Kategorie: Täterin

03/2018

4. März 1913: Anna Vavak
Die in Wien lebende Tschechin wurde 1941 als ein aktives Mitglied der „Tschechoslowakischen Widerstandstruppe“ von der Gestapo verhaftet. Im Oktober 1942 wurde sie über verschiedene Stationen in das Konzentrationslager Ravensbrück verbracht, wo sie sich für die Arbeit im Rüstungsbetrieb des Siemenslager-Ravensbrück meldete. Im außerhalb des Konzentrationslagers liegenden Betrieb arbeiteten KZ-Insassinnen und Zivilisten zusammen an Fernsprech-, Radio und Meßgeräten für den Einsatz an der Front. Die Wochenarbeitszeit der KZ-Insassinnen betrug anfangs 48 Stunden und wurde später auf 62 Stunden hochgesetzt; dazu kamen ausfallende „Mahlzeiten“ im Konzentrationslager, weil der Weg hin und zurück die „Pause“ zumeist aufbrauchte. Später wurden Wohnbaracken für die dort arbeitenden KZ-Insassinnen gebaut, sodass sich die Wegzeit verkürzte (und die Arbeitszeit verlängerte).
Anna Vavak meldete sich freiwillig zur Arbeit im Betrieb, um mit den Zivilisten in Kontakt zu kommen und ihnen von den Zuständen im Konzentrationslager berichten zu können. Mit der Unterstützung anderer Arbeiterinnen erreichte sie bald die Position der Hauptanweiserin der Schreiberinnen. Das ermöglichte es ihr nicht nur, einzelnen Frauen das Leben zu retten, indem sie die Angaben über deren Produktionsquoten manipulierte, sondern machte sie zum Schutzengel anderer aktiver Sabotageakte, die die Zwangsarbeiterinnen im Betrieb vornahmen. So setzte sie ihren Widerstand gegen die Nationalsozialisten auch in der Haft weiter fort.
Anna Vavak konnte nach der Evakuierung des KZ Ravensbrück beim Todesmarsch Richtung Malchow entkommen. Sie heiratete ein Jahr nach Kriegsende einen anderen Holocaust-Überlebenden, Hans Maršálek, der später als Chronist des KZ Mauthausen tätig war. Sie starb mit 46 Jahren und wurde in Wien beerdigt.

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7. März 1858: Cecilie Thoresen
Die Tochter eines norwegischen Arztes und Gutsbesitzers genoß mit ihren Brüdern gemeinsam eine private Erziehung. Sie las bereits als Jugendliche die zeitgenössische Literatur, wozu auch eine Übersetzung von John Stuart Mills Die Hörigkeit der Frau gehörte. Dennoch entschloss sie sich erst mit 20 Jahren, einen Mittelschulabschluss zu machen, um berufliche Perspektive zu gewinnen. Zunächst besuchte sie einen „Kurs für Bürodamen“ an einer Handelsschule, wo sie sich allerdings langweilte und nach acht Tagen (eigenen Angaben zufolge) die Ausbildung abbrach.
Ihr Vater setzte sich auf ihren Wunsch dafür ein, dass ihr das für ein Universitätsstudium nötige Examen ermöglicht werden sollte, das zu diesem Zeitpunkt (1880) nicht für Frauen offenstand. Das zuständige Kirchen- und Unterrichtsministerium verweigerte ihr jedoch diesen Wunsch. Als Cecilie selbst sich an den Kirchenminister wandte, leitete dieser die Anfrage an die Universität in Kristiania (heute Oslo) weiter, die einzige Universität des Landes. Doch auch hier wurde sie abgewiesen.
Thoresen ließ nicht locker und kontaktierte Hagbard Berner, einen Mitarbeiter des oppositionellen Politikers Johan Sverdrup. Dieser brachte einen privaten Gesetzesentwurf dahingehend in das norwegische Parlament, das zwar Bedenken hatte – aus der Arbeit der Frau könne nur „voller Nutzen“ gezogen werden, wenn bei Erziehung und Ausbildung Rücksicht auf ihre „natürlichen Dispositionen, ihr eigentümliches Gemütsleben sowie auf ihre Anlagen und Vorzüge“ genommen werde –, aber Mitte 1882 dann doch ein neues Gesetz beschloss, welches das Examen für das Universitätsstudium auch Frauen eröffnete. Thoresen legte noch eine Zusatzprüfung ab, da sie Mathematikunterricht nur im für Mädchen üblichen Rahmen erhalten hatte, und bestand diese mit Erfolg. Im Alter von 24 Jahren bestand sie ihr Examen als erste Frau Norwegens, und zwar in allen Fächern mit „sehr gut“. Gleich im Anschluss schrieb sie sich unter großem nationalen Aufsehen an der Universität Kristiania ein und studierte später sogar für ein Auslandsjahr in Kopenhagen.
Auch wenn sie selbst aufgrund von Heirat und der Geburt dreier Kinder ihr Studium nicht abschloss, hatte sie den Mädchen und jungen Frauen Norwegens den Bildungsweg an der Universität eröffnet. Sie engagierte sich auch im späteren Verlauf ihres Lebens für die Frauenbewegung, war an der Gründung der Norwegischen Frauenrechtsvereinigung und der Frauen-Wahlrechtsvereinigung beteiligt und auch die norwegische Sektion des Internationalen Frauenrats geht auf ihre Initiative zurück.
Den Erfolg ihrer Arbeit erlebte sie nicht mehr; sie verstarb 1911 im Alter von 53 Jahren, das Frauenwahlrecht wurde in Norwegen – als einem der ersten Länder Europas – erst 1913 eingeführt.

