Kategorie: Kalender

Eman Ghoneim

20. Jhdt.

Eman Ghoneim (Link Englisch) machte ihren MSc in Geografie 1997 an der Tanta University (Link Englisch) und erlangte 2002 ihren Doktortitel im gleichen Fachbereich an der University of Southampton.

In ihrer Postdoktoranden-Stelle 2003 im Center for Remote Sensing (Zentrum für Fernerkundung) an der Boston University gehörte sie zum Team, das den Kebira-Krater entdeckte und die Vermutung aufstellte, dass es sich dabei um den Krater eines Meteoriteneinschlags handele.

frauenfiguren eman ghoneim kebira krater
Kebira-Krater
Gemeinfrei

Ghoneim und ihr Kollege Farouk El-Baz entdeckten die Struktur auf der Grenze von Ägypten zu Libyen durch Aufnahmen des Radarsat-1 und der Analyse von SRTM-Daten. Der Name ist dem südöstlich davon gelegenen Hochplateau entliehen, dem Gilf el-Kebir, was `Die Große Barriere´bedeutet (kabir/kebir: groß auf Arabisch). Ghoneim und El-Baz zufolge weist der Krater drei Merkmale eines Meteoriteneinschlags auf: Einen Gipfel im Zentrum, einen inneren Ring und einen durchbrochenen äußeren Ring. Er wäre also ein `komplexer´ Krater mit einem Durchmesser von 31 Kilometern am äußersten Ring und damit doppelt so groß wie der bestätigte Oasis-Krater in der libyschen Wüste, der nur 18 Kilometer Durchmesser hat. Der Meteor, der diesen Krater hinterlassen hätte, müsste annähernd einen Kilometer Durchmesser gehabt haben. Ghoneim und El-Baz vermuteten weiter, dass der entsprechende Meteoriteneinschlag mit seiner Hitze auch Urheber des Libyschen Wüstenglases ist.

Die Vermutung der beiden Wissenschaftler:innen gilt jedoch als unbestätigt. Ihre These beruht allein auf Fernerkundung, die einige Details nicht in Betracht zieht. Die Impact Field Studies Group (Link Englisch), eine wissenschaftliche Organisation, die sich mit der detaillierten Untersuchung und Prüfung vermuteter Einschlagskrater befasst, hält die Vermutung jedenfalls für `zweifelhaft´, da der Gipfel im Zentrum schon bei Ansicht auf Google Earth mit flachem Mittelteil erscheint, statt wie bei Einschlagskratern typisch mit Aufwürfen und Brüchen. Und bereits 2006 hatte eine Expedition zum Krater selbst festgehalten, dass die Erhebung im Zentrum die gleiche Struktur aufweist wie das nahegelegene Gilf, nämlich klar erkennbare, glatt horizontal verlaufende Schichten aus Sedimentgestein – sichtlich ungestört von einem Meteoriteneinschlag. Eine Entstehung des Kraters durch einen Raucher, eine hydrothermale Quelle in dem Meer, dass die Wüste einst bedeckte, wird bis zum eindeutigen Nachweis extraterrestrischen Einflusses für wahrscheinlicher gehalten.

Eman Ghoneim wurde 2010 Fakultätsmitglied im Fachbereich Erd- und Meereskunde an der University of North Carolina at Wilmington. Dort spezialisierte sie sich auf Geoinformationssysteme, Fernerkundung durch Multispektral-, Thermal- und Mikrowellenradiometer-Aufnahmen und unbemannte Lufterkundung (durch Drohnen); sie wurde schließlich Leiterin des Space and Drone Remote Sensing Lab (SDRS). Sie ist Expertin des Bildverarbeitung und hat mehr als 27 wissenschaftliche Arbeiten sowie 48 Artikel geschrieben. Sie unterrichtet auch an Schulen und war eine von 30 emigrierter Ägypterinnen, die 2017 als Sprecherinnen zur Taa-Marbouta-Konferenz (Link Englisch) eingeladen wurden. Diese Konferenz gehörte zu einer Kampagne der ägyptischen Regierung, um die Frauen in Ägypten sozial, politisch und wirtschaftlich zu stärken.

frauenfiguren eman ghoneim libysches wüstenglas Brustschmuck Tut-Ench-Amun mit einem Skarabaäus aus Lybischem Wüstenglas, hellgelb
Pectoral of Tutankhamun, JE 61884, Egyptian Museum of Cairo, Egypt
By Roland Unger, CC BY-SA 3.0

Und weil es mich so fasziniert: Libysches Wüstenglas ist zwar möglicherweise durch einen Meteoriteneinschlag entstanden, doch wahrscheinlich nicht durch diesen vermuteten – der Einschlag, der den Oasis-Krater schuf, kommt eher in Frage. Eine andere mögliche Erklärung für die Herkunft des Glases ist auch hier eine hydrovulkanische Eruption. Es ist in jedem Fall ein Lechatelierit, also ein Glasgebilde, das durch das Schmelzen von Quarzsand entsteht. Schon in der Jungsteinzeit wurde es als Werkzeug, Pfeil- oder Speerspitze verwendet, bei archäologischen Untersuchungen aber oft mit gewöhnlichem Glas verwechselt, wie z.B. der Skarabäus im Brustschmuck des Tutanchamun.

47/2020: Frances Gertrude McGill, 18. November 1882

Frances Gertrude McGill (Link Englisch) war die Tochter zweier Kanadier irischer Abstammung; ihre Mutter, eine Lehrerin, hatte zwischen zwei Anstellungen als Lehrerin (eine in Kanada, eine in Neuseeland) einmal die Welt umrundet. Frances hatte zwei ältere Brüder und eine jüngere Schwester.

