Schlagwort: mutterschaft

Vom Parken und Vergleichen

Alter Text von 2017, aber immer noch sehr wahr. Wollte ich immer schon mal als allenstehendes Plädoyer wiederverwerten. Warum nicht jetzt und heute.

Ich beziehe mich auf eine Wortmeldung bei dieser Veranstaltung, aber hier bricht sich einiges Bahn, was mich als Mutter, die arbeiten will, in der Diskussion um das Thema arbeitende Mütter, Kinderbetreuung etc. im Internet und anderswo schon eine Weile bewegt. Vielleicht ist dies ja ein Beitrag zum Feminismus der Mütter, dessen mangelnde Perspektive die Frankfurter Rundschau vor einiger Zeit beklagte.

Umso trauriger – nein: ärgerlicher ist es, gerade bei so einer Gelegenheit, dass einer der letzten Wortbeiträge einer war, der voller Reizworte und Rabenmutter-shaming war. Die Dame, die sich zu Wort meldete, war, so hatte ich aus einem Pausengespräch schließen können, in Begleitung ihres Mannes anwesend, der einen familienfreundlichen Handwerksbetrieb im eigenen Haus führt und daher mit Arbeitgeberinteressen die Veranstaltung besuchte. Sie selbst war glückliche Hausfrau/Mutter, wozu ihr zu gratulieren ist.

Ihr Wortbeitrag bestand aber leider daraus, zum Thema längere Betreuungszeiten/24-Stunden-Kitas zu fragen, wie lange man denn „die Kinder noch in der Betreuung parken (sic!)“ wolle, und gerade wenn ein Kind krank sei, man doch als Mutter nur selbst beim Kind sein wolle, und wenn einer gut genug verdienen würde, dann müsse das doch reichen.

*seufz* Wo anfangen?

Zunächst mal hatte ich im Gespräch mit ihr zuvor zugegeben, dass ja, manchmal ich tatsächlich denke, hätte ich das damals gewusst, was es mich kosten würde, hätte ich eventuell keine Kinder bekommen – aka ich „bereue“ es angesichts meiner derzeitigen Lage manchmal, Mutter geworden zu sein. Das nimmt nichts weg von der Liebe für meine Kinder, es bedeutet nur, dass ich mir auch ein glückliches Leben ohne sie vorstellen könnte. Ich würde das selbst nur als ein Zeichen von Vorstellungskraft und Ambiguitätstoleranz werten, aber manche finden solche Aussagen wohl schockierend.

Also fangen wir zunächst mal mit dem Unwort „parken“ an. Niemand „parkt“ sein Kind irgendwo – fast alle Eltern, die ich in Betreuungseinrichtungen getroffen habe, haben sich die jeweilige mit viel Mühe und Zeitaufwand angeschaut und ausgesucht, weil es eine Notwendigkeit dafür gab, dass das Kind auch von anderen Menschen als Mama, Papa oder anderen Familienmitgliedern wie den Großeltern betreut wird. Und in noch keiner Betreuungseinrichtung, die ich von innen gesehen habe, machten die Kinder einen „geparkten“ Eindruck, sondern sie waren in immer fachlich ausgebildeter und meistens liebevoller Betreuung. Nur „meistens“, weil nicht jeder Mensch mit jedem Kind immer nur säuseln kann – und das werte ich als einen positiven Aspekt der „Fremdbetreuung“, aber dazu später. (Anm. 2020: Und natürlich bestand und besteht das Problem der chronischen Unterbesetzung und vor allem Unterbezahlung von Betreuungspersonal.) „Geparkt“ werden meine Kinder eher von mir zu Hause, vor dem Fernseher oder dem Tablet, wenn ich alleine mit beiden bin und Haushaltsaufgaben erledigen muss, einen Blogpost fertigstellen will oder gar *gasp* einfach mal ein paar Minuten für mich brauche. Can’t pour from an empty cup and all that. Dementsprechend ist Zeit in den Händen ausgebildeter Erzieher für meine Kinder wertvoll, weil sie dort über Stunden hinweg gefordert, gefördert, unterhalten und unterrichtet werden. Was ich als Mutter schlicht nicht leisten kann und meines Erachtens auch nicht können muss. Ich kann dafür meinen Kindern erklären, warum sie nicht alles glauben sollen, was die Werbung ihnen erzählt, was es bedeutet, wenn einer „mit des Seilers Tochter Hochzeit gefeiert“ hat oder warum vor 100 Jahren rosa noch die Jungsfarbe war. Aber zurück zum Unwort. Das Gespräch zwischen arbeitenden und nicht arbeitenden Müttern würde so viel angenehmer verlaufen, wenn solche eindeutig herabsetzenden und verurteilenden Pejorative auf beiden Seiten vermieden würden.

Weiter geht es, wie eine andere Mutter im Publikum dankenswerterweise anmerken durfte, bei längeren Öffnungszeiten und 24-Stunden-Kitas ja nicht nur darum, dass regulär arbeitende Eltern ihre Kinder noch für ein paar Stunden mehr loswerden. Es ginge in meinem Fall früher z.B. darum, ich an vier Tagen der Woche bis 18:00 arbeiten könnte, mit einer Stunde Pendelfahrt, mein Mann auch bis 17:00 arbeiten könnte und nicht jeden Tag die Oma bemüht werden müsste. Sondern an diesen vier Tagen auch bis 17:30 eine Betreuung gegeben wäre. Oder, ganz von meiner Situation gelöst, aber sehr konkret und real, dass Eltern im Schichtdienst oder mit Arbeitszeiten, die nicht dem 9-5 im Büro entsprechen, auch eine Betreuung finden können, ohne familiäre Ressourcen – die schlicht nicht immer vorhanden oder erreichbar sind.

