Schlagwort: ghana

20/2023: Inna Bocoum, 19. Mai 1984

CN: FGM

Als sechstes von sieben Kindern kam Inna Bocoum in Bamako, der Hauptstadt Malis, zur Welt. Ihren heutigen Künstlernamen verdankt sie ihrer Mutter, die sie ‚Modja‘ nannte: In der westafrikanischen Sprache Fulfulde bedeutet es ’nicht gut‘ (auf englisch: ‚cheeky‚), könnte also vielleicht mit ‚Tunichtgut‚ übersetzt werden.

Ihre Kindheit verlebte Inna Bocoum zu Teilen in Ghana. Während eines Besuchs bei der malischen Familie, als Inna noch keine vier Jahre alt war, wurde sie in Abwesenheit ihrer Eltern von ihrer Großtante betreut. Diese nahm – ohne Einverständnis der Eltern – eine Beschneidung an dem Mädchen vor. Die weibliche Genitalverstümmelung ist eine Tradition in vielen nord- und mittelafrikanischen Ländern, die Großtante übte somit in ihrem Glauben eine gute Tat an ihrer Verwandten aus. Für Inna Bocoum bedeutete es ein tiefsitzendes Trauma, eine Beschneidung ihrer Selbstwirksamkeit, in ihren Teenager-Jahren resultierten daraus große Schwierigkeiten mit ihrer Selbstwahrnehmung als Frau. (2, 3)

In ihrem Elternhaus wurde sie schon in ihrer Kindheit musikalisch geprägt; ihr Vater teilte mit ihr seine Liebe zu Jazz, Blues und Soul, ihre Mutter die zu Miriam Makeba. Auch ihre Geschwister beeinflussten ihren Musikgeschmack und -stil, mit Punk, HipHop, Heavy Metal und Disco. Mit sechs Jahren schrieben ihre Eltern sie bei einem Chor ein, später, als die Familie wieder in Bamako lebte, besuchte sie oft einen ihrer Nachbarn, der ebenfalls ihre Musikkarriere förderte: Salif Keïta. Der stellte den Kontakt zur Rail Band (Link Englisch) her, sodass sie erste Schritte in der malischen Musikbranche machte.

Sie unterzog sich rekonstrukitver Operationen, die ihre körperliche Gesundheit wie ihr Selbstbewusstsein wiederherstellten. (3, 4)

2009, mit 23, hatte Inna Modja ihren ersten Auftritt im französischen Fernsehen, als sie auf dem Fête de la Musique mit Jason Mraz sang. Im selben Jahr veröffentlichte sie ihre ersten Singles und ihr Album ‚Everyday is a new World‚. Zwei Jahre später landete sie einen französischen Sommerhit mit ‚French Cancan (Monsieur Sainte Nitouche)‚.

Inna Modja: French Cancan (Monsieur Sainte Nitouche)

Auf ihrem Album ‚Motel Bamako‚ im Jahr 2015 bezog sie Position zu verschiedenen politischen Themen, etwa die post- und neokolonialen Problematiken der Wasserrechte, der Flucht vom afrikanischen Kontinent nach Europa aufgrund von Krieg und Nahrungsmangel, und auch zu Gewalt an Frauen, unter anderem in Form von weiblicher Genitalverstümmelung. Die Lieder des Albums singt sie auf Englisch, Französisch und Bambara, einer anderen Sprache, die in Mali gesprochen wird.

Kurzfilm zu Inna Modja La Valse de Marylore (CN: körperliche/sexuelle Gewalt)

Aufgrund ihres Engagements durfte sie 2015 auch vor den Vereinten Nationen auftreten. Auch hier spricht sie über die Schwierigekeiten vieler afrikanischer Länder mit Bürgerkrieg und Trockenheit, außerdem über ihre Erfahrungen mit FGM und die Entscheidung, rekonstruierende Operationen vornehmen zu lassen.

Inna Modjas Auftritt vor der UNO

Zur FGM und rekonstrukiver Chirurgie möchte ich auch noch einmal In Search…‚ von Beryl Magoko empfehlen, der sich sehr persönlich und empfindsam mit der Thematik auseinandersetzt.


Quellen: Wiki englisch | deutsch
außerdem:
(2) deutschlandfunk
(3) SRF
(4) UN News

Dank an Vicky und das Wort für den hoffentlich richtigen Begriff in der Bildbeschreibung

Susan Ofori-Atta

* 1917 • † Juli 1985

Susan Ofori-Atta (Link Englisch) kam in Ghana zur Welt, zu dieser Zeit britische Kronkolonie Goldküste. Ihr Vater war Okyenhene (Link Englisch) Ofori Atta I. (Link Englisch) – er war der König von Akyem Abuakwa (Link Englisch), eines der vier Akim-Staaten, somit war Susan Ofori-Atta eine Adlige ihres Volkes.

