Kategorie: Chemie

Elizabeth Fulhame

18. Jhdt.

Elizabeth Fulhame (Link Englisch) war vermutlich Schottin, sicher war sie mit einem Arzt verheiratet und lebte in Edinburgh.

Sie begann ihre Forschungen in der Chemie, weil sie eine Möglichkeit suchte, Stoffe mit Metallen und unter Lichteinfluss zu färben. 1780 hatte sie die Idee, Textilien mittels chemischer Reaktionen mit Gold, Silber oder anderen Metallen zu gestalten, ein Plan, der von ihrem Mann und dem Freundeskreis als „unwahrscheinlich“ abgelehnt wurde. Daraufhin machte sich Fulhame an ihre Untersuchungen und Experimente zu dem, was heute als Redoxreaktionen bekannt ist, die sie 14 Jahre lang beschäftigen sollten.

Sie versuchte, Metalle aus ihren Salzen zu gewinnen, in dem sie diese in unterschiedlichen Lösungszuständen – in wässrigen oder alkoholischen Lösungen oder trocken – verschiedenen Reduktionsmitteln aussetzte. Dabei entdeckte sie, wie durch chemische Reaktionen Metalle aus ihren Salzen herausgefällt werden konnten. Ihre Entdeckung, dass Metalle bei Raumtemperatur allein mit wässrigen Lösungen bearbeitet werden können, statt auf Höchsttemperatur geschmolzen zu werden, zählt zu den wichtigesten ihrer Zeit. Fulhame erreichte theoretische Erkenntnisse zu Katalysatoren, die als entscheidender Schritt in der Geschichte der Chemie gelten – und sie gelangte zu diesen noch vor Jöns Jakob Berzelius und Eduard Buchner.

Es ist interessant, dass Fulhames Entdeckungen über die Gewinnung von Metallen aus ihren Verbindungen in der europäischen Welt ein solches Ereignis war, wo doch Alchemist:innen im östlichen Mittelmeerraum und in China dies schon mehrere Jahrhunderte vorher vermutlich beherrschten (namentlich Fang im 1. Jahrhundert vor Christus, Maria Prophitessa um das 2. Jahrhundert nach Christus, Kleopatra die Alchemistin etwa 300 nach Christus und Keng Hsien-Seng zu Beginn des europäischen Mittelalters). Möglicherweise finde auch nur ich dies verwunderlich, weil ich die tatsächlichen chemischen Prozesse nicht vollständig begreife und/oder mir die Kenntnisse der Wissenschaftsgeschichte fehlen.

Eine weitere Hypothese, die Fulhame aufstellte und experimentell untermauerte, besagte, dass viele Oxidationsreaktionen nur durch Wasser möglich sind, Wasser an der Reaktion beteiltigt ist und als Endprodukt der Reaktion auftritt. Sie schlug als möglicherweise erste Wissenschaftlerin überhaupt Formeln für die Mechanismen dieser Reaktionen vor. Gleichzeitig wich ihre Theorie über die Rolle des Sauerstoff stark von herrschenden wissenschaftlichen Meinung ab.

Im 18. Jahrhundert war ein Großteil der Chemiker von der Phlogiston-Theorie von Georg Ernst Stahl überzeugt, die eine flüchtige Substanz für die chemischen Vorgänge bei Erwärmung und Verbrennung anderer Stoffe verantwortlich machte; Luft habe hingegen keinen Anteil an den Reaktionen. Dem Gegner der Phlogistontheorie, Antoine Lavoisier, konnte sie jedoch auch nicht in allen Hypothesen zur Rolle des Sauerstoff zustimmen.

Den gesamten Experimenten Fulhames lag ja der Wunsch zugrunde, Textilien mit lichtempfindlichen Chemikalien zu färben, und so machte sie auch Versuche mit Silbersalzen. Auch wenn sie nicht versuchte, Bilder mit dieser Methode zu gestalten, kam sie damit doch den Fotogramm-Versuchen Thomas Wedgwoods zuvor. Der Kunsthistoriker Larry J. Schaaf (Link Englisch) hält ihre Erforschung der chemischen Eigenschaften des Silbers daher für wegweisend in der Entwicklung der Fotografie.

1794 brachte Elizabeth Fulhame ihr Buch „Ein Essay über Verbrennung mit einem Blick auf die neue Kunst des Färbens und Malens, in welchem phlogistische und antiphlogistische Hypothesen als fehlerhaft bewiesen werden“ (An Essay On Combustion with a View to a New Art of Dying and Painting, wherein the Phlogistic and Antiphlogistic Hypotheses are Proved Erroneous). Ihre Experimente wurden im Vereinigten Königreich von Wissenschaftlern wahrgenommen und besprochen, Sir Benjamin Thompson und Sir John Herschel (Neffe von Caroline Herschel) äußerten sich lobend über Fulhames Arbeit.

Das Buch wurde vier Jahre später von Augustin Gottfried Ludwig Lentin (Link Englisch) ins Deutsche übersetzt, 1810 folgte eine Veröffentlichung in den Vereinigten Staaten. Noch im gleichen Jahr wurde sie zum Ehrenmitglied der Philadelphia Chemical Society ernannt; sie wurde von ihrem Zeitgenossen Thomas P. Smith gelobt: „Mrs. Fulhame erhebt nun so kühne Ansprüche auf die Chemie, dass wir ihrem Geschlecht nicht mehr das Privileg verweigern können, an dieser Wissenschaft teilzuhaben.“

Trotz des Erfolges hielt der amerikanische Herausgeber des Buches im Vorwort fest, dass Fulhames Arbeit längst nicht so bekannt sei, wie sie sein könnte oder sollte: „Der Stolz der Wissenschaft lehnte sich gegen den Gedanken auf, von einer Frau (‚a female‚) belehrt zu werden.“ Und auch Fulhame selbst gestand in der Einleitung ihres Textes, dass sie mit ihren Erkenntnissen auf Ablehnung gestoßen sei, aufgrund ihres Geschlechtes.

