Kategorie: Psychologie

04/2018

3. April 1907: Lola Álvarez Bravo
Die Fotografin, eine der ersten Mexikos, trug zur nachrevolutionären Kulturblüte des Landes bei und war unter anderem mit Frida Kahlo und dem Dichterkreis Los Contemporáneos bekannt. Zunächst unter der Ägide ihres Mannes Manuel Álvarez Bravo, entwickelte sie bald ihren eigenen Stil, inspiriert von anderen in Mexiko tätigen Fotografen wie Tina Modotti und Edward Weston. Auch privat trennte sie sich von ihrem Mann und hatte zeitweise eine Beziehung mit María Izquierdo. Mit 37 Jahren hatte sie ihre erste allein bestrittene Ausstellung im Palacio de Bellas Artes, dem wichtigsten Kulturhaus Mexikos; sieben Jahre später eröffnete sie ihre eigene Galerie, in der Frida Kahlo 18953 ihre einzige Soloausstellung erhielt. Sie unterrichtete an der Academia San Carlos und war 1955 an Edward Steichens Fotoausstellung The Family of Man beteiligt.

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Lola Alvarez Bravo

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4. April 1927: Aušra Augustinavičiūtė
Die litauische Psychologin, Soziologin und Ökonomin ist die Begründerin der Sozionik, die ähnlich dem Myers-Briggs-Typenindikator die Aspekte menschlicher Persönlichkeiten in unterschiedliche Funktionen und Beziehungstypen einteilt.
Während der MBTI in den englischsprachigen Ländern verbreitet ist, ist die Sozionik das Gegenstück im russischen, slawischen und baltischen Raum. Die Sozionik erforscht, basierend auf C. G. Jungs psychologischen Typen, wie Menschen Informationen aufnehmen, verarbeiten und weitergeben. Sie teilt Eigentschaften und Neigungen des Menschen in so genannte Dichotomien, Gegensatzpaare oder Skalen, auf: Logik – Ethik, Intuition – Sensorik, Introversion – Extraversion, Rationalität – Irrationalität. Aus diesen leiten sich die acht Aspekte ab, aus deren unterscheidlichen Kombinationen in einem individuellen Charakter sich die sechszehn Typen ergeben.
Hauptkritikpunkt ist, dass ebenso wie der MBTI ein Testergebnis der Sozionik dem Barnum-Effekt unterliegt: Dass Menschen in einem ausreichend unspezifischen Text immer zutreffende Beschreibungen für sich finden.