Nach dem Abschluss der Grundschule besuchte sie mit etwa 12 Jahren die Achimota School (Link Englisch) (die geneigte Leser:innen unter anderem von Esther Afua Ocloo kennen), wo sie abschließend die GCSE-Prüfung bestand, das britische Äquivalent zur deutschen mittleren Reife. Sie machte anschließend eine Ausbildung zur Hebamme an der Korle-Bu Midwifery Training School in Accra, die von Agnes Yewande Savage mitbegründet wurde. Nach ihrem Abschluss dort ging sie 1935, mit ungefähr 18 Jahren, für eine weitere Hebammenausbildung nach Schottland. Dort studierte sie später auch an der University of Edinburgh Medical School, wo sie 1947 den Bachelor of Medicine (MBChB, Link Englisch) machte. Sie war Diplomatin des Royal College of Obstetricians and Gynaecologists und des Royal College of Paediatrics and Child Health. Mit ihrem MBChB war sie die erste Ghanaerin – und vierte Frau west-afrikansicher Herkunft – mit einem Universitätsabschluss und die dritte Ärztin west-afrikanischer Herkunft nach Agnes Yewande Savage und Elizabeth Abimbola Awoliyi.

Nachdem sie ihr Studium beendet hatte, arbeitete sie zunächst als Hebamme am Korle-Bu Teaching Hospital in Accra, einige Zeit, bevor auch Matilda J. Clerk dort arbeiten sollte. 1960 arbeitete sie einige Zeit als Freiwillige in einem kongolesischen Krankenhaus (Quelle: Wiki – Seite 44). Im Princess Marie Louise Hospital in Accra war sie Amtsärztin, von dort wechselte sie zur University of Ghana Medical School (Link Englisch), wo sie die pädiatrische Abteilung mitbegründete. Schließlich eröffnete sie eine Privatpraxis für die Versorgung von Frauen und Kindern, die Accra Clinic.

Bei der Gründung der Zweiten Republik Ghana Ende der 1960er Jahre war Susan Ofori-Atta Mitglied der verfassungsgebenden Vollversammlung. Sie war außerdem eine Gegnerin des traditionellen Erbrechts der Akan, das Ehefrauen und Kinder benachteiligte. Die Akan lebten (und leben z.T. noch) nach einem sozialen Regelwerk, das Matrilinearität (Link Englisch) und Patrilinearität kombiniert. Jede Familie sieht sich einer der sieben oder acht Gruppen zugehörig, die auf jeweils eine Vorfahrin berufen, den Abusua (Link Englisch). Es ist tabu, innerhalb der eigenen Abusua zu heiraten und Kinder zu bekommen. Mütter und Kinder leben in einem Haushalt mit der mütterlichen Familie, die Männer leben im Haushalt der eigenen mütterlichen Familie. Über diese mütterliche Erblinie werden Status, Eigentum, insbesondere Landbesitz, politischer Einfluss und sogar öffentliche Ämter vererbt. (Über den Vater vererbt sich das Ntoro, das wiederum Rituale, Tabus und eigene Etikette mit sich bringt, so gehört jedes Individuum zu einem Abusua und innerhalb diesen hat es das Ntoro des Vaters.) Durch dieses matrilineare Erbrecht haben aber im Falle des Todes eines Mannes seine Nichten und Neffen, die Kinder seiner Schwester, Anspruch auf sein Erbe, statt seiner Frau und seiner eigenen Kinder. Susan Ofori-Atta erreichte mit ihrer politischen Arbeit, dass im Jahr 1985 das Erbrecht Ghana dahingehend geändert wurde.

1974 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der University of Ghana für ihre Forschung zur Unterernährung von Kindern (CW Bilder), insbesondere dem Hungerödem Kwashiorkor (CW Bilder). ‚Kwashiorkor‘ heißt in der ghanaischen Ga-Sprache ‚Krankheit, die ein Kind bekommt, wenn ein neues Kind geboren wird‘, da sie auftritt, wenn ein Kind von der Muttermilch entwöhnt wird – zum Beispiel, weil ein weiteres geboren wird – und auf feste Nahrung umstellen muss, die nicht genug Eiweiß enthält. (Der Wiki-Beitrag zu Susan Ofori-Atta notiert, dass sie für die Einführung dieses Namens verantwortlich ist, sowohl der englische wie der deutsche Beitrag zum Begriff verweisen jedoch auf die jamaikanische Ärztin Cicely Williams (Link Englisch), die ihn bereits in den 1930er Jahren anwandte.) Eine andere Bezeichnung für Kinder mit ‚Kwashiorkor‘ ist ‚Biafra-Kind‘ aufgrund gehäuften Auftretens der Erkrankung – oder entsprechender Bilder – während des Biafra-Krieges Ende der 1960er Jahre, auf Deutsch heißt Kwashiorkor auch ‚Mehlnährschaden‘.

Susan Ofori-Atta gehörte zu einer politisch aktiven und einflussreichen Familie, nicht nur durch die Ehe mit E.V.C. deGraft-Johnson (unter dessen Nachnamen sie ebenfalls bekannt ist), der mit dem ghanaischen Vizepräsidenten der Jahre 1979 bis 1981, Joseph W.S. deGraft-Johnson, verwandt war. Auch ihre Geschwister waren politische Figuren, ihr Bruder William Ofori-Atta war Anfang der 1970er Ghanas Außenminister und einer der Big Six, der andere Bruder Kofi Asante Ofori-Atta war Mitte der 1960er Jahre Sprecher des ghanaischen Parlaments, ihre jüngere Schwester Adeline Akufo-Addo (Link Englisch) war Anfang der 1970er die First Lady Ghanas.

