Kategorie: Kalender

48/2019: Emma Morano, 29. November 1899

Emma Morano wurde als ältestes von acht Kindern kurz vor dem Ende des 19. Jahrhunderts in einem Dorf in Piemont geboren.

Mit 19 Jahren litt sie an Anämie und ihr Arzt empfahl ihr, jeden Tag zwei Eier zu essen – roh oder gekocht. Daran hielt sie sich zeit ihres Lebens. Als sie 26 war, heiratete sie, ihr einziges Kind kam elf Jahre später auf die Welt und starb in den ersten Monaten. Ihr Ehemann schlug sie und sie warf ihn ein weiteres Jahr später hinaus.

Morano arbeitete in einer Jutefabrik und später in der Küche eines katholischen Internats, bis sie sich mit 75 Jahren zur Ruhe setzte.

Als am 12. Mai 2016 die US-Amerikanerin Susannah Mushatt Jones starb, wurde Emma Morano die älteste noch lebende Person der Welt und die letzte noch lebende Person, die nachweislich vor Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurde.

Sie war eine von den 15 Personen, die das 116. Lebensjahr erreichten, und zum Zeitpunkt ihres Todes am 15. April 2017 eine von 6, die das 117. Lebensjahr erreichten. Danach war Violet Brown aus Jamaika die älteste Person der Welt, seither abgelöst von mehreren Frauen aus Japan, USA, Frankreich und den Niederlanden.

Wie so oft liegt auch bei Emma Morano das Geheimnis eines langen Lebens nicht unbedingt in einer sehr gesunden Ernährung oder einem anderweitig übermäßig vorsichtigen Lebenswandel. Laut eines Artikels in USA Today, anlässlich es Todes von Mushatt Jones, gehörten rohe Eier weiterhin in die an Obst und Gemüse arme, sehr repetetive Diät von Morano. Ihr Arzt vermutet wenig überraschend eine genetische Komponente – viele der Frauen in Moranos Familie waren sehr langlebig, eine ihrer Schwestern wurde 102. Höchstens ihr sehr regelmäßiger Tagesablauf ließe sich anführen, sie ging jeden Tag vor 19:00 ins Bett und stand am nächsten Morgen vor 6:00 auf. Das und: Sie lebte nach der Trennung von ihrem Ehemann 79 Jahre lang allein.

47/2019: Marianne Breslauer, 20. November 1909

Marianne Breslauer begann mit 18 Jahren ihre Ausbildung als Fotografin an der Photographischen Lehranstalt Lettehaus, weil sie zwei Jahre zuvor eine Ausstellung der Riess besucht hatte und sich seither für diese neue Kunstrichtung begeisterte. Mit 20 schloss sie diese Ausbildung mit einer Gesellenprüfung (bzw. Gehilfenprüfung) ab; sie nahm im selben Jahr mit ihren Bildern an einer Ausstellung in Stuttgart teil und ging anschließend nach Paris.

Dort entwickelte sie sich von den festen handwerklichen Regeln der Portraitfotografie, die sie in ihrer Ausbildung erlernt hatte, weiter hin zu den innovativen Ideen des Neuen Sehens, auch der Impressionismus nahm Einfluss auf ihre Bilder. Über eine Freundin wurde sie kurzfristig Schülerin von Man Ray, doch der riet ihr, mit ihren Fähigkeiten ihren eigenen Weg, unabhängig von ihm, zu gehen.

Bei einer Anstellung in einem Berliner Fotoatelier erlernte sie die Entwicklung und Negativvergrößerung, bis in die 1930er Jahre konnte Breslauer ihre Bilder erfolgreich an diverse Zeitungen und Magazine verkaufen. 1931 erschloss sie sich mit einer Reise nach Palästina auch das Gebiet der Reisereportage, etwa mit Annemarie Schwarzenbach über die spanischen Pyrenäen. Doch Breslauers jüdische Herkunft wurde bei Veröffentlichungen in Deutschland zum Problem. Sie weigerte sich, ihre Bilder unter einem Pseudonym erscheinen zu lassen und ging 1933 schließlich, ohne festen Wohnsitz, ins Ausland. Erst 1936 ließ sie sich mit ihrem Ehemann, dem Kunsthändler Walter Feilchenfeldt, in Amsterdam nieder, die Fotografie gab sie auf zugunsten des Geschäfts, das sie mit ihrem Mann betrieb. Die beiden befanden sich mit ihrem neugeborenen ersten Sohn in der Schweiz, als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, und sie blieben dort in verhältnismäßiger Sicherheit. 1944 bekamen sie einen zweiten Sohn, nach Kriegsende gründeten sie ein Kunsthandelsunternehmen. Als Walter senior 1953 starb, übernahm Marianne Breslauer Feilchenfeldt das Geschäft zunächst alleine, sie wurde die erste Frau, die sich erfolgreich in dem (natürlich) männerdominierten Metier behauptete. Später stieg ihr ältester Sohn mit in das Unternehmen ein.

