Kategorie: gesehen

KW 6/2014: Jenette Goldstein, 4. Februar 1960

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Jenette Goldstein war die zweite durchsetzungs- und nervenstarke Frau, die die Alien-Reihe uns Filmzuschauern schenkte. Nach Weaver’s Ripley – einer ausgebildeten Astronautin und Führungspersönlichkeit – gab uns Jenette Goldstein die weibliche Soldatin, die unter den Attacken eines fremdartigen, unberechenbaren Gegners resilienter agierte als ihre männlichen Kollegen (großartige Gegenbesetzung: Bill Paxton, der unnachahmlich Großmäuligkeit mit Hosenschisserei vereinen kann). Sie ist das Latina Action Girl, das m.E. Michelle Rodriguez‚ Karriere möglich gemacht hat. More power to them. IMDb
Runner-up: Grande Dame Zsa Zsa Gabor

cat people

paul schrader, USA 1982
zunächst mal, um das offensichtliche aus dem weg zu räumen: die weibliche sexualität als unbezähmbare macht, als lebensbedrohliche gefahr für den partner – ein alter hut, aber immer wieder spannend und an sich für mich auch nicht verwerflich. immerhin räumt diese fantasie, diese neurose der frau macht ein.
der film mit seiner erotik und dem inszest-thema hätte für meinen geschmack aber gut dann zu ende sein können, als sich irena (nastassja kinski) mit dem zug in richtung norden aufmacht – auf die erfüllung ihrer liebe, aber auch ihres fluches verzichtend. ein tristes ende wäre das zwar, aber immerhin eins, das ihr ein restliches leben außerhalb ihrer sexuellen prädisposition gewährt hätte.
stattdessen gibt es ein deutliches übergewicht an kinski-brüsten im letzten drittel des films und eine entwicklung, die mir die haare zu berge stehen lässt. nicht nur darf die sexuell bedrohliche frau nicht leben, ohne ihrem „fluch“ anheim zu fallen – sie darf nicht mal, wie jeder anständige gestaltwandler im film, in würde sterben! jeder werwolf (mann) wird erschossen, um seinem leid ein ende zu setzen. auch im original – dem man aufgrund seiner entstehungszeit ja einiges nachsehen würde – darf die frau ein tragisches, aber integeres ende finden.
nein, irena wird in einer unangenehmen szene ans bett gefesselt und beschlafen, um sich dann als schwarzer panther im gehege im zoo wiederzufinden – wo oliver (john heard), der inzwischen mit der sympathischen, aber natürlich langweiligeren kollegin liiert ist, ihr zwischen frühstück und mittagspause ein paar brocken fleich hereinreicht, um sie mit sehnsüchtigen blicken zu liebkosen. dort wird sie jedenfalls keinen sex mehr haben.
mag sein, das ende ist weniger tragisch gemeint als der übliche „tod durch silberkugel“. mag sogar sein, der film soll genau dieses mein empfinden als das tragischste ende zeigen. mir erschien es leider, als solle dies das happiest ending unter den gegebenen voraussetzugnen sein, wozu ich nur sagen kann: nopenopenope. das ist die ulitmative domestizierung der frau, eine entzahnung der vagina dentata. einfach nur gruselig.