Bei der diskutierten „Betreuung des kranken Kindes“ geht es – nach meiner Realität und Vorstellung – auch nicht darum, ein hoch fieberndes Kind zu einer fremden Person zu transportieren, damit der Chef glücklich ist. Aber es könnte zum Beispiel darum gehen, wie die Situation sich für Arbeitgeber und Arbeitnehmer erleichtern ließe, wenn das Kind wegen drei gefüllter Windeln an einem Nachmittag zwei Tage lang mopsfidel zu Hause bleiben muss, weil Kindergärten eine völlig berechtigte Quarantäne für Durchfallerkrankte verhängen. Oder die letzten Tage einer Grippe, in der das Fieber verklungen und die Langeweile groß ist, aber eine Schonung der körperlichen Kräfte immer noch angesagt ist. Homeoffice ist da natürlich ein erster wichtiger Schritt – vor allem, wenn man sich wie ich nicht scheut, solche Rekuperationsphasen mit popkultureller Bildung am Bildschirm zu überbrücken. Aber auch das hat seine Grenzen, vor allem im Sitzfleisch der Kinder, weshalb ergebnisorientierte Arbeitszeiteinteilung, wo möglich, der nächste Schritt wäre. Vornehmlich scheint es aber einfach einen Wandel der Kultur, der Haltung gegenüber Eltern zu brauchen – auch dazu später.

Zum letzten Satz schließlich, „wenn einer gut genug verdient“, dann müsse das reichen – erst einmal muss „einer gut genug“ verdienen, das ist schon mal eine Hürde für viele Eltern; und zwar nicht nur heutzutage, das war schon immer so. Aber selbst wenn die genommen ist, wie ich gerade mal so mit einigem Kopfwiegen und Händewackeln sagen könnte, unter dem unglücklichen Bilck meines Mannes, auf dem damit allein die Verantwortung liegt – es geht doch nicht nur um wirtschaftliche Aspekte! Es geht nicht nur um „arbeiten müssen“, es geht auch um „arbeiten wollen“! Und auch das nicht nur wegen wirtschaftlicher Unabhängigkeit oder „sich mehr leisten können“ zu wollen, oder einen Menschen, den man liebt, von dieser Verantwortung zu entlasten.

Ich bin Feministin und ich verachte keine Frau für ihre Entscheidungen. Mein Feminismus ist einer, bei dem es darum geht, allen Menschen die individuelle Wahl für ihr persönliches Glück zu gewähren, so lange sie damit anderen nicht schaden oder sie einschränken. Wenn eine Frau in der Arbeit als Hausfrau voll aufgeht und glücklich ist, will ich sie nicht zur Karriere im Büro bekehren. Ich beglückwünsche sie, wenn sie den/die passende/n Partner/in findet und wünsche ihr alles erdenklich Gute. Sie möge ihre Kinder so lange selbst zu Hause betreuen, wie sie mag, so lange sie ihnen nicht die Bildung vorenthält, auf die Kinder hierzulande ein Recht haben.

ICH hingegen.

Ich musste 23 Jahre alt und einen Schwangerschaftabbruch älter werden, um zu wissen, dass ich in der ferneren Zukunft dann doch wirklich Kinder haben möchte. Bis es neun Jahre später soweit war, hatte ich aber auch schon ein verhältnismäßig glückliches und erfülltes Leben gelebt. Ich habe mich vor den Kindern für Literatur, Filme und Sprache interessiert, hatte Hobbies, Leidenschaften und einen Beruf, war ein vollständiger Mensch mit Bedürfnis nach (erwachsener) Gesellschaft und Rückzugsmöglichkeit. Dieser Mensch ist nicht verschwunden, als mein erstes Kind auf die Welt kam. Die Bedürfnisse der kleinen Menschen, die ich – nach meinem eigenen Wunsch! – auf die Welt gesetzt hatte, und meine eigenen zu vereinbaren, was meistens naturgemäß zu meinen Ungunsten ausfiel, war ein langer, harter und manchmal niederschmetternder Kampf.

Und obwohl es mein gutes Recht ist, meine Ziele zu verfolgen und Bedürfnisse nicht nur des körperlichen Wohlbefindens zu stillen, habe ich den Eindruck, mich ganz besonders gegen Urteile und Vorwürfe wehren zu müssen. Aus staatlicher Sicht verdient mein Mann gerade so viel, dass wir keine Unterstützung brauchen. Und ja, mit von „Doppelverdiener mit einem Kind“ auf „Einzelverdiener mit zwei Kindern“ heruntergeschraubten Ansprüchen befinden wir uns nicht in einer wirtschaftlichen Notlage.

