Kategorie: Medizin

Hildegard von Bingen

zwischen 1. Mai und 17. September 1098

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Hildegard von Bingen empfängt eine göttliche Inspiration und gibt sie an ihren Schreiber weiter. By Unknown author – Miniatur aus dem Rupertsberger Codex des Liber Scivias., Public Domain

Hildegard von Bingen kam als zehntes Kind zweier Edelfreien wahrscheinlich in der Gegend von Bermersheim vor der Höhe zur Welt, die für sie als ‚Zehnten an Gott‘ von Kindheit an ein Leben im Kloster vorsahen. Bereits mit drei Jahren, schrieb sie später, hatte sie ihre erste göttliche Vision.

1106, Hildegard war acht Jahre alt, kam sie gemeinsam der 16-jährigen Jutta von Sponheim in die Obhut der geweihten Witwe Uda von Göllheim, die die beiden Oblatinnen im Sinne eines späteren Klosterlebens erziehen sollte. Sechs Jahre später wurde Jutta ihre Lehrmeisterin, gemeinsam mit einer dritten jungen Frau ließen sich die beiden in einer Klause am Kloster Disibodenberg einschließen. Vor dem Bischof Otto von Bamberg legte sie im gleichen Jahr ihr Ordensgelübde ab. Über die folgenden 24 Jahre wuchs die Klause mit den drei Frauen zu einem regelrechten Nonnenkloster an. 1136 starb Jutta von Sponheim mit 38 Jahren, Hildegard wurde daraufhin zur Magistra gewählt. Mit dem leitenden Abt der Mönche, Kuno von Disibodenberg, war das Verhältnis schwierig, denn einerseits kritisierte er, dass sie die strengen Regeln des Benediktinerordens nicht konsequent genug bei ihren Nonnen durchsetzte, andererseits wollte er auch nicht, dass sie sich mit ihrem Konvent von seinem Kloster löste, da Hildegards Anwesenheit für dessen große Beliebtheit und Bekanntheit entscheidend war.

Seit ihrer Kindheit hatte Hildegard von Bingen religiöse Visionen – der Neurologe Oliver Sacks vermutete nach ihren Beschriebungen insbesondere optischer Erscheinungen, dass sie an einer schweren Migräne mit Skotomen litt. 1141 verstärkten sich diese Visionen und eine, sehr eindringliche, verstand sie als Aufforderung Gottes, ihre Einsichten aus diesen Absencen niederzuschreiben. Da sie selbst die lateinische Grammatik nicht beherrschte, hatte sie dafür einen Schreiber, außerdem unterstützten sie der Propst des Klosters und ihre Vertraute Richardis von Stade. In sechs Jahren entstand ihr erstes Werk, Scivias (Wisse den Weg); nach seiner Fertigstellung 1147 gestattete ihr der Papst Eugen III. die Veröffentlichung ihrer Schriften und sie schrieb zwei weitere Werke über die christliche Mystik, die sie aus ihren Visionen gewann. In der Folge konnte sie sich schließlich vom Benediktinerkloster auf dem Didibodenberg lösen, 1150 gründete sie mit ihren Nonnen ein eigenes Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen. Bereits ein Jahr später musste sie sich allerdings von ihrer engen Vertrauten Richardis von Stade trennen, denn deren Bruder Hartwig von Stade und der Mainzer Erzbischof Heinrich wollten, dass diese Äbtissin des Stift Bassum würde. Zum Ausgleich für diesen persönlichen Verlust bestätigte Heinrich jedoch die Überschreibung der Klostergüter in den Besitz des Nonnenklosters. Durch den Reichtum, den die Nonnen damit für ihr Konvent gewannen, gerieten sie allerdings in die Kritik anderer Geistlicher, ebenso für die Tatsache, dass im Kloster am Rupertsberg nur Nonnen aus adligen Häusern angenommen wurden. So gründete Hildegard von Bingen 1165 ein weiteres Kloster bei Eibingen, in dem die Oblatinnen und Nonnen nicht-adliger Herkunft aufgenommen wurden.

Hildegard von Bingen starb 82-jährig, am 17. September 1179. Noch zu ihren Lebzeiten wurde der Rupertsberger Riesenkodex angelegt, der fast alle ihrer schriftlichen Arbeiten enthielt, vornehmlich die Scivias, das Liber vitae meritorum (Buch der Lebensverdienste) und das Liber divinorum operum (Buch der göttlichen Werke), die sich mit der Ethik und der Schöpfungsordnung ihrer visionären Religiösität befassten.

Außerdem hatte sie Lieder komponiert, die Lebensgeschichten des Heiligen Rupert und des Heiligen Disibod geschrieben und Briefwechsel mit einflussreichen Persönlichkeiten in Kirche und Politik geführt. Zudem war sie Urheberin der Lingua Ignota, vornehmlich ein alternatives Alphabet mit einer Reihe selbsterdachter Worte, die wie ein Code funktionierten (hier lohnt sich wieder einmal der englische Wikipedia-Beitrag). Möglicherweise diente diese Lingua schlicht dem stärkeren Zusammenhalt der Nonnen als ein Zeichen für ihre Abgetrenntheit von der restlichen Welt. Von manchen wird Hildegard von Bingen für diesen Code als erste Person betrachtet, die eine konstruierte Sprache erschuf.

