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frauen* variationen

über die unterschiedlichen erwartungen und ansichten, was „weiblichkeit“ ist. spannend.

2/2019: Eden Atwood, 11. Januar 1969

Eden Atwood ist eine Jazzsängerin, der die Musik in die Wiege gelegt wurde: Ihr Vater war Komponist und Arrangeur von Werken, die Nat King Cole und Frank Sinatra sangen.

Für mich interessanter ist allerdings etwas anderes, das ihr auch in die Wiege gelegt wurde: Atwood kam mit Androgenresistenz auf die Welt, ein Phänomen, das zu den unterschiedlichen Formen der Intersexualität gehört. Atwood beispielsweise, die mit dieser Tatsache offen umgeht und sich auch politisch engagiert, hat aufgrund einer Veränderung im Erbgut XY-Chromosomen, würde also bei einer Genanalyse als Mann identifiziert werden. Durch die Abweichung in ihrem Chromosomensatz bildet ihr Körper zwar männliche Hormone, so genannte Androgene, diese werden jedoch von ihren entsprechenden Rezeptoren nicht gelesen. Infolgedessen haben Menschen mit Androgenresistanz je nach Ausprägung des Phänomens unterschiedlich schwache oder ganz ausbleibende Ausbildung maskuliner Merkmale; Atwood hat durch eine komplette Androgenresistenz zum Beispiel von Geburt an keine männlich ausdifferenzierten Genitalien.

Intersexualität unterscheidet sich von Transgender oder Transsexualität: Während  transgender oder transsexuelle Personen im Phänotyp eindeutig auf einem Ende des binären Geschlechterspektrums liegen, identifizieren sie sich aber kognitiv mit keinem oder dem binär gedacht anderen Geschlecht. Bei Intersexualität liegt eine in irgendeiner Form medizinisch prüfbare biologische Abweichung von der „normalen“ Geschlechtsentwicklung vor, das heißt chromosomal, gonadal, hormonell oder anatomisch bedingt liegen Genitalien oder sekundäre Geschlechtsmerkmale in einer Form vor, die sich nicht eindeutige Extreme der herkömmlich angewandten Skalen darstellen (etwa dem Orchidometer/dt., der Quigley-Skala/engl. oder der Prader-Skala/engl.). In der Gesamtheit sind geschätzt 1,7% der Menschheit in einer der genannten Formen intersexuell – gegenüber der cissexuellen Mehrheit zwar selten, jedoch nur in dem Maß, wie auch echte Rothaarige selten sind.

Eden Atwood spricht selbst seit einiger Zeit offen über ihre Intersexualität (Link zu englischsprachigem Video, ca 9min.). Von diesem Interview aus bin ich bei der Recherche zu diesem Post in ein rabbit hole aus bewegenden und informativen YouTube-Beiträgen gefallen:

• Der Kanal von Pidgeon, auf dem Pidgeon über eigene Erfahrungen und die politische Arbeit für die Akzeptanz von Intersexualität erzählt
• Die Dokumentation Intersexion (Englisch, ca. 50min.), die auch eine eigene Webseite hat, in der Betroffene ihre sehr unterschiedlichen Lebens- und Leidensgeschichten darlegen
• Ein Quarks-Beitrag (Deutsch, ca. 5min.) über einex Jugendlichex, dexen Eltern sich gegen medizinisch unnötige Eingriffe entschieden haben
• Die arte-Dokumentation „Nicht Frau nicht Mann“ (Deutsch, ca. 57min.), in der vor allem Ins A Kromminga und einx französischex Intersexuellx, aber auch eine internationale queere Gemeinschaft in ihrer Verletzlichkeit gezeigt werden, aber auch in ihrer Kreativität im Umgang mit sich selbst und den Schwierigkeiten in einer binär geprägten Welt

Ein Name, der vor allem in der internationalen Intersexuellen-Gemeinschaft immer wieder mit großer Ablehnung verbunden ist, ist John Money – der mir bereits von der BBC Dokumentation über David Reimer unangenehm bekannt war. Nach Moneys Meinung – und dem Wunsch vieler Mediziner, auch heute noch, „klare Verhältnisse“ schaffen zu wollen – sollten Säuglinge mit „nicht eindeutigen“ Genitalien möglichst früh operativ einem Geschlecht „zugeführt“ werden. Den Gedanken, dass Geschlecht nicht notwendigerweise biologisch, sondern gesellschaftlich geprägt sei, pervertierte er dahingehend, dass sich Kinder dann schon als dem Geschlecht zugehörig fühlen würden, als das sie großgezogen würden, wenn man sie nur streng genug dazu erziehe. Dass es nicht so einfach ist mit der Biologie und der Identität, insbesondere in den Fällen, in denen schon die Biologie nicht binär funktionieren wollte, das bezeugen die Geschichten der Erzählenden. Nicht nur von traumatischen, in den Bereich von sexuellem Missbrauch fließend übergehenden medizinischen Behandlungen erzählen die Betroffenen, was bereits schmerzhaft und erschütternd zu hören ist. Auch und vor allem die Scham, mit der alles „dort unten“ als krankhaft und nicht normal stigmatisiert wird, verstärkt durch körperliche Konsequenzen der (in den meisten Fällen unnötigen) Operationen und das Verbot, mit anderen über ihren „Zustand“ zu sprechen, wird spürbar – und wie sehr Ärzt*innen in vielen Fällen auch das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern zerstören, wenn sich die Eltern nicht stringent und von Anfang an dagegen wehren: Die Eltern wurden und werden zum Teil selbst angelogen, zum Teil waren und sind sie einfach nur ahnungslos, verwirrt, verängstigt, weil ihr Kind nicht „normal“ ist und nicht in die Binarität einzuordnen. Da wurde zum Schweigen und Lügen angestiftet und auch den Kindern das Schweigen und Lügen geboten, die Ärzt*innen sprechen nicht offen mit den Eltern und wenn sie es tun, untersagen sie ihnen, offen mit den Kindern zu sprechen. Eine anatomische, biologische Seltenheit, die keine schwerwiegenden gesundheitlichen Konsequenzen haben müsste, schiebt sich wie ein Schatten über die Familie – und die Menschen, die liebevoll und unterstützend miteinander umgehen sollten, werden auseinander gedrängt, verlieren ihr Vertrauen ineinander und können nicht mehr miteinander sprechen.

