Kategorie: Literatur

Veronica Dahl

* 1951

Veronica Dahl (Link Englisch) kam in Buenos Aires zur Welt* und machte dort 1974 auch ihren ersten Universitätsabschluss in Informatik. Zu diesem Zeitpunkt waren laut dieses Artikels über sie auf medium.com 75% der Informatikstudierenden in Argentinien bzw. an der Universidad de Buenos Aires Frauen, während die Zahl sich heute auf nur 11% beläuft. Auf eine damals bestehende Gleichberechtigung verweise dies aber durchaus nicht.

Auch Veronica Dahls Biografie wurde von der politischen Unsicherheit ihres Landes geprägt, die sich nach dem Tode Peróns fortsetzte (der zuletzt María Teresa Ferrari das Leben schwer gemacht hatte). In den Unruhen wurde eine:r ihrer ältesten Freund:innen vor ihren Augen durch Maschinengewehrfeuer ermordet. Dahl ging für ihr weiteres Studium nach Frankreich und wurde 1977 an der Universität Aix-Marseille eine der ersten Doktorandinnen im Fach Künstliche Intelligenz.

frauenfiguren veronica dahl cobol
Beispiel für eine Programmierung in COBOL
By Cody Logan – Own work, CC BY-SA 4.0

Sie konzentrierte sich während ihres Studiums auf Logische Programmierung, die auf einer Bibliothek an Axiomen (Grundsätzen) basiert, statt auf einer Reihe von Befehlen wie die imperativen Programmierungen Fortran und Cobol, zum Beispiel. Sie erstellte ein Programm, das die logische Programmierung anwandte, um Anfragen und Befehle, in menschlicher Sprache gegeben, zu verarbeiten. (Ich bitte um Entschuldigung, wenn dies nicht klar nachvollziehbar ist; ich bin begeistert, aber leider hier völlig ahnungslos.) Ihre Forschungsgebiete und Methoden erstreckten sich über so unterschiedliche Fachbereiche wie Künstliche Intelligenz, Computerlinguistik und Molekularbiologie. So trugen die Erkenntnisse, die sie in ihrem Buch Logic Grammar von 1989 veröffentlichte, zur Entzifferung des menschlichen Genoms bei.

1982 wurde sie außerordentliche Professorin an der Simon Fraser University in British Columbia, Kanada. Ihrer Bestrebung, ordentliche Professorin zu werden, stand auch akademischer Sexismus im Weg, so wurde ihr einmal gesagt, sie habe dafür noch nicht genug Publikationen vorzuweisen. Das, nachdem kurz zuvor ein männlicher Kollege mit weniger Publikationen befördert worden war. 1991 wurde sie schließlich doch ordentliche Professorin und blieb es bis zu ihrer Emeritierung 2013.

Neben ihrer Forschungstätigkeit in ihrem ‚eigenen‘ Fach hatte sie auch Kraft für feministischen Einsatz. Als sich die Universität weigerte, ihre die Kinderbetreuungskosten (von $17!) zu erstatten, die angefallen waren, weil sie eine Lesung in einer anderen Stadt hatte halten müssen, ging sie bis nationalen Forschungsrat Kanadas. Dieser schrieb es nach ihrer Beschwerde fest, dass Kinderbetreuungskosten von Forschenden mit Stipendium ersetzt werden müssen. Dahl veranlasste an ihrer Universität auch eine fakultätsübergreifende Untersuchung zur niedrigeren Bezahlung von Frauen.

Veronica Dahl trat auch als Beraterin für verschiedene Unternehmen und Organisationen in Erscheinung; ihr Vertrag mit IBM soll den bis dahin bestehenden Rekord in Vergütungshöhe gebrochen haben.

Und schließlich schreibt sie auch noch wortwörtlich ausgezeichnete Prosa und Lyrik, wie diesen wunderbaren Text ‚Love to hide – love to invent‘, in dem sie zwei Erlebnisse mit Polizeigewalt und Liebe gegenüberstellt.

*Sie ist auf Twitter aktiv, ich hätte sie evtl. nach ihrem genauen Geburtsdatum fragen können, habe mich aber nicht getraut zu fragen…

Literaturnobelpreis 2020

Louise Glück veröffentlichte schon 1968 ihren ersten Gedichtband Firstborn. Sie wurde in diesem Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet ‚für ihre unverwechselbare poetische Stimme, die mit schlichter Schönheit die indivuelle Existenz universell‘ mache.

