Kategorie: Wissenschaft+Forschung

KW 30/2013: Jeanne Baret, 27. Juli 1740

Jeanne Barret Madlla Bare

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Geschichten von Frauen, die sich in alten Zeiten als Männer verkleidet haben und so erfolgreich eine Karriere verfolgten, gibt es einige. Sie klingen immer alle irgendwie nach Märchen; heutzutage sind solche Geschichten meist nur Anlass für günstig produzierte Fernsehfilme, alte Witze über die achso typischen männlichen und weiblichen Verhaltensweisen aufzuwärmen, um am Ende doch wieder jeden glücklich in seiner Normrolle zu platzieren.

Jeanne Baret verkleidete sich als Mann, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und ging als erste Frau in Männermontur auf Weltreise. Keiner der Mitreisenden – außer ihrem Dienstherren Commerçon, der wohl sowieso ihr Liebhaber war – bemerkte es. Stattdessen brauchte es die Tahitianer, um zu aufzudecken, dass es sich um eine Frau handelte. Jeanne Baret unterstützte ihren Dienstherren bei seinen Expeditionen und Forschungen und ersetzte ihn später sogar im Krankheitsfall. Sie leistete alle Arbeit, als sei sie der Mann, als der sie sich verkleidete.

Wie üblich beim Matilda-Effekt (über den ich im Artikel über Rosalind Franklin erfuhr) wurde ihr Beitrag zu Geschichte der Naturforschung lange und vollständig unterschlagen. Gottseidank finden sich immer noch unbenannte Spezies auf unserem Planeten, sodass 2012 endlich eine Pflanze nach ihr benannt wurde.

Bild: By Cristoforo Dall’Acqua (1734-1787) [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons

KW 25/2013: Clara Immerwahr, 21. Juni 1870

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Eine junge Frau macht entgegen dem Zeitgeist und den universitären Traditionen im Jahr 1900 ihren Doktor magna cum laude im Fach Chemie. Dann heiratet sie einen anderen Chemie-Doktoranden, weil sie hofft, in der Ehe mit einem Wissenschaftler den Raum und die Unterstützung zu finden, ihre Forschungen fortzusetzen. Doch stattdessen wird sie in die Rolle der Hausfrau und Mutter gedrängt, darf nur noch für die Karriere ihres Mannes tätig sein, beginnt, an Depressionen zu leiden. Gleichzeitig macht ihr Mann Karriere, weil er im kriegslüsternen Deutschen Reich als Chemiker am Einsatz von Giftgasen forscht. Die junge Frau sieht nicht nur ihr eigenes Leben verschwendet, sie erkennt auch das Erodieren der Moral in der bedingungslosen Forschung an Vernichtungsmethoden. Sie muss feststellen, dass sie als Ehefrau eines zynischen Wissenschaftlers keine eigene Stimme hat, die ernsthaft gehört würde, und gleichzeitig gegen ihren Willen Unterstützung liefert an der massenhaften Tötung von Menschen. Nachdem dank der Forschung ihres Mannes erstmals 5.000 Menschen den Tod gefunden haben und ihr Mann dafür befördert wird, nimmt sie nach einer Feier zu diesem Anlass seine Dienstwaffe, geht in den Garten hinaus, feuert einen Probeschuss in die Luft und setzt schließlich ihrem eigenen Leben mit einem Herzschuss ein Ende. Ihr politischer Protest bleibt ungehört, ihr Selbstmord wird einer depressiven Hysterie zugeschrieben, ihr Name wird fast völlig vergessen. Ihr Ehemann ist mit seinen Forschungen an Tötung und Verletzung mehrerer Tausend Menschen im ersten Weltkrieg beteiligt. Er erhält 1919 trotz Haftbefehls wegen Kriegsverbrechen und Verstoß gegen die Haager Konvention den Nobelpreis, für seine Erkenntnisse über die Gewinnung von Ammoniak aus der Luft, nutzbar als Düngemittel. Er legt, als jüdischer Forscher, auch den Grundstein für die Entwicklung – und steht zeitweise der Gesellschaft als Leiter vor, die daraus in späteren Jahren ein Geschäft macht – von Zyklon B. Mit welchem bald darauf in KZs Millionen von Juden wie Ungeziefer vergast werden.

