Schlagwort: anatomie

Elizabeth Abimbola Awoliyi

* 1910 • † 1971

Elizabeth Abimbola Awoliyi (Link Englisch) kam in Lagos, Nigeria, zur Welt und besuchte dort eine katholische Mädchenschule sowie das Queen’s College Lagos (Link Englisch). Von dort ging sie für ein Medizinstudium an die Universität Dublin (aufgrund der Kolonialbeziehung Großbritanniens zu Nigeria), wo sie 1938 ihren Doktortitel machte, als eine der besten Studentinnen und mit mehreren Auszeichnungen, unter anderem in Anatomie. Sie war damit die zweite Frau westafrikanischer Abstammung, die sich als Ärztin in orthodoxer Medizin qualifizierte, nach Agnes Yewande Savage; als erste Westafrikanerin erhielt sie eine königliche Lizenz als Chirurgin. Sie war Mitglied des Royal College of Physicians und des Royal College of Obstetricians and Gynaecologists, außerdem Diplomatin des Royal College of Paediatrics and Child Health.

Nach ihrem Studienabschluss ging sie zurück nach Nigeria und arbeitete als Gynäkologin (was auch die Geburtshilfe mit einschließt, auf Englisch grundsätzlich als Ob/Gyn bezeichnet) und Amtsärztin am Massey Street Hospital Lagos. Später wurde sie an diesem Krankenhaus Fachreferentin, 1960 bis 1969 war sie medizinische Leiterin dort. 1962 bestellte das Gesundheitsministerium Nigerias sie als leitende Spezialistin für Gynäkologie und Geburtshilfe.

Sie war außerdem die erste Präsidentin der Abteilung Lagos des National Council of Women Societies und Teil des nationalen Komittees. In der Frauensozialarbeit war sie inbesondere für Familienplanungskliniken aktiv.

Dieser Artikel (Link Englisch) zeichnet ihre Biografie als Heldin des nigerianischen Gesundheitswesens nach.

Marguerite Hessein de La Sablière

* ~ 1636-1640 • † 8. Januar 1693

Marguerite Hessein wurde in eine wohlhabende Familie des Hugenotten-Adels in Paris geboren, sowohl ihr Vater wie der Vater ihrer Mutter waren im Finanzwesen tätig. Sie erfuhr bereits in der Kindheit und Jugend eine klassische Bildung durch einen Onkel mütterlicherseits. Mit etwa 14 Jahren wurde sie mit Antoine Rambouillet de La Sablière verheiratet, einem Hugenotten mit gleichem Hintergund im Finanzwesen, der sich jedoch auch als Dichter hervortat. Sie bekam mit ihm drei Kinder, doch nach etwa zehn Jahren Ehe wurde sein Verhalten für sie unerträglich, er betrog sie und übte wahrscheinlich psychische und körperliche Gewalt aus. Bei der Scheidung, die ihn als Schuldigen anerkannte, wurde ihr die Mitgift sowie ein jährlicher Unterhalt zugesprochen. Mit dieser wirtschaftlichen Sicherheit ließ sie sich in der Rue Neuve-des-Petits-Champs nieder, wo sie 1669 ihren Salon öffnete.

Aufbauend auf der Bildung, die sie in ihrer Jugend genossen hatte, begann sie ein Unversalstudium und zog herausragende Wissenschaftler als Tutoren heran. Gilles Personne de Roberval unterrichtete sie in Mathematik, Joseph Sauveur in Geometrie, Barthélemy d’Herbelot in Anatomie. Sie besuchte öffentliche Vorlesungen zu diesem Thema von Joseph Guichard Du Verney und beteiligte sich aktiv an den astronomischen Forschungen von Jacques Cassini. Ihren literarischen Salon besuchten Molière, Jean Racine und die Marquise de Sévigné, auch Fontenelle, Pierre Daniel Huet und Christina von Schweden zählten zu ihren Gästen. Der Arzt und Philosoph François Bernier, der ebenfalls zu ihren Lehrern zählte, widmete ihr seine Zusammenfassung der Werke Pierre Gassendi. Mit ihrem breiten Spektrum an Interessen und Themen, in denen sie versiert war, galt sie zu ihrer Zeit als Universalgelehrte. Ihre prominente Position brachte ihr natürlich auch negative Aufmerksamkeit ein: Der zeitgenössische Satirendichter Nicolas Boileau machte sich in Satire contre les femmes über sie als ‚Blaustrumpf‚ lustig und karikierte ihren Ehrgeiz auf dem Gebiet der Astronomie; sie verliere bei der Beobachtung des Jupiter mit einem Astrolabium ihre Sehfähigkeit und die nächtliche Arbeit wirke sich nachteilig auf ihren Teint aus. Charles Perrault, der Boileau auch aufgrund der Streitigkeiten um die Überlegenheit der Moderne über die Antike nicht freundlich gesinnt war, verteidigte de La Sablière, sie sei nicht nur talentiert, sondern auch bescheiden genug, ihre Fähigkeiten nicht zu Schau zu stellen. (Denn auch wenn Frauen etwas können, sollen sie doch gefälligst nicht damit hausieren gehen.)

