Schlagwort: leberzirrhose

23/2019: Virginia Apgar, 7. Juni 1909

Schon als sie ihren High-School-Abschluss machte, wusste Virginia Apgar, dass sie Ärztin werden wollte. Sie belegte am College jedoch zunächst Zoologie mit den Nebenfächern Physiologie und Chemie; nach dem Abschluss in diesen Fächern vier Jahre später begann sie ihr Medizinstudium am der Columbia University College of Physicians and Surgeons. Als sie dort vier weitere Jahre später als viertbeste ihres Jahrgangs das Examen ablegte, war sie – 1933 – eine der ersten Frauen unter den Absolventen dort. Noch einmal vier Jahre als Assistenzärztin verbachte sie am NewYork-Presbyterian Hospital, um danach als Doktorin der Medizin anerkannt zu sein. Obwohl sie in dieser Zeit selbst an die zweitausend Operationen durchgeführt hatte und großes chirurgisches Talent bewies, riet ihr Mentor im Vorstand des Krankenhauses ihr davon ab, eine Karriere als Chirurgin weiterzuverfolgen. Nach seiner Erfahrung konnten Frauen in diesem Berufsfeld nicht Fuß fassen, Apgar selbst konstatierte in offensichtlicher Unkenntnis dessen, was wir heute als internalisierte Misogynie kennen: „Frauen wollen nicht von einer Chirurgin operiert werden. Nur Gott weiß, warum.“ (Quelle: Wikipedia).

Der Rat ihres Mentors war jedoch wohlwollend und legte den Grundstein nicht nur für die erfolgreiche Karriere Virginia Apgars, sondern auch für die Überlebenschancen von neugeborenen Säuglingen. Sie folgte dem Vorschlag, sich der Anästhesiologie zu widmen, die 1935 noch in den Kinderschuhen steckte. Dort könne sie mit ihrer Energie und ihrem Können eine großen Beitrag leisten. So absolvierte Apgar in der ersten anästhesiologischen Abteilung der USA an der University of Wisconsin-Madison ein sechsmonatiges Praktikum und ein nochmals sechs Monate dauerndes Studium zum Thema in einem Krankenhaus in New York. Zum Ende des Jahres 1937 erhielt sie schließlich ihr Zertifikat als Anästhesiologin (Anästhesistin?), als die erste Frau überhaupt.

Gleich im Folgejahr wurde sie Abteilungsleiterin der Anästhesiologie an der Columbia University und begründete dort die Anfänge für dieses neue medizinische Fachgebiet. Bis zu diesem Zeitpunkt war Betäubung in den Operationssälen Sache der Krankenschwestern gewesen, viele Chirurgen taten sich daher anfangs schwer, eine:n gleichwertige:n Kolleg:in im OP zu akzeptieren, der mit anästhesiologischem Expert:innenblick das Wohl der Patient:innen überwachte. Apgar betreute die neugegründete Abteilung als administrative Leiterin, Koordinatorin, Unterrichtende und Personalbeauftragte. In den 1940er Jahren hatte sie große Schwierigkeiten mit den finzanziellen Mitteln wie auch mit der personellen Versorgung, insbesondere nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg. Nach dem Ende des Krieges jedoch kehrten Mediziner mit erneuertem Interesse an den Möglichkeiten schmerzfreier Behandlung in die USA zurück und die Probleme der Abteilung lösten sich. Als 1949 aus der anästhesiologischen Abteilung des medizinischen Fachbereichs ein eigener Fachbereich gemacht wurde, wurde Apgar jedoch nicht die Leitung übertragen, da sie neben der Arbeit, die sie geleistet hatte, nicht auch noch ausreichend Forschungsarbeit betrieben und veröffentlicht hatte. Zur Entschädigung wurde sie zur ersten Professorin der Anästhesiologie ernannt. In dieser Position arbeitete sie bis 1959 an der Columbia University.