Als Wissenschaftlerin gilt sie im weitesten Sinne jedoch für ihr Werk Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum (Das Buch von den Geheimnissen der verschiedenen Naturen der Geschöpfe). Die aus zwei Teilen bestehende Schrift war zwar nicht Teil der Gesamtausgabe ihrer Texte, die noch zu ihren Lebzeiten erschien, wurde jedoch in ihrer posthumen Vita erwähnt. Bereits im 13. Jahrundert wurden die beiden Teile getrennt voneinander kopiert und verbreitet, der erste Teil wurde ab dem 16. Jahrhundert unter dem Namen Physica gedruckt, der zweite Teil Causae et curae (Ursachen und Behandlungen) ist nur als eine einzige Handschrift erhalten. In der Physica hielt in der Hildegard von Bingen im Grunde das natur- und heilkundliche Wissen ihrer Zeit schriftlich fest. Das Werk besteht aus neun Büchern, jeweils eines über die Pflanzen, die Elemente, die Bäume, die Steine, die Fische, die Vögel, die Tiere (tatsächlich sind nur Säugetiere darin erfasst), die Reptilien und die Metalle. Zu einem großen Teil der Einträge hielt Hildegard von Bingen auch eine medizinische oder naturheilkundliche Wirkung fest. Bemerkenswert daran war nicht nur die schiere Menge an Wissen, das sie erfasste, sondern auch, dass sie für die Pflanzen deutsche Namen statt der lateinischen verwendete. Dies war bis dahin nur im Innsbrucker Kräuterbuch der Fall gewesen. In Causae et curae verschriftlichte sie medizinische Ratschläge, nach Symptomen geordnet. Hildegard von Bingens Herangehensweise an Gesundheit war einerseits von der Viersäftelehre geprägt, die davon ausging, dass im Menschen vier unterschiedliche, einander ergänzende und ausgleichende Säfte herrschen, deren Unausgeglichenheit oder Überschuss zu Krankheiten führe. Andererseits beeinflusste natürlich auch von Bingens christliche Mystik ihre Ansichten zur Gesundheit, dass nur durch Hinwendung zu Gott, gute Werke und einen maßvollen Lebenswandel der Mensch gesund leben könne.

Ihre visionären Mystik, das medizinischen Wissen der Antike und die mittelalterlichen Volksmedizin, die sie in den beiden Büchern zusammenbrachte, liegen der alternativen Heilkunde zugrunde, die seit den 1970er Jahren als Hildegard-Medizin vermarktet wird.

Adelle von den Sarazenen

12. Jhdt.

Von Adelle von den Sarazenen (Link Englisch) ist nichts bekannt außer, dass auch sie zu den Mulieres Salernitanae (Link Englisch) gehörte – sie war Dozentin an der Medizinschule von Salerno. Wohl, weil weder biografische Fakten darüber hinaus noch Texte von ihr vorhanden sind, taucht sie auch nicht bei den Aufzählungen der Frauen von Salerno auf, die ich zuletzt bei Trota von Salerno aufgeführt habe.

Zu ihrem Namen: Nach dem englischen Wikipedia-Beitrag gehörte Adelle zur Familie der Saracinensa. Der Name weist auf eine Herkunft der Familie aus dem arabischen Raum hin oder auf deren muslimischen Glauben. Der Begriff Sarazenen wurde zu Adelles Lebenszeit im 12. Jahrhundert sowohl als ethnische wie religiöse Zuschreibung verwendet. Ursprünglich bezeichnete Sarakenoi im Griechischen und Saraceni im Latein einen oder mehrere Stämme der Nomaden auf der Sinai-Halbinsel – möglicherweise eine Fremdbezeichnung der Nabatäer? Zur Herkunft des Wortes gibt es verschiedene Theorien: Claudius Ptolemäus, unter anderem auch Geograf, nahm einen Zusammenhang mit dem Wort Sáraka oder Sarakene an, wobei ersteres eine Stadt, letzteres eine Wüste bezeichnete. Im 6. Jahrhunderte wurde der Begriff Sarakenoi in Byzanz für alle arabisch sprechenden Völker verwendet. Andere mögliche etymologische Herleitungen setzen das arabische Scharqiyun voran, was ‚Morgenländer‘ bedeutet, oder eine biblische Geschichte, nämlich das die Sarazenen die „Bekämpfer Saras“ seien (-kenós käme hier von griechsisch konein, be-/kämpfen), also die Nachkommen der Hagar, der verstoßenen Sklavin Abrahams. Sie wären die natürlichen Gegner der Erzmutter Sara, die eifersüchtig auf Hagar wurde und sie demütigte. Diese Deutung geht allerdings mit einer rassistischen, abwertenden Haltung gegenüber Menschen der Sarazenen-Völker einher.

Erst nach Adelles Lebenszeit entwickelte sich die Bedeutung des Wortes Sarazene in diese anti-islamische Richtung, wobei auch die Zuweisung ‚heidnisch‘ hinzukam. Aufgrund dess wurden dann im 15. Jahrhundert in romanisch-sprachigen Ländern und in Deutschland auch die über den Balkan einwanderenden Roma als Sarazenen bezeichnet. Die Gleichbedeutung mit ‚heidnisch‘ oder ‚fremd‘ hat sich im Englischen auch im Namen ‚sarsen stones‚ (Link Englisch) niedergeschlagen, zu Deutsch Sarsensteine. Es handelt sich dabei um eine sehr spezifische Art Sandstein, die unter anderem beim Bau von Stonehenge verwendet wurden.

Trota von Salerno

12. Jhdt.

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„Pen and wash drawing showing a standing female healer, perhaps of Trotula, clothed in red and green with a white headdress, holding up a urine flask to which she points with her right hand.“ From: Miscellanea medica XVIII, Published: Early 14th century, Folio 65 recto (=33 recto), Collection: Archives & Manuscripts, Library reference no.: and Archives and Manuscripts MS.544

Trota von Salerno (Link Englisch) war eine der „Frauen von Salerno“; medizinische Heilkundige, die an der Medizinschule von Salerno studierten. Trota war nach heutigem Kenntnisstand Mitglied der Fakultät, also Lehrende, doch mehr ist über sie nicht bekannt.

Sie schrieb jedoch mehrere medizinische Abhandlungen und Traktate, deren Rezeptionsgeschichte, Zuordnung und Neu-Zuordnung ich versuchen will, hier übersichtlich wiederzugeben.

Das am längsten mit ihrem Namen in Verbindung stehende Werk ist ein Ensemble medizinischer Texte über Frauenheilkunde, das unter dem Namen Trotula veröffentlicht und weitergegeben wurde. Obwohl der Name des Werkes übersetzt „kleines Buch der Trota“ heißt, ist sie wohl nicht Autorin eines der drei Texte. Sie wird jedoch im mittleren Teil namens De curis mulierum (Über die Versorgung der Frauen) namentlich genannt als magistra operis, also als Meisterin, von gleichem Ansehen wie ein männlicher Mediziner. Sie wird hinzugerufen in einem Fall, in dem eine Frau „Wind im Uterus“ hat, was für Außenstehende wie eine Ruptur oder wie Darmbeschwerden aussehen könne. Dieser Teil der Trotula befasst sich außerdem mit den Hemmungen, die Frauen haben, sich über ihre weiblichen Beschwerden und intime Körperteile mit männlichen Ärzten zu unterhalten, mit verschiedenen Heilmethoden für Menstruationsbeschwerden und Unfruchtbarkeit (die sie nicht allein den Frauen zuschreibt), mit der Verhütung, der Geburtshilfe und der Säuglingsversorgung. Ein Absatz befasst sich wohl auch mit der Möglichkeit, die Vulva zu verengen, um wieder „für eine Jungfrau gehalten“ werden zu können. Nunja.

