Kategorie: Wissenschaft+Forschung

3/2020: Sofja Wassiljewna Kowalewskaja, 15. Januar 1850

Als Kind in einer russische Militärfamilie geboren, kam Sofja Wassiljewna Kowalewskaja früh und auf ungewöhnlichem Weg mit der Mathematik wortwörtlich in Kontakt: Nachdem ihr Vater, General der russischen Armee, seinen Abschied vom Dienst nahm und mit der Familie auf Land zog, wurden die Wände des Kinderzimmers neu tapeziert. Als die Tapete nicht ausreichte, griff man auf Papiere vom Dachboden des Hauses zurück. Dabei handelte es sich zufällig um das Skript einer Vorlesung, die ihr Vater in seiner Jugend bei Michail Ostrogradski gehört hatte.

Das Mädchen Sofja wurde von Gouvernanten und mit wenig familiären Begegnungen aufgezogen, dennoch entwickelte sie eine enge Bindung zu ihrer sechs Jahre älteren Schwester Anna. Ihr mathematisches Interesse wurde hingegen von einem Onkel väterlicherseits gefördert, der sich selbst laienhaft mit der Mathematik befasste und sie an seinem Zeitverterib teilhaben ließ. Sie erhielt zwar auch Unterricht in den Grundlagen der Mathematik von ihrem Hauslehrer, doch ihre Leidenschaft ging weit darüber hinaus. Als der Vater es als ungebührlich empfand, wie sehr sie in die Materie einstieg, verbot er ihr zunächst weitere Beschäftigung damit – diesem Verbot widersetzte sie sich jedoch heimlich. So bekam sie mit 15 ein Buch über Physik in die Hand, das ein Nachbar der Familie geschrieben hatte. Als sie dem Autor ihre eigenen, autodidaktischen Herleitungen erläuterte, setzte der sich dafür ein, dass sie in höherer Mathematik unterrichtet werden sollte. So durfte sie schließlich bei einem Professor in St. Petersburg Intensivkurse besuchen. In dieser Zeit entstand über ihre Schwester Anna auch ein Kontakt mit der politischen Bewegung des russischen Nihilismus.

Mit 18 Jahren war Wassiljewna entschlossen, in Europa zu studieren, da sie wie viele Frauen glaubte, bei den westlichen Nachbarn hätten sie mehr Rechte als in Russland. In ihrer Heimat durften sie weder studieren noch als Gasthörerin zu Vorlesungen gehen, sie besaßen allerdings auch keinen Reisepass und waren so als alleinstehende Frauen nachgerade gefangen. Wassiljewnas Willen, die Mathematik und Naturwissenschaften offiziell zu studieren, war so stark, dass sie gegen den Willen des Vaters eine Ehe mit Wladimir Onufrijewitsch Kowalewski einging. Ihr Ehemann war Anhänger des russischen Nihilismus und Jurastudent, er ging jedoch mit ihr nach Europa, um sich der Paläontologie zu widmen. Als reine Zweckehe unterlag die Bindung der beiden vielen räumlichen Trennungen, doch sie lebten auch immer wieder zusammen.

Zuerst ging das Ehepaar Kowalewski nach Wien, wo Sofja Physikvorlesungen hören durfte, doch das Leben dort war zu teuer. In Heidelberg durfte Kowalewskaja sich zwar auch nicht immatrikulieren, aber indem sie das persönliche Gespräch mit den Professoren suchte, konnte sie erreichen, zumindest als Gasthörerin zugelassen zu werden. Sie besuchte in dem Jahr in Heidelberg Vorlesungen von Robert Wilhelm Bunsen zur Chemie, von Hermann von Helmholtz und Gustav Kirchhoff zur Physik und Mathematik bei Paul du Bois-Reymond und Leo Koenigsberger. Letzterer empfahl ihr einen Wechsel nach Berlin, um bei Karl Weierstraß zu studieren.

Im Winter 1870 ging Kowalewskaja also ohne ihren Mann und ihre Schwester, mit denen sie in Heidelberg gelebt hatte, dorthin und bewarb sich als Schülerin bei Weierstraß. Obwohl ihre Professoren sie wärmstens empfahlen, unterzog der Mathematiker sie vorab einer schweren Prüfung. Ihre Antworten, eine Woche später geliefert, überzeugten ihn und legten den Grundstein für ein vierjähriges Privatstudium. Dabei besuchten sie sich gegenseitig jeweils einmal die Woche; da der Professor unverheiratet war und Kowalewskajas Ehe zu dieser Zeit nur auf dem Papier bestand, ist es möglich, dass sich auch eine persönliche Beziehung zwischen den beiden entwickelte. Kowalewskaja unterbrach ihr Studium nur einmal, um 1871 der Schwester Anna in Paris zur Seite zu springen (deren Ehemann wurde als politischer Aktivist verhaftet, doch die Wassiljewna-Schwestern konnten mit den Beziehungen ihres Vaters eine Freilassung erwirken). Schon im Folgejahr begann sie mit der Arbeit an drei Dissertationen gleichzeitig, unterstützt von Weierstraß und in höchster Intensität bis zu sechzehn Stunden am Tag. Dabei wusste sie noch nicht einmal, wo sie diese einreichen sollte, da sie offiziell an keiner deutschen Universität promovieren konnte – als Frau. Karl Weiertraß, der im übrigen grundsätzlich kein Freund des Studiums für Frauen war, riet ihr nach längerer Suche dazu, es an der Georg-August-Universität Göttingen zu versuchen. Als Kowalewskaja dort ihre drei Dissertationen einreichte, stellte Ernst Schering, die sie begutachtete, fest, dass sie mit jeder davon den Doktortitel verdient hatte. Sie erhielt ihre Doktorwürde schließlich 1874 summa cum laude. Damit war sie die erste Frau, die an einer europäischen Universität promovierte.

Nach diesem erfolgreichen Abschluss kehrte Kowalewskaja nach Russland zurück, doch hier erwartete sie ein Rückschlag. Doktorgrad hin oder her, ohne Magisterexamen durfte sie in Russland nicht unterrichten, und das Magisterexamen bekam sie nicht ohne Studium in Russland, zu dem sie als Frau nicht zugelassen war. Diese Enttäuschung veranlasste sie, sich von der Mathematik gänzlich abzuwenden; sie versuchte, mit ihrem Mann ein geregeltes Eheleben zu führen, und gebar 1878 eine Tochter, der sie sich in den ersten zwei Lebensjahren vollständig widmete. Doch ihr Mann verspekulierte ihr gemeinsames Geld, sodass sie sich nach sechs Jahren Mathematik-Abstinenz wieder ihrer Leidenschaft zuwandte. Sie übersetzte ihre bisher noch nicht veröffentlichte dritte Dissertation ins Russische und besuchte damit den 6. Kongress der Naturwissenschaftler und Ärzte, außerdem zog die Familie nach Moskau, wo sie regelmäßig Veranstaltungen der Moskauer Mathematischen Gesellschaft besuchte. Als ihr Mann sich schließlich mit erfolglosen Ölgeschäften vollständig finanziell ruiniert hatte, beschloss sie, sich mit der Tochter Fufa erneut nach Europa aufzumachen.