Als Anästhesistin war sie auch im Bereich der Geburtshilfe tätig, ihre Forschungsarbeiten als Professorin führte sie an der angeschlossenen Frauenklinik durch. Seit den 1930er Jahren war die Sterblichkeitsrate von Neugeborenen bereits stetig gesunken, doch Apgar stellte fest, dass die Zahl der Säuglingstode innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Geburt weiterhin konstant blieb. Direkt nach dem Verlassen des Mutterleibes wurden die Kinder meist den unerfahrensten Mitarbeitern im Kreißsaal übergeben und Untersuchungs- oder Behandlungsverfahren wie das Befreien der Atemwege waren noch nicht üblich. Virginia Apgar beschäftigte sich mit Methoden, wie Neugeborene gleich in den ersten Lebensminuten auf ihre Gesundheit oder Gefährdung hin untersucht werden könnten, um akute Probleme umgehend zu beheben. Den APGAR-Score, der heute noch in den meisten Kreißsälen der Welt als Ersteinschätzung für den Gesundheitszustand von Säuglingen üblich ist, entwickelte sie einer Anekdote zufolge halbwegs spontan auf die Frage eines Assistenten hin, wie systematisch und schnell der Zustand eines Neugeborenen beurteilt werden könnte. Sie richtete sich nach den gleichen Faktoren, anhand derer Anästhesist:innen den Gesundheitszustand ihrer betäubten Patient:innen beurteilten: Herzfrequenz, Atmung, Muskeltonus, Reflexantwort auf Stimulation und Hautfarbe. Im Deutschen hat sich das folgende Backronym aus dem Namen der Erfinderin ergeben:

Atmung
Puls
Grundtonus
Aussehen
Reflexe

Für jeden dieser Faktoren können von null bis zwei Punkte vergeben werden, bis zu einem APGAR-Score von zehn Punkten; ein fehlender Punkt wird meist für die anfängliche, aber nicht gefährliche bläuliche Hautfarbe vergeben, die sich kurz nach den ersten eigenen Atemzügen wieder gibt. Mit einem Score von 7 bis 8 gelten Säuglinge als „lebensfrisch“, bei 5 bis 8 Punkten als gefährdet, je nach ersten Werten kann die Untersuchung in Abständen von fünf Minuten wiederholt und gegebenenfalls eine Verbesserung festgestellt werden. Unter 5 Punkten sind Neugeborene akut lebensgefährdet – eine Tatsache, die bis dahin so nicht medizinisch festgestellt wurde. Nach dieser einfachen Untersuchung ließen sich Babys in ihren ersten Momenten einschätzen und dementsprechend umgehend versorgen.

Apgar prüfte die Gültigkeit ihres Untersuchungsverfahrens selbst an tausenden Säuglingen, 1952 stellte sie es auf dem 27. Ärtzekongress der Anästhesisten vor, anschließend veröffentlichte sie ein Forschungspapier und einen Artiekl dazu. Bald darauf wurde der APGAR-Score in vielen amerikanischen Krankenhäusern eingeführt, in den 1960er Jahren folgte Europa und bis ins 21. Jarhundert hinein bleibt diese Form der Neugeborenen-Fürsorge weltweit gängig.

1959 ließ Apgar sich von der Professor:innenstelle an der Columbia University beurlauben und nahm ein Studium im Fach Public Health auf, den Master darin erlangte sie im gleichen Jahr. Im Anschuss daran wurde sie Vorsitzende der Stiftung March of Dimes, die sich mit der Gesundheit Neugeborener befasst. Sie füllte diese Position erfolgreich aus, konnte den Betag an Spendengeldern für die Stiftung deutlich steigern und hielt Vorträge rund um die Welt. Die Verhinderung von Geburtsschäden und langfristigen Folgen von Frühgeburten waren dabei ihr vordringlichstes Thema, doch sie unterstützte auch die Rötelnimpfung – eine Rötelnerkrankung während der Schwangerschaft kann zu schweren Fehlbildungen beim ungeborenen Kind führen. Die Epidemie in den USA in den Jahren 1964 bis 1965 hatte es zwölfeinhalb Millionen Erkrankte gegeben; in 11.000 Fällen hatten die Röteln zu Fehlgeburten oder therapeutischen Abtreibungen geführt, in 20.000 Fällen zu einer Ansteckung der Säuglinge im Mutterleib mit gesundheitlichen Schäden (CW: Link mit Bildern). 2.100 Kinder starben kurz nach der Geburt, 12.000 Kinder wurden taub, 3.580 Kinder erblindeten, 1.800 Kinder erlitten kognitive Beeinträchtigungen.