Das Leiden, das Intersexualität in der binären abendländischen Kultur hervorruft, ist unnötig. In anderen Kulturen sind dritte oder mehrere Geschlechter gängig und akzeptiert. In der Intersexional-Dokumentation wird gezeigt, wie „normal“ im Sinne von gesund und mit sich selbst im Reinen Intersexuelle aufwachsen können, wenn der Zwang zur Binarität nicht ausgeübt wird. Damit unsere Gesellschaft offener und toleranter wird und intersexuell geborene Kinder in der Zukunft heil gelassen werden, ihnen die Möglichkeit einer eigenen Identifikation offen gelassen wird, dafür setzen sich in Deutschland unter anderem der Verein Intersexuelle Menschen e.V. ein; die dritte Option führt eine Kampagne für den dritten, offenen Geschlechtereintrag in Geburtsurkunden. Im vergangenen Jahr 2018 konnten sie bereits den Erfolg verzeichnen, dass „divers“ als dritte positive Möglichkeit in Geburtsdokumenten angegeben werden kann, allerdings kämpfen sie nun noch mit den Wünschen der Bürokratie, das dies zum Beispiel erst nach einem ärztlichen Attest geschehen könne. Zwischengeschlecht.info ist ein extensives Blog mit Links zu weiteren Vereinen und Bloggern.

Eden Atwood – um zum ursprünglichen Anlass für diesen Post zurück zu kommen – begründete mit Jim Ambrose The Interface Project, eine Organisation und Webseite, auf der Intersexuelle ihre vielseitigen Gesichter zeigen und ihre vielseitigen Geschichten erzählen können.

Wichtig ist mir das Thema – abgesehen vom schlichten humanistischen Ansatz, dass jeder Mensch seine Persönlichkeit frei entfalten können sollte – , weil ich mir wünsche, dass Ärzt*innen angesichts intersexueller Säuglinge, die ihre eigene Identifikation noch nicht zum Ausdruck bringen können, nicht mehr über den Willen der Eltern hinweg – oder auch mit der Einwilligung der Eltern – zuallererst das Messer zücken und Genitalien zerstören, weil sie sich nicht weit genug an einem Ende einer altertümlichen Skala befinden; dass gesunde, non-binäre Körper nicht verletzt werden für die Seelenruhe und das ästhetische Empfinden Erwachsener. Dass Kinderkörper nicht mehr für die Erhaltung einer binären, patriarchalischen Denkweise verletzt werden.

02/2018

1. Februar 1972: Leymah Gbowee
Leymah Gbowee war 17 Jahre alt, als in ihrer Heimat der Erste liberianische Bürgerkrieg ausbrach. Zunächst arbeitete sie als Sozialarbeiterin mit Kindern und Jugendlichen in der Hauptstadt Monrovia. Von ihrer folgenden Tätigkeit beim Gesundheitsministerium stieg sie auf zur Programm-Koordinatorin bei der Aktion „Women in Peacebuilding“; in dieser Funktion organisierte sie die gewaltfreien Proteste der Bewegung Women of Liberia Mass Action for Peace gegen die andauernden kriegerischen Zustände im Land. Die Frauen versammelten sich hierfür, weiß gekleidet, für gemeinsame Gebete und Gesänge.
In einem medienwirksamen Aufruf zitierte sie auch das Lysistrata-Thema und forderte die liberianischen Frauen zu einem Sex-Streik auf, bis die Männer endlich den Gewalttätigkeiten ein Ende setzen würden.
Nach dem Ende des Bürgerkrieges war Gbowee designiertes Mitglied der Wahrheit und Versöhnung in Liberia. Anschließend arbeitete sie, schließlich als Executive Director, im Women Peace and Security Network Africa.
2011 erhielt sie gemeinsam mit ihrer Landsmännin Ellen Johnson Sirleaf und Tawwakkol Karman (s.u.) den Friedensnobelpreis.