Als sie 17 Jahre alt war, tranken ihre Eltern auf einer Marktveranstaltung Mitte des Jahres typhusverseuchtes Wasser und starben beide im Laufe des Septembers 1900 binnen zehn Tagen an den Folgen der Infektion. Ihr ältester Bruder musste die Farm weiterführen, bis alle McGill-Geschwister die Schule abgeschlossen hatten. Frances machte zunächst eine Ausbildung zur Lehrerin, um sich ein akademisches Studium finanzieren zu können; hatte sie anfangs ein Jurastudium ins Auge gefasst, entschied sie sich schließlich doch für die Medizin. Sie erreichte dabei so gute Noten, dass sie sich den Großteil des Studiums mit Stipendien finanzieren konnte, und machte 1915, mit 33 Jahren, ihren Doktortitel der Medizin mit mehreren Auszeichnungen an der University of Manitoba. Damit war sie unter den ersten weiblichen Studentinnen, die dort diesen Abschluss erreichten. Sie absolvierte ein Praktikum am Winnipeg General Hospital und besuchte danach ein Aufbauprogramm im Landeslabor von Manitoba, wo sie eine Ausbildung in der Pathologie machte.

Da sie eine wachsende Expertise in Bakteriologie vorweisen konnte, wurde McGill 1918 zur Bakteriologin des Gesundheitsamtes von Saskatchewan berufen. Sie zog nach Regina, der Provinzhauptstadt, und arbeitete in einem Büro mit angeschlossenem Labor im Gerichtsgebäude der Provinz Saskatchewan. In dieser Funkion war sie unter anderem verantwortlich für die dortigen Maßnahmen des Gesundheitsamtes zur Zeit der Spanischen Grippe; möglicherweise war sie an der Entwicklung von Impfstoffen (Link Englisch) beteiligt (der Wikipedia-Beitrag behauptet jedenfalls, sie habe für mehr als 60.000 Saskatchewans Impfungen bereitsgestellt – dies waren wahrscheinlich Impfungen nicht gegen den Virus selbst, sondern gegen drei verschiedene Bakterien, die den Verlauf als Sekundärinfektionen tödlicher machten). Auch das Eindämmen der Geschlechtskrankheiten, mit denen die kanadischen Soldaten des Ersten Weltkrieges in großer Zahl nach Hause zurückkehrten, waren ihre Aufgabe.

1920 wurde Frances McGill zur Leitenden Pathologin der Provinz Saskatchewan ernannt, eine Position, die sie in den folgenden 22 Jahren innehaben sollte. Zwei Jahre später übernahm sie auch die Leitung des Labors der Provinz und arbeitete in dieser Funktion nicht nur mit der Polizei, sondern auch mit der nationalen Royal Canadian Mounted Police (RCMP) zusammen. In deren Auftrag untersuchte McGill Todesfälle mit ungeklärter oder verdächtiger Todesursache, und reiste dafür viel und in zum Teil extrem abgelegene Gebiete; so erreichte sie ihren Einsatzort einige Male mit dem Schneemobil dem Hundeschlitten oder Wasserflugzeugen; bis zu 43 Fälle untersuchte sie im Jahr und kam sogar bis in den nördlichen Polarkreis. Sie erarbeitete sich den Ruf einer fachkundigen und sorgfältigen Kriminologin und wurde bekannt als `Sherlock Holmes of Saskatchewan´, auch wenn sie bei der Polizei vor allem `Doc´ genannt wurde. Den grausamen und tragischen Inhalten ihrer Arbeit hielt sie mit einem unerschütterlichen Sinn für Humor stand. Ihr Motto soll gelautet haben `Denke wie ein Mann, benimm dich wie eine Dame und arbeite wie ein Tier.´(`Think like a man, act like a lady, and work like a dog.´) Quelle: Wiki Englisch)

Vor Gericht trat McGill als eindrucksvolle, sachliche Zeugin auf – wenn sie wohl auch einen Hang zur Dramatik hatte*. Mit dem damaligen Strafverteidiger und späteren Premierminister Kanadas John Diefenbaker lieferte sie sich zum Teil eindrucksvolle Wortgefechte. „Stellen Sie mir vernünftige Fragen, Mr. Diefenbaker, und ich gebe Ihnen vernünftige Antworten!“, soll sie einmal zu ihm gesagt haben. (Als grundsätzlich konservativ eingestellte Person unterstützte sie später jedoch Diefenbakers Wahlkampf und Politik.)

Während der Weltwirtschaftskrise stellte sie ihr Talent unter Beweis, mit begrenzten Mitteln effektiv zu arbeiten – sie führte Labortests im Wert von 122.000$ aus, schaffte es jedoch, die Kosten jedoch unter 17.000$ zu halten. Mit Überstunden und Mehrarbeit am Wochenende unterstützte sie in den 1930er Jahren die RCMP dabei, ein erstes eigenes Forensiklabor einzurichten. Als dieses 1937 dann offiziell eröffnet werden sollte, wurde ihr – trotz ihrer offensichtlichen Eignung dafür – nicht die Rolle der Direktorin angeboten. Da das Labor ihr jedoch stattdessen einiges an Arbeit als Pathologin und Kriminologin abnahm, widmete sie sich anderen Gebieten, etwa der Entwicklung eines Impfstoffes gegen Kinderlähmung. Außerdem spezialisierte sie sich auf Allergien und eröffnete in ihrer Wohnung eine Privatklinik für Allergiker, mit Öffnungszeiten nach den regulären Arbeitszeiten (`after hours´).

Mit 60 Jahren setzt sie sich 1942 von ihrer Position als Leitender Pathologien der Provinz Saskatchewan zur Ruhe; in ihrer Laufbahn hatte sie bis dahin um die 64.000 Laboruntersuchungen durchgeführt. Sie reiste und traf sich mit Freunden, nur ihre Allergieklnik betrieb sie weiterhin. Nur wenige Monate nach ihrem Abschied vom Gesundheitsamt hob sie ein Projekt aus der Taufe, um Vorschulkinder in Saskatchewan taufen zu lassen, das in der ganzen Provinzhauptstadt Impfkliniken ins Leben rief.

