Schlagwort: bakteriologie

47/2020: Frances Gertrude McGill, 18. November 1882

Frances Gertrude McGill (Link Englisch) war die Tochter zweier Kanadier irischer Abstammung; ihre Mutter, eine Lehrerin, hatte zwischen zwei Anstellungen als Lehrerin (eine in Kanada, eine in Neuseeland) einmal die Welt umrundet. Frances hatte zwei ältere Brüder und eine jüngere Schwester.

Als sie 17 Jahre alt war, tranken ihre Eltern auf einer Marktveranstaltung Mitte des Jahres typhusverseuchtes Wasser und starben beide im Laufe des Septembers 1900 binnen zehn Tagen an den Folgen der Infektion. Ihr ältester Bruder musste die Farm weiterführen, bis alle McGill-Geschwister die Schule abgeschlossen hatten. Frances machte zunächst eine Ausbildung zur Lehrerin, um sich ein akademisches Studium finanzieren zu können; hatte sie anfangs ein Jurastudium ins Auge gefasst, entschied sie sich schließlich doch für die Medizin. Sie erreichte dabei so gute Noten, dass sie sich den Großteil des Studiums mit Stipendien finanzieren konnte, und machte 1915, mit 33 Jahren, ihren Doktortitel der Medizin mit mehreren Auszeichnungen an der University of Manitoba. Damit war sie unter den ersten weiblichen Studentinnen, die dort diesen Abschluss erreichten. Sie absolvierte ein Praktikum am Winnipeg General Hospital und besuchte danach ein Aufbauprogramm im Landeslabor von Manitoba, wo sie eine Ausbildung in der Pathologie machte.

Da sie eine wachsende Expertise in Bakteriologie vorweisen konnte, wurde McGill 1918 zur Bakteriologin des Gesundheitsamtes von Saskatchewan berufen. Sie zog nach Regina, der Provinzhauptstadt, und arbeitete in einem Büro mit angeschlossenem Labor im Gerichtsgebäude der Provinz Saskatchewan. In dieser Funkion war sie unter anderem verantwortlich für die dortigen Maßnahmen des Gesundheitsamtes zur Zeit der Spanischen Grippe; möglicherweise war sie an der Entwicklung von Impfstoffen (Link Englisch) beteiligt (der Wikipedia-Beitrag behauptet jedenfalls, sie habe für mehr als 60.000 Saskatchewans Impfungen bereitsgestellt – dies waren wahrscheinlich Impfungen nicht gegen den Virus selbst, sondern gegen drei verschiedene Bakterien, die den Verlauf als Sekundärinfektionen tödlicher machten). Auch das Eindämmen der Geschlechtskrankheiten, mit denen die kanadischen Soldaten des Ersten Weltkrieges in großer Zahl nach Hause zurückkehrten, waren ihre Aufgabe.

1920 wurde Frances McGill zur Leitenden Pathologin der Provinz Saskatchewan ernannt, eine Position, die sie in den folgenden 22 Jahren innehaben sollte. Zwei Jahre später übernahm sie auch die Leitung des Labors der Provinz und arbeitete in dieser Funktion nicht nur mit der Polizei, sondern auch mit der nationalen Royal Canadian Mounted Police (RCMP) zusammen. In deren Auftrag untersuchte McGill Todesfälle mit ungeklärter oder verdächtiger Todesursache, und reiste dafür viel und in zum Teil extrem abgelegene Gebiete; so erreichte sie ihren Einsatzort einige Male mit dem Schneemobil dem Hundeschlitten oder Wasserflugzeugen; bis zu 43 Fälle untersuchte sie im Jahr und kam sogar bis in den nördlichen Polarkreis. Sie erarbeitete sich den Ruf einer fachkundigen und sorgfältigen Kriminologin und wurde bekannt als `Sherlock Holmes of Saskatchewan´, auch wenn sie bei der Polizei vor allem `Doc´ genannt wurde. Den grausamen und tragischen Inhalten ihrer Arbeit hielt sie mit einem unerschütterlichen Sinn für Humor stand. Ihr Motto soll gelautet haben `Denke wie ein Mann, benimm dich wie eine Dame und arbeite wie ein Tier.´(`Think like a man, act like a lady, and work like a dog.´) Quelle: Wiki Englisch)

Vor Gericht trat McGill als eindrucksvolle, sachliche Zeugin auf – wenn sie wohl auch einen Hang zur Dramatik hatte*. Mit dem damaligen Strafverteidiger und späteren Premierminister Kanadas John Diefenbaker lieferte sie sich zum Teil eindrucksvolle Wortgefechte. „Stellen Sie mir vernünftige Fragen, Mr. Diefenbaker, und ich gebe Ihnen vernünftige Antworten!“, soll sie einmal zu ihm gesagt haben. (Als grundsätzlich konservativ eingestellte Person unterstützte sie später jedoch Diefenbakers Wahlkampf und Politik.)