the lords of salem

rob zombie, USA 2012
the lords of salem ist der erste film von rob zombie, den ich richtig richtig mag. house of 1000 corpses und devil’s rejects haben mich hauptsächlich abgestoßen, halloween war zwar stark, wenn ich mich richtig erinnere, hatte aber wenig mit mir zu tun. ein bisschen abgestoßensein gab’s auch, glaube ich.
the lords of salem ist dagegen geradezu ein frauenfilm. möglicherweise als ergebnis der dritten welle des feminismus, die rollt und rollt, tauchen verstärkt filme auf, in denen die mächtige frau, die hexe, eine umkehrung ihrer geschichte erfährt – die mächtige frau noch immer als bedrohung, aber im wesentlichen mit einem gerechtfertigten rachefeldzug und am ende obsiegend statt zur rettung der welt in ihre grenzen gewiesen. ein ähnliches beispiel dazu wäre für mich das remake von the wickerman.
ursprünglich wollte ich schreiben, dass die hexen von salem in diesem lichte gar nicht als die bösen erscheinen, aber nach einem kurzen realitäts-check muss ich revidieren: mir geht einfach die angst vor einer weltordnung ab, in der alte und  pummelige nackte frauen die herrschaft innehaben. lucifer hin oder her – auch wenn die alten hexen bedrohlich und zerstörerisch daherkommen, finde ich ihre schamlose selbstsicherheit im makelbehafteten körper ansprechend.
noch mehr gilt das für die drei ausführenden hexen der gegenwart. es ist fast sexy zu nennen, wie diese drei die machtverhältnisse in der verbalen und non-verbalen kommunikation umdrehen (und ich muss rob zombie ein lob für seine beobachtungsgabe aussprechen). zwei szenen, an denen ich das besonders fest mache:
als francis matthias (bruce davison) bei den drei schwestern lacey (judy gesson), megan (patricia „magenta“ quinn) und sonny (dee wallace) sitzt und in seiner freundlich-naiven art noch gar nicht versteht, wem er gegenüber sitzt. da sagt lacy etwas zu ihm und er lacht – unsicher, höflich, im glauben, ein gleichberechtigtes gespräch zu führen. lacey bringt ihn schnell und eiskalt auf den boden der tatsachen: „why are you laughing? i’m not laughing!“ sie bestimmt das gespräch, sie dominiert ihn und seine äußerungen. mehr noch, sie wird ihn mit den nächsten sätzen in eine unangenehme unterlegenheit zwingen, die sein geschlecht zum anlass von abscheu und ablehnung macht.
später will whitey (jeff daniel phillips) heidi (sheri moon zombie) abholen, und die drei hexen sitzen auf der treppe, die zu ihrem appartement führt. die bedrohlichkeit dieser situation mit umgekehrten vorzeichen ist festgeschrieben in die wahrnehmung jeder frau: an drei männer auf der treppe vorbeizugehen – die nicht platz machen, die taxieren und kommentieren – wird jede frau als unangenehm und bedrohlich wahrnehmen. die dominanz dieser frauen ist so deutlich, so unausweichlich, dass whitey so verletzlich wirkt wie ein teenager-mädchen, das an den alpha-männern eines sozialen wohnungsbaus vorbeigehen muss.
diese beobachtung und der schleichende, atmosphärische grusel, der nicht zuletzt durch das set design und das licht generiert werden, machen den film zu einem neuen lieblingsfilm.

drive

worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schreiben.
zwischen februar 2012 und august 2013 habe ich refns Drive viermal gesehen. dass ich so lange für eine rezension brauchen würde und was ich darin würde schreiben müssen, habe ich bis zur dritten sichtung nicht geahnt. jetzt durfte ich bei Hard Sensations meine schriftliche trauerbewältigung veröffentlichen. nirgends täte ich es lieber.

KW 34/2013: Christine Chubbuck, 24. August 1944

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Während für Nachrichtenmedien – im Fernsehen besonders – gilt „bad news are good news“, sich also Tragödien, Dramen und spektakuläres Scheitern als Inhalte besonders gut verkaufen lassen, gehört zu der Faszination des Zuschauers auch ein gewisses Gefühl der Sicherheit; zumindest beim Betrachten von Kriegsbildern oder Verbrechensszenarien ist dem Zuschauer der TV-Nachrichten hierzulande seine physische Unversehrtheit gewiss. (Die beständige und geschürte Unsicherheit einer wirtschaftlichen Sicherheit will ich bei dieser These mal außen vor lassen.)

