Kategorie: Medizin

08/2018

3. August 1902: Regina Jonas

Regina Jonas kam als Tochter eines Kaufmanns im stark jüdisch geprägten Berliner Scheunenviertel (heute Mitte) geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf; als sie elf Jahre alt war, starb ihr Vater. Sie besuchte das Lyzeum in Berlin-Weißensee und erlangte eine Lehrerlaubnis für höhere Mädchenschulen. Mit dem Unterricht an verschiedenen anderen Lyzeen finanzierte sie sich ein Studium an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, mit dem erklärten Ziel, Rabbinerin zu werden.

Nach zwölf Semestern schloss sie 1930 das Studium mit einer Arbeit ab, die den provokanten Titel „Kann eine Frau das rabbinische Amt bekleiden?“ trug, und zumindest zwei ihrer Prüfer, Dr. Leo Baeck und Eduard Baneth, unterstützten sie wohl in ihrem Ehrgeiz. Baneth verstarb leider plötzlich und konnte ihr nicht mehr das Diplom des Rabbiners erteilen. Fünf Jahre lang erprobte sie ihre Fähigkeiten mit Übungspredigten und Unterricht in religiösen Einrichtungen. Schließlich erklärte sich der Offenbacher Rabbiner Max Dienemann bereit, entgegen die Vorbehalte in der deutschen jüdischen Gemeinde, ihr die mündliche Prüfung abzunehmen und, nach Bestehen, sie zu ordinieren. Ihr ehemaliger Doktorvater Baeck begrüßte sie am nächsten Tag mit „Liebes Fräulein Kollegin“. Trotzdem sie als Rabbi voll ausgebildet und geprüft war, setzte die Berliner jüdische Gemeinde sie weiterhin hauptsächlich für den Religionsunterricht ein; auch seelsorgerische Betreuung durfte sie nun ausüben und religiöse Feste im Ornat leiten, doch nicht einmal die schriftlichen Anfragen von Gemeindemitgliedern, sie als Rabbi auf den Kanzeln der Synagogen oder bei religiösgesetzlichen Zeremonien zu sehen, konnten diese letzte Hürde des männlichen Monopols einreißen. Dahingegen erlangte sie die Aufmerksamkeit und Anerkennung der jüdischen Frauenvereinigungen wie der WIZO.

Ihre Argumentation, dass sie als Frau zur Rabbinerin geeignet war, basierte nicht so sehr auf der feministischen Theorie der Gleichberechtigung der Frau, als vielmehr darauf, dass Gott die Menschheit in zwei Geschlchtern geschaffen habe, die beide ihren geschlechtsspezifischen Beitrag zur Förderung der Menschheit beitragen können – gegen eine Frau als Rabbiner spräche „außer Vorurteil und Ungewohntsein fast nichts“. Sie befürwortete die Keuschheit und Ehelosigkeit der Rabbinerin sowie die Geschlechterttrennung in der Synagoge, doch manche Dinge könne sie als Frau von der Kanzel oder bei der Jugend sagen, die ein Mann nicht sagen könne.

Erst 1938, kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, als der nationalsozialistische Druck auf die jüdischen Gemeinden die Zahl auch der Rabbiner in Deutschland durch Ausreise oder Deprotation dezimiert hatte, wurde sie neben der Seelsorge auch als voll anerkannter Rabbi eingesetzt und zwar im ganzen Land. Wohl weil ihre noch immer lebende Mutter zu alt für die Reisestrapazen war, machte sie selbst keine Anstalten, Deutschland zu verlassen. So wurde sie zunächst 1942 zu Zwangsarbeit verpflichtet und Ende des Jahres nach Theresienstadt deportiert. Dort hatte der jüdische Psychiater Viktor Frankl ein Referat „für psychische Hygiene“ eingerichtet, das den KZ-Häftlingen bei der Verarbeitung des Schocks helfen und ihre Überlebenschancen somit verbessern sollte. In diesem Referat hielt Jonas in zwei Jahren mindestens 44 aktenkundige Vorträge, bis sie am 12. Oktober 1944 nach Auschwitz-Birkenau verbracht und dort zwei Monate später ermordet wurde.

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6. August 1965: Yuki Kaijura

Die japanische Komponistin ist vor allem für zahlreiche Anime-Soundtracks verantwortlich.

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7. August 1913: Carmen Velasquez

Carmen Velasquez‘ Entdeckung der Fadenwurmart Capillaria philippensis rettete seit 1963 unzähligen Menschen auf den Philippinen das Leben. Dort starben die Menschen an einer unbekannten Krankheit, die sich mit Magenknurren, Bauchschmerzen und Durchfall bemerkbar machte. Velasquez stellte den bis dahin unbekannten Parasiten als Auslöser fest; seither können Befallene bereits bei Verdacht einer Infektion behandelt werden.

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10. August 1889: Zofia Kossak-Szczucka

Die polnische Autorin und Gewinnerin zweier Literaturpreise erlebte mit 50 Jahren in Warschau den Überfall Deutschlands auf Polen, mit dem der Zweite Weltkrieg begann. Die Katholikin wurde sofort im Untergrund aktiv als Redakteurin einer Zeitung des Widerstands.

1942, einige Wochen, nachdem die Deutschen mit der „Liquidation“ des Warschauer Ghettos, also mit den Deportationen in das Vernichtungslager Treblinka begonnen hatten, schrieb und veröffentlichte Kossak eine Protestschrift gegen die Duldung dieser Tatsachen in Polen und der interanationalen Gemeinschaft. 5.000 Exemplare von „Protest!“ wurden gedruckt; Kossak machte darin durchaus keinen Hehl aus dem generell noch bestehenden Antisemitismus der katholischen Polen, doch seien sie als Christen von Gott dazu verpflichtet, gegen die Greuel, die verübt wurden, zu protestieren. Dadurch, dass die Polen und die Weltgemeinschaft zu dem schweige, was die Deutschen den Juden antaten, würden sie zu Komplizen.

