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11/2019: Marie Juchacz, 15. März 1879

Als Tochter eines Zimmermannes kannte Marie Juchacz Not und Armut. Nachdem ihr Vater an der Lunge erkrankte, musste sie mit 14 Jahren die Volksschule in Landsberg an der Warthe verlassen, um als Dienstmädchen zu arbeiten. Nach weiteren beruflichen Stationen in einer Textilfabrik und als Krankenschwester in einer psychiatrischen Anstalt machte sie schließlich eine Schneiderlehre; den Schneider, bei dem sie anschließend eingestellt wurde, heiratete sie kurz darauf. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor – eines noch im Jahr der Eheschließung –, sie hielt jedoch nur drei Jahre. Als geschiedene Mutter zog sie 1906 mit ihrer Schwester Elisabeth Röhl und deren Kindern in einen gemeinsamen Haushalt nach Berlin; ihr Schwager verblieb in Köln.

Die beiden Schwestern unterstützten sich nicht nur als arbeitende Mütter gegenseitig, sondern verfolgten auch beide politische Ambitionen, die von ihrer beider älterem Bruder Otto geweckt und gefördert worden waren: Er hatte ihnen „Die Waffen nieder!“ von Bertha von Suttner und Bebels „Die Frau und der Sozialismus“ zu lesen gegeben. Schon in Juchacz‘ Geburtsjahr hatte Bebel als Mitglied der SPD gefordert, Frauen die Mitgliedschaft in Parteien zu erlauben, es dauerte jedoch bis 1908, bis dies gesetzlich erlaubt war. Sofort trat Juchacz der SPD bei; sie war damit eines der ersten weiblichen Parteimitglieder, neben ihrer Schwester, und es sollte noch weitere zehn Jahre dauern, bis Frauen auch das Wahlrecht zugesprochen werden sollte.

In den folgenden fünf Jahren entwickelte sich Juchacz zu einer bekannten Persönlichkeit und beliebten Rednerin in der Partei. Für einige Jahre ließ sie ihre Kinder bei der Schwester in Berlin zurück, um als „Frauensekretärin“ der Partei in Köln für die gewerkschaftliche Organisation der Textilarbeiterinnen im Aachener Raum tätig zu sein; während des Ersten Weltkriegs arbeitete sie mit ihrer Schwester und anderen Frauen in der SPD in der „Heimarbeitszentrale“ und der Lebensmittelkommission. Als sich 1917 die Sozialdemokratische Partei spaltete, übernahm Juchacz, in der SPD verbleibend, die Position Clara Zetkins als „Frauensekretärin“ unter Friedrich Ebert sowie deren Stelle als Redaktionsleitung der sozialdemokratischen Frauenzeitschrift Die Gleichheit.

Zwei Jahre später wurden nach der Einführung des Frauenwahlrechts Juchacz und ihre Schwester Röhl als zwei von 37 Frauen in die Weimarer Nationalversammlung gewählt; Juchacz war die erste Frau, die eine Rede im Parlament hielt.

„Meine Herren und Damen!“ (Heiterkeit.) „Es ist das erste Mal, dass eine Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf, und ich möchte hier feststellen, ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile überwunden hat.“

https://www.reichstagsprotokolle.de

Als die Nationalversammlung vom Reichstag abgelöst wurde, erhielt nur Juchacz, nicht aber ihre Schwester einen Sitz im neuen Parlament. Juchacz Hauptinteresse galt jedoch nicht der Politik an sich, sondern den Möglichkeiten der Politik, Menschen in Not und Armut zu helfen. So gründete sie basierend auf ihren Erfahrungen während des Ersten Weltkriegs, mit staatlicher Unterstützung Selbsthilfe zu entwickeln, den „Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD“, aus dem der heutige, parteiunabhängige Arbeiterwohlfahrtsverband entstand. Mittagstische, Nähstuben, Werkstätten und Beratungsmöglichkeiten für sozial Bedürftige, insbesondere Kriegsgeschädigte, wurden unter Juchacz‘ Kommission gegründet.

Sie blieb Mitglied des Reichstags bis 1933; bei der Reichspräsidentenwahl 1932, der letzten der Weimarer Republik, bei der das Volk für den Präsidenten abstimmte, hielt sie noch einmal eine pointierte Rede, in der sie klar gegen Hitler und die an Zustimmung gewinnende NSDAP Position bezog:

Die Frauen … durchschauen die Hohlheit einer Politik, die sich als besonders männlich gibt, obwohl sie nur von Kurzsichtigkeit, Eitelkeit und Renommiersucht diktiert ist. Dieser Politik, der nationalsozialistischen Politik, mit allen Kräften entgegenzutreten, zwingt uns unsere Liebe zu unserem Volke…

http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/marie-juchacz

Mit der Reichstagswahl vom 5. März 1933, mit der die NSDAP die einzige Regierungspartei wurde, verließ Juchacz mit anderen Parteimitgliedern Deutschland ins Saarland, zu dem Zeitpunkt französisch; nach Anschluss des Saargebiets an das Deutsche Reich floh sie über Marseilles und Martinique in die USA. Dort traf sie auf ihren verwitweten Schwager – ihre Schwester war bereits 1930 gestorben. Sie lernte Englisch und wurde in der Versorgung der Kriegsflüchtlinge aktiv, bis hin zu einer Gründung der „Arbeiterwohlfahrt USA – Hilfe für die Opfer des Nationalsozialismus“ in New York nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Vier Jahre nach dessen Ende kehrte sie nach Deutschland zurück und wurde dort zur Ehrenvorsitzenden der neu ins Leben gerufenen AWO. Sieben Jahre später starb sie 77jährig in Düsseldorf.

Selbstverständlich liefert die AWO eine ausführliche Biografie von Marie Juchacz auf ihrer Webseite. Deutschlandfunk Kultur hat noch bis zum 12. Mai 2019 ein Gespräch mit Unda Hörner online, „Warum kennt kaum jemand Marie Juchacz?

გილოცავ საქართველო!

Salome Zurabishvili

Von Salome Zourabichvili – Diese Datei ist ein Ausschnitt aus einer anderen Datei: Salome Zurabishvili.jpgoriginal file, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=72838702

Herzlichen Glückwunsch, Georgien, zur Wahl des ersten weiblichen Staatsoberhauptes!

In Frankreich geboren, arbeitete Salome Surabischwili bereits für den französischen Staat, zuletzt als französische Botschafterin in Tiflis. Anschließend war sie georgische Außenministerin. Ab 2005 war sie mit ihrer selbstgegründeten Partei „Georgiens Weg“ in der Opposition. Für die Präsidentschaftswahl ging sie nun parteiunabhängig in die Wahl, hatte jedoch Unterstützung von Seiten der Regierung.

Sie verortet sich selbst Mitte-rechts, war allerdings stets eine Befürworterin Europas.

KW 2/2016: Jakobe von Baden-Baden, 16. Januar 1558

Jakobe von Baden-BadenWiki deutsch Wiki englisch

Als in protestantischem Hause geborene, aber katholisch erzogene Waise wurde Jakobe von Baden mit 27 in eine politisch motivierte Ehe mit Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg gedrängt – einem an psychischen Erkrankungen leidenden, wahrscheinlich impotenten Sohn Wilhems V. von Jülich-Kleve, der nur durch den Tod seines älteren Bruders zum Thronfolger wurde und vom ebenfalls an Paranoia und/oder Altersstarrsinn leidenden Vater verabscheut und vernachlässigt wurde. Ihre zum Scheitern verurteile Verbindung wurde in der Güligschen Hochzeit inmitten des Truchsessischen Krieges ausufernd gefeiert.

Im Moment des Regentschaftsantritts sieben Jahre später war Johann Wilhelm bereits in seiner Tobsucht und Melancholie soweit fortgeschritten, dass er von Jakobe inhaftiert gehalten wurde. Sie selbst kam in ihrer Regentschaft aufgrund ihrer Herkunft auch nicht zu einer Entscheidung für eine der Konfessionen, außerdem nahm sie sich in Amtmann Dietrich von Hall zu Ophoven einen jüngeren Liebhaber aus niedrigem Stand; dass sie noch dazu dem Regenten keinen Nachfolger gebar, lag höchstwahrscheinlich an ihrem Gatten, der auch mit ihrer Nachfolgerin trotz ausführlicher Exorzismen (!) keine Kinder zeugte.

Die Summe der Enttäuschungen, die Jakobe von Baden für die Erwartungen der Familie und der Kirche darstellte, führte zu ihrer Inhaftierung im Turm des Düsseldorfer Schlosses. Als der Versuch erfolglos blieb, ihr vor dem Kaiser den Prozess zu machen, wurde sie – wohl auf Betreiben ihrer Schwägerin Sybille – der Beweislage nach erdrosselt.

Als „Weiße Frau“ soll sie noch heute im Düsseldorfer Schlossturm spuken.

Bild: By Ernst Karl Gottlieb Thelott – ZVAB.com, Public Domain

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Von 249 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 15 (inklusive Jakobe von Baden) Frauen:
14.01.1273 Johanna I.
15.01.1449 Katherina von Baden
14.01.1507 Katharina von Kastilien
13.01.1610 Maria Anna von Österreich
16.01.1622 Anna Margareta Wrangel
13.01.1672 Lucia Filippini
15.01.1714 Sidonia Hedwig Zäunemann
14.01.1751 Corona Schröter
11.01.1753 Charlotte Buff
12.01.1760 Friederike Bethmann-Unzelmann
14.01.1767 Maria Theresia von Österreich
14.01.1773 Catherine Pakeham
11.01.1778 Henriette Jügel
11.01.1793 Johanna Stegen