Während der Weltwirtschaftskrise stellte sie ihr Talent unter Beweis, mit begrenzten Mitteln effektiv zu arbeiten – sie führte Labortests im Wert von 122.000$ aus, schaffte es jedoch, die Kosten jedoch unter 17.000$ zu halten. Mit Überstunden und Mehrarbeit am Wochenende unterstützte sie in den 1930er Jahren die RCMP dabei, ein erstes eigenes Forensiklabor einzurichten. Als dieses 1937 dann offiziell eröffnet werden sollte, wurde ihr – trotz ihrer offensichtlichen Eignung dafür – nicht die Rolle der Direktorin angeboten. Da das Labor ihr jedoch stattdessen einiges an Arbeit als Pathologin und Kriminologin abnahm, widmete sie sich anderen Gebieten, etwa der Entwicklung eines Impfstoffes gegen Kinderlähmung. Außerdem spezialisierte sie sich auf Allergien und eröffnete in ihrer Wohnung eine Privatklinik für Allergiker, mit Öffnungszeiten nach den regulären Arbeitszeiten (`after hours´).

Mit 60 Jahren setzt sie sich 1942 von ihrer Position als Leitender Pathologien der Provinz Saskatchewan zur Ruhe; in ihrer Laufbahn hatte sie bis dahin um die 64.000 Laboruntersuchungen durchgeführt. Sie reiste und traf sich mit Freunden, nur ihre Allergieklnik betrieb sie weiterhin. Nur wenige Monate nach ihrem Abschied vom Gesundheitsamt hob sie ein Projekt aus der Taufe, um Vorschulkinder in Saskatchewan taufen zu lassen, das in der ganzen Provinzhauptstadt Impfkliniken ins Leben rief.

Im Folgejahr starb der bisherige Direktor des Forensischen Labors der RCMP bei einem Flugzeugunglück, woraufhin die Postition nun doch an McGill herangetragen wurde. Sie akzeptierte dieses Angebot würdevoll, begrenzte ihre Arbeitszeit jedoch auf Teilzeit, um ihre Nachmittage weiterhin den Allergikern in ihrer Privatklinik zur Verfügung zu stehen. Für die RCMP untersuchte sie nun wieder ungeklärte Todesfälle in Saskatchewan, sie hielt aber auch Lesungen und Trainings für junge Polizisten und Kriminalbeamte ab. Dabei zeigte sie ihnen, wie sie Blutspuren identifizieren, Tatorte analysieren und Spuren und Beweise sammeln sowie fachgerecht lagern konnten. Sie gab ihren Trainingsteilnehmern mit: „Glauben Sie nicht alle Sterbeurkunden, die Sie sehen. Es gibt keinen Grund, warum ein herzkranker Mann nicht auch an Strychnin-Vergiftung gestorben sein kann.“

Bis Anfang 1946, sie war inzwischen 64 Jahre alt, war McGill schließlich in Pension gegangen. Im Januar dieses Jahres wurde sie von der RCMP zum Honorary Surgeon (Ehren-Chirurg) ernannt – sie war die erste Frau mit diesem Titel und die erste Ärztin, die öffentlich als Mitglied der RCMP anerkannt wurde. Sie setzte sich jedoch mitnichten gänzlich zur Ruhe, sondern blieb der RCMP als Beraterin erhalten und bot weiterhin Lesungen an und nahm Prüfungen ab. Ihre Unterrichtsunterlagen waren so wohlformuliert, dass sie 1952 als Lehrbuch herausgegeben wurden. Da ihr Ruf ihr nicht nur in Kanada, sondern auch Übersee Aufmerksamkeit eingebracht hatte, durfte sie bei einem Besuch in London im gleichen Jahr sogar die Forensischen Labors des Scotland Yard inspizieren.

Noch 1956 schrieb ein US-amerikanisches Detektiv-Magazin eine Geschichte über sie, woraufhin ein Brief aus New York sie erreichte: Eine Frau bat sie um Aufklärung des Todes ihres Bruders. McGill wurde selbst nicht mehr aktiv, half der Frau jedoch, indem sie ihr Ratschläge gab, wie sie das FBI zu einer Exhumierung des Leichnams bringen konnte.

Nach einer Brustkrebsdiagnose und einer Rippenfellentzündung starb Frances Gertrude McGill am 21. Januar 1959 mit 77 Jahren. Ein See nördlich des Athabascasees ist nach ihr benannt.