Nach dieser Protestschrift begründete sie die Widerstandsorganisation Zegota, die zwischen 1942 und 1945 daran beteiligt war, Juden vor der Ermordung in Konzentrationslagern zu retten: In Warschau allein rettete die Zegota an die 4.000 Juden, darunter 2.500 Kinder aus dem Ghetto, in ganz Polen geht die höchste Schätzung an die 75.000 Menschen. Für ihre Beteiligung am Widerstand wurde Kossak 1943 verhaftet und nach Auschwitz-Birkenau deportiert, dem polnischen Untergrund gelang es jedoch, sie zunächst in ein Frauengefängnis überführen zu lassen, aus dem sie schließlich entlassen wurde. So konnte sie 1944 am Warschauer Aufstand teilnehmen.

Die kommunistische Regierung Polens nach dem Krieg war den nicht-kommunistischen Widerstandskämpfern nicht freundlich gesonnen. Kossak verdankte es nun ihrem Einsatz für die jüdische Bevölkerung, dass sie einer Inhaftierung mit möglicher Todesfolge entkam: Der jüdisch-stämmige Innenminister der neuen Regierung wusste von seinem Bruder, was Kossak geleistet hatte, und warnte sie, sodass sie einer Verfolgung nach England entkam. Sie ging zunächst nach London und lebte dann 12 Jahre lang in Cornwall. 1957 konnte sie nach Polen zurückkehren, schrieb und lebte dort bis zu ihrem Tod 1968.

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15. August 1830: Mária Lebstück

Die Kroatin kam mit 13 Jahren nach Wien und schloss sich mit 18, als Mann verkleidet, den Juristen-Corps in der Revolution gegen die Monarchie an. Im späteren Verlauf ihrer Karriere in Ungarn schaffte sie es bis zum Rang des Oberleutnants, gleichzeitig brachte sie eine Eheschließung und Schwangerschaft unter. Letztere verriet jedoch ihre Verkleidung und sie musste ihr Kind in Kriegsgefangenschaft zur Welt bringen. Ihr Mann wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt und starb im Gefängnis, sie selbst wurde nach Kroatien ausgewiesen, kehrte jedoch drei Jahre später nach Ungarn zurück und heiratete erneut. Nachdem ihr zweiter Mann gestorben war, ging sie mit ihrem Sohn nach Budapest, wo sie mit 62 Jahren starb. Obwohl (oder weil?) ich mich eher als Pazifistin betrachte, stellen Soldatinnen für mich ein besonderes Faszinosum dar. Es braucht doch ein ordentliches Maß an Chuzpe und den sprichwörtlichen Gonaden, so eine Verkleidung unter solchen Umständen zu erwägen und auszuführen.

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24. August 1890 oder 1894: Jean Rhys

Die Tochter eines Walisers und einer dominicanischen Kreolin hieß in Wirklichkeit Ella Gwendolyn Rees Williams und lebte bis zu ihrem 16. Lebensjahr in der Karibik und wurde dann für eine weiterführende Schulbildung nach England geschickt, wo sie bei einer Tante lebte. In der Schule wurde sie für ihren Akzent gehänselt und auch in der Schauspielschule in London sah man 1909 aufgrund ihrer Redeweise keine Chance für ihren Erfolg. Sie arbeitete zunächst als Revuetänzerin (chorus girl, also Teil der größeren Produktion); nachdem ihr Vater 1910 starb, kämpfte sie gegen die Armut, indem sie sich „aushalten ließ“. Der Börsenmakler, dessen Geliebte sie wurde, heiratete si ezwar nicht, unterstützte sie aber über die Jahre immer wieder finanziell. In den folgenden 13 Jahren arbeitete sie zeitweise als Nacktmodel, wurde schwanger und trieb ab, arbeitete während des Ersten Weltkriegs in einer Militärkantine und nach dem Krieg im Versorgungsamt; sie lebte in England und auf dem europäischen Festland, heiratete und bekam zwei Kinder, von denen eines starb; sie entwickelte eine Alkoholsucht und begann zu schreiben. Sie ließ sich von ihrem ersten Mann scheiden und unterhielt eine Verbindung zum Autoren und Verleger Ford Madox Ford, der sie zwar künstlerisch förderte, ihr auch zum Pseudonym riet, aber im Privatleben wenig wertschätzend mit ihr umging.

Bis 1939 schrieb sie vier Romane und mehrere Erzählungen. Sie heiratete erneut und wurde 1945 Witwe, heiratete anschließend ein drittes Mal und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Tatsächlich arbeitete sie an einem weiteren Roman, der 1967 erschien, ein Jahr, nachdem sie ein zweites Mal verwitwete. Ihr letzter Roman „Sargassomeer“ ist eine Vor-Geschichte zu Charlotte Brontës „Jane Eyre“ und brachte ihr schließlich größeren Erfolg: Sie wurde als postkoloniale Autorin vor allem in feministischen Leserkreisen gefeiert.

Sie empfand Enttäuschung über den „zu späten“ Ruhm und äußerte einmal, dass sie bei einer zweiten Chance wohl ein glückliches Leben dem Schriftstellertum vorgezogen hätte. Sie starb mit 88 Jahren, bevor sie ihre Autobiografie beenden konnte.