Als Mutter, die nicht arbeiten muss, so scheint es, sollte ich doch einfach froh sein. Und schon gar nicht meine Kinder in Fremdbetreuung geben. Müttern, die müssen, weil sonst kein Geld da ist, verzeiht man, dass sie ihre Kinder von „Fremden“ „betreuen“ lassen. Mir eher nicht – schließlich bin ich die Mutter, habe Zeit und (gerade so genug) Geld. Ich sollte einfach froh sein.

Ich bin aber nicht froh.

Nicht damit, alleinige Beauftragte im Haushalt zu sein – mein Ehrgeiz, eine „gute Hausfrau“ zu sein, ist vernachlässigbar. Nicht damit, wirtschaftlich von meinem Mann abhängig zu sein – einer guten Ehe liegt stets das Gefühl zugrunde, frei zu sein, und wirtschaftliche Abhängigkeit überschattet dieses Gefühl. Und nicht damit, meinen Intellekt und meine zahlreichen Fähigkeiten außerhalb der Mutterrolle brach liegen zu lassen – das bedeutet nämlich, dass große Teile meiner eigenen Persönlichkeit vernachlässigt werden, was zu ganz erheblichen seelischen und mentalen Problemen führt, die sich wiederum auf mein Verhältnis zu den Kindern niederschlagen.

Seit ich die eine Tätigkeit nicht mehr ausüben kann, die mir eine gelungen Work-Life-Balance erlaubte, suche ich nach neuer Arbeit. Das hieß, dass ich trotz Arbeitslosigkeit den Betreuungsplatz beim Tagesvater für meinen nicht ganz Einjährigen in Anspruch nahm. Weil ich, wenn ich neue Arbeit finden sollte, darauf angewiesen gewesen wäre, dass die Betreuung bereits besteht – mit den momentanen Planungs- und Anmeldephasen in der Kinderbetreuung ist man nur auf der sicheren Seite, wenn man einen Platz hat und nicht hergibt. Das hieß auch, dass meine Große weiterhin 45 Stunden pro Woche in den Kindergarten ging – so war sie es gewöhnt, und eine Umgewöhnung und Rück-Umgewöhnung, wenn ich wieder in Arbeit gekommen wäre, hätte mehr Stress für das Kind bedeutet als einfach den bekannten Rhythmus zu behalten.

Dass meine Kinder in ihrer Betreuung waren, hieß auch, dass ich mich in den Stunden zu Hause nicht nur um den Haushalt kümmern konnte. Ich konnte auch meiner bescheidenen Bloggertätigkeit nachgehen, ohne auf Schlaf zu verzichten (ein ausgesprochen wertvoller Gewinn), und mich der Arbeitssuche widmen, wie es die Agentur für Arbeit von mir erwartete.

Aber, und jetzt kommt’s. Aber ich habe die „Fremdbetreuung“ meiner Kinder nie nur als meinen eigenen Vorteil gesehen – um mögliche Arbeitszeiten abzudecken oder Freiraum für meine Persönlichkeit neben dem Mutterdasein zu haben. Ich spreche hier nur als Expertin für meine eigenen Kinder, ich weiß, dass andere Kinder anders sind, andere Mütter anders sind und es ist alles gut. Aber meine Kinder haben davon profitiert, dass andere liebevolle und fachlich ausgebildete Menschen in ihr Leben traten und sich um ihre Entwicklung kümmerten. Und das nicht, weil ich so eine fürchterliche, harte und verbitterte Mutter bin, sondern unter anderem weil die gewonnene Zeit für meine anderen Persönlichkeitsaspekte mir geholfen hat, eben das nicht zu werden. Und weil die Welt meiner Kinder sich geöffnet hat, sie mit anderen Kindern zusammenkamen, für ganze Tage und nicht nur ein paar Stunden; sie hat sich aber auch geöffnet für die Andersartigkeit der Erwachsenen. Wir Eltern sind atheistische Film-Freaks, die mittelmäßig-ausreichend auf gesunde Ernährung mit Fleisch achten, aber schon mal streng auf respektlosen Umgang mit unserem Eigentum reagieren. Die Tagesmutter unserer Tochter war katholische Anthroposophin, die Hausmannskost für die ganze Familie inklusive ihrer Teenager kochte und eine ellenlange Geduld hatte. Der Tagesvater unseres Sohnes war evangelischer Theologe und ausgebildeter Sozialarbeiter, der mit den Kindern vorwiegend vegetarisch kochte und die manchmal rabiaten Abenteuerlichkeiten unseres Sohnes mit Schmunzeln und einem gewissen Maß an Bewunderung betrachtete. Unsere Kinder haben bei den Tageseltern und im Kindergarten gelernt, dass sich die Fürsorge der Erwachsenen nicht immer in lieblicher Freundlichkeit äußert, dass Teilen mit anderen notwendig und sogar schön ist, haben Raum und Möglichkeit gehabt, ihren Körper und ihre Fähigkeiten auszuprobieren, die ich als einzelne Bezugsperson in einer Vierzimmerwohnung einfach nicht anbieten kann.
Heißt das, dass ich nicht alle Entwicklungsschritte meiner Kinder beim „ersten Mal“ mitbekommen habe? Ja. Haben sie darunter gelitten? Nein. Warum? Weil die Kinder diese Entwicklungsschritte nicht für mich und meine Selbstverwirklichung gemacht haben und vor allem „das erste Mal“ nur den Anfang bedeutete, dh. es folgte die Wiederholung und Aneignung neuer Fähigkeiten, die ich alle mitbekommen habe. Mein Leid darüber, nicht bei den allerersten Schritten unseres Sohnes dabeigewesen zu sein, verflog, als er gleich nachmittags zum zweiten und dritten Mal lief.
Fazit: Was ich mir wünsche. Ich wünsche mir von der Gesellschaft ein Loslassen der traditionellen Rollen, das heißt mehr Unterstützung berufstätiger Eltern auch in der Gesprächskultur. Dass Mütter arbeiten dürfen, egal ob sie müssen oder „nur“ wollen. Dass Väter zu Hause bleiben und Fürsorge erbringen dürfen. Ich wünsche mir von Arbeitgebern, dass sie „Familienfreundlichkeit“ nicht nur als Wort im Marketing behandeln und in ihrer Betriebskultur Eltern (auch potenzielle!) keine Belastung sind, sondern als wertvolle Mitarbeiter behandelt werden, die Qualifikationen mitbringen, die nur von Eltern ausgebildet werden können. Ich wünsche mir von allen Frauen, vor allem aber allen Müttern, dass sie sich von der Dichotomie gut/schlecht lösen, was individuelle Entscheidungen des Elterndaseins angeht. Die Hausfrauen/Mütter sind keine Egozentrikerinnen, keine Heimchen oder Übermütter, die ihre Kinder nur als Verlängerung ihrer selbst sehen – sie lieben ihre Kinder und wollen ihnen das Beste geben, was sie zu bieten haben*. Die arbeitenden Mütter sind keine Egozentrikerinnen, keine Karrieretussis oder Rabenmütter, die ihre Kinder nur als Lifestyle-Accessoire bekommen haben – sie lieben ihre Kinder und wollen ihnen das Beste geben, was sie zu bieten haben*. Die Bedürfnisse der Eltern und der Kinder unterscheiden sich so sehr, wie sich Menschen unterscheiden. Das Eine ist nicht richtiger als das Andere, das Andere stellt das Eine nicht in Frage oder negiert es!
Ich wünsche mir, dass es für alle Arbeit, Lebensraum und Betreuungsplätze gibt, um das individuelle Glück zu verfolgen. Amen.
 