Clara Immerwahrs Freitod ist ein starkes Symbol für die intellektuelle Unterdrückung der Frau und die Notwendigkeit moralischer Integrität in der Wissenschaft. Ob sie denselben Tod zum gleichen Zeitpunkt gewählt hätte, wenn einer der beiden Aspekte ihrer Motivation nicht gegeben wäre, wer weiß. So jedenfalls wurde sie Jahrzehnte später als Wissenschaftlerin und Humanistin wiederentdeckt.

Im Archiv von Zeit Online findet man eine Rezension zu Gerit von Leitners Buch „Der Fall Clara Immerwahr – Leben für eine humane Wissenschaft“, in der Immerwahrs leben in blumigen Worten beschrieben wird (während die Formulierung „ohne den Furor feministischer Entrüstung“  dem Text leider ein Geschmäckle gibt). Die IPPNW verleiht (jährlich?) die Clara-Immerwahr-Auszeichnung, mit der Menschen gewürdigt werden, die sich entgegen daraus erwachsener persönlicher Nachteile für den Frieden einsetzen.

Bild: By Unknown – S. 127, Public Domain

KW 22/2013: Rachel Carson, 27. Mai 1907

Rachel Carson

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Rachel Carsons Buch The Silent Spring (Der stumme Frühling) gilt als Anfangspunkt für die (amerikanische) Umweltbewegung, da sie sich als Erste mit den damals noch nur vermuteten Folgen der aggressiven Schädlingsbekämpfung mit DDT auseinandersetzte.

Rachel Carson legte sich dabei mit der Chemie-Branche an, die natürlich großes Interesse am weitreichenden und häufigen Einsatz ihrer Pestizide hatte. Als Frau schlug ihr dabei wie üblich noch viel stärkere Skepsis entgegen als es bei einem Mann der Fall gewesen wäre – Hysterie war dabei der Hauptvorwurf, der zum Teil sogar mit ihrem fehlenden Ehemann begründet wurde. Those were the days.

Am Ende ihres Lebens hatte Rachel Carson zwar die Aufmerksamkeit und Anerkennung erreicht, die ihr und ihrem Thema zukam, doch leider standen die meisten Auszeichnungen und Vorträge bereits im Schatten ihrer Krebserkrankung. Es ist ein Glück, dass sie eine so unermüdliche und souveräne Wissenschaftlerin war, dass es ihr vor ihrem Tode gelang, das öffentliche Bewusstsein dafür zu wecken, dass der unbedachte Einsatz chemischer Mittel in der Natur nicht nur unwiderrufliche Schäden in Flora und Faune hinterlässt, sondern auch den Menschen sterbenskrank macht. Das heutige Umweltbewusstsein wäre noch weniger weit ohne sie.

Selbstverständlich gibt es eine eigene Website über sie. Das Silent Spring Institute fragt, ob Carsons Krebs ebenfalls von den kritisierten Chemikalien ausgelöst worden war und erforscht die Zusammenhänge von Umwelt- bzw. Chemie-Einflüssen auf Brustkrebs im Speziellen.

Bild: By The original uploader was Cornischong at Luxembourgish Wikipedia. – Transferred from lb.wikipedia to Commons., Public Domain

KW 20/2013: Marie Smith Jones, 14. Mai 1918

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Mit Marie Smith Jones starb die Sprache der Eyak aus.

Die Geschichte ihres Stammes und ihrer Sprache ist beispielhaft dafür, wie der Kolonialismus Diversität ausgerottet hat, wofür wir bis zum heutigen Tag die Konsequenzen tragen. Nicht, dass ich nicht dafür bin, dass sich die Völker der Erde über „große“ Sprachen auch miteinander verständigen können. Dass allerdings die Sprachen der Minderheiten, das Urtümliche, als minderwertig oder zurückgeblieben verdrängt und unterdrückt werden, ist keine Notwendigkeit, aber leider noch heute allzu oft der Fall.
Dies steht übrigens nicht im Gegensatz zu meiner Überzeugung, dass Sprache sich verändert und mithin nicht „rein“ gehalten werden kann. Wachsen und sich verändern ist der Sprache eigen – das Ausgerottet werden leider eine Bedrohung für Sprachen, der wir nicht viel entgegenzusetzen haben.

