Kategorie: Medizin

41/2020: María Teresa Ferrari, 11. Oktober 1887

María Teresa Ferrari (Link Englisch) wurde in eine wohlhabende und prominente Familie Argentiniens geboren: Beide Großväter, väterlicher- wie mütterlicherseits waren am Kampf um die Unabhängigkeit Argentiniens von Spanien und der Gründung des Staates beteiligt. Als ‚höhere‘ Tochter hätte sie keine lange Schulkarriere oder eine Berufsausbildung gebraucht, es lag ihr jedoch möglicherweise im Blut, größere Ziele als die Ehe zu verfolgen.

Mit 16 Jahren erlangte sie ihr Zertifikat, um als Lehrerin zu arbeiten. Sofort im Anschluss begann sie, am Colegio William Morris sowie an der Schule ‚N° 3 Bernadino Rivadavia‚ zu unterrichten. Dabei wandte sie Erkenntnisse der experimentellen Psychologie an, die sie in ihrer Schulzeit erlernt hatte, was die Behörden zunächst misstrauisch machte. Da sie aber gute Lernerfolge mit ihren Motivationstechniken bei den Schüler:innen erzielte, durfte sie damit fortfahren.

Nur ein Jahr später, 1904, schrieb sie sich mit 17 Jahren für das Studienfach Medizin an der Universidad de Buenos Aires ein. Dies hatten bis dahin nur fünf andere Frauen Argentiniens unternommen, und tatsächlich waren Frauen im Studium und im Beruf nicht gern gesehen. Ferrari sollte es noch des Öfteren erleben, dass ihr aufgrund ihres Geschlechtes Steine in den Weg gelegt wurden. Sie wurde jedoch auch bereits im ersten Studienjahr Assistentin in der pathologischen Forschung, eine prägende Erfahrung, die sich als Inspiration für ihre Zukunft in der Forschung herausstellen sollte. Nach sieben Jahren schloss sie die Universität mit Dokrotgrad ab und heiratete (aus der Ehe sollte weitere sieben Jahre später, 1918, ein Kind hervorgehen).

1914 begann sie, am Hospital Ramos Mejía in Buenos Aires in der Geburtshilfe-Abteilung zu arbeiten. Ihr Wunsch war es, diese Fachrichtung auch an der Universität zu unterrichten, sie wurde jedoch vom Aufsichtsrat abgelehnt: „Ungeachtet ihrer Qualifiktionen erfüllen Frauen aus physiologischen und psychologischen Gründen nicht die Bedingungen, um als Professorinnen der Medizin eingestellt zu werden.“ (Quelle: Wiki Englisch) Im Folgejahr wurde ihr die bescheidenere, weit weniger prestigeträchtige Stelle als Dozentin an der Hebammenschule gestattet, Ferrari bewarb sich 1919 auf eine wiederum freigewordene Professorenstelle und kämpfte in den kommenden sechs Jahren darum, während der Aufsichtsrat die Entscheidung über diese ganze Zeit hinauszögerte. Während die Herren an der Universität schlicht keine Sitzungen einberiefen, Dokumente fälschten, Empfehlungen ignorierten und Entscheidungen vermieden, blieb Ferrari allerdings nicht untätig.

Zwischen 1921 und 1923 besuchte die Medizinerin verschiedene Krankenhäuser in Europa, so zum Beispiel das Radiuminstitut von Marie Curie und das Columbia Hospital for Women in Washington, D.C.

1924 entwickelte Ferrari ein Vaginoskop, ein Instrument zur Untersuchung der Vagina und des Gebärmutterhalses, das sich besser als die bisherigen Instrumente sterilisieren ließ und mit unterschiedlichen Spekula kompatibel war. In Brasilien verbesserte sich die gesundheitliche Versorgung der Frauen durch ihre Erfindung entscheidend, und Ferrari gewann damit Preise und Anerkennung. Als sie 1925 zur Gattin eines Mitgleides der Armee in das Hospital Militar Central in Buenos Aires gerufen wurde, um ihr bei der Geburt zu helfen, bestand in dem Krankenhaus noch keine gynäkologische Station, also baute Ferrari kurzerhand selbst eine auf. Was mit einem Bett und von ihr selbst gespendeter Ausstattung begann, wuchs im Lauf der kommenden fünf Jahre zu einer Frauenheilkunde-Abteilung an, die sich über zwei Stockwerke erstreckte, mit zwei Kreißsälen und der Möglichkeit, Instrumente zu sterilisieren. In 40 Betten konnten Wöchnerinnen und andere Patientinnen nach Behandlungen untergebracht werden. Ferrari richtete hier außerdem den ersten Brutkasten für Frühgeborene in Argentinien ein.

Dennoch musste sie nach sieben Jahren in der laufenden Bewerbung als Universitätsprofessorin 1926 erneut eine Liste ihrer Qualifikationen einreichen: 20 Jahre Erfahrung als Pädagogin, 15 Jahre medizinische Tätigekeit, neun Jahre eigenes Studium an der Universität. Einer der Berater der Universität, der diese Liste zu Gesicht bekam, schrieb nun eine dringende Bitte an den Dekan, Ferrari endlich einzustellen, und 1927 wurde sie mit 13 zu 2 Stimmen als Professorin zugelassen. Im gleichen Jahr wurde sie am Militärkrankenhaus zur Leiterin der Gynäkologie und Geburtshilfe ernannt; die allgemeine Stimmung im Haus blieb jedoch eher feindselig gegenüber einer weiblichen Ärztin. So wurde sie in ihren Bestrebungen, die Radiologie als Heilmethode für Gebärmutterkrebs einzuführen, eher behindert. Die argentinische Medizin hatte für diese neuartige Therapie keine Fachleute und griff daher lieber auf die altbewährten, invasiven Operationen zurück, doch Ferrari ließ nicht locker und setzte Bestrahlung schließlich als Krebstherapie durch.

In den späten 1920er Jahren bereiste sie noch einmal Mittel- und Nordamerika, vertrat Argentinien in verschiedenen internationalen Veranstaltungen, half an der Columbia University bei einem Kaiserschnitt (das geborene Kind wurde ihr zu Ehren daraufhin ‚Argentina‘ genannt) und veröffentlichte diverse wissenschaftliche Schriften. Nach einem Militärputsch 1930 wurde Argentinien zunehmend konservativer, was auf lange Sicht auch Folgen für Ferrari haben sollte. 1936 gründete sie zunächst noch Federació Argentina de Dones Universitàries (FAMU), den Verband argentinischer Frauen an Universitäten, inspiriert von der International Federation of University Women (IFUW). Mit diesem Verband wollte sie die juristische und soziale Situation von Frauen insbesondere im akademischen Umfeld verbessern und Hürden in Bildungskarrieren aus dem Weg räumen. Dafür schloss sie sich mit anderen berufstätigen Frauen zusammen und organisierte Schulungen für die an die 100 Mitglieder. Zwei Jahre nach ihrer Gründung schloss sich die FAMU der IFUW an.