Doch Mißbilligung ist wohl unausweichlich: denn einige sind so dumm, dass sie mißmutig und still werden, und vom kalten Schauer des Schreckens erfasst werden, wenn sie etwas ansichtig werden, das sich auch nur einer Anmutung des Lernens nähert, in welcher Form dies auch auftrete; und sollte das Gespenst in der Form einer Frau erscheinen, die Stiche, unter denen sie leiden, sind wahrlich jämmerlich.“

übersetzt von Wikipedia

Fulhame war sich ihrer Rolle als Frau in der Wissenschaft durchaus auch bewusst; zwar hatte sie das Essay ursprünglich dafür niedergeschrieben, um mit ihren Entdeckungen und Erfindungen (zum metallischen Färben von Textilien) nicht plagiarisiert werden könnte. Doch ihr Werk sollte auch als ‚Leuchtturm für zukünftige Matrosen‘ dienen, womit weitere Frauen in der Wissenschaft gemeint waren.

Lavoisier konnte auf Fulhames Kritik an seinen Sauerstoff-Theorien nicht mehr reagieren: Sechs Monate vor der Veröffentlichung war er in der Französischen Revolution unter der Guillotine gestorben (begonnen hatte sein Abstieg wohl damit, dass er eine Abhandlung Marats über Verbrennungen kritisiert hatte). William Higgins, irischer Chemiker und ein weiterer Gegner der Phlogistontheorie, drückte sein Bedauern aus, dass sie seine Arbeiten nicht berücksichtigt hätte, in denen er die Rolle des Wassers bei der Entstehung von Rost beschrieben hatte. Doch hätte er ihr Buch mit großem Vergügen gelesen und wünsche innigst, dass ihrem löblichen Beispiel vom Rest ihres Geschlechtes gefolgt würde.

20/2020: Dorothy Crowfoot Hodgkin, 12. Mai 1910

Als Tochter eines Kolonialbeamten in Ägypten kam Dorothy Crowfoot in Kairo auf die Welt, ihre Familie lebte dort im Winter und verbrachte die Sommer in England. Als Dorothy vier Jahre alt war, verblieb sie mit ihren Schwestern, davon war die ältere zwei Jahre alt und die jüngere sieben Monate, ganz bei Verwandten in England, während ihre Eltern weiterhin halbjährlich in Ägypten und später im Sudan lebten.

Ihre schulische Laufbahn war von vorneherein auf die Chemie ausgerichtet; an der weiterführenden Schule, in die sie mit 11 Jahren eingeschrieben wurde, war sie eines von zwei Mädchen, die Chemie lernen durften. Drei Jahre später empfahl ihr ein entfernter Cousin, Charles Harington, das Buch ‚Grundlagen der Chemie von D. S. Parsons, weitere zwei Jahre später schenkte ihre Mutter – selbst eine kundige Botanikerin – ihr ein Buch über Kristallstrukturanalyse. Damit hatte Crowfoot ihre Leidenschaft entdeckt. Nach dem Schulabschluss, bevor sie ein Studium begann, schloss sie sich für einige Zeit ihren Eltern in Jerasch an, dort war der Vater inzwischen als Direktor der British School of Archaeology für die Ausgrabungsstelle verantwortlich. Dorothy Crowfoot beschäftigte sich mit den Mosaiken in Kirchen aus byzantinischer Zeit, sie zeichnete die Muster nach und analysierte die chemische Zusammensetzung der Steine. Nach dieser Reise begann sie am Somerville College in Oxford Chemie zu studieren, vier Jahre später schloss sie dort ihr Studium mit Bestnote ab. Für ein Doktorandenstudium wechselte Crowfoot an das Newnham College in Cambridge, wo sie mit ihrem Doktorvater John Desmond Bernal an der Kristallstrukturanalyse von Proteinen arbeitete. In ihrer gemeinsamen Arbeit, bei noch Bernal für die Bildaufnahmen verantwortlich zeichnete, versuchten sie sich an der Analyse des Verdauungsenzyms Pepsin.

Während sie auf ihren Doktortitel hinarbeitete, erhielt Crowfoot 1933 ein Forschungsstipendium, das sie zurück an ihr erstes College nach Oxford holte. Sie begann dort 1934 als Tutorin Chemie zu unterrichten, eine Stelle, die sie trotz einer Diagnose der Rheumatoiden Arthritis im gleichen Jahr bis 1977 innehatte. Drei Jahre später errang sie ihren Doktortitel mit der Kristallstruktur- und chemischen Analyse von Sterinen. In den folgenden Jahren, in denen sie auch noch drei Kinder von ihrem Ehemann T. L. Hodgkin bekam, machte sie mehrere entscheidende Entdeckung mit Hilfe der Röntgenstrukturanalyse, so stellte sie 1945 in Zusammenarbeit mit einem Kollegen die dreidimensionale Struktur eines Steroids (Cholesteroliodid) dar.

