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3/2020: Sofja Wassiljewna Kowalewskaja, 15. Januar 1850

Als Kind in einer russische Militärfamilie geboren, kam Sofja Wassiljewna Kowalewskaja früh und auf ungewöhnlichem Weg mit der Mathematik wortwörtlich in Kontakt: Nachdem ihr Vater, General der russischen Armee, seinen Abschied vom Dienst nahm und mit der Familie auf Land zog, wurden die Wände des Kinderzimmers neu tapeziert. Als die Tapete nicht ausreichte, griff man auf Papiere vom Dachboden des Hauses zurück. Dabei handelte es sich zufällig um das Skript einer Vorlesung, die ihr Vater in seiner Jugend bei Michail Ostrogradski gehört hatte.

Das Mädchen Sofja wurde von Gouvernanten und mit wenig familiären Begegnungen aufgezogen, dennoch entwickelte sie eine enge Bindung zu ihrer sechs Jahre älteren Schwester Anna. Ihr mathematisches Interesse wurde hingegen von einem Onkel väterlicherseits gefördert, der sich selbst laienhaft mit der Mathematik befasste und sie an seinem Zeitverterib teilhaben ließ. Sie erhielt zwar auch Unterricht in den Grundlagen der Mathematik von ihrem Hauslehrer, doch ihre Leidenschaft ging weit darüber hinaus. Als der Vater es als ungebührlich empfand, wie sehr sie in die Materie einstieg, verbot er ihr zunächst weitere Beschäftigung damit – diesem Verbot widersetzte sie sich jedoch heimlich. So bekam sie mit 15 ein Buch über Physik in die Hand, das ein Nachbar der Familie geschrieben hatte. Als sie dem Autor ihre eigenen, autodidaktischen Herleitungen erläuterte, setzte der sich dafür ein, dass sie in höherer Mathematik unterrichtet werden sollte. So durfte sie schließlich bei einem Professor in St. Petersburg Intensivkurse besuchen. In dieser Zeit entstand über ihre Schwester Anna auch ein Kontakt mit der politischen Bewegung des russischen Nihilismus.

Mit 18 Jahren war Wassiljewna entschlossen, in Europa zu studieren, da sie wie viele Frauen glaubte, bei den westlichen Nachbarn hätten sie mehr Rechte als in Russland. In ihrer Heimat durften sie weder studieren noch als Gasthörerin zu Vorlesungen gehen, sie besaßen allerdings auch keinen Reisepass und waren so als alleinstehende Frauen nachgerade gefangen. Wassiljewnas Willen, die Mathematik und Naturwissenschaften offiziell zu studieren, war so stark, dass sie gegen den Willen des Vaters eine Ehe mit Wladimir Onufrijewitsch Kowalewski einging. Ihr Ehemann war Anhänger des russischen Nihilismus und Jurastudent, er ging jedoch mit ihr nach Europa, um sich der Paläontologie zu widmen. Als reine Zweckehe unterlag die Bindung der beiden vielen räumlichen Trennungen, doch sie lebten auch immer wieder zusammen.

Zuerst ging das Ehepaar Kowalewski nach Wien, wo Sofja Physikvorlesungen hören durfte, doch das Leben dort war zu teuer. In Heidelberg durfte Kowalewskaja sich zwar auch nicht immatrikulieren, aber indem sie das persönliche Gespräch mit den Professoren suchte, konnte sie erreichen, zumindest als Gasthörerin zugelassen zu werden. Sie besuchte in dem Jahr in Heidelberg Vorlesungen von Robert Wilhelm Bunsen zur Chemie, von Hermann von Helmholtz und Gustav Kirchhoff zur Physik und Mathematik bei Paul du Bois-Reymond und Leo Koenigsberger. Letzterer empfahl ihr einen Wechsel nach Berlin, um bei Karl Weierstraß zu studieren.

