traum

in der zeit in amsterdam hatte ich wirklich diesen traum, wobei ich die männliche figur war – ein ziemlich offenbarendes bekenntnis, nehme ich an.
da war eine vage erinnerung an tage. an licht, schemen von bäumen, sonnenstrahlen, die durch blätter fielen. wenn er schlief, war sie da und quälte ihn mit ihrer unfassbarkeit, ihrer schlüpfrigkeit, mit der sie sich ihm immer wieder entzog. nach dem erwachen, wenn nur das rauschen der bäume, blaue schatten und der mond wirklich waren, ging ihm seine vergangenheit verloren; alles vor dem schlaf ging ihm verloren.
er trat ins freie und nahm witterung auf. er nahm andere wesen wahr als entfernte flecken von wärme, als sachtes herzklopfen, das sich von ihm wegbewegte. kein zögern hielt seinen rauschenden flug auf, als er sich auf den leisesten windstoß schwang und alle strömungen nutzte; er war wie seide auf dem wind. er bewegte sich natürlich in seinem flug und doch schien es ihm, als widerspräche alles seinem dasein, als müsse sich alles um ihn weigern, seine existenz anzuerkennen.
er fand kein leben. keiner der ehemals seinesgleichen wagte es noch, sich nachts außerhalb des scheins der fackeln zu bewegen, die seine augen blendeten. so starrte er hinüber zu den siedlungen, denen er sich nicht nähern konnte. sie hüllten sich in ihren steinernen schutz, und es blieb ihm nichts, als in seinem verzweifelten und wütenden hass im wind bis über die höchsten wipfel zu steigen. dort stieß er seinen schrillen, steindurchdringenden schrei aus, den die, die seine opfer zu sein sich weigerten, nicht hören, aber in ihren knochen und köpfen spüren konnten.
dann stieg der volle mond über den wald, sein licht schlug ihm ins gesicht. nur ein abbild der sonne, ein widerschein, brachte er ihn näher an vergangenes als die bilder seiner träume. der mond leuchtete ihm den weg, den er nicht bewußt suchte, der ihm jedoch vertraut war, als sei er ihn oft gegangen.
er führte ihn tief in den wald, an eine lichtung, bei deren anblick er zurückfuhr. es war ihm, als sähe er sie im licht der sonne; die bilder seiner träume waren hier deutlicher als jemals während des schlafes.
der see lag dort im blassen mondlicht, grünglitzernd und still. das schilf am ufer, die kleine insel, alles kam ihm vertraut vor, und strahlend hell. das licht, das in seiner erinnerung auf diese lichtung, diesen see fiel, das licht der sonne, hatte ihm hier keinen schaden zugefügt. es hatte eine zeit gegeben, in der er sich in diesem licht hatte bewegen können, in der er sich nicht davor zurückziehen mußte.
taub und schwer von wehmut ließ er sich in der biegung des ufers nieder. er erwartete etwas, er hatte hier auf etwas gewartet. wie seine träume entglitt ihm, was es war, das ihn an diesen see geführt hatte. was er in dieser nacht und in den tagen, die vor dem schlaf gewesen waren, hier gesucht hatte.
den blick leer, versuchte er, die schemen der erinnerung einzufangen, zu greifen wie steine tief unter wasser. aber die bilder blieben verschwommen, vage, und entschlüpften seinem zu langsamen griff. in dieser stillen, inneren jagd starrte er zum see hin, als könnte er dort unter der oberfläche finden, was ihm in seinem geist verborgen blieb.
tatsächlich schienen im grünen wasser formen zu glitzern wie von etwas lebendigem; das licht des mondes brach sich in den sanften wellen und glitt in der tiefe über körperhaftes. sein blick wurde von bewegungen geleitet, noch suchte er in seinem inneren, während seine augen bereits eine kontur erfassten und verfolgten. rund, fest und schillernd wie die rücken von großen fischen war da etwas, was geschmeidig durch das grüne schimmern über den boden huschte. sein bewußtsein glitt zurück ins jetzt, die erkenntnis und erwartung schoß durch seinen körper und spannte seine muskeln. als sei er auf der jagd, richteten sich seine sinne scharf auf dieses lebendige aus. seine augen ließen nicht von der bewegung, die schneller wurde, wie auf der flucht vor seinen blicken hierhin und dorthin ausbrach, kreiste, abtauchte, um schließlich nach oben und durch die wasseroberfläche zu stoßen. zwei grüne augen begegneten seinem blick, der mit silbrigen schuppen bedeckte körper spiegelte das mondlicht wider. mit dem rauschen und plätschern ihres auftauchens brandete die gesuchte erinnerung über ihn hinweg und überflutete ihn mit bildern und wissen. hierher war er gekommen, um sie zu sehen, und hier war er gefunden worden von etwas, das ihm das leben raubte. hier war er in den schlaf gefallen, der alles ausgelöscht hatte, hier hatte er sein leben des tags verloren.