Susan Ofori-Atta starb im Juli 1985 in England.

16/2020: Esther Afua Ocloo, 18. April 1919

Esther Afua Ocloo kam unter dem Mädchennamen Nkulenu in der Region Volta zur Welt, ihre Eltern gehörten zum Volk der Ewe. Ihr Vater war Schmied, die Mutter Töpferin und Bäuerin, beide waren Analphabeten. Die Unterstützung und Fürsorge ihrer Großmutter ermöglichte Esther den Besuch einer presbyterianischen Grundschule in der Nähe. Als weiterführende Schule bot sich nur ein Internat an, in dem Esther unter der Woche lebte, doch für die Mahlzeiten dort hatte die Familie kein Geld. Stattdessen nahm sich das Kind am Wochenende Lebensmittel mit in die Schule, die sie sich dort selbst zubereitete. Mit 17 Jahren erhielt Afua Nkulenu ein Stipendium für die Achimota School (Link Englisch) (die wir bereits von Agnes Yewande Savage und Matilda J. Clerk kennen), die sie fünf Jahre besuchte und mit einem Cambridge School Certificate abschloss.

Nachdem sie mit diesem Abschluss ein Jahr arbeitslos geblieben war, eröffnete sie 1942 ein kleines Unternehmen, in dem sie Orangenkonfitüre und Saft herstellte. Sie war damit die erste afrikanische Gründerin an der Goldküste. Die Tatsache, dass eine Absolventin einer Eliteschule nun „im Straßenverkauf“ arbeitete, wurde in der Presse missbilligend veröffentlicht, doch die Artikel über sie führten schließlich dazu, dass sie nicht nur für ihre ehemalige Schule, sondern auch für die RWAAF (Link Englisch) produzierte und somit ihren Umsatz steigern konnte. Nach sieben Jahren als Unternehmerin ermöglichten ihre eigenen Mittel sowie das Sponsoring durch die Achimota School ihr ein Studium im Vereinigten Königreich. Von 1949 bis 1951 besuchte sie zunächst das Good Housekeeping Institut in London, das sie als erste Person afrikanischer Herkunft mit einem Diplom abschloss, danach schloss sie ein Aufbaustudium an der Universität Bristol an, an der sie im Bereich der Lebensmittelkonservierung promovierte.

Nach ihrer Rückkehr nach Ghana heiratete sie unter dem Namen Ocloo, in der Ehe bekam sie vier Kinder. Vor allem aber baute sie ihr Unternehmen aus und wurde in der Organisation der ghanaischen Wirtschaft aktiv. Sie gründete eine Herstellervereinigung und beteiligte sich an einer Messe mit ghanaischen Produkten. Für zwei Jahre war sie die Präsidentin des Zusammenschlusses, der später die Federation of Ghana Industries werden sollte. In den 1960er Jahren erweiterte sie die Produktion ihres Unternehmen auf Batiktextilien, 1964 wurde sie die erste weibliche Executive Chairman des ghanaischen National Food and Nutrition Boards.

In den 1970er Jahren begann sie, international zu arbeiten. Für die Stärkung der wirtschaftlichen und sozialen Positionen der Frauen in kolonialisierten Ländern richtete sie Workshops ein, in denen Frauen lernten, ihre Lebensmittelprodukte zu konservieren, um ihren Umsatz steigern zu können. Sie übernahm beratende Rollen für die Regierung Ghanas und die Vereinten Nationen bei der Ersten Weltfrauenkonferenz in Mexiko 1975. Außerdem begann sie im Bereich der Mikrokredite zu arbeiten und gründete 1979 die Weltfrauenbank, der sie bis 1985 als Vorsitzende diente. Mit diesen Mikrokrediten wurden zahlreiche Frauen wirtschaftlich unterstützt und konnten die Lebenssituation ihrer Familien und ihre soziale Position verbessern; leider gerieten Mikrokredite in den letzten Jahren schließlich doch in die Kritik, weil ihre Wirksamkeit nicht belegbar ist und sich die Kreditinstitute schließlich nicht unterstützend, sondern aggressiv gegenüber ihren Gläubigern verhielten.

Esther Afua Ocloo erhielt 1990 noch gemeinsam mit Olusegun Obasanjo den ‚Großen Afrikapreis‘ für ihre Arbeit. Das Preisgeld, $50.000,-, investierte sie in die Sustainable End of Hunger Foundation, eine Organisation, die Nahrungsmittelspezialisten ausbildet, um das gelernte Wissen in die ländlichen Regionen zu bringen. In dieses Projekt brachte sie 1993 auch das Preisgeld ein, das ihr der Gottlieb-Duttweiler-Preis des gleichnamigen Instituts einbrachte. Zur gleichen Zeit richtete Ocloo eine Musterfarm für den biologischen Anbau von Getreide und Gemüse ein.

Zeit ihres Lebens war Esther Afua Ocloo auch in der presbyterianischen Kirche für Frauen tätig. Sie starb 2002 an einer Lungenentzündung.

Die Seite Ghana Web widmet ihr eine detaillierte Auflistung aller Positionen und Tätigkeiten. (Dort lässt sich auch die Corona-Situation für Ghana und benachbarte afrikanische Länder verfolgen.) Auch in der Encyclopedia Britannica hat sie einen eigenen Eintrag.