*Selbstverständlich sind bedauernswerte Einzelfälle hiervon ausgenommen, aber bitte: viele Anekdoten schaffen keine wissenschaftlichen Fakten.

Anm. 2020: Heute arbeitet mein Mann von 9 bis 18 Uhr, den Kindergarten haben wir hinter uns gelassen, das K10J ist schon recht selbständig – und ich habe in den vergangenen Jahren seit 2017 die Möglichkeit der Nachmittagsbetreuung an der Grundschule wahrgenommen, obwohl ich von Zuhause aus arbeite. Aber ich arbeite. Und wie heute wohl überall angekommen ist: Mit Kindern in der Wohnung ist das einfach nicht so einfach.

Frau Dr. päd. Snack Bitch

frauenfiguren limonadeleben twitter 12. märz 2020
Twitter vor sechs Wochen

In der inzwischen 6. Woche bin ich mit dem K5J und dem K10J zu Hause. Meine Selbständigkeit ist für diese Zeit und die nähere Zukunft auf Eis gelegt – mein zweifelhaftes Privileg ist es ja, einen Partner mit ausreichendem Verdienst zu haben. Die Dose Würmer der fehlenden finanziellen Autonomie, Frustration und Selbstwertverlust etc. steht aber selbstverständlich hier immer mit im Raum. Im „Homeoffice“ versuche ich zumindest mein Herzensprojekt, dieses Blog, weiterzuführen. Wobei ich mir inzwischen ernsthaft die Frage stellen muss, worüber ich eher den Verstand verliere, darüber, dass ich mir selbst den Druck aufbürde, meine wöchentlichen Posts zu schaffen neben der Kinderbetreuung? Oder wenn ich doch einfach aufgebe, kapituliere, mich gänzlich in die nie gewollte Position der Hausfrau und Mutter füge, in die mich die Pandemie derzeit wieder zurückdrängt?

Seit gestern versuchen wir einen neuen Plan, weil der erste am Ende der vergangenen fünf Wochen, nach schon mehreren Parabelflügen, zu einem ernsthaften Zusammenbruch geführt hat. Wir hatten es so versucht: Vormittags arbeiten wir alle in der Küche, mit Kopfhörern, an unseren entsprechenden Aufgaben, nachmittags schauen wir alle zusammen einen Film. Alle zusammen heißt, ich und die Kinder. Mein Partner hat dankenswerterweise nach einem Probetag beschlossen, mich zu entlasten, indem er seine Arbeit weiterhin im Büro ausübt. Auch noch auf seine Befindlichkeit und Konzentration Rücksicht nehmen zu müssen in meiner Interaktion mit den Kindern, war schlimmer, als die acht Stunden am Tag mit ihnen alleine zu sein. Der neue Plan sieht vor, dass ich vormittags mit K5J bastele und für K10J bei den Schularbeiten ansprechbar bin. Dann essen wir und anschließend habe ich nachmittags zwei Stunden wirklich ganz ungestört für mich, weil die Kinder an jedem Bildschirm des Hauses freies Spiel haben. Jaja, Langeweile ist auch wichtig – aber bringt Gequengel und Diskussionen über Langeweile und dafür habe ich in dieser Zeit wirklich, wirklich keine Energie. An irgendeiner Stelle muss ich einfach sagen können, Scheiß drauf.

frauenfiguren frau dr. päd. snack bitch
Basteln und es lieben, ohne Alkohol und Zigaretten?!