20 tage

I.
20 Tage also
Jeder Tag ein feines Tuch, das sich über mir ausbreitet.

Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.
Ein feines weißes Tuch.

Darunter ich.
Darunter Treibsand.

II.
Jetzt kommt die Molasse.
Nicht tröpfchenweise.
Molasseschwall auf Molasseschwall breitet sich dick aus, schwarz, Molasseblut blubbert in den Tüchern, tränkt die Tücher, alles klebt, hängt, trieft, schwer, schwerer, schwerer, schwerer, schwerer, schwererschwererschwererschwererwerwerwerwerwerwerwerwer

III.

Wo ein Ich war
Eine klaffende Leere
Das ist keine Wunde
Das ist ein Wurmloch
Das saugt
Schreit
Erstickt
Unter schwarzen Tüchern
Still und
Ich
weg
ja
bitte
weg  

Mom Is Sad

Why I talked about suicidal ideation to my 9yo

dieser text entstand ursprünglich für die kunstgalerie beeldend gesproken in Amsterdam, die sich auf werke von künstlern mit psychischen krankheiten spezialisiert hat. da sich die veröffentlichung dort noch etwas verzögern wird, hat mir meine auftraggeberin freundlicherweise erlaubt, den text hier vorab zu veröffentlichen.

Edit 4. Mai 2020: Wegen Corona habe ich gerade nicht viel anderes zu tun als dieses Blog (und für nicht viel mehr die Zeit), daher habe ich diesen Text, den ich immer noch sehr mag und der in der Krise aktueller ist denn je, als Audiodatei eingesprochen. Ich entschuldige mich für meine Aussprache, meine Ps und Ss und für die nicht optimale Tonqualität generell. Eigentlich wollte ich dies als Clip auch bei YouTube hochladen, aber dafür ist es 1min06sek zu lang. Und für eine gute Bearbeitung oder eine neue Aufnahme fehlen mit Technik und Zeit. Aber wer lieber hört als liest, kann sich den vorliegenden Text jetzt also von der Autorin gelesen zu Gemüte führen.

Mom is sad

“Mom, do you use drugs?”
My 9yo has a knack for asking hard questions at bedtime, right when I’m about to turn off the light. I on the other hand am incapable of giving short, evasive or postponing answers to these hard questions – I mom like that. So of course, I sat down at her bedside and did my best to explain the general understanding of “drugs” to my daughter, how and why human beings use drugs and whether I personally “use drugs”. While I was confused at first as to how she came to ask this question, it dawned on me during our conversation that she was worried about me taking CBD oil. I had started it at the beginning of the year to help with my depressive episodes, brought on by the combination of my adjustment disorder, which is currently in a chronic state due to my professional situation, and a semi-mild case of Pre-Menstrual Disphoric Disorder (PMDD), which pulls me down several notches for two or three days on a monthly basis.

The adjustment disorder has been a part of my life since puberty; it manifests in depressive episodes following transformative events. There had been several of those in my life before I had children, and despite all hopes, having my first child did not cure me. On the contrary, I had a near burnout a year after her birth, when I had to return to my job in advertising that wasn’t very rewarding. I went to therapy, switched agencies and things seemed to be better. Then I had a second child and lost my job shortly after; since then, I have been trying to find a source of income, which is the main reason for my current mental fragility. PMDD with its cycle-related crises is relatively new in comparison, like a hormonal cherry on top of the adjustment disorder cake. In the last five years, the fact that “mom is sad” has unfortunately come to be a constant in my children’s life.

When I realized what the reason was for her initial question, I focused on drugs in terms of medication, specifically why I am taking CBD oil. Accepting my disorders as illnesses and experiencing my depressive episodes as symptoms – treatable symptoms! –  has helped me weather the worst times recently. I’m hoping that CBD oil will help me with the physical aspect of my illness, bringing a chemical balance to the brain that I cannot naturally achieve. Getting enough sleep, sometimes taking a break from my duties (also sometimes allowing the kids more screen time than I actually deem “okay”) and generally treating myself with care are other ways to handle my mental illness when it flares up. My daughter was intrigued by the aspect of chemical balance in the brain and asked me fearfully whether that meant I was “impaired”, and whether it was hereditary, so she might also have this illness. This was a bit difficult, since I see her hypersensitivity and tendency for anxiety, and recognize myself as a child, hypochondria and all. I told her it is a possibility but that didn’t have to mean she will be as affected by it as I am. I assured her I will always have an eye on her especially because of this and that it’s why I often take time to talk to her about her feelings and her self-image.