1881 ging sie zunächst nach Berlin, dann weiter nach Paris. Dorthin nahm sie jedoch ihre Tochter nicht mit, stattdessen sandte sie Fufa zurück nach Russland, wo das Kind von nun an bei ihrer Freundin und Kollegin Julia Lermontowa aufwuchs. In Paris fand sie 1882 ein anderer ehemaliger Schüler Karl Weierstraß‘, Gösta Mittag-Leffler, der sie dank seines Ansehens mit den wichtigsten französischen Mathematikern bekannt machen konnte. Das führte dazu, dass sie schon wenige Monate später in die Pariser Mathematische Gesellschaft gewählt wurde und wiederum eine Arbeit auf dem 7. Kongress der Naturwissenschaftler und Ärzte vortrug.

Der Selbstmord ihres Mannes traf sie zwar als persönliches Ereignis, doch ermöglichte ihr der Witwenstatus nun etwas, was weder als alleinstehende noch als verheiratete Frau möglich gewesen war: Sie war nun auf respektable Weise unabhängig und für sich selbst verantwortlich. So konnte Mittag-Leffler sie endlich als Privatdozentin an der Universität Stockholm einladen, eine Tatsache, die Schweden unverhältnismäßig stark bewegte. Die Zeitung befassten sich mit der Frau, die alleine für eine Dozentur in ein ihr völlig unbekanntes Land zog; es war jedoch nicht nur Bewunderung, die laut wurde. August Strindberg (alter weißer Mann seiner Zeit) schrieb über ihre Professur:

Ein weiblicher Mathematikprofessor ist eine gefährliche und unerfreuliche Erscheinung, man kann ruhig sagen, eine Ungeheuerlichkeit. Ihre Einladung in ein Land, in dem es so viele ihr weit überlegene männliche Mathematiker gibt, kann man nur mit der Galanterie der Schweden dem weiblichen Geschlecht gegenüber erklären.

Quelle: Wikipedia

Kowalewskaja nahm es gelassen; sie hatte Grund genug für ein stabiles Selbstbewusstsein, nicht nur aufgrund ihrer mathematischen Fähigkeiten, sie hielt auch bereits nach einem Jahr, in dem sie zu erst auf Deutsch (für sie Fremdsprache) unterrichtete, ihre Vorlesungen auf Schwedisch. Das Strindbergs Urteil sie nicht verunsicherte, beweist ein Brief, den sie an Mittag-Leffler schrieb:

Als Weihnachtsgeschenk erhielt ich von Ihrer Schwester einen Artikel von Strindberg, in dem er so klar beweist, wie zweimal zwei vier ist, daß eine solche Ungeheuerlichkeit wie ein weiblicher Professor der Mathematik schädlich, unnütz und unangenehm ist. Ich finde, daß er im Grunde ganz recht hat, nur gegen eines protestiere ich, daß nämlich in Schweden eine große Anzahl Mathematiker leben soll, die mir weit überlegen seien und daß man mich nur aus Galanterie berufen habe.

Quelle: Wikipedia

In Mittag-Lefflers Auftrag trug sie für Acta Mathematica, die einzige mathematische Fachzeitschrift Skandinaviens, verschiedene Veröffentlichungen russischer, deutscher und französischer Mathematiker zusammen und wurde in Folge 1884 die erste Frau, die als Herausgeberin an einer wissenschaftlichen Zeitung beteiligt war. Im gleichen Jahr wurde ihre Privatdozentur in eine ordentliche Dozentur umgewandelt – nicht ohne Widerstand der männlichen Kollegen und auf fünf Jahre befristet. Damit war sie die erste Professorin in Europa seit fast hundert Jahren, als verspätete Nachfolgerin von Laura Bassi (1776 Professorin für Physik in Bologna) und Maria Gaetana Agnesi (1748 ebenfalls für Physik in Bologna, jedoch ohne Lehrtätigkeit).

1886 löste Kowalewskaja ein in der Mathematik bestehendes Problem in der Rotation fester Körper. Soweit ich das als mathematisch völlig Ahnungslose verstehen kann, fand sie einen Kreiseltypen, dessen Bewegungen sich mathematisch berechnen und vorhersagen lässt, unabhängig davon, wie die Bewegung anfänglich aussieht. Dies war in zwei anderen Fällen vorher nur Leonhard Euler (1707-1783) und Joseph-Louis Lagrange (1736-1813) gelungen, nach Kowalewskaja nur noch Dmitri Nikanorowitsch Gorjatschew (1867-1949) und Sergei Alexejewitsch Tschaplygin (1862-1942). Als sich diese Entdeckung herumsprach, wurde der renommierte Bordin-Preis der Académie des sciences im Jahr 1888 ausdrücklich für einen Beitrag zur Rotation fester Körper ausgeschrieben – damit Kowalewskaja ihn gewinnen konnte. Die Einreichungen für den Preis waren grundsätzlich anonym, doch Kowalewskajas Abhandlung wurde nicht nur als beste gekürt, der Preis wurde aufgrund der Qualität ihrer Arbeit von den üblichen 3.000 auf 5.000 Francs hochgesetzt. Ihre Erkenntnis ist heute als Kowalewskaja-Kreisel bekannt.

Im Jahr zuvor war ihre Schwester gestorben, die Trauer darüber hatte sie mit der vertieften Arbeit für den Bordin-Preis verarbeitet. Nachdem sie die Ausschreibung gewonnen hatte, schrieb sie ihre Kindheitserinnerungen und veröffentlichte sie mit großem Erfolg in Schweden, ebenso verfasste sie Jugenderinnerungen und eine Novelle mit dem absolut charmanten Namen „Die Nihilistin“. 1889 lief ihre Professur in Stockholm eigentlich aus und sie bewarb sich in Frankreich und Russland auf andere Stellen. Wieder war es Mittag-Leffler, der ihr zu Hilfe kam, durch seinen Einsatz wurde ihre Professur in Stockholm doch auf Lebenszeit verlängert. Weder in Frankreich noch in Russland hätte sie eine Beschäftigung gefunden; Frankreich ehrte sie nur mit einer Urkunde, in Russland wurde sie nur zum „korrespondierenden Mitglied Russischen Akademie der Wissenschaft“ gewählt.

