Kategorie: Täterin

KW 2/2013: Maria Mandl, 10. Januar 1912

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Und hinein ins neue Jahr mit neuem Themengebiet mit einer Frau, vor der ich letztes Jahr zurückgeschreckt bin. Nicht, weil ich nicht über sie schreiben wollen würde: weil ich nicht weiß, wie man über so jemanden schreiben kann, ohne zugleich zu banalisieren und effekthascherisch zu wirken oder gar zu sein.

Aber als Grenzgängerin zählt sie: Sie überschritt moralische und ethische Grenzen, sie überschreitet mit ihrer Lebensgeschichte und -weise auch die Grenzen des Verstehens.

Das ist der Balanceakt:
Einerseits, ja, empfinden wir Gräueltaten, wie die in Konzentrationslagern des Dritten Reichs geschehen, von Frauen ausgeübt als noch unfassbarer als die der Männer. Ich persönlich kann es nicht begreifen, nicht nachvollziehen, nicht nur, wie man auch nur hohles, williges Instrument sein kann, das sich mit den menschenverachtenden Befehlen des Regimes füllen und dafür verwenden lässt – schlimm genug: Nein, wie man sogar diese Instrumentalisierung als Möglichkeit des Auslebens eigener Allmachtsbedürfnisse suchen kann und sie in eigenen Taten individuell interpretieren, damit Respekt bei den Befehlshabern erheischen und immer nur weitere Gelegenheiten schaffen, Gott, Tod und Teufel in Personalunion zu sein.

Andererseits, wie soll ich sagen, sind auch Frauen „nur Menschen“. Sollte ein Mensch weniger zu Bösem fähig sein, weil er doppel-X-Chromosome hat? Das wäre ja schwarzer Feminismus: Wir sind nicht „die bessere Hälfte“, in keiner Weise. Mitgefangen, mitgehangen: Wenn wir Menschen wie alle anderen (= die Männer) sein wollen, dann muss auch wahr sein, dass wir vernichtend aggressiv, pervers, krank und verführt sein können. Warum auch nicht.

Warum auch nicht? Wahrscheinlich, weil wir Mütter sind oder zumindest sein können. Und Mütter lieben, pflegen, sorgen, trösten. Aber da tut sich doch der Schatten einer Ahnung auf: Ja, da kann ich doch vielleicht ein bisschen verstehen, wie jemand in den Umständen einer grässlichen Neu-Ordnung der Welt auf die andere Seite des Menschseins fällt und in der „Normalität“ von systematischer Menschenvernichtung nicht nur sein Auskommen in stumpfer Ignoranz findet. Da kann ich vielleicht doch sogar ein bisschen nachfühlen, wie man in den Rausch geraten kann, Herr über Leben und Tod zu sein. Denn das ist das auch: Mutter-Sein.

Wer mag, der folge mir noch. Es kommt ein winziges Lebewesen aus mir heraus auf die Welt und ist abhängig von mir, von meiner Fürsorge, von meinem Körper. Wenn ich liebe und pflege, dann lebt es (und wenn nicht, dann nicht). Und es bleibt lange, sehr lange, in seinem physischen wie psychischen Wohlbefinden in dieser Abhängigkeit. Stillen ist ein Rausch, rein körperlich gesehen. Aber zu fühlen, wie ein tobendes Geschrei zu leisem Schniefen und schließlich wieder zu Lachen wird, dank meines Streichelns und Schaukelns und Murmelns: das ist MACHT. Und auch diese Macht kann korrumpiert werden. (Jimmy Kimmels Halloween- und Sommer-Scherze „Behauptet, ihr hättet alle Süßigkeiten gegessen“ oder „Tut so, als seien die Sommerferien schon wieder vorbei“ sind Zeichen dafür: Wie gerne Eltern ihren Kindern auch mal negative Gefühle machen, einfach nur, weil sie es können.) (Ich will damit nicht sagen, dass Jimmy Kimmel einer KZ-Oberaufseherin gleichzusetzen ist. Aber ich habe einfach nie verstanden, wie man als Eltern so fies sein kann, auch nur im Scherz.)