In den 1980er Jahren wurden Breslauers Arbeiten von der Kunstszene wiederentdeckt. Nachdem sie 2001 starb, ging ihr Nachlass an die Fotostiftung Schweiz; auf deren Seite findet sich auch eine ausführliche Biografie mit einigen Bildern. Zur Ausstellung Marianne Breslauer – Unbeachtete Momente, die die Berlinische Galerie 2010 zeigte, schrieb die Jüdische Allgemeine einen Bericht mit kritischer Perspektive.

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46/2019: Wendy Carlos, 14. November 1939

Wendy Carlos wurde in eine Arbeiterfamilie mit musikalischem Talent geboren, ihre Mutter spielte Klavier und sang, ein Onkel spielte Posaune. Wendy selbst lernte das Klavierspiel und kompinierte mit sechs Jahren ihr erstes Stück. Gleichzeitig interessierte sie sich für die frühe Informatik, mit vierzehn gewann sie ein Stipendium, indem sie eigenhändig einen Computer baute. Mit 23 machte sie einen ersten Abschluß in Physik und Musik an der Brown University und ging anschließend and die Columbia University, wo sie ihren Master in Komposition machte. Während des Studiums schrieb sie bereits die Musik für einige Studentenfilme und assistierte Leonard Bernstein während eines Abends für elektronische Musik in der David Geffen Hall. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete sie in einem Tonstudio.

In dieser Zeit traf sie zwei Menschen, mit denen sie erfolgreich zusammenarbeiten sollte. Robert Moog hatte sich bereits mehrere Jahre mit Thereminen und elektronischer Klangerstellung befasst (Höhepunkt seines Lebens soll es gewesen sein, das Theremin von Clara Rockmore reparieren zu dürfen). Moog hatte mit der Konstruktion seines Synthesizers begonnen, Wendy Carlos assistierte ihm und machte ihm hilfreiche Vorschläge. Sie komponierte Werbejingles und nahm Soundeffekte auf der Moog auf, für eine Veröffentlichung, in der sie die technischen Möglichkeiten des neuartigen Instruments vorstellte, wurde sie zu großen Teilen in Materialien von Moog entlohnt.

Für einen Einblick in die Geschichte und technische Komplexität des Moog Synthesizers empfehle ich das unten geteilte Video (Englisch).

Die andere langjährige Freundschaft und musikalische Partnerschaft, die Wendy Carlos während ihrer Zeit an der Columbia University begründete, war die zu Rachel Elkind. Die beiden teilten eine Wohnung, ein Studio und Geschäftsräume und arbeiteten gemeinsam an Carlos‘ Musik, bis Elkind 1980 mit ihrem Mann nach Frankreich zog. Elkind war die Stimme, die Carlos für ihre Arbeiten in ihrem Vocoder verfremdete; Carlos war stets der Ansicht, dass Elkinds Beitrag zu ihrer Musik unterschätzt wurde.

Bereits 1967 entstand die Idee, Kompositionen von Johann Sebastian Bach auf einem Synthesizer zu spielen. Dank eines Labels, das eine Verkaufskampagne unter dem Slogan „Bach to Rock“ gestartet hatte, ohne Bach in seinem Programm zu führen, kamen Carlos und Elkind mit dieser Idee zu einem Vertrag, der bis in die 1980er laufen sollte. Die Umsetzung war mit großer Mühe verbunden, da ein Moog Synthesizer stets nur einen Ton zur Zeit spielen konnte – wer erstens die Kompositionen von Bach und zweitens die Technik der Moog Synthesizer kennt (siehe Video oben), bekommt einen Begriff davon, was diese Aufgabe bedeutete. Als das Album Switched-on Bach schließlich 1968 auf den Markt kam, wurde es ein unerwarteter Erfolg. Es hielt sich auf Platz Eins der klassischen Alben in den Vereinigten Staaten von Januar 1969 bis Januas 1972. 1970 gewann es einen Grammy Award, vor allem aber rückte es den Synthesizer als ernstzunehmendes Instrument in ein neues Licht. Der Erfolg des Albums ermöglichte Carlos den Umzug in Elkinds Appartment in New York City.

