Kategorie: Wissenschaft+Forschung

20/2019: Kate Marsden, 13. Mai 1859

Über die Kindheit von Kate Marsden ist nicht viel bekannt, außer dass sie früh verwaiste. Mit 16 Jahren wurde sie Krankenschwester, eine Tätigkeit, die sie mit 18 bereits nach Bulgarien brachte, wo sie für das Rote Kreuz im Russisch-Osmanischen Krieg Verwundete versorgte. Dort begegnete sie den ersten Leprakranken (Link TW Bild) ihres Lebens, die sie davon überzeugten, dass die Heilung der Krankheit ihre Lebensaufgabe sei. Der Lepraerreger war erst wenige Jahre zuvor entdeckt worden; Lepröse wurden noch immer als unheilbar, vor allem aber hochansteckend betrachtet und lebten daher meistens unter extrem schlechten hygienischen Bedingungen, von der restlichen Gesellschaft verstoßen.

Nach dem Ende des Krieges kehrte sie zunächst nach England zurück, um ihre an Tuberkulose erkrankten Geschwister zu pflegen. Auch ihre Schwester in Neuseeland litt daran und so reiste Marsden 1884 mit ihrer Mutter dorthin. Nach dem Tod der Schwester verblieb sie zunächst in Wellington und leitete ein Krankenhaus, außerdem gründete sie die erste Zweigstelle der Johanniter in dem Inselstaat. Dann starb 1889 der „Apostel der Leprakranken“ Pater Damian, ein in der Sache besonders engagierter Geistlicher, der auf der hawai’ianischen Insel Moloka’i gearbeitet hatte. Marsden kehrte nach England zurück mit dem Wunsch, in den englischen Kolonien seine Arbeit fortzusetzen. Als sie im Folgejahr vom Roten Kreuz eine Einladung nach Sankt Petersburg erhielt, um von Zarin Maria Feodorowna einen Orden für ihre Aufopferung im Russisch-Osmanischen Krieg verliehen zu bekommen, bot sich ihr eine große Chance. Vor ihrer Abreise ersuchte sie ein Unterstützungsschreiben der Königin Victoria und deren Schwiegertochter Alexandra von Dänemark, die auch die ältere Schwester der Zarin war. Mit diesen Schreiben ausgestattet reiste sie nach Sankt Petersburg und erlangte dort nicht nur einen offiziellen Brief der Zarin, der ihre Forschungen zur Lepraheilung in Russland unterstützte, sondern auch finanzielle Förderung dafür.

Mit diesen Hilfsmitteln ausgestattet, kehrte sie zuerst nach England zurück, schiffte sich dann nach Ägypten ein und reiste über Alexandria, Jaffa, Jerusalem und Zypern nach Konstantinopel. Dort traf sie auf einen englischen Arzt, der ihr von einem angeblichen Heilkraut gegen Lepra erzählte, das in Sibirien zu finden sei. Nach dieser Begegnung reiste Marsden erneut nach Moskau, um von dort aus mit weiterer Unterstützung der Zarin und in Begleitung einer Übersetzerin nach Sibirien aufzubrechen. Ihr Reisegepäck beinhaltete so viele Schichten an Kleidung, dass sie in voller Montur ihre Knie nicht mehr beugen konnte und von drei Männern in den Schlitten gehoben werden musste, außerdem 18 Kilogramm Christmas Pudding – mit dem einfachen Argument, dass dieser ein unverderbliches Nahrungsmittel darstellte und sie ihn gerne aß.

Moskau - Irkutsk - zu Fuß
Google Maps: Auf dieser Route gibt es eine Fährstrecke. Diese Route verläuft durch Kasachstan. Dein Ziel liegt in einer anderen Zeitzone.

Die Reise der beiden Frauen dauerte zwei Monate allein bis Omsk (Google gibt auch heute für die Reisedauer zu Fuß 508 Stunden an). Dort musste Marsden wegen Krankheit pausieren und ihre Übersetzerin warf gänzlich das Handtuch. Nach der Genesung setzte die entschlossene Krankenschwester ihre Mission nach Jakutien alleine (also ohne Begleitung außerhalb der rekrutierten Einheimischen) fort. Das zweite Drittel ihrer Reise führte sie nach Irkutsk am Baikalsee, wo sie ein Kommittee zur Bekämpfung der Lepra gründete; schließlich brachte sie das letzte Drittel bis Jakutsk an der Lena, von wo aus sie sich noch in das nördliche Sibirien vorwagte – auf dem Pferd, teilweise abenteuerlich durch brennende Torffelder, auf der Suche nach dem Wunderkraut. Während ihrer ganzen Reise half sie neben Leprakranken auch anderen Bedürftigen, wie Strafgefangenen auf dem Weg ins Exil, insbesondere den Frauen darunter.

Sie fand in den Tiefen Sibiriens wohl ein Kraut, kutchutka, das dort gegen die Symptome der Lepra verwendet wurde, doch weit entfernt von einem Heilmittel war. Nach elf Monaten Reise durch Russland kam sie wieder in Moskau an und begann sofort, Spenden zu sammeln für eine Leprastation, in der Erkrankte unter menschenwürdigen Bedingungen versorgt werden könnten. Zurück in England, erhielt sie von Queen Victoria eine Brosche in Form eines Engels und sie wurde als eine der ersten weiblichen Fellows in die Royal Geographical Society aufgenommen. Im Folgejahr brachte sie ihren Reisebericht On Sledge and Horsback to Ouscast Siberian Lepers heraus, außerdem hielt sie diverse Vorträge, in denen sie auf die Zustände in den sibirischen Leprakolonien aufmerksam machte und Spenden sammelte. 1895 konnte dann in Wiljuisk eine moderne Leprastation nach ihren Plänen erbaut werden.

Ihr Ruhm als Abenteurerin und Erfolg als Wohltäterin zog jedoch Missgunst auf sich. Einige Kritiker meinten, es sei unglaubwürdig, dass sie als Frau diese ausgesprochen schwierige Reise angetreten und überstanden hätte. Schlimmer jedoch für ihre Position waren zwei Vorwürfe, die sie moralisch fragwürdig erscheinen ließen. Einerseits warf ihr eine ehemalige Reisegefährtin aus der Zeit in Neuseeland vor, eine Betrügerin zu sein, die womöglich auch die Spendengelder für die Leprakranken für den eigenen finanziellen Gewinn nutze. Eine amerikanische Russland-Expertin, Isabel Hapgood, griff diese Vorwürfe auf und bezichtigte Mardsen öffentlich der Veruntreuung. Auch wenn Marsden tatsächlich in ihrem Privatleben nicht den zuverlässigsten Umgang mit Geld, insbesondere Schulden hatte, konnten die Untersuchungskommissionen – sowohl in England wie in Russland – keine Unregelmäßigkeiten in ihrer Verwendung der Spenden feststellen. Nichtsdestotrotz war ihr Ruf als Wohltäterin geschädigt.

Diese üble Nachrede hätte Marsden vielleicht überstehen können, insbesondere nach der offiziellen Unschuldserklärung, doch sie ging Hand in Hand mit einem weniger juristischen als moralischen Vorwurf. Unter anderem die ehemalige Reisebegleiterin, aber auch ein engslischsprechender Pastor in Sankt Petersburg berichteten von der Homosexualität Marsdens – und Marsden selbst gab zu, die Avancen anderer Frauen nicht abgewiesen zu haben. Zwar war weibliche Homosexualität in England im Gegensatz zu männlicher nicht strafbar, aber gutgeheißen wurde sie auch nicht. William T. Stead, der erste Vertreter des investigativen Journalismus, war an vorderster Front bei der Schmierkampagne gegen Marsden. Sie dachte über eine Verleumdungsklage gegen den Sankt Petersburger Pastor nach und, nachdem dieser die Ergebnisse der russischen Spendenkommission als „Schönfärberei“ abtat, strengte auch eine solche an, doch ihre finanzielle Situation machte es unmöglich, diese juristische Handhabe weiterzuverfolgen. An Oscar Wilde, der im gleichen Jahr mit einer Verleumdungsklage scheiterte und vom Kläger zum Angeklagten wurde (später für Unzucht mit Prostituierten zu zwei Jahren harter Zwangsarbeit verurteilt, die langfristig seinen Tod verursachte), hatte sie ein warnendes Beispiel für die hohen Kosten und gleichzeitig schlechten Erfolgschancen einer solchen Klage.