Bereits zwei Jahre später jedoch zog sie sich in Cannes eine Grippe zu, die sich auf dem Heimweg nach Stockholm über Paris und Berlin zu einer Lungenentzündung auswuchs. Nach ihrer Ankunft in der schwedischen Heimat starb sie daran, mit nur 41 Jahren. Ein Kollege, Leopold Kronecker (der ein halbes Jahr später ebenfalls an Bronchitis starb), schrieb in seinem Nachruf:

Die Geschichte der Mathematik wird von ihr als einer der merkwürdigsten Erscheinungen unter den überhaupt äusserst seltenen Forscherinnen zu berichten haben.

Quelle: Wikipedia

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Ebenfalls diese Woche

Januar 1968: Zeng Fanyi (Link Englisch)
Die in Shanghai tätige Genetikerin bewies 2009 mit ihrem Team, dass sich ein vollständiger Säugetierkörper aus induzierten pluripotenten Stammzellen heranzüchten lässt.

14. Januar 1862: Carrie Derick (Link Englisch)
Die Botanikerin und Genetikerin war die erste Professorin an einer kanadischen Universität.

14. Januar 1938: Indira Nath
Als Spezialistin in der Pathologie, Immunologie und Infektiologie forscht Nath zur Immunantwort und Nervenschädigung, die eine Infektion mit Lepra auf zellulärer Ebene anrichtet.

17. Januar 1647: Elisabetha Hevelius
Nach der Heirat mit dem Bierbrauer und Astronom Johannes Hevelius assistierte sie ihm bei der Errichtung einer Sternwarte und der Erstellung eines Sternenkatalogs, den sie nach seinem Tod allein fertigstellte.

17. Januar 1877: Marie Zdenka Baborová-Čiháková (Link Englisch)
Sie war die erste Botanikerin und Zoologin Tschechiens.

17. Januar 1917: Ruth Smith Lloyd (Link Englisch)
1941 erhielt die Medizinerin als erste Afroamerikanerin die Doktorwürde, an der Western Reserve University im Fach Anatomie. Sie forschte zur weiblichen Fruchtbarkeit, dem Einfluss der Geschlechtshormone auf das Körperwachstum und zum weiblichen Zyklus.

19. Januar 1859: Alice Eastwood
Die kanadisch-stämmige Botanikerin rettete die Typus-Sammlung des Herbariums der California Academy of Science vor dem Feuer, ausgelöst durch das große Erdbeben von San Francisco 1906.

Hatschepsut

ca. 1495 – 14. Januar 1457 v. Chr.

Hatschepsut war – wie bei den Regierenden des Alten Ägypten üblich – Halbschwester und Ehefrau des Pharaos Thutmosis II.; beide waren Kinder des Thutmosis I., doch Thutmosis II. wurde von ihm mit einer Nebenfrau gezeugt, während Hatschepsut Tochter der ersten Ehefrau Ahmose war (Thutmosis I. hatte tatsächlich nur durch die Eheschließung mit ihr, einer Tochter eines Pharaos, die Legitimation als Herrscher erhalten). Hatschepsut jedoch berief sich auch auf eine göttliche Herkunft ähnlich der griechischen Halbgötter, nämlich dass Amun-Re in Gestalt des Thutmosis I. zu ihrer Mutter gekommen sei und sie gezeugt habe. Thutmosis II. starb jung, im Jahr 1479 v. Chr. mit 20bis 30 Jahren. Der gemeinsame Sohn Thutmosis III. war zu diesem Zeitpunkt noch ein Kind, die Forschung ist sich nicht einig, ob etwa 3 bis 4 Jahre oder bereits 7 Jahre alt. Hatschepsut nahm daher für ihn den Pharaonenthron ein und regierte 21 oder 22 Jahre erfolgreich. 1457 v. Chr. starb sie mit etwa 35 Jahren eines natürlichen Todes (mögliche Ursachen könnten Krebs oder Diabetes gewesen sein).

Die Erinnerungen an Hatschepsut als Pharao – ihre Namenskartusche auf Reliefs und Statuen – wurden irgendwann in der Folgezeit zu großen Teilen zerstört; ihr Sohn war zunächst im Verdacht, ihm wurde ein Groll gegen seine Stiefmutter unterstellt, weil sie so lange statt seiner geherrscht habe. Da die Zerstörungen inzwischen aber genauer datiert werden konnten und jüngeren Datums sind, wird derzeit angenommen, dass ein späterer Regent die Erinnerung an eine weibliche Pharao, noch dazu mit derartigen Errungschaften, wie sie Hatschepsut zu verzeichnen hat, nicht ertragen konnte. (Dieses Phänomen nennt sich Damnatio memoriae, wie ich just lerne.)

Auf dem Zeitstrahl der Frauen in der Wissenschaft hat Hatschepsut einen Platz als erste Initiatiorin einer botanischen Expedition. In ihrem neunten Regierungsjahr entsandte sie ihren Schatzmeister mit Gefolgschaft nach Punt – einem an Boden- und pflanzlichen Schätzen reichen Land, von dem heute nicht sicher ist, wo es genau lag. Wahrscheinlich östlich von Ägypten am Meer, die heutigen Erkenntnisse über die Einwohner Punts beschränken sich darauf, dass sie nach ihren Frisuren und Kleidern zu urteilen in drei Bevölkerungsgruppen geteilt waren und in Pfahlbauten lebten. Hatschepsuts Expeditionsgruppe kehrte vor allem mit Myrrhe, Zedern, Weihrauch und Ebenholz nach Ägypten zurück; an der Wand einer Pfeilerhalle in Hatschepsuts Totentempel ist die Expedition raumgreifend dargestellt.

Auf diesem Relief ist auch Ati, die Königin des Landes Punt dargestellt, deren Körperform auf den Bildern, so die englische Wikipedia, „verhältnismäßig groß und großzügig proportioniert, mit großen Brüsten und Speckrollen am Körper“ ist. Aufgrund dieser Bilder wird von manchen angenommen, dass sie eine Steatopygie hatte. Nun ist schon der deutsche Begriff dafür, „Fettsteiß“, unschön, die Annahme, dass es sich um etwas pathologisches oder abnormes handelt, noch mehr. Interessant bei der Suche nach einem Bild der afrikanischen Königin fand ich bei academia.edu die Synopsis einer Arbeit, die Ati „ent-hottentottisieren“ möchte. Außerdem auch noch einen Blogbeitrag, der die Lage Punts etwas enger einzugrenzen behauptet.

