Monat: Juli 2015

welt aus zucker

dieses gedicht hängt immer noch über dem schreibtisch meines vater an der pinnwand.
dick und golden
sonnensirup
weiß und staubig
pudermond
weich und flüchtig
wolkenwatte
klein und knirschend
hagelsterne
satt und prall
mein bauch mit augen

KW 31/2015: Ingeborg Eichler, 28. Juli 1923

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Die Geschichte um Thalidomid bzw. Contergan, die Entstehung der Katastrophe und ihre langfristigen Konsequenzen kann einen sprachlos machen.

Da sitzen Nazis (ehemalig kann man sie wohl nicht wirklich nennen) als Pharmakologen und Aufsichtsräte in einer Pharma-Firma und betreiben aus, man kann es nicht anders sagen, Profitgier (und offensichtlichem Menschlichkeitsneglekt) den Verkauf eines Medikamentes an Schwangere – die sich wenig sehnlicher wünschen als ein Ende der Übelkeit -, dessen Nebenwirkungen nicht ausreichend untersucht sind. Aber: es wird sich verkaufen wie geschnitten Brot, was soll es also, raus damit.

Dass damit um die 4.000 Menschen in Deutschland schon vor ihrer Geburt chemikalisch verstümmelt werden und einem Leben voller Schwierigkeiten und Schmerzen entgegensahen, während die Mütter mit einem Schuldgefühl leben mussten, das ich mir unerträglich vorstelle*, ist der größte Skandal. Die weitere, lange über das Leben der Geschädigten hinaus problematische Konsequenz ist der Beitrag zum Ärzte- und Pharmakologie-Misstrauen, von dem die heutige Impf-Trägheit, nein: eine echte Impf-Paranoia nur ein, aber bedeutender Teil ist. Die Pharmakonzerne, die ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Kinder ihre Chemie verkaufen will: da war sie wirklich zugange.

Ingeborg Eichler reichte als Einzige ihr Veto ein als es um die Einführung von Thalidomid in Österreich ging, womit sie quasi im Alleingang die Zahl der Geschädigten auf 12 begrenzen konnte.

Dass es auch solche Pharmakologen gab und gibt wie Ingeborg Eichler, und dass es die Menschen ihrer Überzeugung sind, die besonders nach dem Thalidomid-Skandal die Richtlinien in der Medizin schreiben, ist schwer zu glauben nach den Erfahrungen. (Ich persönlich bin jedoch dieser Meinung.) In der allgemeinen Stimmung sind es die bösen Pharmakonzerne, die uns und unsere Kinder wissentlich krankmachen wollen, wenn sie uns Stoffe verabreichen wollen, deren Funktionen und Wirkungsweisen wir nicht verstehen (können). Die „Naturheilkundler“ als Gegenpol dazu werden als Heilsbringer und Nonplusultra verstanden, wobei deren Mittel und Methoden zum Teil weniger geprüft werden und deren Heilsamkeit eher episodisch belegt und individuelle Glückssache ist. Menschen, Kinder, erkranken – und sterben unglücklicherweise – wieder  an Krankheiten, die es gar nicht mehr geben müsste, auch, weil vor 60 Jahren Menschen, denen die Gesundheit anderer das höchste Gut hätte sein sollen, mehr an ihren persönlichen Gewinn dachten.

*In meiner zweiten Schwangerschaft hatte ich, dank Kindergartenkind, in jedem Trimenon mindestens eine Erkältung, schlussendlich auch mit schmerzhafter Kieferhöhlenvereiterung. Es blieb nicht aus, dass ich Nasentropfen verwendete, um schlimmeres abzuwenden – immer unter Absprache mit meiner Frauenärztin.