Marsden führte ihre Arbeit noch einige Zeit weiter, doch konnte sie sich vom Ansehensverlust nicht erholen. 1914 war sie noch ursprünglich an der Gründung eines Museums in Bexhill beteiligt, zu dessen Sammlung sie selbst Stücke beitrug und sie überzeugte einen Bekannten, seine ägyptischen Artefakte zur Verfügung zu stellen, außerdem organisierte sie Versammlungen zur Unterstützung des Museums. Dann kontaktierte der Bürgermeister der Stadt das Gründungskommittee und wies auf den Jahre zurückliegenden Skandal in Marsdens Geschichte hin. Daraufhin musste sie sich von ihrer Tätigkeit zurückziehen, weil sie „nicht geeignet“ sei, Spenden zu verwalten.

1921 schrieb sie noch eine Verteidigungsschrift, My Mission in Sibiria, A Vindication, um gegen die Unterstellungen und ihren Ansehensverlust vorzugehen, blieb jedoch erfolglos. Sie starb demenzkrank 1931 in London.

Das Krankenhaus, das sie in Jakutien gründete, wurde 1962 geschlossen, doch Marsden wird dort noch immer erinnert und verehrt. Ein 55-Karat schwerer Diamant, der in Jakutien gefunden wurde, erhielt nach ihr den Namen Sister of Mercy Kate Marsden. Atlas Obscura (Link engl.) hat einen ausführlichen Artikel zu ihr online, einen Teil ihres Reiseberichts, der sich zu lesen lohnt, ist bei thelongridersguilt (Link engl.) zu finden.

19/2019: Hilde Levi, 9. Mai 1909

Religion spielte in ihrem Leben nur als Hindernis zum Glück eine Rolle: Schon Hilde Levis Eltern lebten als assimilierte Juden in Frankfurt am Main, sie selbst lehnte nach erzwungenem Religionsunterricht in der weiterführenden Schule früh die Religion für sich ab. Zu dieser Haltung trug sicherlich auch ihre wissenschaftliche Weltansschauung bei; ihr Abitur machte sie 1928 als einziges Mädchen ihres Jahrgangs in Physik. Nach ihrem Abschluss verbrachte sie zunächst ein halbes Jahr in England und begann dann an der Münchener Universität Physik und Chemie zu studieren. Bereits zwei Jahre später wechselte sie für ihre Promotionsarbeit an das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physikalische Chemie und Elektrochemie in Berlin-Dahlem. Dort bestand sie 1934 noch ihre Doktorprüfung, doch da die Nationalsozialisten im Jahr zuvor an die Macht gewählt worden waren, überschattete ihre jüdische Familiengeschichte ihr ganzes Leben. Aufgrund des Arierparagraphen hatte sie keinerlei berufliche Aussichten, sämtliche ihrer Lehrer und Mentoren waren bereits emigriert. Schließlich löste ihr Verlobter, der Physiker Hans Bethe, zwei Tage vor der Hochzeit die Verbindung, auf Anraten seiner Mutter, die selbst jüdischer Abstammung war. Diese Entscheidung schockierte die Kollegen des Paares, insbesondere die ebenfalls jüdischen Niels Bohr und James Franck, die lebenslang persönliche Vorbehalte gegen den späteren Nobelpreisträger hegten. (In Bethes Wikipedia-Eintrag ist im übrigen weder von seiner privaten Verbindung zu Hilde Levi noch von dieser Entscheidung gegen ihre Ehe die Rede, die immerhin dazu führte, dass Bethe bis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nie an das Niels-Bohr-Institut eingeladen wurde, obwohl er ein führender Physiker der Zeit war.)

Die International Federation of University Women und Niels Bohr selbst vermittelten Levi eine Assistenzstelle bei James Franck, der selbst erst vor kurzem nach Kopenhagen emigriert war; er kannte zwar Levi bis dahin nicht persönlich, aber ihre Doktorarbeit über Spektren der Alkalihalogen-Dämpfe, deren wissenschaftlichen Wert er hoch einschätzt. Ihre Promotionsurkunde musste ihr Bruder ihr Monate nach ihrer Ausreise für sie in Empfang nehmen. Levi arbeitete für Franck, bis dieser 1935 Kopenhagen verließ, danach arbeitete sie als Assistentin des ebenfalls aus Deutschland emigrierten ungarischen Chemikers George de Hevesy. Die Entdeckung der Aktivierung, also induzierter Radioaktivität, durch das Ehepaar Joliot-Curie 1935 inspirierte de Hevesy und Levi zur Bestrahlung seltener Erden. Ihre Entdeckungen bei dieser Arbeit führten zur Entwicklung der Neutronenaktivierungsanalyse, mit der zum Beispiel 1961 ermittlet wurde, dass Napoléon zumindest an Arsenvergiftung litt, wenn nicht sogar daran starb.

1938 wurde Levi in Deutschland der Doktortitel aberkannt, ohne Angabe von Gründen, im gleichen Jahr musste sie ihren deutschen Pass in der Botschaft in Kopenhagen abgeben. Sie konnte mit de Hevesy bis 1940 weiter am Niels-Bohr-Institut arbeiten; nach der Besetzung Dänemarks durch die deutsche Wehrmacht wechselte sie zunächst innerhalb Kopenhagens an das Carlsberg-Institut. 1943 begannen die deutschen Besatzer jedoch auch in Dänemark, Juden zu deportieren, und Levi floh mit vielen anderen nach Schweden. Dort konnte sie bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges an einem Institut für experimentelle Biologie arbeiten.

Nach Kriegsende kehrte Levi nach Kopenhagen zurück und begann, unter August Krogh am Zoophysiologischen Institut der Universität Kopenhagen an radiobiochemischen Forschungen zu arbeiten. Bei einem Aufenthalt in den USA lernte sie die Radiokarbonmethode zur Altersbestimmung von Stoffen kennen, die Willard Libby 1946 entwickelt hatte. Sie entwickelte darauf aufbauend am Dänischen Nationalmuseum die erste Messeinrichtung für C14-Datierung, mit der kurz darauf das Alter des Grauballe-Mann ermittelt werden konnte. (Auch in diesem Wikipedia-Beitrag ist nicht die Rede von Levi, sondern Libby selbst wird als derjenige genannt, der die Untersuchung durchgeführt habe. Siehe Matilda-Effekt.)

Levi beriet die dänische Gesundheitbehörde zum Thema Strahlenschutz und lehrte 19 Jahre lang an der Universität Kopenhagen. Nach ihrer Pensionierung 1979 war sie am Aufbau des Niels-Bohr-Archivs beteiligt und arbeitete den wissenschaftlichen und persönlichen Nachlass de Hevesys auf. 2001 nahm sie an einem Treffen an der Humboldt-Universität teil, zu dem die Wissenschaftler geladen worden waren, die nach 1933 entlassen worden waren und Deutschland nachfolgend verlassen mussten. Sie starb 2003 im Alter von 94 Jahren in Kopenhagen.

