummelchen“ so körperlich unbefangen, erotisch, frei und vergnügt bewegt. der ganze rest drumrum ist dann eigentlich egal: ich würde diesen film allen freundinnen ans herz legen, weil er zumindest während seiner dauer eine enthebung des ewigen dürren perfektionswahns mit sich bringt. der film bietet eine schlüssellochperspektive auf die berühmte welt ohne männer: lauter dicke, zufriedene frauen. so hat er sich einen platz in meinem herzen ergattert – einen kuschelig-plüschigen, mit herzkissen und pralinen-etagere ausgestatteten nischenplatz.
achso: mein mann hat natürlich auch ausführlich(er) über die beiden filme geschrieben.

tarkan viking kani

mehmet aslan, türkei 1971
wir haben es in diesem türkischen film aus den 1970er jahren mit sage und schreibe drei (in zahlen: 3) starken frauen zu tun! da sage noch einer was von rückständigkeit!
natürlich dreht sich die handlung nichtsdestotrotz um die männer, aber immerhin – vielleicht ist es dem „historischen“ setting geschuldet, dass in diesem film frauen kriegerisch, willenstark und gewieft auftreten dürfen, sozusagen als mittelalterliche exotinnen.
yonca ist die tochter von attila dem hunnenkönig, die in begleitung von tarkan durch die lande zieht. sie darf als sinnbild der wilden hunnen-frau auf gleicher ebene mit den hunnenmännern agieren. ursula ist die tochter des verratenen wikingerkönigs gero, die als sinnbild der ebenso wilden wikinger gemeinsam mit tarkan rache am hinterlistigen wikinger toro rache üben darf. und lotus ist die tochter des kaisers von china (ernsthaft!), die als exotischste exotin lehrt, dass ein mann immer vorsichtig sein sollte, wenn eine schöne frau aggressiv auf ein bettgeplänkel hinarbeitet.
insgesamt sehen wir: die stärke und qualität eines mannes wird vor allem durch seine tochter attestiert.
achja: eine ganze militärische abteilung an hun-türkischen frauenkriegern gibt es auch, die „jede den wert von 10 männern hat“, wie es einer behauptet. die gibt’s aber glaube ich hauptsächlich deswegen, damit nachher bei der demütigung durch die wikinger ordentlich fleisch zu sehen ist…
dass allerdings plüsch und bunte fummel alleine was für frauen sein sollen, wird ausnahmsweise nicht von diesem film behauptet. mein mann geht wie immer ins detail.
editorial: die jugos habe ich wie angekündigt übersprungen, den griechen auch – ich hatte die wahl zwischen telefonat mit meiner besten freundin und einem film, der rape is my hobby heißt… einen ersten türkischen film habe ich nicht wach überstanden. israel und iran sind schlicht hinten runter gefallen – ist ja auch nicht meine weltreise, ich mache das nur zum spaß (wobei iran für mich eigentlich interessant aussieht, aber naja). als nächstes ist pakistan dran: eine pakistanische umsetzung von bram stokers dracula ist schon interessant, aber ein pakistanischer katzenfrauen-rape&revenge-horror, da zittern mir die schnurrhaare vor spannung!

