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Die andere Seite von Allem

Mila Turajlić (Serbien/Frankreich/Qatar, 2017)

Full Disclosure: Der deutsche Verleih JIP Film und Verleih ist an mich herangetreten und hat mir den Film für diese Rezension zugänglich gemacht; kein weiteres Honorar wurde vereinbart. Der Text spiegelt meine unbeeinflusste Meinung wieder.

Belgrad, 1947: Eine Tür wird abgeschlossen, die Wohnung der bürgerlichen Familie Turajlić in zwei Hälften aufgeteilt, auf Befehl der regierenden Kommunistischen Partei. Die Familie Turajlić lebt von nun an in der einen Hälfte, eine Familie aus dem Proletariat in der anderen. In diesen geteilten Räumen wächst Srbijanka Turajlić auf und auch ihre Tochter Mila, die Regisseurin des Dokumentarfilms. Auf ihrer Seite der Tür durchleben sie die Krisen, Kriege und Bürgerkriege, die Belgrad und Serbien unter seinen unterschiedlichen Namen und Staatsformen nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute nicht zur Ruhe kommen lassen.

Mila Turajlić erzählt sehr persönlich und intim davon, wie Politik ins Private dringt und wie Menschen sich dazu verhalten. Vom dreimaligen Klingeln der alten Freunde, mit dem sie sich noch immer zu erkennen geben, obwohl es den Geheimdienst, der nur einmal klingelte, inzwischen nicht mehr gibt. Vom Blick aus der Wohnung auf brennende Botschaften und Polizeiaufgebote. Und von Volkszählungen, in denen Srbijanka die Antwort auf ihre Nationalität und ihre Religion noch immer verweigert, während die alte Nachbarin, die Proletarierin, sich frei heraus als Serbin und Atheistin vermerken lässt.

In den Bildern, die abgesehen von Nachrichtenbildern sich fast vollständig im Haus der Familie Turajlić oder um es herum bewegen, vollzieht die 37-jährige Regisseurin die Geschichte ihres Landes und ihrer Familie nach. Schon ihr Urgroßvater war bei der Gründung des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen anwesend, wie ein Gemälde beweist, das verschwunden ist und wieder auftaucht. Die Mutter Srbijanka war als Professorin an der Belgrader Universität eine treibende Kraft bei den Demonstrationen gegen Milošević und aktiv in der Organisation Otpor!, die diesen schließlich zu Fall brachte. In Gesprächen, die Mutter und Tochter über mehrere Jahre miteinander und mit Besuchern in der geteilten Wohnung führen, stellen sie sich schwere Fragen: Ist es die Verantwortung der Eltern, in einem repressiven System, überhaupt am Leben zu bleiben, um für die Kinder zu sorgen – oder ist es ihre Verantwortung, gegen das System zu rebellieren und sich selbst zu gefährden? Ist es wichtiger zu bleiben und zu kämpfen oder zu gehen und arbeiten zu können?

Wir können hier in Deutschland vom Glück sprechen, seit dem Zweiten Weltkrieg eine politisch (verhältnismäßig) ruhige und wirtschaftlich (verhältnismäßig) sichere Zeit erlebt zu haben. Erschütternd im Gegensatz dazu, wie Srbijanka erzählt, dass sie 1996 aufgrund der Inflation nicht mehr genug Geld hatte, um ihre Familie für die nächste Woche zu ernähren – und in den Supermärkten auch gar nichts mehr vorhanden war, was sie hätte kaufen können. Dass in einem jetzt europäischen Land zu dem Zeitpunkt, als ich Abitur machte, Eltern entscheiden mussten, nichts zu essen, damit ihre Kinder (Mila Turajlić ist zwei Jahre jünger als ich) nicht hungern müssen. Doch trotz dieser entscheidenden Unterschiede, die die geografische Nähe der unserer Länder Lügen strafen, hat Mila Turajlićs Film auch für das deutsche Publikum höchste Relevanz. Auch in unseren Familien sind die Folgen eines totalitären Regimes noch spürbar, liegt es doch für einige nur zwei, höchstens drei Generationen zurück – für andere noch weniger. Und die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit oder deren Verweigerung bestimmt auch in unserem Land noch immer, wohin sich Politik und Gesellschaft entwickeln.

Die Frage, ob wir auf die Straße gehen, um uns für das einzusetzen, was wir für richtig halten, müssen wir uns leider heute auch wieder wieder stellen. Srbijanka Turajlić hat in ihrem Leben reichlich gekämpft und ist müde, resigniert; sie fragt ihre Tochter, ob diese es in sich spürt, den Kampf fortzusetzen. Doch die Räume sind schon so lange getrennt, dass niemand so recht weiß, wie sie noch wieder betreten werden können, selbst, wenn die Türen geöffnet werden.

Der Film hinterlässt diese Unsicherheit, zwischen Hoffnung und Resignation; er bindet die beiden Frauen, Mutter und Tochter, ein in die Geschichte, die vor ihnen begann und nach ihnen weitergeht, ohne zu einem Schluss zu kommen, wie sehr sie den Lauf der Dinge beeinflussen können. Er lässt mich berührt zurück, ein wenig beschämt darüber, wie wenig ich über all das wusste, bewegt vom Mut und Entschlossenheit der Hauptfigur und ihrer Familie.

„Die andere Seite von Allem“ erhielt bereits zahlreiche internationale Filmpreise und läuft ab heute in ausgewählten Kinos. Die Termine können auf der Seite des Verleihs abgerufen werden.

04/2018

3. April 1907: Lola Álvarez Bravo
Die Fotografin, eine der ersten Mexikos, trug zur nachrevolutionären Kulturblüte des Landes bei und war unter anderem mit Frida Kahlo und dem Dichterkreis Los Contemporáneos bekannt. Zunächst unter der Ägide ihres Mannes Manuel Álvarez Bravo, entwickelte sie bald ihren eigenen Stil, inspiriert von anderen in Mexiko tätigen Fotografen wie Tina Modotti und Edward Weston. Auch privat trennte sie sich von ihrem Mann und hatte zeitweise eine Beziehung mit María Izquierdo. Mit 37 Jahren hatte sie ihre erste allein bestrittene Ausstellung im Palacio de Bellas Artes, dem wichtigsten Kulturhaus Mexikos; sieben Jahre später eröffnete sie ihre eigene Galerie, in der Frida Kahlo 18953 ihre einzige Soloausstellung erhielt. Sie unterrichtete an der Academia San Carlos und war 1955 an Edward Steichens Fotoausstellung The Family of Man beteiligt.

LolaAlvarezBravo

Lola Alvarez Bravo

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4. April 1927: Aušra Augustinavičiūtė
Die litauische Psychologin, Soziologin und Ökonomin ist die Begründerin der Sozionik, die ähnlich dem Myers-Briggs-Typenindikator die Aspekte menschlicher Persönlichkeiten in unterschiedliche Funktionen und Beziehungstypen einteilt.
Während der MBTI in den englischsprachigen Ländern verbreitet ist, ist die Sozionik das Gegenstück im russischen, slawischen und baltischen Raum. Die Sozionik erforscht, basierend auf C. G. Jungs psychologischen Typen, wie Menschen Informationen aufnehmen, verarbeiten und weitergeben. Sie teilt Eigentschaften und Neigungen des Menschen in so genannte Dichotomien, Gegensatzpaare oder Skalen, auf: Logik – Ethik, Intuition – Sensorik, Introversion – Extraversion, Rationalität – Irrationalität. Aus diesen leiten sich die acht Aspekte ab, aus deren unterscheidlichen Kombinationen in einem individuellen Charakter sich die sechszehn Typen ergeben.
Hauptkritikpunkt ist, dass ebenso wie der MBTI ein Testergebnis der Sozionik dem Barnum-Effekt unterliegt: Dass Menschen in einem ausreichend unspezifischen Text immer zutreffende Beschreibungen für sich finden.