Das Jewish Women’s Archive führt eine Biografie von ihr, das Niels-Bohr-Archiv ebenfalls. Auf der Seite des American Institute of Physics findet sich das Transkript eines Interviews mit ihr von 1971.

17/2019: Rita Levi-Montalcini, 22. April 1909

Rita Levi-Montalcini und ihre Zwillingsschwester Paola waren die jüngsten Kinder von vieren einer sephardischen Familie. Ihr Vater Adamo Levi war Ingenieur und Mathematiker, ihre Mutter Adele Montalcini Malerin. Wie Paola, die später Künstlerin wurde, war Rita zunächst musisch interessiert, doch als ihr Kindermädchen an Magenkrebs erkrankte und starb, beschloss sie, Medizin zu studieren.

Anfänglich gegen den Willen ihres Vaters, doch später mit der Unterstützung der Familie schloss sie ihr Studium in Turin 1936 ab und verblieb an der Universität, um als wissenschaftliche Mitarbeiterin den Histologen Giuseppe Levi zu unterstützen. 1938 führte Benito Mussolini, gestützt auf das ‚Manifest der rassistischen Wissenschaftler‚, die italienischen Rassengesetze ein, die Juden unter anderem eine akademische Karriere unmöglich machten. 1938 bis 1940, bevor die Deutschen einmarschierten, arbeitete sie als Gastwissenschaftlerin an einem neurologischen Institut in Brüssel. Von dort kehrte sie zunächst nach Turin zurück, später floh sie mit ihrer Familie abermals vor den Deutschen nach Florenz.

Da sie nicht offiziell an einer Universität forschen konnte, richtete sie sich kurzerhand Labore in ihren Wohnungen ein. In diesen Behelfslaboren begann sie die Forschungsarbeit, für die sie später berühmt werden sollte. Nach dem Krieg unterstützte sie Gesundheitsorganisationen der Alliierten, um gegen Epidemien und Seuchen in Flüchtlingslagern vorzugehen. 1946 erhielt sie ein Stipendium für ein Forschungssemester an der Washington University in St. Louis. Der ebenfalls vor der Judenverfolgung geflohene deutsche Entwicklungsbiologe Victor Hamburger interessierte sich für ihre Forschungen, über die sie in zwei Wissenschaftsmagazinen veröffentlicht hatte. Nachdem es ihr gelang, ihre Forschungsergebnisse in seinem Labor zu reproduzieren, bot er ihr eine Stelle als außerordentliche Professorin an der Universität, die sie für 30 Jahre lang innehaben sollte. 1962 eröffnete sie ein weiteres Labor in Rom und teilte anschließend ihre Zeit zwischen dem amerikanischen unr europäischen Standort auf.

Sie untersuchte das Wachstum von Nervenzellen an Krebstumoren, indem sie Tumorzellen in Hühnerembryonen einbrachte und beobachtete, wie sich Nerven um den Tumor herum bildeten, aber niemals in die Richtung der Blutzufuhr zum Tumor hin; sie schloss daraus, dass der Krebs selbst die Signale für das Nervenwachstum aussandte. Es gelang ihr schließlich, gemeinsam mit dem Biochemiker Stanley Cohen, das Protein zu isolieren, das NGF – nerve growth factor, Nervenwachstumsfaktor – genannt wird. Für diese Arbeit erhielten Levi-Montalcini und Cohen 1986 den Nobelpreis für Medizin und Physiologie.

In den 1990ern stand sie im Mittelpunkt einer Kontroverse um die beschleunigte Freigabe eines Medikaments, zugunsten eines Pharmazeutikherstellers, nachdem überdurchschnittlich viele Patienten nach der Verwendung am Guillain-Barré-Syndrom erkrankten.

In den Jahren zwischen 1966 bis 2011 erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, Medaillen und Ehrendoktortitel. Ein Asteroid wurde nach ihr benannt, 2001 wurde sie als zweite Frau zur Senatorin auf Lebenszeit im italienischen Senat ernannt. Ab 2005 war sie die älteste noch lebende Nobelpreisträgerin, ab 2008 die älteste aller Nobelpreisträger•innen überhaupt und sie wurde die erste Person, die einen Nobelpreis erhielt und über 100 Jahre alt wurde.

2012 starb sie im Alter von 103 – ein Leben, der Forschung gewidmet und gänzlich ohne Sehnsucht nach Ehe oder Kindern.



14/2019: Judith Resnik, 5. April 1949

Judith Resnik war schon als kleines Kind hoch talentiert. Ihre Eltern waren vor der Judenverfolgung in der Ukraine geflüchtet; ihr Vater sprach acht Sprachen und hatte im Zweiten Weltkrieg in der US-Armee gedient.

Resnik brillierte in Sprachen und Mathematik und hätte auch eine Karriere als Konzertpianistin verfolgen können; nachdem sie ihre SATs (den standardisierten Hochschultest in den USA) mit einem perfekten Ergebnis bestanden hatte, bekam sie Angebote der renommiertesten Universitäten des Landes. Sie war im Jahr 1966 das einzige Mädchen mit der vollen Punktzahl bei dem Test und insgesamt eine von nur 16 weiblichen Testabsolventinnen, der dies bisher gelang. Sie begann Mathematik an der Carnegie Mellon University zu studieren, bis zu ihrem zweiten Studienjahr entwickelte sie allerdings Interesse an dem praktischeren Feld der Elektrotechnik. Mit 21 machte sie in diesem Gebiet ihren Bachelor of Science, sieben Jahre später erreichte sie darin einen Doktortitel.

Nach ihrem B.S. hatte Resnik eine Stelle bei RCA angetreten, wo sie unter anderem an Höhenforschungsraketen und Telemetriesystemen für die NASA arbeitete, durch eine Forschungsarbeit fiel sie dabei auch den Verantwortlichen für die Besatzung des Shuttle-Programms auf. Nebenbei machte sie einen Pilotenschein, ab 1974 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Labor für Neurophysiolgie der National Institutes of Health. 1977, nach Erlangen des Doktortitels, arbeitete sie als Systemtechniker bei Xerox.

Im gleichen Jahr bewarb sie sich um die Teilnahme an der Space Shuttle Mission als Astronautin, ihr Mentor und Dekan ihrer Universität ermunterte sie dazu. Im Januar 1978 wurde sie als eine von sechs Frauen für das Programm ausgewählt – die Förderung von Frauen als Astronautinnen in dem Programm stand unter der Schirmherrschaft von Nichelle Nichols. Eine der anderen Astronautinnen war Sally Ride, die als erste US-Amerikanerin einen Weltraumflug unternehmen sollte; Resnik war enttäuscht, dass sie nicht die erste wurde, als Ride 1983 ins All startete. Sie nahm dafür ein Jahr später am Jungfernflug der Discovery teil und wurde damit die erste jüdische Frau im Weltraum. Resnik untersuchte während des einwöchigen Weltraumaufenthalts die Möglichkeit, Strom für zukünftige Weltraummissionen über Solarpanels zu gewinnen.

Am 28. Januar 1986 sollte Resnik mit sechs anderen Astronauten zu ihrem zweiten Weltraumbesuch kommen, es sollten Satelliten ausgesetzt werden, um den Halleyschen Kometen zu beobachten. Doch 73 Minuten nach dem Start brach die Challenger aufgrund einer defekten Dichtung auseinander. Was anschließend wie eine Explosion aussah, waren tatsächlich vorher komprimierte Gase, die sich nur explosionsähnlich ausdehnten – der Cockpitbereich mit den sieben Besatzungsmitgliedern blieb dabei unversehrt. Ob sie durch die plötzliche Dekompression ihrer Kapsel starben, als das Cockpit von der Rakete weggeschleudert wurde, oder erst, als sie damit fast drei Minuten später auf dem Atlantik aufprallten, ließ sich im Nachhinein nicht mehr feststellen.