Merit-Ptah und Peseschet

zwischen 2.700 und 2.400 v. C.

Merit-Ptah und Peseschet galten als die ersten Ärztinnen der Geschichte. Von Merit-Ptah sollen im Tal der Könige Bilder zu finden sein, deren Inschrift sie als „Vorsteherin über die Ärzte“ bezeichnen. Allerdings scheint es, dass sie mit einer anderen Ärztin aus einer späteren Zeit, nämlich Peseschet, verwechselt bzw. zusammengeworfen wurde. Während diese mit Sicherheit existierte, ist auch bei ihr nicht gesichert, dass der Titel „Vorsteherin über die Ärzte“ auf ihre eigene medizinische Tätigkeit hinweist. Wahrscheinlich ist hingegen, dass sie zumindest Hebammen unterrichtete.

Dieser Artikel von Wolfram Grajetzki im Ancient Egypt Magazine von 2019 legt die ganze wissenschaftliche Ungenauigkeit und sich selbst fortschreibende Verwechslungskomödie dar. Wobei im Eifer über unzuverlässige und ideologisierte Quellen nicht vergessen sein sollte, dass nur die Existenz von Merit-Ptah in Frage steht. Dass es Peseschet dreihundert Jahre später tatsächlich gab, bleibt Tatsache und dieser Artikel bei Ancient History Encyclopedia von 2017 – der auch Merit-Ptah als Fakt voraussetzt, aber ansonsten seriös und gut recherchiert scheint – erörtert einige Gründe, warum die Annahme, dass es weibliche Medizinerinnen im Alten Ägypten gab, nicht unwahrscheinlich ist.

2/2020: Edith Anne Stoney, 6. Januar 1869

Edith Anne Stoney (Link Englisch) wurde in eine Familie von Wissenschaftlern geboren: Ihr Vater war der Physiker George Johnstone Stoney, der der Elementarladung den Namen Elektron gab, ihr Onkel Bindon Blood Stoney war Ingenieur, ebenso wie einer ihrer beiden Brüder, und ihre Schwester Florence Stoney wurde die erste Radiologin des Vereinigten Königreichs.

Edith war begabte Mathematikerin, sie studierte mit Stipendium an einem College in Cambridge bis zum Bestehen der ersten Abschlussprüfungen 1893 – einen akademischen Grad erwarb sie allerding nicht, da die Universität Cambridge offizielle Abschlüsse von Frauen erst 1948 zuließ. Das Trinity College in Dublin verlieh jedoch ihr einen Bachelor of Arts und einen Master of Arts, nachdem dort 1904 Frauen zum Studium zugelassen wurden.

Am College war sie für das Teleskop der Schule zuständig, nach dem Studium arbeitete sie kurz für den Erfinder der Dampfturbine, Charles Algernon Parsons, bis sie eine Stelle als Mathematiklehrerin am Cheltenham Ladies‘ College antrat. In der Zwischenzeit hatte ihre Schwester Florence an der London School of Medicine for Women (Link Englisch) studiert und ihren Abschluss gemacht – eine Schule, die bereits 1874 unter anderem von Elizabeth Blackwell gegründet worden war, in Voraussicht auf den UK Medical Act von 1876, der die Geschlechterdiskriminierung beim Zugang zu medizinischen Ausbildungsgängen verbot. Die London School of Medicine for Women wurde Teil der University of London, die klinischen Anteile der Ausbildung fanden am Royal Free Hospital statt. 1899 wurde Edith Anne Stoney dort als Physiklehrerin eingestellt. Sie richtete ein Labor für 20 Studentinnen ein und legte die Inhalte der Physikkurse fest.

Zwei Jahre später wurde Florence Stoney zur „medizinischen Elektrikerin“ in Teilzeit am Free Royal Hospital berufen. Zusammen eröffneten die Schwestern Stoney im April 1901 einen Röntgen-Dienst im Krankenhaus.

Beide Stoney-Schwestern boten dem Britischen Roten Kreuz ihre Dienste als Radiologinnen für die britischen Soldaten im Ersten Weltkrieg an, sie wurden dort jedoch aufgrund ihres Geschlechtes abgelehnt. Die beiden gründeten kurzerhand ihre eigene Abteilung innerhalb Women’s Imperial Service League, mit Florence im kriegsgeschüttelten Europa, während Edith in London für den Materialbedarf zuständig war. 1915 legte Edith Stoney ihre Lehrtätigkeit nieder, zum gleichen Zeitpunkt kehrte Florence aus Europa nach London zurück. In Zusammenarbeit mit einem Krankenhaus, das von der Suffragetten-Bewegung mitfinanziert wurde, konnten sie ein 250-Betten-Lazarett in Nordfrankreich einrichten, in dem Edith als Radiologin tätig wurde. Sie lokalisierte Kugeln und Bombenschrapnelle in Verwundeten und führte auch die Röntgendiagnose von Wundbrand (Gangrän, CW Bild) ein: Bei Gasgangrän stellt das Vorhandensein von Gas im Gewebe, das im Röntgenbild erkennbar ist, eine Indikation für eine Amputation der Extremitäten dar, um Überlebenschancen zu erhalten.

Die gesamte medizinische Einheit im Lazarett war weiblich bis auf zwei Fahrer und Stoneys Assistent. Im September 1915 war die Front so nah an das Lazarett gerückt, dass der nahgelegene Ort vollständig evakuiert war und sie nachts die Artillerie hören konnten. Per weiterer Anweisungen arbeiteten die Stoney-Schwestern anschließend in Serbien und Griechenland, wo sie unter schwierigsten Umständen und mit großem Materialmangel Soldaten röntgen, versorgten und bei der Genesung unterstützten. Nach einem Krankheitsurlaub im September 1916 kehrte Edith nach Griechenland zurück, ein Jahr später arbeitete sie erneut in Frankreich als Leiterin der Röntgenabteilungen mehrerer Lazarette.

Für ihre medizinischen Leistungen im Ersten Weltkrieg wurde sie von Frankreich, Serbien und England mit diversen Medaillen geehrt. Nach dem Ende des Krieges nahm Edith Anne Stoney ihre Lehrtätigkeit wieder auf. 1925 setzte sie sich zur Ruhe, war jedoch im Ruhestand noch rege aktiv in der Womens‘ Engineering Society (Link Englisch) und reiste um die Welt. Sie hatte sich Zeit ihres Lebens für das Recht der Frauen auf Bildung eingesetzt und hielt zu diesem Thema Vorträge, außerdem rief sie einen Wohltätigkeitsverband ins Leben, der Studentinnen an ihrem alten College finanziell bei Auslandsaufenthalten unterstützt.