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5. April 1970: Miho Hatori
Die japanische Musikerin arbeitete bereits in ihrer Jugend in einem Plattengeschäft in Tokyo und war an der Hiphop Crew Kimidori beteiligt. Mit 22 Jahren ging sie nach New York, um Kunst zu studieren. Zunächst sang sie in der Punkband Laito Lychee, dann traf sie Yuka Honda und gründete mit ihr das Triphop-Projekt Cibo Matto, bei dem sie unter anderem auch mit Sean Lennon kooperierte. Sie war eine (oder die erste) Sprecherin der Gorillaz-Gitarristin Noodle.
17. April 1957: Jacqueline Moudeina
Die Menschenrechtsaktivistin musste 1979 ihre Heimat Tschad wegen des einsetzenden Bürgerkriegs verlassen. Sie beendete ihr Studium der Rechtswissenschaften in Brazzaville, Republik Kongo, wo sie sich auch der kongolesischen Sektion der Menschenrechtsorganisation ihres Heimatlandes, ATPDH, anschloss.
1995, nachdem das Terrorregime des Diktators Hissène Habré gestürzt worden war, kehrte sie in den Tscshad zurück und setzte sich seitdem für die Rechte von Frauen, Kindern und Minderheiten ein. Seit dem Jahr 2000 kämpft sie als Anwältin für die Opfer des Habré-Regimes: Der Politiker wird beschuldigt, für 40.000 politisch motivierte Morde vor allem an Minderheiten im Tschad verantwortlich zu sein. Da der Ex-Diktator im Senegal lebte, reichte sie entsprechende Klage beim Obersten Gerichtshof des Senegal ein und erstatte zeitgleich im Tschad Anzeige gegen seine Sicherheitsbeamten. Der Gerichtshof im Senegal sah sich als nicht zuständig an, weshalb Moudeina sich an ein Gericht in Belgien richtete – aufgrund des Weltrechtsprinzips, nach dem völkerstrafrechtlich relevanten Taten überall in der Welt verfolgt werden können. Ein belgischer Beamter nahm sich des Falles an, untersuchte die Vorwürfe und erließ schließlich einen internationalen Strafbefehl gegen Habré. Die Afrikanische Union hingegen verlangte die Verfolgung der Klage im Senegal, da „kein afrikanisches Staatsoberhaupt außerhalb Afrikas verurteilt werden sollte“. Nach weiterem Hin und Her, währenddessen sich der Senegal einer Strafverfolgung Habrés zunächst verweigerte und Moudeina wiederum in Belgien auf seinen Prozess drängte, musste sich Habré schließlich 2013 in der senegalesichen Hauptstadt Dakar für Kriegsverbrechen, Folter und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten und wurde 2016 schließlich, für Vergewaltigungen, sexuelle Sklaverei und Anordnung illegaler Tötungen, zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt.
Moudeina setzt sich weiterhin, gegen den Widerstand in ihrem Heimatland, für Menschen- und Kinderrechte ein, zum Beispiel gegen den Verkauf und die Versklavung von Kindern als Rinderhirten. Sie wurde 2001 bei einer Demonstration von einer Handgranate, die gezielt vor ihr platziert wurde, am Unterleib verletzt und trägt noch immer Granatensplitter in den Beinen, die ihre Gesundheit beeinträchtigen. Sie bestand trotz Gängeleien durch die tsschadischen Behörden immer wieder darauf, von medizinisch notwendigen Aufenthalten in Frankreich in ihre Heimat zurückzukehren; erst, als sie 2008 enthüllte, dass der Präsident Idriss Déby, Kindersoldaten in den tschadisch-sudanesischen Anteil am Dafur-Konflikt gesendet hatte, wurde die Bedrohung im eigenen Land so groß, dass sie Antrag auf Asyl in Frankreich stellte.

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25. April 1956: Jaroslava Schallerová
Nennung ehrenhalber, weil die Schauspielerin die Hauptrolle im Film Valerie – Eine Woche voller Wunder spielt, einem surrealistischen Märchen um ein junges Mädchen in einer traumartigen Welt voller Ungeheuer und Sexualität.

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28. April 1926: Bhanu Athaiya
Die Kostümbildnerin wirkte ihrer 41 Jahre umfassenden Karriere an 150 Filmen mit, vor allem an indischen Produktionen. 1983 gewann sie gemeinsam mit John Mollo den Oscar für bestes Kostüm, für ihre Arbeit an Richard Attenboroughs Monumentalwerk Gandhi. Sie gewann außerdem drei indische Filmpreise, unter anderem den Filmfare Award für ihr Lebenswerk.

02/2018

1. Februar 1972: Leymah Gbowee
Leymah Gbowee war 17 Jahre alt, als in ihrer Heimat der Erste liberianische Bürgerkrieg ausbrach. Zunächst arbeitete sie als Sozialarbeiterin mit Kindern und Jugendlichen in der Hauptstadt Monrovia. Von ihrer folgenden Tätigkeit beim Gesundheitsministerium stieg sie auf zur Programm-Koordinatorin bei der Aktion „Women in Peacebuilding“; in dieser Funktion organisierte sie die gewaltfreien Proteste der Bewegung Women of Liberia Mass Action for Peace gegen die andauernden kriegerischen Zustände im Land. Die Frauen versammelten sich hierfür, weiß gekleidet, für gemeinsame Gebete und Gesänge.
In einem medienwirksamen Aufruf zitierte sie auch das Lysistrata-Thema und forderte die liberianischen Frauen zu einem Sex-Streik auf, bis die Männer endlich den Gewalttätigkeiten ein Ende setzen würden.
Nach dem Ende des Bürgerkrieges war Gbowee designiertes Mitglied der Wahrheit und Versöhnung in Liberia. Anschließend arbeitete sie, schließlich als Executive Director, im Women Peace and Security Network Africa.
2011 erhielt sie gemeinsam mit ihrer Landsmännin Ellen Johnson Sirleaf und Tawwakkol Karman (s.u.) den Friedensnobelpreis.

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2. Februar 1929: Vera Chytilovà (honorable mention wegen meiner Sedmikrásky-Rezension)

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2. Feburar 1972: Dana International
DIe israelische Sängerin wurde als Yaron Cohen geboren (assigned male at birth) und wollte schon mit 8 Jahren Sängerin werden, inspiriert von Ofra Hazas Auftritt beim Eurovision Song Context 1983. Seit ihrem 13. Lebensjahr lebt sie als transgender Frau.
Sie gewann 1998 mit dem Song „Diva“ den Eurovision Song Contest, gegen den Widerstand einiger streng religiöser Gruppen in Israel, die einen konservativeren Vertreter ihres Landes lieber gesehen hätten.

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6. Februar 1979: Tawwakkol Karman
Die Tochter des Justizministers unter dem jemenitischen Präsidenten Salih war familiär auf politisches Interesse geprägt. Bereits ihr Vater hielt nicht mit Kritik an der Regierung zurück. Karman wurde zunächst Journalistin und beschäftigte sich als solche kritisch mit Kinderehen im Jemen. Sie war Mitbegründerin und Leiterin der Vereinigung Journalistinnen ohne Ketten (Women Journalists Without Chains, WJWC), setzte sich für Frauenquoten und gegen den traditionellen Gesichtsschleier ein.
Nachdem sie der jemenitischen Regierung schon seit 2006 mit einem regiekritischen SMS-Nachrichtendienst negativ aufgefallen war, organisierte sie im Aufkommen des arabischen Frühlings Studentendemonstrationen gegen Salih. Als sie verhaftet wurde, kam es zu Massenprotesten und sie wurde rasch wieder freigesetzt, nur um später wieder inhaftiert zu werden, nachdem sie am 3. Februar den „Tag des Zorns“ ausgerufen hatte.
2011 wurde Tawwakkol Karman die erste Frau aus dem arabischen Raum und mit 32 Jahren die jüngste Frau, der der Friedensnobelpreis verliehen wurde, gemeinsam mit Leymah Gbowee und Ellen Johnson Sirleaf.

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12. Februar 1905: Federica Montseny (honorable mention wegen meiner eigenen politischen Neigung)

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14. Februar 1964: Patricia Acioli
Acioli war eine brasilianische Richterin, die sich besonders mit Korruption in der Polizei befasste. Sie wurde am 11. August 2011 vor ihrem Haus von zwei Männern mit mindestens 16 Schüssen ermordet.
Am 30. Januar 2013 wurden drei Polizisten zu jeweils über zwanzig Jahren Haft für die Tat verurteilt; sie hatten Ermittlungen gegen sich selbst verhindern wollen.

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19. Februar 1986: Marta
Die fünfmalige Weltfußballerin (2006-2010) begann mit 14 Jahren gegen den Willen ihrer Familie mit dem Spielen. Mit 18 wechselte sie von einem Verein in Rio de Janeiro zu Umeå in Schweden. Dort spielte sie von 2004 bis 2008, dann führte sie ihr Weg unter anderem nach Los Angeles, New York und später zurück nach Schweden. Inzwischen spielt sie für Orlando Pride.
Die flexible Stürmerin ist dribbelstark und schafft die Balance zwischen eigener Torgefährlichkeit und dem mannschaftsdienlichen Spiel.