frauenfiguren lactame
Ganz links: ein β-Lactam-Ring
By Jü – Own work, CC0

Ebenso ermittelte sie die Molekularstruktur des Penicillins, eine Entdeckung, die allerdings erst 1949 veröffentlicht wurde. Sie bewies entgegen der herrschenden Meinung mit ihrer Analyse, dass Penicillin einen β-Lactam-Ring enthielt, eine molekulare Ringstruktur mit einer Amid-Verbindung. Diese Struktur hat das Penicillin mit einigen anderen Antibiotika-Familien gemein.

frauenfiguren molekularstruktur cobalamin
Kristallstruktur von Vitamin B12 (Cobalamin)
Von NEUROtiker – Eigenes Werk, Gemeinfrei

Als 1948 das Vitamin B12 zum ersten Mal in kristalliner Form isoliert wurde, nahm sich Crowfoot Hodgkin dieses Molekül zur Analyse vor. Die ungewöhnliche Größe des Cobalamin-Kristalls stellte eine Herausforderung dar und es war nichts von dem Wirkstoff bekannt, außer dass er Kobalt enthielt. Die Kristalle des Cobalamin sind jedoch pleochroisch, das heißt: Aus unterschiedlichen Blickwinkeln bzw. bei unterschiedlich polarisiertem Licht erscheinen die Kristalle in unterschiedlichen Farben. Aus dieser Tatsache schloss Crowfott Hodgkin, dass das Molekül einen Ring enthalten musste, eine These, die sie mit der Röntgenstrukturanalyse bestätigte. Ihre Ergebnisse veröffentlichte sie 1955, neun Jahre später erhielt sie für ihre Forschungsergebnisse den Nobelpreis für Chemie.

In einem besonders langfristigen Forschungsprojekt beschäftigte sich Crowfoot Hodgkin mit der Kristallstruktur des Insulins. Sie begann bereits 1934 an einer Strukturanalyse zu arbeiten, doch die Technik war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausgereift. Erst 35 Jahre später, 1969, sollte sie in der Lage sein, die Molekularstruktur von Insulin vollständig darzustellen, und auch, nachdem sie diesen Meilenstein erreicht hatte, beschäftigte sie sich weiter mit dem Hormon und seiner Wirkung im Körper.

Bis in die 1980er Jahre lehrte und forschte Dorothy Crowfoot Hodgkins in Oxford; unter dem Doppelnamen veröffentlichte sie erst zwölf Jahre nach der Heirat. 1947 wurde sie als dritte Frau Fellow der Royal Society (eine ihrer Vorreiterinnen war Agnes Arber). Aufgrund ihrer Verbindung zur Kommunistischen Partei – ihr Ehemann war zeitweise Mitglied gewesen – wurde sie 1953 der USA verwiesen und durfte anschließend nur mit einer Sondergenehmigung der CIA einreisen. Dennoch wurde sie 1958 ausländisches Ehrenmitglied der American Academy of Arts & Sciences ehrenhalber. Sie selbst war nicht Kommunistin, setzte sich 1976 aber als Präsdentin der Pugwash Conferences für eine Verständigung zwischen Wissenschaftlern in West und Ost ein, um der Gefahr eines Krieges mit Atomwaffen entgegenwirken wollte. Außerdem war sie eine lebenslange Labour-Unterstützerin – und dennoch hing zu Margaret Thatchers Regierungszeit ein Bild von Crowfoot Hodgkins in der Downing Street 10: Die Iron Lady hatte 1947 bei ihr den Bachelor-Abschluss in Chemie gemacht.

Die rheumatoide Arthritis machte ihr gegen Ende des Lebens mehr zu schaffen, dennoch nahm sie immer noch an Konferenzen rund um die Welt teil. Im Alter von 84 Jahren starb sie an den Folgen eines Schlaganfalls, am 29. Juli 1994.

Ein Stipendium für „herausragende Wissenschaftler:innen im Frühstadium ihrer Forschungskarriere, die aufgrund persönlicher Verhältnisse wie Elternschaft, Pflege oder aus gesundheitlichen Gründen flexible Arbeitsstrukturen benötigen“ vergibt die Royal Society in Dorothy Crowfoot Hodgkins Namen.

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Ebenfalls diese Woche

11. Mai 1828: Eleanor Anne Ormerod
Die Entomologin beschäftigte sich mit Schadinsekten und erhielt die Floral Medal der Royal Horticultural Society.

12. Mai 1820: Florence Nightingale
Auf diese britische Begründerin der modernen Krankenpflege, die auch mit ihrem Polar-Area-Diagramm einen Beitrag zum Fachgebiet der Statistik leistete, muss ich nicht explizit hinweisen.

12. Mai 1977: Maryam Mirzakhani
Am 13. August 2014 gewann die Mathematikerin als erste Frau und erste Person aus dem Irak die Fields-Medaille. Leider starb sie nur drei Jahre später, mit 40 Jahren, an Brustkrebs.

13. Mai 1888: Inge Lehmann
Über die Seismologin schrieb ich 2017.

14. Mai 1899: Charlotte Auerbach
Diese Genetikerin wird nicht im Zeitstrahl der Frauen in der Wissenschaft aufgeführt, ich möchte sie aber doch mitnehmen, da sie aus meiner Wahlheimat stammt. Sie erforschte an Drosophila die mutagene Wirkung von Senfgas und wurde 1957, zehn Jahre nach Dorothy Crowfoot Hodgkin, Fellow der Royal Society.

Marie Meurdrac

* vor 1613 • † ~ 1680

Marie Meurdrac kennen wir heute als Autorin des Buches La Chymie Charitable et Facile, en Faveur des Dames oder kurz La Chymie des Dames aus dem Jahr 1666.