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22. März 1913: Sabiha Gökçen
Die Tochter eines Amtsschreibers, der vom drittletzten Sultan der Türkei ins Exil verbannt worden war, konnte ihre schulische Ausbildung zunächst dank der Unterstützung ihrer Geschwister weiterführen. Mit 12 Jahren traf sie den Begründer der gerade zwei Jahre alten Republik der Türkei, Mustafa Kemal Atatürk. Der Präsident war von dem Mädchen beeindruckt, dass aus ärmlichsten Verhältnissen kam und dennoch den Ehrgeiz pflegte, die höhere Schule besuchen zu wollen. Er adoptierte Sabiha (neben elf anderen jungen Mädchen und Frauen) und förderte ihre Ausbildung.
Mit 22 Jahren begann Gökçen ihre Politinnenausbildung, mit späterer Weiterbildung in der Sowjetunion. Ein Jahr später machte sie ihren ersten Soloflug, um dann bei der türkischen Luftwaffe ihre Ausbildung zur Militärpilotin abzuschließen. Dazu gehörte auch das Fallschirmspringen – zu diesem Zeitpunkt war der Fallschirmsprung die einzige Möglichkeit, ein abstürzendes Flugzeug zu verlassen.
Sie flog ihre ersten Einsätze im letzten großen Kurdenaufstand in der Türkei; für ihre Einsätze im Korea-Krieg erhielt sie die Beförderung in den Rang eines Majors. Während und nach ihrer aktiven Zeit im Lilitärflugdienst war sie verantwortlich für die Kampfpilotenausbildung der türkischen Luftwaffe, danach flog sie in einer Kunstflugstaffel.
Nur wenige Monate vor ihrem Tod im Jahr 2001 wurde der zweite Istanbuler Flughafen nach ihr benannt. Die Pilotin, die in ihrer aktive Zeit insgesamt 22 verschiedene Flugzeugtypen flog, ist eine spannungsreiche Figur: Sie diente als Exemplar für Atatürks moderne Frauenpolitik, doch verstand sie sich und die türkische Frau an sich als Kind einer „soldatischen Nation“. Sie sprach sich gegen den politischen Islam aus, doch war sie auch daran beteiligt, Bomben auf alevitische Kurden zu werfen. Gökçen kann als reine Galleonsfigur der modernen, ethnisch türkischen Frau gesehen werden – andere Frauen konnten erst wesentlich später (in den 1990er Jahren) den Militärdienst antreten, außerdem symbolisiert sie die Unterdrückung aller türkischen Minderheiten, insbesondere der Kurden. Als drei Jahre nach ihrem Tod Vermutungen aufkamen, dass sie eventuell armenischer Abstammung sein könnte, sorgte das für große Unruhe und zum Teil klare rassistische Äußerungen in der Türkei.

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27. März 1945: Anna Mae Aquash
Auch unter dem Mi’kmaq-Namen Naguset Eask, nahm Anna Mae Aquash als Mitglied des American Indian Movement (AIM) an verschiedenen Protestaktionen teil, wie der Besetzung der Mayflower II im Bostoner Hafen an Thanksgiving 1970 und der Besetzung von Wounded Knee.
Ende 1975 wurde sie vom AIM einigen Verhören unterzogen, wohl, weil man vermutete, sie spiele im Fall des Pine Ridge Shoot-outs der Polizei Informationen über den flüchtigen Tatverdächtigen Leonard Peltier zu. Im September 1975 verschwand sie; im Februar 1976 wurde ihr Leichnam auf der Pine Ridge Reservation gefunden. Zunächst wurde sie als nicht identifizierte Erfrorene unter dem Namen Jane Doe beerdigt, nur ihre Hände wurden abgetrennt und für Fingerabdruck zum FBI gesandt. Dadurch wurde sie acht Tage später als Aquash identifiziert und auf Wunsch ihrer Angehörigen, darunter ihre zwei Töchter, exhumiert. Bei der zweiten Obduktion wurde auch die Schusswunde am Kopf entdeckt, die auf eine Exekution hindeutete.
Es vergingen 27 Jahre, bevor für diesen Mord Tatverdächtige verhaftet wurden. Die Mitglieder und Führungspersonen des AIM, die vermutlich mit der Beseitigung einer vermeintlichen Informantin der Polizei in Zusammenhang stehen, beschuldigen sich gegenseitig. Ein tatsächlicher Tathergang ist bis heute ungeklärt.