mirror mirror / moonrise kingdom

ein krasseres kontrastprogramm, stilistisch gesehen, für einen kinotag dürfte schwer werden, bei einer gewissen thematischen nähe. (obwohl, theatre bizarre vereint die wiederkehrenden themen frauen und tod innerhalb eines films mit 6 episoden bei noch größerer stilistischer spannbreite. also, with a grain of salt.)
tarsem singh, usa 2012
optisch kommt mirror mirror mit singh’scher grandezza daher, ganz wie erwartet. ein fest für die augen, auf jeden fall.
erzählerisch gesehen kann man durchaus einige schwächen anmerken, auch der humor ist an manchen stellen etwas über das zuträgliche maß albern, was in dem ausgesprochen ästhetischen rahmen umso krasser heraussticht.
schneewittchen ist ja schon im ursprung ein recht weiblich-dominiertes märchen (wenn ich meinen beitrag zu märchen von müttern und töchtern schon geschrieben hätte, könnte ich den jetzt hier verlinken…), in dem das freundliche wesen schneewittchens, von ihrer machtgierigen (stief-)mutter verfolgt, eine bande räuber zum guten bekehrt (ja, im original-märchen sind es keine zwerge, sondern ausgewachsene räuber – dieses detail vor-grimmscher erzählung wird in mirror mirror elegant konsolidiert. in der grimm-variante ist wohl der bedrohliche sexuelle aspekt der erwachsenen männer auf die harmlosen, quasi ungeschlechtlichen „zwerge“ geschrumpft, dem film gelingt auch in dieser hinsicht eine wesentlich modernere sichtweise). es ist an sich schon bemerkenswert, wie stark die verschiedenen charakteristika von frauen in jeder form des märchens im vordergrund stehen, während die männer auf reine instrumente reduziert sind – instrumente der macht, die von den geschickten händen der frauen geführt werden.
die frauen in mirror mirror sind jedenfalls modern, zu meiner zufriedenheit besteht der film auch den bechdel-test (zumindest mit den dialog-zeilen mindestens einer szene). die böse stiefmutter ist zwar, wie in jeder form des märchen, ein zerrbild der gealterten schönheit, der es nicht gelingt, würdevoll in den nächsten lebensabschnitt überzugehen, aber von julia roberts dargestellt kann man in ihr auch das opfer eines allumfassenden schönheitswahnes sehen, der es nur hübschen, jungen, knackigen frauen gestattet, beliebt zu sein. in dieser lesart pinkelt sich der film übrigens gekonnt selbst ans bein, denn wenn er etwas ist, dann schön – und in die glatte, strahlende schönheit eines tarsem-filmes passt keine schloddrige, fleckige haut. anyway, jedenfalls ist die kalte königin auch all das, was männer an starken frauen ablehnen: zielstrebig, ehrgeizig, wortgewandt, politisch geschickt. wenn ich zu lange über die böse königin nachdenke, schreibe ich mich noch in eine negative kritik des films…
schneewittchen wird zwar unpassenderweise beständig „schneechen“ gerufen, aber wenigstens wird es ihr gestattet, nicht nur schön zu sein. sie ist eben auch klug, warmherzig, tapfer und kämpferisch; dabei werden ihr keine unglaubwürdigen körperlichen kräfte angedichtet, sondern, wie es auch die räuberischen zwerge tun, darf sie ihre natürlichen eigenschaften geschickt zu ihrem vorteil nutzen. wenn dazu gehört, mit einem augenaufschlag vom nächsten degenangriff abzulenken, then so be it. man muss eben mit dem arbeiten, was man hat. wenigstens wird ihr als outfit für den aufenthalt im wald eine hose zugestanden.
und man kann wohl über mirror mirror nicht schreiben ohne von augenbrauen zu schreiben. ja, auch ich stutzte, als schneewittchen das erste mal ins bild kam. nichts mit bleistiftdünnen linien. nein, da bleibt tarsem dem schönheitsideal seiner heimat (der heimat seiner vorfahren?) treu: ausdrucksstark wäre das, was mir als erstes einfiele. dass auch mein blick dorthin wanderte und überhaupt dieses detail meine aufmerksamkeit erregte, sagt viel aus über die tiefsitzende prägung des vorherrschenden schönheitsideals: frauen sollten so wenig haare – an anderer stelle als dem kopf – wie nur irgendmöglich haben. im laufe des films normalisiert sich der anblick, und ich kann nur hoffen, er normalisiert sich nicht nur im rahmen des films. denn eins ist sicher: die ausgeprägten augenbrauen tun lily collins schönheit keinen abbruch (und ihrem talent sowieso nicht).
(von meinen ursprünglichen 7, gar 8 von 10 bin doch abgekommen. aber 6 von 10 dürften es schon sein. mir hat der film zumindest in dem rahmen gefallen, dass ich ihn mir gerne mit meiner eines tages 12jährigen tochter noch mal ansehe, wenn sie will.)
wes anderson, USA 2012
über moonrise kingdom will ich eigentlich nicht viele worte verlieren. ich gehöre zu den flammenden anderson-fans, denen lifestyle-vorwürfe und „artifiziell“-gerede gepflegt gestohlen bleiben können. für mich ist das, was anderson macht, ein vorsichtiges, zärtliches herantasten an die schmerzlich-süßen erinnerungen und empfindungen, die auch mir innewohnen; die ausstattung und garderobe seiner filme versetzt ihre erzählung in eine zeit der unschuld, die zurückhaltende schauspielführung lässt mir frei, meine eigenen gefühle zu erkunden – ohne jedoch leere projektionsfläche zu bleiben.
moonrise kingdom ist die warmherzige erzählung über die erste liebe zwischen zwei jugendlichen, die sich in ihrer jeweiligen welt verloren fühlen und halt beieinander finden. das großartige gelingen ist es, dass diesen beiden, obwohl es ein film eher für erwachsene ist, ganz und gar ihre würde gelassen wird, manches vielleicht witzig und rührend, aber nichts niedlich oder lächerlich ist. wer im übrigen bei der kuss-szene den „pädophilen-alarm“ auslösen will, der hat den schuss nicht gehört: eine kurze körperliche begegnung zwischen zwei heranwachsenden gleichen alters, die mit erfrischender normalität und unbefangenheit über sich sprechen und den rahmen ihres interesses ausprobieren, hat aus sich heraus nichts anstößiges, unanständiges oder „erotisches“ – das kann allein der betrachter hinein-sehen. kinder und jugendliche sind auch sexuelle wesen – das ist normal und natürlich, besonders in der beginnenden pubertät. es ist nur der verklemmte, verzerrte oder pervertierte blick der erwachsenen, der das problem ist.
unsere heldin jedenfalls ist ein gerade erblühendes mädchen mit allen unsicherheiten, die diese lebensphase mit sich bringt. sie ist allein zwischen den eltern, deren ehe gemäß ihrer dauer einige fühlbare scharten aufzuweisen hat, und den brüdern, die nur als geschlechts- und alters-homogene gruppe auftauchen und ihre wahrnehmung der erwachsenenwelt naturgemäß nicht teilen können. sie spürt die hilflosigkeit gegenüber der ungerechten, verheißungsvollen und bedrohlichen erwachsenenwelt als unkontrollierbar aufwallende aggression in sich toben, und als scheinbar einziges beispiel für eine gelebte beziehung hat sie nur die ehe ihrer eltern – klar, dass sie es ganz anders machen will und sich nach mehr sehnt, als das trostlose festsitzen ihrer mutter auf einer insel mit einem, der sie nicht versteht. im laufe des films reift sie zu einer starken und schönen jugendlichen heran, die casablancas ingrid bergman in nichts nachsteht.
wem die royal tenenbaums, die tiefseetaucher und darjeeling limited gefallen haben, der wird moonrise kingdom lieben. meine ersten worte nach dem film waren jedenfalls: „10 von 10“. (aber auch dieser film besteht den bechdel-test nur mit gutem willen…)