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5. April 1970: Miho Hatori
Die japanische Musikerin arbeitete bereits in ihrer Jugend in einem Plattengeschäft in Tokyo und war an der Hiphop Crew Kimidori beteiligt. Mit 22 Jahren ging sie nach New York, um Kunst zu studieren. Zunächst sang sie in der Punkband Laito Lychee, dann traf sie Yuka Honda und gründete mit ihr das Triphop-Projekt Cibo Matto, bei dem sie unter anderem auch mit Sean Lennon kooperierte. Sie war eine (oder die erste) Sprecherin der Gorillaz-Gitarristin Noodle.
17. April 1957: Jacqueline Moudeina
Die Menschenrechtsaktivistin musste 1979 ihre Heimat Tschad wegen des einsetzenden Bürgerkriegs verlassen. Sie beendete ihr Studium der Rechtswissenschaften in Brazzaville, Republik Kongo, wo sie sich auch der kongolesischen Sektion der Menschenrechtsorganisation ihres Heimatlandes, ATPDH, anschloss.
1995, nachdem das Terrorregime des Diktators Hissène Habré gestürzt worden war, kehrte sie in den Tscshad zurück und setzte sich seitdem für die Rechte von Frauen, Kindern und Minderheiten ein. Seit dem Jahr 2000 kämpft sie als Anwältin für die Opfer des Habré-Regimes: Der Politiker wird beschuldigt, für 40.000 politisch motivierte Morde vor allem an Minderheiten im Tschad verantwortlich zu sein. Da der Ex-Diktator im Senegal lebte, reichte sie entsprechende Klage beim Obersten Gerichtshof des Senegal ein und erstatte zeitgleich im Tschad Anzeige gegen seine Sicherheitsbeamten. Der Gerichtshof im Senegal sah sich als nicht zuständig an, weshalb Moudeina sich an ein Gericht in Belgien richtete – aufgrund des Weltrechtsprinzips, nach dem völkerstrafrechtlich relevanten Taten überall in der Welt verfolgt werden können. Ein belgischer Beamter nahm sich des Falles an, untersuchte die Vorwürfe und erließ schließlich einen internationalen Strafbefehl gegen Habré. Die Afrikanische Union hingegen verlangte die Verfolgung der Klage im Senegal, da „kein afrikanisches Staatsoberhaupt außerhalb Afrikas verurteilt werden sollte“. Nach weiterem Hin und Her, währenddessen sich der Senegal einer Strafverfolgung Habrés zunächst verweigerte und Moudeina wiederum in Belgien auf seinen Prozess drängte, musste sich Habré schließlich 2013 in der senegalesichen Hauptstadt Dakar für Kriegsverbrechen, Folter und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten und wurde 2016 schließlich, für Vergewaltigungen, sexuelle Sklaverei und Anordnung illegaler Tötungen, zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt.
Moudeina setzt sich weiterhin, gegen den Widerstand in ihrem Heimatland, für Menschen- und Kinderrechte ein, zum Beispiel gegen den Verkauf und die Versklavung von Kindern als Rinderhirten. Sie wurde 2001 bei einer Demonstration von einer Handgranate, die gezielt vor ihr platziert wurde, am Unterleib verletzt und trägt noch immer Granatensplitter in den Beinen, die ihre Gesundheit beeinträchtigen. Sie bestand trotz Gängeleien durch die tsschadischen Behörden immer wieder darauf, von medizinisch notwendigen Aufenthalten in Frankreich in ihre Heimat zurückzukehren; erst, als sie 2008 enthüllte, dass der Präsident Idriss Déby, Kindersoldaten in den tschadisch-sudanesischen Anteil am Dafur-Konflikt gesendet hatte, wurde die Bedrohung im eigenen Land so groß, dass sie Antrag auf Asyl in Frankreich stellte.

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25. April 1956: Jaroslava Schallerová
Nennung ehrenhalber, weil die Schauspielerin die Hauptrolle im Film Valerie – Eine Woche voller Wunder spielt, einem surrealistischen Märchen um ein junges Mädchen in einer traumartigen Welt voller Ungeheuer und Sexualität.

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28. April 1926: Bhanu Athaiya
Die Kostümbildnerin wirkte ihrer 41 Jahre umfassenden Karriere an 150 Filmen mit, vor allem an indischen Produktionen. 1983 gewann sie gemeinsam mit John Mollo den Oscar für bestes Kostüm, für ihre Arbeit an Richard Attenboroughs Monumentalwerk Gandhi. Sie gewann außerdem drei indische Filmpreise, unter anderem den Filmfare Award für ihr Lebenswerk.