Zu zwei Literaten pflegte sie besondere Beziehungen. Der Fabeldichter Jean de La Fontaine war ihr Freund und Schützling; er unterrichtete sie in Naturgeschichte und Philosophie, sie ließ ihn nach dem Tod seiner vorherigen Schirmherrin 1673 bei sich wohnen und erlöste ihn damit von wirtschaftlichen Sorgen. Der Dichter verehrte sie nicht nur als Mäzenin und Freundin; er widmete ihr die Fabel ‚Der Rabe, die Gazelle, die Schildkröte und die Ratte‚, deren Moral es ist, dass jede:r Helfende bei einer gemeinsamen Aufgabe in gleichem Maße wichtig ist. Zum Abschluss der Fabel brachte er seine Gefühle ihr gegenüber zum Ausdruck:

Der Preis gebührt dem Herzen, ging’s nach mir.
Freundschaft, wohin kann sie sich nicht aufschwingen!
Das andere Gefühl, die Liebe – mindrer Ehr’
scheint sie mir wert; dennoch ermüd’ ich nimmermehr,
zu feiern sie und zu besiegen.
Ach, meinem Herzen kann sie keinen Frieden bringen!
Du ziehst die Freundschaft vor – von jetzt an stellt
in ihre Dienste sich mein Lied, wie’s auch ausfällt.
Mein Meister war Amor; mit einem andern wagen
und seinen Ruhm durch alle Welt
will ich wie auch den deinen tragen.

Wikipedia

Er nannte sie in seinen Texten ‚Iris‚ und blieb ihr treu in Freundschaft ergeben, während sie eine Affäre mit dem leichtlebigen Poeten Charles de La Fare einging.

Als 1679 ihr Ex-Ehemann starb, konnte Hessein de La Sablière zwar wieder mit ihren drei Kindern Kontakt aufnehmen, die beim Vater verblieben waren, doch ihr ging gleichzeitig der Unterhalt verloren. Im Folgejahr endete auch ihre Beziehung zu de La Fare unglücklich, als sich seine zahlreichen anderen Liebeleien in ihrer Gesellschaft herumsprachen. Die Salonière erlitt eine seelische Krise, die auch eine moralphilosophische wurde. Sie zog zunächst in eine bescheidenere Unterkunft, in die sie noch ihre Katze, ihren Hund und Jean de La Fontaine mitnahm – ihre „drei Haustiere“, soll sie sie genannt haben. Immer stärker wandte sie sich dem Katholizismus zu, begann einen Briefwechsel mit dem Mönch Armand Jean Le Bouthillier de Rancé und arbeitete freiwillig im Hospiz für unheilbar Kranke. Schließlich bezog sie eine kleine Wohnung auf dem Gelände des Hospiz, in die ihr de La Fontaine nicht folgen konnte.

Vom gesellschaftlichen Leben zog sie sich gänzlich zurück, stattdessen schrieb sie allerdings – neben der tiefschürfenden Korrespondenz mit Rancé – zwei Werke über ihre Moralphilosophie, Maximes Chrétiennes (Christliche Maxime) und Pensées Chrétiennes (Christliche Gedanken). In diesen befasste sie sich kritisch mit den Tugenden und Leidenschaften des christlichen Glaubens und argumentierte, dass eine vollständige Erkenntnis der Existenz Gottes allein durch das Abwerfen sowohl des Intellektes wie der Vorstellungskraft möglich sei. Eine Wahrnehmung Gottes sei nicht zu erreichen über Bilder oder Konzepte, sondern nur darüber, sich gänzlich von der Welt und ebenso von einer Wahrnehmung des eigenen Selbst zu lösen.