Anfang der 1970er Jahre schrieb sie mit einer Autorin das Buch Is My Babay Alright, ein Ratgeber für junge Mütter. Sie schrieb in ihrem Leben mehr als 60 wissenschaftliche Artikel, erhielt mehrere Ehrendoktortitel und Medaillen für ihre Arbeit in der Säuglingsgesundheitsfürsorge. Mit 65 Jahren erlag sie einer Leberzirrhose.

Sie war keine ausgesprochene Feministin mit der Haltung, dass Frauen befreit seien von dem Moment an, in dem sie den Mutterleib verlassen. Obwohl sie selbst von der Ungleichbehandlung der Frauen, insbesondere in Gehaltsfragen, frustriert war und in ihrer Biografie ja auch unleugbar betroffen, hielt sie sich von Organisationen der Frauenbewegung fern. Nichtsdestotrotz lieferte sie einen sehr schönen Satz der Emanzipation als Begründung, warum sie nie geheiratete hatte: „Ich habe eben keinen Mann gefunden, der kochen kann.“ (Quelle: Wikipedia)

Die U.S. National Library of Medicine führt eine ausführliche Biografie zu Virginia Apgar.

10/2019: Pearl White, 4. März 1889

Pearl White

Pearl White zeigte schon in ihrer Kindheit und Jugend das Talent für eine Action-Darstellerin: Mit sechs Jahren stand sie zum ersten Mal auf der Bühne, mit 13 Jahren arbeitete sie als Kunstreiterin im Zirkus. Während der Highschool begann sie regelmäßig an einem Theater in ihrer Heimatstadt Springfield (Missouri) zu arbeiten, schließlich verließ sie die Schule ohne Abschluss und reiste mit einer Theatergruppe durch Amerika. Im Laufe der Zeit konnte sie sich mit der Schauspielerei einen Lebensunterhalt verdienen, das Singen musste sie hingegen aufgeben, als ihre Stimme unter der Dauerbelastung zu leiden begann. Mit 21 Jahren wurde sie dann vom Film entdeckt – in New York, denn 1910 war Hollywood noch nicht viel mehr als der Name sagt, ein Stechpalmenwald. Erst 1911 flohen unabhängige Filmemacher wie D.W. Griffiths vor den zweifelhaften Geschäftspraktiken der Motion Picture Patents Company an die Westküste.

White erspielte sich mit Slapstick und physical comedy in Filmen der Produktionsfirma Pathé Frères eine Position als Star an der Ostküste. Insbesondere die Kurzfilm-Serie The Perils of Pauline von 1914 machte sie beim Publikum beliebt: Zwanzig Episoden von etwa zehn Minuten Länge (oder zwei Rollen Film), die im Abstand von jeweils einer Woche in den Nickelodeons veröffentlicht wurden. White stellte darin die Heldin Pauline dar, die durch äußere Umstände in jeder Episode in Gefahr gerät und sich actionreich und athletisch retten muss. Die Nachfolge-Serie The Exploits of Elaine von 1915 wurde noch erfolgreicher und machten White zu einer der höchstbezahlten – und ersten – Filmstars der damaligen Zeit. White war selbst sportlich und zupackend, ein Gegenentwurf zu den Frauen, die sonst im Film zu sehen waren und eher der Rolle des Ingenue, der „jugendlich Naiven“ entsprachen. Eine findige, mutige und fähige Person nicht nur auf der Leinwand, machte White in ihren Filmen die Stunts selbst – bis die Produktionsfirma gewahr wurde, dass sie ihren größten Star nicht beständig der Gefahr aussetzen konnten (sie hatte sich bereits bei einem Stunt am Rücken verletzt, die Schmerzen begleiteten sie den Rest ihres Lebens und führten zu einer Alkoholsucht). Sie wurde also in späteren Filmen von einem männlichen Stuntman mit Perücke ersetzt, während die Filme noch stets damit beworben wurden, dass White auch in den abenteuerlichsten Szenen selbst zu sehen war. Dieser Schwindel flog 1922 auf, als ihr Double beim Dreh der letzten Serie sich bei einem Sprung den Schädel zerschmetterte und starb. Der Star selbst hatte zu diesem Zeitpunkt selbst schon keine Lust mehr auf die ewige Komödie, drei Jahre zuvor hatte sie bei der Fox Film Corporation einen Vertrag unterschrieben, bei der sie sich in ernsthaften Rollen versuchen wollte. Sie spielte in zehn Filmen der Produktionfirma, konnte jedoch nicht an die Erfolge ihrer Slapstick-Hits anschließen.