Im Winter 1870 ging Kowalewskaja also ohne ihren Mann und ihre Schwester, mit denen sie in Heidelberg gelebt hatte, dorthin und bewarb sich als Schülerin bei Weierstraß. Obwohl ihre Professoren sie wärmstens empfahlen, unterzog der Mathematiker sie vorab einer schweren Prüfung. Ihre Antworten, eine Woche später geliefert, überzeugten ihn und legten den Grundstein für ein vierjähriges Privatstudium. Dabei besuchten sie sich gegenseitig jeweils einmal die Woche; da der Professor unverheiratet war und Kowalewskajas Ehe zu dieser Zeit nur auf dem Papier bestand, ist es möglich, dass sich auch eine persönliche Beziehung zwischen den beiden entwickelte. Kowalewskaja unterbrach ihr Studium nur einmal, um 1871 der Schwester Anna in Paris zur Seite zu springen (deren Ehemann wurde als politischer Aktivist verhaftet, doch die Wassiljewna-Schwestern konnten mit den Beziehungen ihres Vaters eine Freilassung erwirken). Schon im Folgejahr begann sie mit der Arbeit an drei Dissertationen gleichzeitig, unterstützt von Weierstraß und in höchster Intensität bis zu sechzehn Stunden am Tag. Dabei wusste sie noch nicht einmal, wo sie diese einreichen sollte, da sie offiziell an keiner deutschen Universität promovieren konnte – als Frau. Karl Weiertraß, der im übrigen grundsätzlich kein Freund des Studiums für Frauen war, riet ihr nach längerer Suche dazu, es an der Georg-August-Universität Göttingen zu versuchen. Als Kowalewskaja dort ihre drei Dissertationen einreichte, stellte Ernst Schering, die sie begutachtete, fest, dass sie mit jeder davon den Doktortitel verdient hatte. Sie erhielt ihre Doktorwürde schließlich 1874 summa cum laude. Damit war sie die erste Frau, die an einer europäischen Universität promovierte.

Nach diesem erfolgreichen Abschluss kehrte Kowalewskaja nach Russland zurück, doch hier erwartete sie ein Rückschlag. Doktorgrad hin oder her, ohne Magisterexamen durfte sie in Russland nicht unterrichten, und das Magisterexamen bekam sie nicht ohne Studium in Russland, zu dem sie als Frau nicht zugelassen war. Diese Enttäuschung veranlasste sie, sich von der Mathematik gänzlich abzuwenden; sie versuchte, mit ihrem Mann ein geregeltes Eheleben zu führen, und gebar 1878 eine Tochter, der sie sich in den ersten zwei Lebensjahren vollständig widmete. Doch ihr Mann verspekulierte ihr gemeinsames Geld, sodass sie sich nach sechs Jahren Mathematik-Abstinenz wieder ihrer Leidenschaft zuwandte. Sie übersetzte ihre bisher noch nicht veröffentlichte dritte Dissertation ins Russische und besuchte damit den 6. Kongress der Naturwissenschaftler und Ärzte, außerdem zog die Familie nach Moskau, wo sie regelmäßig Veranstaltungen der Moskauer Mathematischen Gesellschaft besuchte. Als ihr Mann sich schließlich mit erfolglosen Ölgeschäften vollständig finanziell ruiniert hatte, beschloss sie, sich mit der Tochter Fufa erneut nach Europa aufzumachen.

1881 ging sie zunächst nach Berlin, dann weiter nach Paris. Dorthin nahm sie jedoch ihre Tochter nicht mit, stattdessen sandte sie Fufa zurück nach Russland, wo das Kind von nun an bei ihrer Freundin und Kollegin Julia Lermontowa aufwuchs. In Paris fand sie 1882 ein anderer ehemaliger Schüler Karl Weierstraß‘, Gösta Mittag-Leffler, der sie dank seines Ansehens mit den wichtigsten französischen Mathematikern bekannt machen konnte. Das führte dazu, dass sie schon wenige Monate später in die Pariser Mathematische Gesellschaft gewählt wurde und wiederum eine Arbeit auf dem 7. Kongress der Naturwissenschaftler und Ärzte vortrug.

Der Selbstmord ihres Mannes traf sie zwar als persönliches Ereignis, doch ermöglichte ihr der Witwenstatus nun etwas, was weder als alleinstehende noch als verheiratete Frau möglich gewesen war: Sie war nun auf respektable Weise unabhängig und für sich selbst verantwortlich. So konnte Mittag-Leffler sie endlich als Privatdozentin an der Universität Stockholm einladen, eine Tatsache, die Schweden unverhältnismäßig stark bewegte. Die Zeitung befassten sich mit der Frau, die alleine für eine Dozentur in ein ihr völlig unbekanntes Land zog; es war jedoch nicht nur Bewunderung, die laut wurde. August Strindberg (alter weißer Mann seiner Zeit) schrieb über ihre Professur:

Ein weiblicher Mathematikprofessor ist eine gefährliche und unerfreuliche Erscheinung, man kann ruhig sagen, eine Ungeheuerlichkeit. Ihre Einladung in ein Land, in dem es so viele ihr weit überlegene männliche Mathematiker gibt, kann man nur mit der Galanterie der Schweden dem weiblichen Geschlecht gegenüber erklären.