Nach dem Bach-Album erhielt Carlos zwei Angebote für Filmmusik, eines davon 1971 der Soundtrack zu Stanley Kubricks Uhrwerk Orange. Aus dieser Arbeit gingen zwei Alben hervor, das Soundtrack-Album zum Film sowie eine Veröffentlichung Carlos‘ mit von ihr komponierten Stücken, die nicht im Film verwendet wurden. 1980 arbeitete Carlos wieder mit Kubrick zusammen, für die Musik zu Shining. Obwohl Carlos hierfür einige Stücke komponierte, nutzte Kubrick nur zwei, die Carlos und Elkind zugeordnet werden können.

Nachdem Elkind nach Frankreich gegangen war, schloß sich Carlos wiederum privat und beruflich mit einer Frau zusammen, Annemarie Franklin. Mit ihr gemeinsam entstand zwischen 1980 und 1982 der Soundtrack zu Tron. Im Anschluss an diese dritte Arbeit mit großen Unternehmen ging Carlos einen Vertrag mit einem kleinen Musiklabel ein, um eigene Projekte zu verfolgen. Schon zwischen den publikumsträchtigen Arbeiten am Film hatte sie verschiedene klassische Werke als elektronische Interpretation veröffentlicht, unter anderem basierend auf Bachs Wohltemperiertem Klavier. In den 1980er Jahren experimentierte Carlos nun selbst mit Intonation, Oktaven und Stimmungen, was in in vier mikrotonalen Tonleitern resultierte, die Carlos Harmonisch, Alpha, Beta und Gamma nannte. Diese verwendete sie auf ihrem Album mit eigenen Kompositionen, The Beauty in the Beast.

Eine ziemlich atemlose, aber faszinierende Erläuterung dieses musiktheoretischen Aspekts von Wendy Carlos‘ Werk liefert das folgende Video.

1988 schuf Carlos eine Parodie von Prokofjews Peter und der Wolf in Zusammenarbeit mit Weird Al Yankovic. Auch in den 1990er Jahre und bis heute blieb Carlos in der elektronischen Musik tätig, schrieb Filmmusiken und veröffentlichte weitere Alben.

Bei ihrer Geburt wurde Wendy Carlos aufgrund der Physiognomie das männliche Geschlecht zugewiesen (AMAB) und sie wurde Walter genannt (diesen alten Namen, der das zugewiesende Geschlecht ausweist, bezeichnen trans*Personen als dead name). Schon mit sechs Jahren empfand sie diese Zuschreibung als fehlerhaft. Als sie als junger Mensch nach New York kam, hörte sie zum ersten Mal von transgender*Identität, 1968 begann sie nach einer Therapie bei Harry Benjamin mit Hormongaben zur Geschlechtsumwandlung. Doch noch bis in die 1970er Jahre litt sie unter Geschlechtsdysphorie, trat nicht gerne öffentlich auf und versuchte ihre weiblichen Merkmale bei großen Veranstaltungen zu kaschieren. Der kommerzielle Erfolg von Switched-on Bach erlaubte ihr die kostspielige chirurgische Geschlechtsangleichung. Ende der 1970 machte Carlos ihre trans*Identität in Interviews im Fernsehen und dem Playboy bekannt. Sie stellte fest, dass die Reaktion der Öffentlichkeit weniger negativ ausfiel als befürchtet, bishin zur Gleichgültigkeit – ihr „Versteckspiel“ habe sich als monströse Zeitverschwendung herausgestellt, bemerkte sie 1985 (Quelle: Wikipedia).

Wie auch die oben geteilten Clips kommentiert auch das zeitgenössische Video des BBC Two von 1989 ihre trans*Identität in keiner Weise. So einfach kann es sein.