Resniks Überreste waren die ersten, die identifiziert wurden. Sie wurde eingeäschert und ihre Asche in der Nähe des Aufprallortes im Ozean verteilt.

Eine umfassende Biografie auf Englisch findet sich im Jewish Women’s Archive.

9/2019: Bertha Pappenheim, 27. Februar 1859

Bertha Pappenheim

Bertha Pappenheim, geboren als Tochter wohlhabender jüdicher Eltern in Wien, lebte ein volles Leben, geteilt in zwei sehr unterschiedliche Abschnitte.

Ihre Kindheit war von einem schweren Verlust geprägt: Als Bertha acht Jahre alt war, starb ihre zehn Jahre ältere Schwester Henriette an Tuberkulose. Außerdem musste sie mit 16 Jahren die Schule verlassen, um ihrer Mutter im Haushalt zu helfen; dass ihr jüngerer Bruder weiterhin seine Bildung fortsetzen durfte, war eine weitere Verletzung für die junge Frau.

In der Sommerfrische 1880, die die Familie Pappenheim in Bad Ischl verbrachte, erkrankte ihr Vater schwer. Während einer Nachtwache an seinem Bett halluzinierte die besorgte Pappenheim und erlitt etwas, was damals als „Hysterie“ bezeichnet wurde – heute würde es als Nervenzusammenbruch gelten, der sich als dissoziative Identitätsstörung äußert.

Sie verlor ihre Sprache zeitweise ganz, zeitweise sprach sie nur noch Englisch oder Französisch, wobei sie jedoch weiterhin Deutsch verstand. Sie litt an Nervenschmerzen, Sehstörungen und Lähmungserscheinungen, konnte oder wollte zeitweise nicht essen, wechselte zwischen depressiven, ängstlichen Phasen und Zeiten der Gelöstheit, doch erinnerte sich jeweils in der einen Phase nicht an Ereignisse der anderen.

Erst nach mehreren Monaten dieses Leidens zog die Familie den Arzt Josef Breuer hinzu. Seine Behandlung bestand neben der Versorgung der physischen Bedürfnisse – gegen die Schmerzen erhielt Pappenheim Morphin und Chloral, was später zu einer Abhängigkeit führte – darin, sie unter Hypnose Geschichten erzählen zu lassen. Als ihr Vater im April des darauffolgenden Jahres starb, verfiel Pappenheim zunächst in Katatonie. Weiterhin verschlimmerte sich ihre „Hysterie“ so sehr, dass sie zwangsweise in ein Sanatorium eingeliefert wurde. Sie blieb auch nach ihrer Entlassung für ein weiteres Jahr, bis Juni 1882, in Breuers Behandlung.

In den „Studien zur Hysterie„, die Breuer gemeinsam mit Sigmund Freud 1895 veröffentlichte, ist ihr Fall als der der „Anna O.“ geschildert (zu diesem Namen kamen die Autoren, indem sie von ihren wirklichen Initialen B. P. im Alphabet einen Buchstaben zurückgriffen). Die an Pappenheim entwickelte Gesprächstherapie, das „Aberzählen“ der traumatischen Erinnerungsinhalte, wurde zur Basis der Psychoanalyse. Freud selbst bezeichnete die Patientin als „eigentliche Begründerin des psychoanalytischen Verfahrens“, da sie es war, die feststellte, dass sie das Sprechen über angstbesetzte Ereignisse entlastete. Sie nannte es einen chimney sweep (Kaminreinigung) oder eine talking cure (Redekur); als Katharsis-Theorie fand diese Form der Aufarbeitung Eingang in die psychoanalytische Praxis.

Pappenheim erzählte in der Zeit mit Breuer unter Hypnose täglich in Form von Geschichten und Beschreibungen ihrer Halluzinationen, dabei ging sie chronologisch rückwärts vor. Wenn sie bei dem erstmaligen Auftreten eines Symptoms oder einer Halluzination angekommen war, so schildert es Breuer, traten diese noch einmal verstärkt auf, um dann gänzlich zu verschwinden. Aufgrund dieser Entlastung eilte Pappenheim hoch motiviert durch die Therapie – Breuer selbst nannte es einen Ordal – um zu einem festgelegten Zeitpunkt mit der Therapie abzuschließen. Mit dem „Aberzählen“ einer Halluzination von schwarzen Schlangen in der Nacht, als sie bei ihrem kranken Vater gesessen hatte, sei sie vollständig geheilt gewesen, behauptete Breuer in seiner Bearbeitung.

Tatsächlich kehrten die Symptome ihrer Erkrankung zeit ihres Lebens, bereits im ersten Jahr nach ihrer Entlassung durch Josef Breuer, immer wieder auf. Pappenheim suchte regelmäßig freiwillig die Sanatorien auf, in denen sie in ihren Zwanzigern behandelt wurde. Schon Freud wusste davon, unter seinen Schülern löste diese Tatsache einen Streit um die wirkliche Wirksamkeit dieser Form der Therapie aus. Nichtsdestotrotz ist das Sprechen über Verletzungen in der Biografie noch immer Bestandteil vieler Formen der Psychotherapie – die Erkenntnis, wie aus bestimmten Ereignissen in der Vergangenheit Glaubenssätze oder Verhaltensweisen entwickelt wurden, die in der aktuellen Lebenslage schädlich oder unproduktiv sind, kann Therapiepatienten auch heute noch helfen.

Pappenheim war, abgesehen von ihrer psychischen Disposition, eine starke Persönlichkeit. Intelligent, willensstark, engagiert, zog sie nach ihrer psychoanalytischen Behandlung aus, um große Dinge für junge jüdische Frauen zu tun. Einen Widerspruch zwischen ihrem Charakter und ihrem Leiden sieht nur, wer psychische Krankheiten für ein Zeichen von Schwäche oder mangelndem Intellekt hält. In Wirklichkeit ist es für eine kluge, ehrgeizige junge Frau eine verständliche Reaktion, unter den Einschränkungen, die eine patriarchalische Gesellschaft ihr auferlegt, zusammenzubrechen und in eine Dissoziation von der schmerzlichen Wirklichkeit zu flüchten. Ihre Freunde und Anhänger, Verehrer ihrer Leistungen in der deutschen jüdischen Gemeinde, reagierten empört auf die Entdeckung, dass es sich bei dem Fall „Anna O.“ um Pappenheim handelte, und sie selbst sprach nie über diesen Lebensabschnitt, lehnte auch für andere die Möglichkeiten einer Psychoanalyse oder -therapie vehement ab. Der Grund dafür ist wohl ganz einfach das Stigma, das noch heute auf psychischen Erkrankung lastet: Als wären Depressionen, Angstzustände, dissoziative Störungen und dergleichen eine eigene, unkluge Wahl der Lebensführung oder Zeichen einer defizitären Persönlichkeit.

Nach einem Aufenthalt in einer Privatklinik am Bodensee, direkt im Anschluss an die von Breuer beendete Therapie, besuchte Pappenheim Familie in Karlsruhe. Ihre Cousine Anna Ettlinger war eine der Mitbegründerinnen des Mädchengymnasiums vor Ort und förderte die Interessen und Talente Pappenheims, außerdem besuchte die 23-jährige kurzfristig eine Schule für Krankenpflegerinnen, konnte die Ausbildung jedoch nicht abschließen. Der Aufenthalt in einer Umgebung, die Frauen nicht auf ihre Aufgaben im Haushalt und der Ehe reduzierten, tat Pappenheim offenbar gut, denn sie wurde kurz darauf aus der Klinik entlassen. Die folgenden sechs Jahre lebte sie mit ihrer Mutter in Wien und besuchte noch drei weitere Male das Sanatorium, in dem sie zu Beginn ihrer Therapie behandelt worden war.