Edith Anne Stoney starb 1938 mit 69 Jahren. Sie gilt heute als Pionierin der Medizinischen Physik.

Ausgerechnet die Newcastle University, an der sie nur kurz zusammen mit Parsons arbeitete, widmet ihr eine Biografie.

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Ebenfalls diese Woche

7. Januar 1863: Anna Murray Vail (Link Englisch)
Die Botanikerin studierte bei Nathaniel Lord Britton (Ehemann von Elizabeht Gertrude Britton) und war an der Gründung des New York Botanical Garden beteiligt, unter anderem als dessen erste Bibliothekarin.

9. Januar 1858: Elizabeth Gertrude Britton (Link Englisch)
Sie war mit ihrem Ehemann zeichnen mit der Erhebung von Spendengeldern maßgeblich verantwortlich für die Gründung des New York Botanical Gardens, außerdem war sie Mitbegründerin der Vorgängervereinigung der American Bryological and Lichenological Society. Mit 170 Schriften trug sie einiges zur Literatur über Moose bei.

12. Januar 1914: Doris Malkin Curtis (Link Englisch)
Die US-amerikanische Paläontologin, Stratigraphin und Geologin war die erste weibliche Präsidentin der Geological Society of America.

1/2020: Nicole-Reine Lepaute, 5. Januar 1723

Nicole-Reine Étable de la Brière Lepaute kam als sechstes von neun Kindern eines Kammerdieners der Louise Élisabeth d’Orléans auf die Welt (auch eine tragische Gestalt, die letztes Jahr einen runden Geburtstag gehabt hätte). Schon als Kind war sie intelligent und interessiert, angeblich blieb sie nächtelang wach und las jedes Buch in der Bibliothek des Palais de Luxembourg, in dem sie aufwuchs.

Mit 26 Jahren heiratete sie den königlichen Uhrmacher Jean-André Lepaute. Mit ihm zusammen konstruierte und baute sie eine astronomische Uhr, die 1753 der Académie des sciences vorgestellt wurde. Der Mathematiker und Astronom Jérôme Lalande prüfte diese Uhr und erteilte seine Anerkennung. Gemeinsam mit ihm und ihrem Mann schrieb Lepaute anschließend ein „Traktat über die Uhrmacherei“, allerdings allein unter dem Namen ihres Mannes. In Lalande hatte sie jedoch einen bedeutenden Fürsprecher, der ihren Beitrag zu den Berechnungen des Buches öffentlich hervorhob. Auf seine Empfehlung hin war sie daran beteiligt, das nächste Erscheinen des Halleyschen Kometen zu kalkulieren. Sechs Monate lang rechnete Lepaute zusammen mit Lalande und dem Mathematik-Kollegen Alexis-Claude Clairaut, bis sie im November 1758 mit der Vorhersage an die Öffentlichkeit traten, dass der Komet am 13. April 1759 erscheinen würde. Ihre Berechnungen waren um einen Monat falsch, weil die Existenz von Uranus und dessen Einfluss auf die Kometenlaufbahn noch unbekannt waren. Erst zwanzig Jahre später wurde dieser zufällig von Wilhelm Herschel (Bruder von Caroline Herschel) entdeckt.

Clairaut erwähnte Lepautes Beitrag zur Kometenberechnung nicht in seinen Schriften, worüber sich Lalande empörte. Lalande würdigte ihre Arbeit in einem Artikel und nannte sie „die hervorragendste weibliche Astronomin Frankreichs aller Zeiten“ (Quelle: Wiki).

Lepaute sollte weitere fünfzehn Jahre mit Lalande zusammenarbeiten, etwa an den Ephemeriden der Académie des sciences, wie der des Venustransits. Ebenso erstellte sie die Ephemeriden der Sonne, des Mondes und der Planeten des damals bekannten Sonnensystems für die Jahre 1774 bis 1784. Im Jahr 1762 sagte sie korrekt die Sonnenfinsternis des 1. April 1764 voraus und legte eine Karte an, in der die Zeiten und das Ausmaß der sichtbaren Verdunkelung für Europa eingezeichnet waren.

Lepaute selbst hatte keine Kinder, doch mit 45 Jahren adoptierte sie den Neffen ihres Mannes, Joseph Lepaute Dagelet. Sie unterrichtete ihn in Mathematik und Astronomie, so gut, dass er mit 26 Jahren Mathematikprofessor an einer Militärschule wurde und 1785, mit 34 Jahren, der gewählte Abgeordnete für Astronomie der Académie des sciences. Nicole-Reine Lepaute pflegte 21 Jahre lang ihren Mann, gegen Ende selbst erblindet, bis sie am 6. Dezember 1788, mit 65 Jahren, in Paris verstarb. Nach ihrem Tod schrieb Jérôme Lalande eine kurze Biografie über ihren Beitrag zum Stand der Astronomie.

Die Seite She is an Astronomer führt eine kurze Biografie zu Nicole-Reine Lepaute.

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Ebenfalls diese Woche

4. Januar 1963: May-Britt Moser
Sie erhielt 2014 mit anderen den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin für ihre Forschungen zu den Funktionsweisen von Neuronen, insbesondere bei der räumlichen Orientierung und dem räumlichen Gedächtnis.

48/2019: Emma Morano, 29. November 1899

Emma Morano wurde als ältestes von acht Kindern kurz vor dem Ende des 19. Jahrhunderts in einem Dorf in Piemont geboren.

Mit 19 Jahren litt sie an Anämie und ihr Arzt empfahl ihr, jeden Tag zwei Eier zu essen – roh oder gekocht. Daran hielt sie sich zeit ihres Lebens. Als sie 26 war, heiratete sie, ihr einziges Kind kam elf Jahre später auf die Welt und starb in den ersten Monaten. Ihr Ehemann schlug sie und sie warf ihn ein weiteres Jahr später hinaus.

Morano arbeitete in einer Jutefabrik und später in der Küche eines katholischen Internats, bis sie sich mit 75 Jahren zur Ruhe setzte.

Als am 12. Mai 2016 die US-Amerikanerin Susannah Mushatt Jones starb, wurde Emma Morano die älteste noch lebende Person der Welt und die letzte noch lebende Person, die nachweislich vor Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurde.