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27. August 1916: Halet Çambel

Die dritte Tochter türkischer Eltern wurde in Berlin geboren – der Großvater mütterlicherseits war türkischer Botschafter, der Vater Militärattaché in der deutschen Hauptstadt. Nach dem Ersten Weltkrieg bis zur Gründung der Republik lebte die Familie in Österreich und der Schweiz, 1922 ließen sie sich in Istanbul nieder. Halet besuchte die amerikanische High School for Girls im Stadtteil Arnavutköy, in dieser Zeit entwickelte sich ihr Interesse für Geschichte sowie ihr sportlicher Ehrgeiz im Fechten. 1933 bis 1939 studierte sie an der Pariser Sorbonne unter anderem Archäologie, 1936 war sie eine der ersten Frauen, die bei Olympia antrat, in der Disziplin Fechten.

Ab 1940, inzwischen verheiratet, arbeitete sie an der Universität Istanbul als Assistentin und schrieb an ihrer Doktorarbeit, die sie 1944 beendete. 1946 wurde im Süden der Türkei die neo-hethitische Ruinenstätte Karatepe-Arslantas entdeckt und im Auftrag der Universität Istanbul vom Entdecker Helmuth Theodor Bossert und Çambel erforscht. Sie trug maßgeblich zur Entschlüsselung des Hethitischen bei, indem sie die Bilingue von Karatepe mit übersetzte. Sie wurde Vorreiterin des Vor-Ort-Schutzmodells in der Türkei, als sie die türkische Regierung überzeugen konnte, die Ruinen von Karatepe nicht in eine Museum abtransportieren zu lassen, sondern aus der Stätte selbst ein Museum zu machen.

1960 wurde Çambel eine der ersten weiblichen Professoren der Türkei, als sie den den Lehrstuhl für Vorderasiatische Archäologie übernahm. Sie wurde 1984 emeritiert und starb erst 2014 in Istanbul.

Sie beeinflusste eine Generation von türkischen und internationalen Archäologiestudenten im Umgang mit den Anwohnern und lokalen Helfern an Grabungsstätten. Ihre burschikose Art verhinderte sexuelle Ambiguität im patriarchalisch geprägten Grabungsumfeld von Karatepe, sie galt als ehrlich und direkt und wurde dafür von den Menschen auf dem Land respektiert. Außerdem setzte sie sich sehr für die Bildung der Kinder ihrer lokalen Helfer ein.

46/2017: Sara Josephine Baker, 15.11.1873

Sara Josephine Baker

Sara Josephine Baker


English below
(kein deutsches Wiki)
Für alle Links zu Krankheitsthemen gilt: Warnung, Bilder!
Sara Josephine Baker begann ihre Ausbildung zur Medizinerin mit 16 Jahren, um die Familie ernähren zu können, nachdem ihr Vater und ihr Bruder an Typhus verstorben waren. Sie wurde Schülerin von Elizabeth Blackwell und begann mit 25 Jahren ein Arztpraktikum am New England Hospital for Women and Children, das von einer anderen Protegée Blackwells, Dr. Marie Zakrzewska, gegründet worden war (women lift up women). Mit 28 Jahren bestand sie ihr Examen für den Staatsdienst und qualifizierte sich als Inspektor bei der Gesundheitsbehörde in New York. Bei den Kollegen war sie bekannt als Dr. Joe, da sie Männerkleidung trug.
Sie übernahm die Aufgabe, die Sterblichkeitsrate im schlimmsten Slum der Stadt zu senken, in Hell’s Kitchen. Dort starben wöchentlich 4.500 Personen, davon 1.500 Säuglinge. Wöchentlich. Viele davon wurden Opfer der Shigellenruhr, doch vornehmlich war die Unkenntnis der Eltern und die generelle mangelnde Hygiene das Problem. Baker, deren Interesse seit einer verhauenen Prüfung zum Thema „Das normale Kind“ sich vor allem auf die Kindergesundheit konzentrierte, führte unterschiedliche, sehr erfolgreiche Maßnahmen ein, um die Sterblichkeits- und Krankheitsrate der Kinder in Hell’s Kitchen zu senken.
Mit einigen Krankenschwestern zusammen begann sie, die Mütter in Säuglingspflege zu unterrichten: Von der richtigen Kleidung, um Überhitzung zu vermeiden, zur richtigen Ernährung bis hin zur Hygiene und der Vermeidung des Erstickens im Schlaf.
Sie gaben gute, saubere Milch aus, da die sonst erhältliche Milch oft nicht sauber oder mit Kreidewasser versetzt war, um die Profite zu erhöhen.
Außerdem entwickelte sie eine Mixtur aus Wasser, Kalziumkarbonat, Kuhmilch und Laktose, die Mütter ihren Kindern geben konnten, wenn sie arbeiten mussten, um die Familie am Leben zu erhalten (Mini-Exkurs zur Tatsache, dass Stillen-Können sowohl ein körperliches wie ein wirtschaftliches Privileg ist).
Sie verbesserte die Methode, mit der Silbernitrat gegen Augeninfekte gelagert und verabreicht wurde, wodurch sie innerhalb von zwei Jahren die Rate des Erblindens bei Säuglingen von 300 auf 3 pro Jahr senkte.
Sie sorgte dafür, dass Hebammen ausgebildet und lizensiert wurden, da ein großer Teil der Säuglingssterblichkeit vor allem auf riskante Geburtssituationen zurückzuführen war, weil Hebammen nicht immer auf dem neuesten Stand waren und zum Teil mit gefährlichen „traditionellen“ Methoden hantierten.
Nebenbei eliminierte sie Kopfläuse und Trachome vollständig aus der Population im Schulalter und richtete die (immer noch nachahmenswerte) Position der permanenten Schulärzte und -krankenschwestern ein, sodass Kinder wenn schon nicht zu Hause, dann doch in der Schule auf Infekte und gesundheitliche Mangelerscheinungen geprüft wurden.
Sie fing auch zwei Mal die berüchtigte „Typhoid Mary“ Mallon, die Köchin, die ohne eigene Symptome der Krankheit mehrere Familien mit Typhus ansteckte und für drei Todesfälle verantwortlich war.
Dank all dieser Erfolge wurde Baker eingeladen, an der New York University School of Medicine Vorlesungen zu halten. Sie willigte ein unter der Bedingung, auch selbst dort studieren zu können – daraufhin ließ die Schule das Angebot zunächst fallen. Erst, als sie keinen Mann finden konnten, der Baker in ihrem Erfahungsbereich das Wasser reichen konnte, willigten sie ein. So kam sie dazu, mit 44 Jahren noch ihren Doktor in „Volksgesundheit“ zu machen.
Als die USA 1917 in den Ersten Weltkrieg eintraten, errang Baker höchste Bekanntschaft mit dem Kommentar gegenüber einem Reporter der New York Times, dass es „sechsmal sicherer“ sei, als Soldat in den Schützengräben Frankreichs zu liegen, als als Baby in den Vereinigten Staaten geboren zu werden. Die neugewonnene Popularität ermöglichte es ihr, ein Ernährungsprogramm für Schulen einzurichten. Ein wenig bitter schmeckt jedoch die Tatsache, dass sie mit der hohen Rate an nicht-wehrfähigen jungen Männern argumentierte, um ihr Gesundheitsprogramm fördern zu lassen.
Im Laufe ihres Lebens wurden Baker verschiedene hohe Positionen in den USA, England und Frankreich angeboten. Sie lebte mit der „frauen-orientierten Frau“ I. A. R. Wylie, einer australischen Autorin, zusammen, die sie wohl auch bei der Erstellung ihrer Biografie „Fighting for Life“ half. Die beiden zogen zusammen mit einer dritten Freundin, Louise Pearce, nach New Jersey. Baker wurde die weibliche Vertreterin des Völkerbundes und schrieb über die Jahre vier Bücher, ihre eigene Biografie und 250 Artikel. Sie starb mit 72 Jahren an Krebs.

