Tag: 23. Mai 2012

zirneklis

vasili mass, lettland 1991
ich habe mal das gerücht gehört, dass nach freud arachnophobie bei frauen so weit verbreitet und ausgeprägt ist, weil spinnen ihnen in die vagina krabbeln könnten.
erstens bin ich sicher, dass freud sich gegen dieses gerücht ziemlich zur wehr setzen würde, wenn er könnte.
zweitens ist diese sorge bei zirneklis völlig unbegründet, weil die spinne hier so groß ist, dass es nur ihr – in diesem falle: sein penis ist, der der protagonistin in die vagina eher schlängelt als krabbelt.
ja, wir kommen in den zweifelhaften genuss einer sexszene zwischen einer frau und einer übermannsgroßen spinne. wer geglaubt hat, er hätte alles gesehen…
leider ist mir die genaue handlung aufgrund russischer tonfassung ohne untertitel großenteils unerschlossen geblieben und ich bin aufgrund kind wacht um 5:45 morgens auf zum ende hin eingeschlafen. von dem, was ich sah, muss ich auf eine diabolische manifestation als einem schmeerlappen von maler (mit zopf und lederblouson), der sich wiederum in eine spinne verwandeln kann, schließen, der eine zugegebenermaßen ausgesprochen hübsche lettische jungfrau zum opfer fällt. außer der tendenz zu durchsichtigen weißen klamotten und der anfälligkeit für visionen kann ich jedoch über diese lettin nichts wirklich sagen. aber der wein in lettland, der muss es in sich haben.
mein mann hat eine ausführlicher formulierte, allgemeinere ansicht zu dem film geäußert.

il portiere di notte

liliana cavani, italien 1974
was für ein unglaublich guter, spannungsreicher film. wie schon von meinem mann aufschlussreich erörtert, wirft er einen unverhohlenen blick auf den zusammenhang zwischen dem dritten reich und repressiver sexualität; dass die darstellung einer sado-masochistischen beziehung eines ausführenden nazis zu einer internierten von manchem als geschmacklos empfunden werden mag, ist durchaus nachvollziehbar.
wenn man sich jedoch sachlich von der empörung distanzieren kann und als gesetzt annimmt, dass die opfer der naziverfolgung mit sicherheit keinen genuss an ihrer situation empfanden, andererseits aber unmenschliche verhältnisse ihre auswirkungen auf opfer und täter haben, kann man vor allem in der figur der lucia – zumindest im rahmen des einverständlichen machtgefälles einer dominant-submissiven beziehung – einiges über die macht des opfers und das ausgeliefert-sein des täters erkennen.
lucia erscheint uns in den ersten szenen – ganz natürlich – als verschrockenes reh, das ihrem ehemaligen peiniger wieder gegenübersteht, und wir lassen uns von ihrer zerbrechlichkeit und unwilligkeit, wien zu verlassen, dazu verführen zu glauben, sie wolle sich an max rächen. diese erwartung an die missbrauchte frau wird jedoch jäh enttäuscht in der szene, in der max sie auf ihrem zimmer aufsucht und sich die vorherigen begegnungen als verführerisches katz-und-maus-spiel entpuppen.
lucias erwachende sexualität wurde von max auf die wechselbäder der anbetung und degradierung geprägt, auf die verquere und doch schlüssige abfolge der fürsorglichen überhöhung und umso lustvollerer erniedrigung. sie gibt sich nun ohne zwang wieder in diese beziehung und im laufe des films, besonders in ihrer hocherotischen gesangseinlage, wird klar, dass dies nicht nur daran liegt, dass sie es so gelernt hat. sie begibt sich in die rolle des opfers zurück, weil sie sich ebenso wie max an ihrer macht berauscht: an der macht des opfers. ohne sie ist max nur der seine scham im dunkeln versteckende nachportier. mit ihr und nur mit ihr kann er die seiten seiner selbst ausleben, für die er sich schämt, von denen er jedoch auch weiß, dass er sie weder leugnen noch weg-rationalisieren kann.
im weiteren verlauf des films sehen wir lucia als raubkatze, die sich nicht festketten lässt, jedoch bleibt, wenn sie jederzeit gehen kann. als willensstarke liebhaberin, als launische gespielin. vor allem aber als verführerische fetischfigur in männerhosen mit hosenträgern über den nackten brüsten, lederhandschuhen und nazi-insignien, die in bester marlene-manier singt: „wenn ich gar zu glücklich wär‘, hätt‘ ich heimweh nach dem traurigsein“. man spürt, dass die männer im raum wohl ihre phallussymbole beherrschen mögen, lucia jedoch beherrscht die phalli.
es ist das bittersüße der genussvollen hingebung, die die absolute kontrolle über den anderen beinhaltet, die diese frau echt und eine identifikation möglich macht. von der voyeuristischen schalheit der sexploitation weit entfernt, ist es liliana cavani gelungen, opfer und täter in ihren rollen zu beleuchten, zu spiegeln und ihnen dabei ihre würde zu lassen.
unbedingt unvoreingenommen anschauen! die zärtlich-tragischen letzten minuten allein sind es wert.