Bei ihrem Geburtsjahr herrscht Unstimmigkeit, etwa 1610, auf jeden Fall vor 1613 kam sie als Tochter eines Notars in Mandres-les-Roses bei Paris zur Welt. Mit etwa 15 Jahren heiratete Marie Meurdrac einen Kommandanten der Garde des Charles de Valois namens Henri de Vibrac. Mit ihm lebte sie auf Château de Grosbois, wo sie gegen Ende der 1650er Jahre die Comtesse de Guiche (oder Guise) kennenlernte, die Ehefrau von Armand de Gramont. Die beiden Frauen standen sich wohl sehr nah, denn der Comtesse gilt die Widmung in La Chymie des Dames.

Meurdrac war Autodidaktin, doch aufgrund ihrer sozialen Stellung und des Vermögens der Familie ein gut ausgestattetes Labor und Zugang zu allen möglichen, auch exotischen und damit wertvollen Zutaten. Sie stand in der paracelsischen Tradition der Iatrochemie, ihre alchemistischen Experimente dienten der Ermittlung und Herstellung von Heilmitteln, im Gegensatz zum Beispiel zur alchemistischen Suche nach dem Stein der Weisen, der alle Stoffe zu Gold machen könne.

La Chymie des Dames ist ein Buch von 334 Seiten, aufgeteilt in sechs Teile. Im ersten Teil erläutert Meurdrac das alchemistische Handwerkszeug, bespricht Apparate und Gewichte, außerdem zählt sie 106 alchemistische Symbolde auf. In weiteren vier Teilen beschäftigt sie sich mit den heilkundlichen Wirkungen verschiedener Elemente: Teil Zwei beschäftigt sich mit pharmazeutischer Botanik, also mit Heilpflanzen, in Teil Drei mit der Medizin aus tierischen Produkten, in Teil Vier mit den Metallen – wobei sie diesen eher zurückhaltend gegenüberstand wegen ihrer Nebenwirkungen – und Teil Fünf befasst sich mit Arzneien, die aus den verschiedenen Stoffen der vorangegangenen Teile zusammengesetzt sind. Im letzten Teil geht sie besonders auf kosmetische Chemie ein, die den Frauen helfen soll, ihre Schönheit zu steigern oder zu erhalten.

In der Einleitung erzählt Meurdrac, dass das Buch als Notizensammlung für ihren eigenen Gebrauch begann; sie habe alle Experimente, Heilmittel und Kosmetika selbst erprobt. Sie spricht auch von dem „inneren Ringen“, das sie empfunden habe: Zwischen dem Ideal der Frau ihrer Zeit, von der erwartet wurde, „still zu sein, zuzuhören und zu lernen, ohne das eigene Wissen laut darzulegen“ und ihrem Empfinden, dass es eine „Sünde gegen die Wohltätigkeit sei, die Gott mir gegeben hat und die der Welt nützen kann“. Sie wisse, dass sie sich gegen die traditionelle Rolle ihres Geschlechtes wende, aber sie wolle ihr Wissen an andere Frauen und mittellose Schichten weitergeben. Denn schließlich sei sie nicht die erste Frau, die diese Aufgabe übernahm – sie nimmt insbesondere Bezug auf Maria Prophitessa – und dass „les ésprits n’ont point des sexe“, der Geist habe kein Geschlecht. Mit dieser ungewöhnlichen Aussage für diese Zeit gilt Marie Meurdrac auch als Protofeministin.

Ihr Buch erlebte bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hinein in Frnakreich fünf Neuauflagen, sechs in Deutschland und auch eine italienische Übersetzung. Marie Merudrac war mit großer Wahrscheinlichkeit eine Inspiration für Molières Die gelehrten Frauen.

Caterina Vitale

16. – 17. Jhdt.

Die in Griechenland geborene Caterina Vitale heiratete den Apotheker des Hospitalerordens auf Malta, Ettore Vitale – welcher der Hospitalerorden, darüber sind sich die deutsche und die englische Wikipedia nicht einig. Die deutsche Wikipedia verweist auf den Souveränen Malteserorden, die englische Wikipedia auf den Johanniterorden.

In jedem Fall starb Ettore Vitale 1590 und Caterina übernahm die Apotheke, sie musste das Recht darauf, dieses geschäftliche Erbe anzutreten, allerdings beim Zivilgericht einklagen. Mit der Apotheke übernahm Vitale auch die regelmäßigen Medikamentenlieferungen an das Ordens-Krankenhaus Sacra Infermeria in Valletta, sie damit die erste Pharmazeutin und Chemikerin Maltas und die erste weibliche Apothekerin des Ordens.

Sie war eine erfolgreiche Geschäftsfrau und konnte ein großes Vermögen anhäufen, mit dem sie wiederum die Karmeliter:innen unterstützte. Die maltesische Historikerin Christin Muscat (Link Englisch zur Times of Malta) allerdings beschreibt sie in ihrem Artikel von 2007 im Malta Independent (Englisch) auch als rücksichtlose, grausame Person. Sie habe auch Prostitution betrieben und die Freier, Ordensritter mit hehren Tugendidealen, hinterher mit deren Besuchen bei den Prostituierten erpresst. Es soll mehrere Klagen ihrer Sklaven gegen sie gegeben haben, die sie auspeitschte, und auch mit ihrer Tochter, die in einem Kloster lebte, hatte sie kein liebevolles Verhältnis. Nach dem gleichen Artikel habe Caterina allerdings auch mit 12 Jahren geheiratet und zwei Jahre später sei ihr Ehemann gestorben. Dies stimmt nicht mit den Daten bei Wikipedia überein; die korrekten Daten kann ich mit meinen bescheidenen Ressourcen nun nicht ermitteln.