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Wiki english
For all links relating to illnesses: warning, graphic images!
Sara Josephine Baker started her education to become a physiscian at 16 years old, to be able to support her family after her father and her brother had died of typhoid fever. She became a pupil of Elizabeth Blackwell and at 25 years old began her internship at the New England Hospital for Women and Children, which had been founded by another protegée of Blackwell’s, Dr. Marie Zakrzewska (women lift up women). At the age of 28 years she passed her civil servant’s exam and qualified herself as an inspector at the Department of Health in New York City. Her colleagues knew her as D. Joe, because she wore men’s clothing.
She took on the task of reducing the mortality rate in Hell’s Kitchen, the worst slum of the city. In one week 4.500 people died there, of which 1.500 were newborns. Every week. Many of them were victims of dysentery, but mainly parental ignorance and general lack of hygiene were to blame. Baker, who had focused on childrens‘ health after failing an exm on the topic of „The Normal Child“, introduced various very successful measures to lower the rate of mortality and illness of children in Hell’s Kitchen.
Together with several nurses she began teaching young mothers in baby care: from the right clothing to prevent overheating and healthy nourishment to hygiene and preventing the children from suffocating in their sleep.
They handed out good, clean milk, since the available milk in stores was often contaminated or stretched with chalk water for profits.
She also developed a formula from water, Calcium carbonate, cow’s milk and lactose, which mothers could give their babies when they had to work to keep the family afloat (mini excursion into the fact that being able to breastfeed is as much a privilege of physical as of economic ability).
She improved the way silver nitrate, used to prevent eye infections in children, was stored and administered, by which brought down the rate of blindess in babies from 300 to 3 per year within two years.
She ensured that midwives received an education and were licensed, because a large portion of newborn mortality was to be attributed to high-risk birthing situations, since midwives weren’t always up to date with scientific knowledge and sometimes worked with dangerous „traditional“ methods.
As a sideline she completely eliminated head lice and trachoma from the population of school age and installed the (still exemplary) position of school doctors and school nurses, so that children if not at home, at least would get checked for infections and health deficits in school.
She also caught „Typhoid Mary“ Mallon twice, the cook who infected several families with typhoid fever without suffering symptoms of her own, and who was responsible for three deaths because of that.
As a consequence of these successes, Baker was invited to lecture at New York University School of Medicine. She agreed under the condition that she would be allowed to study there as well – whereupon the school dropped its offer. It was only after they were unable to find a man who could hold a candle to Baker’s experience in the field, that they acceeded. So she arrived at achieving her doctorate in Public Health at the age of 44 years.
When the US entered World War I in 1917, Baker received further publicity  with her commentary towards a reporter of the New York Times that it’s „six times safer to be soldier in the trenches of France than to be a baby born in the United States“. Her newly gained popularity enabled her to set up a lunch program for schools. It does leave a bitter taste, though, that she reasoned with the high rate of young men being declared 4F (unfit for military service) to have her health program sponsored.
Over the course of her life, Baker was offered various important positions in the US; England and France. She lived with „women-oriented woman“ I. A. R. Wylie, an Australian writer, who probably helped her write her biography „Fighting for Life„. The two of them moved to New Jersey with a third friend, Louise Pearce. Baker became the first female professional representative of the League of Nations and over the years wrote four books, her own biography and 250 articles. She died of cancer at the age of 72.
 
