Kategorie: Lyrik

KW 21/2016: Mary Wortley Montagu, 26. Mai 1689

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Neben einer regen schriftstellerischen Tätigkeit, unter anderem mit Berichten aus den Frauenräumen des Osmanischen Reiches als Ehefrau des englischen Botschafter in Istanbul, als Lyrikerin und Verfasserin politischer Texte, war Mary Wortley Montagu eine Pionierin des medizinischen Fortschritts. Nachdem sie ihren Bruder an die Pocken verloren  und selbst eine Erkrankung mit deutlichen kosmetischen Schäden überlebt hatte, brachte sie aus dem Osmanischen Reich die Variolation (Inoculation) mit: das gezielte Infizieren durch die Erreger eines milden Falles der Pocken. Sie ließ dies nicht nur bei ihren beiden eigenen Kindern durchführen, nachdem sie die Erfolge der Osmanen damit gesehen hatte, sondern brachte auch den englischen König George I. und dessen Tochter Caroline dazu, ihre Kinder bzw. dessen Enkel so gegen die Pocken zu immunisieren – selbstverständlich erst, nachdem die Variolation zunächst an zum Tode verurteilten Verbrechern getestet wurde. Diese waren danach nicht nur gegen die Pocken immun, sondern auch wieder auf freiem Fuß. Die Variolation blieb für etwas 50 Jahre die Methode der Wahl für die Immunisiserung, bis die Impfung, wie wir sie heute kennen, entwickelt wurde.

Zu Mary Wortley Montagus literarischer Arbeit ist noch zu sagen, dass sie, wohl zu Recht, über die bisherigen Reiseberichte aus dem Orient recht gehässig sprach – dass dort Männer ihre Fantasien auslebten, weil sie schlicht nicht wüssten, was in den ihnen unzugänglichen Orten wirklich vorging. Es zirkulierten über die Frauenbadehäuser selbstverständlich Gerüchte und Vorstellungen davon, dass in diesen reinen Frauen-Räumen sexuelle Ausschweifung und Freizügigkeit herrschte – weil Frauen allein gelassen untereinander natürlich nichts als Sex im Kopf haben können. Lady Montagu rückte das Bild mit ihren eigenen Erfahrungsberichten gerade: dass dort schlicht das soziale Leben stattfand, ohne die störenden Einflüsse der Männer. Trotzdem fanden vor allem ihre Beschreibungen der orientalischen weiblichen Körper Beachtung und wurden wiederum für die Auswertung in erotischen künstlerischen Darstellungen verwendet.

Bild: By Charles Jervas – The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202., Public Domain

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Von 102 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 4 (inklusive Mary Wortley Montagu) Frauen:
29.5.1627 Anne Marie Louise d’Orléans
27.5.1653 Liselotte von der Pfalz
25.5.1775 Charlotte Joachime von Spanien

KW 6/2016: Karoline von Günderrode, 11. Februar 1780

Karoline von Gründerode

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Die „Sappho der Romantik“ lebte und schrieb im Kreise Clemens Brentanos und Bettina von Arnims; sie rang zeitlebens mit den Erwartungen an die Rolle der Frau in der Gesellschaft, die so gar nicht ihrem Naturell entsprachen.

Als Lyrikerin relativ erfolgreich, wenn auch von anderen Vertretern der Romantik überschattet, erlitt sie im Privatleben immer wieder Zurückweisung. Nachdem ihre erste Liebe Friedrich Carl von Savigny eine andere geheiratet hatte, verliebte sich Karoline in einen verheirateten Mann, Friedrich Creuzer, für den sie ihren Freundeskreis vernachlässigte, der sich jedoch selbst nicht in der Lage sah, seine Frau für sie zu verlassen.

Karoline von Günderrode wählte mit 26 Jahren den Freitod per Dolchstoß, nachdem ihr Geliebter die Beziehung beendet hatte.

Bild: By Unknown – Unknown, Public Domain

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Von 200 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 11 (inklusive Karoline von Günderrode) Frauen:
13.2.1457 Maria von Burgund
11.2.1466 Elizabeth of York (Königin)
14.2.1640 Anna Magdalena von Pfalz-Birkenfeld-Bischweiler
11.2.1715 Margaret Cavendish Bentinck
13.2.1752 Luise von Göchhausen
9.2.1769 Susette Gontard
13.2.1772 Henriette Hendel-Schütz
12.2.1775 Louisa Adams
9.2.1777 Louise Brachmann
8.2.1794 Agnes Franz

willd 

ichwilld
ichganzwild
ichwilldich
ganzwild
ichwilldichganz
wildich
2004

KW 44/2015: Leta Semadeni, 26. Oktober 1944

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Leta Semanedi schreibt Gedichte auf Deutsch und Vallander, einem rätoromanischen Dialekt – was das ist, was mich an ihr interessiert.

So wie Pflanzen und Tiere durch Abschottung vom Rest der Welt ihre eigenen Entwicklungswege gehen, so machen Sprachen das auch. Rätoromanisch bzw. seine verschiedenen Formen sind Vermischung einer wahrscheinlich nicht indogermanischen Sprache – der Räter, die zu den Kelten gezählt werden – und des Latein ihrer römischen Eroberer. Tatsächlich finden sich in diesen Dialekten lateinische Formen mit den weichen Nuschellauten, die man aus dem „gewöhnlichen“ Schwyzerdüütsch kennt, was eine faszinierende Mischung aus Fremdem und Vertrautem ergibt.

So etwas kann sich niemand ausdenken.

fremdbild

dein bild von mir
zerreiss es
mal es weiss

so fahl

dein bild von mir
zerreiss es
mal es rot

so grell

dein bild von mir
zerreiss es
mal es schwarz

so finster

dein bild von mir
zerreiss es
mal es nicht

und du so

nach den ersten drei worten meines mannes zu mir
und du so
dreist
verführst und verschlingst mich
und du so
geduldig
erwartest und eroberst mich
und du so
feurig
entdeckst und entfachst mich
und du so
liebevoll
beschützt und bestärkst mich

kreuzung

der beginn unserer ehe – geprägt von zufall und paradigmenwechseln
sind wir
nach langer reise angekommen
ich weiß nicht
wie es weitergeht
so geht magie
eine kreuzung im richtigen moment
da sind wir
zu langer reise aufgebrochen
ich weiß nur
dass es weitergeht

coping

da war die beziehung nach einem halbjährlichen „ernsthaften“ versuch wieder vorbei.
nein, du fehlst mir nicht
wo du sprachst
ist jetzt stille
mir fehlt nur geist
sie zu füllen
nein, du fehlst mir nicht
wo du lagst
ist jetzt raum
mir fehlt nur körper
ihn zu füllen
nein, du fehlst mir nicht
wo du warst
ist jetzt zeit
mir fehlt nur leben
sie zu füllen

zur eheschließung

meiner besten freundin aus schulzeiten zur hochzeit
reden
lachen
übereinander
schweigen
träumen
miteinander
wachsen
sich binden
aneinander
sich ausruhen
sich finden
beieinander
fremd sein
mutig sein
füreinander
wut haben
lust haben
aufeinander
vieles mögen
alles verstehen
bringt einander
durcheinander
lasst einander
liebt einander

welt aus zucker

dieses gedicht hängt immer noch über dem schreibtisch meines vater an der pinnwand.
dick und golden
sonnensirup
weiß und staubig
pudermond
weich und flüchtig
wolkenwatte
klein und knirschend
hagelsterne
satt und prall
mein bauch mit augen

WEG MIT
§218!