Kategorie: prosa geschrieben

Katze und Igel

Ich habe jetzt eine Weile mit mir gehadert, ob diese Selbstpromotion zulässig, angebracht und hilfreich ist, und bin im Zuge meiner Eindrücke von weiblichen Rollenvorbildern zu dem Schluss gekommen…
Quelle: Katze und Igel

Post Skriptum

Zwei Kinder wurden geboren, kurz nacheinander. Erst ein Junge, dann ein Mädchen.
Sie wurden gefüttert, gekleidet, gebildet, geprägt.
Sie lernten sich kennen und verliebten sich.
Zu Beginn fanden sie sich unbeschreiblich und waren entzückt von ihren Ähnlichkeiten, liebten das Eigene im Anderen und erkannten sich als ungetrübtes Spiegelbild. Sie waren das, was sie seit langem gesucht hatten.
Bald kamen sie sich näher und sahen sich deutlicher, fanden Unterschiede, die sie erfreuten. Sie ergänzten sich und fanden sich wunderbar.
Sie liebten sich und lebten zusammen, ließen sich ein auf die Andersartigkeiten, schlossen Kompromisse. Sie wollten das Gleiche.
Dann entwickelten sie sich weiter, brauchten Raum für die eigene Persönlichkeit und nahmen Veränderungen am anderen wahr. Sie waren enttäuscht und stritten sich.
Dabei machten sie sich Vorwürfe, verletzten sich und schwiegen. Sie wussten nicht mehr, was sie sagen sollten.
Später waren sie kalt und gefühllos, verhielten sich abweisend und fanden sich unerträglich. Sie waren sich fremd und hielten es nicht mehr miteinander aus.
Schließlich trennten sie sich und weinten, wollten Genugtuung oder wenigstens Erklärung, wollten sich nie wieder sehen und alles vergessen.
Irgendwann vergaben sie sich, fanden andere, die sie lieben konnten, gingen ihrer eigenen Wege und lebten ein besseres Leben ohne einander. Sie waren froh, dass es so gekommen war.
Sie schrieben sich Briefe, in denen sie in Worte zu fassen versuchten, was sie fühlten und dachten, was sie bewegte, was sie wünschten und tun wollten.
Liebesbriefe, am Anfang. Die Zeilen waren voller Begierde, Beschreibungen von Körpern und Akten der Hingabe, die Worte sollten die Sehnsucht, die Wollust beschreiben und die Ewigkeit beschwören.
Streitbriefe, Versöhnungsbriefe später, die erklären sollten, Standpunkte darlegen und Verständnis schaffen. Versuche, sich selbst zu bewahren, Suche nach Nähe und Gemeinsamkeit.
Am Ende Trennungsbriefe, in denen die Worte wie Waffen aufeinander gerichtet wurden, die Beweise führten für Fehlverhalten, Respektlosigkeiten und bewusste Verletzungen. Die Zeilen wehrten die eigene Schuld ab, wiesen sie zurück, dem anderen zu.
Sie lasen die Briefe – auch dann noch, als sie keine mehr schrieben – die alten wie die neuen, immer wieder.
Sie las in seinen Briefen. Las von dem Wunsch, bei ihr zu bleiben, und verstand, dass er davon sprach, nicht immer bei ihr zu sein. Die Worte vom Moment, der sich wie eine Ewigkeit anfühlt, sagten ihr, dass die Ewigkeit im nächsten Moment vorüber sein kann. Die Sehnsucht zu genießen hieß, seine Freiheit zu brauchen; seine Freiheit zu brauchen hieß, sich von ihr entfernen zu wollen.
Er las in ihren Briefen. Das Versprechen, ihn für immer zu lieben, erzählte ihm von dem Versuch, ihn für immer festzuhalten. Ihre gemeinsame Zukunft, die sie beschrieb, bedeutete ihm Erwartungen, die sie an ihn stellte. Seine Schwächen auch zu schätzen hieß, auf sein Lernen zu vertrauen; auf sein Lernen zu vertrauen hieß, ihn anders zu wollen als er war.
Beide starben, Jahre später.
Ihre Briefe endeten verstaut, verstaubt, vergessen. Das Papier, auf dem sie geschrieben waren, wurde gelb und brüchig, die Tinte blich aus.