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frauenfiguren ida freund periodic table cupcakes
Ida Freund war die erste Person, die Periodic Table Cupcakes herstellte
Von Science History Institute, CC BY-SA 3.0

Ebenfalls diese Woche

15. April 1863: Ida Freund
In Wien geboren, wurde Ida Freund später die erste Universitätsdozentin im Vereinigten Königreich. Sie war Autorin zweier Chemielehrbücher und erfand eine Gasmessröhre, die nach ihr benannt wurde, doch heute nicht mehr in Gebrauch ist. Sie erfand auch die Periodic Table Cupcakes.

15. April 1961: Carol W. Greider
Die amerikanische Molekularbiologin erhielt für ihre Forschungen zum Enzym Telomerase 2009 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin.

16. April 1921: Mary Maynard Daly
Als erste Afro-Amerikanerin/WoC erlangte sie einen Doktortitel in Chemie an der Columbia University. Sie trug entscheidende Erkenntnisse bei zur Chemie der Histone, der Proteinsynthese, der Beziehung zwischen Cholesterin und Bluthochdruck und der Aufnahme von Kreatinen in Muskelzellen.

10/2020: Matilda J. Clerk, 2. März 1916

Matilda Johanna Clerk (Link Englisch) wurde in eine Familie zahlreicher Pioniere orthodoxer (christlicher) Bildung hineingeboren. Ihr Vater, Nicholas Timothy Clerk (Link Englisch), war ein studierter Mitarbeiter der Presbyterianischen Kirche in Ghana, er gründete die weiterführende presbyterianische Jungenschule in Accra. Matildas Großvater väterlicherseits war ein auf Jamaika geborener christlicher Missionar, der 1843 nach Ghana, damals Dänische Goldküste, gekommen war. Dessen Schwägerin und damit Matildas Großtante Regina Hesse (Link Englisch) war die erste weibliche Schulleitung an der Goldküste (Hesses Eltern, Matilda J. Clerks Urgroßeltern, waren ein deutscher Missionar namens Hermann Hesse und eine Frau der Ga-Dangme namens Charlotte Lamiaakaa). Auf der mütterlichen Seite von Anna Alice Meyer hatte Matilda ebenfalls Ga-Dangme sowie dänische Vorfahren, ihr Großcousin (Vetter der Mutter) war Emmanuel Charles Quist, ein Jurist, der später der erste Speaker of the Parliament of Ghana (Link Englisch) werden würde.

Auch Matildas Geschwister erreichten diverse Ämter in der presbyterianischen Kirche in Ghana, ihr älterer Bruder Theodore S. Clerk (Link Englisch) wurde Architekt und plante die wichtigste Hafenstadt Ghanas, Tema, ihre ältere Schwester Jane E. Clerk (Link Englisch) war eine der Pionierinnen in der Bildungsverwaltung in Ghana.

Matilda J. Clerk erhielt ihre Schulbildung zunächst in Aburi, wo sie zur Grund- und Mittelschule ging. An der Mittelschule nannten die presbyterianischen Missionare sie die Dux der Schule. Mit 16 Jahren setzte Clerk ihre Schullaufbahn an der Achimota School (Link Englisch) fort, wo sie auch Agnes Yewande Savage begegnet sein muss, die im Jahr zuvor gerade dort als Ärztin und Lehrerin eingestellt worden war. In ihrem dritten Jahr an der Schule erhielt sie ein Stipendium der Cadbury-Familie (oder Stiftung, dies konnte ich leider nicht genau eruieren), außerdem erlangte sie dort ihr Zertifikat als Lehrerin.

Mit 26 Jahren wurde Clerk die erste Ghanaerin, die den Vorbereitungskurs für Medizin an der Achimota Schule abschloss, in dem sie die fortgeschrittenen Kurse in Physik, Chemie, Botanik und Zoologie besuchte. Da die britische Kolonialregierung für diesen Kurs nur Männer zuließ, hatte ihr Vater für sie eine Sondergenehmigung beim britischen Gouverneur eingeholt. Sie war schließlich die einzige Person, die in diesem Jahr die Vorprüfungen zum Medicinae baccalaureate (Link Englisch) bestand. Aufgrund ihrer bisherigen akademischen Leistungen wurde ihr als erste Ghanaerin von der Kolonialregierung eines der wenigen Stipendien für ein Auslandsstudium zugesprochen; mit dieser Unterstützung studierte sie zwischen 1944 und 1946 Medizin an der University of Edinburgh. Dem Abschluss dort schloss sie ein Diplomstudium der Tropenmedizin und -hygiene an der London School of Hygiene and Tropical Medicine an.

1951 kehrte sie in ihre westafrikanische Heimat zurück und arbeite in diversen Kliniken als Ärztin und Chefärztin, unter anderem auf der Entbindungsstation des Korle-Bu Teaching Hospital (Link Englisch), das Agnes Yewande Savage aufgebaut hatte. In der ghanaischen Regierung war sie später als Medizinalrätin für Infektionskrankheiten, Mutter- und Kindergesundheit tätig. Sie verstarb 1984 mit 68 Jahren plötzlich ohne Vorerkrankung.