*Mit der Obduktion von Leichen ungeklärter Fälle überführte sie zahlreiche Täter, sprach jedoch auch einige Unschuldige frei. Weil ich typischerweise ein Faible für derartige Details habe, hier auch die drei Fälle, die der Wikipedia-Beitrag näher schildert.
Im `Lintlaw case´untersuchte sie den Tod eines Farmers, der mit einer Schusswunde aufgefunden worden war. Blutspuren im Raum und die Tatwaffe, die in einem Silo gefunden wurde, wiesen auf Mord hin; ein Nachbar wurde verhaftet, der Blutspuren an seiner Kleidung nicht zufriedenstellend erklären konnte. McGill untersuchte die Leiche des Farmers genauer als der städtische Arzt und stellte aufgrund des Eintrittswinkels des Geschosses fest, dass der Mann Selbstmord begangen haben könnte. Anhand seines Mageninhaltes bewies sie, dass er tatsächlich nach dem Schuss noch lange genug gelebt hatte, um Blutspuren im Haus zu verteilen und die Waffe selbst zu verstecken. Ihr Widerspruch gegen den ersten Verdacht führte dazu, dass die Polizei auch aufklärte, dass der Mann an Depressionen gelitten und Waffe und Munition kurz vor seinem Tod selbst gekauft hatte. Mit diesem Fall machte sich McGill einen Namen bei der RCMP und wurde anschließend regelmäßig zur Untersuchung rätselhafter Tode hinzugezogen.
Der `Northern Trapper case´1933 war ein umgekehrter Fall, in dem ein Trapper verschwand. In seiner Hütte fanden sich Blutspuren und eine Kugel, die in die Holzbohlen der Wand eingedrungen war. Sein ehemaliger Partner wurde eineige Zeit später verhaftet, der auch zugab, den Mann erschossen zu haben, allerdings nicht mit Absicht. Die Überreste des Toten wurden gefunden und McGill setzte den zertrümmerten Schädel wieder zusammen. Dabei fand sie heraus – anhand des Eintrittswinkels des Geschosses und schwarzer Pulverspuren am Knochen – dass der Mann im Schlaf mit aufgesetzter Waffe erschossen worden war. Den Schädel holte sie bei ihrer Aussage vor Gericht aus ihrer Handtasche, was bei den Anwesenden für einiges Aufsehen sorgte. Ein Gerichtsreporter schrieb über sie, dass sie manches Mal die Beweisstücke mit der `Dramatik eines Magiers´zum Vorschein brachte.
Im `South Poplar case´ schließlich konnte sie den Verdacht auf Mord abweisen – ein Mann war erfroren aufgefunden worden, doch auch mit eingeschlagenem Schädel. Bei ihrer Unterscuhung des Schädels fand McGill jedoch heraus, dass der Mann an Rachitis (CN Bilder) gelitten hatte. Die Aussage eines Fernfahrers, der mit dem Mann Alkohol getrunken hatte, fügte das letzte Puzzleteil ein: Der Tote war erfroren, durch den Alkoholkonsum war vor seinem Tod die Blutzufuhr zum Kopf verstärkt worden, und in der eisigen Kälte hatte sich das Blut im Schädel ausgedehnt. Der von Rachitis geschwächte Knochen hatte dem Druck nicht standhalten können, sodass der Schädel geradezu geplatzt war – nachdem der Mann bereits den Kältetod erlitten hatte.

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Ebenfalls diese Woche

19. November 1845: Agnes Giberne (Link Englisch)
Diese Autorin des viktorianischen England schrieb 130 Bücher, darunter mehrere Kinderbücher, die in verschiedene Wissenschaften einführen sollte. Ihr bekanntestes Werk ist Sun, Moon and Stars von 1879, über Astronomie.

35/2020: Flossie Wong-Staal, 27. August 1946

Flossie Wong-Staal kam als Wong Yee-ching in Guangzhou, China, zur Welt. Nachdem 1949 die Kommunistische Partei Chinas den Bürgerkrieg gewonnen hatte, flohen viele Chinesen nach Hongkong, so auch Wongs Familie im Jahr 1952. Dort besuchte Yee-ching eine römisch-katholische Eliteschule, an der sie besonderes Interesse an und hervorragende Leistungen in den Naturwissenschaften zeigte. Ihre Lehrer empfahlen ihr, nach dem Abschluss für ein Studium in die USA zu gehen und sich dafür einen englischen Namen zuzulegen. Sie wollte keinen gewöhnlichen Namen, also wählte ihr Vater den Namen Flossie für sie nach einem Typhoon (oder mehreren), der China getroffen hatte.