39/2017: Charlotte Wolff, 30.9.1897

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Charlotte Wolff


English below
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Charlotte Wolff war eine jüdische Medizinerin, die sich auch mit Psychologie befasste. Schon im Studium lebte sie offen homosexuell und trug bevorzugt Männerkleidung. 1938 wurde sie stellvertretende Direktorin am Rudolf-Virchow-Krankenhaus in Berlin, ein Jahr später konnte sie diese Position aufgrund der Verfolgung durch die Nazis nicht mehr halten.
Sie lebte zunächst in Frankreich, dann in England und arbeitete als Chirologin, unter anderem für Thomas Mann und Aldous Huxley. Sie legte die deutsche Staatsbürgerschaft ab und nannte sich, nachdem sie Jahre später die britische angenommen hatte, „internationale Jüdin mit britischem Pass“.
In den 1960er Jahren war sie dann die erste, die sich sexualwissenschaftlich mit der Homosexualität der Frau auseinandersetzte. Sie veröffentlichte die Ergebnisse ihrer empirischen Studie zum Lesbianismus 1971 und zur Bisexualität 1977. Es waren diese Forschungen, die dazu führten, dass sie 1978 zum ersten Mal seit seit ihrer Vertreibung deutschen Boden betrat. Ihr letztes und wichtigstes Werk war eine Biografie des Sexualforschers Magnus Hirschfeld.
Sie starb mit 89 Jahren in London.
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Wiki english
Charlotte Wolff was a Jewish doctor who also worked in psychology. Even during her time at university she lived her homosexuality openly and preferred men’s clothing. In 1938 she was appointed deputy director at the Rudolf-Virchow-hospital in Berlin, a year later she already could not hold that position due to prosecution by the Nazis.
She lived in France at first, then in England and worked as a chirologist, for Thomas Mann and Aldous Huxley among others. She gave up her German citizenship and called herself, after taking on the British citizenship, an „international Jew with a British passport“.
During the 1960s she was the first to adress homosexuality of women as a field of sexology. She published the findings of her empirical studes on lesbianism in 1971 and on bisexuality in 1977. It was this research that led to her putting foot on German soil again for the first time after her expulsion in 1978. Her last and most important work was the biography of sexologist Magnus Hirschfeld.
She died in London at the age of 89.
 

21/2017: Lillian Moller Gilbreth, 24.5.1878

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Lillian Moller Gilbreth


English below

Wiki deutsch

Lillian Gilbreths Biografie macht beim Lesen atemlos. Die deutschstämmige Amerikanerin war selbst zweites von elf Kindern und rauschte zunächst durch ihre Schul- und Hochschulbildung. Mit 22 hatte sie einen Bachelor in Englischer Literatur und ließ zwei Jahre später einen Master folgen; zwischenzeitlich hatte sie Psychologie studiert, musste dies jedoch aus gesundheitlichen Gründen abbrechen.

Mit 24 Jahren traf sie ihren baldigen Ehemann Frank Bunker Gilbreth (Sr.), einen Erfinder und Wirtschaftsingenieur, der ihren Wunsch nach einem Dutzend Kindern teilte. In den folgenden 17 Jahren gebar Gilbreth 13 Kinder, von denen eines tot geboren wurde und eines im Alter von fünf Jahren an Diphterie (Warnung: Bildinhalte) starb. Weil es ihr möglich war, die meiste Zeit eine Vollzeit-Haushaltshilfe zu beschäftigen (und dementsprechend die Kinder betreut zu wissen), konnte sie zwischen den jährlichen Schwangerschaften und Geburten auch noch eine Doktorarbeit in Psychologie schreiben (mit fünf bzw. vier Kindern – die Doktorarbeit, die Geburt und der Tod eines Kindes fielen alle ins Jahr 1911) und schließlich einen Doktortitel erringen (mit sechs Kinder und der Schwangerschaft eines Sternenkindes im Jahr 1915).

Gilbreth arbeitete mit ihrem Mann in dem Wissenschaftsbereich, der später die Ergonomie wurde, und brachte dabei ihre Expertise als Ingenieurin, Psychologin, Haushälterin (was ihr „selbstverständlichster“ Arbeitsbereich als Frau war) und Mutter ein. Sie schrieben gemeinsam zwei Bücher, die jedoch nur unter seinem Namen veröffentlicht wurden – einer weiblichen Autorin wurde keine Authorität  im wissenschaftlichen Bereich zugesprochen, dabei war sie diejenige mit dem Doktortitel.