Was die Worte nicht fassen konnten, verging.
Düsseldorf, 2005

eburnea fugit

Weil Pygmalion sah, wie diese Frauen ihr Leben verbrecherisch zubrachten, blieb er einsam und ehelos, abgestoßen von den Fehlern, mit denen die Natur das Frauenherz so freigebig beschenkt hat, und schon lange teilte kein Weib mehr sein Lager. Ovid
Ich kann mich nicht rühren. Ich sehe die Sonne untergehen, ich sehe Venus am Abendhimmel glitzern, und ich kann weder die Augen schließen noch mich vom blendenden Licht abwenden. Meine Füße ruhen schwer auf dem Marmor der Treppe, meine Hand ist untrennbar mit den Falten meines Kleides verbunden. Keines meiner Glieder empfängt auch nur einen Befehl meines Kopfes; nicht, daß ich mich gegen den Widerstand stemmen könnte, mein Körper ist jeglichen Lebens leer und ohne Anzeichen des tobenden Schrecken meines Geistes.
Vor meinen reglosen Augen versinkt die Sonne. Der Mond erscheint, auch er versinkt, und das Licht wird heller. Rasch kommt ein Tag und ein weiterer, die Zeit vergeht immer schneller, nur ich stehe im blitzenden Wechsel des Lichtes ohne Bewegung, ohne Zeit, ohne Bedeutung. Ich will schreien, ich schreie, ich weiß, daß ich schreie, auch wenn meine Lippen fest und unbewegt aufeinander liegen, auch wenn niemand es hören kann aus meinem Körper heraus, wenn es den Ablauf der Ewigkeit um mich herum nicht aufhält.
Dann wache ich auf, von meinem eigenen gepreßten Stöhnen und dem Aufbäumen meines Körpers gegen die bleierne Schwere des Traumes. Pygmalion neben mir seufzt und murmelt, während ich keuchend die dunkle Wirklichkeit um mich herum aufsauge. Das Klirren der Wasserkaraffe und die Entschlossenheit meiner wachen Bewegungen wecken meinen Mann schließlich ganz, und er greift nach mir, um mich an sich zu ziehen.
„Hattest Du wieder diesen Traum?“ Ich brauche nicht zu antworten, er weiß es. Im Trost seiner Umarmung verläßt mich die Angst und bereits im Halbschlaf höre ich seine Worte, die ich ebenso gut kenne wie den Traum, die mich in den folgenden, traumlosen Schlaf begleiten: „So lange ich Dich liebe, mußt Du Dich vor nichts fürchten.“
Am Tage verläßt mich die erschreckende Wirkung des Traumes, und nur Nachdenklichkeit bleibt. Ich stehe am Fenster, das über den Garten hinaus auf die Straße blickt, und schaue der Welt dort draußen zu. Seit ich denken kann, bin ich im Inneren und schaue hinaus, tagelang, wochenlang, monatelang. Hinten im Haus, auf der anderen Seite des Atriums, höre ich das klirrende Hämmern von Pygmalions Meißel auf den Steinen; in einer der Kammern fängt Paphos plärrend an zu weinen und wird von der Amme schnell zum Schweigen gebracht.
Dort draußen auf der Straße geschieht ein ganz anderes Leben. Männer und Frauen eilen vorbei, manche schlendern und bleiben stehen, um miteinander zu sprechen. Ich frage mich, worüber sie sprechen, und kann mir nichts vorstellen. Ich frage mich, woher sie kommen und wohin sie gehen, und komme mit meinen Gedanken nicht weiter als zum Ende der Straße, nicht weiter als mit meinen Blicken.
Zu Beginn war das Haus eine Welt, die ich erfahren mußte. Meine erste Berührung war mein Mann Pygmalion; nach der Weichheit seiner Haut und der Kraft seiner Hände waren die steinernen Wände des Hauses und die Blüten und Blätter des Orangenbaumes im Atrium überwältigende Offenbarungen. Jeder Stoff, auf den meine Finger trafen, war neu und betörend, jedes Gefühl, jedes Bild, jeder Duft und jeder Ton entzückten mich, und ich strich durch das Haus und den Hof, während Pygmalion mir bei meinen Erkundungen zusah.