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Ebenfalls diese Woche

Beide der anderen Wissenschaftlerinnen, die hier erwähnt werden sollen, waren als Programmiererinnen Teil des ersten Teams am ENIAC: Am 2. März 1922 wurde Frances Spence geboren, am 7. März 1917 Betty Holberton.

8/2020: Agnes Yewande Savage, 21. Februar 1906

Der Vater von Agnes Yewande Savage (Link Englisch) war Richard Akinwande Savage, ein nigerianischer Arzt mit Wurzeln bei den Egba, einer Subgruppe der Yoruba, und den Krio. Ihre Mutter war eine schottische Arbeiterin. Ihr älterer Bruder war Richard Gabriel Akinwande Savage. Agnes Yewande Savage ging zunächst an das Royal College of Music in London, erhielt dann ein Stipendium am George Watson’s College in Edinburgh und studierte schließlich an der University of Edinburgh Medizin. In ihrem vierten Studienjahr erhielt sie einen Preis im Fach Hautkrankheiten und eine Medaille im Gebiet der Forensik. Mit 23 Jahren machte sie als erste Frau afrikanischer Abstammung ihren Doktor der Medizin (an einer Universität des nordwestlich-christlichen Kulturkreises).

Nachdem Universitätsabschluss begann sie, als Junior Medical Officer für den Colonial Service an der Goldküste, im heutigen Ghana, zu arbeiten. Sie wurde hier im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen benachteiligt, dies änderte sich erst, als sie 1931 Schulärztin und Lehrerin an der Achimota Schule (Link Englisch) in Accra wurde. Der Direktor der Schule setzte sich dafür ein, dass sie bessere vertragliche Bedingungen erhielt als zuvor. Während der vier Jahre, die Savage an der Schule arbeitete, lernte sie auch Susan De Graft-Jonson kennen, die später ebenfalls an der University of Edinburgh studieren sollte und Ghanas erste Ärztin wurde.

Achimota verließ Savage nach vier Jahren, um wieder in den medizinischen Dienst des Colonial Service einzutreten. Unter wesentlich besseren Voraussetzungen als zuvor war sie nun verantwortlich für die Säuglingskliniken des Korle-Bu Krankenhauses in Accra. Sie wurde die Leitungsassistentin der Geburtsabteilung des Krnakenhauses und Aufseherin des Schwesternheims. Schließlich betreute sie die Einrichtung der Schwesternschule Korle-Bu Nurses Training College (Link Englisch), an der auch eine Abteilung nach ihr benannt wurde.

Mit 41 Jahren setzte sie sich aufgrund von psychischer und körperlicher Belastung zur Ruhe, ging zurück nach Schottland und zog ihre Nichte und ihren Neffen groß. Mit 58 Jahren starb sie 1964 an den Folgen eines Schlaganfalls.

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Ebenfalls diese Woche

19. Februar 1861: Lilian Jane Gould (Link Englisch)
Sie war die erste Frau, die als Mitglied in die Linnean Society of London aufgenommen wurde. Bekannt wurde die Biologin vor allem für ihre Studien zu Mikroorganismen in Spirituosen.

19. Februar 1952: Marcia McNutt
Die US-amerikanische Geophysikerin war amtierende Direktorin des United States Geological Survey und wissenschaftliche Beraterin des US-Innenministeriums, außerdem von 2013-2016 die erste weibliche Editor in Chief der 1880 ins Leben gerufenen Zeitschrift Science und 2016 erste weibliche Präsidentin der National Academy of Sciences.

23. Februar 1945: Svetlana Iwanowna Gerassimenko
Gemeinsam mit ihrem Kollegen Klym Tschurjumow entdeckte die tadschikische Astronomin den kurzperiodischen Kometen 67P, der ihrer beider Namen trägt.

06/2018

2. Juni 1978: Yi So-yeon

Mit 30 Jahren wurde Yi So-yeon zuerst Doktorin der Biotechnologie und kurz darauf der erste Mensch koreanischer Nationalität im All.

Zwei Jahre zuvor hatte sie gemeinsam mit einem männlichen Kollegen alle Phasen des Aufnahmeverfahrens für Raumfahrer auf der Internationalen Raumstation ISS bestanden und durchlief in Folge mit Ko San, ihrem Kollegen, das 15-monatige Training für Raumfahrer in Russland. Zunächst wurde sie nur als Ersatz für Ko trainiert, doch der verstieß mehrfach gegen Richtlinien des russischen Ausbildungszentrums, weshalb die russische Raumfahrtbehörde Einspruch gegen seinen Einsatz erhob.

So begann Yi, vier Wochen nach ihrer Promotion in Abwesenheit, ihren achttägigen Aufenthalt auf der ISS, während dessen sie insgesamt 18 Experimente durchführte. Sie war die dritte Asiatin im All nach Chiaki Mukai aus Japan und Anousheh Ansari aus dem Iran.

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12. Juni 1956: Onutė Narbutaitė

Die freischaffende litauische Komponistin lernte bei den litauischen Komponisten Bronius Kutavičius und Julius Juzeliūnas.

