Schlagwort: osmanisches reich

25/2020: Muazzez İlmiye Çığ, 20. Juni 1914

Die Eltern von Muazzez İlmiye Çığ stammten beide aus Familien von Krimtataren, die in die Türkei ausgewandert waren; die Familie ihres Vaters lebte in Merzifon, die ihrer Mutter in Bursa, wo auch Muazzez İlmiye zur Welt kam. Einige Wochen nach ihrer Geburt begann der Erste Weltkrieg, und als das Osmanische Reich an dessen Ende aufgeteilt wurde und griechische Truppen einmarschierten, flohen Muazzez‘ Eltern mit ihr zunächst nach Izmir, später nach Çorum.

Nachdem sie dort die Grundschule abgeschlossen hatte, bestand sie mit 12 Jahren die Aufnahmeprüfung einer Schule für angehende Lehrerinnen in Bursa; nach fünf Jahren machte sie dort ihren Abschluss. Danach erhielt sie eine Anstellung als Lehrerin in Eskişehir, wo auch ihr Vater arbeitete, später kehrte sie nach Bursa zurück.

Im Rahmen seiner Reformen hatte Mustafa Kemal Atatürk an der Universtiät Ankara eine Fakultät für Sprache, Geschichte und Geografie (der Türkei?) gegründet, an der ausdrücklich auch weibliche Studentinnen erwünscht waren. İlmiye bewarb sich 1938 und wurde für den Studiengang der Altertumswissenschaft angenommen. Ihre Professoren in diesem Fachbereich waren unter anderem Hans Gustav Güterbock und Benno Landsberger, beides deutsche Juden, die vor dem Faschismus in die Türkei geflohen waren. Neben Sumerologie studierte Muazzez İlmiye auch Hethitologie und Deutsch, das Studium schloss sie 1940 ab. Im gleichen Jahr heiratete sie Kemal Çığ, den Direktor des Topkapi Museums in Istanbul, wo Muazzez İlmiye Çığ am Archäologischen Museum eine Aufgabe für die weiteren Jahrzehnte fand. 75.000 sumerische Tontafeln in Keilschrift lagerten in den Beständen des Museums, bis dahin noch nicht übersetzt oder eingeordnet. Gemeinsam mit Samuel Noah Kramer restaurierte und übersetzte sie die Tontafeln und veröffentlichte die Ergebnisse. Im Laufe der Jahre wurde dank ihrer Arbeit das Museum zu einem Lehrzentrum für die Sprachen des Nahen Ostens.

Mit 92 Jahren erlangte die Sumerologin weltweite Öffentlichkeit, nachdem sie in ihrem Buch ‚Fruchtbarkeitskulte und Heilige Prostitution‘ (Bereket Kültü ve Mabet Fahişeliği/Cult of Fertility and Holy Prostitution) die These aufgestellt hatte, dass das Kopftuch im Islam – oft als Zeichen von Keuschheit und Züchtigkeit gewertet – möglicherweise auf den Kopfschmuck sumerischer Tempelhuren zurückginge (deren Existenz inzwischen allerdings grundsätzlich angezweifelt wird). Sie wurde daraufhin der Beleidigung des Islam angeklagt, jedoch freigesprochen, was internationale Beachtung fand.

In diesem Interview vom 13. Mai 2020 erscheint die inzwischen 106-jährige noch sehr kregel, leider ist es nur in türkischer Sprache ohne deutsche Untertitel verfügbar.

TEDxtalks: Gespräch mit Muazzez İlmiye Çığ im Mai 2020

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Ebenfalls diese Woche

16. Juni 1902: Barbara McClintock
Die amerikanische Zytogenetikerin entdeckte die „springenden Gene“ im Mais und gewann dafür als dritte Frau – nach dreimaliger Nominierung – endlich 1983 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin.

20. Juni 1919: Isabella Abbott (Link Englisch)
Als erste Kanaka Maoli mit einem Doktortitel in Naturwissenschaft wurde die Ethnobotanikerin eine Expertin für die Algen im Pazifik.

21. Juni 1927: Ye Shuhua (Link Englisch)
In den 1960er Jahren gelang der chinesischen Astronomin eine der präzisesten Messung der Universal Time.

KW 21/2016: Mary Wortley Montagu, 26. Mai 1689

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Neben einer regen schriftstellerischen Tätigkeit, unter anderem mit Berichten aus den Frauenräumen des Osmanischen Reiches als Ehefrau des englischen Botschafter in Istanbul, als Lyrikerin und Verfasserin politischer Texte, war Mary Wortley Montagu eine Pionierin des medizinischen Fortschritts. Nachdem sie ihren Bruder an die Pocken verloren  und selbst eine Erkrankung mit deutlichen kosmetischen Schäden überlebt hatte, brachte sie aus dem Osmanischen Reich die Variolation (Inoculation) mit: das gezielte Infizieren durch die Erreger eines milden Falles der Pocken. Sie ließ dies nicht nur bei ihren beiden eigenen Kindern durchführen, nachdem sie die Erfolge der Osmanen damit gesehen hatte, sondern brachte auch den englischen König George I. und dessen Tochter Caroline dazu, ihre Kinder bzw. dessen Enkel so gegen die Pocken zu immunisieren – selbstverständlich erst, nachdem die Variolation zunächst an zum Tode verurteilten Verbrechern getestet wurde. Diese waren danach nicht nur gegen die Pocken immun, sondern auch wieder auf freiem Fuß. Die Variolation blieb für etwas 50 Jahre die Methode der Wahl für die Immunisiserung, bis die Impfung, wie wir sie heute kennen, entwickelt wurde.

Zu Mary Wortley Montagus literarischer Arbeit ist noch zu sagen, dass sie, wohl zu Recht, über die bisherigen Reiseberichte aus dem Orient recht gehässig sprach – dass dort Männer ihre Fantasien auslebten, weil sie schlicht nicht wüssten, was in den ihnen unzugänglichen Orten wirklich vorging. Es zirkulierten über die Frauenbadehäuser selbstverständlich Gerüchte und Vorstellungen davon, dass in diesen reinen Frauen-Räumen sexuelle Ausschweifung und Freizügigkeit herrschte – weil Frauen allein gelassen untereinander natürlich nichts als Sex im Kopf haben können. Lady Montagu rückte das Bild mit ihren eigenen Erfahrungsberichten gerade: dass dort schlicht das soziale Leben stattfand, ohne die störenden Einflüsse der Männer. Trotzdem fanden vor allem ihre Beschreibungen der orientalischen weiblichen Körper Beachtung und wurden wiederum für die Auswertung in erotischen künstlerischen Darstellungen verwendet.

Bild: By Charles Jervas – The Yorck Project (2002) 10.000 Meisterwerke der Malerei (DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH. ISBN: 3936122202., Public Domain

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Von 102 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 4 (inklusive Mary Wortley Montagu) Frauen:
29.5.1627 Anne Marie Louise d’Orléans
27.5.1653 Liselotte von der Pfalz
25.5.1775 Charlotte Joachime von Spanien

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