Entgegen der Bitten ihrer geistlichen Berater trennte sie sich nicht von ihrem Teleskop, bis zu ihrem Lebensende blieb sie an den Wissenschaften interessiert, pflegte ihre Bibliothek und beobachtete die Sterne. Als sie starb, war sie noch keine 60 Jahre alt.

Ihre Maximes Chrétiennes wurden erst 1705 anonym in einer Edition der Réflections ou Sentences et maximes morales von François de La Rochefoucauld herausgebracht, die Pensées Chrétiennes mit einem falschen Autorennamen, de La Sablé, versehen. Erst ihr Biograf Samuel Menjot d’Elbenne konnte das Werk korrekt zuweisen – indem er es mit der Korrespondenz der Autorin M.D.L.S. mit Rancé verglich, in der die drei Kinder de La Sablière namentlich genannt wurden. So wurden ihre zwei Schriften sowie ihr Briefwechsel mit dem Mönch erst 1923 gemeinsam unter dem korrekten Namen veröffentlicht.

Die Internet Encyclopedia of Philosophy bietet eine Biografie, aber vor allem eine ausführliche Erörterung ihrer Moralphilosophie (Link Englisch). Die Zahlen und Reihenfolge der Ereignisse ist nicht ganz deckungsgleich mit dem deutschen und/oder englischen Wikipedia-Beitrag. Letzterer schreibt ihr immerhin auch noch möglicherweise die Idee zu, zuerst Milch in die Tasse zu gießen, vor dem heißen Tee, damit das feine Porzellan nicht zerspringe.

4/2020: Gertrude B. Elion, 23. Januar 1918

Die Eltern von Gertrude B. Elion waren als Kinder in die USA eingewandert, ihre Mutter aus Polen, ihr Vater stammte aus einer jüdischen Familie in Litauen. Er war Zahnarzt in New York, verlor jedoch sein gesamtes Vermögen am Schwarzen Donnerstag, den 24. Oktober 1929 (dazu gehört in der Folge auch der Schwarze Dienstag, der 29.Oktober; dass dieses Ereignis in Deutschland als Schwarzer Freitag bekannt ist, liegt daran, dass durch die Zeitverschiebung der Absturz des Börsenkurses in unseren Breiten in den frühen Morgenstunden des Freitag stattfand). Doch da Getrude hervorragende Noten hatte, konnte sie ohne Studiengebühren am Hunter College Chemie studieren. Sie hatte bereits mit 15 beschlossen, in der Krebsforschung zu arbeiten, nachdem ihr Großvater an Krebs gestorben war. 1937, mit 19 Jahren, machte sie als einzige Frau vor 1939 ihren Bachelor an der New Yorker Universität. Da sie keine Anstellung als Chemikerin fand, schloss sie ein Studium zum Master of Sciences an, während sie tagsüber als High-School-Lehrerin arbeitete. Später äußerte sie die Vermutung, dass sie als junges Mädchen überhaupt nur eine Hochschulbildung genießen konnte, weil sie dank guter Noten umsonst studieren konnte – sie bewarb sich fünfzehn Male um finanzielle Unterstützung, doch alle wurden aufgrund ihres Geschlechtes abgelehnt. Sie hatte sich bereits in einer Schule für Sekretärinen eingeschrieben und diese sechs Wochen besucht, bevor sie eine bezahlte Stelle fand. (Quelle: Wikipedia) 1941 machte sie ihren Abschluss als M.Sc., im gleichen Jahr verlor sie ihren Verlobten durch eine bakterielle Endokarditis, eine Herzentzündung. Nach eigener Aussage verstärkte dies ihren Wunsch, Pharmakologin zu werden.