Ihrer Komposition „Open the Gates of Oblivion“ für Streicherquartett von 1980:

Ihre Komposition „Vijoklis“ für zwei Klaviere von 1988:

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20. Juni 1930: Magdalena Abakanowicz

Die Tochter eines Lipka-Tartaren (in Litauen angesiedelte Turk) wurde 1930 in eine polnische Adelsfamilie hineingeboren. Sie studierte an den Kunstakademien in Danzig und Warschau; zunächst interessierte sie sich mehr für die Malerei, doch unter den schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen im Polen der 1950er Jahre entwickelte sie ihr Talent, aus gewachsenen oder gefunden Materialien Skulpturen zu schaffen.

In den 1960ern erlangte sie internationale Erfolge mit ihren Abakans, dreidimensionale Skulpturen aus Gewebe, hergestellt in einer Technik, die Abakanowicz selbst entwickelt hatte. Eine Dekade später ging sie zu menschenförmigen Skulpturen über, Gewebe verschwanden nach und nach aus ihrem Repertoire, dafür arbeitete sie mehr mit wetterfesten Materialien für großflächige Außeninstallationen.

Die Künstlerin verstarb am 20. April vergangenen Jahres.

Magdalena Abakanowicz

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22. Juni 1939: Ada Yonath

Ada Yonath wurde 1939 in Jerusalem geboren, sechs Jahre, nachdem ihre Eltern vor der Verfolgung durch die Nazis aus Polen geflohen waren. 1968 machte sie ihren Doktortitel in Röntgenkristallographie und arbeitete zunächst im Fachbereich Chemie, 1974 wechselte sie in den Fachbereich Strukturbiologie.

Ihr gelang es, ein Verfahren zur Kristallisation – also zur strukturierten Vermehrung bestimmter Moleküle – von Ribosomen zu entwickeln; Ribosomen sind die DNA-Kopierstationen innerhalb organischer Zellen. Da diese Moleküle sehr groß sind, ist ihre Kristallisation kompliziert, Yonath arbeitete erst mit den Ribosomen von Bakterien, die an heißen Quellen leben, da sie richtig vermutete, dass diese eine besonders stabile Molekülstruktur haben. Später entwickelte sie Techniken des Schockgefrierens, um auch anderen Ribosomen molekulare Stabilität zu verleihen.

Dank ihrer Forschung konnten nicht nur die Wirkungsweisen von mehr als 20 Antibiotika auf molekularer Ebene erkannt werden, sondern dementsprechend auch neue Antibiotika entwickelt werden. Für diese Forschungsleistung wurde ihr 2009 gemeinsam mit Thomas A. Steitz und Venkatraman Ramakrishnan der Nobelpreis für Chemie zuerkannt.

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26. Juni 1815: Mariana Grajales

Die posthum als „Mutter Kubas“ geehrte Grajales gebar dreizehn Kinder – das letzte im Alter von 52 Jahren –, von denen zwei, José und Antonio Maceo Grajales, als Generäle im Guerra Chicita (Kleinen Krieg) für die Unabhängigkeit Kubas von Spanien kämpften. Insgesamt war Grajales in allen drei Unabhängigkeitskriegen aktiv; der kubanische Poet José Martí prägte den Satz „In Gegenwart solcher Frauen ist es leicht, ein Held zu sein“, als er sah, wie Mariana mit ihrer Schwiegertochter den verwundeten Antonio auf dem Schlachtfeld versorgten.

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26. Juni 1956: Amma Darko

Die Ghanaerin machte mit 24 Jahren ihr Diplom in Industriedesign – lieber hätte sie Kreatvies Schreiben studiert, doch dies war und ist bis heute in ihrem Land kein Studienfach. Sie arbeitete zunächst am Technologie-Beratungszentrum der Universität von Kumasi, doch 1981 floh sie ins politische Asyl nach Deutschland. Hier wurde sie nur als Hilfsarbeiterin eingestellt; ihre Erfahrungen verarbeitete sie in ihrem ersten Roman „Der verkaufte Traum“, den sie während ihrer Zeit in Deutschland bis 1987 schrieb und der 1988 zuerst in deutscher Sprache veröffentlicht wurde.

Darko ist seitdem nach Ghana zurückgekehrt, lebt in Accra und arbeitet als Steuerbeamte. Dem ersten Roman folgte ein zwei weitere Bücher, die in Deutschland verlegt wurden, und schließlich „Die Gesichtslosen“, der als erstes ihrer Bücher auch in Ghana veröffentlicht wurde. Nach zwei weiteren Romanen schrieb Darko schließlich noch ein Jugendbuch, „Das Halsband der Geschichten“.

05/2018

3. Mai 1960: May Ayim

Geboren als Sylvia Andler, Tochter einer unverheirateten deutschen Mutter und eines ghanaischen Medizinstudenten, wurde sie als illegtimes Kind in staatliche Obhut genommen – der Vater wollte sie bei seiner kinderlosen Schwester aufwachsen lassen, doch hatte keinerlei Anspruch auf Bestimmung. Sie wurde von der Familie Opitz in Münster adoptiert, die sie May nannten, und verlebte dort keine glückliche Kindheit. Nach einer Ausbildung zur Krankenschwesternhelferin studierte sie in Regensburg Pädagogik. Aus ihrer Diplomarbeit wurde später in Kooperation mit Dagmar Schultz und Katharina Oguntoye das Buch Farbe bekennen – nicht ohne zunächst von einem Professor abgelehnt zu werden, dass es Rassismus vielleicht in Amerika, aber nicht in Deutschland gäbe. Während ihres Studiums baute Ayim eine stärkere familiäre Bindung zu ihrem Vater in Ghana auf; er hatte sie zwar bei der Adoptivfamilie besucht, aber nun lernte sie ihre in Ghana lebende weitere Familie kennen und nahm in späteren Jahren auch den Namen ihres Vaters, Ayim, an.