Vom Artikel über die Eyak kommt man zu dem interessanten Ritual des Potlatch, das ich aus Northern Exposure kenne – ein extrem anti-kapitalistisches Geschenkefest, in dem zu besonderen Anlässen hemmungslos und überbordend geschenkt wird. Ursprünglich beruhte die Tradition auf dem festen Vertrauen in die Reziprozität, das heißt Verluste des einen beim Potlatch wurden ausgeglichen durch das Potlatch eines anderen. Erst durch den Einzug kaukasischer Siedler und der christlichen Religion, und mit ihr paradoxerweise der kapitalistische Weltanschauung, wurde das Potlatch zu einer Karikatur seiner selbst: Abgesehen davon, dass mit den Siedlern neue Krankheiten kamen und die Anlässe sich häuften, zu denen ein Potlatch veranstaltet wurde (nämlich unter anderem zum Tode eines Häuptlings), begann die jüngere Generation in der Gier nach weltlichem Ruhm, sich okönomisch zu übernehmen, um mit besonders großartigen Potlatches besonders viel Ehre anzuhäufen. Die Reziprozität ging jedoch dabei verloren und die Eyak wurden zum traurigen Beispiel dafür, dass Schenken arm macht.

Seit den 1950er Jahren gibt es Bemühungen, das bis dahin verbotene Ritual wieder im Geiste der Vorfahren zu etablieren.

KW 18/2013: Bertha Benz, 3. Mai 1849

Bertha Benz

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Die entzückende junge Dame rechts ist die erste Person, die sich traute, eine Fernfahrt mit dem so genannten Automobil zu machen.

Nachdem ihr Mann Carl Benz das Auto erfunden hatte, fand es nicht so reißenden Absatz wie erhofft – die Menschen trauten dem Gefährt nicht. Also setzte sich Bertha mit ihren zwei Söhnen, ohne das Wissen ihres Mannes, in den Wagen und legte die Strecke zwischen Mannheim und Pforzheim zurück. Sie bewies damit nicht nur die Sicherheit und Bequemlichkeit der Erfindung ihres Mannes – was den Erfolg des Produktes maßgeblich beeinflußte –, sondern vor allem Pioniergeist und Entschlossenheit.

Das sollten wir im Hinterkopf behalten, wenn wir das nächste Mal „Frau am Steuer“ hören (oder sagen…) – Frauen waren das erste Geschlecht am Steuer, und die Fahrt ging ohne Unfälle und Beulen ab. Außerdem bedeutet es, dass das Interesse daran, dass Autos umweltfreundlich fährt und einwandfrei funktionieren, ebenfalls genderunspezifisch sein sollte. Wenigstens den Reifen sollte jeder Mensch, der ein Auto hat, wechseln können. Und es schadet auch Männern nicht, eine Nylonstrumpfhose bei sich zu haben…

Es gibt eine eigene Webseite für die Bertha Benz Memorial Route – von touristischem Interesse. Demgegenüber gibt es auch eine Bertha-Benz-Challenge für nachhaltiges Autofahren. Und schließlich gibt es noch den Bertha-Benz-Preis der Daimler und Benz Stiftung, der jährlich einer jungen Ingenieurin zukommt.

Bild: By Unidentified photographer – Daimler.com, Public Domain

KW 17/2013: Johanna Mestorf, 25. April 1828

Johanna Mestorf

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Johanna Mestorf war die erste (deutsche) Professorin Preußens. Außerdem nahm sie sich der Konservierung und Untersuchung des Danewerks an. Das macht sie gleich in zweifacher Hinsicht zur Grenzgängerin.
Sie prägte unter anderem auch den Begriff Moorleiche, was mich einerseits in meine Jugend entfführt, in der ich panische Angst vor dem Bild des Tollundmannes hatte, das im Wohnzimmer meiner Großtante Oma Tante Käthe hing, und vor dem Grauballe-Mann, der mich in einem Sommerurlaub in Dänemark verfolgte (sogar die verfluchten Brötchen waren nach den ledrig-schwarzen Überresten benannt!). Es bringt mich andererseits aber auch in die Klickschleife, mich über alle verzeichneten Moorleichen schlau zu machen, denn heutzutage pflege ich meine Faszination an konservierten Toten.
Johanna Mestorf ist ein Eintrag auf der Seite der Stadt Kiel und einer auf der Seite der Uni Kiel gewidmet.