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Karte des normannischen Herrschaftsgebietes im 12. Jahrhundert
Von Captain Blood – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

Über die Motivation für die Entstehung der Trotula sowie die Gründe, warum darin von Trota in der dritten Person und mehrfach von einem unkonkreten „Wir“ die Rede ist, hat die Trota-Forscherin Monica Green (Link Englisch) eine schlüssige Theorie formuliert. Denn tatsächlich konnten die meisten Frauen, an die sich das Werk in Trotas Umkreis hätte richten können, nicht lesen. Stattdessen machte eine solche Niederschrift der medizinischen Kenntnisse nur Sinn zur Weitergabe an Fachpersonal, das sich nicht im Umkreis befand. Im Text finden sich jedoch einige Worte englischer Herkunft, und zu Lebzeiten Trotas waren sowohl Teile Englands wie auch Süditalien unter normannischer Herrschaft, was einen regen kulturellen Austausch zur Folge hatte. Es kursierte im 13. Jahrhundert auch bereits ein anglonormannischer Kosmetikratgeber namens Ornatus mulierum (Über die Ausstattung der Frau), der „Dame Trota“ als Quelle für seinen Wissensfundus angibt. Green vermutet daher, dass Trota bereits einen Ruf als Fachfrau für weibliche Gesundheitsthemen über die Grenzen Salernos hinaus hatte und eine englischsprachige Person aufgrund ihres Ruhmes einen Besuch in Salerno zum Anlass nahm, die Erkenntnisse der Medizinerin niederzuschreiben.

Bereits kurz nach seiner Erstellung gab es Kopien der Trotula, die unter dem Namen eines Johannes Platearius veröffentlicht wurden; ein Jahrhundert später nahm eine andere salernische Medizinierin Kürzungen und Änderungen am Text vor. Trotz seiner vielseitigen Erscheinungsformen galt das Ensemble bis ins 16. Jahrhundert hinein als medizinisches Standardwerk.

1544 bearbeitete der Verleger Georg Kraut die Trotula derartig, dass es erschien, als seien alle drei Texte von einer einzelnen Person, dabei entfernte er auch alle Namensnennungen von Personen vor dem 3. Jahrhundert, sodass der Text wesentliche älter erschien. Diese Fassung wurde später von einem Casper Wolf noch dazu unter dem Autorennamen Eros Julia verlegt – dem Hausarzt der Tochter Kaiser Augustus‘ aus der Zeit um Christi Geburt. Andere Verleger veränderten den Namen noch weiter zu Erotian.

Es bestand zwar stets die Theorie, dass der Text von einer Frau geschrieben sein könnte, doch genauso hartnäckig hielten sich die diversen Theorien, warum das auf keinen Fall so sein könnte. Zum Beispiel erklärte der Medizinhistoriker Karl Sudhoff 1921, dass die lehrenden Frauen von Salerno keine Ärztinnen, sondern („nur“) Hebammen und Krankenschwestern gewesen sein konnten und – logischerweise – deshalb auch keine medizinischen Abhandlung hätten schreiben können. Sein Kollege Charles Singer ging 1928 gar so weit, den Text weniger für ein wissenschaftliches Traktat als vielmehr für Pornografie zu halten – der erotische Reiz sei durch den Autor, einen Arzt namens Trottus, mit der behaupteten weiblichen Quelle gesteigert worden. Ein entscheidender Aspekt, der von Gegnern der Autorin-Theorie hervorgebracht wurde, war die direkte und klare Sprache in Bezug auf weibliche Anatomie, wie etwa der oben genannte Ratschlag zur Verengung der Vulva. Die Herren der Wissenschaft kannten das weibliche Sprechen über den weiblichen Körper vermutlich nur verschämt und verklausuliert; dass Frauen untereinander wesentlich deutlicher und weniger schamhaft sein könnten, ging über ihre Vorstellungskraft hinaus. Wie so oft machten die beschränkte Sichtweise, moralische Empörung und systematische Misogynie männlicher Wissenschaftler eine Wissenschaftlerin zum Opfer des Matilda-Effektes (dessen frühestes Opfer Pandrosion habe ich vor fast genau vier Wochen hier vorgestellt).

Die beiden genannten Medizinhistoriker bezogen sich inzwischen allerdings auch nicht mehr nur auf den mitteleren Text der Trotula. 1837 wurde die Existenz einer Sammlung medizinischer Abhandlung bekannt, des Codex Salernitanus (der Salernische Kodex). Einer der sieben darin enthaltenen Texte, De egritudinum curatione (Zur Behandung von Krankheiten), sowie mehrere Anmerkungen in anderen stammten von einer mit ‚Trot.‘ verkürzt benannten Person. Die Beschreibung praktischer Eingriffe im Codex sowie die Tatsache, dass Geburtsthilfe nur am Rande vorkam, belegten nach Karl Sudhoff, dass keine Frau als Autorin in Frage kam. Er ließ einige der Texte von Studenten überarbeiten, einer davon, Conrad Hiersemann, überarbeitete den Text 1921 erneut und setzte für ‚Trot.‘ den männlichen Namen Trottus ein. Er nahm – nach heutigem Kenntnisstand – richtig an, dass ‚Trot.‘ ein Werk über Medizin und Pathologie geschrieben hat und der Text im Codex eine verkürzte Fassung der wichtigsten Abschnitte darstellte. Auch er schloss aus der Tatsache, dass die Geburtshilfe nicht das vorwiegende Thema war, eine weibliche Autorin aus. (Quelle: Virus – Beiträge zur Sozialgeschichte der Medizin 4)