Als Flossie Wong begann die 18-jährige 1964 ihr Studium an der University of California, Los Angeles, in dem sie vier Jahre später ihren Bachelor of Science in Bakteriologie machte, weitere vier Jahre arbeitete sie anschließend auf ihren Doktortitel in Molekularbiologie hin. Sie heiratete in dieser Zeit ihren Kommilitonen Stephen P. Staal und promovierte als Flossie Wong-Staal 1972 mit einer Dissertation über die Unterschiede im Ergbut von mutierten und wildlebenden Tabakpflanzen.

Im folgenden Jahr schloss sie sich in Bethesda, Maryland, dem Virologen Robert Gallo am National Cancer Institute an, um an Retroviren zu forschen, die zu diesem Zeitpunkt noch eine Theorie waren. Insbesondere die Vorstellung, dass Krebs von Viren ausgelöst werden könnte, wurde von der Wissenschaft größtenteils abgelehnt. Das Team um Gallo entdeckte jedoch 1980 die Viren HTLV-1 und HTLV-2 (Humanes T-lymphotropes Virus 1 und 2) als Auslöser von Krebsformen; Wong-Staal war nach der Isolation des Virus für die Sequenzierung seines genetischen Aufbaus verantwortlich. Diese Viren hatten Eigenschaften mit einem neuen Virus gemein, das sich zu dieser Zeit in den USA ausbreitete, nämlich die sexuelle Übertragbarkeit und den Befall der T-Lymphozyten, dem sich das Team folgerichtig als mögliches HTLV-3 widmete. Wong-Staal übernahm 1982 die Leitung der Abteilung für Molekulargenetik der Hämatopoetischen Stammzellen am NCI, ein Jahr später gelang es ihr und Gallo, das HTLV-3 als HI-Virus und Auslöser von AIDS zu identifizieren. Zur gleichen Zeit wurde in Frankreich das Virus als LAV identifiziert, von Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi (die ich in der KW 31/2020 kurz erwähnte). Die genauen Abläufe, wer welche Erkenntnisse zu welchem Zeitpunkt eigenständig hatte oder eventuell Ergebnisse gestohlen oder sich angeeignet hatte, wurden zum langwierigen Rechtsstreit zwischen den Wissenschaftlern.

Einen weiteren entscheidenden Schritt in der Erforschung des HI-Virus machte Wong-Staal bereits im nächsten Jahr, 1984, als sie die Molekularstruktur des Virus analysierte und es klonte. Sie trug damit bei zu einem besseren Verständnis seiner langen Latenzzeit, warum also nach einer HIV-Infektion so lange Zeit vergeht, bis die Erkrankung AIDS ausbricht. Ebenso war die Kenntnis seiner Struktur eine wichtige Grundlage für die Entwicklung eines ersten Tests, der eine Infektion im Blut nachweisen konnte.

Im Jahr 1990 war Flossie Wong-Staal die am vierthäufigsten zitierte Wissenschaftlerin unter 45 Jahren. Sie kehrte nach Kalifornien zurück, um an der University of California San Diego den ‚Florence-Seeley-Riford-Lehrstuhl für AIDS-Forschung zu übernehmen. Hier konzentrierte sie sich auf die Erforschung der Gene des HI-Virus, die für die Reproduktion und Aktivität verantwortlich sind; diese Erkenntnisse sollen zur Entwicklung eines Impfstoffes beitragen. Im Zusammenhang mit dieser Arbeit war sie 1992 Mitbegründerin des Pharmazeutikunternehmens Immusol.

Als 1994 das Center for AIDS Research (CFAR, Link Englisch) der Universität in San Diego gegründet wurde, übernahm Wong-Staal die Leitung der Institution. Auch hier war die endgültige Heilung einer HIV-Infektion das Ziel der Forschung; am CFAR zielte Wong-Staal auf eine mögliche Gentherapie ab, bei der Ribozyme (RNA-Moleküle, die sich wie Enzyme verhalten, also andere Moleküle spalten) als ‚molekulares Messer‘ auf die genetische Strutur des HI-Virus angesetzt werden, um das Virus in Stammzellen zu unterdrücken.

Erklärung der Funktionsweise von Gentherapie (Swiss Academy of Sciences SCNAT)

Außerdem war sie mit ihrem Team beteiligt an der Erforschung des Tat-Proteins (Link Englisch), einem Protein spezifisch für HIV-1, und welche Wirkung es auf das Wachstum in Zellen des Kaposi-Sarkoms (CN Bilder) hat, einer Form des Hautkrebs, die besonders AIDS-Patienten befällt. Ihre Erkenntnisse führten zur Entwicklung von Behandlungen gegen dieses Symptom.