Isabella Cortese

16. Jhdt.

Von Isabella Cortese ist wieder einmal so gut wie nichts bekannt außer einem Schriftstück: I secreta de la Signora Isabella Cortese (Die Geheimnisse der Signora Isabella Cortese) erschien 1561 und enthält (al-)chemistische, heilkundliche und kosmetische Rezepte. Bis ins Jahr 1677 wurde es elf Mal wiederaufgelegt und in mehrere Sprachen übersetzt, zwei Ausgaben existieren auf Deutsch.

Von der Goldherstellung über die ‘Entgiftung‘ der Gesichtshaut, Zahncremes, Seife, Kleber und einem Mittel gegen erektile Dysfunktion trug Isabelle Cortese zahlreiche ‘Geheimnisse‘ zusammen; sie erwähnt, die Werke anderer Alchemisten, namentlich Geber, de Villanova und Llull, gelesen zu haben, doch hätte sie davon nichts gewonnen als die Wahrscheinlichkeit, früher zu sterben. Stattdessen habe sie ihre Erkenntnisse alle aus eigener Forschung gewonnen, ihren Leser:innen riet sie zum eigenen Vorteil, die aus der Lektüre gewonnenen Erkenntnisse nicht weiterzuerzählen.

Der englische Wikipedia-Beitrag zu Isabella Cortese ist hier zwar nicht biografisch ergiebiger, enthält jedoch eine interessante Abhandlung über die ‘Geheimnis-Kultur‘ der Wissenschaft im 16. Jahrhundert: Wie ‘geheim‘ und ‘Experiment‘ zu dieser Zeit im Prinzip synonym waren, ‘geheim‘ aber nicht hieß, dass niemand davon wusste, sondern, dass das Experiment funktionierte. Derartige wissenschaftlichen ‘Geheim-Experimente‘ konnten wie eine Art Währung verwendet werden, um Schulden zu begleichen, sich Vorteile zu verschaffen oder gar in höhere soziale Kreise aufzusteigen.

In einer Umkehrung der üblichen Geschlechtermimikri besteht bei Isabella Cortese die Möglichkeit, dass es sich beim Autor des Buches um einen Mann handelte. Während Männer Zugang zu Bildung und Wissenschaft hatten, blieb die Kenntnis über weibliche Anatomie und Gesundheit ein Privileg der Frauen; dies versetzte die gesamte weibliche Gesundheitsfürsorge in eine ‘unwissenschaftliche‘ Nische, doch von Interesse für die weniger gebildete (weibliche) Bevölkerung. Ein weibliches Pseudonym für die Geheimnisse der Isabella Cortese könnte also dem doppelten Zweck gedient haben, die enthaltenen Kenntnisse wissenschaftlich zu diskreditieren und gleichzeitig für die weiblichen Leser glaubwürdig zu machen.

15/2020: Mary Emilie Holmes, 10. April 1850

Mary Emilie Holmes (Link Englisch) kam als Kind eines presbyterianischen Priesters in Ohio zur Welt, ihre Mutter war ebenfalls in der Kirche tätig und leitete zwei Jahre lang ein theologisches Seminar für Frauen. Mary Emilie war sehr sprachbegabt und an Naturwissenschaften interessiert. Schon mit 5 Jahren legte sie ein erster Herbarium an. Sie hatte einen neun Jahre älteren Bruder, der jedoch früh starb.

Die Familie zog nach Rockford, Illionois, als Mary Emilie 13 Jahre alt war. Dort waren ihre Eltern politisch und in der Kirche aktiv darin, befreite Sklav:innen zu unterstützen, die nach dem Ende des Sezessionskrieges Bildung und Unterhalt benötigten. Mit 14 Jahren besuchte sie das Rockford Female Seminary, das heute die Rockford University ist. Vier Jahre später schloss ihre Ausbildung dort zunächst mit einem Zertifikat ab. Während sie noch zwei weitere Jahre für ein Zertifikat als Organistin studierte, unterrichtete sie nebenher Spencerian Penmanship. Nach ihrem zweiten Abschluss arbeitete sie mehrere Jahre mit ihren Eltern in der Sozialarbeit für befreite Sklav:innen der presbyterianischen Kirche.

1877 ging sie zurück an die Universität, um dort Botanik und Chemie zu unterrichten. Als das Seminar im Schuljahr 1881/82 auch den Bachelor-Grad einführte, strebte Holmes diesen an; einige Mitglieder der Fakultät waren der Ansicht, sie müsse unter den gegebenen Umständen, dass sie bereits seit Jahren als Lehrende tätig war, den Titel B.A. erhalten, ohne weitere Arbeiten und Prüfungen abzulegen. Da jedoch darüber keine Einigkeit herrschte, legte sie schließlich doch einige Examen ab und erhielt 1882 den Bachelor.

Drei Jahre später beendete sie ihre Lehrtätigkeit, um an der University of Michigan zunächst einen Master in Literatur zu machen, weitere zwei Jahre später errang sie mit einer Dissertation über die Morphologie der Korallen als erste Frau an dieser Einrichtung einen Doktortitel in einem geowissenschaftlichen Fach. Schon von 1887 an unternahm sie zahlreiche geologische Expeditionen, bei denen sie zahlreiche Proben verschiedener botanischer und biologischer Arten sammelte und katalogisierte. Als begabte Künstlerin fertigte sie auch Zeichnungen an.