Nachdem ihr Mann 1924 gestorben war – das älteste Kind war 19, das jüngste gerade zwei Jahre alt – konzentrierte sich Gilbreth vor allem auf die Arbeitsökonomie und -psychologie im Speziellen der Hausfrauen zu. Die gemeinsame Firma für mit ihrem Mann benannte sie in Gilbreth Inc. um, und sie erfand diverse Details, die bis heute den Alltag im Haushalt erleichtern – die Struktur der Kücheneinrichtung, den Mülleimer, der sich mit Fußpedal öffnen lässt, die Fächer auf der Innenseite der Kühlschranktür (inklusive Butterdose und Eierhalter) und Wandlichtschalter gehen alle auf sie zurück. Sie arbeitete auch als in der Marktforschung für Johnson&Johnson und Macy’s.

Nachdem sie schon mehrfach Vorlesungen an der Purdue University gehalten hatte, wurde sie dort 1935 zunächst Gastprofessorin – die erste weibliche Professorin im Fachbereich Ingenieurswissenschaft – und fünf Jahre später voll angestellte Professorin in mehreren Ingenieurs- und Ökonomie-Fachbereichen. Sie las als Gastprofessorin an mehreren anderen Universitäten und hielt noch mit 86 Jahren Vorlesungen am MIT.

Sie starb mit 94 Jahren. Zwei ihrer Kinder verfassten gemeinsam Bücher über das Leben in der Gilbreth-Familie, die auch verfilmt wurden.

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Wiki english
Lillian Gilbreth’s biography leaves you breathless. The American of German heritage was herself second of eleven siblings and first of all rushed through her school and college education. At age 22 she had a bachelor degree in English Literature and followed that up with a Master two years later; she had studied psychology in between but had to quit it due to health issues.
At age 24 she met her soon-to-be husband Frank Bunker Gilbreth (Sr.), an inventor and industrial engineer who shared her wish for a family with a dozen children. In the following 17 years, Gilbreht gave birth to 13 children, one of which was still-born, another one died of diphtheria (warning: graphic images) at age 5. Because she was able to employ full-time help in the house (and knowing her children supervised accordingly), she was able, in between yearly pregnancies and births, to write a dissertation in psychology (with five resp. four children – the dissertation, one birth and the death of a child all fell into the year 1911) and finally earning a Ph.D. (with six children and the pregnancy that ended with a still-born child in 1915).
At first, Gilbreth worked in the field that would later become ergonomics, and brought into the work her expertise as an engineer, psychologist, housekeeper (her most „natural“ field as a woman) and mother. They wrote two books together, which however were published only under his name – a female author wasn’t regarded as an authority in science, even though she was the one with the Ph.D.
After her husband has died in 1924 – the oldest child was already 19, the youngest just two years old –, Gilbreth concentrated on working in domestic management and work psychology especially for housewives. The shared company of her husband’s she renamed as Gilbreth, Inc. and she invented several household details that facilitate housekeeping to this day – the work triangle, the foot pedal trash can, the shelves on the refrigerator door (with butter box and egg holders) and wall-switches for the light are all her doings. She also worked as a market researcher for Johnson&Johnson and Macy’s.
After having given lectures at Purdue University before, she was appointed at first a visiting professor in 1935 – the first female professor in Engineering – and, five years later, was granted full professorship in several engineering and economy departments. She gave lectures as visiting professor at several other universities and at 86 years of age, still, at MIT.

She died at 94 years old. Two of her children wrote books about life in the Gilbreth family together, which were also made into movies.