Quelle: Wikipedia

Kowalewskaja nahm es gelassen; sie hatte Grund genug für ein stabiles Selbstbewusstsein, nicht nur aufgrund ihrer mathematischen Fähigkeiten, sie hielt auch bereits nach einem Jahr, in dem sie zu erst auf Deutsch (für sie Fremdsprache) unterrichtete, ihre Vorlesungen auf Schwedisch. Das Strindbergs Urteil sie nicht verunsicherte, beweist ein Brief, den sie an Mittag-Leffler schrieb:

Als Weihnachtsgeschenk erhielt ich von Ihrer Schwester einen Artikel von Strindberg, in dem er so klar beweist, wie zweimal zwei vier ist, daß eine solche Ungeheuerlichkeit wie ein weiblicher Professor der Mathematik schädlich, unnütz und unangenehm ist. Ich finde, daß er im Grunde ganz recht hat, nur gegen eines protestiere ich, daß nämlich in Schweden eine große Anzahl Mathematiker leben soll, die mir weit überlegen seien und daß man mich nur aus Galanterie berufen habe.

Quelle: Wikipedia

In Mittag-Lefflers Auftrag trug sie für Acta Mathematica, die einzige mathematische Fachzeitschrift Skandinaviens, verschiedene Veröffentlichungen russischer, deutscher und französischer Mathematiker zusammen und wurde in Folge 1884 die erste Frau, die als Herausgeberin an einer wissenschaftlichen Zeitung beteiligt war. Im gleichen Jahr wurde ihre Privatdozentur in eine ordentliche Dozentur umgewandelt – nicht ohne Widerstand der männlichen Kollegen und auf fünf Jahre befristet. Damit war sie die erste Professorin in Europa seit fast hundert Jahren, als verspätete Nachfolgerin von Laura Bassi (1776 Professorin für Physik in Bologna) und Maria Gaetana Agnesi (1748 ebenfalls für Physik in Bologna, jedoch ohne Lehrtätigkeit).

1886 löste Kowalewskaja ein in der Mathematik bestehendes Problem in der Rotation fester Körper. Soweit ich das als mathematisch völlig Ahnungslose verstehen kann, fand sie einen Kreiseltypen, dessen Bewegungen sich mathematisch berechnen und vorhersagen lässt, unabhängig davon, wie die Bewegung anfänglich aussieht. Dies war in zwei anderen Fällen vorher nur Leonhard Euler (1707-1783) und Joseph-Louis Lagrange (1736-1813) gelungen, nach Kowalewskaja nur noch Dmitri Nikanorowitsch Gorjatschew (1867-1949) und Sergei Alexejewitsch Tschaplygin (1862-1942). Als sich diese Entdeckung herumsprach, wurde der renommierte Bordin-Preis der Académie des sciences im Jahr 1888 ausdrücklich für einen Beitrag zur Rotation fester Körper ausgeschrieben – damit Kowalewskaja ihn gewinnen konnte. Die Einreichungen für den Preis waren grundsätzlich anonym, doch Kowalewskajas Abhandlung wurde nicht nur als beste gekürt, der Preis wurde aufgrund der Qualität ihrer Arbeit von den üblichen 3.000 auf 5.000 Francs hochgesetzt. Ihre Erkenntnis ist heute als Kowalewskaja-Kreisel bekannt.

Im Jahr zuvor war ihre Schwester gestorben, die Trauer darüber hatte sie mit der vertieften Arbeit für den Bordin-Preis verarbeitet. Nachdem sie die Ausschreibung gewonnen hatte, schrieb sie ihre Kindheitserinnerungen und veröffentlichte sie mit großem Erfolg in Schweden, ebenso verfasste sie Jugenderinnerungen und eine Novelle mit dem absolut charmanten Namen „Die Nihilistin“. 1889 lief ihre Professur in Stockholm eigentlich aus und sie bewarb sich in Frankreich und Russland auf andere Stellen. Wieder war es Mittag-Leffler, der ihr zu Hilfe kam, durch seinen Einsatz wurde ihre Professur in Stockholm doch auf Lebenszeit verlängert. Weder in Frankreich noch in Russland hätte sie eine Beschäftigung gefunden; Frankreich ehrte sie nur mit einer Urkunde, in Russland wurde sie nur zum „korrespondierenden Mitglied Russischen Akademie der Wissenschaft“ gewählt.