Schließlich musste sie 1939 dem konservativen Druck nachgeben und ihre Stelle am Hospital Militar Central aufgeben. Immerhin wurde sie an der Universtität dafür endlich als volle Professorin eingesetzt und erhielt den Titel ‚Profesor Extraordinario‚ in ihrem Fachbereich, der Geburtshilfe. Si eblieb also als Lehrende tätig, bereiste auch weiterhin und schrieb. 1946 setzte sie sich als Präsidentin der FAMU zur Ruhe.

Mit dem Aufkommen des Peronismus Anfang der 1940er Jahre geriet sie jedoch wieder ins Kreuzfeuer der Politik. Weil sie kein Geld für politische Zwecke spenden wollte, zwang das Bildungsministerium sie dazu, als Lehrerin an der Schule ‚N° 3 Bernadino Rivadavia‚ und auch als Psychologie-Professorin am Colegio William Morris, wo sie ihre Karriere begonnen hatte, zurückzutreten. Wenige Jahre später, 1952, verweigerte sie erneut eine Verbindung zu Peróns Politik und setzte sich mit ihren inzwischen 65 Jahren lieber vollständig zur Ruhe.

Ein Jahr, nachdem Perón abgesetzt worden war, starb María Teresa Ferrari mit 69 Jahren.

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Ebenfall diese Woche

8. Oktober 1872: Kristine Bonnevie
Als Norwegens erste Professorin konzentrierte sich die Biologin auf die Zytologie, Genetik und Embryologie.

11. Oktober 1969: Merieme Chadid
Die marokkanisch-französische Astronomin installierte das Observatorium Dome Charlie in der Antarktis und war entscheidend am Very Large Telescope in der Atacama-Wüste in Chile beteiligt.

Flossie Cohen

* 1925 • † 2004

Flossie Cohen (Link Englisch) kam in Kalkutta zur Welt, über ihr Leben vor dem Studium ist weiter nichts bekannt. Spätestens in den 1940er Jahren kam sie in die USA, zum Studium der Medizin an der University at Buffalo. Hier schloss sie 1950 (mit einem MD?) ab und absolvierte ein praktisches Jahr (bzw. ein Jahr residency, Link Englisch) in der Kinderheilkunde am Brooklyn Jewish Hospital (Link Englisch).

1953 ging sie an das Children’s Hospital of Michigan (Link Englisch) in Detroit. Hier arbeitete sie in der Forschung zur Kinder- und Neugeborenen-Immunologie, sie richtete hierfür das Labor an der Klinik ein sowie den klinischen Dienst für Immunologie und Rheumatologie. Beide Bereiche leitete sie bis zu ihrer Pensionierung. Sie war auch eine Professorin an der Wayne State University School of Medicine (Link Englisch).

Sie war eine Ko-Autorin einer bahnbrechenden Studie, die 1972 veröffentlicht wurde, in der erstmals die biochemischen Hintergründe der Erkrankungen dargestellt wurden, die unter SCID – Severe Combined Immunodeficiency fallen. Dies sind genetisch bedingte Störungen des Immunsystems, bei der verschiedene Lymphozyten, vor allem die T-Lymphotzyten, nur fehlhaft funktionieren oder gar nicht produziert werden. Da dieser Defekt in den blutbildenden Stammzellen vorliegt, ist eine Heilung nur möglich durch eine Stammzellenstransplantation, wie etwa das Knochenmarks. Eine solche wurde ebenfalls von Flossie Cohen erstmals erfolgreich an einem Kind durchgeführt, nur drei Jahre nach der Studie, im Jahr 1975.

Als in den 1980er Jahren die AIDS-Epidemie in den USA um sich griff, befasste sich die Immunologin auch mit dieser Erkrankung. Sie ergriff praktische Schritte, indem sie an ihrem Kinderkrankenhaus eine HIV-Klinik für Betroffene eröffnete, und sie arbeitete an der klinischen Erforschung der Übertragung des HI-Virus von der Mutter auf das ungeborene Kind.

Zwei Jahre, nachdem sie sich 1992 zur Ruhe gesetzt hatte, wurde sie in die Michigan Women’s Hall of Fame (Link Englisch) aufgenommen. Sie starb 2004 mit 79 Jahren.

Da auch die Seite Jewish Women’s Archive Flossie Cohen einen Eintrag widmet, gehe ich davon aus, dass sie einer jüdischen Familien aus Kalkutta entstammt. Die Geschichte der Juden in Indien, speziell Kalkutta, wird in diesem englischen Wikipedia-Beitrag beleuchtet; die erste jüdische Familie, die sich in Kalkutta ansiedelte, trug den Namen Cohen.

40/2020: Teruko Ishizaka, 28. September 1928

Ishizaka Teruko (in der asiatischen Reihenfolge von Nach- und Vorname) kam in Yamagata in Japan zur Welt. Ihr Vater war Anwalt, die Familie wohlhabend und angesehen, Terukos Bildung und berufliche Bestrebungen wurden unterstützt und gefördert.

1949 erreichte sie ihren MD an der Tokyo Women’s Medical School und heiratete Ishizaka Kimishige, 1955 erlangte sie einen PhD in Medizin an der Universität Tokio. Gemeinsam mit ihrem Mann erforschte sie die Anaphylaxie, die übermäßige Immunreaktion bei Allergien.

Das Ehepaar Ishizaka ging 1957 gemeinsam an das California Institute of Technology (CalTech), wo sie speziell die Antigen-Antikörper-Reaktion der Immunreaktion untersuchten. Sie wechselten noch einige Male die berufliche Heimat – zeitweise arbeiteten sie für das nationale Gesundheitsinstitut Japans, dann wieder in den USA am Children’s Asthma Research Institute and Hospital in Denver, heute National Jewish Health (Link Englisch).