Bild: By Unknown – H. Schmidt: Johanna Mestorf. In: Prähistorische Zeitschrift. 1909, Public Domain

KW 16/2013: Mina Benson Hubbard, 15. April 1870

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Mina Benson Hubbard ist eine dieser Frauen, wie ich sie im Sinn hatte, als ich mir für dieses Kalenderjahr „Grenzgängerinnen“ zum Thema setzte. Nachdem ihr Mann auf einer Expedition durch Labrador verhungerte und obendrein von einem Überlebenden der Expedition quasi allein verantwortlich für das Scheitern gemacht wurde, machte sich Madame Benson Hubbard mit einem anderen Überlebenden der Expedition, wohlausgestatteten Vorräten und einem eisernen Willen daran, die Expedition erneut und erfolgreich durchzuführen. Das Rennen gegen den Schmäher gewann sie mit ihrer Ankunft an der Mündung des George River um sechs Wochen.

Was an Mina Benson Hubbard und Frauen ihres Schlages erkennbar wird: Wie arbiträr und überwindbar die tradierten Rollenmodelle und die ihnen zu Grunde liegenden Klischees sind. Angefangen beim Mythos vom schwachen Geschlecht, über die angeblich mangelnden Fähigkeiten bis hin zu den gesellschaftlichen Hürden für eine Frau, sich als Leiterin einer Expedition quasi allein – soll heißen: ohne Ehemann als Grund und Begleitung – in die Wildnis aufzumachen. Alles Humbug und kein Hindernis, das zu tun, was sie sich in den Kopf gesetzt hat.

Sicher gehört dazu, dass schon dem Mädchen Mina ein Selbstbewusstsein gestattet wurde, das es ihr als Frau ermöglichte, ihren Willen durchzusetzen. Wahrscheinlich begründet in der reinen Notwendigkeit, dass zu damaligen Zeiten in den weniger priviligierten Schichten der Gesellschaft auch weibliche Kinder so rasch wie möglich zu den Einkünften der Familie beitragen mussten bzw. nicht auf einen Ehemann warten konnten, um die Eltern von der finanziellen Bürde zu befreien. Einem Mädchen zu sagen, dass es dieses oder jenes nicht könne, weil es ein Mädchen ist oder es allein in der Hoffnung auf einen „guten Fang“ zum reinen Ansichtsobjekt zu erziehen, widersprach schlicht den ökonomischen Bedürfnissen. (Ja, ich spiele damit darauf an, dass wir uns offenbar derzeit in einer Wohlstandsgesellschaft befinden, die es sich leisten kann, der Hälfte seiner Bevölkerung zu vermitteln, dass sie a) begrenzte Möglichkeiten der Berufswahl hat und b) Erfolg sich in der Erlangung klar umrissener Ziele in der äußeren Erscheinung bemisst. Ich erinnere mich dunkel an eine Analye, die darlegte, dass der Trend, Frauen auf die drei großen K zu beschränken, ganz klar mit der Lage der Wirtschaft verbunden ist. Von daher muss man sich fast wünschen, dass es uns in Zukunft lieber wieder etwas schlechter gehen sollte…)

KW 15/2013: Anne Sullivan Macy, 14. April 1866

Anne Sullivan Macy

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Anne Sullivan Macy hatte in ihrer Kindheit und Jugend einiges durchzustehen, und doch führte einer der Schicksalsschläge – die Erblindung durch Trachom – auch zu ihren menschlichen und beruflichen Erfolgen. Durch den Besuch einer Blindenschule erlernte sie das Fingeralphabet – das Buchstabieren in die Hände -, welches sie wiederum als erste erfolgreiche Lehrerin Helen Keller zu vermitteln in der Lage war.

