Kategorie: Politik

KW 29/2013: Assata Shakur, 16. Juli 1947

Assata Shakur FBI

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In den 1960er Jahren war Assata Shakur Mitglied der Black Panthers und geriet so ins Fadenkreuz des FBI. Sie war eine zeitlang Verdächtige in so ziemlich jedem Bankraub oder Verbrechen, an dem eine schwarze Frau beteiligt war. Wie könnte es anders sein, wurde ihr die Rolle der „Mutter“ und treibenden Kraft zugeschrieben, als sie in einer Gruppe mit mehreren Männern politisch und/oder kriminiell aktiv war (denn wenn eine einzelne Frau mit mehreren Männern handelt, kann sie nur entweder eine hörige Sklavin oder die bösartige Mutter sein, die alle kontrolliert, sie kann niemals einfach nur eine Person von mehreren ohne exponierte Position sein).

Nachdem sie wegen Polizistenmord verhaftet und verurteilt worden war, wurde sie 1973 aus dem Gefängnis befreit und ging nach Kuba ins Exil.
Erst im Mai diesen Jahres wurde sie vom FBI auf die Liste der meistgesuchten Terroristen gesetzt und ist damit die erste Frau auf dieser Fahndungsliste.

Bild: By U.S. Government (FBI; reported on The Guardian) [Public domain], via Wikimedia Commons

KW 25/2013: Clara Immerwahr, 21. Juni 1870

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Eine junge Frau macht entgegen dem Zeitgeist und den universitären Traditionen im Jahr 1900 ihren Doktor magna cum laude im Fach Chemie. Dann heiratet sie einen anderen Chemie-Doktoranden, weil sie hofft, in der Ehe mit einem Wissenschaftler den Raum und die Unterstützung zu finden, ihre Forschungen fortzusetzen. Doch stattdessen wird sie in die Rolle der Hausfrau und Mutter gedrängt, darf nur noch für die Karriere ihres Mannes tätig sein, beginnt, an Depressionen zu leiden. Gleichzeitig macht ihr Mann Karriere, weil er im kriegslüsternen Deutschen Reich als Chemiker am Einsatz von Giftgasen forscht. Die junge Frau sieht nicht nur ihr eigenes Leben verschwendet, sie erkennt auch das Erodieren der Moral in der bedingungslosen Forschung an Vernichtungsmethoden. Sie muss feststellen, dass sie als Ehefrau eines zynischen Wissenschaftlers keine eigene Stimme hat, die ernsthaft gehört würde, und gleichzeitig gegen ihren Willen Unterstützung liefert an der massenhaften Tötung von Menschen. Nachdem dank der Forschung ihres Mannes erstmals 5.000 Menschen den Tod gefunden haben und ihr Mann dafür befördert wird, nimmt sie nach einer Feier zu diesem Anlass seine Dienstwaffe, geht in den Garten hinaus, feuert einen Probeschuss in die Luft und setzt schließlich ihrem eigenen Leben mit einem Herzschuss ein Ende. Ihr politischer Protest bleibt ungehört, ihr Selbstmord wird einer depressiven Hysterie zugeschrieben, ihr Name wird fast völlig vergessen. Ihr Ehemann ist mit seinen Forschungen an Tötung und Verletzung mehrerer Tausend Menschen im ersten Weltkrieg beteiligt. Er erhält 1919 trotz Haftbefehls wegen Kriegsverbrechen und Verstoß gegen die Haager Konvention den Nobelpreis, für seine Erkenntnisse über die Gewinnung von Ammoniak aus der Luft, nutzbar als Düngemittel. Er legt, als jüdischer Forscher, auch den Grundstein für die Entwicklung – und steht zeitweise der Gesellschaft als Leiter vor, die daraus in späteren Jahren ein Geschäft macht – von Zyklon B. Mit welchem bald darauf in KZs Millionen von Juden wie Ungeziefer vergast werden.

Clara Immerwahrs Freitod ist ein starkes Symbol für die intellektuelle Unterdrückung der Frau und die Notwendigkeit moralischer Integrität in der Wissenschaft. Ob sie denselben Tod zum gleichen Zeitpunkt gewählt hätte, wenn einer der beiden Aspekte ihrer Motivation nicht gegeben wäre, wer weiß. So jedenfalls wurde sie Jahrzehnte später als Wissenschaftlerin und Humanistin wiederentdeckt.

Im Archiv von Zeit Online findet man eine Rezension zu Gerit von Leitners Buch „Der Fall Clara Immerwahr – Leben für eine humane Wissenschaft“, in der Immerwahrs leben in blumigen Worten beschrieben wird (während die Formulierung „ohne den Furor feministischer Entrüstung“  dem Text leider ein Geschmäckle gibt). Die IPPNW verleiht (jährlich?) die Clara-Immerwahr-Auszeichnung, mit der Menschen gewürdigt werden, die sich entgegen daraus erwachsener persönlicher Nachteile für den Frieden einsetzen.