Die bedeutendste Entdeckung ihrer Karriere veröffentlichte Teruko Ishizaka 1969: Mit ihrem Mann hatte sie den letzten Antikörper-Isotyp entdeckt, das Immunglobulin E (IgE), das eine wichtige Rolle bei den Abläufen einer allergischen Reaktion spielt. Zwei Forscher in Schweden entdeckten IgE zur gleichen Zeit, und die Ishizakas schrieben gemeinsam mit S.G.O. Johansen und Hans Bennich einen Aufsatz über ihre Entdeckung. Kurz nach der Veröffentlichung ihrer Forschung wechselte das Paar an das Allergy and Immunology Center der Johns Hopkins University in Baltimore.

Für ihre Erkenntnisse erhielt das Ehepaar 1972 den Passano Foundation Award und 1973 den Gairdner Foundation International Award.

Zwanzig Jahre, nachdem sie der Welt das IgE bekannt gemacht hatte, konnte Teruko Ishizaka erstmals nachweisen, dass menschliche Mastzellen, an denen sich das IgE ansiedelt und spätere Immunreaktionen auslöst, aus hämatopoetischen (blutbildenden) Stammzellen entstehen. Dies war bisher nur an Mäusen nachgewiesen worden, die Entdeckung spielte eine Rolle für die Entwicklung der Hyposensibilisierung (Allergieimpfung) als Allergietherapie.

1990 war Teruko Ishizaka die erste Frau in Japan, die den BehringKitasato-Preis erhielt.

Mit ihrem Mann, der eine Stelle in San Diego angetreten war, zog sie ein weiteres Mal nach Kalifornien, wo sie sich 1993 zur Ruhe setzte. Drei Jahre später beendete auch ihr Ehemann seine berufliche Karriere und die beiden zogen in ihre Heimat zurück. Dort verbrachten sie ihren Lebensabend, bis Kimishige 2018 und Teruko Ishizaka am 4. Juni 2019 mit 92 Jahren starb.

Der japanische Tag der Allergie wird seit 1995 jedes Jahr am 20. Februar in Japan gefeiert, im Rahmen einer ganzen Woche, die auf die Thematik aufmerksam machen soll.

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Ebenfalls diese Woche

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Samira Islam

20. Jhdt.

Samira Islam (Link Englisch) kam in Hofuf, dem städtischen Zentrum der al-Hasa-Oase in Saudi-Arabien, zur Welt. Nachdem sie die weiterführende Schule im Heimatland beendet hatte, ging für das Studium nach Ägypten. Dort studierte sie an der Universität Alexandria zunächst Medizin, wechselte jedoch nach einem Jahr zum Fachbereich Pharmazie. Darin sowie in pharmazeutischer Forschung machte sie 1964 zunächst ihren Bachelor of Science, zwei Jahre später einen Master of Science und schließlich, 1970, einen Doktortitel (in Pharmakologie). Sie war damit die erste Frau in Saudi-Arabien, die diesen akademischen Grad erlangte.

Bereits im folgenden Jahr begann sie, an der König-Abdulaziz-Universität in Dschidda zu unterrichten. Weitere zwei Jahre später wurde sie die offizielle Studienberaterin für Mädchen mit Interesse an wissenschaftlicher Karriere in Dschidda und die gesamte Provinz Mekka. Sie setzte sich stets für die Frauenbildung in Saudi-Araben ein, auch als sie 1974 Vizepräsidentin der Universität wurde. Sie gründete 1976 an der Hochschule den 1. Fachbereich für Krankenpflege und befasste sich mit der Verstoffwechslung von Medikamenten speziell in der saudi-arabischen Bevölkerung (Link Englisch, über die mögliche Auswirkung ethnischer Zugehörigkeit auf die Wirksamkeit oder Verträglichkeit von Medikamenten).

Sie gründete und leitet bis heute die Drug Monitoring Unit des King Fahd Medical Research Center der Universität.

39/2020: Asima Chatterjee, 23. September 1917

Asima Chatterjee (Link Englisch) war die Tochter eines Arztes, die in der gebildeten Mittelschicht Kolkatas zur Welt kam und deren akademische Karriere von der Familie gefördert wurde. Ihr Vater gab sein Interesse an der Botanik an sie weiter.

Mit 19 Jahren machte Chatterjee den Abschluss der weiterführenden Schule am Scottish Church College der University of Calcutta, mit einer besonderen Würdigung im Fach Chemie. Sie studierte anschließend Organische Chemie am Rajabazar Science College der Universität, wo sie 1938, mit 21 Jahren, ihren Master of Science machte und sechs Jahre später als erste Frau Indiens einen wissenschaftlichen Doktortitel holte. Ihre Doktorarbeit scrieb sie über die Chemie von Pflanzenprodukten und synthetische organische Chemie. Sie lernte in ihrem Studium unter anderem von Prafulla Chandra Ray (Link Englisch), der als der Vater der modernen Chemie in Indien gilt. (Der Wikipedia-Beitrag nennt einen ihrer Lehrer auch als Satyendranath Bose, einen Physiker, der mit Albert Einstein zusammenarbeitete und nach dem unter anderem die Bosonen benannt sind. Dieser Artikel auf feministindia.com nennt allerdings Prafulla Kumar Bose als ihren einflussreichen Lehrer.)

Asima Chatterjee erforschte in ihrer 40-jährigen Karriere natürliche chemische Produkte, insbesondere Alkaloide, wie etwa Vincaalkaloide, die das Wachstum von Krebszellen verhindern können. Sie untersuchte die antikonvulsive Wirkung einer Kleefarn-Art (Marsilea minuta), sowie die Wirkung gegen Malaria des Teufelsbaumes (Alstonia scholaris), einer Enzian-Art (Swertia chirata), einer Wegerich-Art (Picrorhiza kurroa) und der Caesalpinien (Caesaplinia crista). Ihre Arbeit führte zur Entwicklung einer Medizin gegen Epilepsie und mehreren Medikamenten gegen Malaria.

Sie erhielt zahlreiche Ehrungen des indischen Staates, gründete den Fachbereich für Chemie am Frauencollege Bethune College (Link Englisch) und erreicht neben den oben genannten noch zahlreiche andere Erkenntnisse über die medizinische Wirkung diverser Pflanzenwirkstoffe.

Sie starb am 22. November 2006 mit 89 Jahren.

Dieser Listicle von feministindia.com erwähnt sie neben anderen interessanten indischen Wissenschaftlerinnen.

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Ebenfalls diese Woche

24. September 1794: Jeanne Villepreux-Power
Eigentlich gelernte Schneiderin, machte die französische Hobby-Meeresbiologin erst Experimente mit Wasserorganismen in Aquarien.