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25. März 1953: Souhaila Andrawes*
Die im Libanon zum christlichen Glauben der Eltern erzogene Exil-Palästinenserin wollte eigentlich Nonne werden, was im vorwiegend muslimischen Kuwait, wo sie am Ende ihrer Schulzeit lebte, so gut wie unmöglich war. Sie konnte dort auch nicht studieren und ihr Plan, nach Jerusalem zu gehen, wurde vom Sechstagekrieg 1967 durchkreuzt. So ging sie schließlich zurück in den Libanon, um dort Englische Sprache und Literatur zu studieren.
Unter dem Einfluss ihrer palästinensischen Verwandtschaft, vor allem aber durch die Begegnung mit der ersten weiblichen Flugzeugentführerin, Leila Chaled, die in der arabischen Welt als Heldin gefeiert wurde, politisierte sich die 16jährige Andrawes und fand Anschluss an die palästinensische Widerstandsbewegung. Als sie mit 22 Jahren vor dem libanesischen Bürgerkrieg nach Kuwait zurück floh, nahm sie dort bald Kontakt zur Volksfront zur Befreiung Palästinas auf. Während ihrer militärischen Ausbildung 1977 in Aden (Jemen) lernte sie den hochrangigen PFLP-Funktionär Zaki Helou und dessen deutsche Frau Monika Haas kennen, die später unter Verdacht stand, mit ihr zusammengearbeitet zu haben. Vom Jemen über Kuwait und Bagdad erreichte Andrawes schließlich Mallorca, um dort im Auftrag Wadi Haddads mit anderen militanten PFLP-Mitgliedern das Kommando Martyr Hamileh durchzuführen: die Entführung des Lufthansa-Fluges LH 181 Landshut.
Andrawes war die einzige Überlebende der „Operation Feuerzauber“, wie die Befreiung der Geiseln in Mogadishu in der Planung der GSG 9 bezeichnet wurde. Sie wurde von Schüssen in Lunge und Beine getroffen; beim Abtransport auf einer Bahre durch den Flughafen hielt sie den Fernsehkameras das Victory-Zeichen entgegen und rief: „Tötet mich, wir werden siegen!“
Sie wurde im Folgejahr in Somalia zu 20 Jahren Haft verurteilt, die sie zunächst dort antrat, doch schon Monate später wurde sie in den Irak abgeschoben. Von dort aus wurde sie mehrfach in die Tschechoslowakei gesandt, um die Spätfolgen ihrer Schussverletzungen zu behandeln. Sie konnte im Irak ihr abgebrochenes Studium fortsetzen, doch floh bald vor den israelischen Kräften, die im libanesischen Bürgerkrieg eingriffen, nach Damaskus. Dort lernte sie 1983 ihren Ehemann kennen, mit dem sie zwei Jahre später eine Tochter hatte; 1990 wurden sie aus Syrien nach Zypern ausgewiesen und fanden schließlich in Norwegen politisches Asyl.
1994, auf den Tag 17 Jahre nach der Befreiung der Landshut wurde sie von deutschen Fahndern in Oslo festgenommen und im Folgejahr nach Deutschland ausgeliefert. 1996 wurde sie in Hamburg zu 12 Jahren Haft verurteilt, für die Beteiligung an Mord, Menschenraub, Flugzeugentführung und Geiselnahme. Ein Jahr später wurde ihr erlaubt, ihre Reststrafe in Norwegen abzusitzen; bereits zwei Jare darauf wurde sie aufgrund ihres Gesundheitszustandes, beeinträchtigt von den langfristigen Schäden durch die Schussverletzungen, vorzeitig entlassen. Seitdem lebt sie mit ihrer Familie in Oslo.

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*Disclaimer: Zur Erinnerung, es geht mir auf diesem Blog nicht ausschließlich um bewundernswerte Frauen, die Gutes taten/tun und die als Vorbild dienen können. Es geht mir auch darum, die volle Bandbreite persönlicher Eigenschaften abzubilden, die Frauen als menschliche Wesen innehaben können. Eine palästinensische Terroristin zu besprechen, gehört für mich deswegen ebenso dazu wie Massenmörderinnen (I und II) und KZ-Mitarbeiterinnen. Nach dem immer noch vorherrschenden Vorurteil sind Frauen friedliche, fürsorgliche Wesen, Aggressivität und Verbrechen von Frauen wird noch stets als schrecklicher, schockierender und widernatürlicher betrachtet als von Männern. Somit gehören diese aus der Norm herausragenden Frauen für mich selbstverständlich zum Themenkomplex Frauenfiguren, mit dem ich versuche, die dominierende Binarität Mann/Frau ein wenig aufzuweichen.

KW 43/2016: Anna Göldi, 24. Oktober 1734

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Anna Göldi (kniend)


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Anna Göldi war bereits vor ihrem 21. Lebensjahr zweimal unehelich Mutter geworden und für den Kindsmord an ihrem Erstgeborenen (für ein tatsächliches Verbrechen gibt es allerdings weder Beweise noch Widerspruch) verurteilt und bestraft. Ihr Zweites hatte sie in unbekannte Adoption gegeben.
Mit 21 kam sie aus ihrer Heimat Sennwald in Dienst im Kanton Glarus. Ihr Dienstherr Johann Jakob Tschudi war ein einflussreicher Arzt und Richter, die Tschudis eine der reichsten Familien des Kantons. Sie hatte auch Kontakt mit dem Schwager ihres Dienstherren, Ruedi Steinmüller, der ebenfalls gut betucht, aber mit den Tschudis in einen Erbschaftsstreit verwickelt war.
Wohl, um ein Verhältnis mit seiner Magd zu vertuschen, klagte Tschudi Anna Göldin der Hexerei an. Sie habe seiner Tochter Nägel in das Brot und die Milch gehext und damit ihr Leben in Gefahr gebracht. Anna Göldin floh zunächst, konnte aber wegen einer in der Züricher Zeitung ausgeschriebenen Belohnung für ihrer Erfassung verhaftet werden. Sie und ihr angeblicher Komplize Steinmüller wurden unter Androhung von Folter inhaftiert. Steinmüller erhängte sich in seiner Zelle, bevor er gefoltert werden konnte – was als Schuldeingeständnis verstanden wurde. Anna gestand, unter Folter wenig überraschend, mit dem Teufel in der Gestalt eines schwarzen Hundes im Bunde zu sein und das Kind verhext zu haben. Sie wurde von einem rein evangelischen Glarner Gericht zum Tod durch Enthauptung verurteilt, das Urteil umgehend vollstreckt.
Nicht nur hätte ihr Fall von einem anderen, überkonfessionellen Gericht verhandelt werden müssen, da sie als Zugewanderte als „ausländische Person“ im Glarus lebte. Sie wurde außerdem im Prinzip für Hexerei verfolgt – ein Straftatbestand, der im Urteil tunlichst nicht genannt wurde (hier wurde sie als Giftmörderin behandelt), aber trotz Geheimhaltung der Akten in Europa bekannt wurde. Schon zu ihrer Zeit löste dies Empörung aus, ihre Hinrichtung wurde von August Ludwig von Schlözer, (dem Vater von Dorothea Schlözer) als Justizmord bezeichnet. Der Gerichtsschreiber des Prozesses, der spätere Senator Johann Melchior Kubli, gab die Akten heraus und befeuerte somit die harsche Kritik der Zeitungen an Anna Göldis Verurteilung und Hinrichtung. Anna Göldi gilt aufgrund dieser Umstände als die letzte Person, die legal als Hexe verurteilt wurde.
Erst im Jahr 2007, also 225 Jahre nach ihrer Hinrichtung, wurde Anna Göldis Fall im Glarus neu betrachtet, nachdem der Publizist Walter Hauser bisher unbekanntes Material dazu untersuchen konnte. Auf sein Betreiben hin wurde Anna Göldi 2008 nach anfänglicher Ablehnung durch die Kantonsregierung sowie des reformierten Kirchenrates des Glarus vom Landrat rehabilitiert, des Giftmordes freigesprochen und ihre Hinrichtung offiziell als Justizmord bezeichnet.