Da sie keine Arbeit in der akademischen Forschung fand, arbeitete sie zunächst in der Lebensmittelforschung, namentlich bei der Supermarktkette A&P; dort prüfte sie als Qualitätsmanager den Säuregehalt der Gurken und Eidotter, die in Mayonaise verarbeitet wurden. Erst drei Jahre später, 1944, konnte sie bei Burroughs Wellcome & Company (heute GlaxoSmithKline) als Laborassistentin tätig werden. Sie arbeitete hier mit dem Biochemiker George Herbert Hitchings zusammen an „rationaler Wirkstoffplanung“: Statt sich auf trial & error zu verlassen, also zu experimentieren und aus den gescheiterten Experimenten zu lernen, untersuchte das Team aus Hitchings, Elion und James W. Black die Unterschiede zwischen menschlichen Zellen und Krankheitserregern, um von vorneherein Wirkstoffe herzustellen, die nur die Erreger zerstörten und nicht gesundes menschliches Gewebe angriffen.

In ihrer Zeit bei Burroughs Wellcome & Company, zwischen 1944 und 1983, war sie an der Entwicklung diverser Medikamente beteiltigt, etwa Zytostatika zur Behandlung von Leukämie, einem Mittel zur Behandlung von Malaria, und dem ersten Immunsuppressivum, das nach Organtransplantationen zum Einsatz kommt. Besonders hervorzuheben unter Elions Forschungsergebnissen ist jedoch Aciclovir, das bei Infektionen mit Viren der Art Herpes Simplex gegeben wird. Nachdem sie sich bereits als Mitarbeiterin von inzwischen GlaxoSmithKline zur Ruhe gesetzt hatte, war sie auch an der Weiterentwicklung von AZT (Zidovudin) beteiligt, das erste Medikament, das zur Behandlung von AIDS eingesetzt wurde und noch heute zur antiretroviralen Therapie bei HIV1-infizierten Patienten gehört.

1967 wurde sie zur Leiterin der Abteilung für Experimentelle Therapie bei GlaxoSmithKline. Sie machte auch erste Schritte hin zu einem Doktortitel, doch war ihr die praktische Forschung im Unternehmen wichtiger als der akademische Grad, und so promivierte sie nie. Nachdem sie jedoch 1988 gemeinsam mit Hitchings den Nobelpreis für Physiologie und Medizin (für die „Entdeckung zu wichtigen biochemischen Prinzipien der Arzneimitteltherapie“) erhalten hatte, verlieh ihr die Polytechnic University of New York 1989 die Ehrendoktorwürde, neun Jahre später folgte auch die Harvard University.

Die Liste ihrer Auszeichnungen ist lang. Im direkten Anschluss an ihre Pensionierung war sie Präsidentin der American Association for Cancer Research, und im beruflichen Ruhestand forschte sie weiter nach Mitteln gegen HIV und AIDS. Sie war die fünfte weibliche Nobelpreisträgerin für Medizin und die neunte weibliche überhaupt. Sie wurde in den Jahren 1990 und 1991 zum Mitglied der National Academy of Sciences, der National Academy of Medicine und der American Academy of Arts and Sciences, erhielt (unter anderem) die US-amerikanische National Medal of Science und wurde in die National Inventors Hall of Fame und die National Women’s Hall of Fame aufgenommen.

1999 starb sie im Alter von 91 Jahren.

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Ebenfalls diese Woche

21. Januar 1714: Anna Morandi Manzolini
Ihre ersten zwanzig Wachsmodelle von menschlichen Organen waren die unterschiedlichen Ausbildungen des Uterus während einer Schwangerschaft. Manzolini wurde weltbekannt für ihre exakten Wachsnachbildungen menschlicher Anatomie, später lehrte sie auch als Honorarprofessorin an der Universität Bologna.

22. Januar 1909: Tikvah Alper (Link Englisch)
Die südafrikanische Physikerin studierte 1930-1932 bei Lise Meitner. Sie entdeckte, dass der Scrapie-Erreger, bei uns auch Traberkrankheit, keine Nukleinsäuren enthält und sich nicht durch Strahlung vernichten lässt. Die Schlussfolgerung, dass es sich nicht um einen Virus handeln konnte, führte zur Entwicklung der Prionentheorie.

24. Januar 1904: Berta Karlik
Die österreichische Physikerin wies in den 1940er Jahren die drei Isotope 215, 216 und 218 des Elementes Astat nach.

26. Januar 1839: Rachel Lloyd (Link Englisch)
1886 war sie die erste Amerikanerin, die einen Doktortitel in Chemie erhielt – an der Universität Zürich – und die zweite Frau in diesem Gebiet überhaupt nach Julia Lermontowa.

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§219a!