24. September 1946: Maria Teresa Ruiz
Die chilenische Astronomin entdeckte Kelu-1 (Link Englisch), ein System zweier Brauner Zwerge im Sternbild der Hydra.

26. September 1832: Zsófia Torma
Als Hobby-Archäologin fand die Ungarin einige Lehmbruchstücke der Vinča-Kultur, die 5.400 bis etwa 4.600 vor unserer Zeitrechnung im heutigen Serbien, West-Rumänien, Süd-Ungarn und dem östlichen Bosnien angesiedelt war.

Susan Ofori-Atta

* 1917 • † Juli 1985

Susan Ofori-Atta (Link Englisch) kam in Ghana zur Welt, zu dieser Zeit britische Kronkolonie Goldküste. Ihr Vater war Okyenhene (Link Englisch) Ofori Atta I. (Link Englisch) – er war der König von Akyem Abuakwa (Link Englisch), eines der vier Akim-Staaten, somit war Susan Ofori-Atta eine Adlige ihres Volkes.

Nach dem Abschluss der Grundschule besuchte sie mit etwa 12 Jahren die Achimota School (Link Englisch) (die geneigte Leser:innen unter anderem von Esther Afua Ocloo kennen), wo sie abschließend die GCSE-Prüfung bestand, das britische Äquivalent zur deutschen mittleren Reife. Sie machte anschließend eine Ausbildung zur Hebamme an der Korle-Bu Midwifery Training School in Accra, die von Agnes Yewande Savage mitbegründet wurde. Nach ihrem Abschluss dort ging sie 1935, mit ungefähr 18 Jahren, für eine weitere Hebammenausbildung nach Schottland. Dort studierte sie später auch an der University of Edinburgh Medical School, wo sie 1947 den Bachelor of Medicine (MBChB, Link Englisch) machte. Sie war Diplomatin des Royal College of Obstetricians and Gynaecologists und des Royal College of Paediatrics and Child Health. Mit ihrem MBChB war sie die erste Ghanaerin – und vierte Frau west-afrikansicher Herkunft – mit einem Universitätsabschluss und die dritte Ärztin west-afrikanischer Herkunft nach Agnes Yewande Savage und Elizabeth Abimbola Awoliyi.

Nachdem sie ihr Studium beendet hatte, arbeitete sie zunächst als Hebamme am Korle-Bu Teaching Hospital in Accra, einige Zeit, bevor auch Matilda J. Clerk dort arbeiten sollte. 1960 arbeitete sie einige Zeit als Freiwillige in einem kongolesischen Krankenhaus (Quelle: Wiki – Seite 44). Im Princess Marie Louise Hospital in Accra war sie Amtsärztin, von dort wechselte sie zur University of Ghana Medical School (Link Englisch), wo sie die pädiatrische Abteilung mitbegründete. Schließlich eröffnete sie eine Privatpraxis für die Versorgung von Frauen und Kindern, die Accra Clinic.

Bei der Gründung der Zweiten Republik Ghana Ende der 1960er Jahre war Susan Ofori-Atta Mitglied der verfassungsgebenden Vollversammlung. Sie war außerdem eine Gegnerin des traditionellen Erbrechts der Akan, das Ehefrauen und Kinder benachteiligte. Die Akan lebten (und leben z.T. noch) nach einem sozialen Regelwerk, das Matrilinearität (Link Englisch) und Patrilinearität kombiniert. Jede Familie sieht sich einer der sieben oder acht Gruppen zugehörig, die auf jeweils eine Vorfahrin berufen, den Abusua (Link Englisch). Es ist tabu, innerhalb der eigenen Abusua zu heiraten und Kinder zu bekommen. Mütter und Kinder leben in einem Haushalt mit der mütterlichen Familie, die Männer leben im Haushalt der eigenen mütterlichen Familie. Über diese mütterliche Erblinie werden Status, Eigentum, insbesondere Landbesitz, politischer Einfluss und sogar öffentliche Ämter vererbt. (Über den Vater vererbt sich das Ntoro, das wiederum Rituale, Tabus und eigene Etikette mit sich bringt, so gehört jedes Individuum zu einem Abusua und innerhalb diesen hat es das Ntoro des Vaters.) Durch dieses matrilineare Erbrecht haben aber im Falle des Todes eines Mannes seine Nichten und Neffen, die Kinder seiner Schwester, Anspruch auf sein Erbe, statt seiner Frau und seiner eigenen Kinder. Susan Ofori-Atta erreichte mit ihrer politischen Arbeit, dass im Jahr 1985 das Erbrecht Ghana dahingehend geändert wurde.

1974 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der University of Ghana für ihre Forschung zur Unterernährung von Kindern (CW Bilder), insbesondere dem Hungerödem Kwashiorkor (CW Bilder). ‚Kwashiorkor‘ heißt in der ghanaischen Ga-Sprache ‚Krankheit, die ein Kind bekommt, wenn ein neues Kind geboren wird‘, da sie auftritt, wenn ein Kind von der Muttermilch entwöhnt wird – zum Beispiel, weil ein weiteres geboren wird – und auf feste Nahrung umstellen muss, die nicht genug Eiweiß enthält. (Der Wiki-Beitrag zu Susan Ofori-Atta notiert, dass sie für die Einführung dieses Namens verantwortlich ist, sowohl der englische wie der deutsche Beitrag zum Begriff verweisen jedoch auf die jamaikanische Ärztin Cicely Williams (Link Englisch), die ihn bereits in den 1930er Jahren anwandte.) Eine andere Bezeichnung für Kinder mit ‚Kwashiorkor‘ ist ‚Biafra-Kind‘ aufgrund gehäuften Auftretens der Erkrankung – oder entsprechender Bilder – während des Biafra-Krieges Ende der 1960er Jahre, auf Deutsch heißt Kwashiorkor auch ‚Mehlnährschaden‘.

Susan Ofori-Atta gehörte zu einer politisch aktiven und einflussreichen Familie, nicht nur durch die Ehe mit E.V.C. deGraft-Johnson (unter dessen Nachnamen sie ebenfalls bekannt ist), der mit dem ghanaischen Vizepräsidenten der Jahre 1979 bis 1981, Joseph W.S. deGraft-Johnson, verwandt war. Auch ihre Geschwister waren politische Figuren, ihr Bruder William Ofori-Atta war Anfang der 1970er Ghanas Außenminister und einer der Big Six, der andere Bruder Kofi Asante Ofori-Atta war Mitte der 1960er Jahre Sprecher des ghanaischen Parlaments, ihre jüngere Schwester Adeline Akufo-Addo (Link Englisch) war Anfang der 1970er die First Lady Ghanas.