Mit 56 Jahren setzte sich Flossie Wong-Staal 2002 von ihrer Lehrtätigkeit an der Universität zur Ruhe, sie behielt jedoch ihre Position als Forschungsprofessorin bis zu ihrem Tod inne. In diesem Jahr wurde sie vom Discover Magazin als eine der ’50 Most Important Women in Science‘ (Link Englisch)*) gelistet. Sie wurde Chief Scientific Officer in ihrem Unternehmen Immusol, als sich der Schwerpunkt des Unternehmens auf Medikamente und Impfstoffe gegen Hepatitis C verlagerte, veranlasste sie eine Umfirmierung als iTHerX Pharmaceuticals.

2007 nannte der Daily Telegraph sie als 32. der ‚Top 100 of Living Geniuses‘, 2019 wurde sie in die National Women’s Hall of Fame aufgenommen. Sie verstarb erst vor kurzem, am 8. Juli 2020, im Alter von 73 Jahren – an einer Lungenentzündung, die nicht im Zusammenhang mit dem Corona-Virus SARS-CoV-2 stand. Die New York Times schrieb einen Nachruf, in dem ihr Kollege (und zeitweise auch privater Partner) Robert Gallo einige Einblicke in ihre Persönlichkeit gewährt.

In diesem sehr ausführlichen Interview von 1997 für das Oral History Archiv der National Institutes of Health (NIH) geht es zwar teilweise in sehr anspruchsvollem Fachenglisch um wissenschaftliche Aspekte ihrer Forschung und einige innerbehördliche Faktoren, Wong-Staal erzählt jedoch auch von ihrer Perspektive auf den Konflikt um die Erstentdeckung des HI-Virus, außerdem erwähnt sie Anthony Fauci und seine wichtigen Erkenntnisse bezüglich der Behandlung von AIDS und betont, wie wichtig der wissenschaftliche Austausch zwischen allgemeiner Medizinforschung und der spezifischen Erforschung einzelner Erreger ist. So dienen auch gerade jetzt viele der Erkenntnisse der Virologin zum HI-Virus als Grundlage der Erforschung von SARS-CoV-2 und der Entwicklung eines möglichen Impfstoffes.

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Ebenfalls diese Woche

24. August 1862: Zonia Baber (Link Englisch)
Die US-amerikanische Geowissenschaftlerin entwickelte moderne Lehrmethoden für Geografie und Geologie.

24. August 1890: Margaret Levyns (Link Englisch)
Vegetationsgeografie, Botanik und Taxonomie waren die Gebiete dieser Südafrikanerin, die als erste Frau einen Doktortitel an der Universität Kapstadt verliehen bekam.

24. August 1942: Karen Uhlenbeck
Im vergangenen Jahr (2019) wurde dieser US-amerikanischen Mathematikerin als erster Frau der Abelpreis verliehen.

26. August 1862: Marion Bidder (Link Englisch)
Als erste Frau hielt diese britische Physiologin 1895 einen Vortrag vor einer Royal Society.

26. August 1881: Alice Wilson
Sie arbeitete als erste Frau in Kanada auf dem Gebiet der Geologie; zeit ihres Lebens hatte sie mit sexistischer Benachteiligung zu kämpfen.

26. August 1918: Katherine Johnson
Auf ihrer Geschichte – neben der ihrer Kolleginnen Dorothy Vaughan und Mary Jackson – beruht der Film Hidden Figures (auch bei Filmlöwin rezensiert). Die Mathematikerin trug mit ihren Berechnungen zum erfolgreichen Ablauf des Mercury-Programms und der Apollo-11-Mission bei.

29. August 1863: Margaret Clay Ferguson (Link Englisch)
Die US-amerikanische Botanikerin war 1929 die erste weibliche Präsidentin der Botanical Society of America (Link Englisch).

*) 6 von den Frauen (mit Flossie Wong-Staal: 7) habe ich hier auf frauenfiguren auch bereits besprochen:
Shirley Ann Jackson
Barbara Liskov
Shannon Lucid
Vera Rubin
Emmy Noether
Cecilia Payne-Gaposchkin

22/2020: Claudia Alexander, 30. Mai 1959

Claudia Alexander (Link Englisch) kam in Vancouver in Kanada, zur Welt, wuchs jedoch in Santa Clara (Kalifornien), auf. Ihr eigentlicher Berufswunsch war Journalistin, doch ihre Eltern – eine Bibliothekarin und ein Sozialarbeiter – finanzierten das Studium und wollten, dass sie Ingenieurin werde. Sie fügte sich und arbeitete in einem Nebenjob in den Sommerferien im Ames Research Center, einem Forschungscenter der NASA. Dort arbeitete sie in der technischen Abteilung, doch sie begann sich auch für die Planetologie zu interessieren; sie schlich sich also in die wissenschaftliche Abteilung, um dort auszuhelfen, und stellte fest, dass ihr die Arbeit dort besser gefiel und leichter von der Hand ging.