Mit einem Umzug nach Frankfurt 1888 begann Pappenheim eine Karriere in der jüdischen Frauenbewegung. Inzwischen 29, veröffentlichte sie eigene Texte, übersetzte Mary Wollstonecrafts A vindication of the rights of woman, engagierte sich politisch und sozial; von der Mitarbeit in einer Armenküche arbeitete sie sich in sieben Jahren zur Leitung eines Waisenhauses hoch. In den kommenden Jahren konnte sie sich mit ihrer Tätigkeit in der jüdischen Frauenbewegung von der gesellschaftlichen Erwartung befreien, einen Mann heiraten zu müssen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann sie, sich vor allem gegen den Mädchenhandel innerhalb der jüdischen Gemeinschaft einzusetzen – und zwar nicht nur für die Opfer, jüdische Mädchen, sondern auch gegen die jüdischen Männer unter den Tätern. 1904 wurde sie zur ersten Vorsitzenden des Jüdischen Frauenbundes gewählt, in dem sie bis zu ihrem Tod aktiv blieb. In dieser Position wurde sie zu einer zentralen Figur in der feministischen Bewegung im Judentum, die nicht nur mit unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Religion, sondern auch mit dem jahrhundertelang gefestigten Patriarchat zu ringen hatte. Nach 13 Jahren war Pappenheim zermürbt davon, dass die wohltätige Arbeit beständig von politischen oder theologischen Differenzen behindert wurde, und veranlasste mit ihren öffentlichen Aussagen dahingehend die Gründung der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland.

Als ihre wichtigste Arbeit betrachtete sie das Mädchenwohnheim in Neu-Isenburg, in welchem jüdische Mädchen eine Heimat fanden, die in Gefahr waren, dem Mädchenhandel zum Opfer zu fallen. Eingebunden in die jüdische Tradition, sollten die jungen Frauen hier zu Selbständigkeit erzogen und in ein eigenverantwortliches Leben begleitet werden. Das Haus war dafür eingerichtet, den Vorschriften des Judentums im Alltag folgen zu können. Was mit zehn Bewohnerinnen im Jahr 1904 begann, gelang es Pappenheim in zwanzig Jahren – nur mit Spenden – zu einem Zuhause für 152 ansonsten obdachlose Frauen zu machen. Die Kinder dieser Frauen wurden in einer nahegelegenen Klinik geboren, lebten mit ihnen dort und gingen auf die Volksschule in Neu-Isenburg.

Auch wenn sie sich als gebildete und ehrgeizige Persönlichkeit in ihrer politischen Arbeit verwirklichen konnte, der Verzicht auf eine Ehe oder die Liebe war ihrerseits nicht freiwillig. Wenigsten in den letzten Jahren pflegte sie, zeitweise nur über Briefe, eine enge Beziehung zu ihrer 38 Jahre jüngeren Kollegin und Mitstreiterin Hanna Karminski, die sie auch in den Monaten vor ihrem Tod pflegte. Bereits von Krebs geschwächt, reiste Pappenheim noch ein letztes Mal an die Orte früherer Wirkungsstätten. Noch sechs Wochen bevor sie starb, bot sie der Staatspolizei des Hitlerregimes die Stirn: Eine junge, geistig behinderte Frau aus ihrem Neu-Isenburger Wohnheim hatte abfällig über Adolf Hitler gesprochen, doch nachdem Pappenheim zum Verhör angetreten war, wurde die Sache fallen gelassen. Am 28. Mai 1936 starb Pappenheim und musste so nicht mehr miterleben, wie die Kinder ihres Heimes der Volksschule Neu-Isenburg verwiesen wurden, wie die NSDAP die Auflösung des Heimes betrieb, es schließlich am Tag nach der „Reichskristallnacht“ angegriffen und niedergebrannt wurde. Es blieb ihr erspart mitzuerleben, wie die Bewohnerinnen des Heims in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurden und ihre Freundin Karminski im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet wurde.

Die Biografie „Anna O. – Bertha Pappenheim“ von Marianne Berntzel, erschienen 2003, wurde im Büchermarkt vom Deutschlandfunk besprochen. Der FrauenMediaTurm hat ebenfalls einen ausführlichen Beitrag zu ihrer Biografie.

Bild: Von Unidentified photographer – Albrecht Hirschmüller: Physiologie und Psychoanalyse im Leben und Werk Josef Breuers. Jahrbuch der Psychoanalyse, Beiheft Nr. 4. Verlag Hans Huber, Bern 1978. ISBN 3456806094., Gemeinfrei

8/2019: Agnes Arber, 23. Februar 1879

Agnes Arber

Agnes Arber – in Kürze – war 1946 die erste Botanikerin, die als „Fellow“ in die Royal Society (bestehend seit 1660) gewählt wurde (die erste Frau überhaupt war 1945 Kathleen Lonsdale, eine Kristallographin, die zweite 1946 die Biochemikerin Marjory Stephenson) und 1948 die erste Frau, die die Gold-Medaille der Linnean Society of London erhielt (Vergabe der Medaille seit 1888), bei der sie seit 1908 Mitglied war.

Die Tochter eines Lehrers und Künstlers lernte bei ihrem Vater das Zeichnen, das ihr später erlaubte, ihre Werke selbst zu illustrieren. Ihr Interesse an Botanik erweckte ihre Lehrerin Edith Aitken. Mit 15 Jahren gewann sie ein Stipendium für ihre botanischen Untersuchungen und traf im Wissenschaftsclub ihrer Schule auf Ethel Sargant, Botanikerin und später erste Frau im Vorstand der Linnean Society. Die 16 Jahre ältere Wissenschaftlerin sollte Arber zur Mentorin und Fördererin werden.

Mit 18 begann Arber ihr Studium am University College London, nach einem Bachelor-of-Science-Abschluss dort ging mit sie mit einem Stipendium an das Newnham College der Universität Cambridge. Insgesamt schloss sie ihr Studium 1905 an beiden Universitäten mit einem Magister Artium und einem Doctor of Science ab. Schon während ihres Studiums und im Anschluss daran arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Sargants Botaniklabor.

Bis 1942 war die Morphologie und vergleichende Anatomie vor allem der Einkeimblättrigen ihr Forschungsgebiet. Nach einem ersten Buch über die Geschichte und Entwicklung von Kräuterbüchern im Jahr 1912 veröffentlichte sie bis 1934 drei Bücher über Einkeimblättrige, Wasserpflanzen (aquatic angiosperms) und Süßgräser (Graminae). Die Forschungen dazu betrieb sie zu großen Teilen in ihrem eigenen Labor zu Hause. Als der Zweite Weltkrieg die Materialien knapp werden ließ, wandte sie sich der Wissenschaftsphilosophie zu. Sie schrieb über historische Botaniker und befasste sich mit Goethes Gedanken zur Botanik. In ihrem vorletzten Buch erarbeitete sie eine Methodik der biologischen Untersuchungen, darin greift sie der Erkenntnis Thomas S. Kuhns vor, dass die Interpretation von Forschungsergebnissen unter dem Einfluss der bestehenden wissenschafltichen Erkenntnisse und Meinungen stattfindet. Ihr letztes Buch bringt künstlerische, wissenschaftliche und philosophische Gedanken zusammen, um ihre holistische Erfahrungen zu verarbeiten.

Agnes Arber war in kurzer, aber glücklicher Ehe verheiratet mit einem Paläobotaniker (er starb jung) und hatte aus dieser Beziehung eine Tochter. Sie starb 1960 im Alter von 81 Jahren. Die Seite famousscientists.org hält eine weitere Biografie bereit; die Masters of Malt haben einen Gin im Sortiment zu ihren Ehren, der allerdings lecker klingt.