Susan Ofori-Atta starb im Juli 1985 in England.

Tsai-Fan Yu

* 1911 • † 2. März 2007

Der deutsche Wikipedia-Eintrag von Tsai-Fan Yu nennt unbekümmert ein genaues Datum ihrer Geburt nach einer Quelle, die ich leider nicht verifizieren kann. Dieses Datum ( 24. Oktober) wird an keiner anderen Stelle genannt, also lasse ich es derzeit mit Fragezeichen versehen (außerdem wirft es den Ablauf des Zeitstrahls um, wenn ich Yu in den herkömmlichen Kalender übernehme).

Geboren wurde sie in Shanghai; als sie 13 Jahre alt war, starb ihre Mutter, der alleinerziehende Vater arbeitete zeitweise in drei Jobs, um der Tochter die schulische Laufbahn zu ermöglichen, zu der sie offenbar befähigt war. Ihr Studium der Medizin nahm sie am Ginling College (Link Englisch) auf, doch bereits im zweiten Studienjahr (möglicherweise nach einem Bachelor-Abschluss) erhielt sie ein Stipendium für ein weiteres Studium am Peking Union Medical College (Link Englisch), das nach dem Beispiel der Johns Hopkins Universität unterrichtete. Yu machte dort 1939 mit 28 Jahren ihren Doktor mit Bestnoten und im gleichen Jahr sofort als Chief Medical Resident (in etwa Chefärztin) für Innere Medizin.

Während sie in China arbeitete, erforschte sie auch Pflanzenkrankheiten von Zitrusfrüchten und Bohnen. 1947 kam sie nach New York, um am College of Physicians and Surgeons der Columbia University zu unterrichten. Drei Jahre später erhielt sie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Zehn Jahre nach ihrer Ankunft in den Vereinigten Staaten fand sie am Mount Sinai Hospital ihre berufliche Heimat, hier sollte sie 1973 die erste Frau in den USA werden, die eine volle Professur erhielt.

Ihr Lebenswerk war die Erforschung und Behandlung von Stoffwechselkrankheiten. Nachdem sie sich anfangs mit Morbus Wilson befasst hatte, einer Erbkrankheit, die den Kupferstoffwechsel der Leber beeinträchtigt, konzentrierte sie sich den Großteil ihres beruflichen Lebens am Mount Sinai Hospital auf die Gicht. Diese wird ausgelöst durch erhöhte Harnsäurekonzentration im Blut, der eine Nierenfehlfunktion zugrunde liegt. Neben den Schüben mit schmerzhaften Entzündungen der Gelenke und anderen Geweben wirkt sich dieser gestörte Stoffwechsel auch wiederum nachteilig auf die Nieren aus.

Tsai-Fan Yu stellte in ihrer Forschung die Verbindung her zwischen den Harnsäurewerten im Blut und dem Ausmaß der Gelenkschmerzen von Gichtpatienten. Sie klassifizierte die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Gicht und untersuchte die Zusammenhänge der Gicht mit anderen Erkrankungen. So stellte sie fest, dass etwa die Hälfte aller Gichtpatienten auch an anderen metabolischen Krankheiten leidet, wie Bluthochdruck, Proteinurie (erhöhte Ausscheidung von Proteinen durch den Urin), Diabetes oder Hyperlipoproteinämie (u.a. erhöhter Cholesterinspiegel).

In den 1950er Jahren trug Yu entscheidend zur Entwicklung von Medikamenten gegen die Gicht und ihre Symptome bei; sie entdeckte die Wirkstoffe Probenecid, Colchicin und Phenylbutazon zumindest für akute Gichtanfälle. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Alexander B. Gutman trug sie in diesen Jahren auch zur Einrichtung einer spezialisierten Gichtklinik am Mount Sinai Hospital bei. In den 1960er Jahren entwickelte sie dank ihrer weiteren Erforschung der Krankheitsmechanismen den Wirkstoff Allopurinol, der 1977 in die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der WHO aufgenommen wurde.

Sie veröffentlichte in ihrer Laufbahn 220 wissenschaftliche Artikel sowie zwei Bücher, Gout and Uric Acid Metabolism (‚Gicht und der Harnsäurestoffwechsel‘) 1972 und zehn Jahre später The Kidney in Gout and Hyperurecimia (Die Nieren bei Gicht und Hyperurikämie).

Sie emeritierte 1992 mit 81 Jahren, bis dahin hatte sie mehr als 4.000 Gichtpatienten untersucht und behandelt. Noch 12 Jahre später, 2004, war sie an der Gründung der gemeinnützigen Tsai-Fan Yu Foundation beteiligt. Sie starb 95-jährig im Mount Sinai Medical Center in New York.

In dieser Übersicht über asiatische Wissenschaftler:innen der Asia Research News wird auch Tsai-Fan Yu erwähnt.

Elizabeth Abimbola Awoliyi

* 1910 • † 1971

Elizabeth Abimbola Awoliyi (Link Englisch) kam in Lagos, Nigeria, zur Welt und besuchte dort eine katholische Mädchenschule sowie das Queen’s College Lagos (Link Englisch). Von dort ging sie für ein Medizinstudium an die Universität Dublin (aufgrund der Kolonialbeziehung Großbritanniens zu Nigeria), wo sie 1938 ihren Doktortitel machte, als eine der besten Studentinnen und mit mehreren Auszeichnungen, unter anderem in Anatomie. Sie war damit die zweite Frau westafrikanischer Abstammung, die sich als Ärztin in orthodoxer Medizin qualifizierte, nach Agnes Yewande Savage; als erste Westafrikanerin erhielt sie eine königliche Lizenz als Chirurgin. Sie war Mitglied des Royal College of Physicians und des Royal College of Obstetricians and Gynaecologists, außerdem Diplomatin des Royal College of Paediatrics and Child Health.

Nach ihrem Studienabschluss ging sie zurück nach Nigeria und arbeitete als Gynäkologin (was auch die Geburtshilfe mit einschließt, auf Englisch grundsätzlich als Ob/Gyn bezeichnet) und Amtsärztin am Massey Street Hospital Lagos. Später wurde sie an diesem Krankenhaus Fachreferentin, 1960 bis 1969 war sie medizinische Leiterin dort. 1962 bestellte das Gesundheitsministerium Nigerias sie als leitende Spezialistin für Gynäkologie und Geburtshilfe.