Dann wurde mein Körper zu einer neuen Welt, die ich nicht betrat, sondern erlebte. In der nun erforschten Umgebung verwandelte sich mein Leib in eine Höhle, in deren Schutz ein Leben heranreifte. Wie mein Körper mir zuvor selbstverständlich erschienen war und die Außenwelt ein unfaßbares Geheimnis, so war er jetzt ein ständig sich verändernder Fremder, den ich in die tröstliche Vertrautheit des Heimes bettete. Zuletzt ließ ich die Schmerzen der Geburt mit gellender Fassunglosigkeit über mich hinbranden, entsetzt über die Wucht, mit der sich mein Leib gegen mich zu wenden schien, um dem Kind zur Freiheit zu verhelfen. Das Kind, die Tochter Paphos, war kein Teil von mir, ich war glücklich, meinen Körper wieder für mich zu haben und ihn nicht mehr mit einer anderen teilen zu müssen.
Seither stehe ich am Fenster und schaue hinaus. Es hat sich nichts mehr verändert; das Haus ist meine ganze Welt, und niemand lebt darin außer meinem Mann, meinem Kind und der Amme. Die schaut mich mit großen Augen an und findet mich wohl seltsam. Wie sollte sie auch wissen, daß ich ebensowenig von der Welt weiß wie das Kind.
Pygmalion schweigt dazu. Er läßt mich am Fenster stehen und ebenfalls schweigen. Er steht den ganzen Tag in seiner Werkstatt und kommt erst abends zu mir. Manchmal verläßt er das Haus, dann sehe ich ihn auf der Straße laufen und mit anderen Menschen sprechen; in den Nächten danach träume ich meinen Traum.
Ich habe ihn einmal gebeten, ihn begleiten zu dürfen; er hat mich lange angesehen und gesagt, es gäbe nichts in der Welt, was mir fehlen könnte. Danach hat er mich nicht wieder davon sprechen lassen, sondern sich nur abgewandt und die Lippen zusammengekniffen.
Wenn ich an meinem Fenster stehe mit meiner Welt im Rücken und über meinen Traum nachdenke, befällt mich dort eine fast ebenso beängstigende Schwere. Ich trete von einem Fuß auf den anderen und reibe meine Arme, aber mein Herz sinkt in meiner Brust herab und meine Gedanken rennen gegen die Grenzen meines Geistes an. Daß die Menschen dort unten auf der Straße vorbeigehen, ohne mich zu bemerken, ohne überhaupt zu wissen, daß ich bin, erdrückt mich so sehr wie das steinerne Gewand, das in meinem Traum an mir hängt.
Doch jetzt ist etwas geschehen, etwas von der Welt außerhalb ist in meine Welt hereingekommen und hat mir etwas meines Gewichtes genommen. Ich sah, wie Pygmalion auf der Straße mit jemandem sprach, und der Mann sah zu mir hoch. Er sah mich an, und sein Blick schien zu mir zu dringen wie das Sonnenlicht durch ein Loch in einem der Fensterverschläge. Er sah mich an, hob seine Hand und nickte mir zu, und vor Erstaunen trat ich ein Schritt zurück und blinzelte – der Fensterverschlag war aufgestoßen und die Welt dort draußen zu mir hineingelassen worden. Der Mann hatte mich wahrgenommen, und die Grenzen zwischen seiner und meiner Welt waren für diesen Augenblick nicht mehr undurchlässig. Ich bin nicht nur in dieser Welt, ich bin auch für die Welt dort draußen.
Weil ich weiß, daß Pygmalion nichts davon hören will, und weil ich seine Liebe nicht verlieren darf, warte ich, bis er das Haus verläßt. Wenn ich sehe, daß er hinter der Biegung der Straße verschwindet, stehle ich mich zur Tür hinaus. Zunächst trete ich nur einen Schritt vor die Tür, und schon dieser Schritt aus dem Haus, aus meiner Welt heraus erleichtert mich. Als gäbe es hier mehr Luft, als sei mein Gewand leichter und mein Körper schlanker, steige ich die Stufen hinab zur Pforte. Nicht weiter wage ich mich, als könnte mich die Welt in meiner Leichtigkeit hinwegreißen und versinken lassen. Ich bleibe an der Pforte unter dem Schatten der Sträucher stehen, und betrachte das Leben nun von Nahem. Ich bin noch immer nicht wirklich in der Welt, aber ich spüre sie, ich fühle ihre Bewegung über meine Haut wehen. Meine Sinne erwachen wieder, ich rieche die Blüten, die ich zuvor nur gesehen habe, und höre die Gespräche, deren Inhalt ich mir nicht vorstellen konnte. Ich verstehe die Menschen nicht, ich kenne die Dinge nicht, über die sie sprechen, aber ich sauge ihre Worte auf, ich atme sie ein und merke, wie sie in mir aufgehen und ihr Stück Welt in mir verwurzeln.