Als Frau, die Helen Kellers Leben grundlegend veränderte – weil sie die Barriere zu dem taubstummen und blinden Kind durchbrach, das aufgrund sensorischer Deprivation zu Wutausbrüchen neigte und keine einfache Schülerin war – blieb sie stets im Schatten der später erfolgreichen Autorin und wissenschaftlichen Sensation. Sie war damit nicht unglücklich, aber das ist kein Grund, ihr nicht als die Grenzgängerin, die Helen Kellers Karriere möglich machte, die Ehre zu erweisen.

Ihre Beschreibung des Moments, in dem Helen Keller verstand, was die Lehrerin ihr in die Handfläche tippte – die ihr mithin Worte gab und damit den Austausch mit der Welt ermöglichte – treibt mir immer wieder Tränen in die Augen. Einen schöneren Text über die Lebensnotwendigkeit der Kommunikation für ein menschenwürdiges Dasein gibt es kaum.
Einen schönen Text zu ihr gibt es auch noch bei den History Chicks, die ich gleich mal in meine Blogroll aufnehme.

Bild: By unknown; User Hans Dunkelberg der Jüngere on de.wikipedia, Public Domain

KW 12/2013: Emmy Noether, 23. März 1882

Emmy Noether

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Über Emmy Noether zu schreiben, finde ich ebenso schwer wie notwendig. Schwer, weil ich wirklich nichts von dem Bereich der Mathematik verstehe, für den sie wichtig ist – und das ist keine Koketterie, ich weiß, dass ich mehr Mathematik verstehe und beherrsche als ich damals in der Schule glaubte (glauben gemacht wurde), allein schon wegen des Strickens. Nein, als es zu Algebra kam, hatte ich Mathematik als Fach aufgegeben, war nur noch körperlich anwesend, und müsste demzufolge einige Jahre Unterricht nachholen, um überhaupt zu begreifen, worüber Emmy Noether beim Frühstück nachgedacht hat.

Wichtig aber deswegen, weil sie nach heutiger allgemeiner Erkenntnis einer der wichtigesten Mathematiker überhaupt war – und die wichtigeste Mathematikerin mithin sowieso.

Von den Hindernissen und Fallstricken, die ihr als Frau (zunächst) und als Jüdin (später) in den Weg gelegt und gehängt wurden, unbeeindruckt, verfolgte sie ihr Interesse und ihr Talent für ihr Fach stetig, erfolgreich und von Männern anerkannt,  unterstützt und protégiert, deren Namen heute noch immer bekannter sind als ihrer: Albert Einstein, David Hilbert und Felix Stein (ja, ich kenne ihn nicht, aber ich bin ja auch sonst nicht auf dem Gebiet der Mathematik heimisch…!). Einstein sagte über sie, sie sei “ das bedeutendste kreative mathematische Genie seit der Einführung der höheren Bildung für Frauen“ gewesen. Mit dem Noether Theorem brachte sie zwei Gebiete der Mathematik und Physik zusammen in einer Erkenntnis, auf der – so habe ich es zumindest verstanden – unser gesamtes Verständnis der physikalischen Welt beruht. (Korrigiert mich, wenn ich Unsinn rede.) Grund genug, dass sie mehr Leuten als den Mathematikern bekannt gemacht wird.

Kleine Anekdote am Rande, die mir besonders gefällt: David Hilbert plädierte dafür, sie zur Habilitation zuzulassen, mit dem Argument „eine Fakultät sei doch keine Badeanstalt“ – eine der schönsten Formulierungen dafür, wann das Geschlecht eines Menschen gegebenenfalls eine Rolle spielen könnte und wann es dies in keiner Weise tut oder tun sollte.

Für die Interessenten am Noether Theorem – die mehr von der Materie an sich verstehen – hier ein paar „einfache Ausführungen“: von John Baez und auf scienceblogs.de. Schöne Texte über die Person Emmy Noether mit ein paar mehr Details und Zitaten einmal bei der NY Times und einmal auf Zeit Online.