Ihr Privileg als erfolgreiche weiße Künstlerin spielt bei dieser Erfahrung mit Sicherheit eine Rolle. Gewalttaten gegen trans*Personen, insbesondere schwarze trans*Frauen, werden noch immer zu häufig begangen und noch immer zu häufig werden die Opfer medial falsch gegendert und die Transphobie als Motiv verschwiegen. Dazu führt die Human Rights Campaign eine jährliche Liste und auch bei uns nehmen Gewalttaten gegen Queerfolk zu. In der Gesellschaft ist weder das Verständnis noch die Akzeptanz von trans*Identität so angekommen, wie es wünschenswert wäre. Gerade saß etwa Diana O. – vom Gesetz offiziell als Frau anerkannt – bis Anfang November in einem Männergefängnis ein. Sie wurde wegen Verdachtes auf Drogenbesitz festgenommen, ihre Papier weisen sie als Frau aus, doch weil sie (noch) keine geschlechtsangleichende Operation des Unterleibs hat durchführen lassen, wurde sie in U-Haft in der Männerabteilung festgehalten.

Es war ein schöner Zufall, dass ich Wendy Carlos als Musikerin, die auch meine Kindheit mit beeinflusst hat (Switched-on Bach stand im elterlichen Plattenregal und gehörte zu meinen Favoriten), gerade während der Transgender Awareness Week vorstellen konnte. Ihr Werk als Künstlerin steht im Vordergrund, doch ist ein willkommener Anlass, auf die Tatsache hinzuweisen, dass trans*Identität keine Modeerscheinung der heutigen Jugend ist, sondern zur Geschichte der Menschheit – und zur Kunstgeschichte – gehört.

45/2019: Barbara Liskov, 7. November 1939

Barbara Liskov, geboren in Los Angeles, studierte an der University of California, Berkeley Mathematik als Haupt- und Physik als Nebenfach (als eine von zwei Frauen im Jahrgang). Mit ihrem frisch erworbenen Bachelor-Grad bewarb sie sich 1961 an der gleichen Universität sowie in Princeton für ein vertiefendes Studium (graduate) in Mathematik. Princeton akzeptierte zu dieser Zeit noch keine weiblichen Studentinnen, in Berkeley hätte sie das Studium fortführen können, doch – wie sie im Video unten sagt – fühlte sie sich noch nicht bereit dafür, und entschied sich stattdessen dafür, sich eine Stelle zu suchen. Obwohl sie „nicht einmal wusste, dass es Computer gab“, wurde sie als Programmiererin eingestellt – da es in diesen frühen Zeiten der Comput-er noch keine Programmierer mit abgeschlossenem Studium gab, wurde jede:r, di_er das geringste Interesse oder Talent zeigte, für diese Tätigkeit eingestellt.

Sie wurde damit beauftragt, ein Programm in FORTRAN zu schreiben, was sie erfolgreich ausführte. Im Laufe eines weiteren Projekts beschloss sie, in diesem Bereich ihr Studium weiterzuführen. In ihren eigenen Worten (s.u.): „Ich stellte fest, dass ich einen Bereich gefunden hatte, der mir wirklich gefiel, und in dem ich wirklich gut war. (…) Ich hatte mir alles selbst beigebracht und obwohl ich sehr schnell lernte, dachte ich, ich könnte noch viel schneller lernen.“

Sie ging nach Stanford und war eine von wenigen, die dort in Studienfach der IT in diesem Jahr zugelassen wurden. Sie schrieb ihre Doktorarbeit dort über die Endspiel-Phase in Schach-Computerspielen. Nach Erlangen ihres Doktortitels schritt sie im Bereich der Informatik stetig weiter voran, war an der Entwicklung mehrerer Progrmmiersprachen beteiligt (CLU und Argus) und arbeitete an „objekt-orientierten Programmierungen“. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Jeannette Wing formulierte sie 1987 das nach ihr benannte Liskovsche Substitutionsprinzip. Das Kreis-Ellipse-Problem erläutert lebensnah(er), was genau die Problemstellung und die Lösung sind.

2008 erhielt Liskov für ihre Arbeit in diesem Bereich den Turing Award, sie erhielt außerdem 2004 die John-von-Neumann-Medaille und 2018 den Computer Pioneer Award. Sie erhielt den Ehrendoktortitel der ETH Zürich und ist Mitglied der National Academy of Engineering, Sciences und Arts and Sciences.

Im TED-Talk, den ich hier unten eingebettet habe, erzählt sie sehr anschaulich von ihrer eigenen beruflichen Entwicklung und der der Technik, nicht ohne den einen oder anderen Hinweis auf das Sexismus-Problem in ihrer Branche und der Welt im Ganzen.