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2. Februar 1929: Vera Chytilovà (honorable mention wegen meiner Sedmikrásky-Rezension)

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2. Feburar 1972: Dana International
DIe israelische Sängerin wurde als Yaron Cohen geboren (assigned male at birth) und wollte schon mit 8 Jahren Sängerin werden, inspiriert von Ofra Hazas Auftritt beim Eurovision Song Context 1983. Seit ihrem 13. Lebensjahr lebt sie als transgender Frau.
Sie gewann 1998 mit dem Song „Diva“ den Eurovision Song Contest, gegen den Widerstand einiger streng religiöser Gruppen in Israel, die einen konservativeren Vertreter ihres Landes lieber gesehen hätten.

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6. Februar 1979: Tawwakkol Karman
Die Tochter des Justizministers unter dem jemenitischen Präsidenten Salih war familiär auf politisches Interesse geprägt. Bereits ihr Vater hielt nicht mit Kritik an der Regierung zurück. Karman wurde zunächst Journalistin und beschäftigte sich als solche kritisch mit Kinderehen im Jemen. Sie war Mitbegründerin und Leiterin der Vereinigung Journalistinnen ohne Ketten (Women Journalists Without Chains, WJWC), setzte sich für Frauenquoten und gegen den traditionellen Gesichtsschleier ein.
Nachdem sie der jemenitischen Regierung schon seit 2006 mit einem regiekritischen SMS-Nachrichtendienst negativ aufgefallen war, organisierte sie im Aufkommen des arabischen Frühlings Studentendemonstrationen gegen Salih. Als sie verhaftet wurde, kam es zu Massenprotesten und sie wurde rasch wieder freigesetzt, nur um später wieder inhaftiert zu werden, nachdem sie am 3. Februar den „Tag des Zorns“ ausgerufen hatte.
2011 wurde Tawwakkol Karman die erste Frau aus dem arabischen Raum und mit 32 Jahren die jüngste Frau, der der Friedensnobelpreis verliehen wurde, gemeinsam mit Leymah Gbowee und Ellen Johnson Sirleaf.

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12. Februar 1905: Federica Montseny (honorable mention wegen meiner eigenen politischen Neigung)

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14. Februar 1964: Patricia Acioli
Acioli war eine brasilianische Richterin, die sich besonders mit Korruption in der Polizei befasste. Sie wurde am 11. August 2011 vor ihrem Haus von zwei Männern mit mindestens 16 Schüssen ermordet.
Am 30. Januar 2013 wurden drei Polizisten zu jeweils über zwanzig Jahren Haft für die Tat verurteilt; sie hatten Ermittlungen gegen sich selbst verhindern wollen.

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19. Februar 1986: Marta
Die fünfmalige Weltfußballerin (2006-2010) begann mit 14 Jahren gegen den Willen ihrer Familie mit dem Spielen. Mit 18 wechselte sie von einem Verein in Rio de Janeiro zu Umeå in Schweden. Dort spielte sie von 2004 bis 2008, dann führte sie ihr Weg unter anderem nach Los Angeles, New York und später zurück nach Schweden. Inzwischen spielt sie für Orlando Pride.
Die flexible Stürmerin ist dribbelstark und schafft die Balance zwischen eigener Torgefährlichkeit und dem mannschaftsdienlichen Spiel.

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24. Februar 1942: Gayatri Chakravorty Spivak
Die indische Sprach- und Literaturwissenschaftlerin wurde in den 1970ern bekannt durch ihre Übersetzung, aus dem Französische ins Englische, der Sprachtheorie „De la grammatologie“ von Jacques Derrida.
Sie war in Indien geboren und hatte an der Universität in Kalkutta einen Abschluss gemacht, um anschließend unter großen finanziellen Opfern in England zunächst Englische Literatur, dann Vergleichende Literaturwissenschaften zu studieren. Nachdem sie einige ihren Unterhalt als Englischlehrerin verdient hatte, wurde sie Assistant Professor in Iowa und machte gleichzeitig ihre englischen Universitätsabschlüsse zur Literatur Yeats‘.
In den 1980ern schloss sie sich dem Subaltern Studies Collective an, das sich mit der postkolonialen Welt und Perspektiven der Marginalisierten befasst. Spivak als Dekonstruktivistin kritisiert den Ethnozentrismus und arbeitet heraus, wie die Marginalisierten durch die „Wissensproduktion“ der westlichen Intellektuellen sprachlos oder ungehört und unverstanden bleiben. Sie verweist außerdem darauf, wie Privilegien im postkolonialen System die Privilegierten selbst von neuem Wissen abgehalten werden: „Unlearning one’s privileges as one’s loss.“ Kritisches Hinterfragen der eigenen Positionen und Glaubenssätze kann das Mittel sein, als Privilegierter das herrschende System zu überwinden.
Pivak prägte auch den Begriff des „strategischen Essentialismus“ mit, der die Idee bezeichnet, breit differenzierte Ziele unterschiedlicher Gruppen innerhalb einer Bewegung für ein generelles gemeinsames Ziel zeitweise hintanzustellen, um einen strategischen Vorteil aus der vereinten Schubkraft zu gewinnen.