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Von 137 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 24 (inklusive Anna Göldi) Frauen:
25.10.1442 Anna von Lichtenberg
30.10.1492 Anne d’Alençon
26.10.1529 Anna von Hessen
30.10.1563 Sophie von Braunschweig-Lüneburg
29.10.1606 Margareta I. von Dassel
29.10.1647 Amalia von Degenfeld
28.10.1667 Maria Anna von der Pfalz
30.10.1668 Sophie Charlotte von Hannover
29.10.1688 Amalia Pachelbel
25.10.1692 Elisabetta Farnese
28.10.1706 Louise Marie Madeleine Fontaine
26.10.1714 Maria Viktoria Pauline von Arenberg
24.10.1739 Anna Amalia von Braunschweig-Wolfenbüttel
30.10.1741 Angelika Kauffmann
29.10.1753 (getauft) Eleonore Sophie Auguste Thon
25.10.1759 Sophie Dorothee von Württemberg
28.10.1767 Marie von Hessen-Kassel
29.10.1784 Vincenza Gerosa
30.10.1789 Louise Charlotte von Dänemark
25.10.1792 Jeanne Jugan
30.10.1796 Friederike von Preußen
30.10.1797 Henriette Alexandrine von Nassau-Weilburg
30.10.1799 Luise von Anhalt-Bernburg

KW 34/2016: Juliana Blasius, 22. August 1781

Juliana Blasius

By K. H. Ernst – Stadtarchiv Mainz, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6318327

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Leider, so ungern ich es tue, schreibe ich diese Woche wieder über eine Frau, die vor allem für ihre Verbindung zu einem Mann Bekanntheit erlangt. Das ist das weibliche  Leben im christlichen Abendland vor dem 19. Jahrhundert in seiner Essenz.
Juliana Blasius war die letzte (von neun) Räuberbraut des Schinderhannes. Die 15jährige (Halb-)Waise begegnete dem Gesetzesbrecher wahrscheinlich bei einem ihrer Auftritte als Bänkelsängerin und Geigenspielerin. Sie behauptete später, entführt worden zu sein, und nach heutigen Erkenntnissen über das Stockholm-Syndrom und andere Verhaltensweisen bekannter Entführungsopfer lässt sich eine solche Aussage nicht allein mit späteren Fluchtmöglichkeiten widerlegen. Dennoch besteht durchaus die Möglichkeit, dass sie diese Aussage nur machte, um schuldfrei aus ihrem Prozess zu kommen.
Jedenfalls lebte das „Julchen“ fortan mit dem Schinderhannes und seinen Räubern und nahm auch selbst, gelegentlich in Männerkleidung, an seinen Raubzügen und Überfällen teil; sie fiel dabei nicht als besonders unwillige Komplizin auf, im Gegenteil. Sie gebar demSchinderhannes außerdem zwei Kinder, eine Tochter, die jung verstarb, und einen Sohn, der in Haft geboren und von einem redlichen Bürger adoptiert wurde. Juliana wurde aufgrund entlastender Aussagen des Schinderhannes nur für zwei Jahre in Gent in ein Korrektionshaus verwiesen, der Schinderhannes in Mainz hingerichtet.
Nachdem sie ihre Strafe abgesessen hatte, trat sie als beim Adoptivvater ihres Sohnes in Dienst, verließ diesen aber wegen Vorfälle sexueller Belästigung. Sie heiratete einen entfernten Verwandten, der als Polizeidiener arbeitete, und gebar diesem sieben Kinder, nur zwei allerdings wurden davon erwachsen. Sie verbrachte ihren Lebensabend als lebende Legende, die gerne auch mal unter Mithilfe alkoholischer Zungenlöser von ihrer besten Zeit als Räuberbraut schwärmte.