Ab 1984 lebte sie in Berlin und machte nach der Reise unter anderem nach Ghana und dem Studium auch noch eine eine Ausbildung zur Logopädin. Sie kam in der Weltstadt in Kontakt mit Audre Lorde, der afro-amerikanischen, feministischen Lyrikerin. Diese motivierte und inspirierte sie dazu, die ISD zu gründen: die Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland. Ihre 1986 veröffentlichte Diplomarbeit gab auch den Anstoß für die Gründung der ADEFRA – Schwarze Frauen in Deutschland e.V.

Ayim hielt Vorträge zum Thema Rassismus, schrieb Gedichte und gilt als die Begründerin der kritischen Weißseinsforschung. Sie begann in den 1990ern unter der Belastung ihrer Arbeit, unter psychostischen Schüben zu leiden; als bei ihr Multiple Sklerose diagnostiziert wurde und im Rahmen der MS-Behandlung die Psychopharmaka abgesetzt wurden, fiel sie in schwere Depression und nahm sich am 9. August 1996, mit 36 Jahren, das Leben.

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8. Mai 1923: Cheikha Rimitti

Saadia Bedief wurde früh zur Waise und musste sich allein im Algerien der 1930er Jahre durchschlagen. Sie verdingte sich als Haushaltshilfe für französische Kolonisten und schloss sich mit 15 einer Truppe von Wandermusikern an. Sie sang Lieder, die ihr eigenes Leben und das vieler Algerier zum Thema hatten: die Armut und das massenhafte Sterben während der Typhusepidemien, aber auch Liebe, Lust, Sexualität und Alkoholgenuss. Sie schrieb diese Lieder selbst, obwohl sie Zeit ihres Lebens Analphabetin bleiben sollte, und sie sang sie öffentlich, während vorher die kruden, provokaten Texte nur in kleinem privaten Kreis geschätzt wurden.

Bis zum Zweiten Weltkrieg mehrte sich der Ruhm ihres Gesang allein durch Hörensagen, bis der bekannte algerische Musiker Cheikh Mouhammed Ould Ennems sie entdeckt und in Algier an die Radiomikrophone brachte. Bald, 1952, nahm sie unter ihrem neuen Künstlernamen – zunächst Cheikha Remettez Reliziane – erste Platten auf. Remettez oder Rimitti, wie sie sich schließlich nannte, stammt vom französischen „Schenk nach!“ und die freizügige Lebenslust, die sie in ihren Liedern transportierte, gefiel den Autoritäten des post-kolonialen Algerien gar nicht. Hatte sie den nationalistischen Widerstand gegen die französischen Besatzer noch unterstützt und den neuen Stil der traditionellen Raï-Musik entscheidend mitgeprägt, wurde sie nach dem Unabhängigkeitskrieg vom ersten Präsidenten des jungen Staates, Boumedienne, mit einem Auftrittsverbot belegt und faktisch aus der Kultur verbannt.

Rimitti sang weiter auf privaten Veranstaltungen, lag nach einem Autounfall, der drei ihrer Musikerkollegen tötete, drei Wochen im Koma, unternahm 1979 die Haddsch und trat anschließend vor allem vor algerischen Auswanderern in Frankreich auf. Als Mitte der 1980er der Raï wiederentdeckt wurde, gewann auch Rimitti wieder an Bekanntheit, und so konnte sie in den letzten zwanzig Jahren ihres Lebens noch einmal weltweiten Erfolg genießen. Sie starb 2006 nur wenige Tage nach einem Konzert in Paris an einem Herzinfarkt.

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15. Mai 1930: Grace Ogot

Grace Emily Akinyi kam in einem kenianischen Dorf zur Welt, das vor allem von der christlichen Luo-Bevölkerung geprägt war. Ihr Vater war einer der ersten im Ort, der eine westliche Schulbildung erfuhr; dank seiner Konvertierung zum anglikanischen Glauben hörte Grace als Kind von ihm die alttestamentarischen Geschichten, während ihre Großmutter ihr die traditionellen Volksmärchen und Göttersagen der Luo erzählte. Grace machte nach der Schule zunächst eine Ausbildung zur Krankenschwester und Hebamme in Uganda und England; sie arbeitete anschließend auch in Kenia in diesem Beruf.

Sie heiratete den kenianischen Historiker Bethwell Alan Ogot und bekam vier Kinder mit ihm. Außerdem begann sie ihre Karriere als eine der ersten Schriftstellerinnen Afrikas, mit Kurzgeschichten in ihren Muttersprachen Englisch und Luo. Ihr erster Roman The Promised Land war nicht nur das Werk, mit dem sie 1966 größere Bekanntheit erlangte, sondern auch der erste vollständige Roman, der in einem afrikanischen Verlagshaus publiziert wurde. Sie arbeitete auch für die BBC und hatte später verschiedene Botschafterposten bei UNO und UNESCO inne. Ihre Romane sind von spannungsreichen weiblichen Figuren geprägt und vereinen christliche mit traditionell afrikanischen Themen.