die sehnsucht und das verlangen, die ihm genommen worden waren, kehrten mit macht zurück, die leere, die der schlaf in ihm zurückgelassen hatte, füllte sich mit empfindung. er fühlte den wunsch sie zu fassen, zu besitzen; jetzt war dieser wunsch nicht mehr nur zärtlich. das wesen, das ihm nach dem schlaf gegeben worden war, fügte diesem wunsch die erregung der jagd und den hunger nach leben zu, nicht mehr nur fassen und besitzen, mehr noch, ergreifen und einverleiben wollte er sich ihren glitzernden zauber, ihre perlende geschmeidigkeit.
sie blickten sich an und während seine sinne überwältigt wurden von lust und gier, sah er in ihren augen seine eigene erkenntnis. mit ihrem blick sprach sie zu ihm, als hieße sie ihn willkommen – als habe sie auf ihn gewartet. ihr blick durchdrang seine neue gestalt und fand ihn, den sie gekannt hatte vor dem schlaf, den sie an die nacht verloren hatte. er sah auch, daß sie wußte, wie verändert er war, daß sie begriff und verzieh.
einen augenblick lang versanken sie in diesem blick, dann löste sich seine zitternde anspannung, sein hunger trieb ihn voran auf sie zu, schneller als sein wille war seine nächtliche natur; mit einem satz war er im wind und über dem see. sie selbst katapultierte sich voller kraft hinaus aus dem wasser, sie warf sich ihm entgegen und empfing ihn im sprung. ihre körper trafen sich hoch über dem wasser. kurz hielt er sie dort, sah das mondlicht in ihren grünen, nass schimmernden augen, umfasste ihren leib wie ein schatten. ihre frische, kühle witterung versprach ihm frieden, sättigung. als er seine zähne in ihren hals schlug, schlang sie ihre arme um ihn wie um einen rettenden ast.
gemeinsam stürzten sie zurück in den see, sanken im wasser, wühlten es auf mit ihrem aufprall und dem gemeinsamen kampf. ihr leben sprudelte willig in ihn hinein, es schmeckte nach tau und algen und war so anders als das heiße leben der ehemals seinesgleichen, so viel erfrischender. während er von ihr trank, versuchte er sich von ihr zu lösen, aber sie hielt ihn fest, packte seinen kopf mit ihren händen und stieß seine zähne tiefer in ihre silberne haut. verschwommen wie in einem traum nahm er traurigkeit war, schmerzhafte empfindungen seiner früheren gestalt, verlust seiner selbst und ihrer existenz. sie gab sich ihm hin und mit sich ihre eigene sehnsucht und verzweiflung.
das wasser trieb sie vom glitschigen, schlammigen boden des sees wieder hinauf an die glucksende oberfläche. in einem moment klammerte sie sich noch an ihn, hielt ihn über wasser und an sich gepresst, im nächsten erschlaffte sie, ihre lebenskraft floß schwächer, ihr körper hing willenlos in seiner gierigen, verlangenden umarmung. schließlich lief ihr letzter tropfen seine lefze hinab. ihre hingabe hatte ihn belebt und gleichzeitig lebensmüder gemacht, als er sich jemals zuvor in den nächten der jagd gefühlt hatte; jetzt, da sie ihm alles gegeben hatte, wonach er auf der suche gewesen war, verließ auch ihn jeder wille. er ließ sich von den schwappenden wellen umhertreiben, hielt nur sie weiterhin fest, während das wasser ihn langsam zum ufer trug und ihn der nassen erde übergab.
so blieb er neben ihrem zerfließenden, sich auflösenden körper im schilf, bis die dämmerung über die baumwipfel schlich und schließlich die ersten sonnenstrahlen seine blasse haut ergriffen. er verglühte schweigend, wurde heiße asche inmitten der kühle des taus, den körper halb im seichten wasser des sees.

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§218!