So machte sie 1983 ihren Bachelor-Abschluss an der University of California, Berkeley, in Geophysik, weil sie dieses Fach für eine gute Basis in der Planetologie hielt. Zwei Jahre später machte sie ihren M.A. in Geo- und Astrophysik an der University of California, Los Angeles. In ihrer Abschlussarbeit untersuchte sie die Auswirkungen des magnetischen Zyklus der Sonne und der Sonnenwinde auf die Ionosphäre der Venus. Bis ins Folgejahr 1986 war sie sowohl am United States Geological Survey tätig, in der Erforschung von Plattentektonik, wie am Ames Research Center bei der Beobachtung der Jupitermonde. 1987 wechselte sie zur NASA, wo sie im Labor für Düsenantriebe zunächst als wissenschaftliche Koordinatorin arbeitete.

Sie erlangte 1993 ihren Doktortitel in Atmosphären-, Ozean- und Astro-Wissenschaften (Atmospheric, Oceanic and Space Sciences), speziell zum Thema astrophysisches Plasma (Link Englisch). In der finalen Phase der Galileo-Mission war sie als Projekt Managerin unter anderem für den kontrollierten Absturz der Sonde 2003 in die Atmosphäre des Jupiter verantwortlich. Die Galileo entdeckte 21 neue Jupitermonde und eine Atmosphäre („oberflächengebundene Exosphäre“) auf dem Mond Ganymed.

Neben den Jupitermonden, Plattentektonik, der Venus und dem astrophysischen Plasma forschte sie auch zur Entstehung und dem physikalischen Aufbau von Kometen, Magnetosphären und zur Unstetigkeit und Ausbreitung der Sonnenwinde. Sie war wissenschaftliche Koordinatorin bei der Cassini-Huygens-Mission zum Saturn und Co-Autorin von 14 wissenschaftlichen Schriften. Auch an der Rosetta-Mission der ESA, einer Sonde, die auf dem Kometen Tschurjumow-Gerassimenko landete, war sie als Projektwissenschaftlerin beteiligt.

Claudia Alexander setzte sich auch dafür ein, Frauen und Minderheiten verstärkt in die MINT-Fächer zu bringen – so schrieb sie unter anderem Kinderbücher und Science-Fiction-Romane. In ihrem TED-Talk „The Compelling Nature of Locomotion and the Strange Case of Childhood Education“ demonstrierte sie anhand des Themas der Lokomotion, wie sie wissenschaftlichen Unterricht für Kinder gestaltete.

TED-Talk von Claudia Alexander: „The Compelling Nature of Locomotion and the Strange Case of Childhood Education“

Leider erlag die vielseitige Planetologin am 11. Juli 2015 dem zehnjährigen Kampf gegen den Brustkrebs.

Die zwei Folgen „Ein wachsendes Problem“ (20a) und „Das ausgebrochene Bärtierchen“ (20b) der Kinder-TV-Serie Miles von Morgen sind ihr gewidmet.

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Ebenfalls diese Woche

26. Mai 1821: Amalie Dietrich
Wenn ich mich recht entsinne, steht die Naturforscherin – zugegebenermaßen eine beeindruckend entschlossene Frau – auch in der Kritik, da sie neben botanischen Exemplaren auch menschliche Schädel aus Australien an Museen in der deutschen Heimat sandte.

27. Mai 1676: Maria Clara Eimmart
Die eigenen Beobachtungen stellte die Astronomin und ausgebildete Kupferstecherin in detaillierten Zeichnungen dar; darunter die Mondphasen sowie verschiedene Ansichten des Merkur, der Venus, des Mars, Jupiter und Saturn, einige Kometenformen und – nebenstehend – das Phänomen des Nebenmondes und der Nebensonne.

27. Mai 1959: Donna Strickland
Die Laserphysikerin erhielt als dritte Frau überhaupt 2018, gemeinsam mit zwei Kollegen, den Nobelpreis für Physik.

31. Mai 1887: Ethel Doidge (Link Englisch)
Die Fellow der Linnean Society of London trug als Mykologin und Bakteriologin zur Bekanntheit eines Phytopathogens bei, das Mangos befällt.

31. Mai 1912: Chien-Shiung Wu
Dafür, dass sie 1956 im Wu-Experiment die Paritätsverletzung bei schwacher Wechselwirkung nachwies und damit empirisch eine Hypothese bewies, dass in der Elementarteilchenphysik eine Vertauschung von rechts und links einen Unterschied machen kann – dafür hätte die Physikerin ebenfalls den Nobelpreis für Physik erhalten müssen; sie wurde dafür jedoch gar nicht erst nominiert. Sie erhielt jedoch 1963 den Comstock-Preis für Physik, 1975 die National Medal of Science und 1978 den Wolf-Preis in Physik.