 
 

40/2017: Florence B. Seibert, 6.10.1897

Florence B. Seibert

By Smithsonian Institution – Flickr: Florence Barbara Seibert (1897-1991), Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18759911

English below
Wiki deutsch
Auf Florence B. Seibert geht das noch heute von der Weltgesundheitsorganisation als Standardtest anerkannte Diagnosemittel für Tuberkuloseinfektion zurück.
Das 1890 von Robert Koch gefundene und 1907 von Clemens von Pirquet als Tuberkulose-Haut-Test eingeführte Tuberkulin ließ sich nicht rein heranzüchten und führte daher unverhältnismäßig häufig zu falsch-negativen Ergebnissen. Seibert, als Assistentin von Esmond R. Long an der University of Chicago und der University of Pennsylvania tätig, verbesserte die Qualität des Proteinextraktes mit Ammoniumsulfat und veränderten Filtern über einige Jahre mehrfach, bis sie schließlich 1940 eine Charge des Stoffes herstellte, der unter der Bezeichnung PPD-S heute noch als internationaler Referenzstandard für das Diagnosemittel verwendet wird.

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Wiki english
Florence B. Seibert developed the means of diagnosing tuberculosis that is still today recognised by the WHO as a standardised test.
The form of tuberculin discovered by Robert Koch in 1890 and introduced as a skin test by Clemens von Pirquet in 1907 could not be cultured with pure results and led to a disproportionate number of false negatives. Seibert, working as an assistant to Esmond R. Long at the University of Chicago and the University of Pennsylvania, improved the quality of the purified proteins several times over a few years by use of ammonium sulfate and different filters, until in 1940 she finally generated a batch of the protein isolate which is still the international standard reference for the diagnostic substance.

34/2017: Lydia Rabinowitsch-Kempner, 22.8.1871

Lydia Rabinowitsch-Kempner

By George Grantham Bain Collection (Library of Congress) – This image is available from the United States Library of Congress’s Prints and Photographs division under the digital ID ggbain.06697.This tag does not indicate the copyright status of the attached work. A normal copyright tag is still required. See Commons:Licensing for more information., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5955965

English below
Wiki deutsch
Die im heutigen Litauen geborene jüdische Russin genoss die Bildung wohlhabender Familien, doch für ein Studium musste sie als Frau am Ende des 19. Jahrhunderts noch in die Schweiz gehen.
Sie arbeitete nach dem Abschluss zunächst als unbezahlte Assistentin mit Robert Koch an dessen Königlich Preußischen Institut für Infektionskrankheiten in Berlin, ging dann nach Amerika und wurde dort Professorin für Bakteriologie – dieser Titel wurde jedoch nur in den USA anerkannt.
Sie lernte Walter Kempner kennen und heiratete ihn, ihre Zusammenarbeit am Robert-Koch-Institut endete jedoch bald. Rabinowitsch arbeitete in den folgenden Jahren im Pathologischen Institut und konnte dort als wissenschaftliche Assistentin noch vor Robert Koch selbst Tuberkelbazillen in Rohmilch nachweisen. Dank dieser Forschung und ihrer zahlreichen Publikationen wurde ihr 1912 endlich auch der Professorentitel verliehen. Damit war sie die erste Frau in Berlin und die zweite in Preußen mit diesem Status. Eine Habilitation sollte allerdings erst nach dem Ersten Weltkrieg möglich werden.
Während des Ersten Weltkrieges übernahm sie die Leitung der Zeitschrift für Tuberkulose und arbeitete für das Militär in der Seuchenvorbeugung. 1920 wurde sie mit 49 Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben für eine Tätigkeit so bezahlt, wie es ihrem Bildungsgrad angemessen war, als sie am Städtischen Krankenhaus Moabit die Leitung des Bakteriologischen Instituts übernahm. Sie verlor ihren Mann in diesem Jahr an eine Tuberkuloseform und zwölf Jahre später eines ihrer drei Kinder ebenfalls.
1934 wurde sie zwangspensioniert, ermöglichte ihren Kindern noch die Emigration aus Nazi-Deutschland und starb dann 1935 selbst an ungeklärten Ursachen in Berlin.

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Wiki english

The Jewish Russian, born in the region that is Lithuania today, enjoyed the education common for prosperous families, but to continue studies, as a woman at the end of the 19th century, she had to move to Switzerland.
After her studies, she worked as an unpaid assistant to Robert Koch at his Prussian Institute for Infectuous Deseases at first, then went to America and became a professor of bacteriology – the title alas was only accepted in the US.
She met Walter Kempner and married him, their cooperation at the Robert Koch Institute though ended soon after. Rabinowitsch worked at the Pathological Institute and was able, before Robert Koch himself was, to detect the tuberculosis bacillus in raw milk. Thanks to her research and her numerous publications, she was awarded the title of professor in 1912. She was only the first woman in Berlin and the second in Prussia to reach this status. Habilitation though was made possible only after World War I.
During Wolrd War I she was chief editor of the Journal for Tuberculosis and worked in disease prevention for the military. It was 1920 when at 49 years old she was paid a salary appropriate for her education for the first time, as head of the Bacteriological Institute at the Moabit hospital. She lost her husband to tuberculosis in that year and one of her three children as well, twelve years later.
She was forced to retire in 1934, helped her children to emigrate from Nazi Germany and died 1935 in Berlin under unknown circumstances.

05/2017: Elizabeth Blackwell, 3.2.1821

Elizabeth Blackwell

Elizabeth Blackwell


English below
Wiki deutsch
Diese Woche in der Kategorie „Dein Liebling ist fragwürdig“ eine Frau, die viel Gutes für viele Menschen getan hat, aber aus fragwürdigen Gründen, die auch zu einigen anderen Dingen führten, die nicht so gut waren.
Auf der positiven Seite: Dieses Zitat von Elizabeth Blackwell, im Alter von 26 Jahren.