Nevertheless, the thorough girl wanted to know what exactly goes on in my head when I feel depressed. So I told her, there is this voice – that I know is the illness – telling me that I’m not good at what I do, that I am failing as a professional, or worse, as a mother, that things will always stay this bleak and nothing I do will change it. I wasn’t going to talk about suicidal ideation (the occurrence of suicidal thoughts), as I knew it would scare her, but alas, she is thorough and needs to know all if she knows one thing. She asked me point blank: “But did you ever not want to live anymore?”

With this, I had to make a decision on the spot: Do I stick to my principle of honesty and completeness, with the risk of scaring my child, or do I tell her a lie, saving her from the burden of knowledge? Since my default mode is honesty, and hesitation is an answer in itself, I answered: “Yes, that is a thought that sometimes comes along with the others.” I knew right at that moment that I was going to have to explain this decision to at least one person – her father, who does not have the same experience with mental illness as I do – but I also knew instantly that I made the right decision, for both myself and my daughter.

Before I lay out my reasons here, let me say that, yes, my answer made her cry, but our conversation continued until I was able to soothe and comfort her, so when I left her bedside, she was calm and in her usual 9yo bedtime mood. I pondered over our exchange, realizing and formulating the reasons for my instinctive decision in hindsight as well as foreknowledge of the discussions I was going to have about it. It was already the next day that I had the opportunity for a test run of my argumentation. My daughter’s teacher called me around noon, telling me the child had had a crying fit during school hours because “my mom doesn’t want to live anymore”. She was by then comforted and playing with her friends, but the teacher had wanted to check the urgency of my situation. The reasoning I am laying out here is almost completely based on my exchange with the teacher, a caring person who I greatly respect for prioritizing her students’ well-being above all.

As I mentioned, honesty and age-appropriate completeness are my most valued guidelines in conversations with my children. Honesty goes without saying, simply because I want my children to keep on trusting me through puberty and in their adult lives; absolute, yet kind honesty is the only certain way I know how to ensure that. What’s age-appropriate and what is not may be debatable, but in my experience, if they can ask the question, they can handle the answer. Phrasing it in a way their growing mind can work with is my task as a responsible parent. Yet, I don’t practice honesty purely on principle, but also to unburden the hard topics from shame. In child-rearing, mental health is as fraught with taboo as sexuality – if not more, since the generally accepted guideline for today’s parents is to call the private body parts by their official names so as to free them from said shame. Part of the thinking behind it is, when you can talk about body parts and occurrences “shamelessly”, when you can give it a name and are well-informed about its function, you are consequently able to discuss variation and distinguish healthy from unhealthy, thus tackling medical issues before they become catastrophes.

This understanding we have in sexual education, in my opinion, should be transferred to mental health education, and that is what I did at the time. To wit, when my daughter was shocked about the fact that I sometimes don’t want to live anymore, I was very quick to point out to her that it is only that: Ideation that I do not gladly or willfully conjure, but that rises up along with the other (untrue) ideas about myself or rather, as the tail end of my self-deprecation, and as such it is a symptom of my illness. I reiterated to her what I learned from my meditation app (thank you Headspace), that our minds are as the sky, neutrally existing, and our thoughts and feelings are clouds passing over it. They can be the white clouds of a summer’s day, and they can be a dark and threatening hailstorm, but whatever they are, they pass, leaving the mind ultimately untouched. This framing has helped myself tremendously when experiencing suicidal ideation, and I hope learning about it so early in life will enable my daughter to manage her own mental health journey far better than I did. Writing about it now and admittedly riding my comparison of mental health education and sexual education to death, I’m inclined to say: Suicidal ideation is the fetid discharge of a depressed brain, and not being able to put a name to it, not being able to talk about it because of shame, prevents us from seeking help and will only lead to aggravation; in the case of mental health, this aggravation can be deadly.