Als mein Sohn mit einem mittelschweren Klumpfuß auf die Welt kam, war selbstverständlich die Angst und das schlechte Gewissen da, dass ich daran Schuld sein könnte, weil ich unverantwortlicherweise Medikamente genommen hatte. Der Orthopäde hat mich dahingehend „freigesprochen“ (die Genese dieser Fehlstellung ist nicht eindeutig geklärt, aber an Nasentropfen liegt es definitiv nicht), aber die Augenblicke der Angst gaben mir eine Ahnung, was die Mütter der Contergan-Geschädigten haben durchmachen müssen für den Rest ihres Lebens.

Nachtrag: Diesen Artikel hatte ich vorbereitet, nun kommt einige Tage vor seiner Veröffentlichung diese Nachricht heraus… Es ist eine ewige Arbeit, die gute Sache zu verteidigen. Es ist niemand zu schaden gekommen. Mein Glaube an das Gute bleibt ungebrochen.

was ich so tu'

es war ’ne schöne zeit – zwischen schein-abarbeiten und prüfungsstress ein sommersemester der reinen lust und laune.
schlafen
schreiben
sonnenbaden
bücher lesen
träume spinnen
mir gehören
essen
lachen
sterne zählen
filme kucken
liebe machen
dir gehören

KW 30/2015: Charlotte Sommer-Landgraf, 20. Juli 1928

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Als Bildhauerin interessiert mich Charlotte Sommer-Landgraf eigentlich weniger – auch wenn ihre Skulptur Sich befreien Sinnbild ist für die Befreiung der neuen Bundesländer vom Sozialismus, also im Prinzip für die Wiedervereinigung. Plaziert ist diese im Palaisgarten in Dresden.

Wirklich fasziniert bin ich von ihren völlig anderen, grafischen Arbeiten am Computer. Schon 1988 begann sie mit ihrem Atari-Heimcomputer, Grafiken zu erstellen; dabei wandelt sie mathematische Prozesse in Bilder um. Einen schönen Überblick über diese Bilder kann man sich hier verschaffen.

Manchen wird das rätselhaft sein, aber ich mag diese geheimnisvollen Übersetzungen einer klaren kontinuierlichen Sprache (die die Mathematik ist); diese Bilder wirken wie Ausschnitte aus einem großen Ganzen. Als wäre in ihnen die zugrundeliegende Matrix zu sehen, aber alles zu verstehen übersteigt unsere intellektuellen und physischen Fähigkeiten.

Charlotte Sommer-Landgraf Straube Center Google-Ergebnis

nicht diese drei worte

wie eine beziehungsgeschädigte einem anderen beziehungsgeschädigtem was wichtiges sagt
ich will es nicht
in diese worte fassen
in diesen stein meisseln
in diese ketten legen
ich lasse es sein
eine stumme wahrheit
eine spur im sand
einen duft im wind
bis ich sie finde
die eigenen worte
den flüssigen stein
die schwebenden ketten
die nicht das ende bedeuten

KW 29/2015: Rosalyn Sussman Yalow, 19. Juli 1921

Rosalyn Sussman Yalow Frauenfiguren

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Die Nobelpreisträgerin für Medizin (1977) entwickelte mit Solomon Berson die Methode des Radioimmunassays, mit dem man (heute: unter anderem) den Insulinspiegel im Blut messen kann.
Bemerkenswert vor allem an dieser Entwicklung war, dass die beiden ihre Methode nicht patentieren ließen – dies bedeutete, das die Methode für alle zugänglich und nicht von einem Unternehmen monopolisierbar war.

Bild: By US Information Agency (see image credits at the end) – Women of Influence, pg. 28, Public Domain

KW 28/2015: Daphne Marlatt, 11. Juli 1942

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Mal wieder was für die Leseliste: eine proklamierte feministische Autorin von Gedichten und Romanen. Vor allem Rings, ein Gedichtband über „Schwangerschaft, Geburt und frühe Elternschaft“ klingt für mich natürlich gerade sehr interessant.

Sonst hat Daphne Marlatt auch schon eine beachtliche Liste an Veröffentlichungen, die ich mir, wenn ich mich zu ihr durchgearbeitet habe (in 85 Jahren) dann bei Gefallen auch vornehme. *seufz*

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