Diese falsche Annahme von einem männlichen Arzt als Autor dieser beiden Texte hielt sich bis 1985. In diesem Jahr entdeckte der Historiker John F. Benton einen Text namens Practicam secundum Trotam (Medizinische Praxis nach Trota) in einem Manuskript in Madrid, das mit mit großer Wahrscheinlichkeit zu Beginn des 13. Jahrhunderts geschrieben wurde. Ein zweite Teilkopie dieser Abhandlung fand seine Kollegin Monica Green (s.o.) später in einem Manuskript in Oxford. Anhand der Überschneidungen dieses Textes mit De egritudinum curatione konnte Benton die Existenz der weiblichen Medizinerin Trota als Autorin beider Texte eindeutig belegen; er war dennoch weiterhin der Meinung, dass die drei Texte der Trotula alle nicht von ihr, sondern, wie er nachwies, von drei unterschiedlichen männlichen Autoren stammten. Green, die nach Bentons Tod 1988 seine Forschungen fortsetzte, stellte jedoch neben der großen Übereinstimmung des Practicam secundum Trotam mit De curis mulierum in der Trotula auch Deckungsgleichheit fest mit De egritudinum curatione und den Kosmetikratgebern, in denen die ‚Dame Trota‘ erwähnt wird. Sie konnte damit beweisen, dass sich die medizinische Kenntnis der Trota von Salerno über fast alle medizinischen Gebiete erstreckte, von der praktischen Chirurgie abgesehen. Practicam secundum Trotam befasst sich zu drei Viertel seines Inhaltes mit allen möglichen anderen medizinischen Themen als der Frauenheilkunde.

Monika Green glaubt jedoch nicht, dass damit auch bewiesen ist, dass Trota von Salerno und ihre Kolleginnen wenigstens zu ihrer Zeit ein entsprechendes Ansehen an der Fakultät und in der Wissenschaft hatten. So erwähnt Trota in ihren Texten mehrfach männliche Kollegen und Referenzen, in deren Texten ist jedoch durchgängig verallgemeinernd von den „Frauen von Salerno“ die Rede. Sie mag als praktische Medizinerin einen hohen Status gehabt haben, als Fachfrau, Lehrende und Wissenschaftlerin war und wurde sie jedoch kaum anerkannt. Green führt das darauf zurück, dass sich Trota an der Schwelle zur Ausbildung der akademischen Medizin befand – und die akademische Arbeit wurde bereits damals von Männern dominiert, die die praktische Erfahrung der Frauen im theoretischen und lehrenden Kontext nicht wertschätzten.

Trota von Salerno reiht sich somit ein in die Mulieres Salernitanae (Link Englisch), die es nachweislich gab, die jedoch kaum Texte schrieben oder, wie im Fall von Abella (die eigentlich auch auf den Zeitstrahl der Frauen in der Wissenschaft gehören würde), deren Texte einfach verloren gingen. Abella schrieb mindestens zwei Texte in Versform, einen über die Schwarze Galle und einen über den menschlichen Samen. Salvatore de Renzi (Link Englisch), ein italienischer Arzt, nannte in einer Arbeit über die Medizinschule von Salerno neben Abella noch Rebecca de Guarna (Link Englisch), Mercuriade (Link Englisch) und Constance Calenda (Link Englisch).

Judy Chicago widmete Abella als Repräsentantin der Salernischen Frauen eine Bodenfliese im Heritage Floor ihrer Installation The Dinner Party, wo auch Aglaonike einen Platz hat.

Eupraxia Dobrodeia von Kiew

12. Jhdt.

Eupraxia Dobrodeia (Link Englisch) war die Tochter von Mstislaw I. von Kiew und seiner Frau Christina Ingesdotter von Sweden (Link Englisch).

Ungefähr 1122 heiratete sie Alexios Komnenos Porphyrogennetos, den derzeitigen byzantinischen Mitregenten, und wurde mit dieser Heirat Basilissa Irene (diesen Namen übernahm sie von ihrer Schwiegermutter Piroska von Ungarn, diese hatte mit ihrer Eheschließung diesen Namen mit dem orthodoxen Glauben angenommen). Sie kam auch in den Kreis intellektueller Frauen in Byzanz um Anna Komnena, der Tante ihres Mannes. Von diesen wurde sie ermutigt, ihr eigenes Fachgebiet zu finden und sich zu erarbeiten. Sie eignete sich das medizinische Wissen der Antike an und schrieb eine Abhandlung über Balsame und Salben, deren Zusammensetzung und Wirkungsweisen. Dieses Werk wird als erstes Traktat über Medizin von einer Frau angesehen, Fragmente davon befinden sich in der Biblioteca Medicea Laurenziana in Florenz. Sie befasste sich vor allem mit den Werken von Galenos und übersetzte einige seiner Texte ins Russische.

Sie starb am 16. November 1131 an unbekannter Ursache.

Dieses Blog dieses Unternehmens listet Eupraxia Dobrodeia als zweites nach Merit-Ptah unter den 10 Frauen, die die Welt gesünder gemacht haben sollen.

10/2020: Matilda J. Clerk, 2. März 1916

Matilda Johanna Clerk (Link Englisch) wurde in eine Familie zahlreicher Pioniere orthodoxer (christlicher) Bildung hineingeboren. Ihr Vater, Nicholas Timothy Clerk (Link Englisch), war ein studierter Mitarbeiter der Presbyterianischen Kirche in Ghana, er gründete die weiterführende presbyterianische Jungenschule in Accra. Matildas Großvater väterlicherseits war ein auf Jamaika geborener christlicher Missionar, der 1843 nach Ghana, damals Dänische Goldküste, gekommen war. Dessen Schwägerin und damit Matildas Großtante Regina Hesse (Link Englisch) war die erste weibliche Schulleitung an der Goldküste (Hesses Eltern, Matilda J. Clerks Urgroßeltern, waren ein deutscher Missionar namens Hermann Hesse und eine Frau der Ga-Dangme namens Charlotte Lamiaakaa). Auf der mütterlichen Seite von Anna Alice Meyer hatte Matilda ebenfalls Ga-Dangme sowie dänische Vorfahren, ihr Großcousin (Vetter der Mutter) war Emmanuel Charles Quist, ein Jurist, der später der erste Speaker of the Parliament of Ghana (Link Englisch) werden würde.