My daughter’s teacher rightfully pointed out that knowing about these thoughts is a heavy burden for a child; the burden is not heavy, though, due to suicidal ideation itself being so rare or inevitably leading to suicidal acts. It isn’t, and it doesn’t, but our society has difficulties making the distinction between one of the symptoms of depression and its incidental outcome. Certainly, this is in line with the general taboo around mental health issues that still prevails, often doubling the burden for the person suffering. Despite being a very common and widespread illness that afflicts persons from all walks of life, depression is not a topic generally discussed in its prevalence and, to the media, rather boring manifestation of exhaustion, lack of motivation and hopelessness. Except of course when a public figure commits the “interesting” act of suicide and, as witnessed again and again, the media and minds of the public are suddenly full of commiseration with and facts about depression. As I said to my daughter’s teacher: Society speaks about suicide and depression only when someone prominent has committed the ultimate act, but there is silence around the many sufferers of depression who continually have suicidal thoughts without taking action. In all our minds, the idea of suicide is considered one with the action because we do not talk about the desire to die. It is taboo for many reasons, suicide being a cardinal sin in our basically Christian value system among the most harmful.

During our initial conversation, I had stressed the fact to my daughter that a thought, even one as “I don’t want to live anymore”, is very different from plans and even more so from actions. Making this distinction wasn’t only important for our current situation, me being the mother with suicidal ideation and her my worried daughter. It was also important for the eventuality in our future that she is affected by mental health issues as I was and am, during puberty and beyond. I not only needed her to understand right now that I wasn’t in a constant state of wanting to die, but that suicidal thoughts occur in crisis and pass as the crisis does, that while it isn’t pleasant or to be taken lightly, it is very much not an actual suicide plan. Just as much, I needed her to understand that should she herself experience depression and suicidal ideation, it would not mean that her path then was inevitably set towards suicide – which is what had frightened me most when I felt I didn’t want to live anymore for the first time in my youth. At the time, I had no one explain to me the difference between the thought and the act, I had no grasp of the symptoms of depression, I did not even know myself that I was suffering from depression. All I knew was that people who died by suicide may or may have not been thinking and speaking about it before. What lies between the thought and the act was a blank to me, just as much as the number of people who are going through their whole lives or at least phases with suicidal ideation who never form a genuine plan. The wish of not wanting to live anymore, to me, felt like the last and only step on the way to actual suicide; I had no one explain to me that there are a lot more steps between this sad and painful feeling and hands-on termination of one’s own life, which I may never feel inclined to take. This I needed my daughter to know before she came to that point herself, so she feels safe to come to me for understanding and support.

My daughter’s teacher – maybe because she had no experience to compare and argue with – conceded and we ended the conversation amicably, with me promising to pick it up with my daughter for closure. When my daughter came home, I gently repeated these important points to her: It is not a constant state of mind, I am not in acute danger of killing myself, it is an occasional symptom of my condition that should prompt me to take care of my mental health.

It turned out later, when I spoke to my mother about it all, that she supported my decision for these exact same reasons. She had experienced suicidal ideation herself during puberty and hadn’t felt able to speak to her parents about it; if I had known this during my youth, I would have felt free to come to her then, when I was in the situation for the first time. My mental health journey would have been less lonely, less scary from the beginning. Of course, my mother’s silence, as much as her parents’ silence around the hereditary affliction on their side, wasn’t malevolent. It was borne out of shame which in turn was borne out of ignorance. “Not being right in the head” was still something to be shamefully silent about for my grandparents, depression still put people into asylums in my parents’ generation. Suffering from depression and suicidal thoughts was definitely nothing to be discussed liberally, least so with the children. The societal taboo around mental illness created a silence between parents and kids, in my own generation still. This silence between fellow depressives in a family, in my opinion, causes far worse issues than I could have done by being open with my daughter – seeing as she may have walked on eggshells around me and was exceedingly cheerful, obliging and helpful for three days after our conversation, but soon returned to her natural headstrong and obstinate self, healthily lacking any worry about how her occasional “being difficult” could affect my mental health. What remained was a sensitive intuition when “mom is sad”; she will reach out her hand or come to hug me, and I will gratefully accept her comfort, hoping that she will allow me to repay it if she should ever fall into the same darkness.