Im Folgejahr starb der bisherige Direktor des Forensischen Labors der RCMP bei einem Flugzeugunglück, woraufhin die Postition nun doch an McGill herangetragen wurde. Sie akzeptierte dieses Angebot würdevoll, begrenzte ihre Arbeitszeit jedoch auf Teilzeit, um ihre Nachmittage weiterhin den Allergikern in ihrer Privatklinik zur Verfügung zu stehen. Für die RCMP untersuchte sie nun wieder ungeklärte Todesfälle in Saskatchewan, sie hielt aber auch Lesungen und Trainings für junge Polizisten und Kriminalbeamte ab. Dabei zeigte sie ihnen, wie sie Blutspuren identifizieren, Tatorte analysieren und Spuren und Beweise sammeln sowie fachgerecht lagern konnten. Sie gab ihren Trainingsteilnehmern mit: „Glauben Sie nicht alle Sterbeurkunden, die Sie sehen. Es gibt keinen Grund, warum ein herzkranker Mann nicht auch an Strychnin-Vergiftung gestorben sein kann.“

Bis Anfang 1946, sie war inzwischen 64 Jahre alt, war McGill schließlich in Pension gegangen. Im Januar dieses Jahres wurde sie von der RCMP zum Honorary Surgeon (Ehren-Chirurg) ernannt – sie war die erste Frau mit diesem Titel und die erste Ärztin, die öffentlich als Mitglied der RCMP anerkannt wurde. Sie setzte sich jedoch mitnichten gänzlich zur Ruhe, sondern blieb der RCMP als Beraterin erhalten und bot weiterhin Lesungen an und nahm Prüfungen ab. Ihre Unterrichtsunterlagen waren so wohlformuliert, dass sie 1952 als Lehrbuch herausgegeben wurden. Da ihr Ruf ihr nicht nur in Kanada, sondern auch Übersee Aufmerksamkeit eingebracht hatte, durfte sie bei einem Besuch in London im gleichen Jahr sogar die Forensischen Labors des Scotland Yard inspizieren.

Noch 1956 schrieb ein US-amerikanisches Detektiv-Magazin eine Geschichte über sie, woraufhin ein Brief aus New York sie erreichte: Eine Frau bat sie um Aufklärung des Todes ihres Bruders. McGill wurde selbst nicht mehr aktiv, half der Frau jedoch, indem sie ihr Ratschläge gab, wie sie das FBI zu einer Exhumierung des Leichnams bringen konnte.

Nach einer Brustkrebsdiagnose und einer Rippenfellentzündung starb Frances Gertrude McGill am 21. Januar 1959 mit 77 Jahren. Ein See nördlich des Athabascasees ist nach ihr benannt.

*Mit der Obduktion von Leichen ungeklärter Fälle überführte sie zahlreiche Täter, sprach jedoch auch einige Unschuldige frei. Weil ich typischerweise ein Faible für derartige Details habe, hier auch die drei Fälle, die der Wikipedia-Beitrag näher schildert.
Im `Lintlaw case´untersuchte sie den Tod eines Farmers, der mit einer Schusswunde aufgefunden worden war. Blutspuren im Raum und die Tatwaffe, die in einem Silo gefunden wurde, wiesen auf Mord hin; ein Nachbar wurde verhaftet, der Blutspuren an seiner Kleidung nicht zufriedenstellend erklären konnte. McGill untersuchte die Leiche des Farmers genauer als der städtische Arzt und stellte aufgrund des Eintrittswinkels des Geschosses fest, dass der Mann Selbstmord begangen haben könnte. Anhand seines Mageninhaltes bewies sie, dass er tatsächlich nach dem Schuss noch lange genug gelebt hatte, um Blutspuren im Haus zu verteilen und die Waffe selbst zu verstecken. Ihr Widerspruch gegen den ersten Verdacht führte dazu, dass die Polizei auch aufklärte, dass der Mann an Depressionen gelitten und Waffe und Munition kurz vor seinem Tod selbst gekauft hatte. Mit diesem Fall machte sich McGill einen Namen bei der RCMP und wurde anschließend regelmäßig zur Untersuchung rätselhafter Tode hinzugezogen.
Der `Northern Trapper case´1933 war ein umgekehrter Fall, in dem ein Trapper verschwand. In seiner Hütte fanden sich Blutspuren und eine Kugel, die in die Holzbohlen der Wand eingedrungen war. Sein ehemaliger Partner wurde eineige Zeit später verhaftet, der auch zugab, den Mann erschossen zu haben, allerdings nicht mit Absicht. Die Überreste des Toten wurden gefunden und McGill setzte den zertrümmerten Schädel wieder zusammen. Dabei fand sie heraus – anhand des Eintrittswinkels des Geschosses und schwarzer Pulverspuren am Knochen – dass der Mann im Schlaf mit aufgesetzter Waffe erschossen worden war. Den Schädel holte sie bei ihrer Aussage vor Gericht aus ihrer Handtasche, was bei den Anwesenden für einiges Aufsehen sorgte. Ein Gerichtsreporter schrieb über sie, dass sie manches Mal die Beweisstücke mit der `Dramatik eines Magiers´zum Vorschein brachte.
Im `South Poplar case´ schließlich konnte sie den Verdacht auf Mord abweisen – ein Mann war erfroren aufgefunden worden, doch auch mit eingeschlagenem Schädel. Bei ihrer Unterscuhung des Schädels fand McGill jedoch heraus, dass der Mann an Rachitis (CN Bilder) gelitten hatte. Die Aussage eines Fernfahrers, der mit dem Mann Alkohol getrunken hatte, fügte das letzte Puzzleteil ein: Der Tote war erfroren, durch den Alkoholkonsum war vor seinem Tod die Blutzufuhr zum Kopf verstärkt worden, und in der eisigen Kälte hatte sich das Blut im Schädel ausgedehnt. Der von Rachitis geschwächte Knochen hatte dem Druck nicht standhalten können, sodass der Schädel geradezu geplatzt war – nachdem der Mann bereits den Kältetod erlitten hatte.

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Ebenfalls diese Woche

19. November 1845: Agnes Giberne (Link Englisch)
Diese Autorin des viktorianischen England schrieb 130 Bücher, darunter mehrere Kinderbücher, die in verschiedene Wissenschaften einführen sollte. Ihr bekanntestes Werk ist Sun, Moon and Stars von 1879, über Astronomie.

Yizhi Jane Tao

20. Jhdt.

Yizhi Jane Tao schloss 1988 die First Middle High School in Changsha (Hunan, China) und begann anschließend das Studium der Biologie an der Universität Peking, das sie 1992 mit einem BSc abschloss. Zwei Jahre später setzte sie ihr Studium an der Purdue University in West Lafayette, Indiana (USA) fort.

1999 erlangte Tao ihren Doktortitel in Biowissenschaften an der Purdue University mit einer Arbeit über strukturelle Virologie. Eine dreijährige Postdoc-Tätigkeit absolvierte sie an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts (USA) bei Stephen C. Harrison.