Bild: By Source, Fair use

5/2019: Edith M. Flanigen, 28. Januar 1929

Edith M. Flanigen entdeckte ihre Begeisterung für die Chemie – gemeinsam mit ihren beiden Schwestern – durch eine Lehrerin in der High School. Alle drei studierten Chemie an der Syracuse University; Edith schloss ihr Studium schließlich mit 23 Jahren als Master of Science ab. Sie begann bei Union Carbide, einem Unternehmen der Chemie-Industrie, zu arbeiten, zunächst mit der Aufgabe, Silikonpolymere (Molekülketten aus Siliziumverbindungen) zu identifizieren, zu reinigen und zu gewinnen, vier Jahre später wurden Molekularsiebe ihr Themenschwerpunkt: Chemische Stoffe, in denen die Moleküle derart in einer Gitterform angeordnet sind, dass die Atome anderer Elemente darin hängenbleiben und somit aus einer Verbindung herausgesiebt werden.

Nach 17 Jahren Arbeit in diesem Bereich wurde sie 1973 die erste weibliche wissenschaftliche Mitarbeiterin, zehn Jahre später die erste weibliche Leitung einer Arbeitsgruppe bei Union Carbide. In den insgesamt 42 Jahren, die sie bei Union Carbide tätig war, entwickelte sie über 200 synthetische Stoffe, darunter Zeolith Y, der synthetischen Form des Faujasit, und einen synthetischen Smaragd, der als Schmuckstein und bei Lasern im Mikrowellenbereich zum Einsatz kommt. Sie ist Inhaberin von über 100 Patenten (USA), war die erste Frau, die die Perkin Medal erhielt, und bekam 2012 die National Medal of Technology and Innovation von Barack Obama verliehen.

Trotz dieser anerkannten Leistungen: Wer ihren Namen nicht kennt, wird auch über das von ihr entwickelte Zeolith Y nicht auf sie stoßen. Laut des englischen Wikipedia-Eintrages ist sie „best known as the inventor of Zeolith Y„, doch der Link zu Zeolith Y wird weitergeleitet zu seiner in der Natur auftretenden Form Faujasit; laut des deutschen Wikipedia-Eintrages war sie „maßgeblich beteiligt an der Entwicklung“ von Zeolith Y, zu dem es auch tatsächlich einen Eintrag gibt – in dem sie namentlich überhaupt nicht vorkommt, sondern stattdessen ein Donald Breck als derjenige genannt wird, dem es gelang, den Stoff zu synthetisieren. Zu Donald Breck gibt es jedoch weder einen englischen noch einen deutschen Wikipedia-Eintrag. Auch wenn man das von ihr erfundene Molekularsieb googelt, stößt man so gut wie nie auf ihren Namen (unter dem Link: die eine englischsprachige Seite, auf der „EM Flanigen“ in den references genannt wird; unter anderen).

Ich weiß, dass Wikipedia nicht den Wissenskanon ganzer wissenschaftlicher Forschungs- und Fachbereiche abdecken kann. Dennoch vermute ich hier den Matilda-Effekt, der dafür sorgt, dass die Beteiligung oder Errungschaften weiblicher Wissenschaftlerinnen zugunsten ihrer männlichen Kollegen, Vorgesetzten und/oder Arbeitgeber verschwiegen oder verleugnet wird. Ich bin selbst keine geübte und schon gar nicht registrierte Wikipedia-Lektorin, aber das wäre mal eine kleine, aber sinnvolle Aufgabe, Edith M. Flanigen in den entsprechenden Artikeln zu ihrer Erfindung zu verlinken.

4/2019: Tatiana Avenirovna Proskouriakoff, 23. Januar 1909

Tatiana Avenirovna Proskouriakoff war sechs Jahre alt, als sie mit ihren Eltern, einem Chemiker und einer Ärztin, aus Russland in die USA übersiedelte; ihr Vater war vom Zar beauftragt, die Munitionsproduktion beim Alliierten im Ersten Weltkrieg zu überwachen. Nach der Russischen Revolution 1917 war es der Familie unmöglich, in ihre Heimat zurückzukehren, und Tatiana wuchs als amerikanische Staatsbürgerin an der Ostküste der Vereinigten Staaten auf.

Mit 17 begann Proskouriakoff ihr Architekturstudium an der Pennsylvania State University (damals noch College) und schloss dort 1930 mit 21 als einzige Frau ihres Jahrgangs das Grundstudium ab. Sie begann, als archäologische Illustratorin zu arbeiten und kam so als Mitarbeiterin des Maya-Archäologen Linton Satterthwaite an die Piedras Negras in Guatemala.

Ihre Aufgabe war es, Zeichnungen zu erstellen davon, wie die Gebäude einst aussahen, deren Ruinen Satterthwaite untersuchte. Sie erfüllte diese Aufgabe mit beeindruckender Klarsicht, doch ihr größter Beitrag zur Archäologie der Maya war ein anderer. Sie hatte die Doktorarbeit eines jungen sowjetischen Ägyptologen gelesen, Juri Knosorow, der sich mit der bis dahin unentzifferten Maya-Schrift befasst hatte und zu wegweisenden Schlüssen über die Art der Glyphen gekommen war. Allerdings war Knosorows Arbeiten vom sowjetischen Regime mit politischen Konnotationen veröffentlicht worden und wurden gemeinhin, insbesondere vom führenden britischen Archäologen Eric Thompson, als marxistische Propaganda abgelehnt.

Der russisch-stämmige Proskouriakoff jedoch verhalf die Vorarbeit Knosorows zu der Erkenntnis, während sie ihre Zeichnungen anfertigte, dass es sich bei den stets wiederholten Glyphen und bereits identifizierten Zahlen um Daten handelte: Um Geburt, Regierungsdauer und Tode der Maya-Könige. Es gelang ihr, anhand der Forschung Knosorows und eigener Untersuchungen, eine Abfolge von sieben Maya-Königen innerhalb einer Zeitspanne von 200 Jahren zu isolieren und einige Worte zu identifizieren; aufgrund dieser Zusammenhänge konnte die Maya-Schrift inzwischen bis zu 80 Prozent übersetzt werden.

Proskouriakoff starb 1985 mit 76 Jahren; doch erst dreizehn Jahre später, am Ostersonntag 1998, konnte ihr Kollege David Stuart ihren letzten Wunsch erfüllen, nämlich dass ihre Asche am Fuße der Akropolis in Piedras Negras beerdigt werden sollte – zuvor hatte politischer Unfrieden diese Beisetzung verhindert.

Zur Entzifferung der Maya-Schrift gibt es einen Dokumentarfilm, die Trailer dazu sind auf YouTube zu sehen.

Bei der Beschäftigung mit der Maya-Schrift fällt auf, wie die christlich-abendländische Kultur heute darum bemüht ist, die Schäden wieder notdürftig zu beheben, die ihre Kolonisation angerichtet hat: Als die Spanier nach Südamerika kamen, gab es unter den Maya noch zahlreiche derer, die diese Schrift lesen konnten. Mit der katholischen Kirche kam das Verbot, die „heidnischen Zeichen“ zu verwenden, und der Bischof von Yucatan Diego de Landa ließ 1562 alle in der Schrift verfassten Codices, derer er habhaft werden konnte, verbrennen. Von den auf Huun verfassten Schriftstücken existieren nach wissenschaftlicher Kenntnis nur noch vier. Die Forschungen nach dem verlorenen Wissen wurde lange Zeit dominiert von amerikanischen und europäischen Wissenschaftlern; auch diese Spätfolge der Kolonialzeit wird in den Bildern des Dokumentarfilms überdeutlich.