Auch Matildas Geschwister erreichten diverse Ämter in der presbyterianischen Kirche in Ghana, ihr älterer Bruder Theodore S. Clerk (Link Englisch) wurde Architekt und plante die wichtigste Hafenstadt Ghanas, Tema, ihre ältere Schwester Jane E. Clerk (Link Englisch) war eine der Pionierinnen in der Bildungsverwaltung in Ghana.

Matilda J. Clerk erhielt ihre Schulbildung zunächst in Aburi, wo sie zur Grund- und Mittelschule ging. An der Mittelschule nannten die presbyterianischen Missionare sie die Dux der Schule. Mit 16 Jahren setzte Clerk ihre Schullaufbahn an der Achimota School (Link Englisch) fort, wo sie auch Agnes Yewande Savage begegnet sein muss, die im Jahr zuvor gerade dort als Ärztin und Lehrerin eingestellt worden war. In ihrem dritten Jahr an der Schule erhielt sie ein Stipendium der Cadbury-Familie (oder Stiftung, dies konnte ich leider nicht genau eruieren), außerdem erlangte sie dort ihr Zertifikat als Lehrerin.

Mit 26 Jahren wurde Clerk die erste Ghanaerin, die den Vorbereitungskurs für Medizin an der Achimota Schule abschloss, in dem sie die fortgeschrittenen Kurse in Physik, Chemie, Botanik und Zoologie besuchte. Da die britische Kolonialregierung für diesen Kurs nur Mnner zuließ, hatte ihr Vater für sie eine Sondergenehmigung beim britischen Gouverneur eingeholt. Sie war schließlich die einzige Person, die in diesem Jahr die Vorprüfungen zum Medicinae baccalaureate (Link Englisch) bestand. Aufgrund ihrer bisherigen akademischen Leistungen wurde ihr als erste Ghanaerin von der Kolonialregierung eines der wenigen Stipendien für ein Auslandsstudium zugesprochen; mit dieser Unterstützung studierte sie zwischen 1944 und 1946 Medizin an der University of Edinburgh. Dem Abschluss dort schloss sie ein Diplomstudium der Tropenmedizin und -hygiene an der London School of Hygiene and Tropical Medicine an.

1951 kehrte sie in ihre westafrikansiche Heimat zurück und arbeite in diversen Kliniken als Ärztin und Chefärztin, unter anderem auf der Entbindungsstation des Korle-Bu Teaching Hospital (Link Englisch), das Agnes Yewande Savage aufgebaut hatte. In der ghanaischen Regierung war sie später als Medizinalrätin für Infektionskrankheiten, Mutter- und Kindergesundheit tätig. Sie verstarb 1984 mit 68 Jahren plötzlich ohne Vorerkrankung.

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Ebenfalls diese Woche

Beide der anderen Wissenschaftlerinnen, die hier erwähnt werden sollen, waren als Programmiererinnen Teil des ersten Teams am ENIAC: Am 2. März 1922 wurde Frances Spence geboren, am 7. März 1917 Betty Holberton.

8/2020: Agnes Yewande Savage, 21. Februar 1906

Der Vater von Agnes Yewande Savage (Link Englisch) war Richard Akinwande Savage, ein nigerianischer Arzt mit Wurzeln bei den Egba, einer Subgruppe der Yoruba, und den Krio. Ihre Mutter war eine schottische Arbeiterin. Ihr älterer Bruder war Richard Gabriel Akinwande Savage. Agnes Yewande Savage ging zunächst an das Royal College of Music in London, erhielt dann ein Stipendium am George Watson’s College in Edinburgh und studierte schließlich an der University of Edinburgh Medizin. In ihrem vierten Studienjahr erhielt sie einen Preis im Fach Hautkrankheiten und eine Medaille im Gebiet der Forensik. Mit 23 Jahren machte sie als erste Frau afrikanischer Abstammung ihren Doktor der Medizin (an einer Universität des nordwestlich-christlichen Kulturkreises).

Nachdem Universitätsabschluss begann sie, als Junior Medical Officer für den Colonial Service an der Goldküste, im heutigen Ghana, zu arbeiten. Sie wurde hier im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen benachteiligt, dies änderte sich erst, als sie 1931 Schulärztin und Lehrerin an der Achimota Schule (Link Englisch) in Accra wurde. Der Direktor der Schule setzte sich dafür ein, dass sie bessere vertragliche Bedingungen erhielt als zuvor. Während der vier Jahre, die Savage an der Schule arbeitete, lernte sie auch Susan De Graft-Jonson (Link Englisch) kennen, die später ebenfalls an der University of Edinburgh studieren sollte und Ghanas erste Ärztin wurde.

Achimota verließ Savage nach vier Jahren, um wieder in den medizinischen Dienst des Colonial Service einzutreten. Unter wesentlich besseren Voraussetzungen als zuvor war sie nun verantwortlich für die Säuglingskliniken des Korle-Bu Krankenhauses in Accra. Sie wurde die Leitungsassistentin der Geburtsabteilung des Krnakenhauses und Aufseherin des Schwesternheims. Schließlich betreute sie die Einrichtung der Schwesternschule Korle-Bu Nurses Training College (Link Englisch), an der auch eine Abteilung nach ihr benannt wurde.

Mit 41 Jahren setzte sie sich aufgrund von psychischer und körperlicher Belastung zur Ruhe, ging zurück nach Schottland und zog ihre Nichte und ihren Neffen groß. Mit 58 Jahren starb sie 1964 an den Folgen eines Schlaganfalls.

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Ebenfalls diese Woche

19. Februar 1861: Lilian Jane Gould (Link Englisch)
Sie war die erste Frau, die als Mitglied in die Linnean Society of London aufgenommen wurde. Bekannt wurde die Biologin vor allem für ihre Studien zu Mikroorganismen in Spirituosen.

19. Februar 1952: Marcia McNutt
Die US-amerikanische Geophysikerin war amtierende Direktorin des United States Geological Survey und wissenschaftliche Beraterin des US-Innenministeriums, außerdem von 2013-2016 die erste weibliche Editor in Chief der 1880 ins Leben gerufenen Zeitschrift Science und 2016 erste weibliche Präsidentin der National Academy of Sciences.