44/2019: Lois McMaster Bujold, 2. November 1949

Die Science-Fiction- und Fantasy-Autorin Lois McMaster Bujold hält den Rekord, den Hugo Award für den besten Roman viermal gewonnen zu haben, und zieht damit gleich mit ihrem Kollegen Robert A. Heinlein.

Besonders bekannt ist ihre inzwischen 19-teilige Reihe, die Vorkosigan-Saga, in der allein drei Bücher mit der Hugo Award ausgezeichnet wurden. Diese Science-Fiction-Saga spinnt Bujold um den kleinwüchsigen interstellaren Spion und Söldner Mike Vorkosigan. Die Romane schrieb Bujold nicht in chronologischer Reihenfolge, noch wurden sie in der Abfolge veröffentlicht, in der sie geschrieben wurden. Vielmehr schuf Bujold eine ganze Welt um die Vorgeschichte und Entwicklung des Helden, in der sie sich mit Liebe und Beziehung, aber auch der möglichen Technik und Wissenschaft einer interstellaren Zukunft in 1000 Jahren auseinandersetzt.

Der zweite Teil ihrer Fantasy-Trilogie Curse of Chalion, Paladin der Seelen, gewann neben dem vierten Hugo Award auch noch den Nebula Award und den Locus Award – diese letzteren beiden Preise gewann auch ihr Kurzroman innerhalb der Vorkosigan-Saga Die Berge der Trauer.

39/2019: Elisabet Boehm, 27. September 1859

Elisabet Boehm kam in Ostpreußen zur Welt, der Region, deren nördlicher Teil heute zu Litauen, der südliche zu Polen gehört, rund um die russische Exklave Oblast Kaliningrad, früher Königsberg. Ihr Vater war Gutspächter und Reichstagsabgeordneter; mit 21 Jahren heiratete Elisabet Gustav Boehm. Nach einer Kindheit auf dem Land und 18 Jahren Ehe mit einem Gutsbesitzer gründete sie 1898 mit 15 Frauen* den ersten landwirtschaftlichen Hausfrauenverein in Garbno (dt. Lamgarben), ihrem heimatlicher Weiler nahe ihrer Geburtsstadt Ketrzyn (dt. Rastenburg).

Die Beweggründe dafür waren fortschrittliche: Sie wollte die weibliche* Einflussnahme in der Landwirtschaft organisieren, den Frauen Zugang zu Bildung verschaffen und so ihre Lebens- und Arbeitsverhältnisse verbessern. Auch eine höhere Anerkennung der haushaltlichen Tätigkeiten der Frauen* als Arbeit, ihrer Leistungen als Mütter und Mitarbeitende im landwirtschaftlichen Betrieb gehörte zu ihren Zielen.

Offensichtlich traf sie mit ihrem Bestreben nach Vernetzung und politischer Teilhabe den Nerv der Zeit, bei vielen Frauen in ähnlicher Lage wie sie. 1905 wurde sie Vorsitzende des ostpreußischen Landesverbands, 11 Jahre später übernahm Boehm die Leitung des Reichsverbands landwirtschaftlicher Hausfrauenvereine (nicht zu verwechseln mit dem Reichsverband deutscher Hausfrauen!), der bis zum Jahr 1933 auf 25 Landes- und Provinzialverbände mit an die 2.500 Kreis- und Ortsvereinen angewachsen war. Der Verein betrieb das eigene Presseorgan „Land und Frau“, Elisabet Boehm arbeitete mehrere Jahre an der Fachzeitschrift „Die deutsche Frauenarbeit“ mit. Als die Organisation 1934 von der NSDAP in den Reichsnährstand eingegliedert wurde, belief sich die Mitgliederzahl auf über 100.000 Mitglieder.

Elisabet Boehm starb mit 84 in Halle. Nach dem Zweiten Weltkrieg formten sich bereits 1947 die ersten Landfrauenverein neu. Im Oktober 1948 wurde dann der bis heute bestehende und aktive Deutsche LandFrauenverband (dlv) gegründet. Er besteht aus 22 Landesverbänden mit etwa 500.000 Frauen in den kleineren Kreis- und Ortsvereinen. Von der ursprünglich angesprochenen Bäuerin hat sich die aktuelle Mitgliederstruktur auf vielseitige Berufsfelder ausgebreitet; die Zielsetzung, berufsständische Interessen vertreten zu sehen, die soziale, wirtschaftliche und rechtliche Situation von Frauen zu verbessern und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie voranzutreiben ist den vernetzten Frauen gemein.