Europa war ein regelmäßiges Reiseziel in Whites Leben gewesen, und die amerikanische Filmlandschaft hatte ihr nicht mehr viel zu bieten. Sie verließ die USA und ließ sich im Quartier de Montparnasse in Paris nieder. Sie drehte noch einen letzten Film in Frankreich, Terreur (1924), und stand für die Gage von 3.000 Dollar pro Woche noch eine Saison in einem Londoner Theater auf der Bühne. Mit 37 konnte sie dank eines Vermögen von 2 Millionen Dollar in Rente gehen; sie investierte in einen Pariser Nachtclub, ein Hotel in Biarritz und einen Rennstall mit zehn Pferden und sicherte sich damit ein luxuriöses Leben mit einem Stadthaus in Paris und einem Landgut außerhalb der Stadt. Nach zwei gescheiterten Ehen in Amerika lernte sie in Europa einen griechischen Geschäftsmann kennen, mit dem sie statt Ringe zu tauschen ein Haus in der Nähe von Kairo kaufte und im Nahen Osten herumreiste.

Leider trank sie und nahm Drogen, aufgrund dessen verlor sie auch das Aussehen und auch die Agilität des Stars, der sie einst gewesen war. Sie kehrte noch einige Male in die USA zurück, ohne jedoch großes Interesse – oder vielleicht auch nur echte Chancen – ihre Arbeit beim Film wieder aufzunehmen. Ihre Stimme war angeblich nicht für den Tonfilm geeignet, der bis 1929 so populär geworden war, dass dieses Merkmal entscheidend für eine Schauspielkarriere wurde. Ein letztes Mal besuchte sie ihr Herkunfstland 1937, in diesem Jahr stellte sie sich wohl bereits auf den Tod ein, denn sie sorgte für ein Grab und ihre Beerdigung vor. 1938 ging sie mit einem Leberleiden, wahrscheinlich Zirrhose, in ein amerikanisches Krankenhaus in Paris, wo sie einige Zeit später ins Koma fiel und am Folgetag verstarb.

Pearl White wurde 49 Jahre alt. Sie hinterließ einen Großteil ihres Vermögens ihrem griechischen Lebensgefährten und ihrer Famile, doch auch immerhin 73.000 Dollar an Wohltätigkeitsorganisationen. Von ihren Filmen existieren wohl nur noch eine für den europäischen Markt gekürzte Version von The Perils of Pauline, nur The Exploits of Elaine ist noch nachweislich existent und 1994 in das National Film Registry aufgenommen. Obwohl sie selbst niemals in Hollywood gedreht hat, wurde ihr ein Stern auf dem Hollywood Walk of Fame gewidmet.

Bild: By Unknown photographer – This image is available from the United States Library of Congress’s Prints and Photographs division under the digital ID cph.3a40878. This tag does not indicate the copyright status of the attached work. A normal copyright tag is still required. See Commons: Licensing for more information, Public Domain

WEG MIT
§218!