A propos Scheiß drauf, neue Wörter haben die Kinder in den letzten Wochen auch gelernt. Ob ihre Erzieher:innen und Lehrer:innen allerdings zu schätzen wissen, dass Flüche wie „verf*ckte Kackscheiße“ ein Zeichen von großer Intelligenz sind? Oder sich meine Kinder mit diesem Vokabular als Zöglinge einer unfähigen, ja an ihren Aufgaben gescheiterten Mutter enttarnen? Immerhin gelingt es mir mit dem verbalen Unflat, Aggressionen abzubauen und den Kindern vorzuleben, wie wichtig es ist, Gefühle auszudrücken, für das Druckablassen und damit andere Einblicke in die eigene Seele gewinnen. Nach einem solchen Ausbruch geht es jedenfalls immer erst einmal ein bisschen besser.

Wenn ich sagen soll, was ich mir wünsche: Ich gehe da mit Frau Nguyen Kim, die mich neulich bei der Presseschau wieder sehr überzeugt hat. Ich fände es geil, wenn alle gemeinsam einfach noch mal zwei bis drei Wochen so richtig ganz ohne Lockerungen durchhalten, um danach Quarantäne nur noch für die dann überschaubaren Zahlen der tatsächlich Erkrankten durchzuziehen, Stichwort Containment. Dass meine Kinder und ich jetzt insgesamt sieben Wochen auf Kontakt mit Gleichaltrigen und Entlastung durch Großeltern verzichten und deshalb auf dem Zahnfleisch gehen, nur damit wieder Autos, Möbel und anderes Zeug verkauft werden kann, sogar vielleicht noch an einem Sonntag – nein, das fände ich ungeil. Vor allem, wenn sich am Ende herausstellen sollte, dass Kinder nicht nur kaum erkranken, sondern eventuell noch nicht mal die Superspreader sind, als die sie jetzt in der Isolation saßen? Verf*ckte Kackscheiße, dann hoffe ich, dass durch dieses Land wirklich ein gewaltiger Ruck geht.

Übrigens, ein Gutes hat die Pandemie, für mich: Selten habe ich mich mit anderen Eltern so verbunden gefühlt, so wenig allein mit meinem vermeintlichen Versagen, das gar keines ist. Mein Beitrag zu #CoronaEltern ist mal wieder nur das, was ich in der einen Stunde hinwerfen kann, in der ich nicht pädagogische Fachkraft und Snack Bitch sein muss. Aber das wollte ich mir wirklich nicht nehmen lassen.

Mom Is Sad

Why I talked about suicidal ideation to my 9yo

dieser text entstand ursprünglich für die kunstgalerie beeldend gesproken in Amsterdam, die sich auf werke von künstlern mit psychischen krankheiten spezialisiert hat. da sich die veröffentlichung dort noch etwas verzögern wird, hat mir meine auftraggeberin freundlicherweise erlaubt, den text hier vorab zu veröffentlichen.

Edit 4. Mai 2020: Wegen Corona habe ich gerade nicht viel anderes zu tun als dieses Blog (und für nicht viel mehr die Zeit), daher habe ich diesen Text, den ich immer noch sehr mag und der in der Krise aktueller ist denn je, als Audiodatei eingesprochen. Ich entschuldige mich für meine Aussprache, meine Ps und Ss und für die nicht optimale Tonqualität generell. Eigentlich wollte ich dies als Clip auch bei YouTube hochladen, aber dafür ist es 1min06sek zu lang. Und für eine gute Bearbeitung oder eine neue Aufnahme fehlen mit Technik und Zeit. Aber wer lieber hört als liest, kann sich den vorliegenden Text jetzt also von der Autorin gelesen zu Gemüte führen.

Mom is sad

“Mom, do you use drugs?”
My 9yo has a knack for asking hard questions at bedtime, right when I’m about to turn off the light. I on the other hand am incapable of giving short, evasive or postponing answers to these hard questions – I mom like that. So of course, I sat down at her bedside and did my best to explain the general understanding of “drugs” to my daughter, how and why human beings use drugs and whether I personally “use drugs”. While I was confused at first as to how she came to ask this question, it dawned on me during our conversation that she was worried about me taking CBD oil. I had started it at the beginning of the year to help with my depressive episodes, brought on by the combination of my adjustment disorder, which is currently in a chronic state due to my professional situation, and a semi-mild case of Pre-Menstrual Disphoric Disorder (PMDD), which pulls me down several notches for two or three days on a monthly basis.

The adjustment disorder has been a part of my life since puberty; it manifests in depressive episodes following transformative events. There had been several of those in my life before I had children, and despite all hopes, having my first child did not cure me. On the contrary, I had a near burnout a year after her birth, when I had to return to my job in advertising that wasn’t very rewarding. I went to therapy, switched agencies and things seemed to be better. Then I had a second child and lost my job shortly after; since then, I have been trying to find a source of income, which is the main reason for my current mental fragility. PMDD with its cycle-related crises is relatively new in comparison, like a hormonal cherry on top of the adjustment disorder cake. In the last five years, the fact that “mom is sad” has unfortunately come to be a constant in my children’s life.