KW 35/2015: Temple Grandin, 29. August 1947

Temple Grandin

By Steve Jurvetson from Menlo Park, USA – Rain Man’s Rainbow, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9578213

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Die vielseitigen Entwicklungs- oder Informationsverarbeitungsstörungen des autistischen Spektrums und ihre Genese sind bis heute noch zu großen Teilen unverstanden. Umso aufsehenerregender ist es, wenn jemand, dem eine relativ schwere Störung im Kindesalter attestiert wurde, nicht nur eine höchst erfolgreiche Karriere hinlegt, sondern auch aus dieser „fremden Welt“ berichten und anderen Betroffenen helfen kann, in ihrer Außer-Gewöhnlichkeit besser zu leben, mithin Kontakt zwischen den Welten herstellt.
Temple Grandins Eltern ließen sich von einer „Hirnschaden“-Diagnose nicht einschüchtern und förderten ihre Tochter in allem, was möglich war. So wurde aus dem Kind, das mit drei Jahren noch nicht sprach, eine Doktorin der Tierwissenschaften, Dozentin und Aktivistin, die regelmäßig Vorträge hält. Sie erfand die hug box, die Menschen mit autistischen Störungen helfen kann, sensorische Überreizung zu lindern. Sie hilft mit ihren Einsichten in ihre Wahrnehmungswelt Eltern von betroffenen Kindern, besser zu verstehen, was in und mit diesen geschieht.
Sie hat dazu noch, in ihrer Funktion als Beraterin der Nutztierindustrie, eine mir sympathische, grundlegend richtig erscheinende Haltung gegenüber den Tieren – die sie ohne Zweifel liebt: dass wir sie essen sollten bzw. dürfen (wenn wir es wollen), dass wir aber auch alles verwerten sollten (siehe pink slime), und dass wir ihnen aber dafür auch ein gutes Leben und einen schmerzlosen Tod schulden.

KW 41/2013: Helene Deutsch, 9. Oktober 1884

Helene Deutsch


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Helene Deutsch war zunächst Patientin bei Freud, weil sie Konflikte in sich wahrnahm zwischen der Rolle der Frau und der Rolle der Mutter. In einem Geniestreich, den man zu diesen Zeiten nicht erwarten durfte, entließ Freud sie aus der Analyse, weil er keine Neurose feststellen konnte. (Will sagen: Völlig normal.)
Im Anschluss wurde sie seine Schülerin und Assistentin, die sich erstmals in der Psychoanalyse vornehmlich und ausschließlich mit der Psyche der Frau befasste. Nach ihrer Flucht in die USA aufgrund des Zweiten Weltkrieges/Dritten Reichs wurde sie eigenständige und erfolgreiche Psychoanalytikerin.
Während sie vom Feminismus wohl eher mit Missfallen betrachtet wurde, weil sie sich unweigerlich aus der patriarchalisch-chauvinistischen Gedankenwelt Freuds entwickelte, ist doch nicht zu vergessen, dass sie sich als erste Frau allein und mit einer gewissen Innenkenntnis mit den Besonderheiten der weiblichen Psyche, insbesondere der mütterlichen, befasste. Überhaupt anzuerkennen, dass Frauen nicht per se durch Schwangerschaft und Geburt in einen quasi-animalischen Mutter-Zustand verfallen (den es im Tierreich ja auch nicht wirklich gibt) und in der Erwartung an die elterliche wie ehefrauliche Pflicht kein Dilemma, sondern reines Glück empfinden, ist doch schon ein großer Schritt, für Anfang des 20. Jahrhundert.

KW 33/2012: Laura Mulvey, 15. August 1941

Laura Mulvey

Von Mariusz Kubik – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=11014214