Yizhi Jane Tao leitete das Team, das erstmalig die Struktur des Nukleoproteins des Influenza-A-Virus auf atomarer Ebene darstellte. Dieser Teil des Virus ist unter anderem für die Reproduktion des Virus im erkrankten Körper zuständig, und die Darstellung auf atomarer Ebene erschloss den Aufbau, Funktionsweise und somit auch Möglichkeiten, diese Reproduktion zu verhindern. Das Team unter Taos Leitung lieferte also entscheidende Hinweise für die Entwicklung von Grippe-Medikamenten und Impfungen, da es auch nachwies, dass bereits kleinste Änderungen in der Struktur des Nukleoproteins dessen Funktion unterbrach. Die Entdeckung wurde zu ihrer Zeit sogar in den nicht-wissenschaftlichen Medien – wie hier den BBC News – besprochen. Chinesische Medien zählten Tao daraufhin zu den 10 einflussreichsten Chines:innen.

Seit 2009 ist Tao als Professorin für Biochemie und Zellbiologie an der Rice University in Houston, Texas (USA) tätig und erforscht unter anderem Influenza, Hepatitis und Birnaviridae.

46/2020: Josephine Silone Yates, 15. November 1859

CN: In den englischen Titeln aus der Zeit der Jahrhundertwende 18./19. in diesem Beitrag wird eine Form des N-Wortes verwendet.

Josephine Silone Yates (Link Englisch) kam möglicherweise auch schon 1852 zur Welt – ich richte mich mit Altersangaben in diesem Beitrag jedoch nach dem alternativen, genaueren Datum.

Josephine war die zweite Tochter von Alexander und Parthenia Reeve Silone und lebte mit ihren Eltern und ihrer Schwester bei ihrem Großvater mütterlicherseits, einem befreiten Sklaven, in Mattituck, New York. Die Mutter brachte ihr mit der Bibel das Lesen bei, in der Grundschule zeigte sich bereits ihr großes Potential. So zog sie mit 11 Jahren zu ihrem Onkel, einem Pastor in Philadelphia, um dort das Institute for Coloured Youth (Link Englisch) zu besuchen. Die Direktorin Fanny Jackson Coppin (Link Englisch) wurde dort ihre Mentorin. Allerdings musste Josephine Silone schon im nächsten Jahr umziehen, da ihr Onkel an eine Universität versetzt wurde. Mit 12 Jahren zog sie also zu ihrer Tante mütterlicherseits nach Newport, Rhode Island. Dort besuchte sie eine weiterführende Schule und anschließend die Highschool; an beiden Schulen war sie einzige Schwarze Schülerin, doch erfuhr sie von Lehrer:innen und Schüler:innen wohl Respekt. Ihr Lehrer (oder Lehrerin) in Naturwissenschaften hielt sie für eine der begabtesten Schüler:innen und ermöglichte ihr Zugang zum Chemielabor für eigenverantwortliche Arbeiten.

1877, also vermutlich mit 18 Jahren, machte sie mit Auszeichnung ihren Highschool-Abschluss, als erste Schüler:in of Colour an der Schule. Sie war die Schülerin mit dem besten Abschluss und durfte daher traditionsgemäß die Abschiedsrede des Jahrgangs halten, außerdem erhielt sie eine Medaille und ein Stipendium für ein Universitätsstudium. Statt einer Hochschul-Karriere entschied sich Silone jedoch für eine Ausbildung zur Lehrerin, die sie an der Rhode Island State Normal School in Providence antrat. Dort machte sie zwei Jahre später – wiederum als erste Person of Colour – ihren Abschluss und war damit die erste Afro-Amerikanerin mit einer Zulassung als Lehrerin an Schule in Rhode Island. Später sollte ihr die National University of Illinois einen MSc-Grad verleihen.

Die Reihe der Ersten Male für eine Afro-Amerikanerin setzte Josephine Silone fort, als sie nach ihrem Abschluss eine der ersten Lehrer:innen of Colour an der Lincoln University in Jefferson City, Missouri wurde. Diese war nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg explizit für Afro-Amerikaner:innen gegründet worden, mit weißen und oC Lehrer:innen. Der Präsident Inman E. Page (Link Englisch) fand es jedoch für den Erfolg der Schule entscheidend, weiße Lehrende mit PoC zu ersetzen, um den Schüler:innen Rollenvorbilder zu bieten.

Wie alle Lehrenden lebte Silone auf dem Campus, in den Häusern, in denen sich die Schlafräume der Student:innen befanden. Sie unterrichtete Chemie, englische Literatur und ‚elocution‘, was sowohl Rhetorik wie auch Diktion bedeuten kann. Als sie zur Leiterin des Naturwissenschaftlichen Fachbereichs ernannt wurde, war sie wiederum die erste WoC, die einem naturwissenschaftlichen Fachbereich an einem College vorstand, außerdem (möglicherweise) die erste WoC mit voller Professur an einer US-Hochschule.

Ihre Philosophie als Lehrende beschrieb sie wie folgt: „Das Ziel jeglicher wahrer Bildung ist es, Körper und Seele alle Schöheit, Kraft und Perfektion zu geben, zu denen sie fähig sind, um das Individuum für ein vollständiges Leben auszustatten.“ (Quelle: Wiki)

Nach zehn Jahren an der Universität heiratete Josephine Silone William Ward Yates, den Direktor einer Schule in Kansas City. Als verheiratete Frau musste sie ihren Beruf daraufhin aufgeben, sie wurde dafür jedoch in der afro-amerikanischen Frauenbewegung aktiv. Sie schrieb als Korrespondentin für The Woman’s Era (Link Englisch) und andere Magazine, wie The Voice of the Negro (CN N-Wort im deutschen Beitrag). Für ihre Autorinnentätigkeit verwendete sie manchmal ihren eigenen Namen, manchmal schrieb sie unter dem Pseudonym R. K. Potter. Sie war 1893 eine der Mitbegründerinnen der Women’s League of Kansas City, eine Organisation zur Selbsthilfe und Verbesserung der Lebensumstände afro-amerikanischer Frauen, und deren erste Präsidentin. Als sich die Women’s League drei Jahre später der National Association of Coloured Women anschloss, wurde Silone Yates zunächst deren Schatzmeisterin und Vizepräsidentin von 1897 bis 1901, anschließend dann für vier Jahre bis 1904 deren Präsidentin. Außerdem bekam sie 1890 eine Tochter und 1895 einen Sohn.