Ich glaube, deshalb empfinden wir Frauen, die solche Verbrechen begehen, als so abartig: Weil die Erinnerung an diese Abhängigkeit und die Sehnsucht nach dem Wohlwollen der Mutter in uns lebendig geblieben ist. In Wirklichkeit aber ist dieses Verhalten vielleicht doch nur die Schattenseite der Mutter, also kein Widerspruch.

Was in keiner Weise entschuldigen kann, dass ein Mensch nicht davor zurückschreckt, solche Taten zu vollbringen.

Bild: Von Unknown, probably an U.S. Army soldier, Gemeinfrei

KW 9/2012: Aileen Wuornos, 29. Februar 1956

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Aileen Wuornos hatte in ihrem Leben keine Sternstunde, das würde sie vermutlich auch selbst gesagt haben. Vom Beginn ihres Lebens an war sie verloren. Wenn ich ihre Geschichte lese – mit meiner eigenen kleinen Tochter vor Augen – möchte ich nur weinen. Mit der Verlassenheit in Kindertagen, sexuellen Übergriffen bereits vor der Pubertät, Hin- und Her- und Ausgestoßen-Sein von der Welt, kann ich sie nicht als Monster sehen. Ich kann nichts weiter sehen als ein Wesen, das die Welt nur als harten, erbarmungslosen, schmerzhaften und erniedrigenden Ort erlebt und eines Tages – durch welchen Auslöser auch immer – erfahren hat, dass es sich verteidigen kann. Dass Aileen Wuornos sich bei der Ermordung von sieben Männern nicht vor allem gegen diese, sondern gegen die Missbrauchenden und Misshandelnden ihrer Vergangenheit verteidigte, erscheint mir schlüssig.

Serienmordende Frauen sind sehr, sehr selten. Deshalb und weil das Bild der sorgenden, schwachen, defensiven Frau in fast jeder Gesellschaft der Welt verankert ist, sind Serienmörderinnen meist Ziel ganz besonders großer Abscheu. Doch gerade bei Aileen Wuornos sehe ich die Notwendigkeit für das genaue Gegenteil: Mitgefühl. Mitgefühl bedeutet nicht, ungestraft davon kommen zu lassen. Verbrechen, die im Vollbesitz der geistigen Kräfte und im Bewusstsein des verbrecherischen und schädlichen Handelns ausgeübt werden, müssen geahndet werden – ob die Todesstrafe dafür geeignet ist, steht wiederum auf einem anderen Blatt.

Doch was mir durch Mark und Bein geht, und Aileen Wuornos ist nur das hier dafür verwendete Beispiel: Kein Mensch kommt als das Wesen auf die Welt, als das er sie verlässt. Niemand, auch nicht Aileen Wuornos, wurde geboren als die abgekämpfte, zerstörte, kranke, kaputte Frau, als die sie schließlich exekutiert wurde. Aileen Wuornos kam auf die Welt als ein Säugling, der physisch und psychisch alle Möglichkeiten hatte für ein ganz normales, liebevolles, erfülltes, schönes und gesundes Leben. Jeder Täter, der ungeheuerliches begeht, kam als Säugling auf die Welt, der abhängig war von der Liebe und Fürsorge seiner Familie.

Ich pflege meine morbide Faszination mit Serienmördern, Psychopathen und dem Entschlüsseln der Psyche dieser Menschen (CRIMINAL MINDS ist derzeit meine Lieblingsserie). Aber Aileen Wuornos: Sie möchte ich einfach nur in den Arm nehmen und ihr Liebe und Geborgenheit geben – ich glaube sie zu verstehen und die Vorstellung, was diesem Mädchen angetan wurde, dass sie zu dieser Frau werden konnte, schmerzt mich körperlich.

Neben der offensichtlichen Empfehlung, MONSTER zu sehen, lohnt es sich vielleicht auch, die beiden Dokumentarfilme über sie, THE SELLING OF A SERIAL KILLER und THE LIFE AND DEATH OF A SERIAL KILLER, zu sehen. Der Regisseur macht auf jeden Fall einen guten Eindruck.

Immer informativ, aber auch reisserisch sind die Texte der ehemaligen Crimelibrary, jetzt trutv. Sie hat einen Eintrag auf der Seite serien-killer.com. Ein Interview mit der Wuornos-Darstellerin Charlize Theron bringt nichts Neues, spiegelt aber einige meiner Gefühle wider.

Bild: By Florida Department of Corrections, Public Domain