Das heißt: Nachrichten lassen sich betrachten wie Unterhaltungsmedien, mit dem Thrill, dass es sich um „wahre Begebenheiten“ handelt. Und selbst in den geschmacklosesten Fällen bleibt ein Unterschied zum snuff, zur ungekürzten und auf die niedersten emotionalen Reaktionen des Publikums abzielenden Darstellung real ausgeübter Gewalt. Man sieht Lebende, Verletzte und Tote – doch der Moment des Sterbens gehört (dankenswerterweise) in der westlichen Welt konsequent in die innerste Privatsphäre der Menschen.

Christine Chubbuck übertrat willentlich und überlegt diese Grenze. Ihre Gründe dafür sind zu suchen in einer unergründlichen Mischung aus Depression und Frustration mit der Medienwelt, in der sie arbeitete. Persönliche Schwierigkeiten, einen Partner zu finden – gar einen Vater für zukünftige Kinder, denn nach einer Eierstockoperation war ihr die zeitliche Dringlichkeit vor Augen geführt worden – sowie berufliche Stagnation führten in Kombination mit ihrer exponierten Tätigkeit als Talkshow-Moderatorin zu einem einzigartigen Moment amerikanischer Fernsehgeschichte, als Christine Chubbuck sich vor laufender Kamera in den Hinterkopf schoss.

Mit ihrer Tat überschritt sie nicht nur die Grenze vom Privaten ins die Öffentlichkeit. Die Methode ihres Freitodes ist auch ungewöhnlich für eine Frau, die statistisch gesehen eher zu „milden“ Mitteln wie Selbstvergiftung tendieren. Ein ausführlicher zeitgenössischer Artikel der Washington Post (vom 4. August 1974) gibt tiefere Einblicke in die möglichen Gründe für ihre Tat.

Zwei Jahre später gewann Sidney Lumets Network 4 Oscars, in welchem sich Peter Finchs Rolle angekündigt und live vor der Kamera das Leben nimmt. Die Aussagen damaliger Kollegen von Christine Chubbuck in einem 10-minütigen „Boulevard of Broken Dreams“-Beitrag lassen einen dann auch noch mal ganz ernsthaft an Will Ferrells grandiosen Anchorman denken.

antichrist

lars von trier, deutschland 2009
es ist schon interessant (und meiner meinung nach das merkmal eines wertvollen films), wie unterschiedlich die geschehnisse seiner handlung von unterschiedlichen zuschauern interpretiert werden. antichrist eine abrechnung von triers mit der (katholischen) religion? eine expression freudscher analysemethoden? es gibt schon einige verschiedene ansätze in den IMDb-Reviews.
ich bemühe mich während der sichtung egal welchen films zunächst mal, einfach nur aufzunehmen. schließlich kann alles, was ich im moment sehe, durch spätere noch nicht gesehene ereignisse umgekehrt, beeinflusst, verbessert werden. besonders mit analytischen deutungen halte ich mich gerne bis zum abspann zurück.
so saß ich nach Antichrist erstmal geplättet von sex&gewalt im sessel und musste überlegen, was ich da jetzt eben gesehen hatte. aber relativ schnell klackerten die murmeln an ihre plätze und war für mich glasklar: Antichrist ist ein film über das dilemma von mutter und frau in der menschlichen natur. sie veräußert zunächst ihren kampf und fürchtet die natur, aber tatsächlich ringt sie mit der unvereinbarkeit der mütterlichen fürsorge mit der mächtigen sexualität in der person, die sie vorher war und noch immer ist: eine frau, vollständig auch ohne kind. dabei jedoch erschüttert von der verlustangst, das kind wegen der sexualität und den mann wegen der mütterlichkeit zu verlieren. denn im kern braucht sie für jede ihrer zwei naturen eine bezugsperson.
so gesehen, konnte ich dem film im nachhinein einiges abgewinnen. wie immer, ist diese meine sichtweise hauptsächlich meinem eigenen empfinden und meiner eigenen biografie geschuldet. aber das schöne am film ist: er ist offen für diese interpretation und nicht mal lars von trier kann verhindern, dass ich seinen film so sehe.
übrigens: der titelgebende Antichrist ist auch nicht sie – von wegen der teufel im weibe und so. der Antichrist ist ihr sohn, nämlich von einer frau geboren, die ganz gar nicht unbefleckt ist. es geht nicht um den teufel als gegensatz zu jesus, sondern um die natürliche frau als gegensatz zu der idealen heiligen mutter, die keinerlei dilemma solcher art in sich spürt.