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24. Februar 1942: Gayatri Chakravorty Spivak
Die indische Sprach- und Literaturwissenschaftlerin wurde in den 1970ern bekannt durch ihre Übersetzung, aus dem Französische ins Englische, der Sprachtheorie „De la grammatologie“ von Jacques Derrida.
Sie war in Indien geboren und hatte an der Universität in Kalkutta einen Abschluss gemacht, um anschließend unter großen finanziellen Opfern in England zunächst Englische Literatur, dann Vergleichende Literaturwissenschaften zu studieren. Nachdem sie einige ihren Unterhalt als Englischlehrerin verdient hatte, wurde sie Assistant Professor in Iowa und machte gleichzeitig ihre englischen Universitätsabschlüsse zur Literatur Yeats‘.
In den 1980ern schloss sie sich dem Subaltern Studies Collective an, das sich mit der postkolonialen Welt und Perspektiven der Marginalisierten befasst. Spivak als Dekonstruktivistin kritisiert den Ethnozentrismus und arbeitet heraus, wie die Marginalisierten durch die „Wissensproduktion“ der westlichen Intellektuellen sprachlos oder ungehört und unverstanden bleiben. Sie verweist außerdem darauf, wie Privilegien im postkolonialen System die Privilegierten selbst von neuem Wissen abgehalten werden: „Unlearning one’s privileges as one’s loss.“ Kritisches Hinterfragen der eigenen Positionen und Glaubenssätze kann das Mittel sein, als Privilegierter das herrschende System zu überwinden.
Pivak prägte auch den Begriff des „strategischen Essentialismus“ mit, der die Idee bezeichnet, breit differenzierte Ziele unterschiedlicher Gruppen innerhalb einer Bewegung für ein generelles gemeinsames Ziel zeitweise hintanzustellen, um einen strategischen Vorteil aus der vereinten Schubkraft zu gewinnen.

Wonder Woman

Patty Jenkins, USA 2017
12 Jahre nach dem letzten Superheldinnen-Film Elektra bekam in diesem Jahr die ikonische Wonder Woman ihr Debüt auf der Kinoleinwand. 1940 erfunden, ist die Amazone Diana mit ihrem blau-rot-goldenen Outfit die älteste und wohl auch bekannteste weibliche Superheldin, und schon in ihrer Entstehungsgeschichte als Gegenmittel zu männlicher Dominanz angelegt. Insofern konnte es kaum ein besseres Jahr für die Film-Premiere dieser weiblichen Identifikationsfigur geben als dieses. Auch die lange und schwierige Entstehungsgeschichte spricht Bände darüber, wie schwer es Hollywood fällt, Frauen als Heldinnen zu inszenieren, und zwar nicht in den typischen „Frauenfilmen“, in denen es um Beziehungen und soziale Themen geht, sondern als physisch und psychisch dominante und ausgeprägte Persönlichkeiten in einem „männlichen“ Genre; gleichzeitig aber auch in einem Actionfilm die Protagonistin nicht wiederum für den Blick des per default männlichen jugendlichen Zuschauer zum reinen Objekt der Begierde zu machen.
Vor diesem Hintergrund tue ich mich mit einer Rezension dieses Films bemerkenswert schwer. Da ich die Comics überhaupt nicht kenne, kann ich mich mit dem Film – vielleicht: dankenswerterweise – nur als solchem auseinandersetzen; die Nähe zur Vorlage oder deren Mangel spielt in meiner Wahrnehmung keine Rolle. Alle Kritik, die ich habe, richtet sich nur an den Film. Der wurde ja durchaus als Sinnbild eines Paradigmenwechsels für den Geschlechterausgleich verkauft, z. B. mit den Kinovorstellungen nur für Frauen, die jede Menge Emaskulationsphobiker auf den Plan riefen.
Ich brauchte einige Zeit, um meine Gedanken zu Wonder Woman zu sortieren. Das mag zunächst mal daran liegen, dass er mir als Film, vor allem als Teil des derzeit nicht abreißenden Stroms von Superhelden-Comic-Adaptionen, überdurchschnittlich gut gefällt. Statt nur Szenen mit erklärenden Dialogen aneinanderzureihen, die die Motivation der Protagonisten von einer brüllenden Actionszene zur nächsten deklarieren, tragen hier alle Szenen gleichermaßen zu einer tatsächlich fließenden Narration bei. Die Figuren sind sympathisch und glaubwürdig, Gal Gadot überzeugt ebenso in ihrer Fragilität wie in ihrer Aggressivität.
Der Film macht auch vieles richtig, was man so an gängigen feministischen Kriterien anlegen kann. Den Bechdel-Test* zugrunde legend, ja, gibt es mehrere Frauen, die mit Namen benannt werden, enge Beziehungen zueinander haben und sich über andere Dinge als Männer miteinander unterhalten. Gal Gadot wird nicht *nur* auf die Merkmale ihres attraktiven Körpers hin in Szene gesetzt, sie hat eine wahrnehmbare Persönlichkeit und der kriegerische Einsatz ihres Körpers (der aller Amazonen) steht männlich dominierten Kampfszenen in Dynamik und Martialität nichts nach.
Meine Desorientierung bei Wonder Woman liegt also sicher auch mit daran, dass ich mich eindeutig nicht (sehr**) geärgert habe. Und da liegt der Hund begraben: Reicht mir das schon? Muss ich mich damit zufriedengeben, in der feministischen Filmkritik, dass ich mich *nicht ärgere*? Wenn ich mir diese Frage angesichts Wonder Woman stelle, fange ich doch an, mich zu ärgern. Denn dann fühle ich mich mit meinem eigenen niedrigen Anspruch an der Nase herumgeführt. Ja, am Anfang des Films gibt es viele starke, namentlich benannte Frauen, die miteinander über etwas anderes als Männer sprechen – in einer Welt, in der Männer nicht existieren! Kaum hat ein Mann Dianas Leben betreten und verläßt sie diese paradiesische Welt, wird sie zur Schlumpfine, zur zugegebenermaßen prominenten Quotenfrau in einem Team aus Männern. Ja, sie trifft auf ihre spätere Sekretärin und beste Freundin Etta, doch die ist Randfigur in diesem Film und gerade gut genug, um ein paar Witze über bekannte Tropen zu liefern, wie etwa dass Diana mit einer Brille auf einmal nicht mehr atemberaubend schön sei. Nun könne man sagen: „Der Film spielt während des Ersten Weltkriegs, da waren Frauen eben nicht so am politischen Leben beteiligt“ (Etta macht sogar eine Bemerkung über ihre Beteiligung an der Sufragettenbewegung) – aber der Film behauptet auch für seine Welt, Ares, der griechische Gott des Krieges, sei die eigentliche Ursache des Ersten Weltkrieges, und es gäbe eine Insel, auf der Amazonen leben wie in einem partiell modernisierten klassischen Thermiskyra. Könnte man sich mit all dieser Fantasie nicht mehr als eine handelnde Frau pro Seite ausdenken?
Meine Unzufriedenheit mit Wonder Woman rührt also daher, dass der Film sich für das, was er sein könnte, viel zu sehr in sicheren Gefilden bewegt. Als würden die immanentesten Punkte abgehakt, damit die in der heutigen Zeit rasend gewordenen Feministinnen keinen Anlass für Beschwerden haben, aber über ein paar zahme Witze über die Herrschaft der ignoranten Männer hat man sich dann doch nicht hinausgewagt. Davon abgesehen, geht der Film seinen wie erwähnt angenehmen, aber doch nicht so revolutionären Gang.
„Was wollt ihr denn noch?“, fragen die genervten Guten Männer. Tja, was? Einen Film, in dem nicht nur die eine übermenschliche Frau einen gleichberechtigten Platz und maßgebliche Dialogzeilen hat, wäre ein Anfang (wenn wir so tun wollen, als hätte es das Ghostbusters Reboot und andere Feig-McCarthy-Koopertationen nicht gegeben). Sonst kommen wir doch wieder nur in eine Hure-und-Heilige-Dichotomie, auch wenn sie sich heute nicht mehr an sexueller Aktivität bemisst (jedenfalls nicht mehr so sehr, aber auch Wonder Woman muss natürlich lieben, um Sex zu haben) – entweder bist du Superheldin oder immer noch egal. Es klingt auch Gatekeeping an: Wenn du nicht so gut sein kannst wie Wonder Woman, hast du immer noch keinen Platz in der Welt.
So wird Wonder Woman für mich zu einem sehr ambivalenten Film. Unterhaltsamer als viele seiner Superhelden-Kollegen. Endlich, ein Film über eine Superheldin, eine weibliche Protagonistin und Titelfigur in einem Actionfilm. Und doch: Zeugnis so vieler Unzulänglichkeiten der Filmlandschaft. Da hat Wonder Woman noch einige Arbeit vor sich.
* Ich empfehle diese Seite und vor allem die immer vielstimmigen, aber oft (meist?) mit guten Argumenten geführten Diskussionen über Filme im Hinblick auf den Bechdel Test. Darin lassen sich die Minimalanforderungen, die eine Frau an einen gendergerechten Film haben kann, in ihrem wirklich bescheidenen Ausmaß sehr gut erkennen – aber auch, wie leicht es ist, diese zu erfüllen und trotzdem etwas zu wünschen übrig zu lassen. Andere schöne Tests, mit denen man die feministischen Qualitäten eines Films messen kann, rangieren von intersektionell bis zum schlichten „Regen sich Männer darüber auf?“
** Einmal habe ich mich doch geärgert, nämlich als ich feststellte, dass die Amazonen dann doch alle auf Keilabsätzen kämpfen. Laut Regisseurin sollte Wonder Woman lange Beine haben, und die sehen nun mal länger aus in hohen Absätzen. Und ich weiß, viele Frauen fühlen sich durch ihre Meisterschaft, auf hohen Absätzen gehen zu können, empowered. Das streite ich nicht ab. Dennoch kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass eine Kultur, die alleine von Frauen geprägt ist und aus einer Zeit stammt, die vor der Einführung hoher Absätze liegt, doch eher zu praktischen und bequemen, nicht erotisierenden Schuhformen neigen würde. Von den faschistoid vollkommenen Körper der Superhelden generell will ich gar nicht anfangen. Die sehe ich ja in ihrer gängigen männlichen Ausführung durchaus auch gerne an.