Bild: By Unknown – S. 127, Public Domain

KW 24/2013: Marion Yorck von Wartenburg, 14. Juni 1904

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Marion Yorck von Wartenburg war als „aktive Mithörerin“ am Attentatversuch gegen Hitler beteiligt und saß dafür in Sippenhaft, während ihr Mann für seine aktive Rolle daran zum Tode verurteilt wurde. Die Juristin war Teil der Opposition im Dritten Reich, eine „gute“ Deutsche.
Und nach dem Krieg machte sie sich als Richterin dafür stark, dass Homosexuellen keine Entschädigung für die unter den Nazis erlittene Verfolgung zugestanden wurde. Sie setzte das Verbot von Homosexualität nach Paragraf 175 (der auch Verkehr mit Tieren umfasste) hart in Urteile gegen Angeklagte um. Sie wurde in der Schwulenszene Berlins bekannt als „Richterin Gnadenlos“ – ließ also andere nicht auf ein Nachlassen faschistischer Diskriminierung hoffen.

Nicht alle waren in der Opposition im Dritten Reich, weil sie mit Hitlers Rassentheorie und seiner Minderheitenverfolgung nicht einverstanden gewesen wären. Manche fürchteten auch nur (zu Recht), dass er das geliebte Vaterland in einen Krieg verwickelte, der nicht gewonnen werden konnte. Kein Freund Hitlers (gewesen) zu sein heißt also mitnichten, kein Nazi zu sein.

KW 22/2013: Rachel Carson, 27. Mai 1907

Rachel Carson

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Rachel Carsons Buch The Silent Spring (Der stumme Frühling) gilt als Anfangspunkt für die (amerikanische) Umweltbewegung, da sie sich als Erste mit den damals noch nur vermuteten Folgen der aggressiven Schädlingsbekämpfung mit DDT auseinandersetzte.

Rachel Carson legte sich dabei mit der Chemie-Branche an, die natürlich großes Interesse am weitreichenden und häufigen Einsatz ihrer Pestizide hatte. Als Frau schlug ihr dabei wie üblich noch viel stärkere Skepsis entgegen als es bei einem Mann der Fall gewesen wäre – Hysterie war dabei der Hauptvorwurf, der zum Teil sogar mit ihrem fehlenden Ehemann begründet wurde. Those were the days.

Am Ende ihres Lebens hatte Rachel Carson zwar die Aufmerksamkeit und Anerkennung erreicht, die ihr und ihrem Thema zukam, doch leider standen die meisten Auszeichnungen und Vorträge bereits im Schatten ihrer Krebserkrankung. Es ist ein Glück, dass sie eine so unermüdliche und souveräne Wissenschaftlerin war, dass es ihr vor ihrem Tode gelang, das öffentliche Bewusstsein dafür zu wecken, dass der unbedachte Einsatz chemischer Mittel in der Natur nicht nur unwiderrufliche Schäden in Flora und Faune hinterlässt, sondern auch den Menschen sterbenskrank macht. Das heutige Umweltbewusstsein wäre noch weniger weit ohne sie.

Selbstverständlich gibt es eine eigene Website über sie. Das Silent Spring Institute fragt, ob Carsons Krebs ebenfalls von den kritisierten Chemikalien ausgelöst worden war und erforscht die Zusammenhänge von Umwelt- bzw. Chemie-Einflüssen auf Brustkrebs im Speziellen.

Bild: By The original uploader was Cornischong at Luxembourgish Wikipedia. – Transferred from lb.wikipedia to Commons., Public Domain

KW 21/2013: Lina Ben Mhenni, 22. Mai 1983

Lina Ben Mhenni

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Wenn unsereiner in ihrer aufgeklärten, demokratischen abendländischen Welt ein Blog eröffnet, dann ist der Kampf, den man antreten kann, höchstens der gegen diskriminierende Weltanschauungen, gegen die Medien oder gegen Konzerne im Namen der Nachhaltigkeit, Natürlichkeit oder globalen Fairness. Lina Ben Mhenni eröffnete ihr Blog zunächst aus rein privaten Interessen, im Zuge des arabischen Frühlings wurde es allerdings zu einem wichtigen Instrument im Kampf gegen das Regime.
Das kann ich mir persönlich kaum vorstellen: Wie es sein muss, mit seinem Schreiben bewusst einen Kampf gegen ein festgeschriebenes, reguliertes System anzutreten. Mit seinem Schreiben die Exekutive auf mich aufmerksam zu machen, mich in Gefahr zu schreiben – um Freiheit und Leben. Umso mehr muss ich einer jungen Frau, die entgegen allen Bedrohungen dahin geht, wo die Unterdrückung manifest wird, in die Kampf- und Krisengebiete, Respekt zollen.

