Kategorie: Wissenschaft+Forschung

KW 51/2013: Margaret Mead, 16. Dezember 1901

Margaret Mead

Wiki deutsch Wiki englisch
Margaret Mead verdanken wir, dass über das Sozialverhalten von Männern und Frauen nicht mehr als biologische Gegebenheit, sondern als kulturell beeinflusstes Ergebnis der Gesellschaft gesprochen wird.

So scharf ihre Arbeit über das Sexualverhalten kritisiert wurde, so sehr wurde sie auch verteidigt – und so oder so führte allein der Gedanke, dass Frauen nicht per se monogam leben müssen, mit zur sexuellen Revolution. (Dass diese zunächst auch wiederum eher positiv bestärkend für die Männer verlief, sei hier nicht Thema. Immerhin können wir doch auf Basis der freien Liebe nun auch als Frauen über unseren sexuellen Genuss und alle Bereiche, die davon tangiert sind, sprechen.)

Die Kritik an ihrer Arbeit – unter anderem, dass sie bestimmte Ziele verfolgte, ihre Ergebnisse mithin schon formuliert waren, und sie zum Teil leichtgläubig und vorurteilsbehaftet forschte – sind durch zahlreiche Gegenkritiken inzwischen nicht mehr (wie der deutsche Wikipedia-Artikel den Anschein gibt) der letzte Stand der Frage. Meines Erachtens ist es jedenfalls wichtiger, Variationen zu akzeptieren und tolerieren, als genauestens zu wissen, ob sich Menschen aus biologischen oder kulturellen Gründen verhalten wie sie sich verhalten.

Bild: Von Smithsonian Institution from United States – Margaret Mead (1901-1978)Uploaded by Fæ, No restrictions

KW 49/2013: Ellen Swallow Richards, 2. Dezember 1842

Ellen Swallow Richards

Wiki deutsch Wiki englisch
Ellen Swallow Richards war die erste Frau, die am MIT studierte; auf ihre Initiative hin wurde das Women’s Laboratory gegründet, an dem Frauen wissenschaftliche Studien absolvieren konnten, bevor die Universität im Ganzen sich für das Frauenstudium öffnete.

Außerdem war sie die erste, die mit einer Prüfung der Wasserqualität der Gewässer in Massachusetts beauftragt wurde, und ihre Untersuchungen führten zur Einführung eines Wasserqualitäts-Standards.

Ein etwas extensiverer Beitrag zu ihr ist auf Chemheritage zu finden.

Bild: Gemeinfrei

KW 46/2013: Henriette Arendt, 11. November 1874

Wiki deutsch
Henriette Arendt gilt als erste deutsche Polizistin. Nach einer Ausbildung zur Krankenschwester und verschiedenen Tätigkeiten in dem Bereich wurde sie 1903 als Polizeiassistentin bei der Untersuchung aufgegriffener Frauen eingesetzt.

Sie geriet schon 5 Jahre später mit ihrer Behörde in Konflikt – aufgrund „mangelnder Loyalität“, woraus man schließen kann, dass die Interessen der Frauen und Kinder mehr im Auge hatte als den Vollzug des Gesetzes.
Sie war auch die Tante der Politik-Philosophin Hannah Arendt.

KW 43/2013: Annie Taylor, 24. Oktober 1838

Annie Taylor

Wiki deutsch Wiki englisch
Annie Taylor machte sich schlappe 20 Jahre jünger, als sie sich um die Aufmerksamkeit der Welt bemühte, indem sie als erster Mensch in einem Fass die Niagarafälle hinunterstürzte. Denn eine 43jährige ist einfach besseres Hype-Futter als eine krekele Oma von 63.

Nach einem turbulenten Leben als Ehefrau, texanische Witwe eines Bürgerkriegsgefallenen, Lehrerin und Tanzlehrerin hatte sie – mal wieder um den gehobenen Lebensstandard verlegen – die Eingebung, doch mal die Niagarafälle in einem Fass zu bereisen. Sie überlebte dies auch, allerdings um die Erfahrung und den Ratschlag für andere weiser, das solle niemand sonst mehr versuchen. Klar, marketingtechnisches Alleinstellungsmerkmal auch, aber sie hatte nicht unrecht…

19 Jahre nach ihr z.B. machte ein Engländer die gleiche Reise – allerdings vertäute er sich selbst mit dem Amboss, der für ein ausbalanciertes Treiben im Wasser sorgen sollte. Von ihm wurde nach dem Sturz nichts mehr als sein rechter Arm gefunden.

Bild: Von Unbekannt – Francis J. Petrie Photograph Collection, Gemeinfrei

KW 41/2013: Helene Deutsch, 9. Oktober 1884

Wiki deutsch Wiki englisch
Helene Deutsch war zunächst Patientin bei Freud, weil sie Konflikte in sich wahrnahm zwischen der Rolle der Frau und der Rolle der Mutter. In einem Geniestreich, den man zu diesen Zeiten nicht erwarten durfte, entließ Freud sie aus der Analyse, weil er keine Neurose feststellen konnte. (Will sagen: Völlig normal.)