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Von 228 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 26 (inklusive Juliana Blasius) Frauen:
25.8.1473 Margarethe von Münsterberg
27.8.1487 Anna von Brandenburg
24.8.1510 Elisabeth von Brandenburg
26.8.1557 Sibylle von Jülich-Kleve-Berg
26.8.1568 Antonie von Lothringen
25.8.1588 Elizabeth Poole
25.8.1610 Susanna Margarethe von Anhalt-Dessau
25.8.1611 Magdalene von Hessen-Kassel
27.8.1619 Anne Geneviève de Bourbon-Condé
23.8.1624 Anna Elisabeth von Sachsen-Lauenburg
27.8.1630 Maria van Oosterwijk
26.8.1666 Henriette Amalie von Anhalt-Dessau
28.8.1667 Louise zu Mecklenburg
27.8.1669 Anne Marie d’Orléans
28.8.1691 Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel
27.8.1708 Giovanna Maria Farussi
28.8.1744 Friederike Auguste Sophie von Anhalt-Bernburg
28.8.1748 Amalie von Gallitzin
24.8.1750 Laetitia Ramolino
23.8.1757 Charlotte Ackermann
26.8.1771 Karoline von Hessen-Homburg
28.8.1774 Elisabeth Anna Bayley Seton
28.8.1779 Antoinette von Sachsen-Coburg-Saalfeld
25.8.1785 Zoé Talon
28.81789 Stéphanie de Beauharnais

KW 30/2016: Charlotte Corday, 27. Juli 1768

Charlotte Corday Frauenfiguren

By François Séraphin Delpech – http://www.lombardmaps.com/napoleon.htm, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=317175

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Charlotte Corday wuchs als Tochter eines verarmten Adeligen in der französischen Provinz auf. Nachdem die Mutter früh verstorben war, erhielt sie durch günstige Umstände mit ihren Schwestern zusammen eine Ausbildung in einer Abtei, bei der sie auch erstmals mit der Philosophie der Aufklärung in Berührung kam. Als die Abtei im Laufe der französischen Revolution geschlossen wurde, kehrte Charlotte mit ihren Schwestern zu ihrem Vater zurück, voller Interesse an den politischen Ereignissen vor allem in der fernen Hauptstadt Paris, bei denen sie vor allem mit den Girondisten sympathisierte. Durch den Filter ihrer Umgebung und ihres Horizontes betrachtet, erschien ihr Jean Paul Marat, ein Zeitungsverleger und Anführer der Jakobiner, als Hauptursache der ihrer Ansicht nach fehlgeleiteten Entwicklungen. Deshalb reiste die 25jährige schließlich auf eigene Initiative in die Hauptstadt, um den „Volksverführer“ zu töten. Eigentlich hatte sie Marat bei einer öffentlichen Versammlung umbringen wollen und gehofft, sofort im Anschluss von seinen aufgebrachten Parteigängern „zerrissen“ zu werden, sodass die Frage nach ihrem Namen und Motiv nicht gestellt würde. Marat litt jedoch an einer Hautkrankheit, die ihn stark einschränkte, und verließ seine Wohnung kaum noch. Sie erstand ein Küchenmesser auf einem Markt und versuchte dann am 13. Juli 1793 zweimal, unter Vorwand zu Marat in seiner Privatwohnung zu gelangen – sie wurde jedoch beide Male von dessen Lebensgefährtin abgewiesen. Als sie es jedoch am Abend noch einmal versuchte, geriet sie mit der Concierge Marats in Konflikt, woraufhin dessen Lebensgefährtin die Tür öffnete und Marat schließlich forderte, die junge Frau hereinzulassen, die ihm angeblich die Namen von untergetauchten Girondisten nennen wollte. Seine Lebensgefährtin führte Corday herein und ließ die beiden alleine. Nachdem sie ihm einige Girondisten genannt hatt, deren Namen er notierte, soll er (nach ihren Angaben) gesagt haben, er werde diese alle auf die Guillotine bringen, woraufhin sie ihm das Messer in die Brust stieß. Er konnte noch seine Lebensgefährtin rufen, doch verstarb kurz nachdem man ihn aus der Wanne gehoben hatte. Charlotte Corday wurde am Tatort niedergeschlagen und festgenommen.
Im folgenden Prozess betonte sie immer wieder, dass sie aus eigener Motivation und ohne Aufforderung anderer gehandelt hatte. Vor den aufgebrachten Bürgern, die sie auch ohne Prozess gehenkt hätten, ließ sie während ihrer Haft ein Portrait von sich anfertigen; nach vier Tagen war ihr der Prozess gemacht und das Todesurteil ausgesprochen worden. Charlotte Corday ertrug dies alles mit Fassung und legte selbst ihren Kopf auf das Schafott; ihr Henker nahm ihren abgeschlagenen Kopf aus dem Korb und versetzte ihm einen Schlag, wofür er mit drei Monaten Haft bestraft wurde.
Ihre Tat erreichte das genaue Gegenteil dessen, worauf sie abgezielt hatte: Statt die Partei der Jakobiner handlungsunfähig zu machen, indem sie ihr den vermeintlichen Kopf abschlug, gewann sie mehr Sympathien durch den „Märtyrertod“ Marats. Die Girondisten wurden insgesamt verfolgt und viele als Folge von Cordays Tat hingerichtet. Einer der Leidtragenden sagte über Charlotte Corday, sie habe die Partei zwar zugrunde gerichtet, ihnen aber gezeigt, wie man Sterben müsse.

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Von 131 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 37 (inklusive Charlotte Corday) Frauen:
28.7.1347 Margarethe von Durazzo
25.7.1373 Johanna II. (Neapel)
25.7.1473 Maddalena de’Medici
25.7.1490 Amalie von der Pfalz
27.7.1516 Aemilia von Sachsen
28.7.1522 Margarethe von Parma
26.7.1575 Anna Katharina von Brandenburg
31.7.1578 Katharina Belgica von Oranien-Nassau
27.7.1595 Barbara von Pfalz-Zweibrücken-Neuburg
30.7.1601 Anna Eleonore von Hessen-Darmstadt
25.7.1604 Dorothea Diana von Salm
28.7.1609 Judith Leyster
28.7.1610 Leonora Duarte
30.7.1625 Sibylle Hedwig von Sachsen-Lauenburg
27.7.1629 Ludovica Cristina von Savoyen
28.7.1645 Marguerite Louise d’Orléans
30.7.1683 Sophia Albertine von Erbach-Erbach
26.7.1689 Maria Anna Josepha Althann
27.7.1740 Jeanne Baret
26.7.1744 Maria Elisabeth Ziesensis
25.7.1746 Maria Francisca Benedita von Portugal
30.7.1751 Maria Anna Mozart
25.7.1756 Elizabeth Hamilton
26.7.1756 Maria Fitzherbert
29.7.1759 Rosa Dorothea Ritter
25.7.1761 Charlotte von Kalb
27.7.1765 Friederike von Württemberg
28.7.1768 Henriette Frölich
27.7.1773 Luisa Maria von Neapel-Sizilien
31.7.1773 Thérésia Cabarrus
25.7.1775 Anna Harrison
27.7.1775 Therese Brunsvik
31.7.1776 Maria Euphrasia Pelletier
25.7.1794 Amalie Sieveking
26.7.1796 Aimée-Zoë de Mirbel
25.7.1797 Auguste von Hessen