Mein Entschluss steht fest. Ich zögere nicht im geringsten bei diesem Thema; das gründliche Studium der Medizin, ich bin fest entschlossen es durchzuführen. Das Grauen und den Ekel werde ich ohne Zweifel besiegen. Ich habe stärkere Abneigungen überwunden als die, die jetzt verbleiben, und fühle mich dem Kampf voll gewachsen. Was die Meinung der Leute angeht, kümmert es mich persönlich einen Kehrricht; doch bemühe ich mich, nach meinen Grundsätzen, sie zu besänftigen und werde stets darum bemüht sein; denn ich sehe beständig, wie das höchste Gut überschattet ist von der gewaltsamen und unangenehmen Form, in der es auftritt.

Sie war die erste Studentin der Medizin in den Vereinigten Staaten – am Hobard College (damals Geneva Medical College), an dem der Dekan die 150 männlichen Studenten darüber entscheiden ließ, ob sie die junge Dame zum Studium zulassen sollten. Mit 28 Jahren schloss sie ihr Medizinstudium als erste Frau mit einem Universitätsabschluss in Medizin in den Vereinigten Staaten ab, bei der Zeugnisvergabe verneigte sich der Dekan vor ihr.
Der Verlust ihres linken Auges während ihrer folgenden europäischen Studien verhinderte, dass sie jemals Chirurgin werden konnte (sie infizierte sich mit Neugeborenenkonjunktivitis – TW Bild). Stattdessen hielt sie zunächst Vorlesungen und veröffentlichte ein Buch zur Vorbereitung junger Frauen auf die Mutterschaft. Sie eröffnete sie eine Medikamentenausgabe und vier Jahre später gemeinsam mit Marie Zakrzewska und ihrer Schwester Emily Blackwell das Krankenhaus für bedürftige Frauen und Kinder in New York; dieses besteht noch heute als das Lower Manhattan Hospital. Hier wurden auch Krankenschwestern ausgebildet, für die ein strenges moralisches Regelwerk galt, da sich das Konzept bereits einiger Kritik ausgesetzt sah.
Sie war eine Gegnerin der Sklaverei und arbeitete während des Amerikanischen Bürgerkrieges auf der Seite der Nordstaaten, gemeinsam mit Marie Zakrzewska und Dorothea Dix.
Sie war die erste eingetragene Ärztin im Register des General Medical Council in England, wo sie nach dem Sezessionskrieg ähnliche Pläne verfolgte, wie sie in New York in die Tat umgesetzt hatte. Tatsächlich war sie an der Gründung mehrerer medizinischer Bildungsinstitute für Frauen in London und vor allem des National Health Service des Vereinigten Königreiches beteiligt.
Auf der negativen Seite war ihr Ehrgeiz getrieben von einer stark christlich-moralischen Motivation. Die wissenschaftliche Seite der Medizin war weniger ihr Gebiet als der moralische Einfluss auf die Gesellschaft. Sie befürwortete Enthaltsamkeit mehr als Verhütungsmittel, war gegen Impfungen und für Eugenik. Ihr Feminismus war konservativ geprägt – zwar glaubte sie daran, dass Männer und Frauen den gleichen Geschlechtstrieb haben und gleiche Verantwortung, ihn zu bändigen, doch sah sie Frauen in der medizinischen Tätigkeit vor allem im Vorteil aufgrund ihrer „typisch weiblichen“ Merkmale. Sie legte Wert auf ihren hohen sozialen Status und strebte eine moralische Perfektion an, auch für ihre Schützlinge, die zum Scheitern verurteilt war. Mit 35 Jahren „adoptierte“ sie eine junge Irin, Kitty Barry, allerdings weniger als Tochter denn als Hausmädchen. Kittys Leben drehte sich völlig um Blackwell und ein normales, altergemäßes Sozialleben und die Verfolgung eigener Interessen wurden ihr verwehrt.
Eine Biografie von Eizabeth Blackwell ist auch auf Changing the Face of Medicine zu finden.

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Wiki english
This week in Your fave is problematic we have a woman who has done a lot of good for a lot of people, but for problematic reasons that have led to other things that weren’t so good.
On the positive side: This quote by Elizabeth Blackwell at age 26.

My mind is fully made up. I have not the slightest hesitation on the subject; the thorough study of medicine, I am quite resolved to go through with. The horrors and disgusts I have no doubt of vanquishing. I have overcome stronger distastes than any that now remain, and feel fully equal to the contest. As to the opinion of people, I don’t care one straw personally; though I take so much pains, as a matter of policy, to propitiate it, and shall always strive to do so; for I see continually how the highest good is eclipsed by the violent or disagreeable forms which contain it.

She was the first student of medicine in the United States – at Hobard College (then Geneva Medical College), where the dean let the student body of 150 male students decide whether they should allow the young lady into their lectures. At age 28, she graduated from her studies as the first woman with a medical degree in the United States, the dean bowed to her when he conferred her degree.
The loss of her left eye during the following studies in Europe prevented her from becoming a surgeon (she accidentally infected herself with neonatal conjunctivitis – TW graphic image). Instead for the time being she held lectures and published a book for the preparation of young women for motherhood. She opened a dispensary and, four years later, along with Marie Zakrzewska and her sisteer Emily she founded the New York Infirmary for Indigent Women and Children; operating to this day as the Lower Manhatten Hospital. It was also a training facility for nurses, who had to adhere to a strict moral regiment, since the concept itself was under criticism already.
She was an abolitionist and worked with Marie Zakrzwewska and Dorothea Dix during the American Civil War.
She was the first registered female doctor in the General Medical Council’s medical register, where after the war she pursued similar plans as she had put into action in New York. In fact she was partly involved in the founding of several educational institutes for women in London and above all of the National Health Service of the UK.
On the negative side, her ambition was fueled by a strong moral motivation based in Christianity. Her realm was less the scientific side of medicine but the moral influence on society. She advocated abstention from sex rather than contraception, was anti-vaccine and pro-eugenics. Her feminism was a conservative one – she did believe men and women have the same sex drive and the same responsibility to tame it, but she saw women at an advantage in medicinal occupations because of their „typically female“ traits. She valued her high social status and strove for moral perfection, for her protégées as well, that was doomed to fail. At 35 years, she „adopted“ a young Irish woman, Kitty Barry, less though as a daughter than as a maid. Kitty’s life revolved around Blackwell and normal, age-appropriate social life and the pursuit of her own interests were denied to her.
A biography of Elizabeth Blackwell can also be found on the website Changing the Face of Medicine.