leptirica

djordje kadijevic, serbien 1973
die erste nachricht: auch im ehemaligen jugoslawien gibt’s vampire – allerdings stehen die speziell auf mehl und müller, sie verwandeln sich in schmetterlinge und nicht in fledermäuse und irgendwie können sie von körper zu körper wandern, selbst mit loch im bauch. die zweite: auch hier ist der vampir der vagina dentata eng verwandt.
das mädchen radojka ist der inbegriff ländlicher unschuld: offenes langes haar, weißes, besticktes kleid, kussmund und seidiger augenaufschlag. dies ist aber auch in den serbischen bergen einladung für die mysteriösen erscheinungsformen des bösen, sich ihr zu nähern und ihre unschuld zu korrumpieren. so ist das mädchen, das der bräutigam schon vor der hochzeit  vernaschen will, nicht nur schon unschön angebohrt, sondern droht auch, ihn ihrerseits zu vernaschen.
es bleibt sich also durch die kulturen gleich: vampirismus = bedrohliche sexualität. weiblicher vampirismus = männliche kastrationsangst. schön, wenn man auch in der fremde bekanntes findet.
editorial: ich habe tschechien leider verschlafen (sah aber wunderschön aus) und mir den rest jugoslawien gespart (im übertragenen sinne: mein mann ist herumgereist und ich habe am strand gelegen). zum tschechischen baron prásil hat er einige eindrücke gesammelt, leptirica ausführlich beleuchtet und weitere jugos folgen noch.