Geht alles gar nicht… oder vielleicht doch?

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Disclaimer: Dieser Beitrag enthält einen sachlichen und einen emotionalen Teil.

(1)
Sachlicher Teil
Ich war am vergangenen Donnerstag in der glücklichen Lage, am oben beworbenen Event teilnehmen zu dürfen und können. Organisiert von der Competentia NRW, der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Krefeld und dem Netzwerk Wirtschaft & Familie der WfG, stand die Veranstaltung allen Interessenten offen. Für Film bin ich bekanntermaßen immer zu haben und von einer Podiumsdiskussion versprach ich mir zumindest eine Ahnung, wo auf der Skala der Hoffnungslosigkeit meine persönliche Lage sich ansiedeln lässt.

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Der Film Eltern von Robert Thalheim (D 2013) traf wesentlich genauer den Nerv, als ich es erwartet hatte. Das Ehepaar Christine und Konrad steht zwar weniger repräsentativ für die deutsche Durchschnittsfamilie als es möglich gewesen wäre, aber Filme sollen ja auch nicht (immer) die blasse Realität widerspiegeln.
Christine ist Ärztin mit Ambitionen auf die Oberarztstelle, Konrad ist Theaterregisseur, der sich für die Hausmann-Rolle entschieden hat, wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Gründen. Nun sind die Kinder Käte und Emma, etwa 10 und 5 Jahre alt, „aus dem Gröbsten heraus“ und Konrad hat die Chance, sich mit der Inszensierung eines Nibelungenstoffes wieder in seinem Beruf zu etablieren. Der Umstellung, dass nun beide wieder arbeiten, die Kinder aber immer noch versorgt sein müssen, auch in den Ferienzeiten, sehen die beiden mit dem üblichen naiven Optimismus entgegen. „Wir schaffen das schon“ und außerdem haben sie eine Au-Pair gebucht, die recht schnell aus Argentinien eingeflogen kommt. Das junge katholische Mädchen ist allerdings schwanger und somit weniger eine Hilfe als eine weitere physische und psychische Belastung. Als Konrad merkt, dass er die alleinige Versorgerrolle nicht einfach abschütteln kann, zieht er aus. Natürlich kommen für die romantische Zuspitzung auch noch jeweils andere mögliche erotische Interessen hinzu; das Ende bleibt offen, weil sich diese Situationen nicht mit einem überstanden Schrecken und drei Sätzen lösen lassen.
Wie gesagt, kann man sich das tatsächliche deutsche Durchschnittsleben mit Kindern etwas weniger exotisch, turbulent und dramatisch vorstellen, aber die kleinen und großen Krisen sind sehr genau beobachtet und dargestellt. Ob es nur darum geht, dass die Kleine zum unpassendsten Moment Pipi muss und die Große schon erste Anzeichen einer pubertären Dauerablehnung zeigt, oder ob eine Gefühlswelle einen davon zu spülen droht, während man die Aufsichtspflicht hat – die Augenblicke und Sätze, die fallen, trieben mir tatsächlich mehrfach die Tränen in die Augen, weil sie so genau die Not und Verzweiflung einfingen, die ich zeitweise empfinde.
Besonders positiv möchte ich auch noch hervorheben, dass das argentinische Au-Pair sich ohne großes moralisches Händeringen oder tränenreiches Bedauern für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden darf. Direkt bei ihrer Ankunft muss sie an einer Hamsterbeerdingung am Straßenrand teilnehmen, am Ende darf sie mit den beiden Mädchen ein Ultraschallbild mit ähnlicher Zeremonie beerdigen; die Entscheidung und die Ausführung werden angenehm unpathetisch im ganzen Trubel miterzählt. Sie ist mit 18 zu jung, sie kennt den Vater kaum und will in Deutschland studieren, wahrscheinlich um ein besseres Leben zu führen (und ihren späteren Kindern ein besseres Leben bieten zu können) als ihre Mutter, und auch wenn Christine Konrad immer dankbar sein wird, dass er sie zum ersten Kind „überredet“ hat: bei dem Leben, in dass sie bei ihrer Au-Pair-Familie hineingestoßen ist, muss ihr klar werden, dass selbst das bestgemeinte „Wir schaffen das schon“ immer noch viel Kraft und Abstriche kosten wird.

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In der nachfolgenden Podiumsdiskussion wurde die Frage erörtert, ob Familie und Beruf bzw. beruflicher Erfolg eben gar nicht geht oder vielleicht doch, warum es zu oft derzeit in Deutschland nicht geht und warum es in manchen Unternehmen eben doch so einfach geht. Unter der Moderation von Beate Kowollik besprachen Markus Gawenda (Sonic Sales Support GmbH), Marco Nöchel (HKN GmbH), Jekaterina Rudolph (Projektreferentin Netzwerkbüro „Erfolgsfaktor Familie„), Heinrich Wefing (Journalist, Autor „Geht alles gar nicht“ 2015) und Eckart Preen (Geschäftsführer WfG Krefeld) als Betroffene und Beteiligte die Möglichkeiten und  Perspektiven, und alles in allem war es tatsächlich ein Gespräch, das mir als Mutter mit Wunsch nach beruflicher Beschäftigung, wenn schon nicht Selbstverwirklichung, ein wenig Hoffnung für die Zukunft gab – zumindest die meiner Kinder.
Thema war unter anderem die Problematik der Betreuungszeiten in Kita und Schule, die selten mit den Arbeitszeiten der Eltern zusammen passen, wie sich die Schwierigkeit lösen lässt, dass kranke Kinder nun mal eben nicht betreut werden und wie sie vielleicht doch betreut werden könnten, wie Arbeitgeber den Eltern unter ihren Angestellten entgegenkommen können, ohne dabei wirtschaftliche Verluste fürchten zu müssen (kleiner Tip: meistens wird das, was nach möglicher Beeinträchtigung aussieht, der wichtigste Faktor in der Produktivitätssteigerung) und natürlich: wer soll und muss das denn nun alles berücksichtigen und umsetzen? Wahrzunehmen, dass sowohl im Publikum wie auf dem Podium Menschen sitzen, die diese Probleme ebenso wie ich nicht nur theoretisch behandeln, sondern ganz praktisch erfahren, und dass aus diesen Erfahrungen neue Bewegung in der Arbeitskultur und der Wahrnehmung von angestellten Eltern und elternden Angestellten entsteht, war wirklich tröstlich und hoffnungsstiftend.

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(2) Hier beginnt der emotionale Teil. Warnung: Ich beziehe mich auf eine Wortmeldung bei dieser Veranstaltung, aber hier bricht sich einiges Bahn, was mich als Mutter, die arbeiten will, in der Diskussion um das Thema arbeitende Mütter, Kinderbetreuung etc. im Internet und anderswo schon eine Weile bewegt. Vielleicht ist dies ja ein Beitrag zum Feminismus der Mütter, dessen mangelnde Perspektive die Frankfurter Rundschau vor einiger Zeit beklagte.