Months now after having the initial conversation with her, I am more convinced than ever that my blunt honesty has not traumatized her but laid the groundwork for clear and open communication about feelings and mental health. We still butt heads and have tiresome discussions over bedtime and screen time, as you do. She is heading towards puberty and adequately scared and elated at the prospects of her future. I am still taking CBD oil; I am still struggling through days and weeks of depressive episodes. I am still fending off suicidal thoughts with the most effective argument against killing myself: I need to model for my children that you can make it through, that sadness, hopelessness and suicidal ideation passes, that sometimes showing up and breathing is all you can and need to do to make it another day. That suicide is not the way “out”, and that I will always be there for them.

44/2019: Lois McMaster Bujold, 2. November 1949

Die Science-Fiction- und Fantasy-Autorin Lois McMaster Bujold hält den Rekord, den Hugo Award für den besten Roman viermal gewonnen zu haben, und zieht damit gleich mit ihrem Kollegen Robert A. Heinlein.

Besonders bekannt ist ihre inzwischen 19-teilige Reihe, die Vorkosigan-Saga, in der allein drei Bücher mit der Hugo Award ausgezeichnet wurden. Diese Science-Fiction-Saga spinnt Bujold um den kleinwüchsigen interstellaren Spion und Söldner Mike Vorkosigan. Die Romane schrieb Bujold nicht in chronologischer Reihenfolge, noch wurden sie in der Abfolge veröffentlicht, in der sie geschrieben wurden. Vielmehr schuf Bujold eine ganze Welt um die Vorgeschichte und Entwicklung des Helden, in der sie sich mit Liebe und Beziehung, aber auch der möglichen Technik und Wissenschaft einer interstellaren Zukunft in 1000 Jahren auseinandersetzt.

Der zweite Teil ihrer Fantasy-Trilogie Curse of Chalion, Paladin der Seelen, gewann neben dem vierten Hugo Award auch noch den Nebula Award und den Locus Award – diese letzteren beiden Preise gewann auch ihr Kurzroman innerhalb der Vorkosigan-Saga Die Berge der Trauer.

43/2019: Doris Lessing, 22. Oktober 1919

Von Doris Lessing habe ich bisher nur Das fünfte Kind gelesen – und das lange vor der Zeit, zu der ich selbst Mutterschaft in Erwägung gezogen habe.

Meiner Ansicht nach setzt sich dieser Roman mit dem Folgenden auseinander: Mit den Ängsten der schwangeren Person, welche Persönlichkeit im eigenen Leib heranwächst, und auch den Schuldgefühlen, welchen Einfluss gerade diese Ängste und Befindlichkeiten auf diese doch ursprünglich unschuldige Persönlichkeit haben. Mit der Frage danach, ob Menschen tatsächlich als tabula rasa auf die Welt kommen oder „das Böse“ in ihnen, das Ausmaß eines möglichen antisozialen Wesens, vielleicht doch schon von der Biologie angelegt ist. Auch mit der Frage, wie sich Eltern gegenüber „schwierigen“ Kindern verhalten können, müssen oder sollten. Und: Mit dem gesellschaftlichen Tabu fehlender „instinktiver“ Mutterliebe.

Das sind allerdings alles nur kurze, notizenhafte Gedanken, da die Lektüre einerseits wie gesagt schon eine Weile zurückliegt und ich immer noch wenig Zeit habe (siehe Beitrag letzte Woche).

27/2019: Karla König, 3. Juli 1889

Die im damals preußischen Stettin geborene Karla König entstammte einer Journalistenfamilie und trat in die Fußstapfen ihres Vaters und Großvaters. Sie arbeitete als Pressereferentin und Ressortleiterin Feuilleton in Pommern, bevor sie mit 38 Jahren begann, als freie Schriftstellerin zu arbeiten. Ihre Heimatregion war Hauptthema ihrer Gedichte und Bücher.

Im Zweiten Weltkrieg wurden viele ihrer bisherigen Arbeiten, vor allem aber ihre unveröffentlichten Manuskripte vernichtet; als Stettin nach dem Krieg polnisch wurde, ging sie in die sowjetisch besetzten Gebiete der jungen deutschen Republik. Zunächst in Ueckermünde und Stralsund, ab 1947 in Schwerin beteiligte sie sich am Aufbau der Kulturarbeit, insbesondere im Kulturbund der demokratischen Erneuerung Deutschlands, der sich die antifaschistische Haltung in die Leitsätze schrieb.