idi i smotri

elem klimov, udssr 1985
ich muss aus dem rahmen treten, denn über idi i smotri kann und will ich nichts sagen, was mit solchen kleinlichen begriffen wie geschlecht und gender zu fassen ist. tatsächlich will ich gar nicht viel sagen, denn ich kann es nicht.
bei den IMDB-reviews zu idi i smotri fallen die namen der beiden spielberg-WWII-filme saving private ryan und schindler’s list des öfteren. ich habe beide gesehen und bei beiden geweint – saving private ryan habe ich zugegebenermaßen auch nur zu einem guten drittel wirklich mit offenen augen gesehen. dennoch kann ich eines sicher sagen: diese beiden filme sind nichts im vergleich zu idi i smotri. denn beide beinhalten auf unvergleichlich us-amerikanische weise noch immer den funken hoffnung für die menschheit. saving private ryan mag in den tatsächlichen gefechtsszenen das realistischste sein, das je entstanden ist – doch er verbleibt in diesem technischen raum und seine grausamkeiten bleiben zu großen teilen den uniformierten kriegsteilnehmern zu erleiden. idi i smotri zeigt – mit weniger technischem als atmosphärischem einsatz – den absoluten, sinnlosen und endlosen wahnsinn, den der krieg für die menschen bedeutet. schindler’s list ist schon von der prämisse her  – zumindest im vergleich zu idi i smotri – ein feel-good-movie: schließlich ist die hauptfigur der beweis, dass in den schlechtesten zeiten menschen zu den besten versionen ihrer selbst werden können. idi i smotri hat keine gnade mit den menschen, nur die sicherheit, dass das grauen auch lange nach der tat bestand hat.
ich habe es leider nicht ausgehalten, idi i smotri bis zum ende zu sehen. abgesehen vom stress, der von der tonspur ununterbrochen auf mich einwirkte, fällt es mir weiterhin schwer, mich vom gesehenen zu trennen: alles passiert sozusagen in mir. zu wissen, dass die geschehnisse gefilmt sind, hilft nichts: sie bilden ja eine reale vergangenheit ab. zu wissen, dass es vergangene geschehnisse sind, hilft nichts: ähnliches geschieht immer noch, immer wieder, an anderen orten. mein mann stellte ganz richtig die frage: wie macht man nach einem solchen film weiter?

dikaya okhota korolya stakha

valerie rubinchik, weißrussland 1979

ein insgesamt wohltemperierter film, der die wilde zärtlichkeit der russischen seele, ihre zerrissenheit zwischen tradition und neuanfang, liebevoll und gemütlich einfängt.

leider sind die frauenfiguren dünn gesät und wenig aktiv. die russinnen – es sind ihrer ganze zwei – sind anämisch, ängstlich, wenn nicht sogar geistig verwirrt. zur handlung tragen sie eigentlich nicht – die figur der nadeshda janowska dient zwar der motivation des protagonisten andrej, trägt aber sonst nur zur atmosphäre des gespensterschlosses bei; dies gilt umso mehr für die andere weibliche person, die die bedrohung durch die wilde jagd des könig stach konkretisieren soll, indem ihre umnachtung auf ihn zurückzuführen ist.

das ist eigentlich schade, hat russland doch auch starke weiblichkeit in seiner geschichte… der man andererseits natürlich sodomie mit ihrem pferd andichten musste, um sie als person zu diskreditieren und damit sowohl ihre regierungsfähigkeit wie die normalität ihres sexuellen appetits in frage zu stellen.

die einsicht, dass der film übrigens in seiner gänze auch als metapher für den übergang russlands vom traditionellen zarismus zur revolution und dem folgenden sozialismus zu sehen ist, hatte so oder so ähnlich auch mein mann.

da wir uns nun in die filmisch unbekannteren regionen begeben, bin ich sehr gespannt, ob in der folge noch interessante frauenfiguren auf mich warten oder ob die eher noch weniger werden! sollte das der fall sien, habe ich die wahl zwischen kurzen texten oder freien assoziationen… reisen soll ja schließlich auch bilden.