Umso trauriger – nein: ärgerlicher ist es, gerade bei so einer Gelegenheit, dass einer der letzten Wortbeiträge einer war, der voller Reizworte und Rabenmutter-shaming war. Die Dame, die sich zu Wort meldete, war, so hatte ich aus einem Pausengespräch schließen können, in Begleitung ihres Mannes anwesend, der einen familienfreundlichen Handwerksbetrieb im eigenen Haus führt und daher mit Arbeitgeberinteressen die Veranstaltung besuchte. Sie selbst war glückliche Hausfrau/Mutter, wozu ihr zu gratulieren ist.

Ihr Wortbeitrag bestand aber leider daraus, zum Thema längere Betreuungszeiten/24-Stunden-Kitas zu fragen, wie lange man denn „die Kinder noch in der Betreuung parken (sic!)“ wolle, und gerade wenn ein Kind krank sei, man doch als Mutter nur selbst beim Kind sein wolle, und wenn einer gut genug verdienen würde, dann müsse das doch reichen.

*seufz* Wo anfangen?

Zunächst mal hatte ich im Gespräch mit ihr zuvor zugegeben, dass ja, manchmal ich tatsächlich denke, hätte ich das damals gewusst, was es mich kosten würde, hätte ich eventuell keine Kinder bekommen – aka ich „bereue“ es angesichts meiner derzeitigen Lage manchmal, Mutter geworden zu sein. Das nimmt nichts weg von der Liebe für meine Kinder, es bedeutet nur, dass ich mir auch ein glückliches Leben ohne sie vorstellen könnte. Ich würde das selbst nur als ein Zeichen von Vorstellungskraft und Ambiguitätstoleranz werten, aber manche finden solche Aussagen wohl schockierend.

Heinrich Wefings Erwiderung vom Podium habe ich nicht vollständig mitbekommen, weil ich mich zugegebenermaßen erst einmal herunterfahren musste – in einer Veranstaltung zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf hatte ich ehrlich nicht mit dem sonst aus dem Internet leidlich bekannten Konflikt gerechnet, sich als Frau, die auch Mutter ist, für die vom „traditionellen Modell“ abweichenden Entscheidungen verteidigen zu müssen. Ich erinnere mich nur daran, dass er Bezug nahm darauf, dass „Feministinnen“ dann auch Mütter, die zu Hause blieben, dafür verachteten und das natürlich auch nicht in Ordnung sei. Ich glaube aber, er kam zu dem (richtigen) Schluss, dass dies der Realität vieler arbeitender Eltern leider nicht weiterhelfe, weil die wirtschaftliche Lage eben eher seltener so sei, dass diese Wahl bestünde.

Es war sicherlich für die Dauer und die Atmosphäre der Veranstaltung eine gute Entscheidung der Moderatorin, mich nicht mit einem weiteren Wortbeitrag darauf reagieren zu lassen, da es hier um mögliche Lösungen für das gestellte Problem ging und nicht um eine weitere Schlacht in den mommy wars. Gottseidank ist dies hier meine eigene Plattform und hier kann ich so lang und breit darauf reagieren, wie ich mag.

Also fangen wir zunächst mal mit dem Unwort „parken“ an. Niemand „parkt“ sein Kind irgendwo – alle Eltern, die ich in Betreuungseinrichtungen getroffen habe, haben sich die jeweilige mit viel Mühe und Zeitaufwand angeschaut und ausgesucht, weil es eine Notwendigkeit dafür gab, dass das Kind auch von anderen Menschen als Mama, Papa oder anderen Familienmitgliedern wie den Großeltern betreut wird. Und in noch keiner Betreuungseinrichtung, die ich von innen gesehen habe, machten die Kinder einen „geparkten“ Eindruck, sondern sie waren in immer fachlich ausgebildeter und meistens liebevoller Betreuung. Nur „meistens“, weil nicht jeder Mensch mit jedem Kind immer nur säuseln kann – und das werte ich als einen positiven Aspekt der „Fremdbetreuung“, aber dazu später. „Geparkt“ werden meine Kinder eher von mir zu Hause, vor dem Fernseher oder dem Tablet, wenn ich alleine mit beiden bin und Haushaltsaufgaben erledigen muss, einen Blogpost fertigstellen will oder gar *gasp* einfach mal ein paar Minuten für mich brauche. Can’t pour from an empty cup and all that. Dementsprechend ist Zeit in den Händen ausgebildeter Erzieher für meine Kinder wertvoll, weil sie dort über Stunden hinweg gefordert, gefördert, unterhalten und unterrichtet werden. Was ich als Mutter schlicht nicht leisten kann und meines Erachtens auch nicht können muss. Ich kann dafür meinen Kindern erklären, warum sie nicht alles glauben sollen, was die Werbung ihnen erzählt, was es bedeutet, wenn einer „mit des Seilers Tochter Hochzeit gefeiert“ hat oder warum vor 100 Jahren rosa noch die Jungsfarbe war. Aber zurück zum Unwort. Das Gespräch zwischen arbeitenden und nicht arbeitenden Müttern würde so viel angenehmer verlaufen, wenn solche eindeutig herabsetzenden und verurteilenden Pejorative auf beiden Seiten vermieden würden.

Weiter geht es, wie eine andere Mutter im Publikum dankenswerterweise anmerken durfte, bei längeren Öffnungszeiten und 24-Stunden-Kitas ja nicht nur darum, dass regulär arbeitende Eltern ihre Kinder noch für ein paar Stunden mehr loswerden. Es ginge in meinem Fall früher z.B. darum, ich an vier Tagen der Woche bis 18:00 arbeiten könnte, mit einer Stunde Pendelfahrt, mein Mann auch bis 17:00 arbeiten könnte und nicht jeden Tag die Oma bemüht werden müsste. Sondern an diesen vier Tagen auch bis 17:30 eine Betreuung gegeben wäre. Oder, ganz von meiner Situation gelöst, aber sehr konkret und real, dass Eltern im Schichtdienst oder mit Arbeitszeiten, die nicht dem 9-5 im Büro entsprechen, auch eine Betreuung finden können, ohne familiäre Ressourcen – die schlicht nicht immer vorhanden oder erreichbar sind.

Bei der diskutierten „Betreuung des kranken Kindes“ geht es – nach meiner Realität und Vorstellung – auch nicht darum, ein hoch fieberndes Kind zu einer fremden Person zu transportieren, damit der Chef glücklich ist. Aber es könnte zum Beispiel darum gehen, wie die Situation sich für Arbeitgeber und Arbeitnehmer erleichtern ließe, wenn das Kind wegen drei gefüllter Windeln an einem Nachmittag zwei Tage lang mopsfidel zu Hause bleiben muss, weil Kindergärten eine völlig berechtigte Quarantäne für Durchfallerkrankte verhängen. Oder die letzten Tage einer Grippe, in der das Fieber verklungen und die Langeweile groß ist, aber eine Schonung der körperlichen Kräfte immer noch angesagt ist. Homeoffice ist da natürlich ein erster wichtiger Schritt – vor allem, wenn man sich wie ich nicht scheut, solche Rekuperationsphasen mit popkultureller Bildung am Bildschirm zu überbrücken. Aber auch das hat seine Grenzen, vor allem im Sitzfleisch der Kinder, weshalb ergebnisorientierte Arbeitszeiteinteilung, wo möglich, der nächste Schritt wäre. Vornehmlich scheint es aber einfach einen Wandel der Kultur, der Haltung gegenüber Eltern zu brauchen – auch dazu später.

Zum letzten Satz schließlich, „wenn einer gut genug verdient“, dann müsse das reichen – erst einmal muss „einer gut genug“ verdienen, das ist schon mal eine Hürde für viele Eltern; und zwar nicht nur heutzutage, das war schon immer so. Aber selbst wenn die genommen ist, wie ich gerade mal so mit einigem Kopfwiegen und Händewackeln sagen könnte, unter dem unglücklichen Bilck meines Mannes, auf dem damit allein die Verantwortung liegt – es geht doch nicht nur um wirtschaftliche Aspekte! Es geht nicht nur um „arbeiten müssen“, es geht auch um „arbeiten wollen“! Und auch das nicht nur wegen wirtschaftlicher Unabhängigkeit oder „sich mehr leisten können“ zu wollen, oder einen Menschen, den man liebt, von dieser Verantwortung zu entlasten.