21/2020: Ynés Mexía, 24. Mai 1870

Ynés Mexía kam als Tochter eines mexikanischen Diplomaten und einer US-Amerikanerin in Washington, D.C., zur Welt. Neun Jahre später ließen die Eltern sich scheiden, der Vater ging zurück nach Mexiko, Ynés wuchs bei ihrer Mutter in Texas auf. Als Erwachsene zog Mexía in das Heimatland ihres Vaters, wurde in erster Ehe Witwe und ließ sich von ihrem zweiten Ehemann scheiden.

1908 ging sie von Mexiko nach San Francisco und war dort zunächst als Sozialarbeiterin tätig. Mit 50 Jahren wurde sie dort Mitglied des Sierra Club, mit dem sie erste botanische Expeditionen ins Umland unternahm, bei denen ihr Interesse für Botanik geweckt wurde. Aus dem Hobby wurde bereits ein Jahr später ernsthaftes berufliches Interesse, und so schrieb sich Mexía mit 51 Jahren noch einmal als Studentin für das Fach Botanik an der University of California, Berkeley ein. Im Rahmen dieses Studiums lernte sie wohl auch Alice Eastwood kennen, von der sie das wissenschaftlich korrekte Sammeln von Exemplaren erlernte; beide Frauen waren Mitglieder der California Academy of Sciences. 1922 nahm sie an ihrer ersten botanischen Expedition im Rahmen ihres Studiums teil, geleitet vor Eustace L. Furlong (Link Englisch), einem Paläontologen. Zwei Jahre später wurde sie die US-amerikanische Staatsbürgerin, nach Mexiko kehrte sie danach nur noch aus wissenschaftlichem Interesse zurück. So reiste sie 1925 im Rahmen einer botanischen Expedition ins Land, entschloss sich jedoch dazu, ihre Gruppe zu verlassen und ihre Forschungen auf eigene Faust weiter zu betreiben. So reiste die 55-jährige schließlich alleine durch Mexiko, wobei sie 1.500 botanische Exemplare sammelte, von 500 Arten, von denen 50 bisher unbekannt waren. (Diese Zahlen entnehme ich dem englischen Wikipedia-Artikel, andere Quellen variieren, wobei „first trip“ und „species“/“specimen“ bei diesen nicht leicht zuzuordnen sind.) Ihre hilfreiche Kollegin Nina Floy Bracelin (Link Englisch) übernahm die Aufgabe, die von Mexía eingesandten Exemplare zu präparieren, von Experten klassifizieren zu lassen, zu katalogisieren und Duplikate an andere Herbarien zu versenden.

Ynés Mexía war selbst ein ungewöhnliches Exemplar. Als Frau über 50, noch dazu mit lateinamerikanischem Familienhintergrund, ein wissenschaftliches Studium zu beginnen und dann im Alleingang eigene Expeditionswege zu gehen, war zu der Zeit unerhört. Mexía jedoch war zäh und leidensfähig – bei ihrer ersten Expedition fiel sie von einer Klippe und brach sich mehrere Rippen, was sie nicht von ihren Forschungen abhielt. Sie liebte es, unter offenem Himmel zu leben, ritt in Hosen im „Herrensitz“ und entsprach im Großen und Ganzen nicht dem Bild einer älteren Dame. Sie wollte das Land und den Kontinent besser kennenlernen und fand, auf ihre unkomplizierte Art ginge das am Besten.

Nachdem sie aus Mexiko wiedergekehrt war, verschlug es sie 1928 im Auftrag der Universität nach Alaska, im darauffolgenden Jahr wiederum auf den südamerikanischen Kontinent, wo sie im Kanu den Amazonas hinaufreiste. In zweieinhalb Jahren erreichte sie so seine Quelle in den Anden. Auch 1934 bis 1936 bereiste sie den südamerikanischen Kontinent, in den zwei Jahren danach arbeitete sie wiederum in Mexiko. Als sie 1938 gerade in Oaxaca weilte, wurde sie krank und kehrte für ärtzliche Untersuchungen in die Vereinigten Staaten zurück. Dort wurde eine Diagnose auf Lungenkrebs gestellt, an der sie innerhalb eines Monats mit 68 Jahren verstarb.

Sie hinterließ in ihrem Testament der California Academy of Sciences eine ausreichende Summe, um Nina Floy Bracelin als Assistentin für Alice Eastwood einzustellen. In ihrer 13-jährigen Forschungskarriere – in der sie niemals einen Universitätsabschluss machte – sammelte sie um die 145.000 Exemplare, die bis heute noch nicht vollständig katalogisiert sind. 500 von den bis heute bearbeiteten Sammelstücken waren neue Arten, 50 davon wurden nach Ynés Mexía benannt.