Schließlich fühle ich mich satt, prall gefüllt mit Welt, und kehre zurück ins Haus, an meinen Platz am Fenster. Pygmalion kommt zurück und bemerkt nichts; ich weiß, daß ich nun für die nächste Zeit genug habe und mit Geduld darauf warten kann, daß er das Haus wieder verläßt.
Dieses Mal wage ich einen Schritt hinaus auf die Straße, die geöffnete Pforte im Rücken, zum Rückzug bereit. Ich erkenne, daß das Leben hier nicht so unbändig strömt, daß ich darin untergehen könnte, und gehe ein paar Schritte weiter. Dort steht eine Bank, ihr Rücken lehnt sich an die Mauer unseres Gartens. In der Nähe meiner sicheren Welt lasse ich mich nieder und trinke weiter das Leben, lasse mehr von der Welt in mich sinken.
Das Ende der Straße, jetzt ein wenig näher, ist noch immer das Ende meiner Vorstellung, aber es ist keine unüberschreitbare Grenze mehr. Ich spüre einen Sog von dort, ich kenne das Ziehen, das noch immer nicht befriedigt ist. Ich schaue dort hinüber und denke, das nächste Mal ist es diese Grenze, die ich überwinde.
Ich sehe zum ersten Mal das Meer! Jeder Schritt weiter hinaus, jedes Überschreiten der nächsten Grenze hat mich eine neue sehen lassen. Die einzelnen Tage, an denen Pygmalion das Haus verließ, in den Wochen, an denen ich wieder am Fenster stand – meine steinerne Geduld hat mich leicht über diese lange Zeit hinweggetragen. Und jetzt, nach immer mehr Schritten, bin ich an die Küste gelangt, der weite gerade Horizont bedeutet das Ende meiner Eroberung. Hier stehe ich nun, wie im Haus am Fenster, und spüre noch immer den Sog, der von der Tiefe des Blau an mir rührt.
Aber deutlicher als die Schwere des Traumes, die wie ein Anker an mir hängt, ist eine beflügelte Leichtigkeit, die in die unerreichbare Ferne strebt. Mein Geist flieht über diese Grenze, er rennt, er fliegt; die Brise, die über die Wellen geht, trägt mich aus der Welt, die ich kenne, in andere, die sein könnten.
Wie lange ich hier stehe, weiß ich nicht; die sinkende Sonne blendet mich und das Glitzern der Venus holt mich zurück in meinen Körper. Schnell drehe ich mich um und eile zurück zum Haus; meine Füße versuchen, mein rasendes Herz einzuholen. Wenn ich nach Pygmalion im Haus eintreffe, werden dies meine letzten Bewegungen sein, wenn er erfährt, was hinter seinem Rücken geschehen ist, wird seine Liebe mich verlassen und jede Regung meines Körpers mit sich nehmen.
Im Atrium steht Pygmalion, den Rücken zu mir gewandt, den Kopf gesenkt. Auf mein Keuchen hin dreht er sich um, der Blick, der mich aus seinem wutverzerrten Gesicht trifft, bannt mich und läßt mich schwer werden. So wird es geschehen wie in meinem Traum, hier und jetzt werde ich erstarren und diesen kleinen Fleck auf dem Marmor, den meine Füße einnehmen, nicht mehr verlassen. Noch pocht das Blut in meinen Ohren, das Rauschen übertönt die Rede, die Pygmalion mir in eiskalter Wut entgegenstößt.