KW 21/2016: Mary Wortley Montagu, 26. Mai 1689

By Charles Jervas – The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=153268

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Neben einer regen schriftstellerischen Tätigkeit, unter anderem mit Berichten aus den Frauenräumen des Osmanischen Reiches als Ehefrau des englischen Botschafter in Istanbul, als Lyrikerin und Verfasserin politischer Texte, war Mary Wortley Montagu eine Pionierin des medizinischen Fortschritts. Nachdem sie ihren Bruder an die Pocken verloren  und selbst eine Erkrankung mit deutlichen kosmetischen Schäden überlebt hatte, brachte sie aus dem Osmanischen Reich die Variolation (Inoculation) mit: das gezielte Infizieren durch die Erreger eines milden Falles der Pocken. Sie ließ dies nicht nur bei ihren beiden eigenen Kindern durchführen, nachdem sie die Erfolge der Osmanen damit gesehen hatte, sondern brachte auch den englischen König George I. und dessen Tochter Caroline dazu, ihre Kinder bzw. dessen Enkel so gegen die Pocken zu immunisieren – selbstverständlich erst, nachdem die Variolation zunächst an zum Tode verurteilten Verbrechern getestet wurde. Diese waren danach nicht nur gegen die Pocken immun, sondern auch wieder auf freiem Fuß. Die Variolation blieb für etwas 50 Jahre die Methode der Wahl für die Immunisiserung, bis die Impfung, wie wir sie heute kennen, entwickelt wurde.

Zu Mary Wortley Montagus literarischer Arbeit ist noch zu sagen, dass sie, wohl zu Recht, über die bisherigen Reiseberichte aus dem Orient recht gehässig sprach – dass dort Männer ihre Fantasien auslebten, weil sie schlicht nicht wüssten, was in den ihnen unzugänglichen Orten wirklich vorging. Es zirkulierten über die Frauenbadehäuser selbstverständlich Gerüchte und Vorstellungen davon, dass in diesen reinen Frauen-Räumen sexuelle Ausschweifung und Freizügigkeit herrschte – weil Frauen allein gelassen untereinander natürlich nichts als Sex im Kopf haben können. Lady Montagu rückte das Bild mit ihren eigenen Erfahrungsberichten gerade: dass dort schlicht das soziale Leben stattfand, ohne die störenden Einflüsse der Männer. Trotzdem fanden vor allem ihre Beschreibungen der orientalischen weiblichen Körper Beachtung und wurden wiederum für die Auswertung in erotischen künstlerischen Darstellungen verwendet.

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Von 102 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 4 (inklusive Mary Wortley Montagu) Frauen:
29.5.1627 Anne Marie Louise d’Orléans
27.5.1653 Liselotte von der Pfalz
25.5.1775 Charlotte Joachime von Spanien

KW 38/2015: Rahel Hirsch, 15. September 1870

Dr. Rahel Hirsch

By Bain News Service, publisher – Library of CongressCatalog: https://lccn.loc.gov/2014695271Image download: https://cdn.loc.gov/service/pnp/ggbain/15200/15297v.jpgOriginal url: https://www.loc.gov/pictures/item/2014695271/, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=67212208

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Rahel Hirsch erlitt das geradezu typische Schicksal der erfolgreichen Frau in der Forschung. Nachdem sie zunächst den üblichen Beruf der gebildeten Frau als Lehrerin ausübte, ließ sie sich vom deutschen Bildungssystem keine Steine in den Weg legen und studierte Medizin in der Schweiz. Als promovierte Medizinerin ließ man sie dann gerne an der Charité ihre Forschungen betreiben, zu der Durchlässigkeit der Darmschleimhaut zu den Nieren Man ließ sie sogar als erste Frau bei der Konferenz der Gesellschaft der Chefärzte ihre Ergebnisse präsentieren.
Diese Ergebnisse wurden allerdings als nicht schlüssig abgewiesen; abgesehen davon, dass sie zwar schließlich den Professorentitel  und die Leitung der Poliklinik übertragen wurde – dies alles jedoch ohne Gehalt von der Charité zu erhalten. Sie konzentrierte sich daher bald auf ihre Privatpraxis; mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde ihr als Jüdin allerdings die Kassenzulassung entzogen. Nach ihrer Flucht nach England konnte sie nur noch als Laborassistentin arbeiten und verbrachte ihre letzten Lebensjahre schließlich depressiv und paranoid in einer psychiatrischen Anstalt.
Angesichts einer Lebensgeschichte, die geprägt ist von Hindernissen, die ihr aufgrund ihres Geschlechts und hrer Religion in den Weg gelegt wurden, und den Benachteiligungen, die sie aufgrunddessen hinnehmen musste, kann man sich allerdings frage, ob Paranoia und Depression krankhafte oder eher im Gegenteil völlig vernünftige Reaktionen sind.
Ihre Forschungsergebnisse wurden im Übrigen kurz nach ihrem Tod von einem Assistenten ihres damaligen Kollgen bestätigt und – immerhin – nach ihr „Hirsch-Effekt“ genannt.

