Kategorie: Literatur

KW 44/2015: Leta Semadeni, 26. Oktober 1944

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Leta Semanedi schreibt Gedichte auf Deutsch und Vallander, einem rätoromanischen Dialekt – was das ist, was mich an ihr interessiert.

So wie Pflanzen und Tiere durch Abschottung vom Rest der Welt ihre eigenen Entwicklungswege gehen, so machen Sprachen das auch. Rätoromanisch bzw. seine verschiedenen Formen sind Vermischung einer wahrscheinlich nicht indogermanischen Sprache – der Räter, die zu den Kelten gezählt werden – und des Latein ihrer römischen Eroberer. Tatsächlich finden sich in diesen Dialekten lateinische Formen mit den weichen Nuschellauten, die man aus dem „gewöhnlichen“ Schwyzerdüütsch kennt, was eine faszinierende Mischung aus Fremdem und Vertrautem ergibt.

So etwas kann sich niemand ausdenken.

fremdbild

dein bild von mir
zerreiss es
mal es weiss

so fahl

dein bild von mir
zerreiss es
mal es rot

so grell

dein bild von mir
zerreiss es
mal es schwarz

so finster

dein bild von mir
zerreiss es
mal es nicht

KW 41/2015: Agnes von Krusenstjerna, 9. Oktober 1894

Agnes von Krusenstjerna

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Wieder mal ein Eintrag auf meiner Leseliste für bisher noch nicht absehbare freie Tage.

Agnes von Krusenstjerna scheint die Hauptverantwortliche für die weltbekannte schwedische Freizügigkeit in der Kunst zu sein. In den 1920er Jahren schrieb sie Romane über das Heranwachsen eines jungen Mädchen in der Adelsgesellschaft, die in ihrer Beschreibung von Geisteskrankheit und vor allem der Sexualität bahnbrechend waren. Sie löste damit die Krusenstjerna-Fehde aus, in der es zwischen liberalen Künstlern und Konservativen, unter anderem Nazi-Sympathisanten, zum Streit um die ewige Frage „Was darf die Kunst“ kam.

Detailreiche Beschreibung von Geschlechtsverkehr in der Literatur war natürlich unerhört, noch dazu von einer Frau. Vieles, auch die Anteile ihrer Romane, die sich mit Geisteskrankheit befassten, war wohl autobiografisch – sie starb mit 46 Jahren an einem Gehirntumor, der ihr schon in der Jugend Anfälle verursachte. In ihrer kurzen Lebenszeit durchstieß sie jedoch in Schweden die bisher geltenden Grenzen der Moral in der Kunst.

Zitate aus Fröknerna von Pahlen lassen sich hier bestaunen (CN Rassismus, Antisemitismus u. wahrscheinlich noch andere -ismen).

Bild: By Unknown – Ewert Wrangel (red.): Svenska folket genom tiderna 12 De senaste årtiondena. Malmö 1940, Allhem., Public Domain

und du so

nach den ersten drei worten meines mannes zu mir
und du so
dreist
verführst und verschlingst mich
und du so
geduldig
erwartest und eroberst mich
und du so
feurig
entdeckst und entfachst mich
und du so
liebevoll
beschützt und bestärkst mich

kreuzung

der beginn unserer ehe – geprägt von zufall und paradigmenwechseln
sind wir
nach langer reise angekommen
ich weiß nicht
wie es weitergeht
so geht magie
eine kreuzung im richtigen moment
da sind wir
zu langer reise aufgebrochen
ich weiß nur
dass es weitergeht

coping

da war die beziehung nach einem halbjährlichen „ernsthaften“ versuch wieder vorbei.
nein, du fehlst mir nicht
wo du sprachst
ist jetzt stille
mir fehlt nur geist
sie zu füllen
nein, du fehlst mir nicht
wo du lagst
ist jetzt raum
mir fehlt nur körper
ihn zu füllen
nein, du fehlst mir nicht
wo du warst
ist jetzt zeit
mir fehlt nur leben
sie zu füllen

KW 34/2015: Alice Schalek, 21. August 1874

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Es geht mir hier auf frauenfiguren ja nicht darum, Die Frau als das bessere menschliche Wesen darzustellen. Es geht mir hier darum, den Blick darauf zu lenken, dass Frauen ebensolche menschlichen Wesen sind wie Männer, die Großes leisten können – sich dabei in der Geschichte nur oft über größere Hürden hinwegsetzen mussten als Männer; dass Frauen das gleiche Potenzial innewohnt wie Männern, auch wenn sie eben in der Geschichtsschreibung und auch in der Gegenwart immer noch meist Nischenplätze und ihre separaten Podeste haben.
Eine spannungsreiche Figur und deswegen interessant unter dieser Prämisse ist Alice Schalek. Eine jüdische Frau, die sich als Journalistin und Kriegsberichterstatterin über die traditionellen Geschlechterrollen hinwegsetzte und – auf der anderen Seite – dabei eine Sichtweise auf den Mensch und den Krieg offenbarte, die Karl Kraus dazu veranlasste, sie eine Kriegstreiberin zu nennen. Eine Feministin, die in ihrer Anfangszeit die Emanzipation forderte, während des Krieges jedoch die Frauen selbst völlig in den Hintergrund stellte und die Männer, die im Krieg kämpften, idealisierte; nur um später wieder für die Frauenrechte einzutreten.
Die Frau als Mensch mit menschlichen Stärken und Schwächen zu sehen, sie aus der Dichotomie von „Hure und Heilige“ herauszuholen, ist ein wichtiger Schritt in der Emanzipation; statt eines schwarz-weißen Weltbildes, in dem der Feminismus ein Gegenteil vom Humanismus sei, weil er die Rollen umkehren wolle – also eine Dominanz der Frauen über die Männer anstrebe -, muss Feminismusgegnern der Wind aus den Segeln genommen werden, wenn sie meinen, mit Negativbeispielen die gesamte Bewegung diskreditieren zu können. Keine Frau ist perfekt, so wie kein Mann perfekt ist. Viele kluge Männer und Frauen haben in einem Bereich Großes und sich in anderen moralisch Fragwürdiges geleistet. Es geht nicht darum, eine Person oder ein ganzes Geschlecht idealistisch zu überhöhen, sondern Menschen egal welchen Geschlechts die gleichen Chancen zu gestatten.

zur eheschließung

meiner besten freundin aus schulzeiten zur hochzeit
reden
lachen
übereinander
schweigen
träumen
miteinander
wachsen
sich binden
aneinander
sich ausruhen
sich finden
beieinander
fremd sein
mutig sein
füreinander
wut haben
lust haben
aufeinander
vieles mögen
alles verstehen
bringt einander
durcheinander
lasst einander
liebt einander

welt aus zucker

dieses gedicht hängt immer noch über dem schreibtisch meines vater an der pinnwand.
dick und golden
sonnensirup
weiß und staubig
pudermond
weich und flüchtig
wolkenwatte
klein und knirschend
hagelsterne
satt und prall
mein bauch mit augen

was ich so tu'

es war ’ne schöne zeit – zwischen schein-abarbeiten und prüfungsstress ein sommersemester der reinen lust und laune.
schlafen
schreiben
sonnenbaden
bücher lesen
träume spinnen
mir gehören
essen
lachen
sterne zählen
filme kucken
liebe machen
dir gehören

WEG MIT
§218!