Sie war außerdem die erste Präsidentin der Abteilung Lagos des National Council of Women Societies und Teil des nationalen Komittees. In der Frauensozialarbeit war sie inbesondere für Familienplanungskliniken aktiv.

Dieser Artikel (Link Englisch) zeichnet ihre Biografie als Heldin des nigerianischen Gesundheitswesens nach.

35/2020: Flossie Wong-Staal, 27. August 1946

Flossie Wong-Staal kam als Wong Yee-ching in Guangzhou, China, zur Welt. Nachdem 1949 die Kommunistische Partei Chinas den Bürgerkrieg gewonnen hatte, flohen viele Chinesen nach Hongkong, so auch Wongs Familie im Jahr 1952. Dort besuchte Yee-ching eine römisch-katholische Eliteschule, an der sie besonderes Interesse an und hervorragende Leistungen in den Naturwissenschaften zeigte. Ihre Lehrer empfahlen ihr, nach dem Abschluss für ein Studium in die USA zu gehen und sich dafür einen englischen Namen zuzulegen. Sie wollte keinen gewöhnlichen Namen, also wählte ihr Vater den Namen Flossie für sie nach einem Typhoon (oder mehreren), der China getroffen hatte.

Als Flossie Wong begann die 18-jährige 1964 ihr Studium an der University of California, Los Angeles, in dem sie vier Jahre später ihren Bachelor of Science in Bakteriologie machte, weitere vier Jahre arbeitete sie anschließend auf ihren Doktortitel in Molekularbiologie hin. Sie heiratete in dieser Zeit ihren Kommilitonen Stephen P. Staal und promovierte als Flossie Wong-Staal 1972 mit einer Dissertation über die Unterschiede im Ergbut von mutierten und wildlebenden Tabakpflanzen.

Im folgenden Jahr schloss sie sich in Bethesda, Maryland, dem Virologen Robert Gallo am National Cancer Institute an, um an Retroviren zu forschen, die zu diesem Zeitpunkt noch eine Theorie waren. Insbesondere die Vorstellung, dass Krebs von Viren ausgelöst werden könnte, wurde von der Wissenschaft größtenteils abgelehnt. Das Team um Gallo entdeckte jedoch 1980 die Viren HTLV-1 und HTLV-2 (Humanes T-lymphotropes Virus 1 und 2) als Auslöser von Krebsformen; Wong-Staal war nach der Isolation des Virus für die Sequenzierung seines genetischen Aufbaus verantwortlich. Diese Viren hatten Eigenschaften mit einem neuen Virus gemein, das sich zu dieser Zeit in den USA ausbreitete, nämlich die sexuelle Übertragbarkeit und den Befall der T-Lymphozyten, dem sich das Team folgerichtig als mögliches HTLV-3 widmete. Wong-Staal übernahm 1982 die Leitung der Abteilung für Molekulargenetik der Hämatopoetischen Stammzellen am NCI, ein Jahr später gelang es ihr und Gallo, das HTLV-3 als HI-Virus und Auslöser von AIDS zu identifizieren. Zur gleichen Zeit wurde in Frankreich das Virus als LAV identifiziert, von Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi (die ich in der KW 31/2020 kurz erwähnte). Die genauen Abläufe, wer welche Erkenntnisse zu welchem Zeitpunkt eigenständig hatte oder eventuell Ergebnisse gestohlen oder sich angeeignet hatte, wurden zum langwierigen Rechtsstreit zwischen den Wissenschaftlern.

Einen weiteren entscheidenden Schritt in der Erforschung des HI-Virus machte Wong-Staal bereits im nächsten Jahr, 1984, als sie die Molekularstruktur des Virus analysierte und es klonte. Sie trug damit bei zu einem besseren Verständnis seiner langen Latenzzeit, warum also nach einer HIV-Infektion so lange Zeit vergeht, bis die Erkrankung AIDS ausbricht. Ebenso war die Kenntnis seiner Struktur eine wichtige Grundlage für die Entwicklung eines ersten Tests, der eine Infektion im Blut nachweisen konnte.

Im Jahr 1990 war Flossie Wong-Staal die am vierthäufigsten zitierte Wissenschaftlerin unter 45 Jahren. Sie kehrte nach Kalifornien zurück, um an der University of California San Diego den ‚Florence-Seeley-Riford-Lehrstuhl für AIDS-Forschung zu übernehmen. Hier konzentrierte sie sich auf die Erforschung der Gene des HI-Virus, die für die Reproduktion und Aktivität verantwortlich sind; diese Erkenntnisse sollen zur Entwicklung eines Impfstoffes beitragen. Im Zusammenhang mit dieser Arbeit war sie 1992 Mitbegründerin des Pharmazeutikunternehmens Immusol.

Als 1994 das Center for AIDS Research (CFAR, Link Englisch) der Universität in San Diego gegründet wurde, übernahm Wong-Staal die Leitung der Institution. Auch hier war die endgültige Heilung einer HIV-Infektion das Ziel der Forschung; am CFAR zielte Wong-Staal auf eine mögliche Gentherapie ab, bei der Ribozyme (RNA-Moleküle, die sich wie Enzyme verhalten, also andere Moleküle spalten) als ‚molekulares Messer‘ auf die genetische Strutur des HI-Virus angesetzt werden, um das Virus in Stammzellen zu unterdrücken.

Erklärung der Funktionsweise von Gentherapie (Swiss Academy of Sciences SCNAT)

Außerdem war sie mit ihrem Team beteiligt an der Erforschung des Tat-Proteins (Link Englisch), einem Protein spezifisch für HIV-1, und welche Wirkung es auf das Wachstum in Zellen des Kaposi-Sarkoms (CN Bilder) hat, einer Form des Hautkrebs, die besonders AIDS-Patienten befällt. Ihre Erkenntnisse führten zur Entwicklung von Behandlungen gegen dieses Symptom.

Mit 56 Jahren setzte sich Flossie Wong-Staal 2002 von ihrer Lehrtätigkeit an der Universität zur Ruhe, sie behielt jedoch ihre Position als Forschungsprofessorin bis zu ihrem Tod inne. In diesem Jahr wurde sie vom Discover Magazin als eine der ’50 Most Important Women in Science‘ (Link Englisch)*) gelistet. Sie wurde Chief Scientific Officer in ihrem Unternehmen Immusol, als sich der Schwerpunkt des Unternehmens auf Medikamente und Impfstoffe gegen Hepatitis C verlagerte, veranlasste sie eine Umfirmierung als iTHerX Pharmaceuticals.