Update 2020: Am 27. Januar 2020 starb Ben Mhenni an den Folgen einer Nierenerkrankung, die 2007 eine Transplantation nötig gemacht hatte. Sie wurde nur 36 Jahre alt.

Bild: By Gawaahi.org https://www.youtube.com/user/Gawaahi The interview was conducted by Naveen Naqvi in Bonn, Germany on the sidelines of the DW Global Media Forum 2011. The video was shot by Amina Agha. It was produced and edited by Naveen Naqvi. – CC BY 3.0

Margaret Thatcher, gestorben 8. April 2013

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die Iron Lady ist heute verstorben. eine frau, die ihr land geprägt hat.
in ihrem unpolitischen vorleben hat sie an der erfindung des softeises mitgewirkt. noch ein grund mehr sie zu hassen.
eins meiner lieblingslieder zum mitsingen beginnt mit ihrem namen und ist sehr deutlich gegen ihre politik gerichtet:

KW 13/2013: Melita Norwood, 25. März 1912

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Melita Norwood, Tochter eines lettischen Vaters – Sozialist – und einer britischen Mutter, Ehefrau eines russisch-stämmigen Mathematiklehrer – ebenfalls Sozialist – arbeitete 42 Jahre lang bei der British Non-Ferrous Metals Research Association und war damit in der Lage, „Akten äußerster Geheimhaltungsstufe zur britischen Atombombenforschung, damals als Tube Alloys bezeichnet“ an die Sowjetunion weiterzugeben. Was sie tat, 42 Jahre lang, unerkannt.

Sie tat es nicht für Geld. Sie tat es, weil sie an das System glaubte, für das sie spionierte. Und so erfolgreich, dass erst 20 Jahre nach ihrem Ausscheiden aus dem Berufsleben bekannt wurde, dass sie Spionage betrieben hatte.
Ein Nachruf auf diese merkwürdig unscheinbare und doch bemerkenswerte Frau ist beim Guardian zu lesen.

KW 7/2013: Beate Klarsfeld, 13. Februar 1939

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Ob Beate Klarsfelds Ohrfeige gegen Bundeskanzler Kiesinger objektiv eine Sternstunde ihres Lebens ist oder eher nicht, will ich offenlassen. Jedenfalls ist es der Moment, mit dem sie in ihrer Person und ihren Überzeugungen am prominentesten in der Geschichte vertreten ist.

Ich persönlich jedoch kann diese Aktion durchaus nachvollziehen – ob nun geplant oder nicht, für die Sache, um die es ging, finde ich es eine angemessene Reaktion. Kiesinger war im Dritten Reich nicht nur in der Partei gewesen, er war in einer politischen Funktion, in der er zum Teil im Sinne der Partei Einfluss nehmen konnte und musste. Nach dem Ende des Dritten Reichs konnte er weiter eine politische Karriere verfolgen, die 21 Jahre später ihren Gipfel im Bundeskanzleramt fand. Genau zu einem Zeitpunkt, an dem die Generation der Nachkriegskinder am Gipfel ihrer Kritik an und Empörung über die Geschichte ihrer Elterngeneration war. Die Vorstellung, dass diejenigen, die aktiv und wissend am Grauen des Holocaust und des Zweiten Weltkrieges mitgewirkt hatten, nicht nur nicht festgesetzt, im Gegenteil, sogar immer noch in politischen Ämtern tätig waren, muss wütend machen – über die Dreistigkeit der anderen und die eigene Ohnmacht. Und wenn jemand in einer Lage ist, in der Dreistigkeit dort und Ohnmacht hier zusammenkommen, mithin die Worte fehlen und die Vernunft aussetzt, dort fällt als natürliche Reaktion schon einmal eine Ohrfeige.

Ja, die Aktion war geplant, damit fällt die Entschuldigung „aus dem Affekt“ aus. Situativ, nein, ist es kein Affekt. Aber im Prinzip befand sich doch die ganze Generation in einem fortgesetzten, aber nicht auslebbaren Affekt: Wissend, aber ohne die Möglichkeit, die Lage zu ändern. Menschen behaupteten, nichts gewusst zu haben oder nichts tun zu können – nach allem, was danach zu wissen war und angesichts derjenigen, die zum Teil ihr Leben riskiert hatten, um Inseln der Menschlichkeit zu bewahren. Nachzuweisen war ihnen nicht immer etwas, aber nicht alle, die das behaupteten, konnten tatsächlich nichts gewusst haben, und diese Leute waren immer noch dabei, das Land zu regieren. Was für eine Wut! Und wohin nur damit! Wenn dann einer in einer so prominenten Position wie dem Bundeskanzleramt ist, von dem man weiß, was zu wissen ist – der bekommt dann stellvertretend für seine Generation, für sein Volk, eine Ohrfeige. Völlig zu Recht.

Bild: By Bert Verhoeff / Anefo – Nationaal Archief, CC BY-SA 3.0

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