When I realized what the reason was for her initial question, I focused on drugs in terms of medication, specifically why I am taking CBD oil. Accepting my disorders as illnesses and experiencing my depressive episodes as symptoms – treatable symptoms! –  has helped me weather the worst times recently. I’m hoping that CBD oil will help me with the physical aspect of my illness, bringing a chemical balance to the brain that I cannot naturally achieve. Getting enough sleep, sometimes taking a break from my duties (also sometimes allowing the kids more screen time than I actually deem “okay”) and generally treating myself with care are other ways to handle my mental illness when it flares up. My daughter was intrigued by the aspect of chemical balance in the brain and asked me fearfully whether that meant I was “impaired”, and whether it was hereditary, so she might also have this illness. This was a bit difficult, since I see her hypersensitivity and tendency for anxiety, and recognize myself as a child, hypochondria and all. I told her it is a possibility but that didn’t have to mean she will be as affected by it as I am. I assured her I will always have an eye on her especially because of this and that it’s why I often take time to talk to her about her feelings and her self-image.

Nevertheless, the thorough girl wanted to know what exactly goes on in my head when I feel depressed. So I told her, there is this voice – that I know is the illness – telling me that I’m not good at what I do, that I am failing as a professional, or worse, as a mother, that things will always stay this bleak and nothing I do will change it. I wasn’t going to talk about suicidal ideation (the occurrence of suicidal thoughts), as I knew it would scare her, but alas, she is thorough and needs to know all if she knows one thing. She asked me point blank: “But did you ever not want to live anymore?”

With this, I had to make a decision on the spot: Do I stick to my principle of honesty and completeness, with the risk of scaring my child, or do I tell her a lie, saving her from the burden of knowledge? Since my default mode is honesty, and hesitation is an answer in itself, I answered: “Yes, that is a thought that sometimes comes along with the others.” I knew right at that moment that I was going to have to explain this decision to at least one person – her father, who does not have the same experience with mental illness as I do – but I also knew instantly that I made the right decision, for both myself and my daughter.

Before I lay out my reasons here, let me say that, yes, my answer made her cry, but our conversation continued until I was able to soothe and comfort her, so when I left her bedside, she was calm and in her usual 9yo bedtime mood. I pondered over our exchange, realizing and formulating the reasons for my instinctive decision in hindsight as well as foreknowledge of the discussions I was going to have about it. It was already the next day that I had the opportunity for a test run of my argumentation. My daughter’s teacher called me around noon, telling me the child had had a crying fit during school hours because “my mom doesn’t want to live anymore”. She was by then comforted and playing with her friends, but the teacher had wanted to check the urgency of my situation. The reasoning I am laying out here is almost completely based on my exchange with the teacher, a caring person who I greatly respect for prioritizing her students’ well-being above all.

As I mentioned, honesty and age-appropriate completeness are my most valued guidelines in conversations with my children. Honesty goes without saying, simply because I want my children to keep on trusting me through puberty and in their adult lives; absolute, yet kind honesty is the only certain way I know how to ensure that. What’s age-appropriate and what is not may be debatable, but in my experience, if they can ask the question, they can handle the answer. Phrasing it in a way their growing mind can work with is my task as a responsible parent. Yet, I don’t practice honesty purely on principle, but also to unburden the hard topics from shame. In child-rearing, mental health is as fraught with taboo as sexuality – if not more, since the generally accepted guideline for today’s parents is to call the private body parts by their official names so as to free them from said shame. Part of the thinking behind it is, when you can talk about body parts and occurrences “shamelessly”, when you can give it a name and are well-informed about its function, you are consequently able to discuss variation and distinguish healthy from unhealthy, thus tackling medical issues before they become catastrophes.

This understanding we have in sexual education, in my opinion, should be transferred to mental health education, and that is what I did at the time. To wit, when my daughter was shocked about the fact that I sometimes don’t want to live anymore, I was very quick to point out to her that it is only that: Ideation that I do not gladly or willfully conjure, but that rises up along with the other (untrue) ideas about myself or rather, as the tail end of my self-deprecation, and as such it is a symptom of my illness. I reiterated to her what I learned from my meditation app (thank you Headspace), that our minds are as the sky, neutrally existing, and our thoughts and feelings are clouds passing over it. They can be the white clouds of a summer’s day, and they can be a dark and threatening hailstorm, but whatever they are, they pass, leaving the mind ultimately untouched. This framing has helped myself tremendously when experiencing suicidal ideation, and I hope learning about it so early in life will enable my daughter to manage her own mental health journey far better than I did. Writing about it now and admittedly riding my comparison of mental health education and sexual education to death, I’m inclined to say: Suicidal ideation is the fetid discharge of a depressed brain, and not being able to put a name to it, not being able to talk about it because of shame, prevents us from seeking help and will only lead to aggravation; in the case of mental health, this aggravation can be deadly.