KW 9/2016: Gesche Gottfried, 6. März 1785

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Gesche Gottfried (Totenmaske)


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Wenn die Auswahl klein ist, muss man das mit „vor dem 19. Jahrhundert“ ein wenig laxer auslegen – immerhin wurde Gesche Gottfried 15, bevor das 19. Jahrhundert begann. Und der Gelegenheit, über eine Serienmörderin zu schreiben, kann ich einfach nicht widerstehen.

Die Gründe zu vermuten, warum mich Serienmörder so sehr faszinieren, überlasse ich anderen – da ich nicht damit allein stehe, eher mich in guter Gesellschaft befinde, wäre jede Diagnose meiner selbst nichts als Allgemeinplatz und Klischee (das Überschreiten sozialer Grenzen als Möglichkeit, die Abgründe der menschlichen Seele, blabla). Dass weibliche Serienmörder noch einmal besondere Aufmerksamkeit erhalten, liegt aber mit Sicherheit an dem immer noch sich haltenden Bild von „der Frau“ als einem Wesen, das dank biologischer Vorgaben hauptsächlich fürsorglich, liebend und pflegend agiert; im Gegensatz zu einer Vorstellung eines Menschen, dessen Charakter, Psyche und Geschlecht (Gender) nebeneinander existieren und sich teilweise beeinflussen, aber nicht notgedrungen letzteres die ersteren in völliger Diktatur beherrscht.

Zu Zeiten Gesche Gottfrieds galt das noch wesentlich mehr als heute. Tatsächlich spielte ihr dieses Bild der Frau als grundsätzlich Heilende, Helfende in die Hände bei ihrer killing spree, wenn es nicht sogar mit ursächlich für ihre Morde war.

Gesche Gottfried vergiftete mit Arsen zuerst ihren Ehemann (1813), dann ihre Mutter, ihre zwei Töchter im Alter von drei und sechs Jahren, ihren Vater und ihren fünfjährigen Sohn (1815), ihren Bruder (1816), ihren zweiten Ehemann (1817), ihren Verlobten (1823), ihre Freundin und einen Nachbarn (1825), ihre Vermieterin (1826), die dreijährige Tochter ihrer Freundin, die Freundin selbst und schließlich einen Gläubiger (1827). Sie wurde nach einer Haftzeit von drei Jahren öffentlich geköpft; dies war die letzte Hinrichtung, die in Bremen stattfand.

Über ihre Motive lässt sich im nachhinein kaum etwas sagen. Zur damaligen Zeit – lange vor Psychoanalyse und Profiling – blieb im Hinblick auf die Umstände ihres Lebens kein anderes in Erwägung als Habgier und Herzlosigkeit; die Ermordeten hatten sie entweder in ihrem Testament bedacht oder standen ihr vermeintlich bei der Eheschließung oder Erlangung der Erbschaften im Weg. Angesichts der Tatsache, dass sie ihren Opfern allerdings aufopferungsvollen Pflege angedeihen ließ, während sie sie vergiftete, und sie deswegen sogar den Spitznamen „Engel von Bremen“ erhielt, entsteht bei mir der Eindruck, dass sie zumindest nicht allein für die eigene monetäre Bereicherung mordete, sondern auch am Münchhausen-Stellvertretersyndrom litt. Dies diagnositziert man zwar gemeinhin bei Müttern, die ihren Kindern und/oder Schutzbefohlenen Leiden zufügen, der englische Wikipedia-Eintrag bestätigt meinen Eindruck jedoch. Und geht man davon aus, dass eine Mutter, deren drei (bis dahin gesunde) Kinder innerhalb eines Jahres an den gleichen Symptomen sterben, heute zwar unter Verdacht geriete, aber damals schlicht als Unglücksfall betrachtet wurde, erklärt sich ihr weiteres Verfahren mit ihr nahestehenden Erwachsenen: die Kinder waren ihr ausgegangen, ihr psychisches Leiden suchte sich schlicht die nächsten, vielleicht auch vielversprechendsten Opfer. Ihr finanzieller Gewinn blieb marginal, der Gewinn an sozialer Anerkennung bzw. Aufmerksamkeit war ungleich größer. Das macht ihre Taten nicht erträglicher, lässt aber sie als Täterin, die tatsächlich einem krankhaften Trieb folgte, mit etwas mitfühlenderen Augen sehen.

Soweit ich aus der Leseprobe schließen kann, ist das auch die Perspektive, die die Graphic Novel Gift von Barbara Yelin und Peer Meter einnimmt. Sieht gut aus und hat auch den Max-und-Moritz-Preis für den besten deutschen Comic verliehen bekommen.