23. Februar 1945: Svetlana Iwanowna Gerassimenko
Gemeinsam mit ihrem Kollegen Klym Tschurjumow entdeckte die tadschikische Astronomin den kurzperiodischen Kometen 67P, der ihrer beider Namen trägt.

5/2020: Alice Catherine Evans, 29. Januar 1881

Alice Catherine Evans wurde anfangs auf der Farm ihres Vaters in Pennsylvania, USA, von ihrer Mutter, einer Lehrerin, unterrichtet. Später besuchte sie nahegelegene Schule, die aus einem Klassenzimmer bestand. Sie hatte gute Schulnoten und begann eine Ausbildung zur Lehrerin; später schrieb sie in ihren Memoiren, dass sie diesen Weg nur einschlug, weil Lehrerin der einzige denkbare Beruf für Frauen zu diesem Zeitpunkt war. Allerdings langweilte sie sich in dieser Tätigkeit und nahm nach vier Jahren als Lehrerin das Angebot der Cornell University für Landlehrer:innen an, weitere Universitätskurse zu besuchen. Sie erhielt ein Stipendium und schloss 1909 einen Bachelor of Sciences in Bakteriologie ab, um anschließend an der University of Madison-Wisconsin als erste Frau mit einem Bakteriologiestipendium bis zum Master of Sciences zu studieren. Anschließend war sie auch die erste Wissenschaftlerin, die als Bakteriologin beim Landwirtschaftsministerium der USA fest angestellt wurde, sie wurde dort Beamtin und arbeitete an der Verfeinerung des Herstellungsprozesses von Käse und Butter. Außerdem untersuchte sie die Ursachen bakterieller Verunreinigung von Milchprodukten.

Im Rahmen dieser Untersuchungen beschäftigte sie sich vor allem mit der Brucellose. Dieser Infekt verursacht Fehlgeburten bei Tieren, Evans erforschte den Zusammenhang des Infektes mit Fieber, das bei Menschen auftrat, die nicht pasteurisierte Milch getrunken hatten. Die Bakterien konnten sowohl bei erkrankten wie bei symptomfreien Kühen nachgewiesen werden, daher war es möglich, dass sich Menschen auch über die Milch gesund erscheinender Tiere anstecken konnten. Ihr warnender Beitrag im Journal of Infectious Diseases im Jahr 1918, dass Milch nicht mehr ohne Pasteruisierung konsumiert werden sollte, stieß bei ihren Fachkollegen auf Skepsis – weil sie eine Frau war und auch keinen Doktorgrad innehatte.

Im Laufe der 1920er kamen jedoch Forscher weltweit zu den gleichen Ergebnissen, in den 1930ern wurde die Pasteurisierung in der Milchwirtschaft als Standard eingeführt und die Brucellose als Erkrankung so entscheidend bekämpft.

Evans wechselte 1918 vom Landwirtschafsministerium zum Public Health Service, dort forschte sie zu epidemischen Infektionskrankheiten wie Influenza und Meningitis und steckte sich 1922 dort selbst mit dem Maltafieber an, unter den Spätfolgen litt sie für den Rest ihres Lebens. 1945 setzte sie sich beruflich zur Ruhe, doch blieb sie aktiv: Sie wurde eine beliebte Vortragsrednerin in Frauengruppen zur Karriere in der Wissenschaft. Mit 94 Jahren starb sie 1975 an den Folgen eines Schlaganfalls.

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Ebenfalls diese Woche

28. Januar 1929: Edith M. Flanigen
Über die Chemikerin habe ich 2019 geschrieben.

29. Januar 1947: Linda B. Buck
Für ihre Forschungen zum Riechsystem wurde die Neurophysiologin 2004 gemeinsam mit ihrem Kollegen Richard Axel mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet. Sie entdeckte, wie Riechen neurophysiologisch funktioniert, welche Gene die Vorlagen für die Rezeptoren des Geruchssinns enthalten und die Grundlagen für die molekulargenetische Erforschung des Geruchssinns.

1. Februar 1945: Jane Plant (Link Englisch)
Die Geochemikerin war eine Pionierin auf ihrem Gebiet und Commander of the Most Excellent Order of the British Empire, Fellow of the Royal Academy of Engineering, Fellow of the Royal Society of Edinburgh udn Fellow of the Royal Society of Arts.

4/2020: Gertrude B. Elion, 23. Januar 1918

Die Eltern von Gertrude B. Elion waren als Kinder in die USA eingewandert, ihre Mutter aus Polen, ihr Vater stammte aus einer jüdischen Familie in Litauen. Er war Zahnarzt in New York, verlor jedoch sein gesamtes Vermögen am Schwarzen Donnerstag, den 24. Oktober 1929 (dazu gehört in der Folge auch der Schwarze Dienstag, der 29.Oktober; dass dieses Ereignis in Deutschland als Schwarzer Freitag bekannt ist, liegt daran, dass durch die Zeitverschiebung der Absturz des Börsenkurses in unseren Breiten in den frühen Morgenstunden des Freitag stattfand). Doch da Getrude hervorragende Noten hatte, konnte sie ohne Studiengebühren am Hunter College Chemie studieren. Sie hatte bereits mit 15 beschlossen, in der Krebsforschung zu arbeiten, nachdem ihr Großvater an Krebs gestorben war. 1937, mit 19 Jahren, machte sie als einzige Frau vor 1939 ihren Bachelor an der New Yorker Universität. Da sie keine Anstellung als Chemikerin fand, schloss sie ein Studium zum Master of Sciences an, während sie tagsüber als High-School-Lehrerin arbeitete. Später äußerte sie die Vermutung, dass sie als junges Mädchen überhaupt nur eine Hochschulbildung genießen konnte, weil sie dank guter Noten umsonst studieren konnte – sie bewarb sich fünfzehn Male um finanzielle Unterstützung, doch alle wurden aufgrund ihres Geschlechtes abgelehnt. Sie hatte sich bereits in einer Schule für Sekretärinen eingeschrieben und diese sechs Wochen besucht, bevor sie eine bezahlte Stelle fand. (Quelle: Wikipedia) 1941 machte sie ihren Abschluss als M.Sc., im gleichen Jahr verlor sie ihren Verlobten durch eine bakterielle Endokarditis, eine Herzentzündung. Nach eigener Aussage verstärkte dies ihren Wunsch, Pharmakologin zu werden.