Bereits zwei Jahre später jedoch zog sie sich in Cannes eine Grippe zu, die sich auf dem Heimweg nach Stockholm über Paris und Berlin zu einer Lungenentzündung auswuchs. Nach ihrer Ankunft in der schwedischen Heimat starb sie daran, mit nur 41 Jahren. Ein Kollege, Leopold Kronecker (der ein halbes Jahr später ebenfalls an Bronchitis starb), schrieb in seinem Nachruf:

Die Geschichte der Mathematik wird von ihr als einer der merkwürdigsten Erscheinungen unter den überhaupt äusserst seltenen Forscherinnen zu berichten haben.

Quelle: Wikipedia

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Ebenfalls diese Woche

Januar 1968: Zeng Fanyi (Link Englisch)
Die in Shanghai tätige Genetikerin bewies 2009 mit ihrem Team, dass sich ein vollständiger Säugetierkörper aus induzierten pluripotenten Stammzellen heranzüchten lässt.

14. Januar 1862: Carrie Derick (Link Englisch)
Die Botanikerin und Genetikerin war die erste Professorin an einer kanadischen Universität.

14. Januar 1938: Indira Nath
Als Spezialistin in der Pathologie, Immunologie und Infektiologie forscht Nath zur Immunantwort und Nervenschädigung, die eine Infektion mit Lepra auf zellulärer Ebene anrichtet.

17. Januar 1647: Elisabetha Hevelius
Nach der Heirat mit dem Bierbrauer und Astronom Johannes Hevelius assistierte sie ihm bei der Errichtung einer Sternwarte und der Erstellung eines Sternenkatalogs, den sie nach seinem Tod allein fertigstellte.

17. Januar 1877: Marie Zdenka Baborová-Čiháková (Link Englisch)
Sie war die erste Botanikerin und Zoologin Tschechiens.

17. Januar 1917: Ruth Smith Lloyd (Link Englisch)
1941 erhielt die Medizinerin als erste Afroamerikanerin die Doktorwürde, an der Western Reserve University im Fach Anatomie. Sie forschte zur weiblichen Fruchtbarkeit, dem Einfluss der Geschlechtshormone auf das Körperwachstum und zum weiblichen Zyklus.

19. Januar 1859: Alice Eastwood
Die kanadisch-stämmige Botanikerin rettete die Typus-Sammlung des Herbariums der California Academy of Science vor dem Feuer, ausgelöst durch das große Erdbeben von San Francisco 1906.

20/2019: Kate Marsden, 13. Mai 1859

Über die Kindheit von Kate Marsden ist nicht viel bekannt, außer dass sie früh verwaiste. Mit 16 Jahren wurde sie Krankenschwester, eine Tätigkeit, die sie mit 18 bereits nach Bulgarien brachte, wo sie für das Rote Kreuz im Russisch-Osmanischen Krieg Verwundete versorgte. Dort begegnete sie den ersten Leprakranken (Link TW Bild) ihres Lebens, die sie davon überzeugten, dass die Heilung der Krankheit ihre Lebensaufgabe sei. Der Lepraerreger war erst wenige Jahre zuvor entdeckt worden; Lepröse wurden noch immer als unheilbar, vor allem aber hochansteckend betrachtet und lebten daher meistens unter extrem schlechten hygienischen Bedingungen, von der restlichen Gesellschaft verstoßen.