In der DDR arbeitete sie wieder als freie Autorin und setzte sich im Deutschen Schriftstellerverband insbesondere für die Förderung junger Autor:innen ein. Für ihren Einsatz erhielt sie die Verdienstmedaille der DDR. Sie starb 74-jährig in Schwerin.

Ihr Nachlass findet sich in der Landesbibliothek Meckklenburg-Vorpommern; der Text, den ich jedoch am liebsten von ihr lesen würde, ist nicht mehr zur Verfügung: 1919 schrieb die frühe Verfechterin des Frauenwahlrechts eine Broschüre mit Namen Wie arbeite ich politisch? Ein parteiloses Wort an die deutsche Frau.

mary shelley

für die FILMLÖWIN durfte ich Mary Shelley besprechen – seit dem 9. Mai auf DVD/BD – ein sehr schöner film, der locker den bechdeltest besteht und (fast) alles richtig macht!

Wer sich vorher oder hinterher noch mal etwas zur echten Mary Shelley zu Gemüte führen möchte, kann ja noch meinen Beitrag von 2016 zu ihr lesen. Ihr Leben nach der Veröffentlichung von Frankenstein bekommt dort auch nicht sehr viel Raum, deshalb hier eine kurze Zusammenfassung ihres Lebens post-Frankenstein. Sie schrieb weitere Romane und Reiseberichte, vor allem aber arbeitete sie daran, das Werk ihres verstorbenen Mannes zu veröffentlichen. Davon, seine Biografie zu schreiben, hielt sie ihr Schwiegervater ab, der seine finanziellen Zuwendungen – auf die sie lange Zeit angewiesen blieb – davon abhängig machte, dass niemand von den radikalen Ansichten seines Sohnes erfuhr. Der Tod von Percys erstem Sohn mit Harriet Shelley machte Marys Sohn Percy Florence zum direkten Erben des Shelley-Vermögens und als der Schwiegervater später starb, waren Mutter und Sohn ihre wirtschaftlichen Sorgen halbwegs los.

Sie traf nach Percys Tod noch einige Männer, die ihr die Ehe antrugen, aber sie lehnte stets ab. Sie könne nach einer Ehe mit einem Genie nur ein weiteres heiraten, war ihre Begründung. Dafür half sie allerdings einem befreundeten Frauen*-Pärchen, in Frankreich wie Mann* und Frau* zusammenzuleben – sie half ihnen, den Pass einer der beiden zu fälschen, sodass diese dort unter ihrem männlichen Pseudonym leben konnte.

Sie wurde mehrfach Opfer von Erpressungsversuchen, die auf ihrer oder Percys „unmoralischer“ Lebensweise beruhten. Ein Mann erpresste sie damit, eine kritische Biografie Percy Bysshe Shelleys herausbringen zu wollen – worauf sie nicht einging, wohl, weil diese sie eventuell aus der Zensur durch ihren Schwiegervater befreit hätte. Sie fand allerdings ihren eigenen Weg, dennoch ihre eigene Sichtweise zu erzählen, indem sie Percys Gedichte mit ausführlichen Anmerkungen herausbrachte, die sehr ins biografische Detail gingen.

Noch etwas zu ihrem größten Werk, Frankenstein oder Der Moderne Prometheus. Es steht noch immer ein Film aus, der diese literarische Vorlage gänzlich von den filmischen Vorgängern frei und wirklich nach der Geschichte Shelleys erzählt. Als ich das Buch damals las, war ich immer wieder erschüttert, wie völlig anders Shelley den künstlichen Menschen charakterisiert, als es uns unsere popkulturellen Einflüsse glauben lassen. Ich kann nur empfehlen, sich dieses Werk auf die feministische Lektüreliste zu setzen.