2007 nannte der Daily Telegraph sie als 32. der ‚Top 100 of Living Geniuses‘, 2019 wurde sie in die National Women’s Hall of Fame aufgenommen. Sie verstarb erst vor kurzem, am 8. Juli 2020, im Alter von 73 Jahren – an einer Lungenentzündung, die nicht im Zusammenhang mit dem Corona-Virus SARS-CoV-2 stand. Die New York Times schrieb einen Nachruf, in dem ihr Kollege (und zeitweise auch privater Partner) Robert Gallo einige Einblicke in ihre Persönlichkeit gewährt.

In diesem sehr ausführlichen Interview von 1997 für das Oral History Archiv der National Institutes of Health (NIH) geht es zwar teilweise in sehr anspruchsvollem Fachenglisch um wissenschaftliche Aspekte ihrer Forschung und einige innerbehördliche Faktoren, Wong-Staal erzählt jedoch auch von ihrer Perspektive auf den Konflikt um die Erstentdeckung des HI-Virus, außerdem erwähnt sie Anthony Fauci und seine wichtigen Erkenntnisse bezüglich der Behandlung von AIDS und betont, wie wichtig der wissenschaftliche Austausch zwischen allgemeiner Medizinforschung und der spezifischen Erforschung einzelner Erreger ist. So dienen auch gerade jetzt viele der Erkenntnisse der Virologin zum HI-Virus als Grundlage der Erforschung von SARS-CoV-2 und der Entwicklung eines möglichen Impfstoffes.

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Ebenfalls diese Woche

24. August 1862: Zonia Baber (Link Englisch)
Die US-amerikanische Geowissenschaftlerin entwickelte moderne Lehrmethoden für Geografie und Geologie.

24. August 1890: Margaret Levyns (Link Englisch)
Vegetationsgeografie, Botanik und Taxonomie waren die Gebiete dieser Südafrikanerin, die als erste Frau einen Doktortitel an der Universität Kapstadt verliehen bekam.

24. August 1942: Karen Uhlenbeck
Im vergangenen Jahr (2019) wurde dieser US-amerikanischen Mathematikerin als erster Frau der Abelpreis verliehen.

26. August 1862: Marion Bidder (Link Englisch)
Als erste Frau hielt diese britische Physiologin 1895 einen Vortrag vor einer Royal Society.

26. August 1881: Alice Wilson
Sie arbeitete als erste Frau in Kanada auf dem Gebiet der Geologie; zeit ihres Lebens hatte sie mit sexistischer Benachteiligung zu kämpfen.

26. August 1918: Katherine Johnson
Auf ihrer Geschichte – neben der ihrer Kolleginnen Dorothy Vaughan und Mary Jackson – beruht der Film Hidden Figures (auch bei Filmlöwin rezensiert). Die Mathematikerin trug mit ihren Berechnungen zum erfolgreichen Ablauf des Mercury-Programms und der Apollo-11-Mission bei.

29. August 1863: Margaret Clay Ferguson (Link Englisch)
Die US-amerikanische Botanikerin war 1929 die erste weibliche Präsidentin der Botanical Society of America (Link Englisch).

*) 6 von den Frauen (mit Flossie Wong-Staal: 7) habe ich hier auf frauenfiguren auch bereits besprochen:
Shirley Ann Jackson
Barbara Liskov
Shannon Lucid
Vera Rubin
Emmy Noether
Cecilia Payne-Gaposchkin

33/2020: Gerty Cori, 15. August 1896

frauenfiguren gerty cori
By National Library of Medicine, Images from the History of Medicine, B05353, Public Domain

Gerty Cori kam in Prag als Gerty Radnitz zur Welt; ihr Vater, Otto Radnitz, war ein Chemiker, der eine Methode zur Raffination von Zucker erfunden hatte und nun eine eigene Zuckerfabrik leitete, ihre Mutter, Martha geborene Neustadt, war eine kulturell interessierte Frau, die mit Franz Kafka befreundet war. Gerty und ihre beiden jüngeren Schwestern erhielten zunächst Privatunterricht, bevor sie mit zehn Jahren auf das Lyzeum gingen.

Mit 16 Jahren wusste Gerty, dass sie Medizin studieren wollte, ihr fehlten bis dahin jedoch noch einige schulische Kenntnisse. Um diese einzuholen, lernte sie innerhalb eines Jahres die Inhalte von acht Schuljahren Latein und fünf Schuljahren Physik, Chemie und Mathematik. So bestand sie mit 18 Jahren die Aufnahmeprüfung für das Medizinstudium an der Deutschen Karl-Ferdinands-Universität Prag.

Im Studium lernte sie Carl Cori kennen. Die beiden verliebten sich und schlossen 1920 gemeinsam – nachdem Carl zwischenzeitlich im Ersten Weltkrieg eingezogen worden war – ihr Medizinstudium ab. Im gleichen Jahr heirateten sie, wofür Gerty vom Judentum zum Katholizismus konvertierte, und zogen nach Wien. Dort arbeitete Gerty als Assistenzärztin im Karolinen-Kinderspital und erforschte die Funktion der Schilddrüse bei der Regulation der Körpertemperatur. Außerdem schrieb sie mehrere Aufsätze zu Blutkrankheiten. Die Lebensumstände nach dem Krieg waren schwierig, oftmals fehlte es an Lebensmitteln, sodass Gerty sogar Augenprobleme entwickelte, die auf einen Vitamin-A-Mangel zurückzuführen waren. Zur gleichen Zeit wurde der Antisemitismus im Land immer offensichtlicher, sodass das Ehepaar Cori 1922 in die USA auswanderte.

Carl fand eine Anstellung beim State Institute for the Study of Malignant Diseases (heute Roswell Park Cancer Institute, Link Englisch), während Gerty zunächst weitere sechs Monate in Wien blieb, weil sie keine Anstellung fand. Sie zog jedoch schließlich nach und arbeitete mit ihrem Mann im Labor, obwohl der Leiter des Insituts sogar drohte, Carl Cori zu entlassen, wenn Gerty nicht aufhörte. Die beiden ließen sich nicht beirren und erforschten gemeinsam, wie Glucose mit Hilfe von Hormonen im menschlichen Körper verstoffwechselt wird. Das Ehepaar veröffentlichte in der Zeit in Roswell insgesamt 50 Aufsätze gemeinsam – wobei die- oder derjenige zuerst als Autor:in genannt wurde, der oder die die meiste Arbeit geleistet hatte – und Gerty Cori veröffentlichte noch elf weitere Schriften als alleinige Autorin.