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Laura Mulvey hat den bahnbrechenden feministisch-filmtheoretischen Artikel Visual Pleasure and Narrative Cinema geschrieben. Ich hole die Lektüre derzeit nach, aber der Inhalt des Artikels ist für dieses blog auch gar nicht so sehr interessant – wie die meisten wissenschaftlichen Arbeiten stehen die Thesen jederzeit zur Diskussion. Sie selbst hat die Aussage später wohl in einem weiteren Artikel gemildert und umformuliert – als Erstschlag einer feministischen Betrachtungsweise in der von der männlichen Betrachtungsweise dominierten Welt des Films, der Wissenschaft und der Filmwissenschaft hat der Artikel jedoch seine ursprünglichste Existenzberechtigung.
Der Artikel ist die Quelle eines Begriffsrahmens, der mir nicht nur bei der Benennung, sondern zum Teil überhaupt erst beim Erkennen eines Gefühls hilft, das ich des öfteren beim Filmekucken habe: nämlich die irritierende Wahrnehmung des männlichen Blicks. Gerade in meinem Lieblingsgenre, dem Horrorfilm, werden Frauen ja sowohl als Sexualobjekt wie Mordopfer – eine psychoanalytische Identität beider Rollen dahingestellt – bevorzugt und ihre Darstellung ist oft genug eine exploitative. D.h.: Die Mädels sind im Film so, wie Mann sie gerne sieht. Für mich als weibliche Zuschauerin ergibt das ein merkwürdiges Emotionsgemisch, da ich mich tatsächlich (dies ist valide Kritik an Mulveys Artikel) auch als Frau mit dem jeweiligen Protagonisten bzw. dem angesprochenen männlichen Zuschauer identifizieren kann – der „männliche“ Spaß am Film mithin auch meiner ist. Gleichzeitig jedoch identifiziere ich mich per default auch mit dem weiblichen Objekt/Opfer, was mich nicht nur in meiner Identifikation mit dem gesehenen Filmbild ins Dilemma stürzt, sondern sich auch in einer merkwürdigen Paranoia niederschlägt, die urplötzlich alle im Kinosaal (oder Wohnzimmer) befindlichen Männer zu (potentiellen) Spannern und/oder Aggressoren macht.
Eine ausgesprochen grafische Versinnbildlichung der Situation weiblicher Zuschauerinnen bei der Beanspruchung des männlichen Blicks findet sich übrigens in Katheryn Bigelows Strange Days, in der ein Vergewaltiger seinem Opfer den Livestream der Vergewaltigung aus seiner Sicht ins Hirn spielt. Ein mise-en-abyme aus Ausgeliefertsein, Schuldgefühl und sexueller Lust, bei dem sich mir persönlich der Magen umdreht.
Ein anderer Film, der mir in diesem Assoziationsraum einfällt und zu differenzierter Betrachtung einlädt, ist Neil Marshalls The Descent. Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich ihn gesehen habe, daher will ich nicht zu sehr ins Detail gehen, aber zu Überlegungen anregen, inwieweit dieser FIlm auch einen männlichen Blick einsetzt. Ist denn der Blick der Kamera per se männlich? Was würde das für diesen, in meiner Erinnerung ausgesprochen emanzipierten Film bedeuten? Mit seinen sechs weiblichen Hauptfiguren, die sich auch, aber nicht nur über ihre Beziehungen zu Männern unterhalten (womit der Film den Bechdel-Test mit Bravour besteht) und die als starke, aktive und kompetente Charaktere gezeichnet werden, habe ich ihn damals als eine ausgesprochene Wohltat im ansonsten sehr auf männliche Interessen und Vorlieben ausgelegten Horrorgenre erlebt. Nichtsdestotrotz lässt sich das Absteigen in eine dunkle Höhle, in der dann tödliche Gefahr lauert – nicht nur von der zu erwartenden Seite – als männliche Angst vor der Vagina dentata lesen. Ist dies also auch nur die intellektualisierte, verklausulierte Version eines „typisch männlichen“ Horrorszenarios? Oder – noch schlimmer – eine filmische Misogynie, die ihresgleichen sucht? Die ausschließlcih weibliche Besetzung bedeutet ja für einen solchen Horrorfilm, dass alle Getöteten Frauen sind (zumindest auf der Protagonistenseite)!
Wenn also der Blick der Kamera per se männlicher Blick ist, dann ist dieser Film nicht emanzipiert, sondern auf höchster Ebene frauenverachtend. In meiner wohlwollenden Interpretation hingegen ist der Blick der Kamera zunächst neutral, doch durch das mise-en-scene und die gezeigten Objekte kann er explizit männlich werden. Im Falle von The Descent ist es eben die wenig klischeehafte und eben nicht objektifizierende Darstellung, die es nicht zulässt, diesen Film auf diese Art zu lesen.
Eine (anscheinend) lesenswerte Erörterung von Mulveys Essay kann man hier lesen.