Als sie 1889 als erste Frau Fellow der Geological Society of America wurde, stand sie schon beinahe am Ende ihrer naturwissenschaftlichen Karriere. Diese Ehre wurde ihr zuteil einerseits, da sie in diesem Gebiet einen Doktorgrad erlangt hatte, und andererseits als Würdigung ihrer wissenschaftlichen Forschungsarbeit. In dieser Funktion hielt sie 1892 noch eine Rede auf der World’s Columbian Exposition, bei der sie forderte, Geologie frühzeitig als Fach in der Schule einzuführen. Doch im gleichen Jahr wandte sie sich bereits vollständig ihrer kirchlichen Arbeit zu.

Bereits 1890, nachdem ihre Mutter gestorben war, hatte sie mit ihrem Vater die Planung einer Schule für junge afro-amerikanische Frauen (WoC) begonnen. Diesen Plan setzten die beiden nun im Rahmen ihrer Kirchenarbeit in die Tat um. Eine erste Schule, die sie eröffneten, wurde bald darauf wieder geschlossen, weil der Direktor Morddrohung erhielt. 1892 gründete Holmes nun das nach ihrer Mutter benannte Mary Holmes Seminary, an dem WoC in Literatur, Grammatik, Geschichte, Naturwissenschaften, Mathematik, Musik, Bibellehre und Haushaltslehre unterrichtet wurden. Die Schule überstand zwei schwere Brände, 1895 und 1899, und musste jeweils mit Spenden, für die Holmes sich einsetzte, wiederaufgebaut werden. 1959 öffnete sich das Seminar von einem privaten Institut mit ausgewählten Schülerinnen zu einem öffentlichen Institut, bis 2005 blieb es unter dem Namen Mary Holmes College in dieser Form geöffnet.

Mary Holmes starb bereits 1906 im Alter von 55 Jahren.

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Ebenfalls diese Woche

7. April 1782: Marie-Anne Libert
Die belgische Mykologin war die erste, die verschiedene Schlauchpilze beschrieb, die Pflanzen befallen können, außerdem das erste weibliche Mitglied der Société Royale des sciences Botaniques de Belgique.

12/2020: Katsuko Saruhashi, 22. März 1920

Katsuko Saruhashi (Link Englisch) beobachtete einmal als Kind, wie sicher wir alle, wie die Regentropfen auf einer Fensterscheibe nach unten liefen, sich vereingiten und stets neue Muster entwarfen. Bei Saruhashi führte dies zu einem wissenschaftlichen Interesse für das Wetter und die Natur. Nachdem sie zunächst bei einer Versicherung gearbeitet hatte, begann sie 1941 im Alter von 21 Jahren ein Studium der Chemie an der Toho University (Link Englisch). Dieses beendete sie zwei Jahre später nach dem ‚grundständigen Studium‚ (Englisch: undergraduate degree). Im Anschluss daran begann sie, beim Meteorologischen Forschungsinstitut zu arbeiten.

1955 schrieb sie eine Arbeit über das Gleichgewicht von Kohlensäuren in natürlichen Gewässern; daraus abgeleitet entstand die Saruhashi Tabelle, die es Meereskundler:innen ermöglicht, mit Hilfe der Messungen von Temperatur, pH-Wert und Chlorinität die Werte dreier verschiedener Kohlensäuren in Meerwasser zu ermitteln. Im Folgejahr widerlegte Saruhashi mit ihrem Mentor und Kollegen Miyake Yasuo die bis dahin gültige Annahme, dass erhöhte Kohlensäure und Alkalinitätswerte in Meerwasser allein eine Folge von darin aufgelöstem kohlensaurem Kalk sei. Sie lieferten empirische Werte dafür, dass Meerwasser tatsächlich doppelt soviel Kohlendioxid abgibt wie es aufnimmt; infolgedessen konnte nicht mehr angenommen werden, dass die globale Erwärmung dadurch gemildert werden könne, dass die Ozeane CO2 aufnehmen würden.

Anschließend nahm Saruhashi mit 37 Jahren erneut das Studium auf, dieses Mal an der Universität Tokio, wo sie schließlich die erste Frau Japans werden sollte, die einen naturwissenschaftlichen Doktortitel errang.

Ihr größter Erfolg wurden jedoch ihre Untersuchungen zu den langfristigen und globalen Folgen der Kernwaffentest werden, die die Vereinigten Staaten im Bikini-Atoll durchführten. Im Auftrag der japanischen Regierung suchten Saruhashi und Miyake am Central Meteorological Observatory nach neuen Methoden, radioaktiven Niederschlag zu messen. Im Verlauf ihrer Forschung stellten die beiden wesentlich erhöhte Werte von Caesium-137 und Strontium-90 im pazifischen Meerwasser fest, beides sekundäre Spaltprodukte zum Beispiel von Nuklearbomben. Ihr Fund wies also auf schwerwiegende Folgen der Tests auf dem Bikini-Atoll für den gesamten pazifischen Ozean hin.