Bild: By Unknown – Emmy Noether (1882-1935), Public Domain

KW 5/2013: zwei Prostituierte

Rosemarie Nitribitt, 1. Februar 1933

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So richtig meine Aufmerksamkeit gewonnen hat Rosemarie Nitribitt eigentlich durch eine skurrile, traurige Nachricht, die jetzt 6 Jahre zurückliegt: Damals war es eine Randnotiz im Radio (glaube ich), dass nach 50 Jahren, eingelegt in einem Glas im Kriminalmuseum Frankfurt, nun endlich der Kopf der Nitribitt dem Grab ihres restlichen Körpers auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof zugeführt wird. Ich fand das ein ziemliches Unding und es schien mir repräsentativ für die Verachtung bei gleichzeitiger maximaler Ausbeutung der Frau; dieser im Speziellen und der Frau an sich im Allgemeinen.

„Die Nitribitt“ kann wohl gelten als ein typisches Beispiel für das Ergebnis einer schwierigen Kindheit, mit der nicht ungewöhnlichen Richtungsgebung des sexuellen Missbrauchs in der Jugend, etwas, das manchmal nicht besonders liebevoll als damaged goods bezeichnet wird. Was mich an ihr allerdings beeindruckt, ist die Souveränität, die sie dem widersprechend an den Tag zu legen schien, das offensichtliche Wohlgefühl in ihrer (nackten) Haut, das auf den entsprechenden Bildern von ihr zu sehen ist (vielleicht ist es auch nur gespielt, aber selbst ihre nackten Posen sehen so lässig aus, das ich nicht an Aufgesetztheit glaube). Dazu passt auch die „Schamlosigkeit“, die sie mit ihrer aggressiven Freierwerbung zur Schau trug, und das generelle „Denkt doch, was ihr wollt“, als das ich ihre Wahl des Beförderungsmittels verstehe.

Dass ihr Leben dennoch nicht glamourös war und sie sich nach einer bürgerlichen Existenz sehnte, macht sie zwar zu einer traurigen Heldin, aber nicht weniger sympathisch.

Zum 50. Jahrestag des Leichenfundes in ihrer Frankfurter Wohnung schrieb Die Welt einen Rückblick. Ebenso erinnert sich ein Journalist der Süddeutschen an den Fall, mit Fotostrecke. Aus der Zeit noch vor der Auslieferung ihres Kopfes an ihre Begräbnisstätte stammt der Artikel auf Spiegel Online.

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Nell Gwyn, 2. Februar 1650
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Ein anderes, älteres Paradebeispiel für den Ratschlag If you’ve got it, flaunt it! ist pretty witty Nell. Eine der ersten weiblichen Schauspielerinnen, ebenso wie die Nitribitt wohl mit zu frühen und unfreiwilligen sexuellen Erfahrungen, aber ungebrochen und forsch.

Die Schauspielerei trat sie nur an in der Hoffnung, wohlhabendere Freier aufzutun als in der Kneipe, in der sie arbeitete; dabei stellte sich wohl heraus, dass sie durchaus auch dafür Talent hatte. Ihr Ziel hat sie allerdings nicht aus den Augen verloren und es zur beliebtesten und prominentesten Mätresse Karl des II. geschafft.

Was sie beim englischen Volk – und bei mir – so gut ankommen ließ und lässt, ist ihr Selbstverständnis. Sie blieb wohl Zeit ihres Lebens bodenständig, schätzte jeden Luxus als solchen – ohne sich daran als gegeben zu gewöhnen – und versuchte nicht, aus sich etwas „Besseres“ zu machen als eine Mätresse. Dass sie sehr wohl für ihren vom König gezeugten Sohn eine sichere Zukunft einklagte, verdeutlicht, dass es sich bei ihr nicht um Minderwertigkeitskomplexe oder Demut handelt, wenn sie sich selbst Hure nannte, sondern reinen Realismus.

Eine liebevolle Reiteration zu Nells Leben findet sich auf The Honest Courtesan (ein interessantes Blog, ganz allgemein).

Bild: Von Peter Lely, Gemeinfrei

Achso, beide Damen als Grenzgängerinnen zu sehen, das muss ich wohl nicht erklären. Prostitution ist ja üblicherweise das Gebiet, in dem sich Oberschicht und Unterwelt eine Grenze teilen…

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