Sie war eine von den 15 Personen, die das 116. Lebensjahr erreichten, und zum Zeitpunkt ihres Todes am 15. April 2017 eine von 6, die das 117. Lebensjahr erreichten. Danach war Violet Brown aus Jamaika die älteste Person der Welt, seither abgelöst von mehreren Frauen aus Japan, USA, Frankreich und den Niederlanden.

Wie so oft liegt auch bei Emma Morano das Geheimnis eines langen Lebens nicht unbedingt in einer sehr gesunden Ernährung oder einem anderweitig übermäßig vorsichtigen Lebenswandel. Laut eines Artikels in USA Today, anlässlich es Todes von Mushatt Jones, gehörten rohe Eier weiterhin in die an Obst und Gemüse arme, sehr repetetive Diät von Morano. Ihr Arzt vermutet wenig überraschend eine genetische Komponente – viele der Frauen in Moranos Familie waren sehr langlebig, eine ihrer Schwestern wurde 102. Höchstens ihr sehr regelmäßiger Tagesablauf ließe sich anführen, sie ging jeden Tag vor 19:00 ins Bett und stand am nächsten Morgen vor 6:00 auf. Das und: Sie lebte nach der Trennung von ihrem Ehemann 79 Jahre lang allein.

45/2019: Barbara Liskov, 7. November 1939

Barbara Liskov, geboren in Los Angeles, studierte an der University of California, Berkeley Mathematik als Haupt- und Physik als Nebenfach (als eine von zwei Frauen im Jahrgang). Mit ihrem frisch erworbenen Bachelor-Grad bewarb sie sich 1961 an der gleichen Universität sowie in Princeton für ein vertiefendes Studium (graduate) in Mathematik. Princeton akzeptierte zu dieser Zeit noch keine weiblichen Studentinnen, in Berkeley hätte sie das Studium fortführen können, doch – wie sie im Video unten sagt – fühlte sie sich noch nicht bereit dafür, und entschied sich stattdessen dafür, sich eine Stelle zu suchen. Obwohl sie „nicht einmal wusste, dass es Computer gab“, wurde sie als Programmiererin eingestellt – da es in diesen frühen Zeiten der Comput-er noch keine Programmierer mit abgeschlossenem Studium gab, wurde jede:r, di_er das geringste Interesse oder Talent zeigte, für diese Tätigkeit eingestellt.

Sie wurde damit beauftragt, ein Programm in FORTRAN zu schreiben, was sie erfolgreich ausführte. Im Laufe eines weiteren Projekts beschloss sie, in diesem Bereich ihr Studium weiterzuführen. In ihren eigenen Worten (s.u.): „Ich stellte fest, dass ich einen Bereich gefunden hatte, der mir wirklich gefiel, und in dem ich wirklich gut war. (…) Ich hatte mir alles selbst beigebracht und obwohl ich sehr schnell lernte, dachte ich, ich könnte noch viel schneller lernen.“

Sie ging nach Stanford und war eine von wenigen, die dort in Studienfach der IT in diesem Jahr zugelassen wurden. Sie schrieb ihre Doktorarbeit dort über die Endspiel-Phase in Schach-Computerspielen. Nach Erlangen ihres Doktortitels schritt sie im Bereich der Informatik stetig weiter voran, war an der Entwicklung mehrerer Progrmmiersprachen beteiligt (CLU und Argus) und arbeitete an „objekt-orientierten Programmierungen“. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Jeannette Wing formulierte sie 1987 das nach ihr benannte Liskovsche Substitutionsprinzip. Das Kreis-Ellipse-Problem erläutert lebensnah(er), was genau die Problemstellung und die Lösung sind.

2008 erhielt Liskov für ihre Arbeit in diesem Bereich den Turing Award, sie erhielt außerdem 2004 die John-von-Neumann-Medaille und 2018 den Computer Pioneer Award. Sie erhielt den Ehrendoktortitel der ETH Zürich und ist Mitglied der National Academy of Engineering, Sciences und Arts and Sciences.

Im TED-Talk, den ich hier unten eingebettet habe, erzählt sie sehr anschaulich von ihrer eigenen beruflichen Entwicklung und der der Technik, nicht ohne den einen oder anderen Hinweis auf das Sexismus-Problem in ihrer Branche und der Welt im Ganzen.

28/2019: Suzanne Vega, 11. Juli 1959

Suzanne Vega hatte mit zwei Songs ihres zweiten Albums 1987 großen Erfolg: Das eine ein Lied, erzählend aus der Sicht eines misshandelten Kindes, das bei vielen Opfern häuslicher Gewalt Resonanz fand. Das zweite eine merkwürdig eingängige Melodie, komplett in a capella gesungen, das eine alltägliche Sitation in einem Restaurant in New York beschreibt: Tom’s Diner.

Dieses Lied wurde später in einem Remix mit elektrischen Beats und Synthesizerklängen unterlegt zum ersten gesamtdeutschen Nummer-1-Hit – in dieser Version löste es Matthias Reims Verdammt ich lieb Dich ab und hielt sich fast vier Wochen auf dem Spitzenplatz.

Viel interessanter ist die Rolle der A-Capella-Version jedoch in der Geschichte der elektronischen Datenformate. Schon Anfang der 1980er Jahre hatten Wissenschaftler am Fraunhofer IIS in Erlangen sowie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Nürnberg an der Entwicklung eines reinen Ton-Datenformats gearbeitet. 1992 wurde das MPEG3 oder mp3 als Teil des MPEG-1-Standards festgeschrieben. Es handelt sich dabei um Verfahren der Datenkompression, um etwa Filme oder eben Tondateien auf speicherbare Dateigrößen zu bringen. MPEG-1 ist das älteste und qualitativ niedrigste Dateiformat, speicherbar auf etwas, was sich Video-CD nannte; MPEG-2 ist das Dateiformat für Videomaterial auf DVDs. MPEG-3 oder mp3 sind im Prinzip die Ton-Anteile dieser beiden Formate als separate Datei.

Bei der Entwicklung der besten Kompression von Tondateien – also dem Verfahren, die Dateigröße möglichst niedrig zu halten bei einer möglichst hohen Qualität des Tones – stieß der Elektrotechnik-Ingenieur Karlheinz Brandenburg in einer Fachzeitung für Hi-Fi-Technik auf die Tatsache, dass das Lied Tom’s Diner von Tontechnikern zum Testen von Musik- und Lautsprecheranlagen verwendeten. Er übernahm den Song also auch dafür, an den Algorithmen seines Kompressionsverfahrens zu arbeiten. Aufgrund dieser Anekdote wird Suzanne Vega daher auch als ‚Mutter des mp3‘ bezeichnet.