Ihre Ergebnisse wurden von amerikanischen Forschern in Frage gestellt, unter anderem aufgrund der Standards für das Vorkommen von Caesium-137 im Meerwasser, doch auch das politische Klima zwischen den USA und Japan nach dem Zweiten Weltkrieg spielte eine Rolle. Die US Atomic Energy Commission stellte die Gelder zur Verfügung, damit Saruhashi für sechs Monate an der Scripps Institution of Oceanography an der University of California, San Diego gemeinsam mit Kollege Ted Folsom forschen und Ergebnisse vergleichen konnte. Die beiden unternahmen ihre Messungen nach ihren jeweiligen Methoden und bemühten sich, die Proben zur gleichen Zeit unter den gleichen Umständen zu nehmen, um die Vergleichbarkeit möglichst hoch zu gestalten. Obwohl ein gewisser Unterschied zwischen den Proben und damit den Ergebnissen unvermeidbar war, stellte sich am Ende ihres Forschungszeitraumes nur eine Diskrepanz von 10% zwischen ihren Ergebnissen heraus. Dies bedeutete nicht nur, dass sowohl Saruhashis Methode wie auch ihre Messergebnisse über jeden Zweifel erhaben waren. Es hieß auch, dass diese Befunde über den Zustand des Meerwassers im Pazifik als Grundlage verwendet werden konnten, um weitere überirdische Kernwaffentests der Vereinigten Staaten zu verbieten.

Im gleichen Jahr, 1958, gründete Saruhashi in ihrer Heimat die Society of Japanese Women in Science.

Nachdem sie ihren Doktortitel erlangt hatte, arbeitete sie in den 1970er Jahren zum pH-Wert des Regenwassers, wobei sie den steigenden Wert im Laufe der Dekade festhalten konnte. In den 1980er gewann sie mehrere Preise, namentlich den Avon Special Prize for Women im Jahr 1981 und – als erste Frau – den Miyake Priza für Geochemie 1985.

1981 rief Saruhashi einen eigenen Preis ins Leben, der seither japanischen Wissenschaftlerinnen bis 50 Jahre, die Beiträge in naturwissenschaftlichen Forschungen geleistet haben, $2.400 zukommen lässt. Gerne hätte Saruhashi den Gewinnerinnen mehr Geld zukommen lassen und sie auch bei Arbeiten im Ausland unterstützen, doch der Preis wird dafür zu gering finanziell unterstützt. Über ihre Beweggründe für die Preisverleihung sagte sie: „Der Mangel an gleichen Möglichkeiten ist eine Sache. Eine andere ist die Haltung der Gesellschaft, von Eltern und Lehrenden. Und die Beiträge von Wissenschaftlerinnen werden weniger anerkannt.

Am 29. September 2007 starb Katsuko Saruhashi im Alter von 87 Jahren an einer Lungenentzündung.

Dieser (englische) Beitrag zur Geochemikerin auf Massive Science hat noch einige Details zu den sexistischen und rassistischen Benachteiligungen, die sie insbesondere bei ihrer Forschung zu radioaktivem Niederschlag erleiden musste.

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Ebenfalls diese Woche

16. März 1750: Caroline Herschel
Über die Astrologin habe ich 2016 geschrieben, in dem Jahr, in dem mich auf Frauen vor dem 19. Jahrhundert konzentrierte.

frauenfiguren anna atkins waldschachtelhalm cyanotypie
Anna Atkins‘ Cyanotypie eines Wald-Schachtelhalms
Gemeinfrei

16. März 1799: Anna Atkins
Eine starke Konkurrentin für die Frau dieser Woche, gilt sie doch als die erste Fotografin. Sie erlernte mit 40 Jahren innerhalb eines Jahres die Cyanotypie und veröffentlichte in Folge das erste Buch, das vollständig mit fotografischen Illustrationen auskam: Eine botanische Sammlung der in England vorkommenden Algen, British Algae: Cyanotype Impressions.

16. März 1866: Izabela Textorisowá (Link Englisch)
Als erste Botanikerin der Slowakei beschrieb sie in ihrem Herbarium mehr als 100 Pflanzenarten in der Region Turz.

20. März 1879: Maud Menten
Die Michaelis-Menten-Theorie der Enzymkinetik geht auf die kanadische Medizinerin zurück, die auch als eine der ersten Frauen Kanadas ein Medizinstudium abschloss.

20. März 1890: Elizabeth Rona
Gemeinsam mit Kasimir Fajans, George de Hevesy und Fritz Paneth entdeckte die österreichisch-ungarische Kernphysikerin die radioaktiven Tracer.

22. März 1920: Margaret Bastock (Link Englisch)
Die britische Zoologin und Genetikerin untersuchte die Zusammenhänge zwischen Verhalten, Genen und der Evolution; 1956 wies sie nach, dass die Veränderung eines einzigen Gens eine Verhaltensänderung bei Drosophila melanogaster auslösen konnte.

Keng Hsien-Seng

etwa 800-900 n. Chr.

Auch über diese chinesische Alchemistin findet sich, wie über ihre Kollegin Fang, kein eigener Beitrag bei Wikipedia. Auch sie taucht in der timeline of women in science namentlich auf und wird im Beitrag über Chinese alchemy (Link Englisch) unter Chinese women alchemists (Link Englisch) kurz beschrieben, als eine „Meisterin der weißen und gelben Alchemie“, sie sei in anderen taoistischen Techniken versiert gewesen, habe Geistern befehlen können und aus Quecksilber und Schnee (!) Silber machen können (womit wohl wie auch bei Fang die Gewinnung von Silber aus dem Erz gemeint war, bei der Quecksilber zum Einsatz kam). Vor allem aber habe auch sie bereits einen Vorläufer des Soxhlet-Aufsatzes verwendet, um Kampfer für ihren Kaiser zu destillieren.