Ich bin Feministin und ich verachte keine Frau für ihre Entscheidungen. Mein Feminismus ist einer, bei dem es darum geht, allen Menschen die individuelle Wahl für ihr persönliches Glück zu gewähren, so lange sie damit anderen nicht schaden oder sie einschränken. Wenn eine Frau in der Arbeit als Hausfrau voll aufgeht und glücklich ist, will ich sie nicht zur Karriere im Büro bekehren. Ich beglückwünsche sie, wenn sie den/die passende/n Partner/in findet und wünsche ihr alles erdenklich Gute. Sie möge ihre Kinder so lange selbst zu Hause betreuen, wie sie mag, so lange sie ihnen nicht die Bildung vorenthält, auf die Kinder hierzulande ein Recht haben.

ICH hingegen.

Ich musste 23 Jahre alt und einen Schwangerschaftabbruch älter werden, um zu wissen, dass ich in der ferneren Zukunft dann doch wirklich Kinder haben möchte. Bis es neun Jahre später soweit war, hatte ich aber auch schon ein verhältnismäßig glückliches und erfülltes Leben gelebt. Ich habe mich vor den Kindern für Literatur, Filme und Sprache interessiert, hatte Hobbies, Leidenschaften und einen Beruf, war ein vollständiger Mensch mit Bedürfnis nach (erwachsener) Gesellschaft und Rückzugsmöglichkeit. Dieser Mensch ist nicht verschwunden, als mein erstes Kind auf die Welt kam. Die Bedürfnisse der kleinen Menschen, die ich – nach meinem eigenen Wunsch! – auf die Welt gesetzt hatte, und meine eigenen zu vereinbaren, was meistens naturgemäß zu meinen Ungunsten ausfiel, war ein langer, harter und manchmal niederschmetternder Kampf.

Und obwohl es mein gutes Recht ist, meine Ziele zu verfolgen und Bedürfnisse nicht nur des körperlichen Wohlbefindens zu stillen, habe ich den Eindruck, mich ganz besonders gegen Urteile und Vorwürfe wehren zu müssen. Aus staatlicher Sicht verdient mein Mann gerade so viel, dass wir keine Unterstützung brauchen. Und ja, mit von „Doppelverdiener mit einem Kind“ auf „Einzelverdiener mit zwei Kindern“ heruntergeschraubten Ansprüchen befinden wir uns nicht in einer wirtschaftlichen Notlage.

Als Mutter, die nicht arbeiten muss, so scheint es, sollte ich doch einfach froh sein. Und schon gar nicht meine Kinder in Fremdbetreuung geben. Müttern, die müssen, weil sonst kein Geld da ist, verzeiht man, dass sie ihre Kinder von „Fremden“ „betreuen“ lassen. Mir eher nicht – schließlich bin ich die Mutter, habe Zeit und (gerade so genug) Geld. Ich sollte einfach froh sein.

Ich bin aber nicht froh.

Nicht damit, alleinige Beauftragte im Haushalt zu sein – mein Ehrgeiz, eine „gute Hausfrau“ zu sein, ist vernachlässigbar. Nicht damit, wirtschaftlich von meinem Mann abhängig zu sein – einer guten Ehe liegt stets das Gefühl zugrunde, frei zu sein, und wirtschaftliche Abhängigkeit überschattet dieses Gefühl. Und nicht damit, meinen Intellekt und meine zahlreichen Fähigkeiten außerhalb der Mutterrolle brach liegen zu lassen – das bedeutet nämlich, dass große Teile meiner eigenen Persönlichkeit vernachlässigt werden, was zu ganz erheblichen seelischen und mentalen Problemen führt, die sich wiederum auf mein Verhältnis zu den Kindern niederschlagen.

Seit ich die eine Tätigkeit nicht mehr ausüben kann, die mir eine gelungen Work-Life-Balance erlaubte, suche ich nach neuer Arbeit. Das hieß, dass ich trotz Arbeitslosigkeit den Betreuungsplatz beim Tagesvater für meinen nicht ganz Einjährigen in Anspruch nahm. Weil ich, wenn ich neue Arbeit finden sollte, darauf angewiesen gewesen wäre, dass die Betreuung bereits besteht – mit den momentanen Planungs- und Anmeldephasen in der Kinderbetreuung ist man nur auf der sicheren Seite, wenn man einen Platz hat und nicht hergibt. Das hieß auch, dass meine Große weiterhin 45 Stunden pro Woche in den Kindergarten ging – so war sie es gewöhnt, und eine Umgewöhnung und Rück-Umgewöhnung, wenn ich wieder in Arbeit gekommen wäre, hätte mehr Stress für das Kind bedeutet als einfach den bekannten Rhythmus zu behalten.

Dass meine Kinder in ihrer Betreuung waren, hieß auch, dass ich mich in den Stunden zu Hause nicht nur um den Haushalt kümmern konnte. Ich konnte auch meiner bescheidenen Bloggertätigkeit nachgehen, ohne auf Schlaf zu verzichten (ein ausgesprochen wertvoller Gewinn), und mich der Arbeitssuche widmen, wie es die Agentur für Arbeit von mir erwartete.

Aber, und jetzt kommt’s. Aber ich habe die „Fremdbetreuung“ meiner Kinder nie nur als meinen eigenen Vorteil gesehen – um mögliche Arbeitszeiten abzudecken oder Freiraum für meine Persönlichkeit neben dem Mutterdasein zu haben. Ich spreche hier nur als Expertin für meine eigenen Kinder, ich weiß, dass andere Kinder anders sind, andere Mütter anders sind und es ist alles gut. Aber meine Kinder haben davon profitiert, dass andere liebevolle und fachlich ausgebildete Menschen in ihr Leben traten und sich um ihre Entwicklung kümmerten. Und das nicht, weil ich so eine fürchterliche, harte und verbitterte Mutter bin, sondern unter anderem weil die gewonnene Zeit für meine anderen Persönlichkeitsaspekte mir geholfen hat, eben das nicht zu werden. Und weil die Welt meiner Kinder sich geöffnet hat, sie mit anderen Kindern zusammenkamen, für ganze Tage und nicht nur ein paar Stunden; sie hat sich aber auch geöffnet für die Andersartigkeit der Erwachsenen. Wir Eltern sind atheistische Film-Freaks, die mittelmäßig-ausreichend auf gesunde Ernährung mit Fleisch achten, aber schon mal streng auf respektlosen Umgang mit unserem Eigentum reagieren. Die Tagesmutter unserer Tochter war katholische Anthroposophin, die Hausmannskost für die ganze Familie inklusive ihrer Teenager kochte und eine ellenlange Geduld hatte. Der Tagesvater unseres Sohnes war evangelischer Theologe und ausgebildeter Sozialarbeiter, der mit den Kindern vorwiegend vegetarisch kochte und die manchmal rabiaten Abenteuerlichkeiten unseres Sohnes mit Schmunzeln und einem gewissen Maß an Bewunderung betrachtete. Unsere Kinder haben bei den Tageseltern und im Kindergarten gelernt, dass sich die Fürsorge der Erwachsenen nicht immer in lieblicher Freundlichkeit äußert, dass Teilen mit anderen notwendig und sogar schön ist, haben Raum und Möglichkeit gehabt, ihren Körper und ihre Fähigkeiten auszuprobieren, die ich als einzelne Bezugsperson in einer Vierzimmerwohnung einfach nicht anbieten kann.
Heißt das, dass ich nicht alle Entwicklungsschritte meiner Kinder beim „ersten Mal“ mitbekommen habe? Ja. Haben sie darunter gelitten? Nein. Warum? Weil die Kinder diese Entwicklungsschritte nicht für mich und meine Selbstverwirklichung gemacht haben und vor allem „das erste Mal“ nur den Anfang bedeutete, dh. es folgte die Wiederholung und Aneignung neuer Fähigkeiten, die ich alle mitbekommen habe. Mein Leid darüber, nicht bei den allerersten Schritten unseres Sohnes dabeigewesen zu sein, verflog, als er gleich nachmittags zum zweiten und dritten Mal lief.
Fazit: Was ich mir wünsche. Ich wünsche mir von der Gesellschaft ein Loslassen der traditionellen Rollen, das heißt mehr Unterstützung berufstätiger Eltern auch in der Gesprächskultur. Dass Mütter arbeiten dürfen, egal ob sie müssen oder „nur“ wollen. Dass Väter zu Hause bleiben und Fürsorge erbringen dürfen. Ich wünsche mir von Arbeitgebern, dass sie „Familienfreundlichkeit“ nicht nur als Wort im Marketing behandeln und in ihrer Betriebskultur Eltern (auch potenzielle!) keine Belastung sind, sondern als wertvolle Mitarbeiter behandelt werden, die Qualifikationen mitbringen, die nur von Eltern ausgebildet werden können. Ich wünsche mir von allen Frauen, vor allem aber allen Müttern, dass sie sich von der Dichotomie gut/schlecht lösen, was individuelle Entscheidungen des Elterndaseins angeht. Die Hausfrauen/Mütter sind keine Egozentrikerinnen, keine Heimchen oder Übermütter, die ihre Kinder nur als Verlängerung ihrer selbst sehen – sie lieben ihre Kinder und wollen ihnen das Beste geben, was sie zu bieten haben*. Die arbeitenden Mütter sind keine Egozentrikerinnen, keine Karrieretussis oder Rabenmütter, die ihre Kinder nur als Lifestyle-Accessoire bekommen haben – sie lieben ihre Kinder und wollen ihnen das Beste geben, was sie zu bieten haben*. Die Bedürfnisse der Eltern und der Kinder unterscheiden sich so sehr, wie sich Menschen unterscheiden. Das Eine ist nicht richtiger als das Andere, das Andere stellt das Eine nicht in Frage oder negiert es!
Ich wünsche mir, dass es für alle Arbeit, Lebensraum und Betreuungsplätze gibt, um das individuelle Glück zu verfolgen. Amen.
 