Nach dem Ende des Krieges kehrte sie zunächst nach England zurück, um ihre an Tuberkulose erkrankten Geschwister zu pflegen. Auch ihre Schwester in Neuseeland litt daran und so reiste Marsden 1884 mit ihrer Mutter dorthin. Nach dem Tod der Schwester verblieb sie zunächst in Wellington und leitete ein Krankenhaus, außerdem gründete sie die erste Zweigstelle der Johanniter in dem Inselstaat. Dann starb 1889 der „Apostel der Leprakranken“ Pater Damian, ein in der Sache besonders engagierter Geistlicher, der auf der hawai’ianischen Insel Moloka’i gearbeitet hatte. Marsden kehrte nach England zurück mit dem Wunsch, in den englischen Kolonien seine Arbeit fortzusetzen. Als sie im Folgejahr vom Roten Kreuz eine Einladung nach Sankt Petersburg erhielt, um von Zarin Maria Feodorowna einen Orden für ihre Aufopferung im Russisch-Osmanischen Krieg verliehen zu bekommen, bot sich ihr eine große Chance. Vor ihrer Abreise ersuchte sie ein Unterstützungsschreiben der Königin Victoria und deren Schwiegertochter Alexandra von Dänemark, die auch die ältere Schwester der Zarin war. Mit diesen Schreiben ausgestattet reiste sie nach Sankt Petersburg und erlangte dort nicht nur einen offiziellen Brief der Zarin, der ihre Forschungen zur Lepraheilung in Russland unterstützte, sondern auch finanzielle Förderung dafür.

Mit diesen Hilfsmitteln ausgestattet, kehrte sie zuerst nach England zurück, schiffte sich dann nach Ägypten ein und reiste über Alexandria, Jaffa, Jerusalem und Zypern nach Konstantinopel. Dort traf sie auf einen englischen Arzt, der ihr von einem angeblichen Heilkraut gegen Lepra erzählte, das in Sibirien zu finden sei. Nach dieser Begegnung reiste Marsden erneut nach Moskau, um von dort aus mit weiterer Unterstützung der Zarin und in Begleitung einer Übersetzerin nach Sibirien aufzubrechen. Ihr Reisegepäck beinhaltete so viele Schichten an Kleidung, dass sie in voller Montur ihre Knie nicht mehr beugen konnte und von drei Männern in den Schlitten gehoben werden musste, außerdem 18 Kilogramm Christmas Pudding – mit dem einfachen Argument, dass dieser ein unverderbliches Nahrungsmittel darstellte und sie ihn gerne aß.

Moskau - Irkutsk - zu Fuß
Google Maps: Auf dieser Route gibt es eine Fährstrecke. Diese Route verläuft durch Kasachstan. Dein Ziel liegt in einer anderen Zeitzone.

Die Reise der beiden Frauen dauerte zwei Monate allein bis Omsk (Google gibt auch heute für die Reisedauer zu Fuß 508 Stunden an). Dort musste Marsden wegen Krankheit pausieren und ihre Übersetzerin warf gänzlich das Handtuch. Nach der Genesung setzte die entschlossene Krankenschwester ihre Mission nach Jakutien alleine (also ohne Begleitung außerhalb der rekrutierten Einheimischen) fort. Das zweite Drittel ihrer Reise führte sie nach Irkutsk am Baikalsee, wo sie ein Kommittee zur Bekämpfung der Lepra gründete; schließlich brachte sie das letzte Drittel bis Jakutsk an der Lena, von wo aus sie sich noch in das nördliche Sibirien vorwagte – auf dem Pferd, teilweise abenteuerlich durch brennende Torffelder, auf der Suche nach dem Wunderkraut. Während ihrer ganzen Reise half sie neben Leprakranken auch anderen Bedürftigen, wie Strafgefangenen auf dem Weg ins Exil, insbesondere den Frauen darunter.

Sie fand in den Tiefen Sibiriens wohl ein Kraut, kutchutka, das dort gegen die Symptome der Lepra verwendet wurde, doch weit entfernt von einem Heilmittel war. Nach elf Monaten Reise durch Russland kam sie wieder in Moskau an und begann sofort, Spenden zu sammeln für eine Leprastation, in der Erkrankte unter menschenwürdigen Bedingungen versorgt werden könnten. Zurück in England, erhielt sie von Queen Victoria eine Brosche in Form eines Engels und sie wurde als eine der ersten weiblichen Fellows in die Royal Geographical Society aufgenommen. Im Folgejahr brachte sie ihren Reisebericht On Sledge and Horsback to Ouscast Siberian Lepers heraus, außerdem hielt sie diverse Vorträge, in denen sie auf die Zustände in den sibirischen Leprakolonien aufmerksam machte und Spenden sammelte. 1895 konnte dann in Wiljuisk eine moderne Leprastation nach ihren Plänen erbaut werden.