Die gleiche Seite, auf der schon Fang ausführlicher besprochen wurde, nämlich Chinese Women Alchemists (eine Unterseite von womenalchemists.com) hat auch über Keng Hsien-Seng etwas mehr zu erzählen. Ein späterer Alchemist, Wu Shu, schrieb etwa 975 n. Chr. über sie, dass der Kaiser sie kennenlernen wollte und sie nicht als Konkubine, sondern als Lehrerin im Palast lebte. Sie sei eine brilliante und selbstbewusste Frau gewesen, die neben ihren alchemistischen Tätigkeiten auch Gedichte schrieb und Weissagungen machte, die sich als zutreffend herausstellten. Sie sei intelligent und schön gewesen, fähig in der Kunst der Alchemie, obwohl niemand wusste, wo sie diese erlernt hatte.

Vor Publikum trug sie stets grün und hielt eine Schreibtafel, sie sprach eloquent und selbstsicher. Sie habe so kleine Hände gehabt, dass sie beim Essen auf die Hilfe anderer angewiesen gewesen sei – wahrscheinlich ein Schönheitsmerkmal der damaligen Zeit. Im Palast des Kaisers sei sie weniger gewandelt als von Lakaien getragen worden. Aber auch Menschliches berichtet Wu Shu von ihr, so sei sie dem Wein und auch Liebesaffären und dem Sex zugeneigt gewesen. In Verbindung damit erzählt er, sie sei einmal schwanger gewesen mit einem Kind, von dem sie glaubte, dass es ein:e bedeutende:r Weise:r werden würde. In der Nacht der Geburt wütete ein fürchterlicher Sturm, am nächsten Morgen war weder ein Kind zu finden noch trug Keng Hsien-Seng die Spuren einer Schwangerschaft oder Niederkunft. Sie gab an, die Götter haben das Kind zu sich genommen. Gestorben sei sie an einer Krankheit.

Kleopatra die Alchemistin

etwa 300 bis 400 n. Chr.

Auch diese spätantike Alchemistin lebte in Alexandria – wobei Kleopatra wahrscheinlich ein Pseudonym war, möglicherweise sogar für mehrere Autoren der Texte, die ihr zugeschrieben werden. Die Zeit und der Ort, zu denen sie wahrscheinlich lebte, machen sie mindestens zu einer Zeitgenossin von Hypatia, sie war ebenso eine Zeitgenossin oder Vorgängerin des Zosimos aus Panopolis. In ihrem Metier wird sie der Schule der Maria Prophitessa zugeschrieben. Wie letztere erwähnt Ibn an Nadīm Kleopatra als Alchemistin mit großem Respekt und Michael Maier, Autor des Atalanta fugiens von 1618, zählt die beiden zu den vier Personen, die den ‚Stein der Weisen‚ herstellen konnten – einen mythischen Stein, mit dem unter anderem unedle in edle Metalle, vor allem Gold, verwandelt werden könnten.

Drei Texte stehen in Bezug zu Kleopatra der Alchemistin – Über Gewichte und Maße, Ein Dialog der Philosophen und Kleopatra und Chrysopoeia Cleopatras. Beim Dialog handelt es sich jedoch nicht um eine von ihr geschriebenes Werk, sie kommt darin lediglich als Person vor.

Die Chrysopoeia wird bei der deutschen Wikipedia als „Handschrift“ bezeichnet, bei der englischen als „single sheet document„. In jedem Fall ist ein einzelnes Exemplar in der Biblioteca Marciana in Venedig erhalten, ein weiteres in der Bibliothek der Universität Leiden in den Niederlanden. Der griechische Titel bedeutet übersetzt „Das Gold-machen der Kleopatra“. Die Alchemistin vergleicht darin die Herstellung von Metallen mit Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt, die Beziehung der Alchemist:innen zu ihren Werken mit der einer Mutter zu ihrem Kind. Die Erneuerung und Veränderung des Lebendigen ist symbolisiert in dem Bild des Oroubouros, der Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt.

Bei dieser Zeichnung des Oroubouros im ersten Bild stehen die Worte hen to pan, Eins ist Alles. Das zweite Bild zeigt das alchemistische Gerät namens kerotakis (dessen Erfindung Maria Prophitessa zugeschrieben wird). Im Doppelring des dritten Bildes wird dieses alchemistische Axiom ausgeführt:

Eins ist die Schlange, die ihr Gift nach zwei Zusammensetzungen führt, und Eins ist Alles und durch es ist Alles, und mit ihm ist Alles, und wenn du nicht Alles hast, ist Alles Nichts.

freie Übersetzung nach dem Zitat des englischen Wikipedia-Beitrags

Darunter ist ein weiteres alchemistisches Gerät namens dibikos abgebildet. Im vierten Bild erscheint mehrfach der achtstrahlige Stern, der gemeinsam mit den Sichelformen darüber möglicherweise die Verwandlung von Blei in Gold darstellt.

Aufgrund der Inhalte der Chrysopoeia wird Kleopatra die Erfindung des Alembik zugeschrieben, einem Aufsatz für Gefäße, in dem sich bei der Erhotzung von Substanzen das Kondensat sammelt. Alchemisten verwendeten es zur Destillation, weshalb es auch Destillierhelm genannt wird. Ähnliche Aufsätze werden noch heute bei der Herstellung von alkoholischen Getränken und ätherischen Ölen verwendet.

Kleopatra die Alchemistin ist nicht zu verwechseln mit Kleopatra der Ärztin, die von Hippokrates erwähnt wird.

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Kleine Exkursion zu meiner Strickleidenschaft: Ich habe für Garne mit kurzem Farbverlauf anno dazumal ein Schalmuster entworfen, das ich Oroubouros getauft habe, denn dabei kann auch das eine Ende das andere verschlingen.

frauenfiguren oroubouros schal