*Selbstverständlich sind bedauernswerte Einzelfälle hiervon ausgenommen, aber bitte: viele Anekdoten schaffen keine wissenschaftlichen Fakten.
 
Nachtrag: Die WZ Krefeld hat am 31.03. einen kurzen Beitrag zum Event veröffentlicht und zitiert mich als „Akademikerin und Mutter von zwei Kindern“. 🙂

der kommissar, "grau-roter morgen"

hilde larasser: „aber manchmal ging’s nicht mehr. dann bin ich mit ihr zusammen rumgelaufen. wenn sie am boden lag und weinte, wenn sie sagte: ‚mama, ich halt’s nicht mehr aus‘, dann sind wir beide herumgelaufen und ich hab alles versucht, was zu kriegen. irgendwas, egal was, wenn man’s nur auflösen, aufziehen und in die vene jagen konnte.“
robert heinze: „wollen sie sagen, sie haben ihrer eigenen tochter –?“
hilde larasser: „sie hat zu dünne venen! sie hat sie nicht gefunden. sie sagte: ‚mama, mach du’s.‘ ich sagte: ‚bist du verrückt?‘ sie sagte: ‚ich mach’s so schlecht.‘ sie stach sich die spritze wie ein messer in den arm! da sagte ich: ‚gib das her.‘ ‚mama‘, sagte sie, ‚mama.’so zärtlich, wie ich sie nie wieder hab ‚mama‘ sagen hören.“

spy

paul feig, usa 2015
wie auch bereits bridesmaids und the heat gewinnt auch dieser film bei mir schon a priori sympathien mit der geschlechterbalance der charaktere. so muss filme-kucken für männer immer gewesen sein: ein oder mehrere hauptcharaktere des eigenen geschlechts, die als reflektionsfläche dienen können, und einige augenschmeichler (und lachmuskel-trainer) des anderen als garnitur – so ließe ich mir auch viel mehr gefallen.
melissa mccarthy ist nicht nur lustig „für eine frau“, sie ist schlicht lustig, und das nicht nur selbstironisch. die spitzen gegen vorurteile gegen dicke frauen fehlen nicht, aber auch die situationskomik sowie der dick-pic-gag der extended version treffen den nerv. es ist auch deutlich zu spüren, dass die vier weiblichen (haupt-)darsteller melissa mccarthy, rose byrne, miranda hart und allison janney es genießen, sich entfalten zu können und echte figuren, nicht nur tropen geben zu dürfen. das vergnügen, nebenbei auch die vorurteile, denen frauen ihrer art begegnen, und die stereotypien des klassischen actionfilms auf die schippe zu nehmen, spürt man ebenfalls unleugbar. die männlichen darsteller – allesamt vom typ „echter kerl“ – werfen sich anstandslos und mit ebenso sichtlichem vergnügen in die parodie ihrer stereotypen, in den fluss eines films, der die arroganz und gatekeeper-mentalität, kurz den sexismus ihres geschlechts aufs korn nimmt. besonders jason statham scheint eher urlaub zu machen als es als arbeit zu betrachten, wenn er die angeberei und rüpelei seines charakters ins komische übertreibt.
der film mag wie andere parodien auch ein wenig daran kranken, dass er gleichzeitig komödie und actionfilm ist; da jedoch der witz schon in der prämisse der bürostute, die plötzlich im feld ihre frau stehen muss, besteht, und jedes klischee des spionage-actionfilms angriffsfläche für witz bietet, bleibt es kurzweilig.
ich freue mich jetzt schon auf the boss und ghostbusters.

sedmikrásky

vera chytilová, tschechoslowakei (damals noch) 1966
ungezogene junge leute in traumhaft strahlenden farben. die beiden maries stellen fest, dass die welt verdorben ist und beschließen, ebenfalls verdorben zu sein. „macht das was?“ „macht gar nichts!“
sie lassen sich von älteren herren zum essen, trinken und rauchen einladen und schaffen sie dann, bevor diese ihren tribut fordern können, rasch zum zug. das wird langweilig, andere ungezogenheiten müssen her. junge männer, die sich stürmisch verlieben, stammeln poesie in den telefonhörer, während die angesprochenen würste, croissants und bananen mit der schere zerteilen und lustvoll zerbeissen. große enttäuschung herrscht bei den mädchen, als der landwirt, der doch sonst nichts zu sehen bekommt als erde und pflanzen, kein bisschen interesse zeigt. gibt’s sie überhaupt noch? „uns gibt’s! uns gibt’s!“ trällern die mädchen fröhlich, weil es doch nicht die anerkennung der männer braucht. sie stürmen das aufgebaute buffet, während die oberschicht noch dem klassischen konzert lauscht, und fressen, saufen, mampfen, stampfen durch delikatessen und dekandenzen. schlimm muss es ja mit ihnen enden. wenn man ihnen eine zweite chance gäbe, würden sie sich sicher reuig zeigen…
ein wunderschöner film, bunt und anarchisch, voll von erotischem witz und verweigerung des male gaze. zu viel schönheit und anarchie für die kommunisten: nach dem prager frühling wurde der film verboten. auf der bluray von Bildstörung gibt es noch extras, die die entstehungsgeschichte und den kulturellen kontext beleuchten. ein echtes überraschungsbonbon für mich.