Zum Sortieren der biografischen Angaben habe ich mich neben den Wikipedia-Beiträgen an diesen englischsprachigen Quellen orientiert: Dieser Artikel von Massive Science, dieser Eintrag auf Global Plants sowie zwei Seiten von Biodiversity Library Exhibition, wo Mexía bei den Early Women in Science und unter Latino Natural History gelistet ist.

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Ebenfalls diese Woche

19. Mai 1903: Ruth Ella Moore (Link Englisch)
Die Bakteriologin war 1933 die erste Afroamerikanerin/WoC, die einen Doktortitel in Naturwissenschaften erlangte.

21. Mai 1799: Mary Anning
Nachdem sie eigentlich Fossilien nur gesammelt hatte, um mit dem Verkauf den Familienunterhalt zu bestreiten, erhielt sie später von der British Association for the Advancement of Science eine jährliche Pension zum Dank für ihre Leistungen für die Paläontologie.

24. Mai 1903: Eileen Guppy (Link Englisch)
Sie wurde als erste weibliche Geologin zum wissenschaftlichen Stab der British Geological Survey bestellt.

34/2017: Lydia Rabinowitsch-Kempner, 22.8.1871

Lydia Rabinowitsch-Kempner

English below
Wiki deutsch
Die im heutigen Litauen geborene jüdische Russin genoss die Bildung wohlhabender Familien, doch für ein Studium musste sie als Frau am Ende des 19. Jahrhunderts noch in die Schweiz gehen.
Sie arbeitete nach dem Abschluss zunächst als unbezahlte Assistentin mit Robert Koch an dessen Königlich Preußischen Institut für Infektionskrankheiten in Berlin, ging dann nach Amerika und wurde dort Professorin für Bakteriologie – dieser Titel wurde jedoch nur in den USA anerkannt.

Sie lernte Walter Kempner kennen und heiratete ihn, ihre Zusammenarbeit am Robert-Koch-Institut endete jedoch bald. Rabinowitsch arbeitete in den folgenden Jahren im Pathologischen Institut und konnte dort als wissenschaftliche Assistentin noch vor Robert Koch selbst Tuberkelbazillen in Rohmilch nachweisen. Dank dieser Forschung und ihrer zahlreichen Publikationen wurde ihr 1912 endlich auch der Professorentitel verliehen. Damit war sie die erste Frau in Berlin und die zweite in Preußen mit diesem Status. Eine Habilitation sollte allerdings erst nach dem Ersten Weltkrieg möglich werden.

Während des Ersten Weltkrieges übernahm sie die Leitung der Zeitschrift für Tuberkulose und arbeitete für das Militär in der Seuchenvorbeugung. 1920 wurde sie mit 49 Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben für eine Tätigkeit so bezahlt, wie es ihrem Bildungsgrad angemessen war, als sie am Städtischen Krankenhaus Moabit die Leitung des Bakteriologischen Instituts übernahm. Sie verlor ihren Mann in diesem Jahr an eine Tuberkuloseform und zwölf Jahre später eines ihrer drei Kinder ebenfalls.
1934 wurde sie zwangspensioniert, ermöglichte ihren Kindern noch die Emigration aus Nazi-Deutschland und starb dann 1935 selbst an ungeklärten Ursachen in Berlin.

Bild: By George Grantham Bain Collection (Library of Congress) – This image is available from the United States Library of Congress’s Prints and Photographs division under the digital ID ggbain.06697.This tag does not indicate the copyright status of the attached work. A normal copyright tag is still required. See Commons:Licensing for more information., Public Domain

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Wiki english

The Jewish Russian, born in the region that is Lithuania today, enjoyed the education common for prosperous families, but to continue studies, as a woman at the end of the 19th century, she had to move to Switzerland.
After her studies, she worked as an unpaid assistant to Robert Koch at his Prussian Institute for Infectuous Deseases at first, then went to America and became a professor of bacteriology – the title alas was only accepted in the US.
She met Walter Kempner and married him, their cooperation at the Robert Koch Institute though ended soon after. Rabinowitsch worked at the Pathological Institute and was able, before Robert Koch himself was, to detect the tuberculosis bacillus in raw milk. Thanks to her research and her numerous publications, she was awarded the title of professor in 1912. She was only the first woman in Berlin and the second in Prussia to reach this status. Habilitation though was made possible only after World War I.
During Wolrd War I she was chief editor of the Journal for Tuberculosis and worked in disease prevention for the military. It was 1920 when at 49 years old she was paid a salary appropriate for her education for the first time, as head of the Bacteriological Institute at the Moabit hospital. She lost her husband to tuberculosis in that year and one of her three children as well, twelve years later.
She was forced to retire in 1934, helped her children to emigrate from Nazi Germany and died 1935 in Berlin under unknown circumstances.

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