Ähnlich wie der DHB ist der dlv ein Beispiel für das nachvollziehbare Bedürfnis von Frauen Teil eines Berufsstände übergreifenden Netzwerkes zu sein und die Möglichkeit gesellschaftlicher und politischer Teilhabe zu schaffen. Elisabet Boehm – die sich auch dafür einsetzte, dass Frauen in den Landwirtschaftskammern wählen und gewählt werden konnten – hörte schon vor 1900 den inneren Ruf „Bildet Banden!“ Sicher weniger aufgrund einer biologischen Neigung der Frauen* zu sozialer Aktivität als in der sozialen Isolation begründet, in die ein patriachalisches System viele Frauen* zwingt, wusste sie, dass wir in der Gemeinschaft und Solidarität unsere Stärken entfalten können.

38/2019: Henriette Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel, 19. September 1669

Die gute Henriette Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel dient mir diese Woche als freundliche Erinnerung daran, dass wir als Menschen fehlbar sind. Ich stelle sie ohne Häme vor, schlicht als Beispiel dafür, dass auch diejenigen, die unter den besten Voraussetzungen anfangen und sich unter dem Schutz einflussreicher Persönlichkeiten selbst zu einflussreichen Persönlichkeiten entwickeln, menschliche Schwächen haben. Dass auch diese Personen, die politisch und wirtschaftlich planvoll agieren, gleichzeitig privat nach begehrlichen Impulsen handeln und sich damit selbst ein Bein stellen können.

Die Tochter des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel bekam bereits mit 12 Jahren den Unterhalt für Kanonissen des Reichsstift Gandersheim. Sechs Jahre später wurde sie offiziell in das Amt der Kanonissin eingeführt, sie lebte allerdings nicht im Stift. Als fünf weitere Jahre später die Äbtissin Christina zu Mecklenburg starb, wurde dank der Einflussnahme ihres Vaters Henriette Christine zu deren Nachfolgerin gewählt.

Die Positionierung seiner Tochter als Führung der kirchlichen Einrichtung hatte für den Herzog diverse Vorteile. Henriette verfolgte die Interessen ihres Vaters im Amt, traf jedoch auch einige Entscheidungen, die das Stift, dem sie nun vorstand, in Ansehen und Ertrag wesentlich voranbrachte. Religiös war sie wie ihr Vater zunächst Anhängerin des Pietismus, doch möglicherweise weil es sich politisch als sinnvoll erwies, wandte er – und sie ebenfalls – sich dem Katholizismus zu.

Henriette Christine war als Äbtissin des Stiftes ausgesprochen erfolgreich, bis ihr die menschliche Natur dazwischen kam. 1712, mit 42 Jahren, gebar sie überraschend einen Sohn, wohl gezeugt vom ehemaligen Hofrat ihres Vaters, der im Stift zunächst als Stiftshauptmann und schließlich als Abteihofmeister angestellt war. Zwar stand sie einem „kaiserlich freien weltlichen Reichsstift“ vor – war also keine Nonne oder klösterlichen Regeln unterworfen – aber gemäß der Anforderung an Stiftsdamen war sie selbstverständlich unverheiratet. Die Geburt eines Kindes als Beweis für einen unehelich vollführten Zeugungsakt war also nichtsdestotrotz ein Skandal.

Henriette Christine musste nach Bekanntwerden ihres Fehltritts als Äbtissin zurücktreten. Sie konvertierte vollständig zum Katholizismus und ging in ein katholisches Stift in Roermond, wo sie den Rest ihres Lebens als einfache Stiftsdame verbrachte. Sie starb dort mit 83 Jahren.

Der Vater des Kindes ging nach Sachsen ins Exil. Was aus dem Jungen wurde, ist unbekannt.

37/2019: Greta Klingsberg, 11. September 1929

Greta Klingsberg wurde in Wien geboren und von dort mit 13 Jahren, im Jahr 1942, von den Nationalsozialisten in das KZ Ghetto Theresienstadt deportiert. In Theresienstadt spielte sie bis zu ihrer Deportation in das KZ Auschwitz die Hauptrolle in der Kinder-Oper Brundibár.