bridesmaids & the heat

paul feig, USA 2011/2013
mein mann, mit und dank dem ich die beiden filme sah, hat die hoffnung geäußert, ich möge etwas dazu schreiben, wie ich geplant hatte. das ist tatsächlich leichter gesagt als getan. denn es geht dabei für mich nicht darum, die filme als unterhaltungswerke an sich zu besprechen, sondern um nichts weniger als ihre bedeutung für mich als feministin.
ich will eine erläuterung voranstellen. ich führe des öfteren diskussionen um frauen- und männerrollen in filmen. ein punkt der uneinigkeit dabei ist, was diese bedeuten für das publikum bzw. die kultur, in der der film entstanden ist und in die er wiederum als unterhaltungswerk verkauft wird. ein argument der gegenseite ist, dass hinter dem teils klar erkennbaren, teils subtileren sexismus keine „agenda“ steht; dass keine politik in dem sinne mit filmen betrieben wird. (eine gelegenheit, mich als gute zuhörerin zu prüfen: ich gebe hier mein verständnis der äußerungen anderer wider.) dass also eine diskriminierung und unterdrückung der (komplexen, realistischen) frau im film nicht mit absicht geschieht und mit dem plan, frauen in allen bereichen des lebens auszunutzen und profite aus ihrer „unterwerfung“ zu ziehen; dass sexismus mithin nicht „systematisch“ sei (im gegensatz zb. zum US-amerikanischen rassismus, dessen ausformungen heute folgen sind einer systematischen wirtschaftlichen ausnutzung menschlicher ressourcen).
ich kann dem nicht zustimmen. um das oben gesattelte pferd von hinten aufzuzäumen: 1) der vergleich des sexismus mit dem rassismus mag insoweit unpassend sein, dass es nicht diesen einen punkt in der nachvollziehbaren geschichte gab, an dem frauen aufgrund ihres frau-seins in massen eingefangen, verschleppt und „verwertet“ wurden wie die vorfahren der heute noch diskriminierten afro-amerikaner der USA. in meinem kulturkreis der westeuropäischen welt gab es jedoch auch einmal zeiten – wie man dank archäologischer funde immer wieder voller erstaunen feststellt – zu denen die engen geschlechterrollen noch nicht so galten wie heute. und es gibt eine relativ klare zeitliche begrenzung, wann es mit der gleichstellung der frau ein ende nahm: nämlich mit dem einzug der christlichen religion (und das sage ich nicht nur als atheistin). ich bin keine historikerin und keine religionsgelehrte, aber mein gefährliches halbwissen reicht soweit: die kirche schränkte den zugang auf bildung ein, verfolgte unter anderem aus wirtschaftlichen und politischen interessen gebildete und/oder reiche frauen, inkorporierte weibliche gottesbilder in form der madonnenverehrung und machte alles in allem „die frau dem manne untertan“. dies alles geschah „nur“ mit der geschwindigkeit, mit der immer mehr völker und regenten sich zum christlichen glauben missionieren ließen, und „nur“ mit der systematik der kirchlichen mission, den eigenen glauben – dem jedoch die diskriminierung der frau immanent war – als einzigen wahren glauben zu verbreiten. eine systematische unterdrückung der frauen, vergleichbar der versklavung der afrikaner für die profite weißer amerikaner, ist heute nicht mehr ersichtlich, weil die diskriminierung der frau bzw. die fortschreibung der schädlichen geschlechtervorschriften für beide geschlechter inzwischen systemimmanent ist. und es lässt sich auch nicht leugnen, dass mit diesen jede menge geld gemacht wird, weshalb es auch durchaus im interesse vieler ist, dass diese rollenschablonen beibehalten und perpetuiert werden.
2) „es ist nur ein film“ ist das andere argument, und ich verstehe natürlich, was gemeint ist: die marvel-filme wollen vor allem ihr merchandise verkaufen und nicht per se sexismus unterstützen und frauen diskriminieren. ihr wirtschaftliches interesse liegt nicht in der diskriminierung der frau; ihre strategien sind „nur“ aufgrund des bestehenden sexismus der potentiellen konsumenten sexistisch. und die geschlechterrollen in filmen sind eben, wenn es nicht ausdrücklich zb. feministisch bewegte filme sind, eine abbildung dessen, was in ihrer ursprungskultur der fall ist, und nicht jede figur in jedem film kann, muss und soll eine politische umwälzung erwirken. soweit kann ich zustimmen; gleichzeitig sind aber filme eben nicht nur produkte ihrer kultur sondern auch bausteine derselben. bedeutet, aus filmen wird vom publikum auch das wieder entnommen, was sie zeigen, und wenn filme unter dieser prämisse eben eingrenzende, diskriminierende geschlechterrollen immer weiterschreiben, werden die in der kultur bestehenden beständig perpetuiert. dabei kostet es weder mehr zeit noch mehr geld, statt der restriktiven gendervorschriften menschen unterschiedlichen geschlechts mit unterschiedlichen charaktere statt der müden alten klischeeschablonen zu zeigen.
was mich zum eigentlichen anlass dieses postings bringt, nämlich den wundern der komödien von paul feig. bei beiden filmen – bridesmaids von 2011 und the heat von 2013 – handelt es sich um eigentlich gängige genres: eine komödie, im weitesten sinn vielleicht eine rom-com, am ehesten ähnelt der film aber den nasties à la old school oder verschiedenen adam-sandler-filmen; und eine polizei-komödie um zwei unterschiedliche charaktere, die sich für den kampf gegen das verbrechen zusammenraufen und ihre differenzen nicht nur überwinden, sondern sich auch gegenseitig bereichern. diese filme sind gleichzeitig so alltäglich wie revolutionär, denn sie konzentrieren sich in ihrer klaren genrezugehörigkeit auf frauen in rollen, die sonst männer vorbehalten sind. sie zeichnen ihre weiblichen hauptfiguren mit soviel komplexität wie möglich ist im rahmen ihres genres – welche jedoch schon eine komplexität ist, die sonst den weiblichen nebenrollen nicht vergönnt ist.
der effekt, den das auf mich als zuschauerin hat, ist nicht zu unterschätzen – und, mann möge es mir verzeihen, nicht zu erklären für jemanden, der zeit seines lebens seine eigene peer group weiß/männlich(cis)/hetero als die maßgebliche zielgruppe kennt, an die alle mediale kommunikation gerichtet ist. in diesen filmen muss ich mich bei der identifikation mit den hauptfiguren nicht in ein anderes gender hineindenken, muss mich selbst nicht maskieren, bleibe nicht als zuschauerin außen vor, sondern finde mich in einer lebenswelt, einem erfahrungshorizont wieder, in dem die identifikation mühelos und ohne umkehrung der vorzeichen funktioniert. was das für meine eigenwahrnehmung bedeutet, ist schwer zu erklären; frauen in filmen als handelnde personen mit authentischen, differenzierten persönlichkeiten zu sehen gibt mir als frau das gefühl einer erhöhten akzeptanz meiner selbst. die eingeschränkten rollenbilder in vielen filme bieten mir als reflektionsfläche ein entsprechend eingeschränktes bild, die themen, um die sich die auseinandersetzung mit diesen rollen dreht, sind leider meist noch immer: attraktivität, sexuelle verwertbarkeit, beziehungsverhalten. die frauen in bridesmaids und the heat mit ihren ausdifferenzierten charakteren, mit ihren vorzügen und makeln, bieten mir in der reflektion die möglichkeit, mich selbst als person – statt „nur“ als frau (und das auch nur im männlichen blick) – wahrzunehmen, mehr: zu akzeptieren. statt mich einzuschränken und jede individuelle abweichung vom traditionellen frauenideal als mangel meinerseits annehmen zu müssen, sind diese weiblichen hauptfiguren der schlüssel zu einer welt der möglichkeiten, wie eine frau, also auch ich, sein kann.
und dabei zähle ich als weiße, cis-hetero-frau noch nicht einmal zu den kleinsten randgruppen. was es bedeutet, handelnde figuren im fokus zu sehen, die merkmale seiner selbst spiegeln, kann man auch an den beispielen home und mad max: fury road sehen.
paul feigs filme zeigen, dass es möglich ist, filme zu machen, die die restriktiven geschlechterrollen aufbrechen, ohne dies zum eigentlichen inhalt und thema des films zu machen. dass es möglich ist, filme für ein breites publikum zu machen, die frauen zu den hauptakteuren machen; im ausgleich zu den vielen filmen, die für das massenpublikum gemacht werden, in denen wieder und wieder männer als hauptakteure eingesetzt werden. sie zeigen, dass männern nichts genommen wird, wenn frauen mehr raum gegeben wird, eher das gegenteil ist der fall; dass frauen nicht nur für frauen witzig sind; dass frauen vor allem menschen sind, die unterschiedliche geschichten, charakterzüge und handlungsmöglichkeiten haben. die feministische umwälzung in den medien ist möglich, ohne verluste. es ist noch ein langer weg, aber er liegt vor uns.
ich werde paul feigs ghostbusters mit sicherheit im kino sehen.

mad max: fury road

george miller, australien/usa 2015
seht diesen film. fragt nicht, geht einfach ins kino und seht ihn.
die gründe dafür können vielfältig sein. ist MM:FR der neue maßstab für actionfilme, visuell wie inhaltlich? ja. der film geht nach vorne ohne jemals zu bremsen, er flemmst euch die stoppeln vom sehnerv, bläst das kondenswasser aus den ventrikeln, brennt sein markenzeichen in die schaulust. er legt eine post-apokalyptische welt dar, die aus pop-kultur-wahnwitz und phallozentrischer technik-verehrung gebastelt wurde, lässt den erklärbär aber wunderbar gelassen im winterschlaf.
ist MM:FR auch die „feministische propaganda“, die in manchen finsteren winkeln des internets gewittert wurde? die meinungen gehen auseinander, ich aber sage laut und mit strahlendem lächeln: ja. wobei man heute eben ruhig von „feministischer propaganda“ sprechen darf, wenn männer und frauen schlicht mengenmäßig und in ihren handlungsmöglichkeiten gleichberechtigt eingesetzt werden. wenn der bechdeltest ohne die geringste schwäche bestanden wird. wenn ein actionfilm eine frau und einen mann als hauptpersonen einsetzt und diese beiden keine liebesbeziehung eingehen. wenn männer und frauen kooperieren, um ein system zu stürzen, das beide geschlechter in enge, erniedrigende und tödliche korsette zwängt.
mein neuer absoluter lieblingsfilm – er hat natürlich wieder tom hardy und er hat vor allem charlize theron. geht, seht, liebt.
The Mary Sue: MM:FR is a lovely orgasm for your eyes
We All Agree that Mad Max: Fury Road is Great. Here’s Why It’s Also Important.
7 ways ‘Mad Max: Fury Road’ sublimely subverts movie sexism
hey girl feminist mad max tumblr