Jetzt lest aber erst einmal meine Filmkritik auf FILMLÖWIN.

morbid ideation

ich könnte das nicht
selbstmord
würde ich nie tun
die armen kinder
der arme mann
die armen eltern
wie feige
würde ich nie tun
selbst

ja, ein unfall
eine krankheit
das ist was anderes
die armen kinder
der arme mann
die armen eltern
wie tragisch
aber im ergebnis
gleich

16/2019: Eliza Acton, 17. April 1799

Eliza Acton kam als ältestes von acht Kindern eines Brauereimeisters in zur Welt und wuchs in Ipswich auf. In ihrer Jugend eröffnete sie zwei Schulen, bevor sie sich auf eine längere Europareise machte. Acton, die ihr Leben lang unverheiratet blieb, erlitt wohl in Frankreich eine romantische Enttäuschung – möglicherweise bestand eine Verlobung mit einem französischen Offizier – und begann spätestens in Frankreich 1822 damit, Gedichte zu schreiben. Einige davon wurden 1826 veröffentlicht, wobei der Druck quasi auf Kommission geschah: Acton musste eine Liste an interessierten Käufern vorlegen, bevor das Buch verlegt wurde.

Als sie 28 war, ging die Brauerei ihres Vaters pleite und er floh vor seinen Gläubigern ins Ausland. Eliza zog mit ihrer Mutter und den Geschwistern in ein Haus, das sie Mutter als Pension ausrichteten. Acton schrieb weiterhin Gedichte, doch ab Mitte der 1830er schon begann sie, an einem Kochbuch zu arbeiten. Diese erschien 1845 und gilt heute als das erste Kochbuch in der Form, wie wir es kennen.

Modern Cookery in all its Branches beziehungsweise Modern Cookery for Private Families, wie es in einer späteren Auflage hieß, richtete sich an die Mittelschicht, die Ressourcen für abwechslungsreiche Küche, aber nicht für angestellte Köch•innen hatte. Acton war die erste, die Rezepte in eine Liste von Zutaten und eine Beschreibung der Vorgehensweise in Fließtext aufteilte, allerdings stellte sie die Zutatenliste hintenan – die Form, wie wir sie heute kennen, führte tatsächlich erst eine Nachahmerin und Plagiatorin ein. In der ersten Auflage enthielt das Buch vor allem traditionelle englische Gerichte – der weihnachtliche Plum Pudding wurde hier allerdings zum ersten Mal Christmas Pudding genannt – sowie Currys und Chutneys, die Acton so selbstverständlich aufführt als sei es einheimische Küche, und einige französische Gerichte. Außerdem ein erstes Rezept zur Zubereitung von Rosenkohl (Englisch: Brussel sprouts) und ein erstes für Spaghetti. Als es 1855 in der umbenannten Fassung neu aufgelegt wurde, fügte sie noch ein Kapitel über „Ausländische und Jüdische Küche“ hinzu, in dem Rezepte aus unterschiedlichen europäischen Ländern sowie der aschkenasischen Küche aufgeführt wurden. Das Buch wurde ein großer Erfolg und von vielen Kritiken für seine Klarheit und Verständlichkeit gelobt.

Acton arbeitete nach der Veröffentlichung des Buches als kulinarische Redakteurin für Wochenmagazine und schrieb an einem Buch über „Küche für Kranke“ sowie an dem 1857 einschienenen Buch The English Bread-Book for Domestic Use. Dies war weniger eine Anleitung zum Brotbacken, als vielmehr eine historische Betrachtung der Geschichte des Brotes in England und eine Analyse der unterschiedlichen Methoden in England und Europa.

Nach einem Leben in schlechter Gesundheit verstarb Acton bereits mit 59 Jahren. Ihre Bücher, vornehmlich Modern Cookery, werden von vielen Köchen und kulinarischen Autoren Englands als maßgeblich behandelt. Modern Cookery mit Rezepten zu Gerichten, wie sie im 19. Jahrhundert gängig waren, aber inzwischen fast nicht mehr bekannt sind, dokumentiert den Kulturwandel der industriellen Revolution; es beinhaltet anspruchsvolle Luxusgerichte ebenso wie sparsame und auf Wiederverwendung bedachte Rezepte für schmalere Geldbeutel. Während ihre Gedichte keine großen Erfolge feierten, kam Actons klarer Stil und analytische Denkweise in der Beschreibung des Kochvorganges zur Blüte. Modern Cookery wurde zunächst bis 1918 gedruckt, doch danach erst wieder 1994 aufgelegt. Die britische Kochbuchautorin Elizabeth David nennt Acton ihren größten Einfluss, Delia Smith nennt sie die „beste Kochbuchautorin der englischen Sprache“. Die Form, wie sie Rezepte aufbaute – in Zutatenliste und Vorgehensweise Schritt für Schritt – wird heute in der 3. Klasse an Grundschulen gelehrt.