zirneklis

vasili mass, lettland 1991
ich habe mal das gerücht gehört, dass nach freud arachnophobie bei frauen so weit verbreitet und ausgeprägt ist, weil spinnen ihnen in die vagina krabbeln könnten.
erstens bin ich sicher, dass freud sich gegen dieses gerücht ziemlich zur wehr setzen würde, wenn er könnte.
zweitens ist diese sorge bei zirneklis völlig unbegründet, weil die spinne hier so groß ist, dass es nur ihr – in diesem falle: sein penis ist, der der protagonistin in die vagina eher schlängelt als krabbelt.
ja, wir kommen in den zweifelhaften genuss einer sexszene zwischen einer frau und einer übermannsgroßen spinne. wer geglaubt hat, er hätte alles gesehen…
leider ist mir die genaue handlung aufgrund russischer tonfassung ohne untertitel großenteils unerschlossen geblieben und ich bin aufgrund kind wacht um 5:45 morgens auf zum ende hin eingeschlafen. von dem, was ich sah, muss ich auf eine diabolische manifestation als einem schmeerlappen von maler (mit zopf und lederblouson), der sich wiederum in eine spinne verwandeln kann, schließen, der eine zugegebenermaßen ausgesprochen hübsche lettische jungfrau zum opfer fällt. außer der tendenz zu durchsichtigen weißen klamotten und der anfälligkeit für visionen kann ich jedoch über diese lettin nichts wirklich sagen. aber der wein in lettland, der muss es in sich haben.
mein mann hat eine ausführlicher formulierte, allgemeinere ansicht zu dem film geäußert.

il portiere di notte

liliana cavani, italien 1974
was für ein unglaublich guter, spannungsreicher film. wie schon von meinem mann aufschlussreich erörtert, wirft er einen unverhohlenen blick auf den zusammenhang zwischen dem dritten reich und repressiver sexualität; dass die darstellung einer sado-masochistischen beziehung eines ausführenden nazis zu einer internierten von manchem als geschmacklos empfunden werden mag, ist durchaus nachvollziehbar.
wenn man sich jedoch sachlich von der empörung distanzieren kann und als gesetzt annimmt, dass die opfer der naziverfolgung mit sicherheit keinen genuss an ihrer situation empfanden, andererseits aber unmenschliche verhältnisse ihre auswirkungen auf opfer und täter haben, kann man vor allem in der figur der lucia – zumindest im rahmen des einverständlichen machtgefälles einer dominant-submissiven beziehung – einiges über die macht des opfers und das ausgeliefert-sein des täters erkennen.
lucia erscheint uns in den ersten szenen – ganz natürlich – als verschrockenes reh, das ihrem ehemaligen peiniger wieder gegenübersteht, und wir lassen uns von ihrer zerbrechlichkeit und unwilligkeit, wien zu verlassen, dazu verführen zu glauben, sie wolle sich an max rächen. diese erwartung an die missbrauchte frau wird jedoch jäh enttäuscht in der szene, in der max sie auf ihrem zimmer aufsucht und sich die vorherigen begegnungen als verführerisches katz-und-maus-spiel entpuppen.
lucias erwachende sexualität wurde von max auf die wechselbäder der anbetung und degradierung geprägt, auf die verquere und doch schlüssige abfolge der fürsorglichen überhöhung und umso lustvollerer erniedrigung. sie gibt sich nun ohne zwang wieder in diese beziehung und im laufe des films, besonders in ihrer hocherotischen gesangseinlage, wird klar, dass dies nicht nur daran liegt, dass sie es so gelernt hat. sie begibt sich in die rolle des opfers zurück, weil sie sich ebenso wie max an ihrer macht berauscht: an der macht des opfers. ohne sie ist max nur der seine scham im dunkeln versteckende nachportier. mit ihr und nur mit ihr kann er die seiten seiner selbst ausleben, für die er sich schämt, von denen er jedoch auch weiß, dass er sie weder leugnen noch weg-rationalisieren kann.
im weiteren verlauf des films sehen wir lucia als raubkatze, die sich nicht festketten lässt, jedoch bleibt, wenn sie jederzeit gehen kann. als willensstarke liebhaberin, als launische gespielin. vor allem aber als verführerische fetischfigur in männerhosen mit hosenträgern über den nackten brüsten, lederhandschuhen und nazi-insignien, die in bester marlene-manier singt: „wenn ich gar zu glücklich wär‘, hätt‘ ich heimweh nach dem traurigsein“. man spürt, dass die männer im raum wohl ihre phallussymbole beherrschen mögen, lucia jedoch beherrscht die phalli.
es ist das bittersüße der genussvollen hingebung, die die absolute kontrolle über den anderen beinhaltet, die diese frau echt und eine identifikation möglich macht. von der voyeuristischen schalheit der sexploitation weit entfernt, ist es liliana cavani gelungen, opfer und täter in ihren rollen zu beleuchten, zu spiegeln und ihnen dabei ihre würde zu lassen.
unbedingt unvoreingenommen anschauen! die zärtlich-tragischen letzten minuten allein sind es wert.

WEG MIT
§218!