3/2019: Anita Borg, 17. Januar 1949

Anita Borg

Anita Borg liebte schon als Kind freigeistiger Eltern die Mathematik, weil sie sie als Rätselspielerei empfand, dennoch blieb sie bei ihrem ersten Besuch eines College unentschlossen, Mathematik als Hauptfach zu wählen. Nach zwei Jahren des Herumlavierens, sie hatte inzwischen auch geheiratet, ging sie mit ihrem Mann nach New York, um zu arbeiten und mit dem Geld das Studium ihres Mannes zu finanzieren. Eine Tätigkeit, die für sie auch ohne Collegabschluss offenstand, war die Datenverarbeitung, in der die Computer gerade Einzug hielten, und so lernte sie für eine Anstellung die erste höhere Programmiersprache Fortran und für eine weitere Stelle die von Grace Hopper entwickelte Programmiersprache COBOL. Kurz darauf wurde ihre Ehe geschieden, sie kehrte zurück ans College und wusste dieses Mal, dass sie etwas studieren wollte, mit dem sie später ihren eigenen Unterhalt verdienen konnte: Das Fach Informatik bot ihr nach den Erfahrungen in der Arbeitswelt diese Sicherheit, und die Mathematik war ein integraler Bestandteil des Faches.

Sie beendete ihr Studium mit einem Doktortitel, obwohl das Stipendium, das sie auf den Pfad zum höheren Abschluss geführt hatte, auslief und sie die letzten drei Jahre neben dem Studium arbeiten musste. Sie hatte sich in ihrer Doktorarbeit mit Betriebssystemen befasst und begann anschließend, an einem fehlertoleranten Betriebssystem zu arbeiten, das schlussendlich von Nixdorf als „Targon“ auf den Markt gebracht wurde. Mit der wissenschaftlichen Arbeit, die sie über die Entwickling des Programmes schrieb, machte sie sich einen Namen in der jungen IT-Branche, wurde als Sprecherin zu Konferenzen eingeladen und bei der Digital Equipment Corporation eingestellt.

Als deren Angestellte besuchte sie 1987 ein Symposium über Betriebssysteme und stellte auch dort – wie schon zuvor im Informatikstudium – fest, wie ungleich das Geschlechterverhältnis auf dem Gebiet der IT war: Von 400 Teilnehmern waren etwa 30 weiblich. Als einige der Frauen auf der Damentoilette ins Gespräch kamen, wurde zunächst nur ein gemeinsames Essen geplant. Aus dem gemeinsamen Essen entstand Systers, eine der ersten Mailinglisten überhaupt, für Frauen, die an Betriebssystemen arbeiteten. Bald wurde die Mailingliste erweitert und war schließlich offen für alle Frauen, die technisch in der IT-Branche arbeiteten.

Die Anforderungen an Mailingsysteme vor dem Internet oder zumindest seiner frühesten Anfänge waren das, was auch Borg beruflich interessierte. Sie entwickelte mit Kollegen das Mailingsystem Mecca, in dem der Absender einer E-Mail seine Empfänger nach Bereichen filtern konnte, aber auch die Empfänger – die zum Teil nur wenig Speicherplatz hatten oder nur selten Gelegenheit, ihre E-Mails abzurufen – konnten ihre empfangenen E-Mails nach Themen und Absendern filtern. Bis dahin hatten Mailingsysteme sich auf die Mitarbeiter innerhalb eines Unternehmens konzentriert, Borg entwickelte nun eines, das für eine vielfältigere Gruppe Nutzer praktikabel sein sollte. Dabei erhielt sie von ihrem Arbeitgeber nicht so viel Unterstützung, wie ihr eigentlich zugesagt wurde, und ein Anschlussprojekt, an dem sie arbeitete, ging im Endeffekt daran zugrunde, dass ihr die Leitung nicht anvertraut wurde – weil sie eine Frau war – und der „ältere Mann“, dem die Projektleitung zugetraut wurde, kein Interesse hatte. Nach diesem Affront verließ sie DEC und begann, für die Stärkung der Frauen im IT-Bereich einzusetzen. Dabei interessierten sie nicht nur die Frauen, die Hard- und Software entwickelten, sondern auch die Perspektiven weiblicher Nutzer.

Nach verschiedenen gemeinsamen Projekten in dieser Sache gründete Borg 1997 schließlich mit Hilfe anderer erfolgreicher Frauen der IT-Branche und der finanziellen Unterstützung u.a. von Xerox und Hewlett Packard das Institute for Women and Technology (heute: AnitaB.org). Drei Jahre zuvor hatte sie mit der Grace Hopper Celebration of Women in Computing die heute noch größte Konferenz für Computerspezialistinnen weltweit ins Leben gerufen.

Anita Borg starb leider schon 2003, im Alter von 54 Jahren, an einem Hirntumor. Die lesenswerte Quelle der meisten Angaben, die ich hier mache, ist dieses Interview von 2001 (engl.).

Dank Systers gilt Borg als Vorreiterin des Cyberfeminismus. Sie selbst betonte, dass es den Frauen bei der Mailingliste um fachlichen Austausch ging; die Themen der E-Mails waren strikt auf Technik und berufliches beschränkt. Darin wird deutlich, dass das Problem der Geschlechterungleichheit in technischen Branchen nicht die Themen sind – für die sich Frauen durchaus interessieren – sondern die Form der Kommunikation. Die Frauen in Systers schufen sich einen Raum, in dem sie miteinander auf Augenhöhe waren und nicht in einem patriarchalisch geprägten Austausch entweder „männliche“ Ausdrucksformen annehmen mussten oder verdrängt würden. Mit dieser Verquickung von gebündeltem technischem Wissen einerseits und weiblich geprägter Kommunikation andererseits lieferten Borg und ihre Kolleginnen die praktische Seite des Cyberfeminismus, der im Zuge der dritten Welle des Feminismus in Kombination mit den neuen Kommunikationsmöglichkeiten entstand. Ich möchte hier noch auf den englischen Wikipedia-Artikel über Cyberfeminism hinweisen, der wesentlich ausführlicher ist als der deutsche und zu einer ganzen Serie über Feminismus in der englischen Wikipedia gehört.

Der Cyberfeminismus wird von den Beteiligten verstanden als postmoderne Bewegung, die die neuen Technologien dazu nutzt, die bisherigen Beschränkungen von selbst- und fremdzugeschriebenen Identitäten aufzulösen – bei der Begegnung im virtuellen Raum sind Geschlecht, Orientierung, Herkunft unbekannt und können stets neu und anders definiert werden. In der Auflösung dieser sozialen Konstrukte liege die persönliche Freiheit, somit ist der Cyberfeminismus auch der Gendertheorie verbunden. Der intersektionelle Feminismus, wie er heute im Internet formuliert wird und sich wiederum im real life in veränderten Denk- und Lebensweisen niederschlägt, ist ohne diese Vorläufer nicht denkbar.

Bild: By Source, Fair use

2/2019: Eden Atwood, 11. Januar 1969

Eden Atwood ist eine Jazzsängerin, der die Musik in die Wiege gelegt wurde: Ihr Vater war Komponist und Arrangeur von Werken, die Nat King Cole und Frank Sinatra sangen.

Für mich interessanter ist allerdings etwas anderes, das ihr auch in die Wiege gelegt wurde: Atwood kam mit Androgenresistenz auf die Welt, ein Phänomen, das zu den unterschiedlichen Formen der Intersexualität gehört. Atwood beispielsweise, die mit dieser Tatsache offen umgeht und sich auch politisch engagiert, hat aufgrund einer Veränderung im Erbgut XY-Chromosomen, würde also bei einer Genanalyse als Mann identifiziert werden. Durch die Abweichung in ihrem Chromosomensatz bildet ihr Körper zwar männliche Hormone, so genannte Androgene, diese werden jedoch von ihren entsprechenden Rezeptoren nicht gelesen. Infolgedessen haben Menschen mit Androgenresistanz je nach Ausprägung des Phänomens unterschiedlich schwache oder ganz ausbleibende Ausbildung maskuliner Merkmale; Atwood hat durch eine komplette Androgenresistenz zum Beispiel von Geburt an keine männlich ausdifferenzierten Genitalien.