Ihr Ruhm als Abenteurerin und Erfolg als Wohltäterin zog jedoch Missgunst auf sich. Einige Kritiker meinten, es sei unglaubwürdig, dass sie als Frau diese ausgesprochen schwierige Reise angetreten und überstanden hätte. Schlimmer jedoch für ihre Position waren zwei Vorwürfe, die sie moralisch fragwürdig erscheinen ließen. Einerseits warf ihr eine ehemalige Reisegefährtin aus der Zeit in Neuseeland vor, eine Betrügerin zu sein, die womöglich auch die Spendengelder für die Leprakranken für den eigenen finanziellen Gewinn nutze. Eine amerikanische Russland-Expertin, Isabel Hapgood, griff diese Vorwürfe auf und bezichtigte Mardsen öffentlich der Veruntreuung. Auch wenn Marsden tatsächlich in ihrem Privatleben nicht den zuverlässigsten Umgang mit Geld, insbesondere Schulden hatte, konnten die Untersuchungskommissionen – sowohl in England wie in Russland – keine Unregelmäßigkeiten in ihrer Verwendung der Spenden feststellen. Nichtsdestotrotz war ihr Ruf als Wohltäterin geschädigt.

Diese üble Nachrede hätte Marsden vielleicht überstehen können, insbesondere nach der offiziellen Unschuldserklärung, doch sie ging Hand in Hand mit einem weniger juristischen als moralischen Vorwurf. Unter anderem die ehemalige Reisebegleiterin, aber auch ein engslischsprechender Pastor in Sankt Petersburg berichteten von der Homosexualität Marsdens – und Marsden selbst gab zu, die Avancen anderer Frauen nicht abgewiesen zu haben. Zwar war weibliche Homosexualität in England im Gegensatz zu männlicher nicht strafbar, aber gutgeheißen wurde sie auch nicht. William T. Stead, der erste Vertreter des investigativen Journalismus, war an vorderster Front bei der Schmierkampagne gegen Marsden. Sie dachte über eine Verleumdungsklage gegen den Sankt Petersburger Pastor nach und, nachdem dieser die Ergebnisse der russischen Spendenkommission als „Schönfärberei“ abtat, strengte auch eine solche an, doch ihre finanzielle Situation machte es unmöglich, diese juristische Handhabe weiterzuverfolgen. An Oscar Wilde, der im gleichen Jahr mit einer Verleumdungsklage scheiterte und vom Kläger zum Angeklagten wurde (später für Unzucht mit Prostituierten zu zwei Jahren harter Zwangsarbeit verurteilt, die langfristig seinen Tod verursachte), hatte sie ein warnendes Beispiel für die hohen Kosten und gleichzeitig schlechten Erfolgschancen einer solchen Klage.

Marsden führte ihre Arbeit noch einige Zeit weiter, doch konnte sie sich vom Ansehensverlust nicht erholen. 1914 war sie noch ursprünglich an der Gründung eines Museums in Bexhill beteiligt, zu dessen Sammlung sie selbst Stücke beitrug und sie überzeugte einen Bekannten, seine ägyptischen Artefakte zur Verfügung zu stellen, außerdem organisierte sie Versammlungen zur Unterstützung des Museums. Dann kontaktierte der Bürgermeister der Stadt das Gründungskommittee und wies auf den Jahre zurückliegenden Skandal in Marsdens Geschichte hin. Daraufhin musste sie sich von ihrer Tätigkeit zurückziehen, weil sie „nicht geeignet“ sei, Spenden zu verwalten.

1921 schrieb sie noch eine Verteidigungsschrift, My Mission in Sibiria, A Vindication, um gegen die Unterstellungen und ihren Ansehensverlust vorzugehen, blieb jedoch erfolglos. Sie starb demenzkrank 1931 in London.

Das Krankenhaus, das sie in Jakutien gründete, wurde 1962 geschlossen, doch Marsden wird dort noch immer erinnert und verehrt. Ein 55-Karat schwerer Diamant, der in Jakutien gefunden wurde, erhielt nach ihr den Namen Sister of Mercy Kate Marsden. Atlas Obscura (Link engl.) hat einen ausführlichen Artikel zu ihr online, einen Teil ihres Reiseberichts, der sich zu lesen lohnt, ist bei thelongridersguilt (Link engl.) zu finden.

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