Da sie keine Arbeit in der akademischen Forschung fand, arbeitete sie zunächst in der Lebensmittelforschung, namentlich bei der Supermarktkette A&P; dort prüfte sie als Qualitätsmanager den Säuregehalt der Gurken und Eidotter, die in Mayonaise verarbeitet wurden. Erst drei Jahre später, 1944, konnte sie bei Burroughs Wellcome & Company (heute GlaxoSmithKline) als Laborassistentin tätig werden. Sie arbeitete hier mit dem Biochemiker George Herbert Hitchings zusammen an „rationaler Wirkstoffplanung“: Statt sich auf trial & error zu verlassen, also zu experimentieren und aus den gescheiterten Experimenten zu lernen, untersuchte das Team aus Hitchings, Elion und James W. Black die Unterschiede zwischen menschlichen Zellen und Krankheitserregern, um von vorneherein Wirkstoffe herzustellen, die nur die Erreger zerstörten und nicht gesundes menschliches Gewebe angriffen.

In ihrer Zeit bei Burroughs Wellcome & Company, zwischen 1944 und 1983, war sie an der Entwicklung diverser Medikamente beteiltigt, etwa Zytostatika zur Behandlung von Leukämie, einem Mittel zur Behandlung von Malaria, und dem ersten Immunsuppressivum, das nach Organtransplantationen zum Einsatz kommt. Besonders hervorzuheben unter Elions Forschungsergebnissen ist jedoch Aciclovir, das bei Infektionen mit Viren der Art Herpes Simplex gegeben wird. Nachdem sie sich bereits als Mitarbeiterin von inzwischen GlaxoSmithKline zur Ruhe gesetzt hatte, war sie auch an der Weiterentwicklung von AZT (Zidovudin) beteiligt, das erste Medikament, das zur Behandlung von AIDS eingesetzt wurde und noch heute zur antiretroviralen Therapie bei HIV1-infizierten Patienten gehört.

1967 wurde sie zur Leiterin der Abteilung für Experimentelle Therapie bei GlaxoSmithKline. Sie machte auch erste Schritte hin zu einem Doktortitel, doch war ihr die praktische Forschung im Unternehmen wichtiger als der akademische Grad, und so promivierte sie nie. Nachdem sie jedoch 1988 gemeinsam mit Hitchings den Nobelpreis für Physiologie und Medizin (für die „Entdeckung zu wichtigen biochemischen Prinzipien der Arzneimitteltherapie“) erhalten hatte, verlieh ihr die Polytechnic University of New York 1989 die Ehrendoktorwürde, neun Jahre später folgte auch die Harvard University.

Die Liste ihrer Auszeichnungen ist lang. Im direkten Anschluss an ihre Pensionierung war sie Präsidentin der American Association for Cancer Research, und im beruflichen Ruhestand forschte sie weiter nach Mitteln gegen HIV und AIDS. Sie war die fünfte weibliche Nobelpreisträgerin für Medizin und die neunte weibliche überhaupt. Sie wurde in den Jahren 1990 und 1991 zum Mitglied der National Academy of Sciences, der National Academy of Medicine und der American Academy of Arts and Sciences, erhielt (unter anderem) die US-amerikanische National Medal of Science und wurde in die National Inventors Hall of Fame und die National Women’s Hall of Fame aufgenommen.

1999 starb sie im Alter von 91 Jahren.

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Ebenfalls diese Woche

21. Januar 1714: Anna Morandi Manzolini
Ihre ersten zwanzig Wachsmodelle von menschlichen Organen waren die unterschiedlichen Ausbildungen des Uterus während einer Schwangerschaft. Manzolini wurde weltbekannt für ihre exakten Wachsnachbildungen menschlicher Anatomie, später lehrte sie auch als Honorarprofessorin an der Universität Bologna.

22. Januar 1909: Tikvah Alper (Link Englisch)
Die südafrikanische Physikerin studierte 1930-1932 bei Lise Meitner. Sie entdeckte, dass der Scrapie-Erreger, bei uns auch Traberkrankheit, keine Nukleinsäuren enthält und sich nicht durch Strahlung vernichten lässt. Die Schlussfolgerung, dass es sich nicht um einen Virus handeln konnte, führte zur Entwicklung der Prionentheorie.

24. Januar 1904: Berta Karlik
Die österreichische Physikerin wies in den 1940er Jahren die drei Isotope 215, 216 und 218 des Elementes Astat nach.

26. Januar 1839: Rachel Lloyd
1886 war sie die erste Amerikanerin, die einen Doktortitel in Chemie erhielt – an der Universität Zürich – und die zweite Frau in diesem Gebiet überhaupt nach Julia Lermontowa.

Merit-Ptah und Peseschet

zwischen 2.700 und 2.400 v. C.

Merit-Ptah und Peseschet galten als die ersten Ärztinnen der Geschichte. Von Merit-Ptah sollen im Tal der Könige Bilder zu finden sein, deren Inschrift sie als „Vorsteherin über die Ärzte“ bezeichnen. Allerdings scheint es, dass sie mit einer anderen Ärztin aus einer späteren Zeit, nämlich Peseschet, verwechselt bzw. zusammengeworfen wurde. Während diese mit Sicherheit existierte, ist auch bei ihr nicht gesichert, dass der Titel „Vorsteherin über die Ärzte“ auf ihre eigene medizinische Tätigkeit hinweist. Wahrscheinlich ist hingegen, dass sie zumindest Hebammen unterrichtete.

Dieser Artikel von Wolfram Grajetzki im Ancient Egypt Magazine von 2019 legt die ganze wissenschaftliche Ungenauigkeit und sich selbst fortschreibende Verwechslungskomödie dar. Wobei im Eifer über unzuverlässige und ideologisierte Quellen nicht vergessen sein sollte, dass nur die Existenz von Merit-Ptah in Frage steht. Dass es Peseschet dreihundert Jahre später tatsächlich gab, bleibt Tatsache und dieser Artikel bei Ancient History Encyclopedia von 2017 – der auch Merit-Ptah als Fakt voraussetzt, aber ansonsten seriös und gut recherchiert scheint – erörtert einige Gründe, warum die Annahme, dass es weibliche Medizinerinnen im Alten Ägypten gab, nicht unwahrscheinlich ist.