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22. Mai 1983: Lina Ben Mhenni

Die tunesische Bloggerin, Tochter wohlhabender Eltern, die ebenfalls Aktivisten waren, startete bereits 2007 ein Blog mit zunächst rein persönlichem Inhalt. Nach einem Aufenthalt in den USA allerdings beschloss sie, die Möglichkeiten des Internet für politischen Aktivismus zu nutzen und begann im Juni 2009 ihr Blog A Tunisian Girl, in dem sie sich für Menschenrechte und Redefreiheit in Tunesien einsetze. Gemeinsam mit anderen Bloggern und mit Hilfe der Möglichkeiten in den sozialen Netzwerken befeuerte und dokumentierte sie die Revolution in Tunesien, die zum Arabischen Frühling werden sollte. Ihr Blog wurde zensiert und verboten; da sie von den Brennpunkten der Revolution (Sidi Bouzid, wo sich Mohamed Bouazizi selbst anzündete, und Kasserine, wo die Polizei zahlreiche Revolutionäre niederschoss) berichtete und Information über die Gewalt des Staates an seiner Bevölkerung verbreitete, war sie selbst auch den Repressalien durch die Regierung Zine al-Abidine Ben Alis ausgesetzt. Beschattung, Einbrüche, Todesdrohung, Verhaftung ihres Freundes gehörten zu den Methoden, wie sie zum Schweigen gebracht werden sollte. Ihr Kontakt zu ausländischen Journalisten half ihr dabei, weiter zu arbeiten und zu überleben.

Als nach einem Jahr der Revolution – nach der Flucht Ben Alis und einer Übergangsregierung – die gemäßigt islamische Ennahda zur Regierung gewählt wurde, zeigte sich Ben Mhenni enttäuscht. Sie setzte sich weiterhin für die Demokratie und gegen Korruption und Doppelmoral der tunesischen Regierung ein. Während sie das Internet als Hilfsmittel für die Revolution betrachtet, betont sie jedoch, dass die tatsächliche Revolution auf der Straße stattfand, und zwar blutig, was nicht mit euphemistischen Bezeichnungen wie Jasminrevolution verheimlicht werden sollte.

Ihr Blog wurde von The BOBs 2011 als Bestes Weblog ausgezeichnet, Ben Mhenni war als Repräsentantin der tunesischen Revolution im Gespräch für eine Nominierung für den Friedensnobelpreis desselben Jahres.

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30. Mai 1985: Maria Amelie Salamowa

Als Maria Salamowa 15 Jahre alt war, floh sie mit ihren Eltern aus ihrem Heimatland Nordossetien, dass in den Tschetschenienkonflikt verwickelt war. Zunächst beantragten sie in Finnland Asyl wegen politischer Verfolgung, nachdem sie dort abgelehnt wurden, gingen sie nach Norwegen. Auch dort wurde ihnen zwar kein Asyl gewährt, sie mussten sich also als ohne Aufgenthaltserlaubnis oder Duldung niederlassen. Während ihr Asylantrag bearbeitet wurde, ging Maria zur Schule und später, nun als ausgesprochen „Illegale“ noch immer in Norwegen lebend, zur Universität. Sie machte ihren Bachelor in Anthropologie und ihren Master in Technologie und Wissenschaft – noch immer ohne gültige Papiere.

Die Jahre der Angst vor Deportation und die bizarren, widersprüchlichen Lebensverhältnisse als illegal Eingewanderte einerseits, Akademikerin und nach eigenem Gefühl Norwegerin andererseits bewegten sie schließlich dazu, ein Buch über ihr Leben zu verfassen. 2010 erschienen ihre editierten Tagebücher unter dem Titel Illegal norwegisch. Es löste eine Debatte über Immigration und Menschenrechte in Norwegen aus und Salamowa wurde eingeladen, Vorträge zu halten über ihre Erfahrungen. Nach einem solchen Vortrag am 12. Januar 2011 an der Nansen-Akademie in Lillehammer wurde sie festgenommen und in Abschiebehaft nach Trandum verbracht – einem Asylgefängnis, das von der UN für seine Foltermethoden und Haftbedingungen kritisiert wurde. Salamowa verbrachte dort sechs Tage, von denen sie sich nach eigenen Aussagen drei Jahre lang zu erholen versuchte, und wurde schließlich nach Russland abgeschoben.

Während ihrer Haftzeit und nach ihrer Abschiebung regt sich allerdings großes Medieninteresse und ein so großer Protest gegen das Vorgehen des Staates – eine Facebook-Seite zu ihrer Unterstützung hat bis zum 23. Januar mehr als 88.000 Mitglieder und die Unterschriftenaktion von Amnesty International zählt über 28.000 Unterschriften. In Island schlagen zwei Abgeordnete dem Althing vor, ihr die isländische Staatsbürgerschaft zu verleihen. Doch am 16. April 2011 darf Salamowa, nun mit gültigen Papieren und einer Arbeitserlaubnis, nach Norwegen zurückkehren.

Heute arbeitet sie als Journalistin und Start-Up-Entrepreneur. Im unten verlinkten TEDx Talk erzählt sie eindringlich ihre Geschichte und ihre Entwicklung unten schwierigen Bedingungen.

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