1928 nahmen die Coris die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Im Folgejahr stellten sie ihre Theorie vor, die ihnen schließlich den Nobelpreis einbringen sollte: den Cori-Zyklus. Dieser beschreibt den biochemischen Kreislauf im menschlichen Körper, mit dem Glucose in den Muskeln zu Lactat umgewandelt wird – Glykolyse genannt – , während gleichzeitig Lactat kurzzeitig in der Leber zu Glucose zurückgebildet wird – Gluconeogenese genannt. Diese Erkenntnis, wie die Verwertung von Zucker in den Muskeln funktioniert, sowie der Rolle der Leber dabei war eine wichtige Grundlage für das Verständnis und somit der Behandlung von Diabetes mellitus.

Diese junge Frau erklärt auf dem Kanal FitfürBiochemie den Cori-Zyklus für halbwegs in die Chemie Eingeweihte

Zwei Jahre, nachdem sie diese Theorie veröffentlicht hatten, verließen sie das Insitut in Roswell. Carl wurden mehrere Stellen ohne Gerty angeboten, eine Position in Buffalo lehnte er ab, weil sie ihm durchaus nicht erlauben wollten, mit seiner Frau zu arbeiten. Gerty wurde sogar ausdrücklich vorgeworfen, sie schade der Karriere ihres Mannes, wenn sie weiter mit ihm arbeite. Schließlich ging das Ehepaar Cori gemeinsam an die Washington University in St. Louis, Missouri, wo ihnen beiden Stellungen angeboten worden waren, allerdings in Gertys Fall in einer niedrigeren Position, mit folgerichtig schlechterer Bezahlung: Sie verdiente als Forschungsassistentin nur ein Zehntel von Carls Gehalt. Arthur Compton, zu dieser Zeit Rektor der Universität, machte für die Coris eine Ausnahme von der Nepotismus-Regel, mit der auch Maria Goeppert-Mayer Schwierigkeiten hatte. Bei ihrer gemeinsamen Arbeit an der Washington University entdeckten Gerty und Carl Cori das Glucose-1-phosphat, eine Form von Glucose, das in vielen Stoffwechselvorgängen eine Rolle spielt und auch nach ihnen Cori-Ester heißt. Sie beschrieben seine Struktur, identifizierten das Enzym, das den Cori-Ester katalysiert und bewiesen, dass Glucose-1-phosphat der erste Schritt in der Umwandlung des Kohlehydrats Glykogen zu Glucose ist, welche im Körper als Energie verwertet werden kann.

Gerty Cori erforschte zur gleichen Zeit auch Glykogenspeicherkrankheiten und identifzierte mindestens vier davon, die jeweils mit individuellen Enyzymdefekten zusammenhängen; die verhältnismäßig harmlose Typ III-Glykogen-Speicherkrankheit heißt nach ihr auch Cori-Krankheit. Sie war die erste Person, die nachwies, dass eine vererbte Krankheit mit einem Enzymdefekt zusammenhängen kann.

Nach 13 Jahren an der Washington University wurde Gerty Cori endlich außerordentliche Professorin und vier Jahre später, 1947, auch volle Professorin. Im gleichen Jahr erfuhr sie, dass sie an Myelosklerose litt, und wenige Monate später wurde ihr gemeinsam mit ihrem Mann und dem argentinischen Physiologen Bernardo Alberto Houssay der Nobelpreis für für Physiologie oder Medizin verliehen. Sie war insgesamt erst die dritte Frau mit einem Nobelpreis – Marie Curie und deren Tochter Irène Joliot-Curie waren die ersten beiden, die diesen Preis für Physik respektive Chemie erhalten hatten. Gerty Cori hingegen war nun die erste Frau, die in der Kategorie Physiologie und Medizin ausgezeichnet wurde.

Im Anschluss an diesen Erfolg wurde sie Fellow der American Academy of Arts and Sciences, als viertes weibliches Mitglied in die National Academy of Sciences gewählt sowie von mehreren anderen Societies aufgenommen, von Harry S. Truman wurde sie zum Ratsmitglied der National Science Foundation ernannt. Nachdem sie jahrzentelang gegen den Widerstand von Entscheidern unbeirrt mit ihrem Mann zusammengearbeitet hatte, wurde ihr nun zwischen 1948 und 1955 die Ehrendoktorwürde an fünf Universitäten verliehen – an der Boston University, am Smith College, an der Yale University, an der Columbia University und an der University of Rochester. Insgesamt gewann sie, zum Teil gemeinsam mit ihrem Mann, sechs hochdotierte wissenschaftliche Preise. Sie arbeitete noch weitere zehn mit immer schlechterer Gesundheit, bis sie am 26. Oktober 1957 an der Myelosklerose verstarb.

1998 wurde Gerty Cori in die National Women’s Hall of Fame aufgenommen. Das Labor an der Washington University, in dem sie gearbeitet hatte, wurde 2004 von der American Chemical Society (deren Mitglied sie war) zur Historic Landmark erklärt. Vier Jahre später brachte der US Postal Service eine 41-cent-Briefmarke ihr zu Ehren heraus. Krater auf dem Mond und der Venus sind nach ihr benannt und noch 2015 taufte das US Department of Energy den Hochleistungrechner im Berkeley Lab nach ihr, der als fünfter in der Liste der 500 leistungsfähigsten Computer rangiert.

Die Website des Nobelpreises führt selbstverständlich ihre Biografie (Link Englisch).

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Ebenfalls diese Woche

12. August 1898: Maria Klenova (Link Englisch)
Als Begründerin der russischen Meeresgeologie erforschte sie beinahe dreißig Jahre lang die Polarregionen und war die erste Frau, die vor Ort in der Antarktis arbeitete.

12. August 1919: Margaret Burbidge
Diese amerikanische Astronomin tauchte bereits im Beitrag über Vera Rubin auf; die erste weibliche Direktorin des Royal Greenwich Observatory forschte zu Quasaren und wie Rubin zur Rotation von Galaxien.

15. August 1892: Kathleen Curtis (Link Englisch)
Die neuseeländische Mykologin begründete die Pflanzenpathologie in ihrer Heimat; ihre Doktorarbeit schrieb sie über Kartoffelkrebs und sie beschrieb 1926 erstmalig einen Bovisten, der endemisch in Tasmanien und Neuseeland auftritt und heute vom Aussterben bedroht ist, den Claustula fischeri (Link Englisch).