KW 27/2012: Elisabeth Kübler-Ross, 8. Juli 1926

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Elisabeth Kübler-Ross hat mit ihren 198 Interviews mit Sterbenden in letzter Konsequenz nicht nur die Verhältnisse für Todkranke in Krankenhäusern generell verbessern können bzw. die Einrichtung von Hospizen initiiert, sie hat auch mit der Definition der 5 Phasen des Sterbens den Umgang mit der Erkenntnis des nahenden Todes nachvollziehbar und hilfreich für alle Beteiligten aufgeschlüsselt.
Diese Definition der psychologischen Verarbeitung ist schließlich auch anwendbar auf jede Form der Verarbeitung von Verlust und Trauer; damit könnten sie theoretisch auch für jemanden, der sich gerade in der Verarbeitung befindet, hilfreich sein. Auch im Umgang mit jemandem, der durch eine der Phasen geht, stelle ich es mir wichtig vor zu wissen, was der letzte psychische Zustand, die letzte Phase, sein kann – um vielleicht helfen zu können, diese zu erreichen, also die anderen, die vorangehen, zu durchstehen.
Mein Interesse an Elisabeth Kübler-Ross wurde eigentlich nur dadurch geweckt, dass mir die fünf Phasen aus diversen Popkultur-Quellen bekannt sind, so etwa der Simpsons-Folge, in der Homer Kugelfisch gegessen hat:

Oder der Scrubs-Folge, in der JD mit einer Patientin zu tun hat, die durch die Phasen gehen muss – oder ist er es selbst?

Ich konnte daher nicht widerstehen, die Frau, die diese wichtige Einsicht hatte, vorzustellen. Leider hatte sie in anderer Hinsicht keine Einsicht, die ich teilen kann: Ihr Einsatz für Hospize ging nicht mit einer Pro-Sterbehilfe-Haltung einher, da sie der Ansicht gewesen zu sein scheint, das auch das lange Sterben dazu dienlich sei, „unfinished business“ abzuschließen. Dies kann ich nun so gar nicht nachvollziehen – in einem Moment, in dem der Todkranke die Phase der Akzeptanz erreicht hat, bereit ist zu gehen, aber noch weiteres körperliches Leid bis hin zu einem späten Tod vor sich hat, muss meiner Ansicht nach die Freiheit bestehen, über das eigene Leben/Sterben zu bestimmen und sich von Leid zu befreien.
Außerdem neigte sie gegen Ende ihres eigenen Lebens zu Mystizismus und Esoterik und glaubte wohl in ganz unübertragenem Sinn an Wiedergeburt; ebenso schade ist es, dass sie in diesem Glaubensrahmen das Vorwort für ein Buch schrieb, dessen Autor den Holocaust leugnet und nach deutschem Recht als Volksverhetzer gilt.
Um aber mit einer positiven Note zu enden, gebe ich noch ein Zitat von ihr wieder, dass nicht nur ich mir gerne zu Herzen nehmen darf: „In der Schweiz wurde ich nach dem Grundsatz erzogen: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Du bist nur ein wertvoller Mensch, wenn du arbeitest. Dies ist grundfalsch. Halb arbeiten, halb tanzen. Das ist die richtige Mischung! Ich selbst habe zu wenig getanzt und zu wenig gespielt.“ (Quelle: Wikipedia) Halb arbeiten, halb tanzen!
Die Hospizbewegung Arbeitsgemeinschaft Elisabeth Kübler-Ross hat eine Website, ihr Buch Interviews mit Sterbenden kann man bei amazon bestellen.