grown ups

dennis dugan, USA 2010
ein afro-amerikansicher hausmann, der von seiner frau und schwiegermutter das typisch verächtliche housewife treatment erhält.
ein esoteriker, der eine viel ältere frau liebt, auch und überschwänglich körperlich.
eine mutter, die ihren 4-jährigen sohn noch immer stillt.
geschlechter-rollen und -klischees werden in grown ups in szene gesetzt, und das un-normale thematisiert. werden witze darüber gemacht? ja. kann man diese witze auch geschmacklos finden? wahrscheinlich.
aber werden die abweichler lächerlich gemacht, gedemütigt und in der entwicklung des plot normativ auf linie gebracht? nein.
der hausmann bleibt hausmann, findet aber den respekt und die kommunikation mit seiner beruflich erfolgreichen frau – ohne soziale kastration bleiben die geschlechterrollen auf den kopf gestellt.
die beziehung mit dem ungewöhnlichen altersgefälle stellt sich als die heraus, an der sich die anderen ein beispiel nehmen können: nach dem motto „wenn einer weise ist, sind zwei glücklich“. die „alte“ frau darf nicht nur über ihren intellekt und ihre lebenserfahrung liebenswert sein, die tatsache, dass sie auch erotisch begehrt wird, bleibt ohne den ruch der perversion akzeptierte tatsache – eine der am sinnlichsten gelebten körperlichen beziehungen, die eher neid als ablehnung reizt.
ja, die stillende mutter muss am ende abschied von ihrem 48-monate alten stillkind nehmen. doch mit wenigen details pointiert und liebevoll betrachtet: dass der kleine beim umsteigen auf tütenmilch sagt: „aber ich weiß nicht ob mammi das möchte!“ und sie, die es akzeptiert, aber doch traurig bemerkt, dass sie nun gar nicht wüsste, was sie mit „diesen“ (ihren brüsten) anfangen solle. (allein, dass ihr nicht klar ist, dass ihr mann sich schon darum kümmern wird, ist eher unwahrscheinlich.) auch in den derben milch-spritz-gags ist kein fingerzeigen und lächerlich machen einer perversion. es ist eine mutter, die sich nur schwer davon trennt, gebraucht zu werden, etwas, was viele nachvollziehen können.
hinter den vielleicht auch mal kindischen, körperlichen gags, die man von adam sandler, kevin james, chris rock, david spade und rob schneider kennt und erwartet, steckt nichtsdestotrotz ein humanistischer geist, eine große toleranz für anders-artigkeit und sogar ein bisschen sendungsbewusstsein. man kann sagen: die witze, die hier gemacht werden, über emaskulierte hausmänner, über seniorenliebe und so weiter, sind haut gout. sie thematisieren ohne scheu und ausgesprochen das, was die meisten menschen dazu nur denken und sich noch dafür schämen mögen. sie machen aber nicht die menschen, sondern die praktischen aspekte und gesellschaftlichen erwartungen zur pointe.
der humor mag geschmackssache sein, die „message“ aber ist unzweifelhaft. bis hin zum unamerikanischen finale, in dem der ewige sieger nicht sympathie dafür erhält, dass er noch einmal mehr obsiegt und der verlierer die soziale schmach ertragen muss. stattdessen endlich einmal die erkenntnis: erfolg ist nicht, immer der sieger zu sein. erfolg ist, glücklich zu sein mit dem was man hat und anderen ihre erfolge zu gönnen.
mein mann mochte den film auch sehr und zerpflückt die zahlreichen negativen kritiken aus amerika in der luft.

WEG MIT
§218!