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Von 147 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 5 (inklusive Gesche Gottfried) Frauen:
5.3.1487 Rosine von Baden
5.3.1723 Maria von Hannover
3.3.1749 Françoise Eléonore Dejean de Manville, Comtesse de Sabran
2.3.1778 Friederike von Mecklenburg-Strelitz

Mörderinnen

„mörderinnen faszinieren“ – kann ich nur bestätigen: einer meiner meist-geklickten artikl ist der zu Aileen Wuornos.

KW 34/2013: Christine Chubbuck, 24. August 1944

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Während für Nachrichtenmedien – im Fernsehen besonders – gilt bad news are good news, sich also Tragödien, Dramen und spektakuläres Scheitern als Inhalte besonders gut verkaufen lassen, gehört zu der Faszination des Zuschauers auch ein gewisses Gefühl der Sicherheit; zumindest beim Betrachten von Kriegsbildern oder Verbrechensszenarien ist dem Zuschauer der TV-Nachrichten hierzulande seine physische Unversehrtheit gewiss. (Die beständige und geschürte Unsicherheit einer wirtschaftlcihen Sicherheit will ich bei dieser These mal außen vor lassen.)
Das heißt: Nachrichten lassen sich betrachten wie Unterhaltungsmedien, mit dem Thrill, dass es sich um „wahre Begebenheiten“ handelt. Und selbst in den geschmacklosesten Fällen bleibt ein Unterschied zum snuff, zur ungekürzten und auf die niedersten emotionalen Reaktionen des Publikums abzielenden Darstellung real ausgeübter Gewalt. Man sieht Lebende, Verletzte und Tote – der Moment des Sterbens gehört (dankenswerterweise) in der westlichen Welt konsequent in die innerste Privatsphäre der Menschen.
Christine Chubbuck übertrat willentlich und überlegt diese Grenze. Ihre Gründe dafür sind zu suchen in einer unergründlichen Mischung aus (möglicherweise klinischer) Depression und Frustration mit der Medienwelt, in der sie arbeitete. Persönliche Schwierigkeiten, einen Partner zu finden – gar einen Vater für zukünftige Kinder, nach einer Eierstockoperation war ihr die zeitliche Dringlichkeit vor Augen geführt worden – sowie berufliche Stagnation führten in Kombination mit ihrer exponierten Tätigkeit als Talkshow-Moderatorin zu einem einzigartigen Moment amerikanischer Fernsehgeschichte, als Christine Chubbuck sich vor laufender Kamera in den Hinterkopf schoss.
Mit ihrer Tat überschritt sie nicht nur die Grenze vom Privaten ins die Öffentlichkeit. Die Methode ihres Freitodes ist auch ungewöhnlich für eine Frau, die statistisch gesehen eher zu „milden“ Mitteln wie Selbstvergiftung tendieren. Ein ausführlicher zeitgenössischer Artikel der Washington Post (vom 4. August 1974) gibt tiefere Einblicke in die möglichen Gründe für ihre Tat.
Zwei Jahre später gewann Sidney Lumets Network 4 Oscars, in welchem sich Peter Finchs Rolle angekündigt und live vor der Kamera das Leben nimmt. Die Aussagen damaliger Kollegen von Christine Chubbuck in einem 10-minütigen „Boulevard of Broken Dreams“-Beitrag lassen einen dann auch noch mal ganz ernsthaft auf Will Ferrells grandiosen Anchorman denken.

KW 32/2013: Phoolan Devi, 10. August 1963

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Phoolan Devi ist eine dieser Frauen, deren Existenz mich zugleich in Erstaunen wie in Begeisterung versetzt, denn: Wie kommen sie zu ihrem Mut, zu ihrem Feuer?
Phoolan Devi, geboren auf dem indischen Land, wo die Traditionen noch immer am stärksten gelebt werden. Mit Sicherheit nicht aufgezogen im Sinne der europäischen Frauenemanzipation, im Gegenteil: Als Mädchen wird sie wohl eher beständig dem Gefühl ausgesetzt gewesen sein, nicht nur überflüssig, sondern ihrer Familie eine Last zu sein – was sie nur durch harte körperliche Arbeit und eine erfolgreiche Verheiratung wiedergutmachen könnte. Wo holt eine Person entgegen dieser expliziten Unterdrückung den Widerspruchsgeist, die Renitenz her, die ihr auf dem Bild geradezu aus den Augen sprüht?
Zugegeben, meine Kenntnis des Lebens auf dem Land in Indien beschränkt sich auf das Jugendbuch „Wie Spucke im Sand“ von Klaus Kordon (für das ich ausdrücklich eine Leseempfehlung aussprechen möchte). Was man jedoch in letzter Zeit aus Indien vernommen hat, rückt dieses Bild nicht gerade in eine positive Richtung. Ich bin außerdem ziemlich sicher, dass Phoolan Devi das Vorbild für die Figur der Meera in Kordons Buch ist.
Die Erkenntnis, dass auch unter widrigen Umständen das Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Freiheit erblühen kann, bestätigt mich in der Überzeugung, dass es keine sprachlichen Begriffe für die elementaren Dinge im Leben braucht, damit Menschen einen Drang zu ihnen entwickeln können. In einer Diskussion vor Jahren in einem Englisch-Seminar – zu Orwells 1984 – konnte ich diese Intuition nicht mit Fakten belegen: Auch wenn die Menschen kein Wort für Freiheit haben, sehnen sie sich danach. Auch wenn Mädchen nicht dazu erzogen werden, für sich selbst einzustehen: Sie werden es unter den entsprechenden Umständen gegen alle Wahrscheinlichkeit dennoch tun.