1902 wurde sie vom Kompendium Twentieth Century Negro Literature; or, A Cyclopedia of Thought on the Vital Topics Relating to the American Negro als eine der 100 ‚America’s Greatest Negros‘ gelistet. Die Lincoln University berief sie zurück, um die Leitung für den Fachbereich Englisch und Geschichte zu übernehmen, sodass sie schließlich doch wieder in die Lehrtätigkeit kam.

1908 wollte sie allerdings wegen Krankheit ausscheiden, doch der Verwaltungsrat gestattete ihr dies nicht, und so blieb sie als Frauenberaterin an der Hochschule tätig. Als jedoch zwei Jahre später ihr Mann starb, setzte sie sich zur Ruhe udn kehrte nach Kansas City zurück. Schon am 3. September 1912 starb sie selbst, nach kurzer Krankheit.

Auch Wednesday Women und BlackPast widmen Josephine Silone Yates einen Beitrag.

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Ebenfalls diese Woche

9. November 1871: Florence Rena Sabin
Die US-amerikanische Ärztin war 1917 die erste Frau mit einer Professur an der medizinischen Fakultät der Johns Hopkins University und die erste Frau, der die Leitung eines wissenschaftlichen Instituts, nämlich der Rockefeller University, übertragen wurde.

9. November 1914: Hedy Lamarr
Wenn es um vergessene und verborgene Fähigkeiten von schönen Frauen geht, gehört sie immer dazu. Lamarr, in Wien unter dem Namen Hedwig Eva Maria Kiesler geboren, war Schauspielerin und im nationalsozialistischen Deutschland verrufen für ihre mimische Darstellung eines Orgasmus.

Damals in Deutschland verboten, heute zwar eindeutig, aber doch zahm: Hedy Lamarrs Darstellung eines Orgasmus

Hier steht sie aber selbstverständlich für ihre Erfindung einer Funkfernteuerung für Torpedos, die selbsttätig die Frequenzen wechselte und deswegen vor Störungen durch den Feind weitgehend sicher war. Während ihre Erfindung zum damaligen Zeitpunkt zu komplex für eine massenhafte Anwendung war, basiert unter anderem das frequency hopping der Bluetooth-Technologie darauf.

11. November 1866: Martha Annie Whiteley (Link Englisch)
Die englische Chemikerin trug entscheidend dazu bei, dass Frauen in der Chemical Society aufgenommen wurden.

12. November 1957: Rihab Taha (Link Englisch)
Eine Frau auf der Schattenseite der Wissenschaft: Die irakische Mikrobiologin zeichnete für die Produktion von biologischen Waffen im Irak verantwortlich, unter anderem Anthrax und Botulinumtoxin. Sie wurde dafür von einigen auch ‚Dr. Germ‚ genannt.

Cecilia Hidalgo Tapia

20. Jhdt.

Cecilia Hidalgo Tapia machte 1965 ihren ersten Universitätsabschluss in Biochemie an der Universidad de Chile, vier Jahre später promovierte sie dort. Damit war sie die erste weibliche Doktorin einer Naturwissenschaft an dieser Universität. Ein späteres Post-doc absolvierte sie an den National Institutes of Health in den USA.

Hidalgo Tapia lehrte an verschiedenen Institutionen in Chile, von 1992 bis 1993 erhielt ein ein Guggenheim-Stipendium. Sie forscht zur Regulierung des Calciumgehalts in der Zelle.

2006 gewann sie als erste Frau den nationalen Naturwissenschaftspreis von Chile.

Kathy Vivas

* 1972

Kathy Vivas (Link Englisch) hat einen Abschluss in Physik der Universidad de los Andes und einen Doktor in Astrophysik der Yale University. Bei der Forschung für ihre Dissertation entdeckte sie neue RR-Lyrae-Sterne – eine Art pulsationsveränderlicher Sterne. Eine ausführliche und sehr gemütliche Erläuterung dieser Sternenart findet sich im Clip unten von Herrn Gaßner für den Kanal von Urknall, Weltall und das Leben – der auch auf Henrietta Swan Leavitt als eine der Entdeckerinnen von Pulsaren und Lise Meitner als Opfer des Matilda-Effekts Bezug nimmt.

Pulsationsveränderliche Sterne, erklärt von Josef Gaßner; Urknall, Weltall und das Leben

Mit der Kombination eines Wide-Field-Teleskops und einer Megapixel-Kamera entdeckte Vivas an die 100 von diesen Sternen in sehr weiter Entfernung von der Erde, zwischen 13.000 und 220.000 Lichtjahre von unserer Sonne entfernt und somit wohl die ältesten Sterne unserer Galaxie, der Milchstraße. Nach der aktuellen Theorie entstand zuerst der ‚Heiligenschein‘, der Galaktische Halo, vor mehr als 13 Milliarden Jahren; die Galaktische Scheibe und die Spiralarme entstanden erst in der Folgezeit. So ermöglichte Vivas‘ Entdeckung die weitere Erforschung der Struktur und Eigenschaften der äußeren Teile der Milchstraße.

Ihre Forschungsergebnisse präsentierte sie am 12. Januar 2000 beim Treffen der American Astronomical Society in Atlanta.

45/2020: Suzanne Comhair-Sylvain, 6. November 1898

Suzanne Comhaire-Sylvain (Link Englisch) kam in Port-au-Prince, der Hauptstadt Haitis, als Tochter des haitianischen Dichters, Anwalts und Diplomaten Georges Sylvain (Link Englisch) und dessen Frau zur Welt. Sie studierte in ihrer Geburtstadt und Kingston auf Jamaika, bevor sie in Paris ihren BSc und ihren Doktortitel in Anthropologie machte. Damit war sie die erste weibliche Anthropologin haitianischer Abstammung.