Intersexualität unterscheidet sich von Transgender (auch Transsexualität): Während  transgender (oder transsexuelle) Personen im Phänotyp eindeutig auf einem Ende des binären Geschlechterspektrums liegen, identifizieren sie sich aber kognitiv mit keinem oder dem binär gedacht anderen Geschlecht. Bei Intersexualität liegt eine in irgendeiner Form medizinisch prüfbare biologische Abweichung von der „normalen“ Geschlechtsentwicklung vor, das heißt chromosomal, gonadal, hormonell oder anatomisch bedingt liegen Genitalien oder sekundäre Geschlechtsmerkmale in einer Form vor, die sich nicht eindeutige Extreme der herkömmlich angewandten Skalen darstellen (etwa dem Orchidometer/dt., der Quigley-Skala/engl. oder der Prader-Skala/engl.). In der Gesamtheit sind geschätzt 1,7% der Menschheit in einer der genannten Formen intersexuell – gegenüber der cissexuellen Mehrheit zwar selten, jedoch nur in dem Maß, wie auch echte Rothaarige selten sind.

Eden Atwood spricht selbst seit einiger Zeit offen über ihre Intersexualität (Link zu englischsprachigem Video, ca 9min.). Von diesem Interview aus bin ich bei der Recherche zu diesem Post in ein rabbit hole aus bewegenden und informativen YouTube-Beiträgen gefallen:

• Der Kanal von Pidgeon, auf dem Pidgeon über eigene Erfahrungen und die politische Arbeit für die Akzeptanz von Intersexualität erzählt
• Die Dokumentation Intersexion (Englisch, ca. 50min.), die auch eine eigene Webseite hat, in der Betroffene ihre sehr unterschiedlichen Lebens- und Leidensgeschichten darlegen
• Ein Quarks-Beitrag (Deutsch, ca. 5min.) über einex Jugendlichex, dexen Eltern sich gegen medizinisch unnötige Eingriffe entschieden haben
• Die arte-Dokumentation „Nicht Frau nicht Mann“ (Deutsch, ca. 57min.), in der vor allem Ins A Kromminga und einx französischex Intersexuellx, aber auch eine internationale queere Gemeinschaft in ihrer Verletzlichkeit gezeigt werden, aber auch in ihrer Kreativität im Umgang mit sich selbst und den Schwierigkeiten in einer binär geprägten Welt

Ein Name, der vor allem in der internationalen Intersexuellen-Gemeinschaft immer wieder mit großer Ablehnung verbunden ist, ist John Money – der mir bereits von der BBC Dokumentation über David Reimer unangenehm bekannt war. Nach Moneys Meinung – und dem Wunsch vieler Mediziner, auch heute noch, „klare Verhältnisse“ schaffen zu wollen – sollten Säuglinge mit „nicht eindeutigen“ Genitalien möglichst früh operativ einem Geschlecht „zugeführt“ werden. Den Gedanken, dass Geschlecht nicht notwendigerweise biologisch, sondern gesellschaftlich geprägt sei, pervertierte er dahingehend, dass sich Kinder dann schon als dem Geschlecht zugehörig fühlen würden, als das sie großgezogen würden, wenn man sie nur streng genug dazu erziehe. Dass es nicht so einfach ist mit der Biologie und der Identität, insbesondere in den Fällen, in denen schon die Biologie nicht binär funktionieren wollte, das bezeugen die Geschichten der Erzählenden. Nicht nur von traumatischen, in den Bereich von sexuellem Missbrauch fließend übergehenden medizinischen Behandlungen erzählen die Betroffenen, was bereits schmerzhaft und erschütternd zu hören ist. Auch und vor allem die Scham, mit der alles „dort unten“ als krankhaft und nicht normal stigmatisiert wird, verstärkt durch körperliche Konsequenzen der (in den meisten Fällen unnötigen) Operationen und das Verbot, mit anderen über ihren „Zustand“ zu sprechen, wird spürbar – und wie sehr Ärzt*innen in vielen Fällen auch das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kindern zerstören, wenn sich die Eltern nicht stringent und von Anfang an dagegen wehren: Die Eltern wurden und werden zum Teil selbst angelogen, zum Teil waren und sind sie einfach nur ahnungslos, verwirrt, verängstigt, weil ihr Kind nicht „normal“ ist und nicht in die Binarität einzuordnen. Da wurde zum Schweigen und Lügen angestiftet und auch den Kindern das Schweigen und Lügen geboten, die Ärzt*innen sprechen nicht offen mit den Eltern und wenn sie es tun, untersagen sie ihnen, offen mit den Kindern zu sprechen. Eine anatomische, biologische Seltenheit, die keine schwerwiegenden gesundheitlichen Konsequenzen haben müsste, schiebt sich wie ein Schatten über die Familie – und die Menschen, die liebevoll und unterstützend miteinander umgehen sollten, werden auseinander gedrängt, verlieren ihr Vertrauen ineinander und können nicht mehr miteinander sprechen.

Das Leiden, das Intersexualität in der binären abendländischen Kultur hervorruft, ist unnötig. In anderen Kulturen sind dritte oder mehrere Geschlechter gängig und akzeptiert. In der Intersexional-Dokumentation wird gezeigt, wie „normal“ im Sinne von gesund und mit sich selbst im Reinen Intersexuelle aufwachsen können, wenn der Zwang zur Binarität nicht ausgeübt wird. Damit unsere Gesellschaft offener und toleranter wird und intersexuell geborene Kinder in der Zukunft heil gelassen werden, ihnen die Möglichkeit einer eigenen Identifikation offen gelassen wird, dafür setzen sich in Deutschland unter anderem der Verein Intersexuelle Menschen e.V. ein; die dritte Option führt eine Kampagne für den dritten, offenen Geschlechtereintrag in Geburtsurkunden. Im vergangenen Jahr 2018 konnten sie bereits den Erfolg verzeichnen, dass „divers“ als dritte positive Möglichkeit in Geburtsdokumenten angegeben werden kann, allerdings kämpfen sie nun noch mit den Wünschen der Bürokratie, das dies zum Beispiel erst nach einem ärztlichen Attest geschehen könne. Zwischengeschlecht.info ist ein extensives Blog mit Links zu weiteren Vereinen und Bloggern.

Eden Atwood – um zum ursprünglichen Anlass für diesen Post zurück zu kommen – begründete mit Jim Ambrose The Interface Project, eine Organisation und Webseite, auf der Intersexuelle ihre vielseitigen Gesichter zeigen und ihre vielseitigen Geschichten erzählen können.

Wichtig ist mir das Thema – abgesehen vom schlichten humanistischen Ansatz, dass jeder Mensch seine Persönlichkeit frei entfalten können sollte – , weil ich mir wünsche, dass Ärzt*innen angesichts intersexueller Säuglinge, die ihre eigene Identifikation noch nicht zum Ausdruck bringen können, nicht mehr über den Willen der Eltern hinweg – oder auch mit der Einwilligung der Eltern – zuallererst das Messer zücken und Genitalien zerstören, weil sie sich nicht weit genug an einem Ende einer altertümlichen Skala befinden; dass gesunde, non-binäre Körper nicht verletzt werden für die Seelenruhe und das ästhetische Empfinden Erwachsener. Dass Kinderkörper nicht mehr für die Erhaltung einer binären, patriarchalischen Denkweise verletzt werden.

WEG MIT
§218!