Im Anschluss wurde sie seine Schülerin und Assistentin, die sich erstmals in der Psychoanalyse vornehmlich und ausschließlich mit der Psyche der Frau befasste. Nach ihrer Flucht in die USA aufgrund des Zweiten Weltkrieges/Dritten Reichs wurde sie eigenständige und erfolgreiche Psychoanalytikerin.

Während sie vom Feminismus wohl eher mit Missfallen betrachtet wurde, weil sie sich unweigerlich aus der patriarchalisch-chauvinistischen Gedankenwelt Freuds entwickelte, ist doch nicht zu vergessen, dass sie sich als erste Frau allein und mit einer gewissen Innenkenntnis mit den Besonderheiten der weiblichen Psyche, insbesondere der mütterlichen, befasste. Überhaupt anzuerkennen, dass Frauen nicht per se durch Schwangerschaft und Geburt in einen quasi-animalischen Mutter-Zustand verfallen (den es im Tierreich ja auch nicht wirklich gibt) und in der Erwartung an die elterliche wie ehefrauliche Pflicht kein Dilemma, sondern reines Glück empfinden, ist doch schon ein großer Schritt, für Anfang des 20. Jahrhundert.

be natural

über upworthy komme ich gerade auf ein kickstarter-projekt, das genau meine kragenweite hat: ein dokumentarfilm über Alice Guy-Blaché, die frau, die die damals brandneue technologie des kinos zum ersten mal narrativ nutzte. durch viele verschiedene umstände ist sie in der geschichte vergessen gegangen. dieser dokumentarfilm will das ändern, deshalb unterstütze ich ihn.
tut es mir gleich!!!

das wort mächtiger

auf Zeit Online unterhalten sich die rapperin Sookee und der rapper Megaloh über die macht der sprache und die ohnmacht der gesellschaft. tollster satz von Sookee: „ich fände es auch super, keine feministin sein zu müssen.“
erstaunlich dann, dass der mann davon spricht, dass hiphop für ihn emanzipation bedeutete – als schwarzer (seine eigene wortwahl) fand er in der kultur raum, sich gleichberechtigt bewegen zu können. dass dies in vielen, wenn nicht den meisten gesellschaftlichen räumen für frauen nicht der fall ist, dafür fehlt ihm zugegebenermaßen die erfahrung am eigenen leib. seine einschätzung, dass es mehr an filmen und computerspielen liegt, was „mit der jugend heute los ist“, spiegelt ebenfalls ein verkürztes denken – filme und computerspiele sind am ach so schlimmen niedergang der jugend ebenso sehr oder ebenso wenig schuld wie seine oder irgendeine andere musik. inzwischen sollte es doch durchgedrungen sein, dass kein unschuldiges kind auf einen film, ein computerspiel oder einen hiphop-song trifft und danach amok läuft oder zum gangsta wird. jedoch: das perpetuieren von vorgefunden strukturen in den medien, das ist ein problem, weshalb es die verantwortung von medien ist, verantwortungsvoll mit dem vorgefundenen umzugehen. hieße in diesem fall: zu erkennen, was für männlichkeits- und weiblichkeitsbilder bei der jugend vorherrschen und die engen rahmen mit ihren texten aufzubrechen. als vorbilder zu zeigen, dass es eben nicht so sein muss, nicht immer und nicht unter sanktionen. wenn Megaloh dann sagt: „bestimmte verhaltensweisen muss man lernen, wenn man mitspielen will“, frage ich mich, wie man da von emanzipation, egal wovon, sprechen kann. ist echte emanzipation, echte autarkie nicht, solche arbiträren regeln wie die gangsta-bitch/ho-polarität zu unterwandern, zu brechen und dem spiel neue regeln zu geben?!
in Sookees beschreibung ihrer jugend und rollenfindung als frau in einer männlich dominierten welt finde ich mich dann wieder – die ablehnung von „weiblichen“ attributen, das erst allmähliche zurückfinden zur stärke, die im vertrauen auf die eigenen gefühle und auch im äußern der eigenen befindlichkeit liegt. das interessante: dass beide rapper in ihrer vergangenheit bedauern, frauen/mädchen nicht gut behandelt zu haben. da liegt eben das problem, das maskulinisten nicht erkennen: dass es den feminismus gibt, weil egal wer diskriminiert in der männer/frauen-frage, die leidtragenden sind bisher hauptsächlich die frauen gewesen. mädchen sein ist schlechter als junge sein. es geht nicht darum, die lage umzukehren, sondern die unterschiede auszugleichen. und die geschirre, die beiden geschlechtern durch weitergetragene klischees angelegt werden, zu durchtrennen – Sookee bringt es auf den punkt:

Es geht um Einsichten. Ich wünsche mir, dass Männer in den Momenten, in denen sie realisieren, wie anstrengend es ist, ständig ihr Geschlecht zu performen, checken, wie Frauen sich fühlen. Und umgekehrt. Von mir aus soll es auch diese krassen Muskelmännlichkeiten geben, nur nicht in der Ausschließlichkeit. Es geht also nicht darum, Männlichkeit als Ganzes zu verwerfen, sondern die Dominanz einer bestimmten vorherrschenden Form von Männlichkeit ein bisschen aufzubrechen.

im weiteren spricht sie sich für eine frauenquote aus, deren notwendigkeit Megaloh mit einem verzeihlichen fehlschluss in frage stellt: qualität setze sich seiner erfahrung nach durch. wie ich an anderer stelle auch schon mal schrieb, geht es bei einer frauenquote nicht darum, unbefähigte menschen allein wegen ihres geschlechtes zu (be-)fördern. sondern befähigte menschen zu fördern, die aufgrund ihres geschlechtes sonst keine chance bekommen – das ist die krux! die argumentation, wie Megaloh sie führt, geht fälschlicherweise davon aus, dass es keinen unterschied in den chancen für männer und frauen gibt. vielleicht meinen menschen wie er, weil es im gesetzbuch steht, ist es bereits realität. tatsächlich ist die benachteiligung von frauen vielseitiger, subtiler und nachhaltiger, als dass man sie umfassend erklären könnte. man kann nur bei jedem puzzlestück, das einem selbst begegnet, darauf hinweisen.
Sookee kontert seine plattitüde im übrigen effektiv. der rest ist das übliche „die jugend von heute retten“-theorisieren.

KW 31/2013: Else Hirsch, 29. Juli 1889

Wiki deutsch Wiki englisch
Bevor die aus dem Inneren und zu Vernichtungszwecken organisierten Deportation von Juden in Deutschland begann, hatte das nationalsozialistische Regime bereits jahrelang mit unterschiedlichen Mitteln die Judenfeindlichkeit im Land geschürt und die Entmenschlichung einer ganzen Bevölkerungsgruppe vorbereitet. Da der vollständigen Entfernung der Juden aus dem Deutschen Reich aber lange auch noch ökonomische Interessen entgegenstanden – Juden machten einen guten Teil der deutschen Wirtschaftskraft aus – und die räumlichen und logistischen Gegebenheiten auch erst geschaffen werden mussten, beschränkte sich die Verfolgung zunächst auf das Unerträglich-Machen der Lebensumstände, mit gleichzeitiger Unterstützung der von den Juden selbst gewählten Auswanderung.

Selbstverständlich war auch damals die massenhafte Auswanderung kein Leichtes. In der dunklen Ahnung, die sich nach der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 zu einer unleugbaren Sicherheit verfestigte, begannen in den späten 30er Jahren die Versuche, zumindest die Kinder in Sicherheit zu bringen. Else Hirsch zeichnete hierfür in Bochum besonders verantwortlich. Als jüdische Lehrerin an einer jüdischen Schule war sie zu diesem Zeitpunkt quasi arbeitslos bzw. arbeitsunfähig gemacht worden. In unablässiger Tätigkeit setzte sie Dokumente auf, verhandelte mit den Behörden und organisierte die Reisen von Bochum nach Holland oder über den Hoek van Holland nach England.

Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges konnten so dank der Erleichterung des Dritten Reiches um die „Sorge“ um den jüdischen Nachwuchs zahlreiche Kinder zumindest vor dem Tod in Konzentrationslagern gerettet werden. Dass ihr Schicksal – sowohl durch die traumatische, oftmals endgültige Trennung von den Eltern, dem nicht immer erfolgreichen Einleben in der Fremde wie auch durch die bald in Feindseligkeit umschlagende Stimmung im Empfängerland gegen die Deutschen – kein ungetrübt glückliches war, blieb in der Aufarbeitung der Shoah im Schatten.

Nichtsdestotrotz: Leben wurden gerettet, von Männern und Frauen wie Else Hirsch.

Der Gedanke an diese Kindertransporte berührt mich jedes Mal zutiefst. Als Mutter eines Kleinkindes erschüttert mich die Vorstellung, eine solche Entscheidung treffen zu müssen: Mein geliebtes Kind quasi schutzlos in die Fremde schicken zu müssen, mit der Wahrscheinlichkeit, es nie wieder zu sehen – mit der dünnen Hoffnung, lange genug am Leben zu bleiben, dass in ungewisser Zukunft eine Wiedervereinigung stattfinden könnte. Mein Kind für immer wegzugeben, damit es eine Chance auf Überleben hat, die ich selbst nicht habe. Was für ein Schmerz.

Bild: By Marrante – Own work, Public Domain

WEG MIT
§218!