Ihr Interesse galt der haitianischen Folklore sowie der Rolle und sozialen Situation der Frau in Haiti und Afrika. Vor allem aber forschte sie zur Herkunft des haitianischen Kreol, eine Kreolsprache, die durch den Kontakt der afrikanischen Sklaven mit französischen Siedlern entstand. Das haitianische Kreol besteht aus zahlreichen französischen Vokabeln aus dem 18. Jahrhundert sowie der Niger-Kongo-Sprachen, weist aber auch Einflüsse des Spanischen, Portugiesischen, Englischen und west-afrikanischer Sprachen auf (hier lohnt sich bei Interesse auch der englische Wikipedia-Beitrag). Einen kleinen Einblick, wie haitianisches Kreol klingt, bietet der kurze Clip unten. Die Gesprächsrunde zur Geschichte und Gegenwart der Sprache klingt auch spannend.

Erste Lektionen zum Erlernen des haitianischen Kreol von HaitiHub
Eine Gesprächsrunde haitianischer Stimmen zur Geschichte und Gegenwart des Kreol

Comhaire-Sylvains Forschungen wurden wenig beachtet, da zu dieser Zeit – und auch heute noch! – Misch-Sprachen nicht allgemein als Sprachen anerkannt wurden und werden. (Dabei zeigen gerade diese jüngeren Sprachen so wundervoll das natürliche Streben nach einer Grammatik auf, etwa wie sich aus Pidgin-Sprachen, die auf das Wesentliche reduziert sind, in zweiter Generation die komplexeren Kreol-Sprachen entwickeln!)

Der polnische Sozialanthropologe Bronisław Malinowski jedoch wurde über ihre Arbeit auf Comhaire-Sylvain aufmerksam und lud sie zu sich nach London ein. Dort wurde sie seine Forschungsassistentin und besuchte zugleich weitere Kurse an der London University, später an der London School of Economics. Außerdem recherchierte sie sehr erfolgreich zu ihrem Thema in den Archiven des British Museum und schrieb daraufhin ihr Hauptwerk zu den afrikanischen Wurzeln des haitianischen Kreol (vermutlich 1953: ‚Haitian Creole: grammar, texts, vocabulary.‘).

In ihrem weiteren Leben betrieb sie Feldforschung auf Haiti, im Kongo, in Togo und Nigeria. Sie heiratete Jean Comhaire (daher der Doppelname), den belgischen Leiter des Fachbereichs für Anthropologie an der University of Nigeria in Nsukka, und leitete mit ihm eine UNESCO-Mission auf Haiti.

Suzanne Comhaire-Sylvain starb am 20. Juni 1975 in Nigeria an den Folgen eines Autounfalls.

Die Familie Sylvain ist voller wichtiger haitianischer Persönlichkeiten. Ihr Vater Georges war ein Aktivist und Symbol der Auflehnung gegen die amerikanische Besatzung Haitis, sein Bruder, Suzannes Onkel, Benito Sylvain (Link Englisch) war neben seiner journalistischen Tätigkeit ebenfalls Anwalt udn Diplomat, wie Georges, war 1900 an der Organisation des ersten Pan-Afrikanischen Kongress beteiligt und gilt mithin als einer der Mitbegründer des Panafrikanismus. Suzannes Schwester Yvonne Sylvain (Link Englisch) war die erste weibliche Ärztin haitianischer Abstammung, die erste Gynäkologin Haitis und Mitglied der Ligue Féminine d’Action Sociale (Link Englisch), die die andere Schwester, Soziologin Madeleine Sylvain-Bouchereau (Link Englisch) mitgegründet hatte.

Sämtliche Arbeiten Suzanne Comhaire-Sylvains wurden bis 2014 von den Bibliotheken der Stanford University katalogisiert und öffentlich zugänglich gemacht.

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Ebenfalls diese Woche

4. November 1942: Patricia Bath (Link Englisch)
Als erste WoC/afroamerikanische Frau war sie Assistenzärztin der Ophthalmologie an der New York University sowie Chirurgin am UCLA Medical Center, außerdem die erste Ärztin of Colour mit einem medizinischen Patent. Sie war Pionierin der Laserchirurgie bei Katarakten (CN Bilder), hielt fünf Patente inne und gründete das Institute for the Prevention of Blindness in Washington, D.C.

6. November 1988: Alexandra Elbakyan
Die kasachische Programmiererin startete 2011 die Schattenbibliothek Sci-Hub, um wissenschaftliche Texte auch wirtschaftlich benachteiligten Studierenden zugänglich zu machen; dies allerdings unter Verletzung des Urheberrechtes.

frauenfiguren zombie marie curie xkcd Person: 'My teacher always told me that if I applied myself, I could become the next Marie Curie' MC: 'You know, I wish they'd get over me.' P: 'Zombie Marie Curie!' MC: 'Not that I don't deserve it. These two Nobels ain't decorative. But I make a sorry role model if girls just see me over and over as the one token lady scientist. Lise Meitner figured out that nuclear fission was happening, while her colleague Otto Hahn was staring blankly at their data in confusion, and proved Enrico Fermi wrong in the process. Enrico and Otto both got Nobel prizes. Lise got a National Women's Press Club award. They finally named an element after her, but not until 60 years later. Emmy Noether fought past her victorian-era finishing-school upbringing, pursued mathematics by auditing classes, and, after finally getting a PhD, was permitted to teach only as an unpaid lecturer (often under male colleagues' names).' P: 'Was she as good as them?' MC: 'She revolutionized abstract algebra, filled gaps in relativity, and found what some call the most beautiful, deepest result in theoretical physics.' P: 'Oh.' MC: 'But you don't become great by trying to be great. You become great by wanting to do something, and then doing it so hard that you become great in the process. So don't try to be the next me, Noether, or Meitner. Just remember that if you want to do this stuff, you're not alone.' P: 'Thanks.' MC: 'Also, avoid Radium. Turns out it kills you.' P: 'I'll try.'
https://xkcd.com/

7. November 1867: Marie Curie
Mit Sicherheit eine der meist genannten und verlinkten Wissenschaftlerinnen auf diesem Blog und, wie es ein Freund vor kurzem nannte, mein ‚white whale‘ (quasi mein Moby Dick). Ich werde auf diesem Blog wohl niemals einen Beitrag nur über sie verfassen, aus zweierlei Gründen: Zum einen ist ihre Biografie und Material zu ihr massiv, also viel zu lesen und unmöglich für sinnvoll zusammenzufassen. Und zum zweiten: Ihr kennt sie alle schon. Wozu sollte ich auf sie aufmerksam machen?
In einem meiner Lieblingscomics mit ihr von xkcd tritt sie als Zombie auf und lässt Wahrheitsbomben fallen, an die auch ich mich mit diesem Blog halte.