„So dankst Du es mir also, daß ich Dich zu dem gemacht habe, was Du bist! Ich schuf Dich, und nur weil ich Dich liebte, wurdest Du Mensch, und nun bist Du wie jede Frau: trügerisch, untreu, flatterhaft und unzufrieden. Dich habe ich geliebt, weil ich glaubte, etwas Besseres erschaffen zu können – ich hielt Dein Leben immer für meinen Lohn. Ein schöner Lohn! Meine Anmaßung ist jetzt bestraft worden, mit Enttäuschung werde ich gestraft… aber Du wirst auch Deine Strafe erhalten.“
Er ist auf mich zu gekommen bei diesen Worten, sein Gesicht ist ganz nah an meinem, ich fühle – ich fühle noch immer! – seinen Atem über meine Wangen gehen, und es ist noch immer ein Zittern, eine Regung in meinem Körper, während sich seine Worte schwer auf mir niederlassen.
„Du wirst auch Deine Strafe erhalten. Du bist nichts ohne mich, ohne meine Liebe! Ich schuf Dich als etwas, das besser hätte sein können als jedes menschliche Wesen. Du hast Dich entschieden, so schlecht wie die Menschen zu sein, und hast Dich damit verdammt.“
Noch bin ich nicht erstarrt; so lange es mir noch möglich ist, jetzt, wo sicher ist, daß ich seine Liebe und damit mein Leben verloren habe, will ich ihm sagen, was ich fühle, so lange noch Gefühl und Stimme in mir ist, muß ich diese laut aus mir dringen lassen.
„Jeder Schritt aus Deiner kleinen Welt heraus ist mir eine Ewigkeit in Stein wert. Weniger lebendig, als ich es in Deinem Haus war, kann ich nicht werden.“
Es scheint, als beginne meine Versteinerung, denn ich fühle mich kalt und hart. Ich begegne seinem Blick, doch seine Augen dringen nicht wie Meißel auf mich ein, sondern weichen mir aus wie Wasser. Das ist für diesen Moment meine Kraft: daß ich Stein war und Stein sein werde, und sein Geist und sein Fleisch weich sind und schwächer als ich. Er senkt den Kopf und geht an mir vorüber ins Haus.
Es bleibt mir nichts weiter zu tun als zu warten, dem Pochen meines Blutes und dem Hauch meines Atems nachzuhorchen, und zu warten.
Schon lange stehen andere Sterne am Himmel als nur die drohende Venus, und noch immer geht mein Atem. Ich stehe nicht mehr auf den Stufen, ich habe mich auf der Bank unter dem Orangenbaum niedergelassen. Ich bin ruhiger geworden, es geschieht nichts mit mir, und mit jedem Moment, der vergeht, glaube ich weniger daran, daß mir etwas geschehen wird. Wie sollte dieses Leben, daß ich mir selbst erobert habe, mir jemals wieder genommen werden? Ich atme den süßen Duft der Orangen, ich fühle die raue Rinde des Baumes, und sinke in Schlaf.
Aus dem traumlosen Schlaf weckt mich die Wärme der Sonne, das Zwitschern der Vögel, das Weinen eines Kindes. Ich hebe den Kopf, ich recke meine Arme und Beine. Ich bin noch immer nicht zu Stein geworden. Pygmalion sitzt auf den Stufen, in sich zusammengesunken, und ich weiß bei seinem Anblick, daß es niemals geschehen wird, daß der Traum sich nie erfüllen und auch niemals zurückkehren wird. Mit festen Schritten und der Kraft, die nicht aus Stein ist, gehe ich auf ihn zu.
„Du hast keine Bedeutung. Du gabst mir nichts als meine äußere Form, mein Leben erhielt ich nicht durch Dich. Seit dem Augenblick, als mein Herz aus Fleisch zu schlagen begann, bin ich nicht mehr Deine Schöpfung.“
Ich lasse ihn zurück und gehe aus dem Haus, die Stufen hinab zur Straße, in eine Welt, die jetzt keine Grenzen mehr für mich hat.