KW 31/2015: Ingeborg Eichler, 28. Juli 1923

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Die Geschichte um Thalidomid bzw. Contergan, die Entstehung der Katastrophe und ihre langfristigen Konsequenzen kann einen sprachlos machen.
Da sitzen Nazis (ehemalig kann man sie wohl nicht wirklich nennen) als Pharmakologen und Aufsichtsräte in einer Pharma-Firma und betreiben aus, man kann es nicht anders sagen, Profitgier (und offensichtlichem Menschlichkeitsneglekt) den Verkauf eines Medikamentes an Schwangere – die sich wenig sehnlicher wünschen als ein Ende der Übelkeit -, dessen Nebenwirkungen nicht ausreichend untersucht sind. Aber: es wird sich verkaufen wie geschnitten Brot, was soll es also, raus damit.
Dass damit um die 4.000 Menschen in Deutschland schon vor ihrer Geburt chemikalisch verstümmelt werden und einem Leben voller Schwierigkeiten und Schmerzen entgegensahen, während die Mütter mit einem Schuldgefühl leben mussten, das ich mir unerträglich vorstelle*, ist der größte Skandal. Die weitere, lange über das Leben der Geschädigten hinaus problematische Konsequenz ist der Beitrag zum Ärzte- und Pharmakologie-Misstrauen, von dem die heutige Impf-Trägheit, nein: eine echte Impf-Paranoia nur ein, aber bedeutender Teil ist. Die Pharmakonzerne, die ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Kinder ihre Chemie verkaufen will: da war sie wirklich zugange.
Ingeborg Eichler reichte als Einzige ihr Veto ein als es um die Einführung von Thalidomid in Österreich ging, womit sie quasi im Alleingang die Zahl der Geschädigten auf 12 begrenzen konnte.
Dass es auch solche Pharmakologen gab und gibt wie Ingeborg Eichler, und dass es die Menschen ihrer Überzeugung sind, die besonders nach dem Thalidomid-Skandal die Richtlinien in der Medizin schreiben, ist schwer zu glauben nach den Erfahrungen. (Ich persönlich bin jedoch dieser Meinung.) In der allgemeinen Stimmung sind es die bösen Pharmakonzerne, die uns und unsere Kinder wissentlich krankmachen wollen, wenn sie uns Stoffe verabreichen wollen, deren Funktionen und Wirkungsweisen wir nicht verstehen (können). Die „Naturheilkundler“ als Gegenpol dazu werden als Heilsbringer und Nonplusultra verstanden, wobei deren Mittel und Methoden zum Teil weniger geprüft werden und deren Heilsamkeit eher episodisch belegt und individuelle Glückssache ist. Menschen, Kinder, erkranken – und sterben unglücklicherweise – wieder  an Krankheiten, die es gar nicht mehr geben müsste, auch, weil vor 60 Jahren Menschen, denen die Gesundheit anderer das höchste Gut hätte sein sollen, mehr an ihren persönlichen Gewinn dachten.
*In meiner zweiten Schwangerschaft hatte ich, dank Kindergartenkind, in jedem Trimenon mindestens eine Erkältung, schlussendlich auch mit schmerzhafter Kieferhöhlenvereiterung. Es blieb nicht aus, dass ich Nasentropfen verwendete, um schlimmeres abzuwenden – immer unter Absprache mit meiner Frauenärztin.
Als mein Sohn mit einem mittelschweren Klumpfuß auf die Welt kam, war selbstverständlich die Angst und das schlechte Gewissen da, dass ich daran Schuld sein könnte, weil ich unverantwortlicherweise Medikamente genommen hatte. Der Orthopäde hat mich dahingehend „freigesprochen“ (die Genese dieser Fehlstellung ist nicht eindeutig geklärt, aber an Nasentropfen liegt es definitiv nicht), aber die Augenblicke der Angst gaben mir eine Ahnung, was die Mütter der Contergan-Geschädigten haben durchmachen müssen für den Rest ihres Lebens.
Nachtrag: Diesen Artikel hatte ich vorbereitet, nun kommt einige Tage vor seiner Veröffentlichung diese Nachricht heraus… Es ist eine ewige Arbeit, die gute Sache zu verteidigen. Es ist niemand zu schaden gekommen. Mein Glaube an das Gute bleibt ungebrochen.

KW 29/2015: Rosalyn Sussman Yalow, 19. Juli 1921

Rosalyn Sussman Yalow Frauenfiguren

By US Information Agency (see image credits at the end) – Women of Influence, pg. 28, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15391747

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Die Nobelpreisträgerin für Medizin (1977) entwickelte mit Solomon Berson die Methode des Radioimmunassays, mit dem man (heute: unter anderem) den Insulinspiegel im Blut messen kann.
Bemerkenswert vor allem an dieser Entwicklung war, dass die beiden ihre Methode nicht patentieren ließen – dies bedeutete, das die Methode für alle zugänglich und nicht von einem Unternehmen monopolisierbar war.

KW 34/2013: Lina Stern, 26. August 1878

Lina Stern

By Unknown – Images from the History of Medicine (NLM), Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15271050

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Lina Stern war 1939 die erste Frau, die in die russische Akademie der Wissenschaft aufgenommen wurde. Als Grenzgängerin qualifiziert sie aber vor allem damit, dass sie sich in ihrer Forschung vor allem mit der Blut-Hirn-Schranke befasste.