7. November 1878: Lise Meitner
48 Mal wurde sie von männlichen Kollegen für den Nobelpreis vorgeschlagen, 29 Mal davon für Physik, 19 Mal für Chemie; sechsmal allein von Max Planck, mehrfach von James Franck, Max Born und Niels Bohr, auch ihr geschätzter Kollege Otto Hahn schlug sie einmal vor. Dass sie diese Auszeichnung trotz ihrer oftmals gar nicht oder schlecht bezahlten, bahnbrechenden Arbeit auf dem Gebiet der Kernphysik niemals erhielt, macht sie zu einem prominenten, mustergültigen Opfer des Matilda-Effekts.

7. November 1939: Barbara Liskov
Über diese Mathematikerin und Programmiererin schrieb ich 2019 zu ihrem runden Geburtstag.

Leah Keshet

20. Jhdt.

Leah Keshet (Link Englisch) kam in Israel zur Welt, als sie 12 Jahre alt war, zog ihre Familie nach Kanada. An der Dalhousie University in Halifax, Nova Scotia, machte sie sowohl ihren BSc wie ihren MSc in Mathematik, einen Doktorgrad in Angewandter Mathematik erreichte sie 1982 am Weizmann-Institut für Wissenschaften in Rechovot, Israel.

An der Brown University in Providence und an der Duke University in Durham, beides USA, lehrte sie in den folgenden acht Jahren, ohne eine feste Stelle angeboten zu bekommen, eine Zeit, die sie als ‚holperig‘ beschreibt und in der sie beinahe der mathematischen Biologie den Rücken zu wandte (Quelle: s.u.). 1989 konnte sie endlich eine Stelle als Außerordentliche Professorin an der University of British Columbia in Vancouver, Kanada, antreten. Seit 1995 hat sie dort eine volle Professur inne.

frauenfiguren leah keshet cytoskelett
3-dimensionale Darstellung zweier Tochter-Mauszelle in einem späten Stadium der Zellteilung (Telophase). Zu sehen ist der Spindelapparat (anti-Tubulin-Immunfärbung; orange), Aktin-Zytoskelett (Phalloidinfärbung; grün) und das Chromatin (DAPI-Färbung; cyan).
Von Lothar Schermelleh – Lothar Schermelleh, CC BY-SA 3.0

Keshets Fachgebiete ist die mathematische (oder theoretische) Biologie – die damit befasst ist, mathematische Modelle von biologischen Vorgängen zu erstellen – und die Biophysik. Ihren Fokus richtet sie insbesondere auf die Zellmigration und das Cytoskelett, ein Netzwerk aus Proteinen innerhalb eukaryotischer Zellen (Zellen mit einem Zellkern, der die DNA enthält). Ebenso erstellt sie mathematische Modelle zu Physiologie und Krankheiten sowie zum Schwarm- und Ballungsverhalten sozialer Organismen.

Sie ist Autorin dreier Bücher, darunter Mathematical Models in Biology (Mathematische Modelle in der Biologie), das als eine der wichtigsten Arbeitn auf dem Gebiet der theoretischen Biologie gilt. Im gleichen Jahr, in dem sie ihre volle Professur erhielt, war sie auch die erste weibliche Präsidentin der Society for Mathematical Biology. 2003 war sie die Preisträgerin des Krieger-Nelson-Preises, einem kanadischen Preis für Frauen in der Mathematik. Die Society for Industrial and Applied Mathematics nahm sie 2014 als Mitglied auf.

In diesem Artikel im sciencemag.com (Link Englisch) beschreibt Keshet ihren Lebensweg in eigenen Worten. Hier spricht sie von ihrer Zeit der beruflichen Unsicherheit, ihren Zweifeln und menschlichen Enttäuschungen, aber auch davon, wie sich ihr Leben schließlich so drehte, dass sie heute glücklich ist. Ihr Text spricht auf einer sehr persönlichen Ebene zu mir.

44/2020: Ethel Sargant, 28. Oktober 1863

Ethel Sargant kam als dritte Tochter eines Londoner Rechtsanwaltes und seiner Frau zur Welt. Sie besuchte zunächst die North London Collegiate School, dann studierte sie am Girton College, dem ersten Frauencollege Großbritanniens und Teil der University of Cambridge. Nach vier Jahren Studium schloss sie 1885 mit einem Examen ab.

Als Botanikerin forschte sie zum großen Teil zu Hause im eigenen Labor, weil sie sich gleichzeitig um ihre Mutter und ihre Schwester kümmern musste. Nur 1892/93 arbeitete sie für ein Jahr in den Royal Botanic Gardens in Kew, wo sie sich auf Pflanzenanatomie spezialisierte. Bei ihrer Arbeit gelang es ihr, eine Phase der Zellteilung bei Pflanzen nachzuweisen, die bis zu diesem Zeitpunkt noch unbewiesen war (ich nehme an, dass es sich um das Zygotän der Meiose handelt, nach den Informationen des deutschen Wikipedia-Beitrages). Sie studierte außerdem die Entwicklung von Ei und Spermium der Lilien und veröffentlichte in den späten 1890ern mehrere Fachbeiträge dazu.

1897 bereiste sie Europa als Begleiterin von Margaret Jane Benson, zu der Zeit Leiterin der Botanischen Abteilung am Royal Holloway College. Die beiden Frauen sammelten auf dieser Reise Kenntnisse und Ausstattung für ein botanisches Labor, dass am College eingerichtet werden sollte.

In ihrem zu Hause bot sie im ‚Joderal Junior‘-Labor Kurse an, in denen das wissenschaftliche Arbeiten erlernt werden konnte. Für vier Jahr zwischen 1897 und 1901 war hier Ethel Thomas (Link Englisch) ihre Assistentin, im folgenden Jahr Agnes Arber. Von 1903 an spezialisierte sich Sargant auf die Anatomie von Sämlingen. Sie kam anhand ihrer Untersuchungen insbesondere der Leitbündel zu dem Schluss, dass einkeimblättrige und zweikeimblättrige Pflanzen evolutionär einen gemeinsamen Vorfahren gehabt haben müssen.