traum

in der zeit in amsterdam hatte ich wirklich diesen traum, wobei ich die männliche figur war – ein ziemlich offenbarendes bekenntnis, nehme ich an.
da war eine vage erinnerung an tage. an licht, schemen von bäumen, sonnenstrahlen, die durch blätter fielen. wenn er schlief, war sie da und quälte ihn mit ihrer unfassbarkeit, ihrer schlüpfrigkeit, mit der sie sich ihm immer wieder entzog. nach dem erwachen, wenn nur das rauschen der bäume, blaue schatten und der mond wirklich waren, ging ihm seine vergangenheit verloren; alles vor dem schlaf ging ihm verloren.
er trat ins freie und nahm witterung auf. er nahm andere wesen wahr als entfernte flecken von wärme, als sachtes herzklopfen, das sich von ihm wegbewegte. kein zögern hielt seinen rauschenden flug auf, als er sich auf den leisesten windstoß schwang und alle strömungen nutzte; er war wie seide auf dem wind. er bewegte sich natürlich in seinem flug und doch schien es ihm, als widerspräche alles seinem dasein, als müsse sich alles um ihn weigern, seine existenz anzuerkennen.
er fand kein leben. keiner der ehemals seinesgleichen wagte es noch, sich nachts außerhalb des scheins der fackeln zu bewegen, die seine augen blendeten. so starrte er hinüber zu den siedlungen, denen er sich nicht nähern konnte. sie hüllten sich in ihren steinernen schutz, und es blieb ihm nichts, als in seinem verzweifelten und wütenden hass im wind bis über die höchsten wipfel zu steigen. dort stieß er seinen schrillen, steindurchdringenden schrei aus, den die, die seine opfer zu sein sich weigerten, nicht hören, aber in ihren knochen und köpfen spüren konnten.
dann stieg der volle mond über den wald, sein licht schlug ihm ins gesicht. nur ein abbild der sonne, ein widerschein, brachte er ihn näher an vergangenes als die bilder seiner träume. der mond leuchtete ihm den weg, den er nicht bewußt suchte, der ihm jedoch vertraut war, als sei er ihn oft gegangen.
er führte ihn tief in den wald, an eine lichtung, bei deren anblick er zurückfuhr. es war ihm, als sähe er sie im licht der sonne; die bilder seiner träume waren hier deutlicher als jemals während des schlafes.
der see lag dort im blassen mondlicht, grünglitzernd und still. das schilf am ufer, die kleine insel, alles kam ihm vertraut vor, und strahlend hell. das licht, das in seiner erinnerung auf diese lichtung, diesen see fiel, das licht der sonne, hatte ihm hier keinen schaden zugefügt. es hatte eine zeit gegeben, in der er sich in diesem licht hatte bewegen können, in der er sich nicht davor zurückziehen mußte.
taub und schwer von wehmut ließ er sich in der biegung des ufers nieder. er erwartete etwas, er hatte hier auf etwas gewartet. wie seine träume entglitt ihm, was es war, das ihn an diesen see geführt hatte. was er in dieser nacht und in den tagen, die vor dem schlaf gewesen waren, hier gesucht hatte.
den blick leer, versuchte er, die schemen der erinnerung einzufangen, zu greifen wie steine tief unter wasser. aber die bilder blieben verschwommen, vage, und entschlüpften seinem zu langsamen griff. in dieser stillen, inneren jagd starrte er zum see hin, als könnte er dort unter der oberfläche finden, was ihm in seinem geist verborgen blieb.
tatsächlich schienen im grünen wasser formen zu glitzern wie von etwas lebendigem; das licht des mondes brach sich in den sanften wellen und glitt in der tiefe über körperhaftes. sein blick wurde von bewegungen geleitet, noch suchte er in seinem inneren, während seine augen bereits eine kontur erfassten und verfolgten. rund, fest und schillernd wie die rücken von großen fischen war da etwas, was geschmeidig durch das grüne schimmern über den boden huschte. sein bewußtsein glitt zurück ins jetzt, die erkenntnis und erwartung schoß durch seinen körper und spannte seine muskeln. als sei er auf der jagd, richteten sich seine sinne scharf auf dieses lebendige aus. seine augen ließen nicht von der bewegung, die schneller wurde, wie auf der flucht vor seinen blicken hierhin und dorthin ausbrach, kreiste, abtauchte, um schließlich nach oben und durch die wasseroberfläche zu stoßen. zwei grüne augen begegneten seinem blick, der mit silbrigen schuppen bedeckte körper spiegelte das mondlicht wider. mit dem rauschen und plätschern ihres auftauchens brandete die gesuchte erinnerung über ihn hinweg und überflutete ihn mit bildern und wissen. hierher war er gekommen, um sie zu sehen, und hier war er gefunden worden von etwas, das ihm das leben raubte. hier war er in den schlaf gefallen, der alles ausgelöscht hatte, hier hatte er sein leben des tags verloren.