2/2020: Edith Anne Stoney, 6. Januar 1869

Edith Anne Stoney (Link Englisch) wurde in eine Familie von Wissenschaftlern geboren: Ihr Vater war der Physiker George Johnstone Stoney, der der Elementarladung den Namen Elektron gab, ihr Onkel Bindon Blood Stoney war Ingenieur, ebenso wie einer ihrer beiden Brüder, und ihre Schwester Florence Stoney wurde die erste Radiologin des Vereinigten Königreichs.

Edith war begabte Mathematikerin, sie studierte mit Stipendium an einem College in Cambridge bis zum Bestehen der ersten Abschlussprüfungen 1893 – einen akademischen Grad erwarb sie allerding nicht, da die Universität Cambridge offizielle Abschlüsse von Frauen erst 1948 zuließ. Das Trinity College in Dublin verlieh jedoch ihr einen Bachelor of Arts und einen Master of Arts, nachdem dort 1904 Frauen zum Studium zugelassen wurden.

Am College war sie für das Teleskop der Schule zuständig, nach dem Studium arbeitete sie kurz für den Erfinder der Dampfturbine, Charles Algernon Parsons, bis sie eine Stelle als Mathematiklehrerin am Cheltenham Ladies‘ College antrat. In der Zwischenzeit hatte ihre Schwester Florence an der London School of Medicine for Women (Link Englisch) studiert und ihren Abschluss gemacht – eine Schule, die bereits 1874 unter anderem von Elizabeth Blackwell gegründet worden war, in Voraussicht auf den UK Medical Act von 1876, der die Geschlechterdiskriminierung beim Zugang zu medizinischen Ausbildungsgängen verbot. Die London School of Medicine for Women wurde Teil der University of London, die klinischen Anteile der Ausbildung fanden am Royal Free Hospital statt. 1899 wurde Edith Anne Stoney dort als Physiklehrerin eingestellt. Sie richtete ein Labor für 20 Studentinnen ein und legte die Inhalte der Physikkurse fest.

Zwei Jahre später wurde Florence Stoney zur „medizinischen Elektrikerin“ in Teilzeit am Free Royal Hospital berufen. Zusammen eröffneten die Schwestern Stoney im April 1901 einen Röntgen-Dienst im Krankenhaus.

Beide Stoney-Schwestern boten dem Britischen Roten Kreuz ihre Dienste als Radiologinnen für die britischen Soldaten im Ersten Weltkrieg an, sie wurden dort jedoch aufgrund ihres Geschlechtes abgelehnt. Die beiden gründeten kurzerhand ihre eigene Abteilung innerhalb Women’s Imperial Service League, mit Florence im kriegsgeschüttelten Europa, während Edith in London für den Materialbedarf zuständig war. 1915 legte Edith Stoney ihre Lehrtätigkeit nieder, zum gleichen Zeitpunkt kehrte Florence aus Europa nach London zurück. In Zusammenarbeit mit einem Krankenhaus, das von der Suffragetten-Bewegung mitfinanziert wurde, konnten sie ein 250-Betten-Lazarett in Nordfrankreich einrichten, in dem Edith als Radiologin tätig wurde. Sie lokalisierte Kugeln und Bombenschrapnelle in Verwundeten und führte auch die Röntgendiagnose von Wundbrand (Gangrän, CW Bild) ein: Bei Gasgangrän stellt das Vorhandensein von Gas im Gewebe, das im Röntgenbild erkennbar ist, eine Indikation für eine Amputation der Extremitäten dar, um Überlebenschancen zu erhalten.

Die gesamte medizinische Einheit im Lazarett war weiblich bis auf zwei Fahrer und Stoneys Assistent. Im September 1915 war die Front so nah an das Lazarett gerückt, dass der nahgelegene Ort vollständig evakuiert war und sie nachts die Artillerie hören konnten. Per weiterer Anweisungen arbeiteten die Stoney-Schwestern anschließend in Serbien und Griechenland, wo sie unter schwierigsten Umständen und mit großem Materialmangel Soldaten röntgen, versorgten und bei der Genesung unterstützten. Nach einem Krankheitsurlaub im September 1916 kehrte Edith nach Griechenland zurück, ein Jahr später arbeitete sie erneut in Frankreich als Leiterin der Röntgenabteilungen mehrerer Lazarette.

Für ihre medizinischen Leistungen im Ersten Weltkrieg wurde sie von Frankreich, Serbien und England mit diversen Medaillen geehrt. Nach dem Ende des Krieges nahm Edith Anne Stoney ihre Lehrtätigkeit wieder auf. 1925 setzte sie sich zur Ruhe, war jedoch im Ruhestand noch rege aktiv in der Womens‘ Engineering Society (Link Englisch) und reiste um die Welt. Sie hatte sich Zeit ihres Lebens für das Recht der Frauen auf Bildung eingesetzt und hielt zu diesem Thema Vorträge, außerdem rief sie einen Wohltätigkeitsverband ins Leben, der Studentinnen an ihrem alten College finanziell bei Auslandsaufenthalten unterstützt.

Edith Anne Stoney starb 1938 mit 69 Jahren. Sie gilt heute als Pionierin der Medizinischen Physik.

Ausgerechnet die Newcastle University, an der sie nur kurz zusammen mit Parsons arbeitete, widmet ihr eine Biografie.

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Ebenfalls diese Woche

7. Januar 1863: Anna Murray Vail (Link Englisch)
Die Botanikerin studierte bei Nathaniel Lord Britton (Ehemann von Elizabeht Gertrude Britton) und war an der Gründung des New York Botanical Garden beteiligt, unter anderem als dessen erste Bibliothekarin.

9. Januar 1858: Elizabeth Gertrude Britton (Link Englisch)
Sie war mit ihrem Ehemann zeichnen mit der Erhebung von Spendengeldern maßgeblich verantwortlich für die Gründung des New York Botanical Gardens, außerdem war sie Mitbegründerin der Vorgängervereinigung der American Bryological and Lichenological Society. Mit 170 Schriften trug sie einiges zur Literatur über Moose bei.

12. Januar 1914: Doris Malkin Curtis (Link Englisch)
Die US-amerikanische Paläontologin, Stratigraphin und Geologin war die erste weibliche Präsidentin der Geological Society of America.