Ethel Sargant gehörte 1904 zu den 15 ersten Frauen, die als Mitglieder der Linnean Society gewählt wurden (dank Marian Farquharson), und sie sollte später die erste Frau im Vorstand der Vereinigung werden.

Nachdem ihre Mutter und Schwester bis 1912 beide verstorben waren, verließ sie schließlich ihr Elternhaus und bezog das Pfarrhaus auf dem Campus des Girton College. Im Folgejahr wurde sie dort zum Ehrenfakultätsmitglied gemacht. Während des Ersten Weltkriegs, jedenfalls bis 1918, war sie Präsidentin der Federation of University Women. In dieser Funktion schuf sie als Beitrag zur britischen Kriegsanstrengung ein Register über Akademikerinnen, die Arbeit ‚von nationaler Bedeutung‘ leisten konnten.

Ethel Sargant starb im Alter von 57 Jahren am 16. Januar 1918. Ihre Bibliothek hinterließ sie dem Girton College, einen Nachruf (Link Englisch) schrieb Agnes Arber.

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Ebenfalls diese Woche

28. Oktober 1860: Gulielma Lister (Link Englisch)
Die englische Botanikerin gilt international als Koryphäe für Schleimpilze.

31. Oktober 1711: Laura Bassi
Über diese Philosophin und Physikerin schrieb ich 2016, das Jahr der Frauen vor dem 19. Jahrhundert.

Sudipta Sengupta

* 1946

Der Wikipedia-Eintrag von Sudipta Sengupta (Link Englisch) ist inzwischen (seit ich meine Planung für dieses Jahr abgeschlossen habe) mit einem genauen Geburtsdatum versehen, aber… meine Planung steht nun mal.

Sudipta Sengupta kam als jüngste von drei Töchtern eines Meteorologen in Kalkutta, Indien, zur Welt. Die Familie reiste viel, für einige Jahre lebten sie auch in Nepal, wo der Vater stationiert war. Dort machte Sengupta ein Bergsteiger-Training bei Tenzing Norgay, Begleiter von Edmund Hillary und damit einer der ersten Menschen auf dem Mount Everest. Auch Sengupta machte zwei Expeditionen in den Himalaya.

Ihre Eltern, beide Akademiker, förderten ihre Bildung. Zunächst wollte Sudipta Physik studieren wie ihr Vater, doch sie hörte, dass es mit einem Abschluss in Geologie möglich wäre, wissenschaftlich zu arbeiten und gleichzeitig an abgelegene Orte zu reisen, und so entschied sie sich für dieses Fach. An der Jadavpur University (Link Englisch) in Kalkutta machte sie ihren B. Sc. und bald darauf ihren M. Sc. Mit 26 Jahren schließlich schloss sie 1972 ihr Studium mit einem PhD in Geologie ab. Bereits seit 1970 war sie beim Geological Survey of India beschäftigt, diese Tätigkeit gab sie 1973 auf, um ein Stipendium wahrzunehmen, das ihr eine dreijährige Postdoc-Stelle am Imperial College London ermöglichte. Im Anschluss daran verschlug es sie nach Uppsala in Schweden, wo sie zunächst als Dozentin an der Universität arbeitete und später als auswärtige Forschungsassistentin am Internationalen Geodynamik-Projekt von Hans Ramberg teilnahm.

Ihrer Rückkehr nach Indien 1979 war auch eine Rückkehr zum Geological Survey of India, nun als leitende Geologin. Drei Jahre später trat sie eine Dozentenstelle an der Jadavpur University an, wobei sie als Frau in einem Fachbereich, der Aufenthalte ‚im Feld‘ notwendig macht, auf einige Schwierigkeiten stieß. Die Universität war nach ihren Worten nicht ausgestattet für weibliche Expeditionsteilnehmer, ein Zustand, der sich bis in die Mitte der 1990er Jahre nicht verbesserte. 1982 bewarb sie sich auch zum ersten Mal dafür, an der indischen Antarktis-Mission beteiligt zu sein, wurde aber aufgrund ihres Geschlechtes zunächst abgelehnt.

Doch schon ein Jahr später wurde Sudipta Sengupta ausgewählt, Mitglied der dritten indischen Expedition in die Antarktis zu werden. Sie war damit, gemeinsam mit Aditi Pant, eine der ersten beiden indischen Frauen in der Südpolregion. Sengupta war beteiligt an den geologischen Studien der Schirmacher Oase, ihre Untersuchungen legten dabei den Grundstein für die weitere Erforschung der Gegend. Sie blieb von Dezember 1983 bis März 1984 und war wie Pant am Aufbau der Dakshin-Gangotri-Station beteiligt. Fünf Jahre später sollte sie noch an einer weiteren Antarktis-Expedition beteiligt sein.

In ihrer Laufbahn veröffentlichte sie zahlreiche wissenschaftliche Artikel und Büchern, ihre autobiografischer Rückblick auf ihre Zeit in der Antarktis wurde ein Bestseller in Indien. 1995 wurde sie zum Mitglied der Indian National Science Academy (Link Englisch) gewählt, die indische Regierung zeichnete sie mit mehreren Preisen aus. Inzwischen hat sie sich als Professorin zur Ruhe gesetzt und lebt in Kalkutta.

Am 31. Oktober 2019 war sie an der Diskussionsrunde Women in Science and Technology in Neu Delhi beteiligt. Dabei sprach sie von ihren Erfahrungen im Feld als junge Wissenschaftlerin und wie sie die Situation heute einschätzt. Außerdem offenbarte sie ihre Überzeugung von der Kraft der Frauen: „Ich komme aus dem Land von Durga. (Eine beliebte Göttin im Hinduismus, die Kraft, Wissen, Handeln und Weisheit repräsentiert und auch kriegerisch auftritt.) Wir beten Durga an und als Kind glaubte ich, sie lebe im Kailash (ein Berg im Transhimalaya). Inzwischen weiß ich, dass Durga in uns lebt, in allen Frauen.“ (Quelle: The Wire)

Einige biografische Details können in diesem Interview in ihren eigenen Worten gelesen werden.