My daughter’s teacher rightfully pointed out that knowing about these thoughts is a heavy burden for a child; the burden is not heavy, though, due to suicidal ideation itself being so rare or inevitably leading to suicidal acts. It isn’t, and it doesn’t, but our society has difficulties making the distinction between one of the symptoms of depression and its incidental outcome. Certainly, this is in line with the general taboo around mental health issues that still prevails, often doubling the burden for the person suffering. Despite being a very common and widespread illness that afflicts persons from all walks of life, depression is not a topic generally discussed in its prevalence and, to the media, rather boring manifestation of exhaustion, lack of motivation and hopelessness. Except of course when a public figure commits the “interesting” act of suicide and, as witnessed again and again, the media and minds of the public are suddenly full of commiseration with and facts about depression. As I said to my daughter’s teacher: Society speaks about suicide and depression only when someone prominent has committed the ultimate act, but there is silence around the many sufferers of depression who continually have suicidal thoughts without taking action. In all our minds, the idea of suicide is considered one with the action because we do not talk about the desire to die. It is taboo for many reasons, suicide being a cardinal sin in our basically Christian value system among the most harmful.

During our initial conversation, I had stressed the fact to my daughter that a thought, even one as “I don’t want to live anymore”, is very different from plans and even more so from actions. Making this distinction wasn’t only important for our current situation, me being the mother with suicidal ideation and her my worried daughter. It was also important for the eventuality in our future that she is affected by mental health issues as I was and am, during puberty and beyond. I not only needed her to understand right now that I wasn’t in a constant state of wanting to die, but that suicidal thoughts occur in crisis and pass as the crisis does, that while it isn’t pleasant or to be taken lightly, it is very much not an actual suicide plan. Just as much, I needed her to understand that should she herself experience depression and suicidal ideation, it would not mean that her path then was inevitably set towards suicide – which is what had frightened me most when I felt I didn’t want to live anymore for the first time in my youth. At the time, I had no one explain to me the difference between the thought and the act, I had no grasp of the symptoms of depression, I did not even know myself that I was suffering from depression. All I knew was that people who died by suicide may or may have not been thinking and speaking about it before. What lies between the thought and the act was a blank to me, just as much as the number of people who are going through their whole lives or at least phases with suicidal ideation who never form a genuine plan. The wish of not wanting to live anymore, to me, felt like the last and only step on the way to actual suicide; I had no one explain to me that there are a lot more steps between this sad and painful feeling and hands-on termination of one’s own life, which I may never feel inclined to take. This I needed my daughter to know before she came to that point herself, so she feels safe to come to me for understanding and support.

My daughter’s teacher – maybe because she had no experience to compare and argue with – conceded and we ended the conversation amicably, with me promising to pick it up with my daughter for closure. When my daughter came home, I gently repeated these important points to her: It is not a constant state of mind, I am not in acute danger of killing myself, it is an occasional symptom of my condition that should prompt me to take care of my mental health.

It turned out later, when I spoke to my mother about it all, that she supported my decision for these exact same reasons. She had experienced suicidal ideation herself during puberty and hadn’t felt able to speak to her parents about it; if I had known this during my youth, I would have felt free to come to her then, when I was in the situation for the first time. My mental health journey would have been less lonely, less scary from the beginning. Of course, my mother’s silence, as much as her parents’ silence around the hereditary affliction on their side, wasn’t malevolent. It was borne out of shame which in turn was borne out of ignorance. “Not being right in the head” was still something to be shamefully silent about for my grandparents, depression still put people into asylums in my parents’ generation. Suffering from depression and suicidal thoughts was definitely nothing to be discussed liberally, least so with the children. The societal taboo around mental illness created a silence between parents and kids, in my own generation still. This silence between fellow depressives in a family, in my opinion, causes far worse issues than I could have done by being open with my daughter – seeing as she may have walked on eggshells around me and was exceedingly cheerful, obliging and helpful for three days after our conversation, but soon returned to her natural headstrong and obstinate self, healthily lacking any worry about how her occasional “being difficult” could affect my mental health. What remained was a sensitive intuition when “mom is sad”; she will reach out her hand or come to hug me, and I will gratefully accept her comfort, hoping that she will allow me to repay it if she should ever fall into the same darkness.

Months now after having the initial conversation with her, I am more convinced than ever that my blunt honesty has not traumatized her but laid the groundwork for clear and open communication about feelings and mental health. We still butt heads and have tiresome discussions over bedtime and screen time, as you do. She is heading towards puberty and adequately scared and elated at the prospects of her future. I am still taking CBD oil; I am still struggling through days and weeks of depressive episodes. I am still fending off suicidal thoughts with the most effective argument against killing myself: I need to model for my children that you can make it through, that sadness, hopelessness and suicidal ideation passes, that sometimes showing up and breathing is all you can and need to do to make it another day. That suicide is not the way “out”, and that I will always be there for them.

43/2019: Doris Lessing, 22. Oktober 1919

Von Doris Lessing habe ich bisher nur Das fünfte Kind gelesen – und das lange vor der Zeit, zu der ich selbst Mutterschaft in Erwägung gezogen habe.