die sehnsucht und das verlangen, die ihm genommen worden waren, kehrten mit macht zurück, die leere, die der schlaf in ihm zurückgelassen hatte, füllte sich mit empfindung. er fühlte den wunsch sie zu fassen, zu besitzen; jetzt war dieser wunsch nicht mehr nur zärtlich. das wesen, das ihm nach dem schlaf gegeben worden war, fügte diesem wunsch die erregung der jagd und den hunger nach leben zu, nicht mehr nur fassen und besitzen, mehr noch, ergreifen und einverleiben wollte er sich ihren glitzernden zauber, ihre perlende geschmeidigkeit.
sie blickten sich an und während seine sinne überwältigt wurden von lust und gier, sah er in ihren augen seine eigene erkenntnis. mit ihrem blick sprach sie zu ihm, als hieße sie ihn willkommen – als habe sie auf ihn gewartet. ihr blick durchdrang seine neue gestalt und fand ihn, den sie gekannt hatte vor dem schlaf, den sie an die nacht verloren hatte. er sah auch, daß sie wußte, wie verändert er war, daß sie begriff und verzieh.
einen augenblick lang versanken sie in diesem blick, dann löste sich seine zitternde anspannung, sein hunger trieb ihn voran auf sie zu, schneller als sein wille war seine nächtliche natur; mit einem satz war er im wind und über dem see. sie selbst katapultierte sich voller kraft hinaus aus dem wasser, sie warf sich ihm entgegen und empfing ihn im sprung. ihre körper trafen sich hoch über dem wasser. kurz hielt er sie dort, sah das mondlicht in ihren grünen, nass schimmernden augen, umfasste ihren leib wie ein schatten. ihre frische, kühle witterung versprach ihm frieden, sättigung. als er seine zähne in ihren hals schlug, schlang sie ihre arme um ihn wie um einen rettenden ast.
gemeinsam stürzten sie zurück in den see, sanken im wasser, wühlten es auf mit ihrem aufprall und dem gemeinsamen kampf. ihr leben sprudelte willig in ihn hinein, es schmeckte nach tau und algen und war so anders als das heiße leben der ehemals seinesgleichen, so viel erfrischender. während er von ihr trank, versuchte er sich von ihr zu lösen, aber sie hielt ihn fest, packte seinen kopf mit ihren händen und stieß seine zähne tiefer in ihre silberne haut. verschwommen wie in einem traum nahm er traurigkeit war, schmerzhafte empfindungen seiner früheren gestalt, verlust seiner selbst und ihrer existenz. sie gab sich ihm hin und mit sich ihre eigene sehnsucht und verzweiflung.
das wasser trieb sie vom glitschigen, schlammigen boden des sees wieder hinauf an die glucksende oberfläche. in einem moment klammerte sie sich noch an ihn, hielt ihn über wasser und an sich gepresst, im nächsten erschlaffte sie, ihre lebenskraft floß schwächer, ihr körper hing willenlos in seiner gierigen, verlangenden umarmung. schließlich lief ihr letzter tropfen seine lefze hinab. ihre hingabe hatte ihn belebt und gleichzeitig lebensmüder gemacht, als er sich jemals zuvor in den nächten der jagd gefühlt hatte; jetzt, da sie ihm alles gegeben hatte, wonach er auf der suche gewesen war, verließ auch ihn jeder wille. er ließ sich von den schwappenden wellen umhertreiben, hielt nur sie weiterhin fest, während das wasser ihn langsam zum ufer trug und ihn der nassen erde übergab.
so blieb er neben ihrem zerfließenden, sich auflösenden körper im schilf, bis die dämmerung über die baumwipfel schlich und schließlich die ersten sonnenstrahlen seine blasse haut ergriffen. er verglühte schweigend, wurde heiße asche inmitten der kühle des taus, den körper halb im seichten wasser des sees.