Diese Oper war ursprünglich 1938 für einen Wettbewerb der tschechoslowakischen Regierung entstanden, das Libretto stammte von Adolf Hoffmeister, der nach der Besetzung der Tschechoslowakei 1939 ins Exil ging. Der Komponist Hans Krása konnte bei seiner Deportation nach Theresienstadt den Klavierauszug retten und schrieb von dieser ausgehend die gesamte Partitur erneut nieder. Nach den zwei heimlichen Aufführungen in einem jüdischen Waisenhaus in Prag 1941 wurde Brundibár am 23. September 1943 zum ersten Mal im KZ Theresienstadt aufgeführt und im Anschluss weitere 55 Male gespielt. Während Musik und die Geschichte um einen bösen Leierkastenmann, der durch den gemeinschaftlichen Einsatz mehrerer Kinder vertrieben werden kann, den Kindern im Ghetto wohl etwas Heiterkeit und Hoffnung gab, waren die Bedingungen schwierig: Regelmäßig wurden bisherige Darsteller und Mitwirkende in andere Konzentrationslager deportiert, wo die meisten von ihnen ermordet wurden. Auch Hans Krása starb in 1944 in Auschwitz.

Besonders perfide ist die Verwendung einiger Aufnahmen der Kinderoper im Film Theresienstadt. Dieser wurde – wahrscheinlich, um im Ausland den Massenmord und die unmenschlichen Lebensverhältnisse in den Ghettos und Lagern zu verschleiern – von August bis September 1944 im Ghetto Theresienstadt gedreht. Eine Delegation der dänischen Regierung und des internationalen Roten Kreuzes hatten zuvor das Ghetto besucht, wofür schon tausende der Bewohner in andere Vernichtungslager verbracht wurden und eine Fassade humaner Zuständer geschaffen worden war. Einige Einblicke in den Propaganda-Film gibt der SpOn Artikel darüber.

Auch die Mitwirkenden des Films Theresienstadt, darunter Regisseur Kurt Gerron und einige prominente Bewohner der Ghettos, wurden nach Abschluss der Dreharbeiten zu ihrer Ermordung nach Auschwitz gebracht. Von den Darsteller:innen aus Brundibár überlebte neben Greta Klingsberg noch Ela Stein-Weissberger, die die Katze im Stück spielte.

Klingsberg wurde ebenfalls nach Auschwitz deportiert, kam von dort jedoch über das KZ Flossenbürg (dort war sie im Außenlager Oederan in Zwangsarbeit tätig) wieder nach Theresienstadt. Nachdem Theresienstadt durch die Alliierten befreit worden war, ging sie über London nach Jerusalem, wo sie Gesang studierte und bis heute lebt. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg übersetzte sie das Libretto von Brundibár ins Hebräische.

36/2019: Charline Arthur, 2. September 1929

Charline Arthur feierte in den 1950ern in den USA ein paar Jahre Erfolge als Musikerin im Honky Tonk, einer Unterart der Country-Musik und Vorläufer des Rockabilly und Rock’n’Roll. Sie begann ihre Karriere nach einer Kindheit in Paris, Texas, mit 15 Jahren, nachdem sie einen Talentwettbewerb gewonnen hatte. Sie tourte zunächst mit einer medicine show, heiratete den Bassisten der Band, der sie später auch managte, und nahm 1950 ihre erste Schallplatte auf. Anschließend arbeitete sie kurzzeitig als Radio-DJ, bis sie Colonel Tom Parker entdeckt wurde, der fünf Jahre später auch Elvis Karriere maßgeblich antrieb.

Parker holte sie nach Nashville, wo sie bei RCA unter Vertrag genommen wurde. Am Höhepunkt ihrer Karriere 1955 tourte sie mit Elvis Presley, Johnny Cash, Jerry Lee Lewis und anderen, hatte zahlreiche Auftritte in Texas und in Radiosendern der benachbarten Staaten. Ein Auftritt bei Grand Ole Opry, der langlebigsten Radiosendung der US-Rundfunkgeschichte, gilt darunter als besondere Auszeichnung.