In diesem Podcast von Grünes Glück erzählt sie, wie sie selbst nur durch Zufall von ihrem Titel erfuhr.

23/2019: Virginia Apgar, 7. Juni 1909

Schon als sie ihren High-School-Abschluss machte, wusste Virginia Apgar, dass sie Ärztin werden wollte. Sie belegte am College jedoch zunächst Zoologie mit den Nebenfächern Physiologie und Chemie; nach dem Abschluss in diesen Fächern vier Jahre später begann sie ihr Medizinstudium am der Columbia University College of Physicians and Surgeons. Als sie dort vier weitere Jahre später als viertbeste ihres Jahrgangs das Examen ablegte, war sie – 1933 – eine der ersten Frauen unter den Absolventen dort. Noch einmal vier Jahre als Assistenzärztin verbachte sie am NewYork-Presbyterian Hospital, um danach als Doktorin der Medizin anerkannt zu sein. Obwohl sie in dieser Zeit selbst an die zweitausend Operationen durchgeführt hatte und großes chirurgisches Talent bewies, riet ihr Mentor im Vorstand des Krankenhauses ihr davon ab, eine Karriere als Chirurgin weiterzuverfolgen. Nach seiner Erfahrung konnten Frauen in diesem Berufsfeld nicht Fuß fassen, Apgar selbst konstatierte in offensichtlicher Unkenntnis dessen, was wir heute als internalisierte Misogynie kennen: „Frauen wollen nicht von einer Chirurgin operiert werden. Nur Gott weiß, warum.“ (Quelle: Wikipedia).

Der Rat ihres Mentors war jedoch wohlwollend und legte den Grundstein nicht nur für die erfolgreiche Karriere Virginia Apgars, sondern auch für die Überlebenschancen von neugeborenen Säuglingen. Sie folgte dem Vorschlag, sich der Anästhesiologie zu widmen, die 1935 noch in den Kinderschuhen steckte. Dort könne sie mit ihrer Energie und ihrem Können eine großen Beitrag leisten. So absolvierte Apgar in der ersten anästhesiologischen Abteilung der USA an der University of Wisconsin-Madison ein sechsmonatiges Praktikum und ein nochmals sechs Monate dauerndes Studium zum Thema in einem Krankenhaus in New York. Zum Ende des Jahres 1937 erhielt sie schließlich ihr Zertifikat als Anästhesiologin (Anästhesistin?), als die erste Frau überhaupt.

Gleich im Folgejahr wurde sie Abteilungsleiterin der Anästhesiologie an der Columbia University und begründete dort die Anfänge für dieses neue medizinische Fachgebiet. Bis zu diesem Zeitpunkt war Betäubung in den Operationssälen Sache der Krankenschwestern gewesen, viele Chirurgen taten sich daher anfangs schwer, eine:n gleichwertige:n Kolleg:in im OP zu akzeptieren, der mit anästhesiologischem Expert:innenblick das Wohl der Patient:innen überwachte. Apgar betreute die neugegründete Abteilung als administrative Leiterin, Koordinatorin, Unterrichtende und Personalbeauftragte. In den 1940er Jahren hatte sie große Schwierigkeiten mit den finzanziellen Mitteln wie auch mit der personellen Versorgung, insbesondere nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg. Nach dem Ende des Krieges jedoch kehrten Mediziner mit erneuertem Interesse an den Möglichkeiten schmerzfreier Behandlung in die USA zurück und die Probleme der Abteilung lösten sich. Als 1949 aus der anästhesiologischen Abteilung des medizinischen Fachbereichs ein eigener Fachbereich gemacht wurde, wurde Apgar jedoch nicht die Leitung übertragen, da sie neben der Arbeit, die sie geleistet hatte, nicht auch noch ausreichend Forschungsarbeit betrieben und veröffentlicht hatte. Zur Entschädigung wurde sie zur ersten Professorin der Anästhesiologie ernannt. In dieser Position arbeitete sie bis 1959 an der Columbia University.

Als Anästhesistin war sie auch im Bereich der Geburtshilfe tätig, ihre Forschungsarbeiten als Professorin führte sie an der angeschlossenen Frauenklinik durch. Seit den 1930er Jahren war die Sterblichkeitsrate von Neugeborenen bereits stetig gesunken, doch Apgar stellte fest, dass die Zahl der Säuglingstode innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Geburt weiterhin konstant blieb. Direkt nach dem Verlassen des Mutterleibes wurden die Kinder meist den unerfahrensten Mitarbeitern im Kreißsaal übergeben und Untersuchungs- oder Behandlungsverfahren wie das Befreien der Atemwege waren noch nicht üblich. Virginia Apgar beschäftigte sich mit Methoden, wie Neugeborene gleich in den ersten Lebensminuten auf ihre Gesundheit oder Gefährdung hin untersucht werden könnten, um akute Probleme umgehend zu beheben. Den APGAR-Score, der heute noch in den meisten Kreißsälen der Welt als Ersteinschätzung für den Gesundheitszustand von Säuglingen üblich ist, entwickelte sie einer Anekdote zufolge halbwegs spontan auf die Frage eines Assistenten hin, wie systematisch und schnell der Zustand eines Neugeborenen beurteilt werden könnte. Sie richtete sich nach den gleichen Faktoren, anhand derer Anästhesist:innen den Gesundheitszustand ihrer betäubten Patient:innen beurteilten: Herzfrequenz, Atmung, Muskeltonus, Reflexantwort auf Stimulation und Hautfarbe. Im Deutschen hat sich das folgende Backronym aus dem Namen der Erfinderin ergeben:

Atmung
Puls
Grundtonus
Aussehen
Reflexe

Für jeden dieser Faktoren können von null bis zwei Punkte vergeben werden, bis zu einem APGAR-Score von zehn Punkten; ein fehlender Punkt wird meist für die anfängliche, aber nicht gefährliche bläuliche Hautfarbe vergeben, die sich kurz nach den ersten eigenen Atemzügen wieder gibt. Mit einem Score von 7 bis 8 gelten Säuglinge als „lebensfrisch“, bei 5 bis 8 Punkten als gefährdet, je nach ersten Werten kann die Untersuchung in Abständen von fünf Minuten wiederholt und gegebenenfalls eine Verbesserung festgestellt werden. Unter 5 Punkten sind Neugeborene akut lebensgefährdet – eine Tatsache, die bis dahin so nicht medizinisch festgestellt wurde. Nach dieser einfachen Untersuchung ließen sich Babys in ihren ersten Momenten einschätzen und dementsprechend umgehend versorgen.