KW 29/2013: Assata Shakur, 16. Juli 1947

Assata Shakur FBI

By U.S. Government (FBI; reported on The Guardian) [Public domain], via Wikimedia Commons


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In den 1960er Jahren war Assata Shakur Mitglied der Black Panthers und geriet so ins Fadenkreuz des FBI. Sie war eine zeitlang Verdächtige in so ziemlich jedem Bankraub oder Verbrechen, an dem eine schwarze Frau beteiligt war. Wie könnte es anders sein, wurde ihr die Rolle der „Mutter“ und treibenden Kraft zugeschrieben, als sie in einer Gruppe mit mehreren Männern politisch und/oder kriminiell aktiv war (denn wenn eine einzelne Frau mit mehreren Männern handelt, kann sie nur entweder eine hörige Sklavin oder die bösartige Mutter sein, die alle kontrolliert, sie kann niemals einfach nur eine Person von mehreren ohne exponierte Position sein).
Nachdem sie wegen Polizistenmord verhaftet und verurteilt worden war, wurde sie 1973 aus dem Gefängnis befreit und ging nach Kuba ins Exil.
Erst im Mai diesen Jahres wurde sie vom FBI auf die Liste der meistgesuchten Terroristen gesetzt und ist damit die erste Frau auf dieser Fahndungsliste.

KW 2/2013: Maria Mandl, 10. Januar 1912

Maria Mandl


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Und hinein ins neue Jahr mit neuem Themengebiet mit einer Frau, vor der ich letztes Jahr zurückgeschreckt bin. Nicht, weil ich nicht über sie schreiben wollen würde: weil ich nicht weiß, wie man über so jemanden schreiben kann, ohne zugleich zu banalisieren und effekthascherisch zu wirken oder gar zu sein.
Aber als Grenzgängerin zählt sie: Sie überschritt moralische und ethische Grenzen, sie überschreitet mit ihrer Lebensgeschichte und -weise auch die Grenzen des Verstehens.
Das ist der Balanceakt:
Einerseits, ja, empfinden wir Gräueltaten, wie die in Konzentrationslagern des Dritten Reichs geschehen, von Frauen ausgeübt als noch unfassbarer als die der Männer. Ich persönlich kann es nicht begreifen, nicht nachvollziehen, nicht nur, wie man auch nur hohles, williges Instrument sein kann, das sich mit den menschenverachtenden Befehlen des Regimes füllen und dafür verwenden lässt – schlimm genug: Nein, wie man sogar diese Instrumentalisierung als Möglichkeit des Auslebens eigener Allmachtsbedürfnisse suchen kann und sie in eigenen Taten individuell interpretieren, damit Respekt bei den Befehlshabern erheischen und immer nur weitere Gelegenheiten schaffen, Gott, Tod und Teufel in Personalunion zu sein.
Andererseits, wie soll ich sagen, sind auch Frauen „nur Menschen“. Sollte ein Mensch weniger zu Bösem fähig sein, weil er doppel-X-Chromosome hat? Das wäre ja schwarzer Feminismus: Wir sind nicht „die bessere Hälfte“, in keiner Weise. Mitgefangen, mitgehangen: Wenn wir Menschen wie alle anderen (= die Männer) sein wollen, dann muss auch wahr sein, dass wir vernichtend aggressiv, pervers, krank und verführt sein können. Warum auch nicht.
Warum auch nicht? Wahrscheinlich, weil wir Mütter sind oder zumindest sein können. Und Mütter lieben, pflegen, sorgen, trösten. Aber da tut sich doch der Schatten einer Ahnung auf: Ja, da kann ich doch vielleicht ein bisschen verstehen, wie jemand in den Umständen einer grässlichen Neu-Ordnung der Welt auf die andere Seite des Menschseins fällt und in der „Normalität“ von systematischer Menschenvernichtung nicht nur sein Auskommen in stumpfer Ignoranz findet. Da kann ich vielleicht doch sogar ein bisschen nachfühlen, wie man in den Rausch geraten kann, Herr über Leben und Tod zu sein. Denn das ist das auch: Mutter-Sein.
Wer mag, der folge mir noch. Es kommt ein winziges Lebewesen aus mir heraus auf die Welt und ist abhängig von mir, von meiner Fürsorge, von meinem Körper. Wenn ich liebe und pflege, dann lebt es (und wenn nicht, dann nicht). Und es bleibt lange, sehr lange, in seinem physischen wie psychischen Wohlbefinden in dieser Abhängigkeit. Stillen ist ein Rausch, rein körperlich gesehen. Aber zu fühlen, wie ein tobendes Geschrei zu leisem Schniefen und schließlich wieder zu Lachen wird, dank meines Streichelns und Schaukelns und Murmelns: das ist MACHT. Und auch diese Macht kann  korrumpiert werden. (Jimmy Kimmels Halloween- und Sommer-Scherze „Behauptet, ihr hättet alle Süßigkeiten gegessen“ oder „Tut so, als seien die Sommerferien schon wieder vorbei“ sind Zeichen dafür: Wie gerne Eltern ihren Kindern auch mal negative Gefühle machen, einfach nur, weil sie es können.) (Ich will damit nicht sagen, dass Jimmy Kimmel einer KZ-Oberaufseherin gleichzusetzen ist. Aber ich habe einfach nie verstanden, wie man als Eltern so fies sein kann, auch nur im Scherz.)
Ich glaube, deshalb empfinden wir Frauen, die solche Verbrechen begehen, als so abartig: Weil die Erinnerung an diese Abhängigkeit und die Sehnsucht nach dem Wohlwollen der Mutter in uns lebendig geblieben ist. In Wirklichkeit aber ist dieses Verhalten vielleicht doch nur die Schattenseite der Mutter, also kein Widerspruch.
Was in keiner Weise entschuldigen kann, dass ein Mensch nicht davor zurückschreckt, solche Taten zu vollbringen.