Meiner Ansicht nach setzt sich dieser Roman mit dem Folgenden auseinander: Mit den Ängsten der schwangeren Person, welche Persönlichkeit im eigenen Leib heranwächst, und auch den Schuldgefühlen, welchen Einfluss gerade diese Ängste und Befindlichkeiten auf diese doch ursprünglich unschuldige Persönlichkeit haben. Mit der Frage danach, ob Menschen tatsächlich als tabula rasa auf die Welt kommen oder „das Böse“ in ihnen, das Ausmaß eines möglichen antisozialen Wesens, vielleicht doch schon von der Biologie angelegt ist. Auch mit der Frage, wie sich Eltern gegenüber „schwierigen“ Kindern verhalten können, müssen oder sollten. Und: Mit dem gesellschaftlichen Tabu fehlender „instinktiver“ Mutterliebe.

Das sind allerdings alles nur kurze, notizenhafte Gedanken, da die Lektüre einerseits wie gesagt schon eine Weile zurückliegt und ich immer noch wenig Zeit habe (siehe Beitrag letzte Woche).

therapeutisches zeichnen

ich hatte heute eine therapie-sitzung, in der es um mein mangelndes vertrauen geht in die möglichkeit, dass ich aus meiner jetzigen lage noch einmal in eine festanstellung komme, und wann, wie und warum dieses vertrauen verloren gegangen ist. es ein trauma zu nennen, wäre zu hoch gegriffen, aber es war ein einschneidendes erlebnis. es hat mir den eindruck vermittelt, dass es ganz egal ist, wie gut ich auf eine stelle passe, welche qualifikation und erfahrung ich mitbringe, wie gut ich mich verkaufe und wie hoch ich meinen eigenen wert einschätze, sogar wie toll mich mein „zukünftiger“ vorgesetzter findet – meine entscheidung, mutter zu werden, kann mir bei den besten bedingungen immer noch den knüppel zwischen die beine werfen, für den letztendlichen arbeitgeber ein „risiko“ darzustellen.
zum ersten mal ging es mir nach der sitzung schlechter als vorher. aber dann hat sich wieder mein schaffensgeist gemeldet und ich habe dieses mal den zeichenstift in die hand genommen.

Mutter Frauenfiguren

Wenn die Worte mir über sind, bleibt manchmal nur ein Bild. Für eine Skizze reicht‘s. Unter dem Haufen hinten könnte jetzt noch Geld liegen — selbstverdiente Einkünfte, meine Rente — zwischen den Beinen könnten (wenn ich so gut zeichnen könnte) die Kinder sitzen und unschuldig spielen (realistischerweise auf dem Tablet) und hinten könnte das Wörtchen „VATER“ mit einem Krönchen auf dem Kopf und Siegerschärpe davonziehen zum Vollverdienst und Feierabendbierchen. Es geht nicht darum, was ich für meine Kinder fühle. Es geht darum, dass ich das Gefühl habe, von dem, was mich früher einmal für die Gesellschaft ausgemacht hat — ja, verdammt: mein Wert als Arbeitskraft, als Schaffende — was mich für MICH SELBST ausgemacht hat — mein Intellekt, meine Fähigkeiten, meine Leidenschaften — ist alles aufgefressen davon, dass ich Kinder haben wollte. Und ich will die Kinder immer noch. Aber ich will NICHT NUR die Kinder, aber mehr als das, was da hinten rauskommt, wird mir nicht mehr zugeteilt; wenn ich mehr will, muss ich darum kämpfen, und das ohne Erfolgsgarantie. Es geht auch nicht darum, was ich für den Vater meiner Kinder empfinde; es geht darum, welche Auswirkungen MUTTER-Sein auf mich als Mensch mit beruflichen Zielen, mit Bedürfnis nach Unabhängigkeit und Verwirklichung hat (und welche VATER-Sein NICHT hat).

meine räume • my rooms

komm mit in den raum
in dem wir über meine selbstbefriedigung reden
er ist sehr klein
und an der tür das schild:
nymphomane psychopathin

komm mit in den raum
in dem wir über mein sexleben reden
er ist ein irrgarten
und an der tür das schild:
frigide schlampe

komm mit in den raum
in dem wir über meine monatsblutung reden
er ist sehr dunkel
und an der tür das schild:
unhygienische hysterikerin

komm mit in den raum
in dem wir über meine elternschaft reden
er ist sehr laut
und an der tür das schild:
egoistische rabenmutter

komm mit in den raum
in dem wir über meine abtreibung reden
er ist voller peitschen
und an der tür das schild:
verantwortungslose kindsmörderin

du fürchtest den moralischen totalitarismus
ich lebe darin

(addendum: dies sind nur meine räume, einer weißen cis hetero frau. es gibt noch viel mehr solcher räume, bei denen ich das glück habe, sie nicht kennen zu müssen.)

*

come along into the room
where we talk about my masturbation
it’s very small
and the sign at the door says:
nymphomaniac psychopath

come along into the room
where we talk about my sex life
it’s a maze
and the sign at the door says:
frigid slut

come along into the room
where we talk about my menstruation
it’s very dark
and the sign at the door says:
unsanitary hysteric

come along into the room
where we talk about my parenthood
it’s very loud
and the sign at the door says:
egoistic failure

come along into the room
where we talk about my abortion
it’s full of whips
and the sign at the door says:
irresponsible babykiller

you’re afraid of moral totalitarianism
i live in it

(addendum: these are only my rooms, of a white cis hetero woman. there are a lot more of these rooms which i am lucky enough not to have to enter.)