Bereits das Jahr darauf war von Trennungen geprägt. Ihr Produzenten in Nashville fanden sie „zu schwierig“, sie selbst ließ sich von ihrem Mann scheiden. Ihre Platten verkauften sich nicht gut und sie passte nicht in das Rollenschema, das in der Country-Musik für Frauen vorgesehen war. Sie trug Hosenanzüge statt Kleider, ihre eigenen Lieder – die eigentlich am erfolgreichsten waren – verstießen mit Anzüglichkeiten gegen den „guten Ton“, bei Live-Auftritten verhielt sie sich, wie es bei ihren männlichen Nachfolgern bejubelt wurde: Sie schwang „unverschämt“ die Hüften und sprang wild über die Bühne. Zwei Historiker, die sich mit ihr befassten, schrieben dazu: „Arthur kämpfte um das Recht, die erste wirklich aggressive, unabhängige Frau der Country-Musik der Nachkriegszeit zu werden. Letztendlich hat sie verloren.“

Sie machte noch einen Versuch in einer Band mit zwei ihrer Schwestern, doch der Erfolg blieb aus. Nach einem kurzen Abstecher nach Salt Lake City verhalf ihr ein Fan zu einem regelmäßigen Engagement in Idaho. Dort spielte sie bis in die Mitte der 1960er, dann spielte sie einige Zeit an der Westküste der USA. 1978 kehrte sie nach Idaho zurück und lebte dort bis zum ihrem Tod von einer kleinen Invaliditätsrente, da sie an Arthritis litt. 1986 brachte das deutsche Label Bear Family Records eine Kompliation ihrer Aufnahmen der Jahre zwischen 1949 und 1957 heraus, über die sie sich gerührt zeigte. Ein Jahr später verstarb sie 58-jährig eines natürlichen Todes.

Seit den 1990er Jahren stieg das Interesse an ihr als einer weiblichen Vorgängerin der großen Rock’n’Roll- und Rockabilly-Stars, die in ihrer künstlerischen Expressivität eingeschränkt und der Konsequenz vergessen wurde.

35/2019: Ida Kerkovius, 31. August 1879

In eine deutschbaltische Familie in Riga geboren, wuchs Ida Kerkovius auf einem Gut in der Nähe der heutigen Hauptstadt Lettlands (damals Verwaltungssitz des Gouvernements Livland im russischen Kaiserreich) auf. Mit 20 Jahren schloss sie eine Ausbildung an einer Rigaer Mal- und Zeichenschule mit Diplom ab, anschließend ging sie in die Künstlerkolonie Dachau, um bei Adolf Hölzl zu studieren. Sie war über die Bilder einer seiner Schülerinnen auf ihn gestoßen und wurde in ihrem späteren Wirken selbst von ihm geprägt.

Nach Bildungsreisen durch Europa und einer Rückkehr zu ihrer Familie in Riga studierte sie für kurze Zeit an einer privaten Malschule in Berlin, suchte jedoch bald wieder Hölzl als Meister auf, dieses Mal in Stuttgart. Schon bald wurde sie seine Meisterschülerin und schließlich Assistentin, in dieser Position unterrichtete sie selbst wiederum Schüler:innen. Sie nahm an mehreren Ausstellungen um ihren Meister mit eigenen Bildern teil, gleichzeitig kamen durch Ausstellungen mit Bildern des Impressionismus und Expressionismus neue Einflüsse in ihr Leben.

In den 1920er Jahren erlernte sie am Weimarer Bauhaus die Webkunst von Gunta Stölzl. Wie Thea Schleusner wurde auch sie ab 1933 von den Nationalsozialisten für ihre „entartete Kunst“ diffamiert, da sie in Deutschland so nur noch eingeschränkt arbeiten konnte, unternahm sie zahlreiche Reisen ins europäische Ausland. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde ihre Familie von Riga ins Wartheland umgesiedelt, wobei ein Teil ihrer Werke bereits verloren ging. Ein weiterer großer Teil verbrannt nach einem Bombenangriff in ihrem Atelier; da ihre Werk bis 1945 daher kaum mehr existiert, zählt auch sie zur Verschollenen Generation.

Nach 1945 war sie in Deutschland als eine der bedeutendsten Vertreter:innen der klassischen Moderne tätig. Neben der Malerei und der Bildteppichweberei erschloss sie sich in den 1950er Jahren auch die Glasmalerei. Dieses Jahrzehnt war insgesamt ihr erfolgreichstes: 1954 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz, sie gewann den ersten Preis der 1955er Ausstellung „Ischia im Bilde deutscher Maler“ und 1958 wurde sie Professorin. Bis zu ihrem Tod mit 91 Jahren lehrte und arbeitete sie als Künstlerin.

Bei Bauhaus100 – der Webseite zum Bauhaus-Jahr 2019 – gibt es eine ausführliche Biographie mit Bildern von ihr, ebenso bei FemBio.

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