Apgar prüfte die Gültigkeit ihres Untersuchungsverfahrens selbst an tausenden Säuglingen, 1952 stellte sie es auf dem 27. Ärtzekongress der Anästhesisten vor, anschließend veröffentlichte sie ein Forschungspapier und einen Artiekl dazu. Bald darauf wurde der APGAR-Score in vielen amerikanischen Krankenhäusern eingeführt, in den 1960er Jahren folgte Europa und bis ins 21. Jarhundert hinein bleibt diese Form der Neugeborenen-Fürsorge weltweit gängig.

1959 ließ Apgar sich von der Professor:innenstelle an der Columbia University beurlauben und nahm ein Studium im Fach Public Health auf, den Master darin erlangte sie im gleichen Jahr. Im Anschuss daran wurde sie Vorsitzende der Stiftung March of Dimes, die sich mit der Gesundheit Neugeborener befasst. Sie füllte diese Position erfolgreich aus, konnte den Betag an Spendengeldern für die Stiftung deutlich steigern und hielt Vorträge rund um die Welt. Die Verhinderung von Geburtsschäden und langfristigen Folgen von Frühgeburten waren dabei ihr vordringlichstes Thema, doch sie unterstützte auch die Rötelnimpfung – eine Rötelnerkrankung während der Schwangerschaft kann zu schweren Fehlbildungen beim ungeborenen Kind führen. Die Epidemie in den USA in den Jahren 1964 bis 1965 hatte es zwölfeinhalb Millionen Erkrankte gegeben; in 11.000 Fällen hatten die Röteln zu Fehlgeburten oder therapeutischen Abtreibungen geführt, in 20.000 Fällen zu einer Ansteckung der Säuglinge im Mutterleib mit gesundheitlichen Schäden (CW: Link mit Bildern). 2.100 Kinder starben kurz nach der Geburt, 12.000 Kinder wurden taub, 3.580 Kinder erblindeten, 1.800 Kinder erlitten kognitive Beeinträchtigungen.

Anfang der 1970er Jahre schrieb sie mit einer Autorin das Buch Is My Babay Alright, ein Ratgeber für junge Mütter. Sie schrieb in ihrem Leben mehr als 60 wissenschaftliche Artikel, erhielt mehrere Ehrendoktortitel und Medaillen für ihre Arbeit in der Säuglingsgesundheitsfürsorge. Mit 65 Jahren erlag sie einer Leberzirrhose.

Sie war keine ausgesprochene Feministin mit der Haltung, dass Frauen befreit seien von dem Moment an, in dem sie den Mutterleib verlassen. Obwohl sie selbst von der Ungleichbehandlung der Frauen, insbesondere in Gehaltsfragen, frustriert war und in ihrer Biografie ja auch unleugbar betroffen, hielt sie sich von Organisationen der Frauenbewegung fern. Nichtsdestotrotz lieferte sie einen sehr schönen Satz der Emanzipation als Begründung, warum sie nie geheiratete hatte: „Ich habe eben keinen Mann gefunden, der kochen kann.“ (Quelle: Wikipedia)

Die U.S. National Library of Medicine führt eine ausführliche Biografie zu Virginia Apgar.

22/2019: Anne Shymer, 30. Mai 1879

Der Vater war Anwalt in Logansport, Indiana, die Schwester wurde Romanautorin und Drehbuchautorin in Hollywood; Anne Shymers Interesse an Chemie förderte die Mutter. Nach einem Studium heiratete die geborene Justice einen wohlhabenden Mann, mit dem sie in Großbritannien lebte. Als dieser 1910 starb, kehrte die junge Witwe nach Amerika zurück. In New York City stieg sie wieder in ihren Beruf als Chemikerin ein und konnte bei den Forschungen ihrem Privatlabor bald große Erfolge verbuchen. Sie heiratete 1911 erneut, einen Briten namens Shimer, doch die Ehe hatte keinen Bestand – vier Wochen später ließ sich Anne wieder scheiden, sie behielt den Namen, änderte ihn jedoch in die amerikanische Schreibweise Shymer. Unter diesem Namen gründete sie die United States Chemical Company, für die sie unter anderem ein Textilbleichmittel und ein Desinfektionsmittel entwickelte, das in Krankenhäusern zum Einsatz kommen sollte.

Sie wurde mit diesen Errungenschaften weltberühmt; der Hof-Physiker Georges V. äußerte sich beeindruckt von ihrer Person und der britische Premierminister Herbert Asquith lud sie nach London ein. Den Aufenthalt in London wollte sie auch dazu nutzen, geschäftliche Kontakte zu gewinnen, und so schiffte sie am 1. Mai 1915 von New York nach Liverpool ein – auf der RMS Lusitania.

Diese fuhr weiterhin ihre transatlantische Strecke, trotz der Warnungen durch Kaiser Wilhelm II., dass sich das Deutsche Reich unter anderem mit Großbritannien im Krieg befand und dass sich Schiffe, die in die Kriegsgebiete fuhren, in Gefahr befanden, von U-Booten torpediert zu werden. Und so wurde die RMS Lusitania dann auch am 7. Mai 1915 vor der Küste Südirlands von U-Boot-Torpedos abgeschossen und sank. Bei dem Unglück starben 1.198 Menschen, darunter Anna Shymer. Es gelang ihr noch, in ihre Kabine zurückzukehren und ihren gesamten Schmuck anzulegen; als ihre Leiche als Nr. 66 geborgen und später identifiziert wurde, trug sie Geschmeide im Wert von 4.000 Dollar an sich. Während Shymers Leichnam sicher in die USA überstellt wurde, verschwand ihr Schmuck irgendwo auf dem Weg zwischen Irland und der amerikanischen Botschaft in London und ist bis heute nicht mehr aufgetaucht.

Der Untergang der Lusitania und die Proteste der amerikanischen Regierung gegen die Torpedierung sorgte für die Einstellung des „uneingeschränkten U-Boot-Krieges“ durch das Deutsche Reich, bis zum Februar 1917; dann traten auch die USA, als langfristige Folge unter anderem der Torperdierung der Lusitania, in den Weltkrieg ein.

Shymers Mutter und Schwester klagten auf Schadensersatz bei der Schiffahrtslinie, ebenso ihr geschiedener Mann. Da er allerdings zum Zeitpunkt ihres Todes bereits vier Jahre von ihr getrennt war, wurde seiner Klage nicht entsprochen. Ihrer Familie wurden zehn Jahre nach ihrem Tod gemeinsam 7.527 Dollar zugesprochen; ihre Mutter war zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben.

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